Hel­muth Kie­sel: Schrei­ben in fin­ste­ren Zei­ten

Helmuth Kiesel: Schreiben in finsteren Zeiten
Hel­muth Kie­sel:
Schrei­ben in fin­ste­ren Zei­ten

Schrei­ben in fin­ste­ren Zei­ten von Hel­muth Kie­sel ist Band XI der Ge­schich­te der deut­schen Li­te­ra­tur von den An­fän­gen bis zur Ge­gen­wart. Er schließt die Lücke zwi­schen Band X, der 2017 eben­falls von Kie­sel ver­fass­ten Ge­schich­te der deutsch­spra­chi­gen Li­te­ra­tur 1918 – 1933 und dem be­reits 2006 er­schie­ne­nen Band XII über die »deut­sche Li­te­ra­tur« nach 1945.

Es ist ei­ne Her­ku­les-Auf­ga­be, der sich Hel­muth Kie­sel un­ter­zo­gen hat und wenn man ehr­lich ist, dann kann man sich nie­mand an­de­ren vor­stel­len, der dies hät­te der­art groß­ar­tig be­wäl­ti­gen kön­nen. Um den Le­se­fluss nicht zu hem­men, ver­zich­tet Kie­sel voll­stän­dig auf Fuß- oder End­no­ten und ver­packt bi­blio­gra­phi­sche De­tails im Text. Das gilt auch für die den je­wei­li­gen Ka­pi­teln vor­an­ge­stell­ten bis­her er­schie­ne­nen Auf­sät­ze, Zu­sam­men­stel­lun­gen und Mo­no­gra­phien zu Teil­aspek­ten ei­nes The­mas. Im An­hang gibt es ne­ben ei­ner Aus­wahl­bi­blio­gra­phie ein de­tail­lier­tes Per­so­nen- und Sach­re­gi­ster. Be­son­ders de­tail­rei­che Aus­füh­run­gen zu Wer­ken, Prot­ago­ni­sten oder The­sen wer­den in klei­ne­rer Schrift ab­ge­druckt. Es ist mög­lich, die­se Stel­len zu über­sprin­gen, oh­ne den Zu­sam­men­hang zu ver­lie­ren. Ich ra­te da­von ab; was Hel­muth Kie­sel zu sa­gen hat, ist durch­weg fun­diert und in­ter­es­sant.

Im­mer wie­der wird Be­zug ge­nom­men auf Band X, der die 14jährige »Blü­te­zeit« der deut­schen Li­te­ra­tur um­fasst, um das Aus­maß des »ter­ro­ri­stisch durch­ge­setz­ten Bruchs mit der kul­tu­rel­len Tra­di­ti­on«, die sich mit dem 30. Ja­nu­ar 1933 zeig­te, deut­lich zu ma­chen. Kurz wird dis­ku­tiert, ob man von »Macht­er­grei­fung« oder, neu­tra­ler, »Macht­über­nah­me« re­den soll­te. Kie­sel ver­wen­det dann fast durch­gän­gig »Macht­er­grei­fung«.

Exil ge­gen bin­nen­deutsch

Kie­sel er­klärt, dass die um­fang­rei­che Gen­re- und Un­ter­hal­tungs­li­te­ra­tur nicht in die­se Epo­chen­be­trach­tung auf­ge­nom­men wur­de (ge­le­gent­lich zei­gen sich al­ler­dings Grenz­fäl­le). Der Fo­kus liegt auf »dich­te­risch her­aus­ra­gen­de und zeit­ge­schicht­lich auf­schluß­rei­che Li­te­ra­tur.« Ge­klärt wird der Un­ter­schied zwi­schen »deut­scher« und »deutsch­spra­chi­ger« Li­te­ra­tur und klar­ge­stellt, dass die im Exil ent­stan­de­ne Li­te­ra­tur selbst­ver­ständ­lich in die­se Be­trach­tung ein­be­zo­gen wer­den muss, weil sie ei­ne »Spiel­art« der deut­schen Li­te­ra­tur dar­stellt und die »po­li­ti­sche und ge­sell­schaft­li­che Ent­wick­lung Deutsch­lands nach 1933« als Haupt­the­ma hat­te. Die Exil­li­te­ra­tur trat an, »(1.) [zu] zei­gen, wo­zu das freie Deutsch­land kul­tu­rell fä­hig ist; (2.) die Wahr­heit über das na­tio­nal­so­zia­li­sti­sche Deutsch­land ver­brei­ten; (3.) den Kampf ge­gen Hit­ler un­ter­stüt­zen.« Letz­te­res war be­son­ders wich­tig für die kom­mu­ni­sti­schen Au­toren, die un­ter Le­bens­ge­fahr ver­such­ten, ih­re Li­te­ra­tur, aber auch Flug­blät­ter und Auf­ru­fe im Reich zu ver­brei­ten, um auf­klä­re­risch zu wir­ken. Die deutsch(sprachig)e Li­te­ra­tur aus dem Exil war min­de­stens zu Be­ginn sehr stark po­li­tisch grun­diert.

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Mi­cha­el Krü­ger: Un­ter Dich­tern

Michael Krüger: Unter Dichtern
Mi­cha­el Krü­ger: Un­ter Dich­tern

2023 pu­bli­zier­te der Dich­ter, Über­set­zer, Dich­ter, Her­aus­ge­ber und ehe­ma­li­ge Ge­schäfts­füh­rer des Han­ser-Ver­lags Mi­cha­el Krü­ger mit Ver­ab­re­dung mit Dich­tern bis­wei­len lau­ni­ge und sehr per­so­nen­dich­te Le­bens- und Ver­le­ger-Er­in­ne­run­gen. 1943 in ei­nem klei­nen Dorf in Sach­sen-An­halt ge­bo­ren, mach­te Krü­ger in den 1960er Jah­ren nach sei­ner Leh­re als Ver­lags­kauf­mann in Lon­don er­ste Schrit­te in die Li­te­ra­tur­welt, wur­de zu­nächst Lek­tor im Han­ser-Ver­lag, den er schließ­lich seit Mit­te der 1980er Jah­re bis 2013 fe­der­füh­rend lei­te­te. Ne­ben sei­nen au­to­bio­gra­fi­schen Er­in­ne­run­gen ent­wickel­te Krü­ger kennt­nis­rei­che Aus­flü­ge un­ter an­de­rem in die eng­lisch­spra­chi­ge, pol­ni­sche, ita­lie­ni­sche und he­bräi­sche Poe­sie. Zwei Jah­re spä­ter wid­met er sich nun mit Un­ter Dich­tern schwer­punkt­mä­ssig den deutsch(sprachig)en Poe­ten und legt ein Pot­pour­ri aus Lob- und Ge­burts­tags­re­den, Nach­wor­ten, Lau­da­tio­nen, Preis­re­den und vor al­lem sei­nen fun­kelnd-ein­fühl­sa­men, see­len­ma­le­ri­schen Nach­ru­fen aus mehr als vier­zig Jah­ren vor.

Un­ter Dich­tern be­ginnt dem Hin­weis auf die 1983 ent­stan­de­ne Er­zäh­lung En­zy­klo­pä­die der To­ten des ju­go­sla­wi­schen Schrift­stel­lers Da­ni­lo Kiš, in der Ar­chi­va­re die Bio­gra­phien al­ler Men­schen ge­sam­melt ha­ben. Krü­gers Re­kurs auf die Furcht, die Dich­ter könn­ten in Ver­ges­sen­heit ge­ra­ten, stimmt me­lan­cho­lisch, denn er hört nicht auf, dar­auf hin­zu­wei­sen, wie rand­stän­dig und gleich­zei­tig not­wen­dig sie und de­ren Poe­sie sind. Die Sor­ge geht da­hin, dass die klei­nen Ge­dicht­bän­de ne­ben den Kon­vo­lu­ten der mäch­ti­gen, kom­mer­zi­ell for­cier­ten Ro­ma­ne un­ter­ge­hen könn­ten. Krü­ger be­spricht, lobt und fei­ert das Ge­dicht, das Po­em und da­mit den Dich­ter und wenn es ir­gend­wie geht, ver­mei­det er den Gat­tungs­be­griff Ly­rik, wis­send, dass vie­le Dich­ter ihn als un­zu­rei­chend emp­fin­den.

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Neue Er­zäh­lung

Es ist ge­schafft! Spät, aber (hof­fent­lich) nicht zu spät er­scheint mei­ne neue Er­zäh­lung Lie­be­vol­le Gleich­gül­tig­keit.

Und weil es da­zu ge­hört, ist auch Grin­del­wald von 2014 (in ei­ner leicht an­ge­pass­ten Ver­si­on) da­bei.

Lothar Struck: Grindelwald & Liebevolle Gleichgültigkeit
Lo­thar Struck: Grin­del­wald &
Lie­be­vol­le Gleich­gül­tig­keit

Das Buch ist über den Mi­ra­bi­lis-Ver­lag oder bei Ama­zon so­fort be­zieh­bar.

Dank an Bar­ba­ra Mi­k­law für ih­re Ge­duld.

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Isol­de Ohl­baum: Pe­ter Hand­ke – Ein Lang­zeit­por­trait 1975–2024 mit 150 Pho­to­gra­phien

2011 er­schien im Müry Salz­mann Ver­lag ein Pho­to­band der be­son­de­ren Art: Lil­li­an Birn­baum por­trai­tier­te den Dich­ter Pe­ter Hand­ke »in sei­ner Ab­we­sen­heit«. Birn­baum er­zähl­te im klei­nen Vor­wort von der Qual, die Hand­ke er­fasst, pho­to­gra­phiert zu wer­den, und dach­te, »es wä­re doch sinn­vol­ler, ein Bild sei­nes Gar­tens zu zei­gen, oder der Fe­dern auf dem Kü­chen­tisch« oder all der ge­heim­nis­vol­len »In­stal­la­tio­nen« sei­en sie nun er­rich­tet oder zu­fäl­lig. Und so zeig­te die­ser be­mer­kens­wer­te Band kein ein­zi­ges Mal den Dich­ter – bis auf ei­ne Aus­nah­me, als die Hän­de zu se­hen wa­ren, die Pil­ze zu­be­rei­te­ten. Der Le­ser wird zum Schau-Lu­sti­gen, sieht Mahl­zei­ten, Obst und Nüs­se, Nähu­ten­si­li­en, Blei­stift­stum­mel, Bü­cher, Ma­nu­skript­sei­ten, ei­ne ara­bi­sche Zei­tung, Trep­pen­stu­fen, auf de­nen links und rechts Bü­cher lie­gen, Laub­hau­fen, ei­nen Gar­ten­stuhl mit Sak­ko, ein Ses­sel oder das le­gen­dä­re Obst­bau­buch sei­nes On­kel Gre­gor.

Isolde Ohlbaum: Peter Handke - Ein Langzeitportrait 1975 - 2024 mit 150 Photographien - © 2025 Isolde Ohlbaum
Isol­de Ohl­baum: Pe­ter Hand­ke – Ein Lang­zeit­por­trait 1975 – 2024 mit 150 Pho­to­gra­phien – © 2025 Isol­de Ohl­baum

Und nun legt Isol­de Ohl­baum ein »Lang­zeit­por­trait« über Pe­ter Hand­ke in 150 Pho­to­gra­phien vor (plus zwei Auf­nah­men, die nicht von ihr sind). Sie um­fas­sen den Zeit­raum von 1975 bis 2024 und zei­gen den Dich­ter auf di­ver­sen »Preis-Fe­sten und dem Drum­her­um« (Frank Wier­ke im Vor­wort). Es sind zu­nächst die Fe­ste des ab 1975 bis 1995 jähr­lich in un­ter­schied­li­chen, meist süd­eu­ro­päi­schen Re­gio­nen statt­fin­den­den Pe­trar­ca-Prei­ses. Hand­ke saß hier in der Ju­ry.

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Mar­tin Prinz: Die letz­ten Ta­ge

Martin Prinz: Die letzten Tage
Mar­tin Prinz: Die letz­ten Ta­ge

Seit ei­ni­gen Jah­ren fei­ert das do­ku­fik­tio­na­le Schrei­ben ei­ne Re­nais­sance. Schrie­ben einst Wil­liam Shake­speare oder Fried­rich Schil­ler ih­re Dra­men an­ge­lehnt an hi­sto­ri­sche Er­eig­nis­se, die meist zeit­lich weit zu­rück la­gen, so konn­te man in der letz­ten Zeit ver­mehrt bio­gra­fisch an­ge­leg­te Ro­ma­ne et­wa über die Na­tur­wis­sen­schaft­ler Karl-Fried­rich Gauß und Alex­an­der Hum­boldt, den Sin­ti-Bo­xer Jo­hann Ru­ke­lie Troll­mann, den Hell­se­her Ra­fa­el Scher­mann, die RAF-Ter­ro­ri­stin Gud­run Ens­slin, den Aus­stei­ger Au­gust Karl En­gel­hardt, den Film­re­gis­seur Ge­org Wil­helm Pa­bst oder den Re­li­gi­ons­pre­di­ger Pe­ter Ben­der le­sen (um nur ei­ni­ge zu nen­nen). Hier wer­den die Le­bens­ge­schich­ten mehr oder we­ni­ger be­kann­ter, hi­sto­ri­scher Per­so­nen (nach)erzählt. Dich­te­ri­sche Frei­hei­ten sind da­bei vor­pro­gram­miert, wie man bei­spiels­wei­se an Da­ni­el Kehl­manns Ver­mes­sung der Welt und Licht­spiel se­hen kann. Hier wird of­fen­siv mit fik­ti­ven Ele­men­ten ge­spielt, wo­bei das Bio­gra­fi­sche sei­ner Prot­ago­ni­sten nur als Ge­rüst dient. Meist wird je­doch in Do­ku­fik­tio­nen sug­ge­riert, dass das sich Ge­schil­der­te so (oder so ähn­lich) er­eig­net hat. Um sich nicht in die dro­hen­de Au­then­ti­zi­täts­fal­le zu be­ge­ben, gibt es Bü­cher, in de­nen die Na­men der rea­len Per­so­nen ver­frem­det wur­den, was nar­ra­ti­ve Spiel­räu­me für den Au­tor er­öff­net.

Do­ku­fik­tio­na­le Tex­te sind in mehr­fa­cher Hin­sicht de­li­kat, wie man bei­spiels­wei­se an Stel­la von Ta­kis Wür­ger zei­gen kann. Wür­ger schreibt im jour­na­li­sti­schen Kol­por­ta­ge­stil die Ge­schich­te der Jü­din Stel­la Gold­schlag, die im Zwei­ten Welt­krieg an­de­re Ju­den an die Na­zis ver­riet. Wäh­rend die Li­te­ra­tur­kri­tik das Buch über­wie­gend äs­the­tisch miss­lun­gen fand, avan­cier­te es zum Best­sel­ler, was ein­zel­ne Buch­händ­ler ver­an­lass­te, die Kri­ti­ker zu kri­ti­sie­ren. Die größ­te Pro­ble­ma­tik des Au­tors, der Au­torin, be­steht dar­in, nicht über­lie­fer­te Ein­zel­hei­ten, bei­spiels­wei­se Dia­lo­ge oder die Schil­de­rung von (wo­mög­lich rich­tungs­wei­sen­den) si­tua­ti­ven Be­find­lich­kei­ten, er­fin­den zu müs­sen, um die Ge­schich­te fort­zu­schrei­ben. Hier flie­ßen häu­fig Wer­tun­gen un­mit­tel­bar ein. Der Le­ser kann am En­de nur schwer un­ter­schei­den, wel­che Stel­len des Tex­tes re­al und wel­che fik­tio­na­li­siert sind. Bis­wei­len wird ver­sucht, Über­lie­fe­rung und Fik­ti­on durch die Än­de­rung des Schrift­bilds zu kenn­zeich­nen. Ge­ne­rell be­steht die Ge­fahr, dass das Bild ei­ner hi­sto­ri­schen Fi­gur durch ei­nen do­ku­fik­tio­na­len Text rich­tungs­wei­send ka­no­ni­siert wird.

* * *

Mit die­sen Vor­be­hal­ten mach­te ich mich an die Lek­tü­re von Die letz­ten Ta­ge von Mar­tin Prinz. Der Au­tor ließ mir Mit­te Fe­bru­ar das Buch über den Ver­lag zu­kom­men. Un­mit­tel­bar dar­auf be­gan­nen vor al­lem in den öster­rei­chi­schen Me­di­en die hym­ni­schen Be­spre­chun­gen, die ich nur ge­teasert zur Kennt­nis ge­nom­men hat­te. End­lich fand ich jetzt Mu­ße, den (ver­meint­li­chen) Ro­man zu le­sen.

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Da­vid Sza­lay: Was nicht ge­sagt wer­den kann

David Szalay: Was nicht gesagt werden kann
Da­vid Sza­lay: Was nicht ge­sagt wer­den kann

Ist­ván ist 15 und zieht ir­gend­wann Mit­te der 1990er Jah­re mit sei­ner Mut­ter in ei­ne neue Stadt, ver­mut­lich ein Bu­da­pe­ster Rand­be­zirk. In ei­ner Woh­nung ge­gen­über wohnt ei­ne Frau mit ih­rem herz­kran­ken Mann. Die Mut­ter möch­te, dass Ist­ván mit ihr in den Su­per­markt geht und die Ein­käu­fe hoch­trägt. Er fügt sich wi­der­wil­lig, nichts ah­nend, dass hier der Keim für ei­ne Ka­ta­stro­phe liegt.

Aus der An­ti­pa­thie, die Ist­ván für die als alt und häss­lich emp­fun­de­ne Frau zu Be­ginn ent­wickelt (sie soll, wie es ein­mal heißt, un­ge­fähr so alt sein wie sei­ne Mut­ter), wird ei­ne Ob­ses­si­on, denn sie führt den pu­ber­tie­ren­den Jun­gen, der un­längst bei ei­nem gleich­alt­ri­gen Mäd­chen ei­ne her­be Ab­fuhr er­hielt, Schritt für Schritt in die Welt der Se­xua­li­tät ein. Was sie nicht ahnt: Ist­ván ver­liebt sich in sie und als sie das Ver­hält­nis be­en­den möch­te, re­bel­liert er.

So be­ginnt Was nicht ge­sagt wer­den kann, der neue­ste Ro­man des 1974 in Ka­na­da ge­bo­re­nen, bri­tisch-un­ga­ri­schen Au­tors Da­vid Sza­lay, der auf der Short­list des Boo­ker-Pri­ze 2025 steht (Ori­gi­nal­ti­tel: Fle­sh). Es ist der drit­te Ro­man von Sza­lay, der ins Deut­sche über­setzt wur­de. Trotz des Ver­lags­wech­sels von Han­ser nach Cla­as­sen wur­de auch die­ses Buch von Hen­ning Ah­rens über­setzt.

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Erik-Ernst Schwa­bach: Bil­der­buch ei­ner Nacht

Erik-Ernst Schwabach: Bilderbuch einer Nacht
Erik-Ernst Schwa­bach:
Bil­der­buch ei­ner Nacht

Nein, un­ver­öf­fent­licht im stren­gen Sin­ne war der Ro­man Bil­der­buch ei­ner Nacht des deut­schen Au­tors Erik-Ernst Schwa­bach bis­her nicht. Er er­schien 1938 in ei­nem klei­nen pol­ni­schen Ver­lag – auf pol­nisch! Schwa­bach no­tier­te im Lon­do­ner Exil in sein Ta­ge­buch: »Sehr ko­misch, ein Buch von sich in den Hän­den zu haben...von dem man kein Wort ver­steht.« Zwei Ta­ge spä­ter er­lag Schwa­bach mit 47 Jah­ren ei­nem Herz­in­farkt. Das Ma­nu­skript ging mehr als acht Jahr­zehn­te ver­schlun­ge­ne We­ge (in den 1950ern wur­de es von Ro­wohlt ab­ge­lehnt). Jetzt, 2025, ver­öf­fent­licht der Wall­stein-Ver­lag erst­ma­lig in deut­scher Spra­che Schwa­bachs Ro­man. Kun­dig er­gänzt mit ei­nem Nach­wort des Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­lers und Schwa­bach-Bio­gra­fen Pe­ter Wid­lok.

Viel­leicht soll­te man Wid­loks Nach­wort zu­erst le­sen. Schwa­bach wur­de in ei­ne wohl­ha­ben­de jü­di­sche Ban­kiers­fa­mi­lie hin­ein­ge­bo­ren. Er sah sich früh als Künst­ler, Schrift­stel­ler, ver­fass­te 1913 ei­ne Ab­hand­lung über den Ex­pres­sio­nis­mus, ar­bei­te­te bei der Li­te­ra­ri­schen Welt, gab Zeit­schrif­ten her­aus, ex­pe­ri­men­tier­te mit dem Ra­dio (»Funk­spie­le«) und be­tä­tig­te sich als Kunst- und Kul­tur­mä­zen. Sei­ne Le­sun­gen und Fe­ste auf dem schle­si­schen Schloss März­dorf sol­len le­gen­där ge­we­sen sein. Dann der Ab­sturz. Schwa­bach hat­te in Reichs­mark in­ve­stiert, we­ni­ger in Im­mo­bi­li­en oder Dol­lar. Die Welt­wirt­schafts­kri­se traf ihn hart, er muss­te sei­ne be­rühm­te Bü­cher­samm­lung und schließ­lich auch März­dorf ver­kau­fen. Schwa­bach floh 1933 mit sei­ner Fa­mi­lie nach Groß­bri­tan­ni­en, hielt sich mit Un­ter­hal­tungs­stücken und Ex­po­sés für Thea­ter und Film­stof­fe über Was­ser. In Deutsch­land konn­te er nur noch un­ter Pseud­onym ver­öf­fent­li­chen. 1936 be­gann er mit Bil­der­buch ei­ner Nacht.

Schwa­bachs Epi­so­den­buch be­ginnt an ei­nem Sams­tag um 18 Uhr und en­det rund zwölf Stun­den spä­ter. Schau­platz dürf­te Ber­lin sein, ob­wohl der Na­me nicht fällt und be­kann­te Stra­ßen oder Bau­wer­ke nicht ge­nannt wer­den. In­ter­es­sant die Da­tie­rung, die er vor­nimmt: »20. Ok­to­ber 193.«. Der ein­zi­ge 20. Ok­to­ber, der in den 1930er Jah­ren ein Frei­tag ist, fin­det sich im Jahr 1934. Aber im ge­sam­ten Buch gibt es kei­nen Hin­weis auf die Na­zi-Re­gent­schaft. Es ist for­mal ein un­po­li­ti­sches Buch.

Wer kann, soll­te sich ein Per­so­nen­ver­zeich­nis an­le­gen, denn vie­le Prot­ago­ni­sten tau­chen in die­ser Nacht an un­ter­schied­li­chen Ört­lich­kei­ten auf und es ist nach­träg­lich hübsch, wie Schwa­bach die Auf­ein­an­der­tref­fen ge­stal­tet hat. Da ist et­wa der Arzt Dr. Pe­ter Paul­sen, der auf ein Din­ner bei Ban­kier Wald­herz ein­ge­la­den ist, ei­ner groß­bür­ger­li­chen, rei­chen Fa­mi­lie. Mit ein­ge­la­den ist Il­se, Paul­sens Frau, ei­ne ehe­ma­li­ge Kauf­haus­an­ge­stell­te, die aus ganz an­de­ren Ver­hält­nis­sen kommt und von den Ho­no­ra­tio­ren und Pro­mi­nen­ten von oben her­ab be­trach­tet wird. Paul­sen be­geg­net beim Din­ner Bea­te Meis­ner, ei­ne welt­ge­wand­te und ge­bil­de­te Frau, die, wie es ein­mal heißt, viel ver­spricht und er scheint ihr zu ver­fal­len, wäh­rend der Dich­ter Sven Mar­ken sich für Il­se in­ter­es­siert. Über all die­se Per­so­nen hat­te der Le­ser schon vor­her ei­ni­ges er­fah­ren. Spät in der Nacht wird Paul­sen in das Kran­ken­haus ge­ru­fen, weil Ru­di, der Po­li­zist und Ver­lob­te ei­ner Kü­chen­hil­fe der Wald­her­zens, bei ei­ner Schie­ße­rei ver­letzt wur­de.

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Zoom auf den Epo­chen­ver­schlep­per

Schreibheft 105
Schreib­heft 105

Neu­es und Al­tes über und von Gre­gor von Rezz­ori

An­lass­los fin­det sich im neu­en Schreib­heft von Nor­bert Wehr un­ter an­de­rem ein Dos­sier über den 1998 ver­stor­be­nen Gre­gor von Rezz­ori, ku­ra­tiert von Jo­sé Aní­bal Cam­pos und Jan Wilm. Ge­bo­ren wur­de von Rezz­ori 1914 in Czer­no­witz, da­mals Teil der Habs­bur­ger Mon­ar­chie. Nach dem Er­sten Welt­krieg fiel die Bu­ko­wi­na vor­über­ge­hend an Ru­mä­ni­en, spä­ter wur­de sie von Sta­lin ein­ver­leibt. Von Rezz­ori, der fünf Spra­chen flie­ßend be­herrsch­te, pen­del­te zwi­schen Öster­reich und Ru­mä­ni­en, stran­de­te schließ­lich En­de der 1930er Jah­re als de fac­to Staa­ten­lo­ser in Ber­lin und be­gann zu schrei­ben. Zum En­de des Krie­ges ver­ließ er Ber­lin nach Schle­si­en. Von da aus floh er vor den Rus­sen und wur­de mit et­was Glück Mit­ar­bei­ter des NWDR. In den 1950er Jah­ren er­fand er sein fik­ti­ves »Ma­ghre­bi­ni­en«, ein Phan­ta­sie­land mit star­ken Be­zü­gen auf sei­ne ehe­ma­li­ge Hei­mat und, wie es im Schreib­heft heißt, »mit­un­ter pi­kar­esken iro­ni­schen Ele­gi­en auf ein ver­sun­ke­nes Mit­tel­eu­ro­pa«. (Ei­ni­ge Ein­blicke in die­ses Ma­ghre­bi­ni­en lie­fert ein Vor­trag aus 2017 von Ju­rij An­drucho­wytsch ). Wie so oft wur­de Er­folg auch Bür­de. Sei­ne spä­te­re Pro­sa nahm man ins­be­son­de­re im deutsch­spra­chi­gen Raum nicht be­son­ders ernst. Von Rezz­ori wur­den Images ver­passt, Mär­chen­on­kel und Le­be­mann et­wa, spä­ter dann »Grand­sei­gneur«. Mein­te man es gut, nann­te man ihn »Epo­chen­ver­schlep­per«, ei­ne Be­zeich­nung, die er für sich selbst ge­fun­den ha­ben will. Da­mit sei »das ana­chro­ni­sti­sche Über­lap­pen von Wirk­lich­keits­ele­men­ten, die spe­zi­fisch ei­ner ver­gan­ge­nen Epo­che an­ge­hö­ren, in die dar­auf­fol­gen­de« ge­meint, so sei­ne De­fi­ni­ti­on.

Ei­ne Ti­tel­ge­schich­te im Spie­gel in den 1960er Jah­ren fiel we­nig schmei­chel­haft für ihn aus und soll­te das Bild über ihn vie­le Jah­re be­stim­men. Je­der kann­te ihn und er kann­te je­den; ei­ne Art »Ze­lig« des Kul­tur­be­triebs. Seit Mit­te der 1960er Jah­re wohn­te er mit sei­ner drit­ten Frau in ei­nem von ihm suk­zes­si­ve re­no­vier­ten An­we­sen in der Tos­ka­na. Ne­ben Il­lu­strier­ten-Ar­ti­keln (er selbst nann­te es »jour­na­li­sti­sche Pro­sti­tu­ti­on«), Feuil­le­tons und Ro­ma­nen schrieb er auch Film-Dreh­bü­cher und trat als Ge­le­gen­heits­schau­spie­ler auf, ob­wohl er kein Ci­ne­ast war. In Vi­va Ma­ria von Lou­is Mal­le et­wa als Zau­be­rer. Über die Dreh­ar­bei­ten in ei­ner fünf­mo­na­ti­gen Zeit­kap­sel, den Re­gis­seur Lou­is Mal­le, die bei­den Haupt­dar­stel­le­rin­nen Jean­ne Mo­reau und Bri­git­te Bar­dot, die Art und Wei­se, wie ein Film ent­steht und sei­ne Rol­le im In­tri­gen­sta­del hat er ein lau­ni­ges Ta­ge­buch ge­führt, dass zu­nächst aus­schnitt­wei­se in drei ver­schie­de­nen Me­di­en er­schien und dann ge­sam­melt un­ter dem Ti­tel Die To­ten auf ih­re Plät­ze. Li­te­ra­risch wird es im­mer dann, wenn er von der Wei­te Me­xi­kos er­zählt, je­nes Lan­des, das er schon zu Be­ginn zum Bal­kan Ame­ri­kas er­klär­te.

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