Zwei Aussagen des Verteidigungsministers zu Guttenberg am Montag auf der inzwischen fast berühmten Wahlkampfveranstaltung der CDU zum Kommunalwahlkampf (!) in Hessen sind bemerkenswert: Zum einen erklärt er seinen dauerhaften Verzicht, den Doktortitel zu führen. Und zum anderen »gestand« er einen »Blödsinn« geschrieben zu haben.
Der »Blödsinn« wurde von der Universität in Bayreuth mit »summa cum laude« bewertet. Damit gibt er der Universität und seinem Doktorvater noch nachträglich einen Tritt. Und auch die zahlreichen plagiierten Autoren werden indirekt beleidigt, denn allzu viel Eigenanteil soll die Doktorarbeit ja nicht aufweisen.
Die westlichen Demokratien und das Regime Mubarak haben eines gemeinsam: Beide haben Angst vor dem ägyptischen Volk. Die Bekenntnisse in den Sonntagsreden zu Demokratie, Freiheit und Menschenrechten verpuffen, wenn die Realpolitik übermächtig und »Stabilität« zum alleinentscheidenden politischen Kriterium wird. Die sorgenvollen Mienen bei der deutsch-israelischen Kabinettsitzung gestern sprechen Bände. Die USA und Israel wollen das System Mubarak erhalten. Vielleicht haben sie ihm ja eine Pille entwickelt, damit der 82jährige noch zwanzig oder dreißig Jahre lebt. Ihnen ist ein autokratischer Mubarak mit seiner »richtigen« Politik lieber als die Perspektive eines freien Landes. Als wäre es sicher, dass Ägypten wie weiland der Iran zum Gottesstaat wird (die Auguren sagen das Gegenteil).
Einige bezeichnen Christoph Lütgert inzwischen als den deutschen Michael Moore. Es ist anzunehmen, dass dies als Kompliment gemeint ist; die Vorwürfe der Manipulation von Fakten gegenüber Moore sind ja im linksliberalen Mainstream nie mit der notwendigen Ernsthaftigkeit verfolgt worden. Lütgert hat vermutlich keine Fakten verbogen. Aber wie Moore geht er äußerst suggestiv vor und personalisiert gnadenlos seine Dokumentationen. Im Maschmeyer-Film vom 12. Januar erscheint Lütgert gefühlte 20 von 30 Minuten auf dem Bildschirm. Gesten erscheinen in Großaufnahme. Zum festen Bestandteil seiner längeren Filme gehört das Selbstgespräch, in dem er den Zustand der Welt im allgemeinen und im besonderen beklagt. Mal im leeren Fußballstadion von Hannover, mal auf der Straße. Es ist unmöglich, der Meinung Lütgerts in diesen Filmen zu entkommen. Sie ist immer schon da, wird breitgetreten und in jeder Szene unterstrichen – sei es optisch oder über den Kommentar; zumeist simultan. Sogar im Titel ist schon klar: Da sind die Bösen und Galahad Lütgert erklärt uns die Welt. Der Film über den Textildiscounter »KiK« im August 2010 heißt nicht nur »Die KiK-Story« sondern bekommt sofort ein Attribut dazu: »die miesen Methoden des Textildiscounters«. Beim Maschmeyer-Film ging man es etwas sanfter an und titelte nur »Der Drückerkönig und die Politik«. Dafür heißt es dann bedeutungsvoll zu Beginn des Films: »Schurke oder Edelmann«.
Zu Beginn seines Filmes über »KiK« und geht Lütgert einkaufen. Für noch nicht einmal 26 Euro ist er komplett eingekleidet – und wundert sich, wie sowas funktioniert. Er fliegt nach Bangladesch und besucht einen Betrieb, in dem Textilien für »KiK« genäht werden. Er beschäftigt sich mit den Arbeitsbedingungen, den Löhnen und besucht eine Arbeiterin. Deren Neffe liegt im Sterben; die Familie hat kein Geld für eine Behandlung. Lütgert klagt »Das Kind stirbt«, unterdrückt mühsam seine Tränen und suggeriert, »KiK« hätte die Schuld, weil die Näherin zu schlecht bezahlt werde. (Das Kind stirbt dann nicht, sondern findet Behandlung.)
Von Blaise Pascal sind zwei Aussprüche über das Reisen überliefert. Zunächst der Leitspruch aller Reisemuffel: »Alles Unheil der Menschen kommt daher, daß sie nicht ruhig zu Hause bleiben können«. Und schließlich das heimliche Motto all jener Fotografien bzw. Videofilmer, die Zuhausegebliebene gelegentlich an den Rand des Wahnsinns treiben oder getrieben haben: »Allein aus Freude am Sehen und ohne Hoffnung, seine Eindrücke und Erlebnisse mitteilen zu dürfefn, würde niemand über das Meer fahren.« Der erste Satz ist zu trivial, dass er von Roger Willemsen in seinem Erzählungsband »Die Enden der Welt« Verwendung finden könnte und findet allenfalls noch einem Begleitschreiben wie diesem Verwendung. Und der zweite Satz wäre in Anbetracht der Güte der Reisebeobachtungen, ‑impressionen, und ‑reflexionen dieses Buches eine Unverschämtheit gegenüber dem Autor.
22 Reiseerzählungen aus dreißig Jahren sind hier versammelt. So unterschiedlich sie sind – ihre Klammer ist die Suche, die sich im Titel manifestiert: Die Suche nach dem/den Ende/n der Welt; einem Platz, der dann vielleicht der Ort zum Wirklich-Werden ist. Manchmal fragt sich der Leser: Hat er es nicht diesmal gefunden? In Patagonien, Isafjördur oder Timbuktu? In der Klaustrophobie der Weite auf Tonga? Oder vielleicht am Nordpol oder auf Kamtschatka?
Unsichtbares Komitee: Der kommende Aufstand
»Der kommende Aufstand« im Spiegel des modernen Anarchismus
Nach dem Zusammenbruch der bipolaren Welt 1989/90 kam es in vielen Regionen zu politischen, ethnischen, sozialen oder ökonomischen Konflikten. Aus den Residuen der Stellvertreterkriege entwickelten sich mitunter Bürgerkriege, die mit äußerster Brutalität geführt wurden und oftmals jeglicher Kontrolle entzogen waren. Dies zum Anlass nehmend, formulierte Hans Magnus Enzensberger 1994 seine »Aussichten auf den Bürgerkrieg« als ein globales Phänomen, welches entweder weit entfernt in Afrika oder Asien verortet wurde oder in Europa lokal begrenzt blieb (bspw. Baskenland oder Nordirland) bevor es mit den jugoslawischen Sezessionskriegen mit voller Vehemenz in das europäische Wohnzimmer einbrach. Enzensberger machte auch in den westeuropäischen Nationen Nester dieses »molekularen Bürgerkriegs« aus, konstatierte aber eher vorsichtig: »Man kann sich fragen, wie ernst der Gewaltkult der europäischen Avantgarden zu nehmen ist. Ihre Provokationen zeugen nicht nur von einem tiefen Haß auf das Bestehende, sondern auch von einem ebenso tiefen Selbsthaß. Wahrscheinlich dienten sie auch der Kompensation eigener Ohnmachtsgefühle und der Abwehr eines Modernisierungszwanges, der ihre Geltungsansprüche bedrohte.« Süffisant ergänzte er noch: »Außerdem wird man die Neigung zur Pose in Rechnung stellen müssen…«
Enzensberger hatte damals hellsichtig die globalen Bedrohungen durch den islamistischen Terrorismus vorweggenommen. Die wachsenden Unzufriedenheiten an und in den repräsentativen Demokratien Europas, die sich beispielsweise in den Unruhen in den Pariser Banlieues von 2005 zum ersten Mal in größerem Ausmaß zeigten, konnte er jedoch unmöglich vorhersehen. Diese Unruhen haben 2007 einige Autoren zu einer grundlegenden Schrift inspiriert, die den »kommenden Aufstand« nicht nur beschreibt, sondern in einem eigenartigen Stil zwischen Zynismus, Hochmut und Kälte logistische und bellizistische Anweisungen verbreitet. 2009 wurde das Buch um die Kommentierung der Ereignisse in Griechenland 2008 ergänzt. Diese Neuauflage liegt nun in der deutschen Übersetzung von Elmar Schmeda bei »Nautilus« vor.
Zwölf Aufsätze, Berichte (manchmal sind es auch Reportagen) und zwei Vorworte von acht Autoren – »Die Taschenspieler« versammelt Belege über die zunehmende Entfremdung zwischen Staat bzw. Regierungsmacht und dem »normalen« Bürger. Und das sehr aktuell – Redaktionsschluss war Anfang September 2010. Schwerpunkt dieser Betrachtungen ist Baden-Württemberg – das ist bei Klöpfer & Meyer, wo dieses Buch erschienen ist, kein Wunder. Es gibt allerdings auch drei Ausreisser: einen Beitrag über einen italienischen Giftmüllskandal, der über jahrzehntelange Versenkungen von Giftmüllschiffen in der italienischen Adria berichtet, ein Lehrstück in Sachen Atommüllentsorgung am Beispiel der Deponie Asse (interessant hier die Attribute: von Versuchseinlagerungen über »Forschungsbergwerk« bis zur Endlagerstätte reich[t]en die offiziösen Zuordnungen ) und am Ende einen sehr informativen Beitrag von Markus Köhler über die Problematik des fliegenden Gerichtsstands im Presserecht, welcher dazu dient, unliebsame Presseartikel durch einstweilige Verfügungen von Presserechtsaktivisten, die an jeder Ecke das Persönlichkeitsrecht von Mandanten verletzt sehen (Stichwort: Haarfarbe des Ex-Bundeskanzlers und andere Kleinigkeiten), vor allem vor dem Hamburger Landgericht zu beklagen – was auch zumeist gelingt.
Kluge Bemerkungen zum WikiLeaks-Hype von Harald Staun in der F.A.Z.: »Der Superstar der Sichtbarkeit«. Zum Beispiel: Vor lauter Suche nach immer brisanteren Details kommt niemand mehr dazu, die Relevanz der Informationen zu hinterfragen oder die Interessen, die hinter einer solchen Veröffentlichung stecken könnten. Und warum WikiLeaks gerade nicht das Ende der Geheimnisse bedeuten wird...
Sascha Lobo: StrohfeuerIrgendwann sitzt Stefan, der knapp 25jährige Ich-Erzähler in Sascha Lobos Roman »Strohfeuer«, in seiner Stammbar, einer Yuppiehölle und dachte weiter nach. In der Pose des nachdenklichen Mannes an der Bar gefiel ich mir außerordentlich gut; im Glas einen neunzehnjährigen Glencraig, den einen Ellenbogen aufgestützt, die Hand lose zum Kinn geführt, den Oberkörper bei geradem Rücken leicht nach vorn gelehnt. Verschiedene Körperhaltungen werden durchprobiert und er überlegte, mit welcher mich Frauen am ehesten ansprechen würden. Und der Leser erfährt noch: Mit meiner Wirkung im Raum beschäftigte ich mich oft, eigentlich immer und die Kontrolle über meine Wirkung war ein wesentlicher Teil meiner Kommunikation.
Stefan leidet in diesem Buch an vielem – nur nicht an mangelndem Selbstbewusstsein. Sein Narzissmus wird nur noch von der Rüpelhaftigkeit seines Teilhabers Thorsten übertroffen. Beide betreiben so etwas wie eine Werbe‑, IT- oder Marketingagentur – eine dieser merkwürdigen »Dotcom«-Firmen in der Blütezeit der New Economy Ende der 90er Jahre. 2001 kommt es zum ökonomischen Zusammenbruch auch für die Agentur im Roman, der mit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 verknüpft wird. In Wirklichkeit zerplatzte die Blase ja schon anderthalb Jahre vorher. »Strohfeuer« erzählt Stefans (und Thorstens) Geschichte mit dieser Agentur.