Ass­an­ges »simp­le Stricke­rei«

Klu­ge Be­mer­kun­gen zum Wi­ki­­Leaks-Hype von Ha­rald Staun in der F.A.Z.: »Der Su­per­star der Sicht­bar­keit«. Zum Bei­spiel: Vor lau­ter Su­che nach im­mer bri­san­te­ren De­tails kommt nie­mand mehr da­zu, die Re­le­vanz der In­for­ma­tio­nen zu hin­ter­fra­gen oder die In­ter­es­sen, die hin­ter ei­ner sol­chen Ver­öf­fent­li­chung stecken könn­ten. Und war­um Wiki­Leaks ge­ra­de nicht das En­de der Ge­heim­nis­se be­deu­ten wird...

Sa­scha Lo­bo: Stroh­feu­er

Sascha Lobo: Strohfeuer
Sa­scha Lo­bo: Stroh­feu­er
Ir­gend­wann sitzt Ste­fan, der knapp 25jährige Ich-Er­zäh­ler in Sa­scha Lo­bos Ro­man »Stroh­feu­er«, in sei­ner Stamm­bar, ei­ner Yup­pie­höl­le und dach­te wei­ter nach. In der Po­se des nach­denk­li­chen Man­nes an der Bar ge­fiel ich mir au­ßer­or­dent­lich gut; im Glas ei­nen neun­zehn­jäh­ri­gen Glen­craig, den ei­nen El­len­bo­gen auf­ge­stützt, die Hand lo­se zum Kinn ge­führt, den Ober­kör­per bei ge­ra­dem Rücken leicht nach vorn ge­lehnt. Ver­schie­de­ne Kör­per­hal­tun­gen wer­den durch­pro­biert und er über­leg­te, mit wel­cher mich Frau­en am ehe­sten an­spre­chen wür­den. Und der Le­ser er­fährt noch: Mit mei­ner Wir­kung im Raum be­schäf­tig­te ich mich oft, ei­gent­lich im­mer und die Kon­trol­le über mei­ne Wir­kung war ein we­sent­li­cher Teil mei­ner Kom­mu­ni­ka­ti­on.

Ste­fan lei­det in die­sem Buch an vie­lem – nur nicht an man­geln­dem Selbst­be­wusst­sein. Sein Nar­ziss­mus wird nur noch von der Rü­pel­haf­tig­keit sei­nes Teil­ha­bers Thor­sten über­trof­fen. Bei­de be­trei­ben so et­was wie ei­ne Werbe‑, IT- oder Mar­ke­ting­agen­tur – ei­ne die­ser merk­wür­di­gen »Dotcom«-Firmen in der Blü­te­zeit der New Eco­no­my En­de der 90er Jah­re. 2001 kommt es zum öko­no­mi­schen Zu­sam­men­bruch auch für die Agen­tur im Ro­man, der mit den Ter­ror­an­schlä­gen vom 11. Sep­tem­ber 2001 ver­knüpft wird. In Wirk­lich­keit zer­platz­te die Bla­se ja schon an­dert­halb Jah­re vor­her. »Stroh­feu­er« er­zählt Ste­fans (und Thor­stens) Ge­schich­te mit die­ser Agen­tur.

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Ich bin ein Gra­ti­sidi­ot

Es ist längst ein Schimpf­wort ge­wor­den: Die Gra­tis­kul­tur im In­ter­net sei Schuld für die Kri­se der ge­druck­ten Me­di­en. Nie­mand kau­fe mehr ei­ne Zei­tung oder Zeit­schrift, weil bzw. wenn die Ar­ti­kel im In­ter­net frei zur Ver­fü­gung ste­hen. Ge­zwun­ge­ner­ma­ßen ma­chen aber fast al­le mit, weil man sonst droht, im me­dia­len Auf­merk­sam­keits­nir­wa­na ver­schwin­den. So die Kla­ge.

So wird Gra­tis­kul­tur zu ei­nem Kampf­be­griff für Leu­te, die die man­geln­den Ver­mark­tungs­mög­lich­kei­ten ih­rer Pro­duk­te be­kla­gen, weil in­zwi­schen al­le er­war­ten, dass ih­nen die In­for­ma­tio­nen ko­sten­frei zur Ver­fü­gung ste­hen.

Ich deu­te Gra­tis­kul­tur jetzt mal an­ders. Weil ich Gra­tis­kul­tur schaf­fe. Mein Web­log ist gra­tis. Ich be­zah­le so­gar Geld da­für, dass es kei­ne Wer­bung gibt. Ich schrei­be gra­tis. Hier und bei »Glanz und Elend«. Dort schrei­ben auch die an­de­ren Kol­le­gen gra­tis. Und auf vie­len an­de­ren Li­te­ra­tur­fo­ren auch. Das ist für mich Gra­tis­kul­tur.

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Hin­rich von Haa­ren: Die Über­leb­ten

Hinrich von Haaren: Die Überlebten
Hin­rich von Haa­ren: Die Über­leb­ten
Drei län­ge­re Er­zäh­lun­gen legt der 1964 ge­bo­re­ne Hin­rich von Haa­ren in sei­nem Pro­sa­de­but vor. Die Er­zäh­lun­gen sind ent­ge­gen dem gän­gi­gen Zeit­ge­schmack nicht mit­ein­an­der ver­knüpft und von­ein­an­der un­ab­hän­gig. Und den­noch ent­steht am En­de nicht zu­letzt durch den Ti­tel »Die Über­leb­ten« ei­ne Klam­mer, die die so schein­bar dis­pa­ra­ten Ge­schich­ten un­ter ei­nem ge­mein­sa­men Leit­mo­tiv stellt.

»Auf ei­nem dunk­len See« spielt un­ter ei­ner Tou­ri­sten­grup­pe in Ägyp­ten. Die Prot­ago­ni­sten, mehr­heit­lich aus an­gel­säch­si­schen Län­dern stam­mend, wer­den frag­men­ta­risch skiz­ziert. Zu­nächst er­scheint al­les harm­los: Da stür­zen sich ei­ni­ge West­ler in den ganz nor­ma­len Ägyp­ten-Rund­rei­se-Wahn­sinn in­klu­si­ve Fahrt auf halblu­xu­riö­sem Schiff auf dem Nil. Plötz­lich stirbt ei­ne Rei­sen­de und die Grup­pe wird nun ge­zeigt, wie sie zwi­schen »busi­ness as usu­al«, Ex­al­tiert­heit und Trau­er­be­wäl­ti­gung (Hil­fe für den Ehe­mann) la­viert.

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Der Mes­si­as der Mit­tel­schicht

Ge­dan­ken zu Thi­lo Sar­ra­zins Buch »Deutsch­land schafft sich ab« und die Dis­kus­si­on hier­über

Thilo Sarrazin: Deutschland schafft sich ab
Thi­lo Sar­ra­zin:
Deutsch­land schafft sich ab

I. Pro­log

Auf dem Hö­he­punkt der Wirt­schafts­kri­se, als der Steu­er­zah­ler (und nur der!) von der po­li­ti­schen Klas­se, die den Staat re­prä­sen­tiert, zum Bür­gen für des­sen selbst­ge­mach­te und selbst­ge­dul­de­te Feh­ler her­an­ge­zo­gen wur­de, ent­warf der Phi­lo­soph Pe­ter Slo­ter­di­jk in ei­nem sehr kon­tro­vers dis­ku­tier­ten Ar­ti­kel ei­ne Ge­gen­welt: »Die ein­zi­ge Macht, die der Plün­de­rung der Zu­kunft Wi­der­stand lei­sten könn­te, hät­te ei­ne so­zi­al­psy­cho­lo­gi­sche Neu­erfin­dung der ‘Ge­sell­schaft’ zur Vor­aus­set­zung. Sie wä­re nicht we­ni­ger als ei­ne Re­vo­lu­ti­on der ge­ben­den Hand.« Ei­ne Ge­sell­schaft, in der fast aus­schließ­lich der flucht­un­fä­hi­ge Ein­kom­men­steu­er­zah­ler den Staat und da­mit des­sen Aus­ga­ben er­wirt­schaf­tet, wäh­rend die Ka­ste der Ex­trem­ver­die­ner sich mit Hil­fe der Po­li­tik längst aus der so­li­da­ri­schen Ver­ant­wor­tung ent­fernt hat und die Un­ter­schicht zu Trans­fer­emp­fän­gern ent­mün­digt wer­den, be­schreibt Slo­ter­di­jk mit dra­sti­schen Wor­ten: »So ist aus der selbsti­schen und di­rek­ten Aus­beu­tung feu­da­ler Zei­ten in der Mo­der­ne ei­ne bei­na­he selbst­lo­se, recht­lich ge­zü­gel­te Staats-Klep­to­kra­tie ge­wor­den. Ein mo­der­ner Fi­nanz­mi­ni­ster ist ein Ro­bin Hood, der den Eid auf die Ver­fas­sung ge­lei­stet hat. Das Neh­men mit gu­tem Ge­wis­sen, das die öf­fent­li­che Hand be­zeich­net, recht­fer­tigt sich, ide­al­ty­pisch wie prag­ma­tisch, durch sei­ne un­ver­kenn­ba­re Nütz­lich­keit für den so­zia­len Frie­den – um von den üb­ri­gen Lei­stun­gen des neh­mend-ge­ben­den Staats nicht zu re­den.«

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FAZ-Rhe­to­rik

FAZ-Rhe­to­rik* halt: Die »neue« Hand­ke-Bio­gra­phie »ent­hüllt« (gibt es auch ei­ne al­te, die es ver­schwie­gen hat?), dass Hand­ke »heim­lich« bei R. K. war, als die­ser be­reits per Haft­be­fehl ge­sucht war. Kein Wort da­von, dass die IFOR R. K. nicht ver­folg­te und sich die­ser noch im Fe­bru­ar 1997 zu Wort mel­de­te­te und dro­hen konn­te.

Es fehlt na­tür­lich auch nicht der Hin­weis auf die »pro­ser­bi­schen« Äu­sse­run­gen Hand­kes und die »um­strit­te­ne« Grab­re­de (es wa­ren, wie in der Bio­gra­phie auch er­wähnt wird, üb­ri­gens zwei). Dem On­line-Ar­ti­kel der FAZ ist ein Bild von Hand­kes An­we­sen­heit bei der Be­er­di­gung Mi­loše­vićs bei­gefügt. Es trägt den Un­ter­ti­tel »In en­gem Kon­takt.« Mit wem? Mit ei­nem To­ten? Oder gar mit dem da­mals schon über neun Jah­re un­ter­ge­tauch­ten Ka­ra­džić?

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Bern­hard Ju­dex: Tho­mas Bern­hard. Epo­che – Werk – Wir­kung

Bernhard Judex: Thomas Bernhard. Epoche – Werk - Wirkung
Bern­hard Ju­dex: Tho­mas Bern­hard. Epo­che – Werk – Wir­kung
2011 ist Tho­mas-Bern­hard-Ju­bi­lä­ums­jahr. Ei­ne Flut von Auf­sät­zen und Bü­chern dürf­te zum 80. Ge­burts­tag ins Haus ste­hen. Da ist es gut, im Vor­feld Bern­hard Ju­dex’ Buch über Werk und Wir­kung des öster­rei­chi­schen Schrift­stel­lers ge­le­sen zu ha­ben. Das Buch ist in fünf Ka­pi­tel un­ter­teilt, die Schwer­punk­te set­zen und ex­em­pla­risch für Bern­hards Le­ben (Ka­pi­tel 1) und Werk (Ka­pi­tel 2–5) ste­hen sol­len. In der Werk­be­trach­tung bleibt Ju­dex chro­no­lo­gisch, was sich bei Bern­hard, der ge­wis­sen Ent­wick­lun­gen un­ter­wor­fen ist, durch­aus an­bie­tet. Zu­nächst wird die (sehr frü­he) Ly­rik , dann die Ro­ma­ne »Frost« und »Kor­rek­tur« so­wie die Er­zäh­lun­gen »Die Müt­ze« und »Der Kul­te­rer« re­prä­sen­ta­tiv für die Schaf­fens­pe­ri­ode bis 1975 be­han­delt. Von den Thea­ter­stücken wid­met sich Ju­dex dem Erst­ling »Der Igno­rant und der Wahn­sin­ni­ge« und dem nach »Hel­den­platz« wohl be­kann­te­sten Stück »Der Thea­ter­ma­cher« ein­ge­hend. Voll­kom­men zu recht räumt er dann im vier­ten Ka­pi­tel den au­to­bio­gra­fi­schen Er­zäh­lun­gen »Die Ur­sa­che«, »Der Kel­ler«, »Der Atem«, »Die Käl­te« und »Das Kind« (er­schie­nen von 1975–82) den ent­spre­chen­den Raum ein. Für das Spät­werk wer­den dann »Die Aus­lö­schung« und das Skan­da­lon »Hel­den­platz« un­ter­sucht.

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Po­li­ti­ker (schon wie­der aus ak­tu­el­lem An­lass)

Die Po­li­ti­ker, die ich bis jetzt er­lebt ha­be (in Fleisch und Blut) er­schie­nen mir fleisch­los und blut­leer, im Brust­ton ge­spiel­ter Über­zeu­gung quä­ken­de Pup­pen; in im­mer­wäh­ren­der, ge­sti­ku­lie­ren­der, lip­pen­be­we­gen­der Kom­mu­ni­ka­ti­on be­fan­gen wie De­bi­le, der Mund und die Au­gen vom per­ma­nen­ten Vor­täu­schen von Auf­merk­sam­keit für im­mer zu schie­fen Par­al­le­lo­gram­men ver­krüp­pelt, von Leib­wäch­tern grun­diert, de­ren stumpflau­ern­de Teil­nahms­lo­sig­keit eher an ...

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