Mein Tweet an den Moderator Christian Ankowitsch und den ORF, dass es unsinnig sei, den Publikumspreis bei den Tagen der deutschsprachigen Literaturkritik ab der ersten Lesung freizugeben, fand immerhin ein Echo: @gregorkeuschnig @orf Irrtum: Wenn man nur 1/2 Tag Zeit hat abzustimmen, gewinnen jene, die über grösste Online-Kohorte verfügen (Empirie) — ch_ankowitsch (@ankowitsch) 3. Juli ...
Joachim Lottmann: Happy EndIrgendwann hat das jeder einmal erlebt. Man steht am Tresen in einer Kneipe und wartet auf ein Bier. Da kommt ein Mensch (es ist immer ein Mann), nicht unsympathisch, stellt sich neben einem und beginnt, zu erzählen. Über das Bier hier in der Kneipe, die Bedienung, seine Arbeit, über Politik, seinen Urlaub, seine Beziehung, die Ungerechtigkeit in der Welt – es geht einfach um Alles. Erst ist man nett abgelenkt, nickt zuweilen aus Höflichkeit, aber irgendwann wünscht man sich, dass ein ehemaliger Schulfreund das Lokal betritt, das leise im Hintergrund dudelnde Radio eine weltbewegende Nachricht verkündet oder mindestens dass das Mobiltelefon klingelt – inständig ersehnt man einen sozial halbwegs glaubwürdigen Grund, dem Redeschwall zu entfliehen.
In etwa ist das die Situation mit Joachim Lottmanns neuem Buch »Happy End«. Der wichtigste Unterschied ist, dass ich, der Leser, mich sozusagen an Lottmanns Tresen gestellt habe. Und das da jemand nicht über Beziehungsprobleme erzählt, sondern bereits auf den ersten Seiten seine Frau Elisabeth, genannt Sissi, eine 38jährige erfolgreiche Linksintellektuelle, die über das Elend in der Welt in Vergangenheit und Gegenwart zielsicher schreiben kann und in »geriatrischen« Filmen heult, in den höchsten Tönen lobt. Weiter geht es um Urlaubsreisen, Lektüreeindrücke, Kolumnenschreiberei (Schwerpunkt Tierkolumnen), seine Magenschmerzen, die auf eine zu starke Vereinnahmung durch die so vergötterte Frau hindeuten und eine Geheimwohnung in Wien. Dass einem bei der Lektüre der Kopf vor lauter Müdigkeit nicht auf das E‑Book-Lesegerät fällt vermag man nur zu vermeiden, indem man diesen gelegentlich schüttelt. Eine Melange aus Hoffnung, Pflichtbewusstsein und Masochismus führt dazu, dass man bis zum Ende liest.
Wer gestern die gängigen Nachrichtenportale in deutschen Medien verfolgte, rieb sich die Augen: Stundenlange Hintergrund- und Vordergrundberichte über einen Kongress eines internationalen Sportverbands. Dabei wurde von der anstehenden Wahl des Vorsitzenden dieses Verbandes mit einer Intensität berichtet, dass man kurz glaubte, das Schicksal der Welt würde sich hier entscheiden. Und dafür ja wirklich alles schon ...
Frank Schirrmacher: Ungeheuerliche Neuigkeiten – Hrsg. v. Jakob AugsteinDer überraschende und bestürzende Tod des 54jährigen Frank Schirrmacher ist noch nicht einmal ein Jahr her, da erscheint schon ein Band mit seinen Aufsätzen aus den Jahren 1990 bis 2014. Es sind 39 Texte und fünf Gespräche (mit Joachim Fest, dem Albert Speer jr., Ottfried Preußler, Günter Grass [jenes Gespräch von 2006, in dem er seine Mitgliedschaft in einer Einheit der Waffen-SS öffentlich machte] und das Versöhnungsgespräch zwischen Martin Walser, Salomon Korn und Ignatz Bubis nach Walsers Paulskirchenrede 1998 – der längste Beitrag im Buch). Die Ordnung der Texte innerhalb der sieben gewählten Kategorien ist nicht chronologisch; warum, bleibt offen. Die Texte werden ohne erklärende Erläuterungen abgedruckt. Kontexte und Hintergründe muss der Leser gegebenenfalls selber eruieren.
Der Titel des Sammelbandes trifft perfekt Schirrmachers Duktus: »Ungeheuerliche Neuigkeiten«. Herausgegeben ist das Buch von Jakob Augstein, der auch ein kurzes, aber sehr stupendes Vorwort verfasst hat. Die längst eingesetzte Hagiographisierung Schirrmachers insbesondere in weiten Teilen des Kulturjournalismus vermeidet Augstein, allerdings ohne dabei dem großen Kollegen den Respekt zu verweigern. So bezichtigt er Schirrmacher beispielsweise des Alarmismus, was zweifellos den Tatsachen entspricht. Kongenial wenn auch nicht originell der Vergleich mit dem »rasenden Reporter« Egon Erwin Kisch. Wenn man Schirrmachers Texte in dieser Geballtheit hintereinander liest, bemerkt man das Umtriebige, fast Hektische, das Augstein kongenial beschreibt. Stets gilt es, der Erste zu sein, der sich einer am Horizont anbahnenden gesellschaftlichen Diskussion widmet. Und wenn die anderen auf den Zug aufgesprungen waren, winkte schon ein anderes Thema.
Malte Herwig: Die Frau, die Nein sagtEs ist der 23. September 1953. Eine 32jährige Frau verlässt mit ihren beiden Kindern (6 und 4) den Geliebten. »Keine Frau verlässt einen Mann wie mich«, hatte dieser getönt. »Einen Mann, so reich und berühmt«. »Und sie? Hatte schallend gelacht und ihm entgegnet, dann sei sie eben die erste Frau, die es fertigbrächte«.
Mit dieser Szene beginnt das Buch »Die Frau, die Nein sagt« von Malte Herwig. Der Mann, den man nicht verlässt, ist Pablo Picasso. Er ist damals fast 73 Jahre alt. Die Frau, die in einer der wenigen Reportersuperlative in diesem Buch »die berühmteste Überlebende der Kunstgeschichte« genannt wird, ist Françoise Gilot. Sie ist die Frau, die nach zehn Jahren Nein gesagt hat. Und bis heute immer dann Nein sagt, wenn es ihr passt. Mit allen Konsequenzen.
Gilot ist Jahrgang 1921 und 90 Jahre alt, als sich der SZ-Reporter Malte Herwig bei ihr meldet. Zehn Monate lebt die Dame in New York, im Mai und Juni zieht es sie nach Paris. Sie ist Malerin gewesen und geblieben. »5000 Zeichnungen und 1600 Gemälde« fasst ihr Œuvre aus 75 Jahren. » ‘Außer malen tue ich ja nichts’ «, so die lakonische Begründung für dieses Werk. Ihre Zeit mit Picasso, als sie Muse, Mutter und Geliebte war, hat ihr Leben zwar geprägt, aber Herwig reduziert sie nicht darauf.
Natürlich gab es glückliche Tage, wie dieses Bild, das auch im Buch abgedruckt ist, zeigt. Die einzelnen Etappen der Liaison und den Einfluss Gilots auf Picassos Schaffen werden herausgearbeitet. Picasso sei »der einsamste aller Menschen« gewesen, so Gilot. Dies trotz der zahlreichen Geliebten und vermeintlichen Freunde; Letztere fast alle Jasager. Zur Einsamkeit gesellt sich die Unsicherheit dieses vermeintlichen Berserkers Picasso. Und dann diese Eifersucht als Matisse sie als Modell nahm. Zuweilen zitiert Herwig aus Gilots Buch über das Leben mit Picasso.
Das Genie als menschliches Scheusal – man glaubt, dies zu kennen und ist dann doch immer wieder überrascht. Picasso belegte seine Ex-Geliebte, die Mutter seiner Kinder, mit einem Bannstrahl. Er, der berühmte Mann, drohte Galerien und Museen, ihnen keine Bilder mehr zu liefern, wenn sie Bilder von Françoise Gilot ausstellen sollten. So schrumpft Größe. Lange Zeit machte der Betrieb, die Kritik, mit. Man kennt das.
Nach Wahlen wie dieser (in Bremen) schwillt der Jammergesang der ach so niedrigen Wahlbeteiligung bei nahezu allen Kommentatoren wieder an. Da ist von Defiziten in der Demokratie die Rede, wenn noch nicht einmal 50% der Wahlberechtigten von ihrem Recht Gebrauch machen. Graphiken werden erstellt, in der die »Fraktion« der Nichtwähler mit 50% als stärkste Gruppe ...
Ich gestehe freimütig bis gestern von der Existenz einer »Deutschen Gesellschaft Qualitätsjournalismus« nichts gewusst zu haben. Die Meldung im Branchenmagazin »Kress« über einen Beitrag des FAZ-Mitherausgebers Werner D’Inka hat mich auf die Spur gebracht. Im Band »Quo vadis, Qualitätsjournalismus«, der als pdf herunterladbar ist, findet sich D’Inkas Beitrag. Ausgewiesene Journalistenschützer wie beispielsweise Roland Berger, Volker Bouffier, Bernd Raffelhüschen, Jürgen Fitschen, Jens Weidmann oder auch Götz Werner erklären in zuweilen knappen wie banalen Beiträgen, wie wichtig heutzutage Journalismus ist. Sogar Bahnchef Rüdiger Grube fand zwischen den Tarifverhandlungen seines Personalvorstands noch Zeit, einen Text zu verfassen. Man fragt sich in Anbetracht dieser Zusammenstellung mehr denn je, wie schlecht es um das, was man gemeinhin »Journalismus« nennt in diesem Land bestellt sein muss, wenn es solche Lobredner braucht.
Die hehren Bekenntnisse dieser Herren (es sind nur wenige Damen) haben in etwa den Erkenntniswert einer Sandmännchen-Sendung. Es komme nicht auf Klickzahlen im Internet an, weiß zum Beispiel Volker Bouffier, der leider nicht schreibt, was er in seiner zugegebenermaßen kurzen Zeit im ZDF Verwaltungsrat dafür getan hat, Kulturprogramme jenseits der Einschaltquotenhörigkeit ins Programm zu platzieren. Fast jeder dieser Fachleute in Sachen Journalismus betont die Notwendigkeit der freien Presse. Interessanterweise wissen sie auch recht genau, wie diese auszusehen hat.