Klei­ne Ge­schich­te des sau­be­ren Sports

Ge­stern gab es auf Twit­ter den Hash­tag #fehlt­bei­o­lym­pia. Da konn­te man ne­ben ganz viel Un­sinn auch al­ler­lei Nach­denk­li­ches le­sen. In­zwi­schen ist es schein­bar weit­ge­hend Kon­sens, dass die Olym­pi­schen Som­mer­spie­le in Rio, de­ren Er­öff­nung heu­te Nacht deut­scher Zeit an­steht, ein ana­chro­ni­sti­sches, un­ethi­sches, kom­mer­zi­el­les Event ist. Al­le »wis­sen« in­zwi­schen, dass Russ­land nur noch Do­­ping-Spor­t­­ler hat. Die in­sti­tu­tio­nel­len ...

Wei­ter­le­sen ...

Angst­ha­sen­jour­na­lis­mus

Da ist sie al­so wie­der, die Me­di­en­kri­tik. So zu­ver­läs­sig wie Po­li­ti­ker auf »un­se­re Wer­te« re­kur­rie­ren und »Kon­se­quen­zen« zie­hen wol­len, so zu­ver­läs­sig dis­ku­tiert man in den Me­di­en über die Me­di­en und de­ren Be­richt­erstat­tung nach Ter­ror­ta­ten, Amok­läu­fen und an­de­ren Ge­walt­ex­zes­sen. Zwei Lö­sun­gen schei­nen sich an­zu­bah­nen: Zum ei­nen sol­len die Tä­ter nicht mehr ge­nannt, min­de­stens je­doch nicht mehr ...

Wei­ter­le­sen ...

Co­lin Bar­rett: Jun­ge Wöl­fe

Colin Barrett: Junge Wölfe
Co­lin Bar­rett: Jun­ge Wöl­fe

Sie hei­ßen Tug, Mark, Jim­my, Val, Bat, Arm oder Owen. Mut­ter und Va­ter sind Ma und Pa. Man ist in Ir­land, der At­lan­tik ist rau und die Or­te wie zum Bei­spiel Glen­beigh ha­ben ein paar Ein­woh­ner und »ei­ne Hun­dert­schaft Pubs«. Je­der kennt je­den. Gal­way oder gar Dub­lin sind exo­ti­sche Bio­to­pe. Wenn Stu­den­ten im Som­mer zum Geld­ver­die­nen und Fei­ern kom­men ist man froh, dass sie da sind aber auch froh, wenn sie wie­der ab­rei­sen.

Das ist das Set­ting von »Jun­ge Wöl­fe«, dem Er­zähl­band des 1982 ge­bo­re­nen, in Dub­lin le­ben­den Co­lin Bar­rett. Das Co­ver zeigt die Si­tua­ti­on in der er­sten Er­zäh­lung »Der klei­ne Clan­cy«. Ei­ne Dorf­ju­gend am »Tag der Läu­te­rung« nach dem »drei­tä­gi­gen Ab­nut­zungs­fest« des Wochen­endes. Jim­my sieht sei­ne Ex-Freun­din Mar­le­ne mit Mark. Man fei­ert. Jim­mys Freund ist Tug, mit sei­nen Bären­kräften und der Ein­falt des Gut­mü­ti­gen ei­ne Art Dorf-Obe­lix. Als er sieht, dass Jim­my sich über Mar­le­ne är­gert, wirft er kur­zer­hand Marks Au­to um und mit Lip­pen­stift schreibt Jim­my dann noch »Hei­ra­te mich« dar­auf. Statt nun die Aus­wir­kun­gen die­ses Vor­falls wei­ter zu be­ob­ach­ten, bleibt Bar­rett bei Tug und Jim­my. Tug ist an­ge­rührt von der Ge­schich­te ei­nes 10jährigen Jun­gen, der seit drei Mo­na­ten ver­misst wird. Auf ih­rem Weg be­geg­nen die bei­den spie­len­den Kin­dern, die ei­ne Brücke als Stütz­punkt »einge­nommen« ha­ben. Dies regt die Phan­ta­sie ob das Schick­sal des ver­miss­ten Jun­gen noch mehr an. Und dann ist auch schon Schluss: Was als Knei­pen­sto­ry be­gann en­det als schwer­mü­ti­ge Ver­miss­ten­er­zäh­lung.

Wei­ter­le­sen ...

Un­se­re Wer­te

Es geht na­tür­lich im­mer um Wer­te. Um »un­se­re Wer­te«. Nach der Amok­fahrt von Niz­za tönt der fran­zö­si­sche Bot­schaf­ter in Ber­lin da­von. Wir wür­den »die­se Schlacht ge­win­nen«. Und RB Mül­ler, durch den blö­den Gang der Ge­schich­te auch Chef ei­nes Bun­des­lan­des (das, wä­re es geo­gra­fisch in Afri­ka an­ge­sie­delt, si­cher­lich als »fai­led sta­te« gel­ten wür­de), tu­tet in das ...

Wei­ter­le­sen ...

Kar­sten Kram­pitz: 1976 – Die DDR in der Kri­se

Karsten Krampitz: 1976
Kar­sten Kram­pitz: 1976

»1976« lau­tet der Ti­tel. Dar­un­ter »Die DDR in der Kri­se«. Da schüt­telt man sich erst ein­mal als in West­deutsch­land so­zia­li­sier­ter Mensch. 1976? Nicht et­was 1989? Gut, die Bier­mann-Aus­bür­ge­rung ist noch prä­sent. Und mit ein we­nig Nach­den­ken auch noch der Ar­rest für Ro­bert Ha­ve­mann. Schon schwie­ri­ger wird es mit der Er­in­ne­rung an die Selbst­ver­bren­nung des Pfar­rers Os­kar Brü­se­witz. Ver­ges­sen (falls je­mals ge­wusst) die Kon­fe­renz der kom­mu­ni­sti­schen Par­tei­en in Ost-Ber­lin. Noch exo­ti­scher: der IX. Par­tei­tag der SED. Und das Hon­ecker von Stoph das Amt des Staats­rats­vor­sit­zen­den über­nahm und da­mit die voll­kom­me­ne Macht­fül­le bei­der Äm­ter (General­sekretär der SED und fak­ti­sches Staats­ober­haupt) auf sich ver­ei­nig­te, hat­te man da­mals nicht mit­be­kom­men – zu deut­lich war die Au­ßen­wahr­neh­mung auf Hon­ecker ge­rich­tet.

All das ge­schah 1976. Und Kar­sten Kram­pitz fin­det noch wei­te­re in­ter­es­san­te Be­ge­ben­hei­ten aus die­sem Jahr wie den Tod von Mi­cha­el Gar­ten­schlä­ger, ei­nem DDR-Flücht­ling, der vom We­sten aus wie­der in das DDR-Grenz­ge­biet ein­drang und Selbst­schuss­an­la­gen de­mon­tier­te und ver­äu­ßer­te. Er wur­de bei ei­ner sol­chen Ak­ti­on er­schos­sen. Da wa­ren die Olym­pi­schen Som­mer­spie­le 1976 in Mont­re­al, bei de­nen der DDR mit Platz 2 im Me­dail­len­spie­gel hin­ter der So­wjet­uni­on end­gül­tig der Durch­bruch als Sport­welt­macht ge­lang; nie mehr – auch bei den Boy­kott-Spie­len 1980 – er­reich­te man so vie­le Gold­me­dail­len. Au­ßen­po­li­tisch pein­lich wur­de der Tod ei­nes ita­lie­ni­schen LKW-Fah­rers an der deutsch-deut­schen Gren­ze, der sich le­dig­lich im Grenz­ge­biet ver­irrt hat­te – und auch noch Kom­mu­nist war. Span­nend Kram­pitz’ Fund­stück ei­nes Gedächtnis­protokolls des da­mals 35jährigen Pfar­rers Lo­thar Vos­berg, der den Be­such zwei­er MfS-Män­ner re­ka­pi­tu­lier­te und an sei­ne Vor­ge­setz­ten mel­de­te.

Wei­ter­le­sen ...

Boua­lem San­sal: 2084 – Das En­de der Welt

Boualem Sansal: 2084 - Das Ende der Welt
Boua­lem San­sal:
2084 – Das En­de der Welt

Wenn Ge­sell­schaf­ten – aus wel­chen Grün­den auch im­mer – trotz ei­nes ex­or­bi­tan­ten Wohl­stands mit ei­nem dif­fu­sen Un­be­ha­gen der Zu­kunft ent­ge­gen se­hen, weil sie vor Um­brü­chen mit un­si­che­rem Aus­gang ste­hen, dann ist Zeit für dys­to­pi­sche Ro­ma­ne, die dann die eher harm­los da­her­kom­men­de (lei­der zu oft ba­na­le) Fan­ta­sy oder be­wusst tech­nik­af­fi­ne Sci­ence-Fic­tion-Se­lig­keit über­wuchern. Nicht zu­letzt in der ak­tu­el­len deutsch­spra­chi­gen Li­te­ra­tur gibt es ei­nen Trend zur Dys­to­pie, viel­leicht auch ein­fach nur, weil es im All­tag so gar kei­ne Aben­teu­er mehr zu er­le­ben gibt.

Bei Boua­lem San­sal sieht dies an­ders aus. Der 1950 in Al­ge­ri­en ge­bo­re­ne Au­tor fand erst spät zum li­te­ra­ri­schen Schrei­ben, avan­cier­te aber schnell zum be­kann­te­sten zeit­ge­nös­si­schen Schrift­stel­ler sei­nes Lan­des und be­kam 2011 den Frie­dens­preis des Deut­schen Buch­han­dels. Jetzt hat er mit »2084 – Das En­de der Welt« ei­nen Weltunter­gangsroman ge­schrie­ben. Das Buch war zu­nächst in Al­ge­ri­en nicht zu er­hal­ten und sorg­te für Dis­kus­sio­nen in Frank­reich. Seit Mai liegt es auch in ei­ner deut­schen Über­set­zung von Vin­cent von Wro­blew­sky vor.

Das deut­sche Feuil­le­ton be­fragt San­sal aus­gie­big, aber noch mehr möch­te man über sei­ne Ein­schät­zun­gen zur ak­tu­el­len po­li­ti­sche La­ge wis­sen, den Be­dro­hun­gen durch das, was man ge­mein­hin »Is­la­mis­mus« nennt. San­sal hält mit sei­ner Mei­nung nicht hin­ter dem Berg. Er be­zich­tigt be­son­ders die west­li­che Lin­ke als na­iv im Um­gang mit dem po­li­ti­schen Is­lam, was die­se zum An­lass nimmt, ihn in ei­ne neu­rech­te Ecke zu stel­len; das in­zwi­schen be­kann­te Ge­sell­schafts­spiel. Die Er­fah­run­gen, die San­sal in Al­ge­ri­en macht und ge­macht hat, wer­den hier­bei ger­ne her­un­ter­ge­spielt. Die Po­li­ti­sie­rung ei­nes sol­chen Ro­mans hat al­ler­dings meist zur Fol­ge, dass die Dis­kus­si­on we­ni­ger um das Buch als um die po­li­ti­schen The­sen des Au­tors kreist. Dies er­zeugt Er­war­tungs­hal­tun­gen, die je nach Ori­en­tie­rung ent­täuscht oder be­stä­tigt wer­den. Da­bei tritt dann die li­te­ra­ri­sche Qua­li­tät ei­nes sol­chen Bu­ches all­zu oft in den Hin­ter­grund.

Wei­ter­le­sen ...

Schmerz­haft gleich­gül­tig

Wenn man er­klärt, dass man sich die Le­sun­gen und Dis­kus­sio­nen zum Bach­mann­preis an­schaut, kommt im­mer mehr die mit­lei­di­ge Fra­ge: »War­um?« Sie im­pli­ziert zwei­er­lei: Zum ei­nen glaubt man nicht mehr an die Kraft der Li­te­ra­tur im Zei­chen des Fern­se­hens. Und zum an­de­ren wird da­mit auch gleich in ei­ner Mi­schung aus Mit­leid und Em­pö­rung die je­wei­li­ge Aus­wahl der Le­sen­den er­le­digt. Nein, die Le­sen­den im Bach­mann­preis re­prä­sen­tie­ren na­tür­lich nicht »die deutsch­spra­chi­ge Li­te­ra­tur« wie es dann mal apo­dik­tisch, mal vor­wurfs­voll heißt. Nach­träg­lich muss man die­ses De­men­ti ge­ra­de für den »Jahr­gang 2016« zur Hand ha­ben: Nein, das, was heu­er in Kla­gen­furt ge­le­sen wur­de ist kein re­prä­sen­ta­ti­ver Quer­schnitt der deutsch­spra­chi­gen Li­te­ra­tur. Da mag der Mo­de­ra­tor noch so Ani­ma­teurs­qua­li­tä­ten of­fen­bart ha­ben (was zu­wei­len pein­lich war). (Über das pein­li­che Sand­ka­sten­ar­ran­ge­ment »drau­ßen«, bei Zi­ta Be­reu­ter, schweigt man bes­ser.)

Aber es ist wo­mög­lich ein Quer­schnitt der in­zwi­schen in­fla­tio­nä­ren Stadt­schrei­ber- und Schreib­schul­pro­sa­isten, die sich von ih­ren Note­books er­he­ben und das re­pli­zie­ren, was sie ge­lernt ha­ben, wo­für sie aus­ge­zeich­net wur­den und was sie nun mit ei­nem selt­sam stoi­schen Selbst­be­wusst­sein als preis­wür­dig re­kla­mie­ren.

Wei­ter­le­sen ...

Die Kla­gen­furt-For­mel oder Vi­deo Kil­led the Ra­dio Star

Im Wall­stein-Ver­lag ist vor kur­zem ein Buch mit dem in­ter­es­san­ten Ti­tel »Dichter­darsteller – Fall­stu­di­en zur bio­gra­phi­schen Le­gen­de des Au­tors im 20. und 21. Jahr­hundert« er­schie­nen. Die bei­den Her­aus­ge­ber Ro­bert Leucht und Ma­gnus Wie­land stel­len zu­nächst in ei­ner Ein­lei­tung die lan­ge ver­ges­se­ne The­se der »bio­gra­phi­schen Le­gen­de« des rus­si­schen Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­lers Bo­ris To­maševskij aus dem Jahr 1923 vor. Schließ­lich gibt es Fall­stu­di­en di­ver­ser Au­toren, die die bio­gra­phi­schen Le­gen­den von Hu­go von Hof­manns­thal, Tho­mas Mann, Franz Kaf­ka, B. Tra­ven und Tho­mas Bern­hard un­ter­su­chen. Zu Pe­ter Hand­ke re­fe­riert Karl Wag­ner den »Auf­tritt« Hand­kes bei der Grup­pe 47 in Prin­ce­ton 1966 und setzt ihn in Re­la­ti­on zu an­de­ren, da­mals durch­aus üb­li­chen, weit­aus opu­len­te­ren Auf­trit­ten von Schrift­stel­lern in Kon­zert­hal­len oder Sta­di­en. Auch über Rol­len­zu­wei­sun­gen bei Dich­te­rin­nen gibt es ei­nen (sehr in­ter­es­san­ten) Bei­trag (von Eve­lyn Polt-Heinzl). Schließ­lich be­schäf­tigt sich ein Text mit Me­di­um Twit­ter und den »Ge­brauch« die­ses Me­di­ums von ame­ri­ka­ni­schen Au­toren wie vor al­lem Bret Ea­ston El­lis aber auch von Mark Z. Da­nie­lew­ski, Chuck Pa­lah­ni­uk und Lind­say Lo­han.

Die bio­gra­phi­sche Le­gen­de wird da­bei als Kon­struk­ti­on hin zum Werk in­ter­pre­tiert und als Ab­gren­zung zum em­pi­ri­schen Au­tor aber auch zur Au­toren­fi­gur im li­te­ra­ri­schen Text be­trach­tet. Sie ist so­mit ei­ne drit­te aukt­oria­le In­stanz; so­zu­sa­gen »zwi­schen« der rea­len Vi­ta des Au­tors und des­sen Werk. Sie ist vom Au­tor nur be­grenzt zu be­ein­flus­sen. In ei­nem der Auf­sät­ze im Buch wird To­maševskij da­hin­ge­hend zi­tiert, dass es im Ein­zel­fall »schwie­rig zu ent­schei­den [sei], ob die Li­te­ra­tur die­se oder je­ne Le­bens­er­schei­nung re­pro­du­ziert oder ob um­ge­kehrt die­se Le­bens­er­schei­nun­gen das Re­sul­tat des Ein­drin­gens li­te­ra­ri­scher Scha­blo­nen in das Le­ben ist«. Da­her darf, wie die Her­aus­ge­ber im Ré­su­mé des Bu­ches klar­stel­len, die bio­gra­phi­sche Le­gen­de nicht re­du­ziert wer­den auf »Po­se, Mar­ke, Image, In­sze­nie­rung oder Ha­bi­tus«. Die­se Selbst­in­sze­nie­rungs­stra­te­gien wer­den vom Au­tor (bzw. dem Ver­lag oder an­de­ren Ver­mark­tern) be­wusst ge­wählt. Da­ge­gen ver­schmel­zen in der bio­gra­phi­schen Le­gen­de bio­gra­phi­sche Aspek­te im Werk und Werk­aspek­te im Le­ben zu ei­ner neu­en äs­the­ti­schen Fi­gu­ra­ti­on.

Die bio­gra­phi­sche Le­gen­de bö­te sich an, die je­wei­li­gen li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­li­chen La­ger zu ver­söh­nen: Zum ei­nen je­ne, die ei­ne strik­te Tren­nung von Werk und Le­ben for­dern. Und zum an­de­ren je­ne, die ei­nem Bio­gra­phis­mus frö­nen und je­de Text­stel­le mit dem rea­len Le­ben des Au­tors, der Au­torin in Be­zug brin­gen.

Wei­ter­le­sen ...