Aus der Nach­rich­ten­höh­le

Herrn Dr. Gniff­ke, sei­nes Zei­chen 1. Chef­re­dak­teur bei »NDR/ARD Ak­tu­ell«, reicht’s! In ei­nem Blog­ein­trag pol­tert er aus sei­ner Nach­rich­ten­höh­le ge­gen die­je­ni­gen, die das Bild der mar­schie­ren­den Po­li­ti­ker in Pa­ris als In­sze­nie­rung apo­stro­phie­ren. Je­des Po­li­ti­ker­bild sei ei­ne In­sze­nie­rung, so Gniff­ke. Und im üb­ri­gen ver­wahrt er sich ge­gen je­ne, die die­se Nach­rich­ten­fäl­schung als sol­che be­nen­nen, wie zum Bei­spiel Ines Pohl.

Die Tak­tik ist nicht ganz neu, al­ler­dings die Rhe­to­rik. Die Dünn­häu­tig­keit bei Jour­na­li­sten scheint aus­ge­prägt zu sein; sie sind nicht ger­ne sel­ber Ge­gen­stand der Be­richt­erstat­tung, son­dern tei­len lie­ber aus. Ge­stern wur­de »Lü­gen­pres­se« zum »Un­wort des Jah­res« er­nannt, da glaub­te Gniff­ke sich viel­leicht un­be­sieg­bar. Bis jetzt ha­ben sich 295 Kom­men­ta­re zum Blog­ein­trag ein­ge­fun­den – durch­aus et­li­che dar­un­ter, die ihm zu­stim­men. Ei­ne Dis­kus­si­on ent­steht den­noch nicht, weil sich die Re­dak­ti­on – wie vor­her auch schon – zu­ver­läs­sig ver­wei­gert.

Gniff­kes Kern­the­se: Je­des Po­li­ti­ker­bild ist per se ei­ne In­sze­nie­rung – al­so braucht man sich auch nicht wun­dern, wenn die­ser Trau­er­marsch ei­ne sol­che ist. Der Un­ter­schied ist nur, dass die »nor­ma­len« Po­li­ti­ker­in­sze­nie­run­gen als sol­che sicht­bar und für den Zu­schau­er min­de­stens er­ahn­bar sind. Aus­schnit­te aus Pres­se­kon­fe­ren­zen, die fast schon ri­tua­li­sier­ten Op­po­si­ti­on-hat-auch-et­was-zu-sa­gen-State­ments (ma­xi­mal ein Satz; manch­mal nur ein hal­ber), die­se un­se­li­gen wie nichts­sa­gen­den Bil­der von »Gip­feln« oder Staats­be­su­chen – all die­se In­sze­nie­run­gen sind längst zum iko­no­gra­fi­schen Be­stand­teil von Nach­rich­ten­sen­dun­gen ge­wor­den. Man könn­te es ein biss­chen ru­sti­kal aus­drücken: Nie­mand glaubt mehr, dass es hier um die Ver­mitt­lung in der Sa­che geht – es sind Sprach­spie­le, die not­ge­drun­gen be­bil­dert wer­den (müs­sen); lei­der im­mer mehr be­wegt und mit O‑Tönen statt als Stand­bild und von ei­nem neu­tra­len Spre­cher vor­ge­le­sen.

Der Trau­er­marsch von Pa­ris vom 11. Ja­nu­ar wur­de je­doch an­ders kom­mu­ni­ziert. Die In­sze­nie­rung, von der Gniff­ke spricht, soll­te ein Si­gnal aus­drücken. Ein Zei­chen der ge­mein­sa­men Trau­er, ein Zei­chen ge­gen den Ter­ror – un­ab­hän­gig von der po­li­ti­schen und welt­an­schau­li­chen Aus­rich­tung. Das Pa­thos der Kom­men­ta­re in ARD und ZDF ist in den Kom­men­ta­ren zu Gniff­kes Bei­trag sehr gut do­ku­men­tiert.

Ich ge­ste­he, die Über­tra­gung des Trau­er­mar­sches nicht live ver­folgt zu ha­ben. Ich ha­be mich der Zu­sam­men­fas­sun­gen in den Nach­rich­ten- und Ex­tra­sen­dun­gen be­dient. In die­sen Sen­dun­gen gab es kei­ner­lei An­zei­chen da­für, dass die Staats- und Re­gie­rungs­chefs se­pa­rat mar­schiert sind. Die Re­por­ter sug­ge­rier­ten, dass sie in vor­de­rer Li­nie wa­ren (»Dut­zen­de Staats- und Re­gie­rungs­chefs aus al­ler Welt mar­schier­ten vor­ne­weg.«). Be­fremd­lich kam mir le­dig­lich vor, dass es hieß, die An­ge­hö­ri­gen der Op­fer sei­en in der er­sten Rei­he ge­we­sen. Erst dann, so hieß es, die Po­li­ti­ker. Die­se Aus­sa­ge kor­re­spon­dier­te nicht mit dem Bild. Aber na­iv wie ich bin glaub­te ich, dass sich die Po­li­ti­ker nur vor­ge­drängt hät­ten.

Die Nach­richt, dass es sich um ei­nen se­pa­ra­ten Marsch han­del­te, der nicht mit den De­mon­stra­tio­nen der Massen in Pa­ris zu tun hat­te, hat mich dann über­rascht. Zwar ist es ver­ständ­lich, dass die all­ge­mei­ne Si­cher­heits­la­ge ei­ne sol­che Maß­nah­me viel­leicht not­wen­dig mach­te (wo­mög­lich war sie auch noch zeit­ver­setzt). Aber ich hät­te dann er­war­tet, dass dies in den Kor­re­spon­den­ten­nach­rich­ten we­nig­stens ir­gend­wann ein­mal kom­mu­ni­ziert wird. Dies war nicht der Fall.

Gniff­ke re­agier­te nun auf die Vor­wür­fe der taz-Chef­re­dak­teu­rin Ines Pohl (»Lei­der be­legt der Um­gang mit den Bil­dern des Pa­ri­ser Mar­sches der Mäch­ti­gen, dass das Wort ‘Lü­gen­pres­se’ nicht nur ein Hirn­ge­spinst der Pe­gi­da-An­hän­ger ist, son­dern dass die Wir­kung der Bil­der – üb­ri­gens auch für deut­sche Me­di­en­ma­cher – manch­mal wich­ti­ger ist als die Do­ku­men­ta­ti­on der Rea­li­tät.«). Da­bei ver­blüfft nicht nur sei­ne Wort­wahl. In­ter­es­sant ist auch, das er plötz­lich zu der Er­kennt­nis ge­kom­men zu sein scheint, das Bil­der im­mer nur Aus­schnit­te wie­der­ge­ben. Ei­ne sol­che Er­kennt­nis hät­te man sich in so man­cher Be­richt­erstat­tung bspw. über Ju­go­sla­wi­en und an­de­re Kriegs­ge­bie­te, aber auch ak­tu­ell zur Ukrai­ne ge­wünscht. Von den Bil­dern an­geb­lich fa­na­ti­sier­ter Massen in Mit­tel­ost­län­dern, die west­li­che Flag­gen ver­bren­nen, erst gar nicht zu re­den. Denn auch hier wird so gut wie nie ge­zoomt. Ge­zeigt wer­den die Bil­der, die die Jour­na­li­sten an­ge­bo­ten be­kom­men und/oder die in ihr Welt­bild pas­sen.

Wenn jetzt ein lei­ten­der Jour­na­list ei­nes Bild­me­di­ums die Aus­sa­ge­kraft von Bil­dern der­art be­fragt, da­bei aber kei­ner­lei Be­den­ken hat, die­se Bil­der­aus­schnit­te, die be­wusst nicht die Rea­li­tät ab­bil­den, oh­ne er­klä­ren­den Kom­men­tar wie­der­zu­ge­ben, dann gleicht dies ei­ner Bank­rott­erklä­rung. Be­son­ders dumm ist die Be­mer­kung, man ha­be kei­nen Hub­wa­gen ge­habt – als hät­te es ein klä­ren­des Kor­re­spon­den­ten­wort nicht ge­tan.

Der Marsch der Staats- und Re­gie­rungs­chefs war eben nicht nur die In­sze­nie­rung der Trau­er (dar­an hät­te nie­mand et­was aus­zu­set­zen ge­habt). Die zwei­te In­sze­nie­rung, das Sym­bol der Ei­nig­keit über die frei­heit­li­chen Wer­te zwi­schen po­li­ti­scher Klas­se und dem Volk, wur­de je­doch ver­ra­ten. Da­mit ist die Se­pa­rie­rung ge­ra­de kei­ne In­sze­nie­rung, son­dern ma­xi­mal ein Schmie­ren­thea­ter, weil die Sug­ge­sti­on von Ge­mein­sam­keit auf­recht er­hal­ten wer­den soll­te.

Wer das als sy­stem­im­ma­nent ab­tut ver­rät da­mit, wie sehr sei­ne me­dia­len Ko­or­di­na­ten aus dem Gleich­ge­wicht ge­kom­men sind. Wer Leu­te, die dies kri­ti­sie­ren, pau­schal als »Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ker« dif­fa­miert, hat je­des Maß ver­lo­ren. Ein Nach­rich­ten­me­di­um, wel­ches die­ses Vor­ge­hen recht­fer­tigt, ver­liert an Glaub­wür­dig­keit. Auch der Kom­men­ta­tor der SZ, der für das in­sze­nier­te Bild als hi­sto­ri­sches Do­ku­ment ei­ne Lan­ze bricht, ver­gisst da­bei, was sol­che Bil­der am En­de sind: Pro­pa­gan­da.

Ein Satz in Gniff­kes pein­li­chem Ge­schimp­fe macht Mut: »...die­se Dis­kus­sio­nen hin­ter­las­sen Spu­ren in den Re­dak­tio­nen« schreibt er. Hof­fent­lich.

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  1. Gniff­ke hat sich ja dann doch noch zu ei­ner Ant­wort her­ab­ge­las­sen. Den „Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ker“ nimmt er be­dau­ernd zu­rück, klopft sich dann aber für „die gu­ten Ar­gu­men­te“ in der Sa­che auf die Schul­ter. Er ha­be im Ta­ges­spie­gel re­cher­chiert und da­nach sind die Po­li­ti­ker nicht in ei­ner Ne­ben­stra­ße ge­son­dert, son­dern mit Si­cher­heits­ab­stand vor­ne­weg mar­schiert. Die Ta­ges­schau ha­be al­so rich­tig be­rich­tet. Dan­ke, Ta­ges­spie­gel!
    Gniff­ke macht wie­der ein­mal klar, dass er die Kri­tik nicht ver­ste­hen will. Dass er sie ernst­haft nicht ver­steht, darf man nicht glau­ben, denn wer wür­de ei­nen Dumm­kopf zum Chef von Deutsch­lands Haupt­nach­rich­ten­sen­dung ma­chen.
    Aber ge­ra­de dass da kei­ne Dumm­köp­fe am Werk sind, macht die of­fen­sicht­li­chen Ma­ni­pu­la­tio­nen der Nach­rich­ten so­wie die un­säg­lich däm­li­chen Er­klä­run­gen Gniff­kes so schwer ver­dau­bar.

  2. Ich ha­be ca. 20 min nach ei­nem bes­se­ren ge­sucht, die wa­ren al­le ähn­lich auf­ge­macht (auch nach der Sen­dung im Ori­gi­nal).

    Die Bei­spie­le zei­gen auch, dass Me­di­en Rea­li­tät gleich­sam her­stel­len, im­mer, nicht nur wenn ge­schlampt oder sug­ge­riert wird. Des­halb ist das Ver­glei­chen so wich­tig, wie das selbst­stän­di­ge Nach­boh­ren.

  3. Dass es zu sol­chen Vor­fäl­len kom­men kann, leuch­tet mir ja noch ein. Aber dass man aus sol­chen Feh­lern nicht lernt, die­se nicht ein­mal ad­äquat kor­ri­giert und statt­des­sen von »Ver­schwö­run­gen« fa­selt – das ist schon sehr dreist.

  4. Man muss wis­sen, wel­chen Me­di­en man sein Ver­trau­en schenkt. Wenn der Guar­di­an aus­drück­lich be­tont, dass die Pa­ri­ser Po­li­zei sa­ge, dass der Gei­sel­neh­mer in der Post­fi­lia­le kein Ter­ro­rist sei, son­dern po­li­zei­be­kannt, dann glaubt man ihm lie­ber als dem deut­schen Spie­gel, der es wie­der auf­bauscht und mit Kon­no­ta­tio­nen der Le­ser zün­delt. (Wo­bei es die staats­chi­ne­si­sche CCTV auch brea­king ge­mel­det hat oh­ne Re­la­ti­vie­rung. In die hat es aber auch die Ham­bur­ger Mor­gen­post letz­tens schon ge­schafft im Nach­hall des Groß­ereig­nis­ses.)

  5. @Gregor
    Ja. Viel­leicht hängt das mit dem »War­um« zu­sam­men? Even­tu­ell auch mit der Grö­ße man­cher Un­ter­neh­men bzw. In­sti­tu­tio­nen? Ich ge­ste­he, dass ich mir manch­mal schwer tue, nur Feh­ler zu se­hen: Oder sind die Rei­hen der­art dicht ge­schlos­sen? Auf das Bei­spiel oben (Pa­ris) ge­münzt: Woll­te man das so zei­gen, da­mit »wir« [der We­sten] gut da­seht? War das ein po­li­ti­scher Auf­trag? Hat man al­le Bil­der nur über­nom­men? Bloß Zu­fall?

    @holio
    Me­di­en an sich sind kei­ne Ga­ran­tie, nur ten­den­zi­ell bes­ser oder schlech­ter (die FAZ ist ein ganz gu­tes Bei­spiel). Ich rich­te mich auch nach den Na­men von Jour­na­li­sten bzw. nach Emp­feh­lun­gen (na­tür­lich nicht aus­schließ­lich; ich le­se auch im­mer wie­der Tex­te, ob­wohl ich »weiß« was mich er­war­tet).

  6. @metepsilonema
    Ich se­he fast nur noch Feh­ler und muss auf­pas­sen, nicht pa­ra­no­id zu wer­den. Als am Sonn­tag die Be­rich­te über die De­mon­stra­ti­on in Pa­ris auf­ka­men, stör­te ich mich so­fort an den un­ter­schied­li­chen Zah­len. Mal war von 160.000 die Re­de, dann von 1,5 Mil­lio­nen. Was war ge­meint? Kei­ne Er­klä­rung, wo­bei ich zu­ge­ge­be­ner­ma­ßen nur die Zu­sam­men­fas­sun­gen zu un­ter­schied­li­chen Zei­ten ge­se­hen hat­te. Wo­mög­lich stim­men bei­de Zah­len, die ge­hen aber nur von un­ter­schied­li­chen Zähl­wei­sen aus. Ver­mut­lich wer­den mal al­le De­mon­stra­tio­nen ad­diert und mal nicht.

    Was mich stört ist zum Bei­spiel auch die Be­zeich­nung »Ter­ror« in Be­zug auf die Mör­der der Ka­ri­ka­tu­ri­sten und Po­li­zi­sten. Ein Ter­ror­akt ist will­kür­lich, be­trifft »Un­schul­di­ge« mit Vor­satz, d. h. es soll be­wusst ei­ne Angst für je­der­mann er­zeugt wer­den, dass es ihn tref­fen könn­te, bei­spiels­wei­se auf Flug­hä­fen, Bahn­hö­fen, in der U‑Bahn, etc. Die Ka­ri­ka­tu­ri­sten und de­ren Be­schüt­zer wur­den aber mit ei­nem Ra­che­vor­satz kalt­blü­tig er­mor­det. Al­lei­ne da­her ver­bie­tet sich der Ver­gleich mit dem 11. Sep­tem­ber 2001.

    Die Aus­sa­ge, dass die Staats- und Re­gie­rungs­chefs weit vor­ab bzw. auf ei­ner an­de­ren Rou­te aus Si­cher­heits­grün­den mar­schiert sind, hät­te das Bild der schein­ba­ren Ein­tracht zwi­schen Po­li­tik und Be­völ­ke­rung ge­stört. Es wür­de mich nicht wun­dern, wenn sich ir­gend­wann her­aus­stell­te, dass der Po­li­ti­ker­marsch so­gar zeit­ver­setzt statt­fand (er­in­nert an Sjöwall/Wahlöö »Die Ter­ro­ri­sten« aus den 1970er Jah­ren).

    Ich bin ja nach wie vor über­zeugt, dass hin­ter der­art fahr­läs­si­ger Be­richt­erstat­tung kein Sy­stem steckt. Es ist ein­fach ei­ne Mi­schung aus Lie­der­lich­keit und falsch ver­stan­de­nem Ver­ant­wor­tungs­be­wusst­sein. Letz­te­res be­schö­nigt Sach­ver­hal­te be­wusst, da­mit – wie es so schön heißt – die Ge­sell­schaft nicht ge­spal­ten wird. Dann kom­men sol­che Mach­wer­ke wie das hier zu Stan­de. Da­mit ent­fernt man sich na­tür­lich im­mer mehr von der trau­ri­gen Rea­li­tät.

  7. Die Be­grif­fe wer­den ste­reo­typ ver­wen­det, Pres­se­frei­heit, Mei­nungs­frei­heit, Ter­ror, De­mo­kra­tie, etc. Es soll an­ge­sichts der ge­walt­sa­men Er­eig­nis­se auf gar kei­nen Fall zu ab­wei­chen­den For­mu­lie­run­gen kom­men. Die­se Be­gren­zung ver­un­mög­licht auch ei­ne un­ab­hän­gi­ge Ana­ly­se. Kon­for­mi­tät bei den Be­grif­fen be­deu­tet Kon­for­mi­tät in den Po­si­tio­nen.
    Was uns (am Kü­chen­tisch) noch auf­ge­fal­len ist: der An­schlag galt nicht ei­ner links­li­be­ra­len Pa­ri­ser Re­dak­ti­on, son­dern ei­nem Sa­ti­re-Blatt. Ei­ne Sa­ti­re nimmt ei­gent­lich über­haupt nicht auf Wer­te-Kon­zep­te Be­zug, son­dern stellt je­de Nor­ma­li­tät auf den Kopf. Den­noch wird der Un­ter­schied im Gen­re kon­se­quent igno­riert. Es war die Pres­se selbst, die er­klärt hat: Wir sind ge­meint, wir sind Char­lie. Die­se Ver­ein­nah­mung hat durch­aus ei­nen stra­te­gi­schen Sinn, wenn man die im­mer deut­li­cher auf­tre­ten­de Kri­tik an der Po­li­ti­schen Öf­fent­lich­keit her­an­zieht. Da­mit kann man ei­ne ge­schwäch­te Po­si­ti­on vor­über­ge­hend wie­der auf­wer­ten.
    Ganz oh­ne Ver­schwö­rungs­theo­rie. Das ist völ­lig plau­si­bel. Wer kri­ti­siert schon ei­ne Bran­che, de­ren phy­si­sches Über­le­ben auf dem Spiel steht?!

  8. @Gregor
    Viel­leicht miss­ver­ste­hen wir ein­an­der: Ein Feh­ler ent­steht (meist? im­mer?) oh­ne Be­wusst­sein; klas­si­sches Bei­spiel: Ein Tipp‑, Recht­schreib- oder Gram­ma­tik­feh­ler pas­siert weil man es nicht bes­ser wuss­te, schlam­pig ge­ar­bei­tet hat, un­kon­zen­triert war, usf. Man hät­te ihn ent­we­der gar nicht ge­macht oder er wä­re noch wäh­rend der Ar­beit auf­ge­fal­len (er wä­re durch ei­nen an­de­ren Wis­sens- oder In­for­ma­ti­ons­stand be­ho­ben wor­den). Feh­ler pas­sie­ren, kön­nen, ja dür­fen es. — Fik­ti­ves Bei­spiel: Wenn die An­zahl der De­mon­stran­ten in Pa­ris (mir ging es da ähn­lich) oh­ne wei­te­re Er­läu­te­rung ge­nannt wird, dann muss man an­neh­men, dass sie für den Ort gel­ten von dem aus be­rich­tet wur­de. Wenn ei­ne Kor­re­spon­den­tin in Pa­ris (live) von drei Mil­lio­nen spricht und nichts wei­ter er­läu­tert, dann neh­me ich als Zu­se­her an, dass das für Pa­ris gilt (ich den­ke mir al­ler­dings: das ist schon et­was viel). Spä­ter tau­chen dann wei­te­re Zah­len auf, man fühlt sich be­stä­tigt und är­gert sich: Wie­der ei­ne Schlam­pe­rei (aber gut, kann pas­sie­ren).

    Et­was an­de­res ist der Be­richt (et­wa der Brenn­punktsen­dung) in dem ganz klar ge­zeigt wird, dass die Po­li­ti­ker die De­mon­stran­ten »an­ge­führt« hät­ten; kein Kom­men­tar und kein Bild, das wi­der­spricht (im Ge­gen­teil al­le stüt­zen die­sen Ein­druck). Das ist et­was an­de­res und für mich kein Feh­ler mehr, für den man sich ein paar Ta­ge spä­ter ent­schul­digt, denn das wur­de be­wusst so ge­schnit­ten und zu­sam­men­ge­stellt (dass das frem­des Bild­ma­te­ri­al war, kann für ei­nen feh­len­den Kom­men­tar kei­ne Aus­re­de sein). Ich be­haup­te nicht, dass da ein Sy­stem da­hin­ter­steht, nein, das ist aber auch kei­ne Schlam­pe­rei mehr, da wur­de ei­ne »Er­zäh­lung« ge­schaf­fen, die mit der Rea­li­tät in we­sent­li­chen Din­gen nicht mehr über­ein­stimmt. — Falsch ver­stan­de­nes Ver­ant­wor­tungs­be­wusst­sein könn­te ei­ne Er­klä­rung sein (in­klu­si­ve ge­rin­ger Di­stanz zu den Mäch­ti­gen). Nur: An die­sem Punkt sieht man sehr schön, wie lä­cher­lich und ver­lo­gen dann bei vie­len Zu­se­hern ei­ne nach­ge­reich­te Ent­schul­di­gung an­kom­men muss: »Es war ein Feh­ler, dass wir un­ter Ver­wen­dung von Steu­er­mit­teln durch un­se­re Be­richt­erstat­tung fal­sche Tat­sa­chen vor­ge­täuscht ha­ben.« Da wun­dert sich dann noch ir­gend­je­mand über ei­ne Flut von Le­ser­brie­fen und Be­schimp­fun­gen? Wie du wei­ter oben schon ge­schrie­ben hast, dreist (und dumm).

    Der Ver­gleich mit dem 11. Sep­tem­ber hört sich toll an: Schön aus der Hüf­te, »ge­schos­sen«: Frank­reichs 11. Sep­tem­ber! Ko­misch, kei­ner kam auf Ma­drid oder Lon­don zu spre­chen, die nä­her lie­gen (aber viel­leicht we­ni­ger Fa­nal sind). Na­tür­lich stimmt das nicht oder viel­leicht nur von den Aus­wir­kun­gen her, die wir noch gar nicht ken­nen (be­zeich­nend al­so, wie schnell die Phra­se auf­kam). — Über die Be­grif­fe ha­be ich auch schon nach­ge­dacht; »An­schlag« könn­te man ver­wen­den.

  9. die kal­te So­phie
    Kon­for­mi­tät bei den Be­grif­fen be­deu­tet Kon­for­mi­tät in den Po­si­tio­nen.
    Das wie­der ei­ner von Ih­ren Sät­zen, die mich fast ins Mark tref­fen, so klar sind sie.

    Tat­säch­lich im­mu­ni­siert sich die Pres­se­land­schaft – was Deutsch­land an­geht – durch die­sen An­griff. Der Vor­wurf der »In­stru­men­ta­li­sie­rung«, mit dem man ganz schnell an­de­re Grup­pen dif­fa­miert, müss­te man eben auch an den deut­schen Jour­na­lis­mus er­he­ben. Das ist an Schä­big­keit kaum zu über­tref­fen.

  10. Was ich schockie­rend fand: Wie to­tal sich Öf­f­rechtl. und an­de­re staats­na­he Me­di­en den Kom­mu­ni­ka­ti­ons­stand­punkt der Po­li­tik / der Re­gie­rung ein­neh­men. Da braucht’s gar kei­ne Wei­sun­gen aus dem Kanz­ler­amt – und des­we­gen gibt’s die ja auch nicht.

  11. @Doktor D
    Aber es sieht so aus, wenn man schnell oder vor­be­la­stet hin­sieht (da­zu kommt, dass es tat­säch­lich Fäl­le von in­ter­es­sen­ge­lei­te­ter »Be­richt­erstat­tung« gibt, ein Ana­lo­gie­schluss liegt na­he) — Da das Wort »Lü­gen­pres­se« nun auch of­fi­zi­ell zum Un­wort ge­kürt wur­de, wird das sei­nen Ge­brauch noch wei­ter be­feu­ern.

    [Ich wüss­te ger­ne, was sich ein Mit­ar­bei­ter der öf­fent­lich-recht­li­chen Me­di­en denkt, wenn er un­se­re Dis­kus­si­on liest.]

  12. @metepsilonema
    Mit­ar­bei­ter von öf­fent­lich-recht­li­chen Me­di­en le­sen sol­che ver­nach­läs­sig­ba­ren Blogs wie die­sen hier grund­sätz­lich nicht. (Ein­mal gab es ei­ne Aus­nah­me und ich er­hielt ei­ne Mail nebst Te­le­fon­an­ruf ei­nes Kor­re­spon­den­ten. Dies war aber wo­mög­lich nur durch ei­ne Bild­blog-Ver­lin­kung aus­ge­löst.)

    Falls durch ei­nen Zu­fall doch (s. o.), dann le­sen sie mit Si­cher­heit nicht die Kom­men­ta­re.

  13. Die An­ge­le­gen­heit ist längst un­durch­schau­bar ge­wor­den, da je­der et­was an­de­res ge­hört und ge­se­hen ha­ben will. Die­ser klei­ne, ei­gent­lich fast un­wich­ti­ge Vor­fall zeigt, wie Jour­na­lis­mus heut­zu­ta­ge funk­tio­niert: Zu­nächst wird weit und breit Sach­ver­halt A ((Marsch mit dem Volk)) ver­kün­det. Dann mel­den sich Zweif­ler und sa­gen, es war nicht A, son­dern B (was nicht ge­nau das Ge­gen­teil sein muss) ((se­pa­ra­ter Marsch)). Schließ­lich ent­steht die Kri­tik und/oder der »Shitstorm«, der Va­ri­an­ten von A und B pro­du­ziert, al­so bspw. A2 ((200 m vor der Men­ge)) oder A3 ((auf ei­ner an­de­ren Stra­ße)) und B2 ((ei­ne Stun­de vor­her auf ei­ner an­de­ren Stra­ße)), usw. Statt die Va­ri­an­ten nun zu sich­ten und auf­zu­klä­ren, ver­blei­ben sie als un­ter­schied­li­che Ver­sio­nen nicht nur im Netz, son­dern auch in den Re­dak­ti­ons­stu­ben. Wer nur »ta­ges­schau« und »ta­ges­the­men« ge­se­hen hat, kennt nur Va­ri­an­te A und hat von A2, A3, B und B2 noch nie et­was ge­hört.

    Wenn selbst sol­che ei­gent­lich leicht nach­prüf­ba­re Be­ge­ben­hei­ten nicht mehr jour­na­li­stisch auf­ge­klärt wer­den, ahnt man, war­um zum Bei­spiel kriegs­aus­lö­sen­de, pro­pa­gada­be­haf­te­te Er­eig­nis­se (ich den­ke an di­ver­se Ge­scheh­nis­se zu Zei­ten der Ju­go­sla­wi­en-Krie­ge in den 90ern) für im­mer ob­skur blei­ben.

  14. @ Gre­gor Gu­ter Hin­weis. Die Er­eig­nis­se, lo­kal in Raum und Zeit, brau­chen ge­naue Be­ob­ach­ter. Die Wirk­lich­keit lässt sich auch mal von au­ßer­halb des Raum-Zeit-Ho­ri­zonts be­stim­men, aber die Feh­ler wach­sen mit zu­neh­men­den Di­stan­zen. Viel­leicht sind un­se­re öf­fent­lich-recht­li­chen Be­ob­ach­ter auch nicht düm­mer als nor­ma­le Men­schen, aber mir schwant: ge­nau­er wird’s nicht.
    Das wä­re dann al­so al­les, was die mo­der­nen Me­di­en zur Auf­klä­rung bei­tra­gen konn­ten?! Ei­ne tra­gi­sche Er­fah­rung, um so mehr als man uns jahr­zehn­te lang die­se (völ­lig un­sin­ni­ge) gei­stes­ge­schicht­li­che Par­al­le­le auf­zwin­gen woll­te. Erst wehrt sich der ge­sun­de Men­schen­ver­stand, und dann stimmt’s nicht ein­mal.

  15. @Gregor
    Gut be­schrie­ben; es hängt viel­leicht auch da­mit zu­sam­men, dass im­mer ein neu­es The­ma hoch­kocht und der Auf­merk­sam­keits­fo­kus wei­ter springt; ei­ne Nach­be­ar­bei­tung, bzw. ein Ab­schluss ent­fällt da­durch, weil die mei­sten gar nicht mehr den­ken (die Zeit hat man viel­leicht nicht im­mer und die Mü­he macht man sich nicht, wo­bei ge­ra­de das wich­tig wä­re).

    Wo­bei Kriegs­grün­de (Aus­lö­ser) nicht aus­schieß­lich An­ge­le­gen­heit von Jour­na­li­sten sind, aber grund­sätz­lich hast Du recht.