Und ewig grüsst das Skan­da­lon

Ob tö­rich­ter Un­sinn oder ein­fach nur an­de­rer Stand­punkt: Es geht im­mer gleich ums Gan­ze, wenn das Feuil­le­ton­ge­richt tagt und ih­re Adep­ten sich em­pö­ren dür­fen.

»So wie ein Dich­ter po­li­tisch wir­ken will, muß er sich ei­ner Par­tei hin­ge­ben; und so­wie er die­ses tut, ist er als Po­et ver­lo­ren; er muß sei­nem frei­en Gei­ste, sei­nem un­be­fan­ge­nen Über­blick Le­be­wohl sa­gen und da­ge­gen die Kap­pe der Bor­niert­heit und des blin­den Has­ses über die Oh­ren zie­hen.«

Kaum ein Wort aus Goe­thes Ge­sprä­chen mit Ecker­mann dürf­te häu­fi­ger zi­tiert wor­den sein, wenn es wie­der ein­mal dar­um ging ei­nem Schrift­stel­ler sei­ne po­li­ti­schen Ver­feh­lun­gen oder ein­fach nur Fett­näpf­chen nach­zu­wei­sen. Fast im­mer gin­gen sol­che Vor­wür­fe da­mit ein­her, ihm/ihr auch gleich noch die li­te­ra­ri­sche Re­pu­ta­ti­on in to­to ab­zu­spre­chen.

Be­trach­tet man nur ein­mal die letz­ten ein­hun­dert Jah­re so ist die Ket­te der po­li­tisch in­kri­mi­nier­ten Schrift­stel­ler be­acht­lich. Man den­ke nur ein­mal an die Schrif­ten ei­nes ge­wis­sen Tho­mas Mann 1914, je­ne »Ge­dan­ken im Krie­ge«, die sich spä­ter noch in ei­nem Kon­vo­lut mit dem süf­fi­san­ten Ti­tel »Be­mer­kun­gen ei­nes Un­po­li­ti­schen« er­wei­ter­ten. Mann war da­mals – im Ge­gen­satz zu sei­nem Bru­der Hein­rich – ein ra­di­ka­ler Ver­fech­ter der deut­schen »Kul­tur«, die er der »Zi­vi­li­sa­ti­on« bei­spiels­wei­se der Fran­zo­sen als völ­lig über­le­gen an­sah. Et­was, was heu­te nichts an­de­res als Kopf­schüt­teln er­zeugt. Hin­ge­gen die Fra­ge, wel­cher der bei­den – Tho­mas oder Hein­rich – denn am En­de der sprachmäch­ti­ge­re Dich­ter ge­we­sen sei, ziem­lich ein­deu­tig be­ant­wor­tet wird.

Die üb­li­chen Ver­däch­ti­gen

Ich kür­ze die Dis­kus­si­on ab und nen­ne nur die Li­ste der üb­li­chen Ver­däch­ti­gen wie Ham­sun, Benn, Po­und, Cé­li­ne, Jün­ger, T. S. Eli­ot auf der rech­ten oder Ara­gon, Bloch, Sart­re und Feucht­wan­ger auf der lin­ken Sei­te. Ich er­läu­te­re nicht im De­tail die Na­zi-Treue Ham­suns, sei­nen Hit­ler-Nach­ruf, der ihn in Nor­we­gen, sei­ner Hei­mat, zur per­so­na non gra­ta mach­te. Ich di­ver­si­fi­zie­re nicht Ez­ra Pounds Mus­so­li­ni-Fas­zi­na­ti­on, sei­nen Mo­der­ne-Hass, sein Lieb­äu­geln mit dem Fa­schis­mus und sei­ne un­mensch­li­che Be­hand­lung, die man ihm da­nach hat an­ge­dei­hen las­sen. Und ich schwel­ge auch nicht in De­tails über die Gu­lag-Schön­red­ner, die bis in die 1970er Jah­re Sta­lin und Kon­sor­ten für die bes­se­ren Po­li­ti­ker hiel­ten als die »Im­pe­ria­li­sten« in den USA.

Im­mer nagt da auch der li­te­ra­ri­sche Zwei­fel: Kann man Ham­suns »Se­gen der Er­de« le­sen oh­ne an Blut und Bo­den zu den­ken? Wie­viel fa­schi­sti­sche Ge­sin­nung steckt in den »Can­tos«? 2011 dis­ku­tier­te das li­te­ra­ri­sche Frank­reich mit der üb­li­chen Po­le­mik und Lei­den­schaft, ob man dem An­ti­se­mi­ten Cé­li­ne ge­den­ken dürf­te. Noch sind die Ko­ali­tio­nen dort so, dass man die Fra­ge beim Sta­lin-Adep­ten Sart­re nicht stellt.

Die Men­ta­li­tät

Wie sieht es in Deutsch­land aus? Ent­ge­gen der land­läu­fi­gen An­nah­men setz­te früh ei­ne Dis­kus­si­on un­ter Li­te­ra­ten im Deutsch­land nach 1945 ein, wel­che Schrift­stel­ler für die Bun­des­re­pu­blik re­le­vant sein sol­len. Die Grup­pe 47, von Hans-Wer­ner Rich­ter aus­ge­dacht (es war ei­ne in­for­mel­le Grup­pe, die sich min­de­stens an­fangs aus­schließ­lich auf­grund von Rich­ters Prä­fe­ren­zen er­gab), wi­der­setz­te sich wenn auch sanft der durch­aus dro­hen­den Re­stau­ra­ti­on. Die »Mit­glie­der« der Grup­pe 47 ver­stan­den sich als li­te­ra­ri­sche und als po­li­ti­sche Ak­teu­re. Als un­ab­ding- und un­be­frag­ba­rer Zu­gangs­code zur Grup­pe galt ei­ne links­li­be­ra­le Ge­sin­nung, die Rich­ter »Men­ta­li­tät« nann­te. 1963 brü­ste­te sich Hans-Ma­gnus En­zens­ber­ger im Do­ku­men­tar­film zur Grup­pe 47 von Se­ba­sti­an Haff­ner da­mit, dass sich in der Grup­pe nie­mand be­fin­de, der ein Hit­ler-Ge­dicht ge­schrie­ben ha­be. Dies war ei­ne An­spie­lung auf Leu­te wie Gott­fried Benn, Gerd Gai­ser oder Ernst Jün­ger. Dass min­de­stens ein Waf­fen-SS-An­ge­hö­ri­ger und ein NSDAP-Mit­glied un­ter ih­nen re­gel­mä­ßi­ge Gä­ste wa­ren, wuss­te er da­mals noch nicht. Man be­kämpf­te in­tel­lek­tu­ell die als spie­ßig ver­ach­te­te Ade­nau­er-Ära und sym­pa­thi­sier­te mit der deut­schen So­zi­al­de­mo­kra­tie (Grass, Rich­ter) oder der APO der 68er (En­zens­ber­ger, Böll).

Der po­li­tisch en­ga­gier­te In­tel­lek­tu­el­le des 19. Jahr­hun­derts wur­de re­vi­ta­li­siert. Noch heu­te gilt Émi­le Zo­la als das Vor­bild hier­zu. Zo­la warf 1898 mit sei­nem Of­fe­nen Brief »J’accuse« dem fran­zö­si­schen Prä­si­den­ten vor, der Be­völ­ke­rung die wah­ren Hin­ter­grün­de der Drey­fus-Af­fä­re zu ver­schwei­gen, die zahl­rei­chen Ju­stiz­irr­tü­mer zu ver­tu­schen und mit Drey­fus ei­nen Un­schul­di­gen zu in­ter­nie­ren. Die Schrift­stel­ler der Grup­pe 47 en­ga­gier­ten sich in Zo­las Tra­di­ti­on in den Mas­sen­me­di­en, ver­fass­ten Re­fe­ren­den, Re­so­lu­tio­nen, Of­fe­ne Brie­fe, setz­ten sich teil­wei­se für oder in Par­tei­en für po­li­ti­sche Zie­le ein. Am En­de über­wölb­ten bei ei­ni­gen Prot­ago­ni­sten die po­li­ti­schen Stel­lung­nah­men zu al­len mög­li­chen The­men die schrift­stel­le­ri­schen Ak­ti­vi­tä­ten. Das Goethe’sche Ver­dikt schien zu­zu­tref­fen.1

Die Feuil­le­tons wa­ren spä­te­stens seit den 1970er Jah­ren stark po­li­ti­siert. Die An­sich­ten und Ur­tei­le von Schrift­stel­lern zu po­li­ti­schen und so­zia­len Fra­gen be­ka­men Re­le­vanz – je grö­ßer die Be­kannt­heit, de­sto hö­her der »Wert«. Häu­fig wur­den Schrift­stel­ler als Ver­stärker be­stimm­ter Mei­nungs­strö­me her­an­ge­zo­gen; sel­te­ner als Pro­vo­ka­teu­re. Im Lau­fe der Zeit nahm das In­ter­es­se an den zu­wei­len als mo­ra­lin­sauer wahr­ge­nom­me­nen Ein­wän­den je­doch ab. Die 68er hat­ten den Marsch durch die In­sti­tu­tio­nen an­ge­tre­ten und wa­ren an­ge­kom­men. Die Mah­ner von au­ßen wa­ren ob­so­let ge­wor­den.

Der Dschi­had des Feuil­le­tons

Ent­spra­chen die Ein­wür­fe nicht dem gän­gi­gen Mei­nungs­strom und wur­den gar die Me­di­en ob ei­ner ge­wis­sen Ein­sei­tig­keit an­ge­grif­fen, wur­de der ver­meint­lich be­grüss­te Ein­wurf scharf kri­ti­siert. Um nur ei­ni­ge der Er­re­gun­gen der letz­ten rund 20 Jah­re zu nen­nen, die nicht nur die Feuil­le­tons be­ben lie­ßen: Bo­tho Strauß’ »An­schwel­len­der Bocks­ge­sang«, Hand­kes Ju­go­sla­wi­en-Tex­te, Walsers Pauls­kir­chen­re­de, Slo­ter­di­jks »Men­schen­park«-Auf­satz, Mar­tin Mo­se­bachs Blas­phe­mie-Ver­bot, Grass’ Is­ra­el-Ge­dicht und jetzt ak­tu­ell Si­byl­le Le­wit­schar­offs Dres­den-Re­de.

Jetzt sind Hand­kes Be­rich­te über sein zer­fal­le­nes Ar­ka­di­en an­ders zu dis­ku­tie­ren als Bo­tho Strauß’ Ver­such ei­ner geo­po­li­ti­schen Ana­ly­se An­fang der 90er Jah­re oder Le­wit­schar­offs Dumm­hei­ten. Je­des der auf­ge­führ­ten Bei­spie­le hat ei­ne ei­ge­ne Ge­schich­te und müss­te se­pa­rat be­trach­tet wer­den. Sie sind auch nur sehr be­grenzt mit­ein­an­der ver­gleich­bar. Aber sie sind kenn­zeich­nend da­für, wie die Be­reit­schaft, sich mit auch noch so schein­bar ab­sei­tig er­schei­nen­den An­sich­ten und Ur­tei­len zu be­schäf­ti­gen, funk­tio­niert. Statt ei­ne Art em­pa­thi­scher Ex­ege­se zu ver­su­chen – die nichts mit Zu­stim­mung zu tun hat bzw. ha­ben muss – er­fol­gen so­fort Ver­dam­mungs­ur­tei­le. Mit wohl aus­ge­such­ten Zi­ta­ten wer­den die in­kri­mi­nier­ten Tex­te fast im­mer ent­kon­tex­tua­li­siert, um sie auf­grund ein­zel­ner »wei­cher« Stel­len (Un­ge­nau­ig­kei­ten, Po­le­mik) zu skan­da­li­sie­ren und den ge­sam­ten Text diskredi­tieren zu kön­nen. Da­bei wim­melt es häu­fig von wohl kal­ku­lier­ten Miss­ver­ständ­nis­sen, da der Ori­gi­nal-Text zu­meist nicht mehr her­an­ge­zo­gen wird, son­dern aus zwei­ter oder drit­ter Hand zi­tiert und hier­aus dann ge­schlos­sen wird. Es ge­nügt nicht, ei­nen Text ein­fach nur ein­mal »tö­richt« zu nen­nen. Oder Un­sinn. Es geht im­mer und so­fort ums Gan­ze. Fast im­mer wird auch gleich­zei­tig der Dschi­had des Feuil­le­tons, der Kul­tur­kampf, herbei­gerufen. In ei­ner zwei­ten Pha­se wird der Au­tor, die Au­torin, ad ho­mi­nem an­ge­grif­fen, das Werk mit ei­nem Fe­der­strich gleich mit dif­fa­miert und un­ter Ge­ne­ral­ver­dacht ge­stellt.

Sel­ten fin­det ei­ne dis­kur­si­ve Auf­ar­bei­tung des Skan­da­lons statt, wie zum Bei­spiel 1998 nach der Wal­ser-Re­de, in dem Wal­ser mit dem da­ma­li­gen Vor­sit­zen­den des Zen­tral­rats der Ju­den, Ignatz Bu­bis, sei­ne strit­ti­gen Äu­ße­run­gen öf­fent­lich dis­ku­tier­te.2 Am En­de brau­chen die Ja­ko­bi­ner üb­ri­gens kei­ne Angst zu ha­ben: Ge­gen sie wird nie ein ad­äqua­tes Ver­fah­ren er­öff­net. Wenn ih­re Dif­fa­mie­rungs­ver­su­che ins Lee­re lau­fen, wenn sich ihr Fu­ror als Fla­tu­lenz ent­larvt, ge­schieht – nichts.3

Das Feuil­le­ton­ge­richt tagt

Die Dis­kur­se im Feuil­le­ton­ge­richt wer­den apo­dik­tisch ge­führt. Ver­tei­di­ger gibt es zwar auch und man ge­steht ih­nen pflicht­schul­digst ei­nen Raum zu. Sie wer­den aber meist wü­tend ver­bis­sen. Hin­zu kommt, dass ih­nen ih­re Ver­tei­di­gungs­re­den ge­ge­be­nen­falls noch in an­de­ren Zu­sam­men­hän­gen vor­ge­legt wer­den kön­nen. X als Ver­tei­di­ger von Y – da ist es bes­ser, sich recht­zei­tig auf die rich­ti­ge Sei­te zu schla­gen oder zu schwei­gen.

Da­bei ist na­tür­lich auch fest­zu­stel­len, dass es nicht zwin­gend so zu­ge­hen muss. Da gibt es bei­spiels­wei­se In­go Schul­ze, der brav ka­pi­ta­lis­mus­kri­ti­sche Phra­sen re­ka­pi­tu­liert und es da­bei schon zu ei­ni­gen Talk­show-Auf­trit­ten ge­schafft hat. Oder Ju­li Zeh, die sich zu­sam­men mit Il­ja Tro­ja­now ge­gen Vor­rats­da­ten­spei­che­rung und NSA-Über­wa­chung ein­setzt. Da­bei neh­men Zeh und Tro­ja­now ei­ne Mei­nung ein, die par­tei- und medien­übergreifend Kon­sens ist und, ne­ben­bei, auch nicht viel ko­stet. Sie ren­nen da­bei ger­ne und pu­bli­kums­wirk­sam die viel­zi­tier­ten of­fe­nen Tü­ren ein. Auch die­ses Vor­ge­hen hat ei­ne ge­wis­se Tra­di­ti­on, wenn man an die zahl­rei­chen Wort­mel­dun­gen von Böll, Grass und an­de­ren denkt. Grass wur­de nach dem Ge­ständ­nis sei­ner Zu­ge­hö­rig­keit zu ei­ner Waf­fen-SS-Ein­heit vor­ge­wor­fen, er ha­be sich jahr­zehn­te­lang als das mo­ra­li­sche Ge­wis­sen der Bun­des­re­pu­blik in­sze­niert, wäh­rend er sel­ber die­ses dunk­le Ka­pi­tel sei­ner Bio­gra­phie ver­schwie­gen ha­be. Dar­aus sprach nichts mehr der ent­täusch­te Lieb­ha­ber, der fest­stel­len muss­te, dass sein Welt­bild eben nicht so schwarz-weiss war, wie es im­mer schien. Statt die Feh­ler bei sich sel­ber zu su­chen, prü­gel­te man auf den ge­stän­di­gen Grass ein, dem man da­mit in­di­rekt noch Recht gab: Nie­mals wä­re Grass in der Bun­des­re­pu­blik der­art wahr­ge­nom­men wor­den, wenn er sei­ne Waf­fen-SS-Ge­schich­te schon 1968 oder 1980 er­zählt hät­te.

Dies ver­ge­gen­wär­ti­gend kommt man zum Kern der Ma­lai­se: Es kommt nicht dar­auf, was ge­sagt wird, son­dern wer es sagt. Dies ist die ober­ste Ma­xi­me des Jour­na­lis­mus und ins­be­son­de­re des Bou­le­vard­jour­na­lis­mus, zu dem man das Feuil­le­ton im wei­te­sten Sin­ne sub­su­mie­ren kann. Li­te­ra­tur­kri­ti­ker sind bei­spiel­wei­se dann am hilf­lo­se­sten, wenn sie Tex­te be­ur­tei­len sol­len und kei­ne aus­rei­chen­den bio­gra­phi­schen Da­ten über den Au­tor ha­ben. Sie brau­chen die­se In­for­ma­tio­nen, weil sich aus Grün­den der Ein­fach­heit längst die per­so­na­li­sier­te Li­te­ra­tur­kri­tik zu Un­gun­sten der äs­the­ti­schen Durch­drin­gung von Tex­ten durch­ge­setzt hat.

Bit­te (m)ein Macht­wort!

Es gibt ihn, die­sen jour­na­li­sti­schen Drang nach dem Macht­wort, wel­ches von In­tel­lek­tu­el­len, Schrift­stel­lern, Künst­lern zu spre­chen sei und den gor­di­schen Kno­ten lö­sen mö­ge. Die Fra­ge, die die Mo­de­ra­to­rIn­nen in der 3sat-Sen­dung »Kul­tur­zeit« am häu­fig­sten stel­len, lau­tet: Was sa­gen die In­tel­lek­tu­el­len zum The­ma X oder Y? Be­zie­hungs­wei­se, im­mer leicht vor­wurfs­voll: War­um schwei­gen sie? Als sei die Ent­äu­ße­rung zwin­gend Pflicht. Jour­na­li­sten, die in Wirk­lich­keit kei­ne In­stanz au­sser sich sel­ber gel­ten las­sen, er­seh­nen plötz­lich das Be­kennt­nis des An­de­ren. Da­bei ist es al­ler­dings ein Irr­tum zu glau­ben, es gin­ge ih­nen um den neu­en Ge­dan­ken, die an­de­re Sicht, die au­ßer­ge­wöhn­li­che Ver­knüp­fung. Ge­fragt ist ein­zig Af­fir­ma­ti­on. Der An­de­re, der Schrift­stel­ler, soll das sa­gen, was man sel­ber denkt. Die lau­si­gen »my 2 cent«, wie im eng­li­schen die bil­lig­ste Äu­ße­rung, die Mei­nung, ge­nannt wird, soll durch das State­ment des Schrift­stel­lers, des In­tel­lek­tu­el­len zum Gold­dol­lar auf­ge­wer­tet wer­den. Es geht dar­um, dass ih­re Mei­nung au­to­ri­siert wird. Sag uns, was wir den­ken, so lau­tet die Ma­xi­me. Sie pre­di­gen den fruch­ti­gen, vol­len Wein der Plu­ra­li­tät, wol­len aber nur das Was­ser der Kon­for­mi­tät.

Der In­tel­lek­tu­el­le soll kei­nen neu­en Dis­kurs be­grün­den, er soll die Ge­sin­nung des Main­stream be­sie­geln. Wer dies tut, kann zu­ver­läs­sig mit der Auf­merk­sam­keit des Be­triebs rech­nen. Manch­mal drückt man dann auch bei­de Au­gen zu, wenn ein eher me­dio­kres Werk­chen aus der Drucke­rei tropft. Man kann das Win-Win-Si­tua­ti­on nen­nen, wenn man bö­se ist.

Die Ge­fahr der Prä­po­tenz

Die Schrift­stel­ler sind al­ler­dings al­les an­de­re als un­schul­di­ge Be­trof­fe­ne. Sie er­lie­gen all­zu oft ih­rer Ei­tel­keit, die ih­nen jah­re­lang sub­ku­tan in Form von Auf­merk­sam­keit und Kom­pli­men­ten in­ji­ziert wur­de. Sie füh­len sich ge­schmei­chelt, wenn sie zu ei­nem The­ma et­was sa­gen sol­len, blü­hen wo­mög­lich in ih­rer Rol­le auf. Sie trau­en sich so ir­gend­wann öf­fent­li­che Äu­ße­run­gen zu The­men zu, die sie nor­ma­ler­wei­se nur im pri­va­ten Rah­men dis­ku­tie­ren wür­den. Man gibt ih­nen das Ge­fühl: Dei­ne Stim­me zählt! Sag was!

Schrei­ben ist ei­ne ein­sa­me Tä­tig­keit; die Jo­sef Roths, die im Kaf­fee­haus Welt­li­te­ra­tur schrei­ben, sind sel­ten. Kaum je­mand be­kommt die Tex­te der Schrift­stel­ler vor der Fer­tig­stel­lung zu se­hen. Sie sind ge­wohnt, für sich zu ar­bei­ten. Ih­re In­stanz sind sie, sonst nie­mand. Hier äh­neln sie den Jour­na­li­sten. Der Un­ter­schied ist nur, dass Jour­na­li­sten Her­den­we­sen sind.

Schrei­ben von Li­te­ra­tur ist kein de­mo­kra­ti­scher Akt. Ich schrei­be; nie­mand »schreibt« mir et­was vor. Man ist zu­nächst auch noch sein ei­ge­ner Lek­tor, kor­ri­giert sich sel­ber. Je nach Pro­mi­nenz des Schrift­stel­lers fun­gie­ren die Lek­to­ren in den Ver­la­gen ja zu­meist nur als Ge­hil­fen. Dies lässt den Schrift­stel­ler in sei­ner Par­al­lel­welt und mit der Zeit prä­po­tent wer­den. Die Per­so­na­li­sie­rung von po­li­ti­schen (und auch li­te­ra­ri­schen) Dis­kur­sen (s. o.) tut sein Üb­ri­ges.

Die Er­war­tung an das au­ra­ti­sche Wort des Schrift­stel­lers ist schließ­lich auch beim Pu­bli­kum prä­sent. Die Kom­ple­xi­tät der Welt giert nach Er­klä­run­gen, nach Vor­bil­dern. In ei­ner Zeit, in der Schau­spie­ler und Sport­ler ein­zig auf­grund ih­res Sta­tus als Pro­mi­nen­ter po­li­ti­sche Ex­per­ti­se zu­ge­spro­chen be­kom­men, ist dies na­tür­lich kein Wun­der. Der In­tel­lek­tu­el­le dient da­bei noch als Di­stink­ti­ons­fi­gur: Mei­ne Mei­nung ist die des Schrift­stellers X, der Schrift­stel­le­rin Y; ihr Fern­seh­gucker hof­fiert die An­de­ren. We­he, die Di­stink­ti­on muss dann dem Ent­set­zen wei­chen. Ent­täu­schung macht sich breit. Da­bei wird ver­ges­sen, dass man sich im­mer nur sel­ber ent­täuscht. Wie­der eine/r we­ni­ger. Nicht nur die Luft wird dün­ner, auch die Bi­blio­thek.

Die ka­thar­ti­sche Wir­kung der Em­pö­rung

So­zia­le Netz­wer­ke ver­stär­ken das Em­pö­ren, weil es noch ein­fa­cher ge­wor­den ist. Man darf das nicht un­ter­schät­zen. Wenn es ge­gen den/die Richtige/n geht, spricht auch kein Arsch­loch mehr von ei­nem Shitstorm. Fuchs­jag­den gel­ten in Eng­land ja auch als Sport. In der Em­pö­rung über die ver­meint­li­che oder tat­säch­li­che Ent­glei­sung des In­tel­lek­tu­el­len liegt im­mer ei­ne ka­thar­ti­sche Wir­kung. Man rei­nigt sich gleich zwei­fach: Zu­nächst im Selbst-Be­kennt­nis zu den Rich­ti­gen zu ge­hö­ren. Und dann in der Dä­mo­ni­sie­rung des Un­ar­ti­gen. Wie schon ge­sagt: Ein tö­rich­tes Kopf­schüt­teln ge­nügt nicht. Es gilt, den Ap­plaus der Tri­bü­ne zu er­hal­ten.

Pe­ter Slo­ter­di­jk4 sieht in den fort­lau­fen­den Er­re­gun­gen, die in den Me­di­en er­zeugt wer­den, ei­ne Art La­ger­feu­er­funk­ti­on für die an­son­sten dis­pa­ra­te Ge­sell­schaft. Mit Skan­da­li­sie­run­gen wird kurz­zei­tig et­was zu­sam­men­ge­führt, was an­son­sten ausein­anderstrebt. Mit der Er­re­gung über die Käl­te des ver­meint­lich fehl­ge­lei­te­ten Wor­tes wärmt sich die Grup­pe der Gleich­ge­sinn­ten ihr Wohn­zim­mer. Er­re­gungs­wär­me beim Müt­chen-Küh­len. Für den Nach­schub an Heiz­ma­te­ri­al plün­dert man not­falls die Pa­pier­kör­be.

Die »Kap­pe der Bor­niert­heit«, die Goe­the dem po­li­tisch en­ga­gier­ten Dich­ter auf­setz­te, fin­det sich am En­de auf dem Kopf so man­ches Feuil­le­to­ni­sten wie­der, der die deut­sche Sehn­sucht nach dem Sau­be­ren, dem Rei­nen be­die­nen möch­te. In­tel­lek­tu­el­le und Po­li­ti­ker dür­fen kei­ne »schwar­zen Sei­te« ha­ben. Der Mann, der in dem Sketch von Lo­ri­ot am En­de mit ei­ner to­ten Maus als neu­em »Haus­tier« aus dem La­den geht, nach­dem er vol­ler Ver­zückung das ru­hi­ge, aus­drück­lich »kei­nen Schmutz« ma­chen­de »Tier« als »gol­dig« be­zeich­net hat, ist sym­pto­ma­tisch für die­se mor­bi­de Sehn­sucht und nur ein klein we­nig über­trie­ben. Man braucht sich dann kaum noch zu wun­dern, war­um die Li­te­ra­tur die­ser der­art dres­sier­ten Ge­sin­nungs­äff­chen so kraft­los und oh­ne In­ten­si­tät ist. Da­bei ist die For­de­rung nach ei­ner Re­po­li­ti­sie­rung der deutsch­spra­chi­gen Li­te­ra­tur ein pe­ri­fi­des Ma­nö­ver, was ins Bild passt. Li­te­ra­tur lie­sse sich da­mit noch ein­fa­cher an­hand der po­li­ti­schen Aus­sa­gen ru­bri­zie­ren. So kann der Ge­sin­nungs­dok­tor gleich zwei Flie­gen mit ei­ner Klap­pe schla­gen. Oder, um im Duk­tus des Sket­ches zu blei­ben, zwei gol­di­ge Tier­chen mit nach Hau­se neh­men. Zum Preis von ei­nem.


  1. Grass sug­ge­rier­te im Brief­wech­sel mit Brandt ge­le­gent­lich mit ei­nem ge­wis­sen Tri­umph, dass das Dik­tum bei ihm nicht gel­te – er en­ga­gie­re sich für die SPD und schrei­be neue Bü­cher. 

  2. Wal­ser konn­te un­ter Mit­hil­fe von Frank Schirr­ma­cher die Stig­ma­ti­sie­rung als An­ti­se­mit noch ab­wen­den. 2009 war es dann eben­die­ser Schirr­ma­cher, der den Vor­ab­druck von Walsers Ro­man »Tod ei­nes Kri­ti­kers« in der FAZ mit gro­ßem Aplomb ab­lehn­te. Wal­ser hat­te dort ei­nen Kri­ti­ker, der ein­deu­ti­ge Zü­ge von Mar­cel Reich-Ra­nicki trug, ka­ri­kiert und ster­ben las­sen. Schirr­ma­cher be­zich­tig­te Wal­ser nun in­di­rekt des An­ti­se­mi­tis­mus, wo­bei er und die an­de­ren An­klä­ger li­stig ver­schwie­gen, dass sich am En­de des Ro­mans her­aus­stellt, dass der fik­ti­ve Kri­ti­ker gar nicht ge­stor­ben war und sein Ver­schwin­den nur in­sze­niert hat­te. – Wie ab­surd die Blü­ten trei­ben kön­nen zeigt sich an ei­nem Ra­dio­ge­spräch mit Wal­ser an­läss­lich sei­nes 85. Ge­burts­tags. Die Mo­de­ra­to­rin frag­te Wal­ser, ob er An­ti­se­mit sei. 

  3. Ge­org Diez, ei­ner der gräss­lich­sten Bie­der­män­ner im deut­schen Feuil­le­ton, be­schmiss Chri­sti­an Kracht fol­gen­los mit Dreck. Die äl­te­ren er­in­nern sich wo­mög­lich noch an Ha­rald Wie­sers groß­auf­ge­zo­ge­ne Kam­pa­gne ge­gen Wal­ter Kem­pow­ski An­fang der 1990er Jah­re, als die­ser als Pla­gia­tor bloss­ge­stellt wer­den soll­te. Die Li­ste lie­sse sich be­lie­big ver­län­gern, nicht zu­letzt an­hand der ge­nann­ten Bei­spie­le. 

  4. über den neu­lich von den Muf­tis des »Frei­tag« ei­ne Art von Fat­wa aus­ge­spro­chen wur­de 

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91 Kommentare zu »Und ewig grüsst das Skan­da­lon«:

  1. Fritz Iversen sagt:

    Sehr gu­te Dar­stel­lung der Skan­da­li­sie­rungs­bla­sen. In die­sem ak­tu­el­len Fall hat die Epi­so­de al­ler­dings ei­nen un­ty­pi­schen Ver­lauf. Aus­lö­ser war ei­ne »Of­fe­ne Ant­wort« ei­nes Dra­ma­tur­gen, der sich of­fen­bar ver­pflich­tet fühl­te, na­mens des höf­lich ent­gei­ster­ten Pu­blki­ums die Re­de von Sy­bil­le Le­wit­schar­off nicht so im Raum ste­hen zu las­sen, als wür­de man ihr zu­stim­men.
    Das war aber noch »De­bat­te«. Da­nach blies das Netz die Backen auf – die an sich be­deu­tungs­lo­se Sa­che be­kam da­durch erst das Vo­lu­men, dass die »Leit­me­di­en« sich auch äu­ßern muss­ten. »We didn’t start the fire« wä­re hier viel­leicht auß­snahms­wei­se wahr, al­ler­dings kam es mir dann vor, als wür­den sich ein­ge Schrei­ber in ei­ner Art Wett­be­werb um die stärk­ste Hy­per­bel be­fin­den. Ge­won­nen hat dann wohl das Be­griffs­feld »Kle­ri­kal-Fa­schi­stin«, die mit ih­rer Re­de ganz fürch­ter­li­che Din­ge los­tre­ten wür­de, vor de­nen uns aus­ge­rech­net die Li­te­ra­tur­kri­tik war­nen muss.
    Sie schrei­ben so schön: »Li­te­ra­tur­kri­ti­ker sind bei­spiel­wei­se dann am hilf­lo­se­sten, wenn sie Tex­te be­ur­tei­len sol­len ...« – Tex­te im Ge­gen­satz zu Sto­ries – sehr wahr, ich wür­de das gar nicht wei­ter ein­schrän­ken. Und hier sind sie hilf­los, wenn Sie die Be­deu­tung ei­nes sol­chen Groß­red­ner­tums er­ken­nen sol­len – die Be­deu­tung dürf­te näm­lich mit und oh­ne auf­ge­pump­ter Auf­re­gung bei na­he­zu Null lie­gen und ist kei­ner be­son­de­ren In­vek­ti­ve wird.
    Da ist ja nichts, wor­an man sich län­ger er­in­nern müss­te, kein neu­er Ge­dan­ke, kei­ne be­mer­kens­wer­te For­mu­lie­rung, die ei­ne neue Per­spek­ti­ve auf­reißt.
    Ich ha­be auch et­was get­wee­tet, weil mir a) die Ver­bin­dung von na­iv-ka­tho­li­scher Fröm­mig­keit mit Ab­scheu vor Kin­dern auf­fiel und da­mit auch, dass der Schrift­stel­le­rin so et­was selbst nicht be­merkt, und weil ich b) mich wun­der­te, dass der Dra­ma­turg, der das Feu­er ent­fach­te, nicht wuss­te, wen er da ein­lädt. Ich ha­be mir die Mü­he ge­macht, die Re­de im Wort­laut zu le­sen, so weit ich konn­te, und ha­be nach ein paar Sei­ten ab­ge­bro­chen, ein­fach weil mir die­ser ver­ba­le Murks buch­stäb­lich phy­si­sches Un­be­ha­gen be­rei­tet. Wenn es we­nig­stens ein­fach vom Her­zen her ge­schrie­ben wä­re! Wenn mich der Text ir­gend­et­was spü­ren las­sen wür­de, wo­von Le­wit­schar­off be­haup­tet, dass sie es spü­ren wür­de! Doch L. kann es nicht. Sie schreibt re­gel­recht di­let­tan­tisch. Sie bringt die Sti­le­be­nen oft in ei­nem Satz durch­ein­an­der, greift statt dem tref­fen­den Wort ein­fach nach dem Fal­sche­sten oder Dümm­sten, das sie fin­den kann, pu­delt die Sät­ze mit über­flüs­si­gen Ad­ver­bi­en auf, füllt stän­dig quä­len­den Dämm­stoff ein, »reich­lich, ja über­reich­lich«, und wenn man dann schaut, was ge­dank­lich un­ter dem Ge­hol­per ver­bor­gen liegt, dann sind das nur die tri­via­len Seuf­zer, ob das denn al­les gut und rich­tig sei mit der Ap­pa­ra­te­me­di­zin. Das ist als Fra­ge ein Ge­mein­platz und schon lan­ge ein The­ma für die Li­te­ra­tur. Da­vid Wag­ner hat üb­ri­gens an­hand sei­ner selbst da­zu ein gro­ßes Buch ge­schrie­ben, da ging es um Ret­tung vor dem Tod. Man kann oder muss so­gar, wenn man schon was sagt zu dem The­ma »men­schen­wür­di­ges Ster­ben«, auch an Herrn­dorf den­ken.
    Vor sol­chen (und es gibt ja noch viel mehr) li­te­ra­ri­schen Be­zugs­grö­ßen kann ich nur zum Be­fund kom­men, dass es bei Le­wit­schar­off nur ei­nen li­te­ra­ri­schen Skan­dal zu dis­ku­tie­ren gä­be, der al­ler­dings we­nig mit der Re­de zu tun hat, aber auch viel mit dem Um­feld in den Feuil­le­tons, das Sie an­spre­chen, und dem ich ge­nau dies auch at­te­stie­ren wür­de, näm­lich dass Ju­rys und Kri­ti­ker mei­stens­teils ge­schmack­lich höchst un­si­cher sind und nicht wis­sen, wie sie et­was fin­den sol­len, es sei denn je­mand gibt ih­nen schon die Rich­tung vor, und zwar mög­lichst sim­pel. Mal be­zie­hen die in­of­fi­zi­el­len Buch­wa­ren­pro­mo­ter ih­re Vor­ein­stel­lung di­rekt von den Ver­la­gen, mal aus dem Tratsch, mal aus dem Netz. So sind sie. Und so geht das dann mit dem Büch­ner­preis ...

    #1

  2. @Fritz Iver­sen
    Ja, Le­wit­schar­offs »Fall« ist tat­säch­lich un­üb­lich. Und auch wie­der nicht: Die Re­de ist ja tat­säch­lich el­len­lang; die in­kri­mi­nier­ten Stel­len fin­den sich ziem­lich am En­de. Die ge­le­gent­lich ge­stell­te Fra­ge, war­um es kei­nen Pro­test aus dem Pu­bli­kum ge­ge­ben ha­be, ist ver­mut­lich ein­fach zu be­ant­wor­ten: Die Leu­te ha­ben schlicht­weg nicht mehr zu­ge­hört, bzw., ge­nau­er: ab­ge­schal­tet. Ich ken­ne das sel­ber von mir: Wenn mich et­was über­haupt nicht in­ter­es­siert, ver­ges­se ich qua­si so­fort das Ge­hör­te, ha­be kei­ne Er­in­ne­rung mehr dar­an.

    Er­in­nert wur­de ich auch an Walsers Pauls­kir­chen­re­de, die ich durch Zu­fall da­mals live im Fern­se­hen sah. Auch dort rühr­te sich am En­de nur Ap­plaus, kei­ne auch nur an­satz­wei­se sicht- bzw. hör­ba­re Em­pö­rung wie dann spä­ter, ob­wohl Wal­ser schnel­ler »zur Sa­che« kam.

    Nun sind Dämm­stof­fe und Auf­plu­ste­run­gen in ei­ner Re­de ja durch­aus Mit­tel der Rhe­to­rik. Le­wit­schar­offs Li­te­ra­tur schät­ze ich schon, wenn sie auch ge­le­gent­lich ei­ne Vol­te zu­viel schlägt. Ich ver­mu­te ein­fach, dass ihr der Büch­ner­preis ein biss­chen zu Kopf ge­stie­gen ist. Sie glaub­te wie wei­land Sieg­fried in Dra­chen­blut ge­ba­det und schier un­ver­wund­bar zu sein. Shit hap­pens.

    #2

  3. Herr Jedermann sagt:

    Aber gu­te Be­ob­ach­tung Fritz Iver­sens, dass das ei­gent­lich zu­erst mal ein li­te­ra­ri­scher Skan­dal ist: Aus­ge­rech­net der für ih­re ar­ti­fi­zi­el­le Kunst ge­lob­ten Sy­bil­le pas­siert ein der­art sprach­li­cher Murks (der sich dann prompt auch noch als den­ke­ri­scher ent­puppt). Mal vu – mal dit.

    An­son­sten tei­le ich die Ein­schät­zun­gen hier. Ich hat­te es auch spon­tan et­was nied­ri­ger zu hän­gen ver­sucht, à la, dass die Ge­fei­er­te sich wohl durch ih­re zahl­rei­chen Prei­se zu ei­ner ver­irr­ten Ge­ne­ral-Kom­pen­tenz ver­führt sah. Sa­scha Lo­bo hat­te das we­gen S. L.s (sic) Wort­wahl und An­klang an »Le­bens­born« – al­lein das ei­ne wirk­li­che Kom­plett­ver­ir­rung – aber gleich für »fa­schi­stisch« ge­hal­ten, und sol­che Tot­schla­ge­wör­ter hal­te ich dann ih­rer­seits lie­ber für eher ar­gu­men­ta­ti­ve »End­lö­sun­gen« denn als hilf­rei­che Qua­li­fi­zie­run­gen.

    Ich fra­ge mich, ob sol­che Dis­kur­se auch an­ders­wo – und nach ähn­li­chen Me­cha­ni­ken – im­mer in den glei­chen Fuß­an­geln und Un­tie­fen hän­gen blei­ben? (Al­so in Frank­reich et­wa an Drey­fus, Kol­la­bo­ra­ti­on und Al­ge­ri­en.)

    An­son­sten mei­ne ich aber auch ein Un­be­ha­gen mitt­ler­wei­le in der hier agie­ren­den »Öf­fent­lich­keit« selbst zu se­hen: Zu vie­le schril­le, aber die Auf­merk­sam­keit nicht wer­te Stim­men. Ei­ne Art ge­sell­schaft­li­cher ADHS wirkt da. Und die Ah­nung, wie es – ein Neid auf die Ukrai­ner, die um un­gleich We­sent­li­che­res zu kämp­fen ha­ben? – ei­gent­lich um ei­nen nie so ge­nau fest­zu­ma­chen Er­satz von De­bat­te geht. Je­den­falls weiß man selbst, wie all­zu bald ent­glei­send sol­che Dis­pu­te sind. Und dann sind auch im­mer die fal­schen in der Po­si­ti­on – aber die ja wohl auch eben des­we­gen: Diez et. al. – al­les ent­spre­chend zu­zu­spit­zen. Es muss das auch ein Dienst am Le­ser sein.

    #3

  4. tbl sagt:

    In­ter­es­sant fin­de ich: Sie spre­chen den Schrift­stel­lern das Recht zu, sich frei zu äu­ßern, den Feuil­le­tons spre­chen Sie die­ses Recht aber ab bzw. kri­ti­sie­ren es als »Müt­chen küh­len«. Feuil­le­tons ha­ben »oh­ne Kon­se­quenz« Schrift­stel­ler in den Schmutz ge­zo­gen. Was ist denn Mar­tin Wal­ser oder Gün­ter Grass schlim­mes pas­siert? Wer­den sie nicht auch in Zu­kunft gut vom Bü­cher­schrei­ben le­ben kön­nen? Mir scheint, sie mes­sen mit zwei­er­lei Maß.

    #4

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  6. Fritz Iversen sagt:

    @tbl Der Un­ter­schied zwi­schen der frei­en Re­de von wem auch im­mer zu ei­nem The­ma und dem Be­richt dar­über in der Pres­se ist meist der, dass die Pres­se die Auf­merk­sam­keit er­ben will und des­halb die da­für be­ste Grund­ton­art nutzt, die Per­so­na­li­sie­rung und Mo­ra­li­sie­rung. Im »Skan­dal« wird des­halb schnell nur noch über die Per­son de­bat­tiert, nicht das The­ma. (Pas­siert al­ler­dings be­son­ders schnell, wenn am The­ma nicht viel dran ist.) Und dann ha­ben wir die­ses fürch­ter­li­che Set­up, bei dem man, egal wie man zu der Per­son an­son­sten steht, ei­ne Wolfs­meu­te den Ein­zel­nen um­stellt. Die­se Ge­fahr geht üb­ri­gens in be­son­de­rem Maß von den Netz-Dis­ku­tan­ten aus – da bel­len dann auf einemal Leu­te da­zwi­schen, die we­der Per­son noch Text ken­nen.
    Üb­ri­gens scheint sich die Pres­se auch um Fair­ness be­müht zu ha­ben: Die FAZ hat kri­ti­sert, aber auch Raum zur Ge­gen­wehr ein­ge­räumt. Auch das Fern­se­hen hat die An­ge­grif­fe­ne zu Wort kom­men las­sen. Um so er­staun­li­cher: Der Ver­lag hat sich di­stan­ziert ge­äu­ßert im Ton ei­nes Mi­ni­ste­ri­ums (»wie sich un­se­re Be­am­ten in ih­rer Frei­zeit zu all­ge­mei­nen The­men des Le­bens äu­ßern tun ... ma­chen wir uns icht zu ei­gen«). Ging na­tür­lich nicht an­ders, es dürf­ten sich et­li­che Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen »an­ge­pisst« ge­fühlt ha­ben.
    Was ei­ni­ge »An­ti­gut­men­schen«, al­so rech­te Krei­se, die von gar nichts mehr ei­ne Ah­nung ha­ben, au­ßer dass da ge­ra­de ei­ne öf­fent­li­che Mo­ral­de­bat­te läuft, dann auch vor­laut wer­den lässt, ist der Um­stand, der auch mir un­an­ge­nehm auf­stößt: näm­lich ei­ne De­bat­te, de­ren Ziel Sprach­ver­bo­te zu sein scheint. Ich bin ab­so­lut da­für, dass Le­wit­schar­off von »Halb­we­sen« und ih­rem Ab­scheu da­vor spre­chen darf und so­gar soll, wenn sie das so meint und so sa­gen möch­te. Und mei­net­we­gen ih­re kru­den As­so­zia­tio­nen zur in vi­tro Fort­pflan­zung und prä­na­ta­len Me­di­zin auch noch aus­spricht. Ich hal­te das nicht für ei­ne Ge­fahr für ir­gend­et­was. Das ist al­les von ei­ner so länd­li­chen Schlicht­heit und Un­ter­in­for­miert­heit, dass man da nur den Kopf schüt­telt und dann sinkt der Un­sinn in den Bo­den und wird ver­ges­sen. Was man von ihr als Büchner-&etc.-Preisträgerin ver­lan­gen muss: dass sie mit ih­rer Spra­che sorg­fäl­tig um­geht. Das ist ihr Job. Und das tut sie nicht. Der Text ih­rer Re­de ist ein ein­zi­ges li­te­ra­ri­sches Un­glück. Selbst die per­sön­li­chen Ge­schich­ten, die eben des­we­gen ja noch be­rüh­ren kön­nen, lie­gen sprach­lich auf Ama­teur-Ni­veau: »Mein Va­ter er­häng­te sich in sei­ner Pra­xis und ließ bei die­ser ent­setz­li­chen Art des To­des auch noch zu, dass mei­ne Mut­ter ihn so fin­den muss­te. Er war ein an­ge­se­he­ner Arzt, be­saß ei­nen gro­ßen Freun­des­kreis und ver­dien­te in den sech­zi­ger Jah­ren sehr gut. Wahr­lich, kein Mau­er­blüm­chen.« Da müss­ten gut und ger­ne 14, 15 Wor­te weg, da­mit man den Text je­man­dem von der schrei­ben­den Zunft zu­rech­nen wür­de. Mit die­ser ent­setz­li­chen Art des Schrei­bens vors Pu­bli­kum zu tre­ten, das er­for­dert al­ler­dings Mut. Aber wahr­schein­lich sind die Zu­hö­rer, wie Gre­gor Keu­sch­nig ganz ein­leuch­tend ver­mu­tet, ein­fach schnell ein­ge­schla­fen.

    #5

  7. @Herr Je­der­mann
    Ich ha­be nur ru­di­men­tä­re Kennt­nis­se von sol­chen Dis­kur­sen in Frank­reich und be­kom­me im­mer nur das mit, was BHL und Glucks­mann so sa­gen. Ge­nau­er ken­ne ich es nur, was Handke/Jugoslawien an­geht, und das war ja ziem­lich er­schreckend. Nicht, dass man Hand­ke kri­ti­siert hat, son­dern wie man bspw. sein Stück vom Spiel­plan der Co­mé­die Françai­se ab­setz­te – ein Stück, dass mit der Ju­go­sla­wi­en-Pro­ble­ma­tik rein gar nichts zu tun hat, Jah­re vor­her ent­stan­den war, usw. Die Cé­li­ne-Dis­kus­si­on 2011 muss hef­tig ge­we­sen sein – Er­geb­nis: er wird ins Be­schwei­gen ver­dammt. Und BHL mel­det sich zu al­len The­men zu Wort, so et­wa neu­lich, als er den Sport­lern der Olym­pi­schen Spie­le zu­rief, dass an ih­ren Me­dail­len Blut kle­be – we­gen des Ukrai­ne-Kon­flikts. Ei­ni­ge Ta­ge spä­ter ge­wann die ukai­ni­sche Bi­ath­lon-Staf­fel der Frau­en die Gold­me­dail­le. Die sa­hen das an­ders.

    Die­ses jour­na­li­sti­sche bzw. ge­sell­schaft­li­che ADHS (sehr schö­ne For­mu­lie­rung) ist na­tür­lich sy­stem­im­ma­nent: Die Sei­ten der Zei­tung und, noch schlim­mer, die Ko­lum­nen, müs­sen ge­füllt wer­den. Ein Herr Lo­bo mag über sei­ne The­men über Kom­pe­tenz ver­fü­gen, aber ewig die glei­che Ko­lum­ne – das mag er nicht. Hier las­sen sich – um noch ein­mal ei­ne Sport­for­mu­lie­rung zu ge­brau­chen – wich­ti­ge Aus­wärts­punk­te sam­meln.

    Das Un­be­ha­gen in der Pu­bli­zi­stik ist al­ler­dings da, sie­he Po­s­ch­ardt. Da­zu muss man aber sa­gen, das vor­her Käm­mer­lings in der Welt drauf­ge­hau­en hat­te.

    @Fritz Iver­sen
    Le­wit­schar­off hat­te den Frei­tod ih­res Va­ters ja schon in Apo­sto­loff ge­schil­dert – üb­ri­gens sehr zu­rück­hal­tend und über ih­ren Va­ter sehr warm spre­chend. Viel­leicht ist es wirk­lich so, dass sie Zaum braucht, sprich: ei­nen Lek­tor, ei­ne Lek­to­rin, die ih­re Wort­schaum­kro­nen glät­tet. Das ist bei der Re­de wohl un­ter­blie­ben.

    Das Ver­hal­ten des Ver­la­ges fin­de ich sehr schwach. Man hät­te auch schwei­gen kön­nen, was man aber aus Angst vor Über­iden­ti­fi­ka­ti­on nicht ge­macht hat.

    #6

  8. PS @Herr Je­der­mann: Es muss das auch ein Dienst am Le­ser sein.

    Das ist ein sehr in­ter­es­san­ter As­pekt. Das mei­ne ich im wei­te­sten Sinn mit »ka­thar­ti­scher Wir­kung«. Die­se gilt nicht nur für den Journalisten/Feuilletonisten, son­dern auch für den Le­ser. In Blogs, so­zia­len Netz­wer­ke und On­line­fo­ren wird dies nun so­zu­sa­gen po­ten­ziert: Die Em­pö­rung wird nicht nur aus­ge­drückt, son­dern auch wei­ter for­mu­liert. Hier­bei ent­steht die­ses von Fritz Iver­sen be­schrie­be­ne »fürch­ter­li­che Set­up« erst. Der Dienst am Le­ser be­steht dar­in, dass man die Rich­tung vor­ge­ge­ben hat, in der nun die Meu­te den Fuchs jagt. Das er­in­nert ge­le­gent­lich an We­stern­fil­me, in de­nen ei­ner auf ei­nen ver­meint­li­chen Pfer­de­dieb zeigt. Erst in die­sem Zei­gen wird die Men­ge auf­ge­sta­chelt.

    Die­ses Spiel ist alt­be­kannt und wird seit Jahr­zehn­ten prak­ti­ziert. Durch die On­line­me­di­en ent­steht al­ler­dings ei­ne neue Dy­na­mik. Ich glau­be wirk­lich, dass es ein »Markt« ist, sich über al­les mög­li­che zu em­pö­ren. Es schafft neue Zu­ge­hö­rig­kei­ten, stif­tet Ge­mein­schaf­ten. Die­je­ni­gen, die sich da­bei um Kopf und Kra­gen schrei­ben (Ma­tus­sek war kürz­lich so ein Fall) sind nichts wei­ter als Kol­la­te­ral­schä­den.

    #7

  9. die_kalte_Sophie sagt:

    @ Iver­sen @ Je­der­mann @ Keu­sch­nig

    Das se­he ich ganz an­ders. Ihr habt al­le die un­ziem­li­che Per­so­na­li­sie­rung ver­ur­teilt, be­eilt euch aber im sel­ben Atem­zug, Le­wit­schar­off als mit­tel­mä­ßi­ge Schrift­stel­le­rin ein­zu­ord­nen. Geht’s noch ar­ro­gan­ter?!
    Ih­re »Lei­stun­gen« und der da­mit ver­bun­de­ne Büch­ner­preis sind Schnee von ge­stern. Der Skan­dal be­rührt nicht die Qua­li­tät ih­rer Li­te­ra­tur. Ja, ich muss an­neh­men, dass ihr doch ein biss­chen mit der Run­ter-Ma­che ein­ver­stan­den seid, weil es die »Rich­ti­ge« ge­trof­fen hat. So was von hy­per­kri­ti­zi­stisch: »Von ei­nem Li­te­ra­tur­preis­trä­ger er­war­tet man bei ei­ner Re­de...«.
    Ich kann dar­aus nur fol­gern: ihr seid al­le der Mei­nung, es gab kei­nen Skan­dal. –Ich sa­ge ich: Doch!, es gab ihn. Er wur­de ein wei­te­res Mal in den be­kann­ten Re­dak­tio­nen an­ge­zet­telt, weil der Skan­dal an sich (He­gel) mitt­ler­wei­le völ­lig de­ren Ver­fü­gungs­ge­walt un­ter­liegt. Er ver­tieft ein wei­te­res Mal bis zur end­gül­ti­gen Feind­schaft den Ab­stand zwi­schen jour­na­li­sti­scher und li­te­ra­ri­scher Öf­fent­lich­keit.
    Kaum der Re­de wert?!

    #8

  10. Fritz Iversen sagt:

    @die_kalte_Sophie Mo­ment, Gre­gor K. fin­det die Bü­cher von S. Le­wit­schar­off ei­gent­lich ganz gut. Ich hal­te sie für et­was an­de­res. Und der Skan­dal wur­de dies­mal nicht von den Re­dak­tio­nen an­ge­zet­telt, son­dern le­dig­lich ver­stärkt, teils re­flek­tiert und nüch­ter­ner be­trach­tet als von der be­rühmt-be­rüch­tig­ten »Netz-Öf­fent­lich­keit«. Die Re­dak­tio­nen sind da nur Nach­läu­fer der öf­fent­li­chen Mei­nung.
    »Er ver­tieft ein wei­te­res Mal bis zur end­gül­ti­gen Feind­schaft den Ab­stand zwi­schen jour­na­li­sti­scher und li­te­ra­ri­scher Öf­fent­lich­keit.« Das ist ein in­ter­es­san­ter Ge­dan­ke. Wo­bei ich den Ab­stand gar nicht so sehr zwi­schen jour­na­li­sti­scher und li­te­ra­ri­scher Öf­fent­lich­keit se­he, son­dern zwi­schen ... Li­te­ra­tur und Me­di­en­kon­su­men­ten. »»They live on ano­t­her si­de whe­re be­au­ty goes un­re­co­gni­zed ...«
    Da wür­den wir jetzt aber wie­der tief in ei­ne Feuil­le­ton-Dis­kus­si­on ge­ra­ten. Die Zei­tun­gen sind doch mei­sten­teils ganz zahm und nett. Das Ur­teils­ver­mö­gen ist bei vie­len ge­ring. Wer bei Le­wit­schar­off im­mer wie­der den ab­ge­latsch­ten To­pos von der »Sprach­macht« kol­por­tiert, hat sich in mei­nen Au­gen gleich dop­pelt dis­qua­li­fi­ziert. Re­gel­recht il­li­te­ra­te Schrei­ber fin­den sich manch­mal bei TAZ und Spie­gel (aber auch so et­was ge­hört da­zu, das gab es im­mer). Die Span­nung zwi­schen den Au­toren und wo sie ge­dank­lich ste­hen auf der ei­nen Sei­te, den Zei­tungs­schrei­bern und der Ge­sell­schaft auf der an­de­ren Sei­te gab es ja im­mer. Hol­thu­sen und Com­pa­ny in den 50er und im­mer so wei­ter.
    Mir reicht es, mir vor­zu­stel­len, was an­de­re aus dem The­ma ge­macht hät­ten. Wie hät­ten z.B. Je­li­nik dar­über ge­schrie­ben? Oder Mo­ni­ka Ma­ron? Das reicht mir, um den Text zum Wei­nen zu fin­den.

    #9

  11. Jenny sagt:

    Ein Ne­ben­as­pekt des »Skan­dals« ist, wie schnell Le­wit­schar­off zu ei­ner Ent­schul­di­gung ge­drängt wur­de, nach­dem Re­de und Re­plik von den so­ge­nann­ten Qua­li­täts­me­di­en auf­ge­grif­fen wur­de. Man schaue sich den Aus­schnitt aus dem Mor­gen­ma­ga­zin an (läßt sich lei­der nicht di­rekt ver­lin­ken, es ist aber pro­blem­los in der ZDF Me­dia­thek auf­zu­fin­den), in dem Le­wit­scha­riff förm­lich von dem In­ter­view­er zu ei­ner Ent­schul­di­gung ge­drängt wur­de, und der sich sich selbst da­nach noch nicht rich­tig zu­frie­den gab, so hat­te es den An­schein. Ein be­schä­men­des Spek­ta­kel.

    #10

  12. die_kalte_Sophie sagt:

    @ Iver­sen
    Hast Du denn ei­ne To­po­lo­gie des Skan­dals?! Schon, was der Dra­ma­turg ge­macht hat, er­in­nert doch an DUNKELSTE Zei­ten! Lies mal ein biss­chen bei Hei­ner Mül­ler nach, Skan­dal um »Die Um­sied­le­rin«.
    Die öf­fent­li­che Mei­nung der »Ar­beit« in den Re­dak­tio­nen vor­an­zu­stel­len, -das ist doch kon­stru­iert. Seit wann be­steht die öf­fent­li­che Mei­nung denn (kau­sal) un­ab­hän­gig von den Me­di­en?!
    An­son­sten: d’accord.

    #11

  13. Herr.Jedermann sagt:

    Hier geht jetzt aber Et­li­ches durch­ein­an­der.

    Was der Spre­che­rin vor­zu­wer­fen ist, dass sie ih­re Rol­le sel­ber nicht be­grif­fen hat. Als Li­te­ra­tin se­he ich sie kaum an­ge­zwei­felt.
    Ich den­ke so­gar, dass die mei­sten Fo­ren-Hy­ste­ri­ker sie gar nicht le­sen – Bü­cher, Büch­ner­preis­trä­ge­rin – das ist wie ei­ne Me­dail­le in ei­ner ir­rele­van­ten Sport­art, al­so ei­ner, die kei­ne Spon­so­ren hat.)

    (Ich sel­ber fin­de man­che Bü­cher Le­wit­schar­offs eher le­sens­wert, auch wenn ich die Be­gei­ste­rung über „Blu­men­berg“ nicht tei­len konn­te, und die Zu­stim­mung da­für sie, S. L., viel­leicht so­gar ein biss­chen brav ge­macht hat, fin­de ich.)

    Dann: Die Öf­fent­lich­keit hat sel­ber erst mal gar kei­ne Mei­nung. Sie ist be­sten­falls ihr Er­re­gungs- und Re­so­nanz­raum und schaut der Mei­nungs­bil­dung mit­tels pro­non­cier­te­rer und da­für ab­ge­ord­ne­ter Stim­men zu. Die Re­dak­tio­nen be­die­nen hier Be­dürf­nis­se (In­for­ma­ti­on, Un­ter­hal­tung, Skan­da­le … und emo­tio­na­le Far­ben), aber nicht mal Mehr­hei­ten oder über­wie­gen­de Te­nö­re zei­gen die Hal­tung die­ser omi­nö­sen Öf­fent­lich­keit selbst auf. Die ist, wenn nicht in­dif­fe­rent, so­gar ohn­mäch­tig – ähn­lich wie ge­gen­über Po­li­ti­kern, die viel zu un­scharf als Re­prä­sen­tan­ten von ir­gend­was gel­ten.

    Die Ent­schul­di­gung aber ist tat­säch­lich per­fi­der Teil ei­nes öf­fent­li­chen Spiels, das mit Hy­gie­ne (oder Ka­thar­sis) und Ein­pe­gelung hin zu ei­nem dann wie­der be­ru­hi­gen­den Mit­tel­maß zu tun hat.

    Wenn man nach­liest, hat S. L. im Text be­reits sel­ber von „Über­trei­bun­gen“ ge­spro­chen, die ihr al­so be­wusst wa­ren, und die müss­ten ihr ei­gent­lich als ein­ge­la­de­ne Spre­che­rin für sich selbst auch zu­ge­stan­den wer­den. Und per se muss sie als Künst­le­rin auch Ab­wei­chen­des for­mu­lie­ren und ver­tre­ten dür­fen. Dass gleich ein Stand­ge­richt über sie ur­teilt, hät­te sie auch im Fal­le kom­plet­ten Ir­rens nicht ver­dient: Ih­re Ab­wei­chung müss­te so oder so bei ei­ner ge­nü­gend durch­läs­si­gen Öf­fent­lich­keit auch durch­ge­hen, und es dürf­te NICHT Rol­le der „Me­di­en“ sein hier krie­che­risch ab­zu­wie­geln oder gar zu ver­mit­teln. Die­se Am­bi­ti­on, ei­nes Ma­ga­zin­mo­de­ra­tors als min­dest eben­so Un­be­ru­fe­ner hier Ak­teur zu wer­den ist viel ver­werf­li­cher als ei­ne Ver­ir­rung ei­ner Künst­le­rin.

    Aber so ist es an­schei­nend nun mal or­ga­ni­siert. Ich hal­te das für falsch. (Und das The­ma selbst, die Aus­sa­gen da­zu, sind dann noch mal was ganz an­de­res.)

    #12

  14. die_kalte_Sophie sagt:

    @ Herr.Jedermann
    Ich wuss­te nicht, dass sie der Mo­de­ra­tor sind.
    Ver­zei­hung.
    Mit »durch­ein­an­der« mei­nen sie si­cher­lich: all die­se Aus­sa­gen kön­nen un­mög­lich von ein und dem­sel­ben Sub­jekt her­rüh­ren, es sei denn, es wä­re ein Idi­ot?!
    Da ha­ben sie völ­lig recht, so­gar zwei­mal, und das ist auch gut so.
    Dass sie für uns den Be­griff der Öf­fent­lich­keit noch ein­mal er­läu­tern (es wur­de schon häu­fig ge­tan), ist sehr freund­lich. Es führt ein ganz klein biss­chen von der Sa­che weg, kann aber be­stimmt nicht scha­den.
    Ich hät­te da üb­ri­gens ei­nen Ein­wand: die per­so­nen­ar­ti­gen At­tri­bu­te, mit de­nen sie Ord­nung in das »Durch­ein­an­der« brin­gen woll­ten,
    sind,
    die Öf­fent­lich­keit be­tref­fend,
    wie soll ich mich aus­drücken,
    völ­li­ger Quatsch...

    #13

  15. @die_kalte_Sophie
    Bit­te um et­was Ab­küh­lung. Pri­mär ging es um Ih­ren Vor­wurf, hier wür­de ei­ne »un­ziem­li­che Per­so­na­li­sie­rung« be­trie­ben und Sie un­ter­stell­ten den Kom­men­ta­to­ren Ar­ro­ganz. Das ist – mit Ver­laub – Un­sinn. Ge­ra­de ich plä­die­re für ei­ne größt­mög­li­che Tren­nung von per­sön­li­chen Schrift­stel­ler­al­lü­ren und dem ei­gent­li­chen Werk. Da­bei gibt es Gren­zen, und zwar dort, wo Werk und Aus­sa­ge nicht mehr zu tren­nen sind, weil sie in­ein­an­der über­ge­hen bzw. auf­ein­an­der Be­zug neh­men. Das ist bei je­man­dem wie Cé­li­ne zum Bei­spiel der Fall; in Gren­zen auch bei Po­und. Da­bei braucht man nicht die Gold­waa­ge her­aus­zu­ho­len um ein­deu­ti­ge Stel­len zu fin­den. Bei Le­wit­schar­off er­ken­ne ich da noch rein gar nichts, was das Werk in­kri­mi­nie­ren könn­te. Das hat aber auch nie­mand ge­sagt, denn Fritz Iver­sen moch­te das Werl schon vor­her nicht (wenn ich ihn rich­tig ver­ste­he), was selbst­ver­ständ­lich ge­stat­tet ist.

    In der Cau­sa Le­wit­schar­off war es ja der In­ten­dant, der mit sei­nem Of­fe­nen Brief die Sa­che ins Rol­len ge­bracht ge­bracht hat. Er hat aber weit mehr ge­tan, als sich nur »di­stan­ziert«. Er hat so­fort den Dschi­had aus­ge­ru­fen und Le­wit­schar­off in ei­ne Rei­he mit Sar­ra­zin und Ma­tus­sek ge­stellt. So we­sens­fremd ei­nem dies er­schei­nen mag: Auch DAS »darf« er. Hier­für braucht er kei­nen Re­dak­teur zu fra­gen.

    Das Per­fi­de war, dass da­mit Le­wit­schar­off zum Ab­schuss frei­ge­ge­ben wur­de. Ich glau­be man nennt so et­was »Brie­fing«. Jetzt darf man auch DAS: Ei­ni­ge Stel­len her­aus­bre­chen und ih­ren In­halt be­wer­ten. Die­se Stel­len waren/sind mei­nes Er­ach­tens dümm­lich. Nicht mehr und nicht we­ni­ger. Hät­te sie die Schil­de­run­gen in ei­ne Er­zäh­lung ge­packt oder wä­re dar­über ein Film ge­dreht wor­den – nie­mand hät­te dar­an An­stoss ge­nom­men. Aber sie hat die Vor­gän­ge auch noch mo­ra­lisch be­wer­tet. Und die­se Be­wer­tun­gen sind der Grund für die Em­pö­rung.

    Die­se frei­lich geht weit über den ei­gent­li­chen Fall hin­aus. Und wenn man nun in so­zia­len Netz­wer­ken die üb­li­che Stamm­tisch­fra­ge hört und liest »Wie konn­te so je­mand den Büch­ner­preis be­kom­men?« dann ist es ex­akt das, was ich den Feuil­le­tons dann vor­wer­fe: Sie er­zeu­gen mit ih­rer Drauf­schlag­lust ex­akt die­sen Ge­stus. Da­bei konn­ten die Preis­ver­ge­ber vor an­dert­halb Jah­ren ja gar nicht wis­sen, wel­che Re­de von Le­wit­schar­off im März 2014 hal­ten wür­de.

    So, jetzt möch­te mal in gan­zen Sät­zen und oh­ne De­kla­ma­ti­on wis­sen, was mit »Öf­fent­lich­keit« denn nun so ge­meint sein soll? Ist das ein Ver­schwö­rungs­den­ken? Ich fra­ge aus In­ter­es­se.

    #14

  16. die_kalte_Sophie sagt:

    @ Gre­gor et alt.
    Ja, ich ha­be über­trie­ben, aber nur um der Sa­che wil­len.
    Ich se­he die me­dia­le Öf­fent­lich­keit als aus­rei­chend le­gi­ti­miert, aber sy­ste­misch und mo­ra­lisch als be­schä­digt an. Ich weiß, da­mit set­ze ich mich in die Nes­seln, aber ich soll­te ja un­ver­stellt ant­wor­ten.
    In Deutsch­land ist es un­üb­lich ei­ne wer­ten­den Un­ter­schied zwi­schen »mo­ra­lisch« und »le­gi­ti­miert« zu ma­chen, auch das weiß ich. Lie­ber re­det man schlecht von der Mo­ral.
    Ich se­he es aber ge­nau so: wir le­ben in ver­rück­ten Zei­ten, und da ist, »was o.k.« ist, nicht un­be­dingt er­laubt. Ich fin­de: die Mo­ral muss hö­her ste­hen als das Recht. Ich den­ke nicht dar­an, den In­ten­dan­ten zu be­lan­gen, aber für mich hat er sich »als Per­söhn­lich­keit«, d.h. als mo­ra­li­sches Sub­jekt ei­ner ge­wis­sen Ka­te­go­rie zu er­ken­nen ge­ge­ben.
    Ha­be ich über­trie­be­ne Maß­stä­be?!
    Oder sind nun doch al­le Men­schen »vor dem Ge­setz« gleich, d.h ver­gleich­bar mo­ra­lisch kom­pe­tent?!
    Ich kann’s nicht mehr hö­ren, Nietz­sche steh’ mir bei!
    Da­mit wird viel­leicht mei­ne ge­reiz­te In­do­lenz den »be­rüch­tig­ten Re­dak­tio­nen« ge­gen­über klar. Ich ha­be da kein Theo­rie-Pro­blem, die Na­men ste­hen auch hier für das Er­wart­ba­re. Der Be­griff »Öf­fent­lich­keit« in­des ist und bleibt ab­strakt, es ist ein kul­tur-im­ma­nen­ter All­ge­mein­be­griff wie »Volk«, »Recht«, »Land«, etc. Die­se be­dür­fen kei­ner Er­klä­rung, sie sind durch den Ge­brauch »nä­her zu be­stim­men«, bzw. dis­kur­siv zu er­ör­tern. Das geht, wie Herr.Jedermann rich­tig sagt, bis zum »Durch­ein­an­der«, wenn mehr als ei­ner da­mit han­tiert.
    [Wer All­ge­mein­be­grif­fe fälscht, oder ge­brauch­te bzw. nach­ge­mach­te All­ge­mein­be­grif­fe in Um­lauf bringt, wird mit uti­li­ta­ri­sti­scher Lin­gu­istik nicht un­ter 2 Se­me­stern be­straft!]

    #15

  17. herr.jedermann sagt:

    @ kalte_Sophie

    Mo­ral hö­her als das Recht? Da fra­ge ich so­fort: Wes­sen Mo­ral denn, von wem wie be­stimmt oder auch nur mo­de­riert? Mo­ral ist oft ge­nug un­ver­nünf­tig, da braucht es eher Ver­bind­li­che­res. Men­schen sol­len ja eben des­we­gen vor ei­ner ver­läss­li­che­ren In­stanz – dem Recht – gleich sein, weil sie es in ih­ren mo­ra­li­schen Be­lan­gen oft eher nicht sind. Sonst wür­den wir ja wirk­lich al­le noch zu Nietz­sche­lin­ge, die die Fal­len­den gern auch noch sto­ßen.

    (Nach DER Lo­gik for­de­re ich – zum Bei­spiel – als ge­bür­ti­ger Rus­se den so­for­ti­gen An­schluss der Krim an Russ­land, egal nach wel­chem Recht. Ich bin ECHT ge­spannt auf den Hoe­neß-Pro­zess!)

    Aber hier geht es ja doch um ein Pro­blem der Me­di­en, näm­lich das han­deln­der Per­so­nen un­ter der re­al exi­stie­ren­den Pra­xis von „Öf­fent­lich­keit“ und der In­gang­set­zung ih­rer Dy­na­mi­ken.
    (Öf­fent­lich­keit, die als Se­lek­ti­on und Zu­schrei­bung, so oder so, ei­ne ab­strak­te In­stanz mit kon­kre­ten Aus­wir­kun­gen auf die dar­in Han­deln­den ist und je und je ent­spre­chend er­lebt wird. Ein shitstorm , der von BILD aus­geht ist ein an­de­rer als der auf ei­ner Face­book-Sei­te: Der er­ste­re er­legt so­gar Bun­des­prä­si­den­ten! Wenn Me­di­en aber zu „Agen­ten“ von In­ter­es­sen wer­den bzw. wir ge­ra­de er­le­ben, wie sich das mit der Teil­nah­me von im­mer mehr Spre­chern ver­mischt, wird auch die Öf­fent­lich­keit zu ei­ner an­de­ren. Über­haupt ist ein Ab­gleich von De­fi­ni­tio­nen oft hilf­reich.)

    In die­sem Sin­ne ge­he ich wei­ter auf das „kul­tur-im­ma­nen­te All­ge­mei­ne“ erst mal nicht ein.

    Das All­ge­mei­ne müss­te nach mei­nem Ver­ständ­nis be­deu­ten, dass dar­in sämt­li­che ab­wei­chen­den Mei­nun­gen und Irr­tü­mer erst ein­mal auch vor­kom­men dür­fen und nicht, wie im­mer öf­ter, die ge­nug ge­ball­te Mit­leids­lo­sig­keit auf sich müs­sen. Und das be­deu­te­te, eher dar­über zu be­rich­ten sol­len­de Mitt­ler / Me­di­en müss­ten da auch duld­sa­mer sein.

    #16

  18. die_kalte_Sophie sagt:

    @ Herr.Jedermann
    Das ist sehr lu­stig, was Sie schrei­ben. Sie soll­ten stan­dup-Phi­lo­soph wer­den.
    Rich­tig: die Mo­ral ist oft un­ver­nünf­tig, weil... die Ver­nunft schon ein rechts­kon­for­mes Den­ken ist. Soll­ten Sie bis­lang ge­laubt ha­ben, die Ver­nunft erschaffe/formuliere erst das Recht, dann ha­ben Sie nicht be­son­ders auf­merk­sam »stu­diert«.
    Wes­sen Mo­ral?!
    Sie ha­ben mich ver­stan­den, die Rhe­to­rik ist ganz fehl am Platz.
    Ich sag­te das schon über den In­ten­dan­ten, nicht wahr?!
    Für die vie­len Rea­li­täts­par­ti­kel, die Sie mir au­ßer­dem zu­dach­ten (das @Sophie wird arg stra­pa­ziert), bin ich Ih­nen sehr ver­bun­den. Das wuss­te ich be­reits.
    Aber mir scheint, Sie dach­ten, ich wüss­te es nicht.
    Ein Pro­blem 3. Gra­des.
    Al­so, von vor­ne:
    Ich (ich!) bin der Mei­nung, dass die jour­na­li­sti­sche Öf­fent­lich­keit die Li­te­ra­tur nur noch be­schä­di­gen kann, weil sie selbst de­fi­zi­tär ist. Ret­ten wir nun die Schön­heit, oder sind Sie nur zum Dis­ku­tie­ren hier?!

    #17

  19. Fritz Iversen sagt:

    »... dass die jour­na­li­sti­sche Öf­fent­lich­keit die Li­te­ra­tur nur noch be­schä­di­gen kann, weil sie selbst de­fi­zi­tär ist« scheint mir den Punkt ganz gut zu tref­fen. Viel­leicht zu pau­schal, aber der Trend scheint mir plau­si­bel. Wenn sich Zei­tun­gen oder TV mit Li­te­ra­tur be­fas­sen, dann ha­ben sie oft da­bei an­de­re In­ter­es­sen als li­te­ra­ri­sche – das gilt für Kunst ver­mut­lich ge­nau­so.

    »Die Öf­fent­lich­keit hat sel­ber erst mal gar kei­ne Mei­nung« scheint mir auch plau­si­bel. Das muss man sich mal vor­stel­len, dass Le­wit­schar­off da auf ein­mal vom »Mor­gen­ma­ga­zin« an­ge­fragt wird, wo 2 Mil­lio­nen Wer­kä­ti­ge, Haus­frau­en, Rent­ner und ein paar Schul­kin­der gucken, was es so wich­ti­ges gibt in der Welt, und ma­xi­mal 1 oder 2% von de­nen ken­nen die Au­torin über­haupt. Die Leu­te sind ja ganz ir­ri­tiert, weil sie Au­toren sonst nur als Buch­co­ver-Hoch­al­ter in Talk­shows ken­nen. Der Mo­de­ra­tor hat auch nur kurz ei­nen Ze­tel hin­ge­legt ge­kriegt.

    Das ist ja wirk­lich ein be­äng­sti­gen­des Spek­ta­kel.

    #18

  20. @die_kalte_Sophie
    Noch ein­mal bit­te ich um Mä­ssi­gung, was Zu­ord­nun­gen wie »stan­dup-Phi­lo­soph« an­geht. Ich hat­te Ih­ren Kom­men­tar nicht ver­stan­den. Erst den Satz »Ich (ich!) bin der Mei­nung, dass die jour­na­li­sti­sche Öf­fent­lich­keit die Li­te­ra­tur nur noch be­schä­di­gen kann, weil sie selbst de­fi­zi­tär ist« be­grei­fe ich. Den Nach­satz hät­ten Sie sich dann wie­der spa­ren kön­nen; Ele­fant-im-Por­zel­lan­la­den-Ef­fekt.

    »Jour­na­li­sti­sche Öf­fent­lich­keit« ist ein in­ter­es­san­ter Be­griff. Auch für mich, der kein be­schis­se­nes Se­me­ster an ir­gend­ei­ner Uni­ver­si­tät stu­die­ren muss­te. Er ist in­ter­es­sant, weil er auch ei­ne Art »jour­na­li­sti­sche Nicht­öf­fent­lich­keit« sug­ge­riert. Das, was man im all­ge­mei­nen als »Un­ter uns« be­zeich­net. Ich glau­be näm­lich, dass ei­ne sol­che Un­ter­schei­dung wich­tig ist. Weil sie er­klä­ren könn­te, war­um sol­che me­dia­len Er­re­gun­gen sich der­art hoch­schau­keln. Es geht da­bei längst nicht mehr um die Sa­che sel­ber (hier: Re­pro­duk­ti­ons­me­di­zin), son­dern um ein Schau­spiel, wel­ches Gut­men­schen­punk­te ein­bringt. Da­hin­ge­hend ist auch zu in­ter­pre­tie­ren, war­um Frau Schalan­sky jetzt noch nach­legt. Es ist wie bei U-Bahn-Schlä­gern: Wenn ihr Op­fer auf dem Bo­den liegt, tre­ten sie ein­fach wei­ter auf ihm ein.

    Den­noch kann ich die von Ih­nen zu­ge­dach­te Kau­sa­li­tät nicht er­ken­nen. Es ist mir ein­fach zu pau­schal. Wür­de es stim­men, dann wä­re je­de Äu­ße­rung des Feuil­le­tons über Li­te­ra­tur per se ei­ne Art Sa­kri­leg an der Li­te­ra­tur sel­ber; ei­ne Be­schmut­zung. Und was be­deu­tet »de­fi­zi­tär«? Der Sa­che nicht ge­wach­sen?

    Ich schla­ge in mei­nem Text ja ei­nen neu­en Ober­be­griff für das, was ge­mein­hin Feuil­le­ton heisst, vor: Bou­le­vard. Es ist Kul­tur-Bou­le­vard­jour­na­lis­mus. Es gibt nur fast ei­ne Aus­nah­me, das ist das Feuil­le­ton der NZZ. Al­les an­de­re ist Bou­le­vard. Und wie glatt die­ses Bou­le­vard-Par­kett ist, kann man in die­sen über­di­men­sio­na­len Po­panz-Auf­re­gun­gen ab­le­sen.

    @herr.jedermann
    Mo­ral hö­her als das Recht? Da fra­ge ich so­fort: Wes­sen Mo­ral denn, von wem wie be­stimmt oder auch nur mo­de­riert? Mo­ral ist oft ge­nug un­ver­nünf­tig, da braucht es eher Ver­bind­li­che­res.
    Wes­sen Mo­ral ist doch in all die­sen Skan­da­li­sie­run­gen ein­deu­tig: Die Mo­ral de­rer, die über sie schrei­ben. DAS ist das We­sen der so­ge­nann­ten 4. Ge­walt, der Nig­ge­mei­er neu­lich nicht nur die Mei­nung zu­ge­stand, son­dern auch – hübsch ver­brämt – den Kam­pa­gnen­jour­na­lis­mus hof­fä­hig mach­te. We­he, man stellt de­ren »Mo­ral« in­fra­ge – es droht so­fort die Ab­stra­fung.

    Viel­leicht grei­fe ich jetzt sehr weit aus, aber ich schreibs mal: Es er­in­nert mich zu­wei­len an die Auf­for­de­rung in der chi­ne­si­schen Kul­tur­re­vo­lu­ti­on, Kri­tik zu üben – am Sy­stem, an den Funk­tio­nä­ren, usw. Wur­de die Kri­tik dann ge­übt und pass­te nicht in die ak­tu­el­le Ideo­lo­gie hin­ein, fand man sich flugs sel­ber auf der An­kla­ge­bank wie­der.

    #19

  21. die_kalte_Sophie sagt:

    @ Gre­gor
    Dan­ke, all­mäh­lich wird ei­ne run­de Sa­che draus, trotz Ele­phan­tia­sis und wei­te­rer schlech­ter An­ge­wohn­hei­ten.
    Der Bou­le­vard-Jour­na­lis­mus ist sei­nem Ge­gen­stand nicht ge­wach­sen. Ich se­he gleich meh­re­re Ge­bie­te, die Li­te­ra­tur ist nicht die ein­zi­ge Leid­tra­gen­de. Wir konn­ten die »fröh­li­che Igno­ranz« schon ein paar Jah­re ver­fol­gen, jetzt ist auch die hy­per­kri­ti­zi­sti­sche Kam­pa­gne als Wie­der­ho­lungs­tat er­kenn­bar. Das läuft!
    Der Ver­gleich mit der Kul­tur­re­vo­lu­ti­on ist sehr tref­fend. Die po­lit-psy­cho­lo­gi­sche Si­tua­ti­on für den am­bi­tio­nier­ten Au­tor ist ex­akt die­sel­be. Sei­ne künst­le­ri­sche An­er­ken­nung hängt an sei­ner spät­bür­ger­li­chen Re­pu­ta­ti­on. Ge­nau des­halb ha­be ich Euch »ar­ro­gant« ge­nannt. Jetzt tut es mir leid. Die Ein­ord­nung von Le­wit­schar­off war schon rich­tig, schien mir aber das Pro­blem zu ver­dun­keln.
    Die Un­ab­hän­gig­keit des Le­sers, des Kunst-Teil­neh­mers in der Li­te­ra­tur, die Gre­gor so deut­lich her­aus­ge­ar­bei­tet hat, wird doch auf Stärk­ste kon­ter­ka­riert. -Al­les, bloß das nicht, »kom­mu­ni­ziert« das Feuil­le­ton, wäh­rend es noch das Ge­gen­teil be­haup­tet!
    Das ist das The­ma, das ich lei­der ver­fehlt ha­be. Aber ich mei­ne jetzt das Aus­gren­zungs-Axi­om da­hin­ter zu ent­decken Biss­chen Ver­schwö­rungs­theo­rie muss sein! Ist es nicht so, dass man in den me­dio­kren Krei­sen »sei­ne Au­toren gern als er­nied­rig­te Au­ßen­sei­ter« ge­nießt?! Ist die­se Ma­che nicht die Vor­be­rei­tung ei­nes Schäch­tel­chens, ei­ne Mei­nung über Li­te­ra­tur & Au­tor ins­ge­samt?! Ist die Spal­tung, die im­mer öf­ter her­bei­ge­führt wird (ich z.Bsp. ha­be dar­an nicht das ge­ring­ste In­ter­es­se!), nicht ein »schi­zo­phre­ner Wunsch«?!
    Al­les Rhe­to­rik, ich mei­ne: so ist es doch, oder?!

    #20

  22. Herr.Jedermann sagt:

    Die „Mo­ral“ war von mir nicht ein­ge­bracht und mei­ne Be­mer­kung nur ein Re­kurs auf (die of­fen­bar statt kalt lie­ber et­was über­hitzt lau­fen­de) So­phie. Ich ge­he dar­auf nicht wei­ter ein.

    Aber „Bou­le­vard“ (und die ent­spre­chen­de Un­mo­ral der weil ver­stärkt nach ei­ner an­de­ren Lo­gik denn In­for­ma­ti­ons­be­dürf­nis­sen ope­rie­ren­den Me­di­en) als der all die be­spro­che­nen Ef­fek­te sam­meln­de Ge­ne­ral­be­griff trifft es viel­leicht ganz gut. Die Öf­fent­lich­keit sel­ber ist in dem Sin­ne Bou­le­vard. So wie Ein­kau­fen in ei­ner Über­fluss­si­tua­ti­on statt auf Be­darfs­deckung auf die Er­weckung von Ge­füh­len und „Er­leb­nis­sen“ zie­len muss, und das Fern­se­hen sei­ne di­ver­sen emo­tio­na­len Far­ben im „au­di­ence flow“ or­ga­ni­siert, sieht sich auch die Kul­tur im Wett­be­werb und schaut aus nach hu­man touch. Und Em­pö­rung ist ein viel stär­ke­rer Thrill als In­for­ma­ti­on oder Kunst-Di­stink­ti­on.

    Der Un­ter­scheid ist dann für den nach an­de­rem Aus­schau­en­den viel­leicht nur noch der Grad an Ernst­haf­tig­keit (et­wa: Mee­se, der er­wart­ba­re Clown, und Le­wit­schar­off, die sich in ih­rem „schwä­bi­schen Pie­tis­mus“ über Me­di­zin­tech­nik em­pört.)

    Ich fürch­te das mit den Skan­da­li­sie­run­gen wird auch noch zu­neh­men. Man sieht ja, wie so ei­ne Ty­pe wie Bil­ler da­mit re­üs­siert. (Im Herbst kommt sein Buch, sag­te Den­nis Scheck. Klap­pern ge­hört auch zum un­se­lig­sten Hand­werk.)

    Im Üb­ri­gen wird die „jour­na­li­sti­sche Öf­fent­lich­keit“ auch für die Li­te­ra­tur ge­braucht, sonst wür­de man vie­le Din­ge eben über­haupt nicht er­fah­ren und könn­te sie noch we­ni­ger dis­ku­tie­ren. Es ge­hö­ren die­se Din­ge zum Ge­samt­bild, auch wenn sie nicht die ent­schei­den­den sind. (Und ent­schei­den, was re­le­vant ist, will ich im­mer noch selbst.)

    #21

  23. Doktor D sagt:

    Feuil­le­ton ist doch qua­si von Ge­burt an Bou­le­vard. Man könn­te so­gar sa­gen, von hier aus hat sich das, was Bou­le­vard-Jour­na­lis­mus ge­nannt wird, ent­wickelt. Des­we­gen scheint es mir un­an­ge­mes­sen, dem heu­ti­gen Feuil­le­ton sei­nen Bou­le­vard-Cha­rak­ter vor­zu­wer­fen. Es kann doch nur dar­um ge­hen, zu be­ur­tei­len, ob es sich um gu­ten oder schlech­ten Bou­le­vard han­delt.

    Was ich auch nicht so recht ver­ste­he, ist die Auf­re­gung, die hier über den Um­gang mit Frau Le­wit­schar­off herrscht: Was wä­re denn die »rich­ti­ge« Re­ak­ti­on dar­auf ge­we­sen? War­um soll­te je­mand, der selbst ein nicht ganz un­wich­ti­ges Mit­glied des Li­te­ra­tur-Bou­le­vards ist (sonst wä­re sie nicht zur Re­de ein­ge­la­den wor­den) und sich im in­kri­mi­nier­tem Teil ih­rer Re­de auch noch klas­si­scher Troll-Rhe­to­rik be­dient (Na­zi-Hin­weis, Schmäh­wör­ter ge­gen­über Ver­tre­tern ei­nes an­de­ren Le­bens­stils oder an­de­rer Mo­ral, Ko­ket­tie­ren mit der ei­ge­nen Nicht-Kon­for­mi­tät und Ab­so­lut­set­zung des ei­ge­nen »Ge­fühls« – als hät­te so­was für ethi­sche Dis­kus­sio­nen Re­le­vanz), nicht im sel­ben Stil beim Wort ge­nom­men wer­den? So von Kra­wall­schach­tel zu Kra­wall­schach­tel?

    Es hat ihr auch nie­mand das Wort ver­bo­ten oder sie gar in­com­mu­ni­ca­do ge­nom­men: In der FAZ und im Fern­se­hen – da wür­de mich mal das Zu­stan­de­kom­men des Auf­tritts in­ter­es­sie­ren – be­kam sie ei­ne Platt­form, von der die mei­sten an­de­ren Au­toren mit ab­stru­sen Mei­nun­gen nur träu­men kön­nen. Und dass die Ab­leh­nung ih­rer Äu­ße­run­gen recht all­ge­mein war, könn­te vlt. auch dar­an lie­gen, dass es auf dem sti­li­sti­schen und ar­gu­men­ta­ti­ven Ni­veau, auf dem sich Le­wit­schar­off be­wegt, kei­ne sinn­vol­le in­halt­li­che Ver­tei­di­gung mög­lich ist. Man kann nur ihr prin­zi­pi­el­les Recht auf das Re­den von Stuss ver­tei­di­gen. Der Dis­kus­si­on um Re­pro­duk­ti­ons­me­di­zin und ih­re zwie­lich­ti­gen Sei­ten hat sie da­zu noch ei­nen Bä­ren­dienst er­wie­sen. Dan­ke schön! Ich fan­ge mich lang­sam an zu fra­gen, war­um Kri­tik am Com­me – il-faut li­be­ra­ler Eli­ten sich im Mo­ment meist nur als re­ak­tio­nä­rer Dumm-Tüch mit zwang­haf­tem Na­zi-Be­zug zu ar­ti­ku­lie­ren kön­nen scheint. Da gibt man sich an Ver­blö­dung ja of­fen­sicht­lich nix.

    #22

  24. @Herr.Jedermann
    Jetzt glaubt ja Frau Pe­trow­ska­ja schon Bil­ler des Ras­sis­mus zei­hen zu müs­sen, weil die­ser sich für Mi­gran­ten in der Li­te­ra­tur aus­ge­spro­chen hat. Wir se­hen – die Dich­ter be­nut­zen schon sel­ber die Wort­hül­sen, de­nen sie ei­gent­lich ent­kom­men müss­ten. Sie hat na­tür­lich auch ihr Buch am Start – wo­von ein Aus­riss den Bach­mann­preis be­kam. Ich mag das schon nicht mehr le­sen. (Üb­ri­gens sehr schön, wie Rad­datz in den neu er­schie­ne­nen Ta­ge­bü­chern über Bil­ler schreibt.)

    @Doktor D
    Das das Feuil­le­ton dem Bou­le­vard ent­stammt, wuss­te ich nicht. Ich wer­fe das Bou­le­var­des­ke auch nicht vor, ich stel­le es nur (für mich) fest. Zu­mal mir da die Dis­kre­panz zwi­schen An­spruch (Wei­he­vol­les, dem Gu­ten und Schö­nen) und Wirk­lich­keit (Skan­da­li­sie­rung) doch ein we­nig zu gross er­scheint. Bis auf, wie ge­sagt, viel­leicht die NZZ.

    Ich kri­ti­sie­re auch nicht, dass man ihr ent­geg­net ist, son­dern al­len­falls wie und dach­te, das er­klärt zu ha­ben: Es muss gleich ei­ne Par­al­le­le zu Ma­tus­sek und Sar­ra­zin ge­zo­gen wer­den – das ist grund­schief au­ßer man sub­su­miert es pau­schal un­ter »ab­sei­ti­ge Mei­nun­gen«. In­zwi­schen wur­de so­gar ih­re Phy­sio­gno­mie Ge­gen­stand der Dis­kus­si­on; man darf das wohl, wenns der Ge­sin­nung schmei­chelt. Dass sie der Dis­kus­si­on um die Re­po­ruk­ti­ons­me­di­zin ei­nen Bä­ren­dienst er­wie­sen hat – d’accord. Das hat ja üb­ri­gens Sar­ra­zin mit sei­ner Je­re­mia­de auch ge­macht.

    @An ALLE Le­ser und Kom­men­ta­to­ren
    Wä­re die­ser Ar­ti­kel bes­ser nicht er­schie­nen? Be­die­ne ich da­mit in­di­rekt, un­ge­wollt auch die­sen Me­cha­nis­mus?

    (Mich be­schäf­tigt der Irr­glau­ben, Schrift­stel­ler hät­ten Ah­nung von so­zia­len, ge­sell­schaft­li­chen und po­li­ti­schen Pro­ble­men, schon sehr lan­ge. Zwi­schen­zeit­lich woll­te ich da­zu so­gar ein Buch schrei­ben, um das Ge­gen­teil zu be­wei­sen und die Sehn­sucht nach die­sen Stim­men als halb­sei­den und lä­cher­lich dar­zu­stel­len.)

    #23

  25. »Die Öf­fent­lich­keit hat sel­ber erst mal gar kei­ne Mei­nung« (#17, #18)

    Die Öf­fent­lich­keit be­steht aus kon­kre­ten Per­so­nen, von de­nen ei­ne ein­zel­ne nie al­les über­blickt, son­dern auf Grund von Bil­dung, In­ter­es­sen und Be­ruf über Schwer­punk­te, Kennt­nis­se und Be­ur­tei­lun­gen ver­fügt. Die Auf­ga­be für den an öf­fent­li­chen Äu­ße­run­gen (al­so po­li­tisch) In­ter­es­sier­ten, be­steht dar­in, sich im Be­darfs­fall ein Bild zu ma­chen und Be­wer­tun­gen vor­zu­neh­men (Re­le­vanz). Da­zu braucht es Ver­mitt­lung, In­for­ma­tio­nen und Wis­sen, über die kei­ner von uns im aus­rei­chen­den Maß hin­sicht­lich der mei­sten Pro­ble­ma­ti­ken und Fra­gen im Vorn­her­ein ver­fügt. — Die Öf­fent­lich­keit ist, um wie­der zu ab­stra­hie­ren, durch die­sen Man­gel ge­ra­de­zu ge­kenn­zeich­net und vor die Auf­ga­be ge­stellt ihn stets aufs Neue zu be­he­ben, ei­ne Art Si­sy­phos Ar­beit. — Ei­ne Wirt­schafts­kri­se (und da­mit ver­bun­de­ne Ab­wick­lun­gen von Un­ter­neh­men) ver­langt Wis­sen aus an­de­ren Be­rei­chen, als ei­ne li­te­ra­ri­sche Dis­kus­si­on.

    @Doktor D
    Der Um­gang be­inhal­tet auch die Fra­gen, ob man den al­les zum Skan­dal ma­chen muss (und da­mit man­chen Tex­ten oder Äu­ße­run­gen über Ge­bühr Ach­tung ver­schafft, sie­he et­wa Grass’ Is­ra­el-Ge­dich­te) und was dar­aus wei­ter folgt: Oft bleibt es nicht bei der Kri­tik ei­ner Äu­ße­rung, ei­ne Per­son und ihr Werk wer­den – oh­ne Be­ach­tung ir­gend­wel­cher Ver­hält­nis­se – »zum Ab­schuss« frei ge­ge­ben. Es stellt sich die Fra­ge nach Ver­hält­nis­mä­ßig­keit, nach Me­cha­nis­men un­se­rer me­dia­len Welt, und da­nach wie mit z.B. Ent­glei­sun­gen um­zu­ge­hen ist: Sind sie als ei­ne Art Frei­brief an­zu­se­hen? Und falls ja, war­um?

    #24

  26. Doc Phorkyas sagt:

    @Doktor D: Die­se an­geb­li­che kla­re Ver­bin­dung von Feuil­le­to­nis­mus und Bou­le­vard er­schließt sich mir (we­der hi­sto­risch noch in­halt­lich).
    Ihr Ar­gu­ment Frau Le­wit­schar­off ha­be es ge­wis­ser­ma­ßen als Mit­glied die­ses Li­te­ra­tur-Bou­le­vards (ger­ne auch: Be­trieb, Klün­gel, etc.) nicht an­ders ver­dient, hal­te ich für per­fi­de. Ge­nau­so könn­te man je­de noch so ab­stru­se Lü­gen- oder Drecks­ge­schich­te oder das öf­fent­li­ches Nie­der­ma­chen ei­nes Pro­mi­net­nen durch die Schmie­ren­pres­se ab­tun, weil er ja sein Stern­chen­da­sein ge­ra­de eben­je­nen bun­ten Blätt­chen ver­dan­ke. Die Art und Wei­se wie Frau Le­wit­schar­off da an­ge­gan­gen wird und in der sich Jour­na­li­sten im Mor­gen­ma­ga­zin oder bei der FAZ als Groß-In­qui­si­tor auf­füh­ren, stößt mir auf. Der Re­por­ter des Mor­gen­ma­ga­zins hat zum ei­nen die­se Plas­berg-Lanz »Ich-frage-jetzt-ganz-hart-nach-und-nagele-fest-und-bohre-bis-nicht-mehr-geht«-Art und zum an­de­ren ei­ne Hal­tung als spre­che er im Na­men der 5 Mil­lio­nen Be­lei­dig­ten, la­stet ihr noch den Me­di­en­hype an (‘ja­ja, pro­vo­kan­te Sät­ze vor­schicken und dann wie­der zu­ruck­neh­men’) und nimmt ihr dann live vor den »Mil­lio­nen Zu­schau­ern« die Beich­te ab.. und die FAZ knallt ihr dann Fra­gen an den Latz wie : »Ih­re Aus­sa­gen sind re­li­gi­ös mo­ti­viert. Wer will, kann sich ja an die Ge­bo­te des Al­ten Te­sta­ments hal­ten. War­um reicht Ih­nen das nicht?« – Ein Spaß ist das nicht in die­sem Me­di­en­zir­kus her­um­ge­tre­ten zu wer­den, glau­be ich. Fast könn­te man so­gar ei­nen Sar­ra­zin ver­ste­hen?

    Der Querschuss(#7) der kalten_sophie oben, ging viel­leicht et­was da­ne­ben, ist schon ver­raucht und auf­ge­klärt, aber ihr Kom­men­tar er­in­nert mich an den Dop­pel­gold­stan­dard des Blog­gens. Man nimmt gleich bei­des mit: die Ab­ge­ur­teil­te, watscht man eben­falls ab, und er­hebt sich aber gleich­zei­tig über die Jour­nail­le, (weil man ja selbst nun viel un­ab­hän­gi­ger den­ke und ge­nau­er ar­gu­men­tie­re als die ol­len Be­sitz­stand­wah­rer etc.pp.)

    #25

  27. die_kalte_Sophie sagt:

    @ Gre­gor und das Pro­blem der Teil­nah­me an De­bat­ten
    Ich mei­ne, die Ernst­haf­tig­keit der Kom­men­ta­re gibt ei­ne durch­wegs po­si­ti­ve Ant­wort. Ich ha­be an die­ser Stel­le nur in­tel­li­gen­te Men­schen ge­le­sen, die nicht an der »Ein­bahn-Mei­nung« in­ter­es­siert sind.
    Re­gel­mä­ßig schaue ich die Kom­men­tar­be­rei­che der »Zei­tungs-Por­ta­le« durch (NZZ mal au­ßen vor), oft le­se ich flüch­tig den Ar­ti­kel und sorg­fäl­tig die Kom­men­ta­re. Da herrscht ein an­de­res Bild. Furcht­erre­gend dumm geht es z.B. in der WELT zu. Auch TAZ, FAZ und ZEIT spie­geln sich ge­wis­ser­ma­ßen in ih­ren Kom­men­ta­to­ren.
    Die »De­bat­te« ist zum Teil den Kom­men­ta­ren ent­zo­gen, aber ich mei­ne, al­les fügt sich doch zu ei­nem schlüs­si­gen Ge­samt­bild. Das Zu­rück­schrecken vor dem Ge­sche­hen ken­ne ich gut.
    Der Hin­weis auf den »ehe­ma­li­gen Ge­brauch des Feuil­le­tons zur fein­gei­sti­gen Mo­ti­va­ti­on« ist eben­falls tref­fend. Die Ru­brik hat im­mer noch den­sel­ben Na­men, seit Mit­te der Neun­zi­ger schreibt aber ei­ne neue Ge­nera­ti­on Zei­tungs­ge­schich­te. Die Na­men sind be­kannt, die Me­tho­den die­sel­ben. Die Ab­kehr von den Ge­gen­stän­den, der Pri­mat des Dis­kur­ses und die sü­ßen fie­sen Mög­lich­kei­ten des Miss­brauchs sind kenn­zeich­nend.
    Den Ar­ti­kel nicht ver­öf­fent­li­chen?! Eben des­halb!!
    Das Buch über die »wah­ren Kom­pe­ten­zen der gro­ßen Künst­ler« wä­re auch sehr wich­tig!

    #26

  28. Doktor D sagt:

    @Doc Phor­kyas:
    Ein­fach mal die Ge­schich­te des Feuil­le­tons und der Kunst-/Li­te­ra­tur­kri­tik im 19. Jahr­hun­dert an­schau­en: Balzac ist da ein gu­ter Ein­stieg. Für mich sehr in­struk­tiv wa­ren v.a. die me­di­en­hi­sto­ri­schen Auf­ar­bei­tun­gen der div. Kunst­skan­da­le in Pa­ris, mit de­nen das, was wir heu­te mo­der­ne Kunst und klas­si­sche Mo­der­ne nen­nen, eta­bliert wur­de / sich eta­bliert hat. Da kann es ei­nem schon so er­schei­nen, dass mit der mo­der­nen Kri­tik so­fort der Star-/Bou­le­vard-Kon­nex er­scheint. Ei­nen gu­ten Ein­stieg in die­se Fa­ta­li­tät, die an un­se­rer Art äs­the­ti­sche Ob­jek­te / Lei­stun­gen zu pro­du­zie­ren und zu re­zi­pie­ren fast wie Pech und Schwe­fel hängt, gibt An­dre­as Reck­witz, Die Er­fin­dung der Krea­ti­vi­tät (Suhr­kamp). Der Klas­si­ker für den Im­pres­sio­nis­mus ist T. J. Clark, The Pain­ting of Mo­dern Li­fe: Pa­ris in the Art of Manet and his Fol­lo­wers, Neu­aus­ga­be 1999 (Das ist auch ein Mei­len­stein der Kunst­ge­schichts­schrei­bung und Im­pres­sio­nis­mus-For­schung).

    Zur Per­fi­die mei­ner An­mer­kung »Wie man in den Wald hin­ein­ruft ...«: Ich hal­te an der Ma­xi­me fest »Hand­lun­gen ha­ben Kon­se­quen­zen. Und ei­ni­ge da­von kann man so­gar selbst ab­se­hen.« Au­ßer­dem be­stehe ich auf den Un­ter­schied zwi­schen Li­te­ra­tur-Bou­le­vard und Klün­gel / Sze­ne: Frau Le­wit­schar­off haut in ih­ren Re­den, nicht nur in die­ser, ger­ne auf die Grob­schlacht­ta­sta­tur und per­sön­li­che In­vek­ti­ven (bis­her meist ge­gen To­te) ge­hen ihr da flott von der Hand, da soll­te man sich von ih­rem ex­ten­si­ven Ge­brauch der Hy­po­ta­xe nicht blen­den las­sen. Das ist klas­si­scher Bou­le­vard­stil und un­ter­schei­det sich für mich nicht prin­zi­pi­ell von den Diet­zens und Fleisch­hau­ers die­ser Welt, das muss man als Li­te­ra­tur­klün­ge­list nicht. Des­we­gen scheint mir das Ge­schrei und Ge­heul, das über Slo­ter­di­jk und sei­nen Men­schen­park aus­brach, ein sehr gu­tes Bei­spiel für den von Gre­gor Keu­sch­nig be­schrie­be­nen Me­cha­nis­mus des Feuil­le­ton-Bou­le­vards, Le­wit­schar­off eher nicht. Dass Sie mei­ne Ein­ord­nung von Le­wit­schar­off als Kra­wall­schach­tel per­fi­de fin­de, da­mit muss ich dann eben le­ben.

    @Gergor Keu­sch­nig:
    Die Fra­ge, soll man, und wenn ja wie, über die­se Auf­re­gungs­wel­len schrei­ben, treibt mich auch um. Mitt­ler­wei­le nei­ge ich da­zu zu sa­gen: eher nicht. Man ma­nö­vriert sich viel zu schnell selbst auf ei­ne die­ser ein­di­men­sio­na­len Po­si­tio­nen, weil man mit Be­grif­fen und Re­fe­ren­zen ar­bei­ten muss, die viel zu ein­fach in der Hit­ze des Ge­fechts miss­zu­ver­ste­hen sind. Et­was an­de­res wä­re es, viel­leicht so ei­ne Art Kar­to­gra­phie des Skan­dals zu er­stel­len, aus der man die Ver­net­zun­gen und Dis­kus­si­ons­li­ni­en dann ab­le­sen kann, jen­seits von ei­ge­nen politischen/argumentativen/ethischen Vor­lie­ben – qua­si ak­tu­el­le Ana­ly­se des dis­kur­si­ven Fel­des.
    Ei­ne ver­wand­te Fra­ge ist für mich: War­um lädt man über­haupt Schrift­stel­le­rin­nen als Fest- und Be­sin­nungs­red­ner zu ge­sell­schaft­lich re­le­van­ten The­men ein, für die sie auch nicht mehr fach­li­che Vor­aus­set­zun­gen ha­ben als zahl­rei­che an­de­re Men­schen? Au­ßer Di­stink­ti­ons­ge­winn und Auf­wer­tung / Er­hal­tung des ei­ge­nen kul­tu­rel­len Ka­pi­tals bei gleich­zei­ti­ger ma­xi­ma­ler ge­sell­schaft­li­cher Im­po­tenz fällt mir da nicht so viel ein. Auf Zo­la kön­nen sich mei­nes Er­ach­tens we­der die Ein­la­der noch die Schrift­stel­le­rin­ne be­ru­fen: Der hat in der Drey­fuß-Af­fä­re ja was ris­kiert und v. a. nicht ein­fach ei­nen Text raus­ge­hau­en, son­dern sich auch po­li­tisch ak­tiv en­ga­giert. Ein wich­ti­ger Punkt war, dass ei­ne be­kann­te öf­fent­li­che Per­son ihr Pre­sti­ge ei­ner Sa­che ver­leiht, die in der Öf­fent­lich­keit ei­ne schwe­ren Stand oder bis­her gar kei­nen Stand hat­te – und eher we­ni­ger, dass Zo­la qua Schrift­stel­ler­tum pri­vi­le­gier­ten Zu­gang zu ir­gend­wel­chen Wahr­hei­ten der Ge­sell­schaft hat.
    Wir soll­ten die Ein­la­der in Dres­den mal fra­gen, war­um sie zum The­ma »Le­ben und Tod in der mo­der­nen in­du­stri­el­len Me­di­zin« Frau Le­wit­schar­off ein­ge­la­den ha­ben und nicht Gio­van­ni Maio, Hil­le Ha­ker, Oli­ver Tol­mein oder ei­ne Prak­ti­ke­rin aus der Ho­spiz­be­we­gung, ei­nen Trans­plan­ta­ti­ons­arzt – oder Da­vid Wag­ner. Dann kä­men wir vlt. auch mal aus die­sem »Ho­lier than thou«-Zirkus raus.

    #27

  29. herr.jedermann sagt:

    Ist ja viel­leicht ei­ne al­te, un­gu­te Kon­di­tio­nie­rung von mir, Bü­cher­preis und Bou­le­vard als ge­son­dert zu den­ken. Aber dass Feuil­le­ton und Bou­le­vard per se in eins fal­len, un­ter­gräbt doch arg die üb­li­chen An­sich­ten. (Was wä­re dann z.B. GALA?) Das wür­de sämt­li­che De­bat­ten bis­her als Schein­ge­fech­te hö­he­rer Un­ter­hal­tungs­be­dürf­nis­se ab­kan­zeln. Und die Me­cha­nis­men, ob­wohl es sie gibt, sind in bei­den Be­rei­chen auch an­de­re.

    Trotz­dem (@ Doc­tor D): Es stimmt na­tür­lich, dass Le­wit­schar­off selbst schuld ist. Sie müss­te ei­gent­lich als in­tel­li­gen­te Per­son bes­ser wis­sen. Aber viel­leicht sind längst eben auch un­se­re de­le­gier­ten / stell­ver­tre­ten­den Gei­stes­he­ro­en von die­sem Pa­la­ver-Vi­rus in­fi­ziert.

    Tat­säch­lich, so noch ein Ge­dan­ke (Bil­ler etc.), aber hat auch die For­de­rung nach der end­lich wie­der „auf­re­gen­den“ Li­te­ra­tur (als Er­satz an­schei­nend für Re­le­vanz und „be­deu­tend“, wie der se­li­ge MRR sie noch qua­li­fi­zier­te) ei­ne ge­wis­se struk­tu­rel­le Ver­wandt­schaft mit der Lust an Skan­da­li­sie­rung und Em­pö­rung im Feuil­le­ton. (Die wie­der­um zu tun ha­ben mag mit dem et­wa am Ekel in Dschun­gel-Shows.)

    Es geht wie­der um Dien­ste. (Ich wer­de im­mer wach, wenn je­mand sagt, die Li­te­ra­tur muss gar nichts – aber Men­schen ha­ben IMMER Er­war­tun­gen, und die dau­er­haft zu ent­täu­schen be­kommt kei­ner Kunst gut). Al­so das stimmt so auch nicht.

    Aber geht es da heu­te wirk­lich nur um gra­du­el­le Un­ter­schie­de? Kunst und Ge­schäft, Po­li­tik und Ohn­macht, Gei­sti­ges in der Zei­tung, dass die glei­chen nie­de­ren In­stink­te be­dient? Es stimmt wohl, dass wir of­fen­bar stär­ke­re Rei­ze brau­chen. Die Dich­te heu­ti­gen Me­di­en­kon­sums und die Er­war­tun­gen dar­an ste­hen wohl in ei­nem ge­gen­sei­ti­gen Auf­schau­ke­lungs­ver­hält­nis (und dann bei im­mer mehr Ak­teu­ren ja auch, die ge­hört wer­den wol­len!). Und hin­ter­her, wenn al­le Recht ge­habt oder be­kom­men ha­ben, sind wir wie­der nä­her an Ge­mein­schaft und Kon­sens.

    Ich ver­wei­se noch mal auf Re­ne Gi­rard und sei­ne Sün­den­bock-Theo­rie: Das Op­fer (der her­un­ter­ge­hol­te Me­di­en­star, der sel­ber SS-ver­strick­te Mah­ner, der ver­zock­te Spen­der von Mil­lio­nen für den an­geb­lich gu­ten Zweck…) stif­tet zu­min­dest im­mer noch die Ge­mein­schaft, dass die­se um­so selbst­ge­wis­ser zu sich fin­den kann.

    Zur De­bat­te: Ich den­ke um ei­ne wirk­li­ches Er­geb­nis geht es meist ei­gent­lich nicht (au­ßer dass wo­mög­lich das ei­ne oder an­de­re Ar­gu­ment zu den­ken gibt). Wer zö­ge denn die Schlüs­se? Wenn es mal je­mand macht, ha­be ich das Er­geb­nis meist ganz an­ders ge­se­hen. Und da in der Ten­denz die mei­sten eher da le­sen, wo sie wis­sen, dass eher ih­re Grund­hal­tung be­stä­tigt an­statt ver­un­si­chert wird … tauscht sich da auch eher we­ni­ger aus.
    (Ich er­tap­pe mich, dass ich mehr und mehr lie­ber die ih­rer­seits dis­si­den­ten Stim­men le­se: Mehr Di­stink­ti­ons­ge­winn und mehr „Ka­thar­sis“.)

    Au­ßer­dem er­tap­pe ich mich, dass ich das Gan­ze an Öf­fent­lich­keit mehr und mehr als rie­si­ges Un­ter­hal­tungs­pro­gramm se­he. Und die Wirk­lich­keit toppt es noch je­den Tag – vie­le atem­be­rau­ben­den Wen­dun­gen könn­te man sich meist nicht mal aus­den­ken! UND das Pro­gramm ist ein­fach bes­ser als tau­send­fach ab­ge­nu­del­te und schmie­ri­ge RTL-Plots. Und auch we­ni­ger un­ter­kom­plex.

    Je­den­falls di­stan­zie­re ich mich hier­mit ein­mal aus­drück­lich von Suhr­kamp (und -„Kul­tur“).

    #28

  30. Wir soll­ten noch ein paar Un­ter­schei­dun­gen vor­neh­men: a) Rich­tig ist, dass sich je­mand durch un­flä­ti­ge Äu­ße­run­gen selbst dis­kre­di­tiert, vor al­lem wenn es je­mand ist, der das bes­ser kann (oder kön­nen soll­te), ein Li­te­rat oder Schrift­stel­ler, et­wa. b) Wich­tig ist, wer an­ge­grif­fen wur­de und wie der­je­ni­ge ant­wor­tet (oder ob er das über­haupt tut). Wird je­mand un­sach­lich an­ge­grif­fen, ist nach­voll­zieh­bar, dass der­je­ni­ge eben­so re­agiert. Für Drit­te gilt das nicht in der­sel­ben Wie­se (hier kann man ei­ne sach­li­che oder auch [ge­konnt!] po­le­mi­sche Ant­wort er­war­ten, man be­fin­det sich ja nicht im Kin­der­gar­ten). Ein un­sach­li­cher An­griff ist per se aber kei­ne Recht­fer­ti­gung für ei­nen sol­chen (auch wenn die­ser mensch­lich ver­ständ­lich bleibt) — das Prin­zip Ver­gel­tung wür­de so nur ge­recht­fer­tigt und der Aus­weg er­schwert.

    War­um wer­den Schrift­stel­ler zu ei­ner Re­de ge­be­ten? Ver­mut­lich weil man an­nimmt, dass sie re­den kön­nen, dass sie et­was zu sa­gen ha­ben (oder sa­gen soll­ten; sie sind Per­so­nen von öf­fent­li­chem In­ter­es­se). Und nicht zu­letzt zieht man mit ei­nem be­rühm­ten Na­men Auf­merk­sam­keit auf sich, auf sei­ne Ver­an­stal­tung (manch­mal nimmt man Pro­vo­ka­tio­nen be­wusst in Kauf). Und bei Preis­ver­lei­hun­gen ist es üb­lich.

    Bleibt noch die Fra­ge, war­um es zu sol­chen Ver­ir­run­gen kommt: Das ist viel­leicht kei­ne Spe­zia­li­tät von Schrift­stel­lern, eher von Per­so­nen, die über die Mög­lich­keit und Fä­hig­keit sich öf­fent­lich zu äu­ßern, ver­fü­gen (vor und wäh­rend des er­sten Welt­kriegs hat ei­ne gan­ze Rei­he von auch heu­te noch an­ge­se­he­nen Per­so­nen Äu­ße­run­gen ge­tä­tigt, über die wir nur noch den Kopf schüt­teln). Hin­zu kommt, dass Qua­li­fi­ka­tio­nen und Be­ga­bun­gen auf ei­nem Ge­biet kein Ga­rant für ver­nünf­ti­ge, durch­dach­te und aus­ge­wo­ge­ne Äu­ße­run­gen auf an­de­ren (zu­mal: nicht ver­wand­ten) sind. — Man müss­te wis­sen, ob hier ei­ne Be­son­der­heit, Schrift­stel­ler be­tref­fend, vor­liegt.

    #29

  31. Doktor D sagt:

    @herr.jedermann:
    Ich wür­de noch­mal Literatur/Kunstkritik und Feuil­le­ton tren­nen: Das Kri­tik lan­ge Zeit (auch) ih­ren Platz im Feuil­le­ton hat­te, ver­deckt m. E. den grund­sätz­lich af­fir­ma­tiv-un­ter­hal­ten­dem, eben bou­le­var­des­ken Cha­rak­ter des Feuil­le­ton. Mög­li­cher­wei­se ist der öko­no­mi­sche Druck auf die Me­di­en heu­te so groß, dass sie nun glau­ben, wirk­lich kei­nen Platz mehr für ech­te Kri­tik zu ha­ben – und lie­ber auf Kra­wal­le­rei set­zen. Aber dann le­se ich die Schlamm­schlach­ten rund um die Sa­lons zwi­schen 1850 und 1880 und den­ke mir, dass es da z. T. deut­lich här­ter zur Sa­che geht als heu­te. Gleich­zei­tig sind vie­le die­ser Schlamm­schlacht-Bei­trä­ge auch gu­te Kri­ti­ken: Da wer­den die ei­ge­nen Qua­li­täts­kri­te­ri­en dar­ge­legt und ganz oft ha­ben die Au­toren ei­ne sehr gu­te Spra­che, um ih­re äs­the­ti­schen Be­ob­ach­tun­gen und Emp­fin­dun­gen zu schil­dern.
    Aber wenn ich das hier so schrei­be, kommt mir die Idee: Viel­leicht ist das der Un­ter­schied – da wird sich höchst in­ten­siv und bis­wei­len mit be­herz­tem Griff in die un­ter­ste Schub­la­de um ei­nen Ge­gen­stand / Idee ge­prü­gelt, mit ei­nem Au­ge auf die Auf­la­ge, in un­se­rem Skan­dal-Feuil­le­ton re­giert aber meist das ad ho­mi­nem und über die Kunst­wer­ke lernt man nix oder ma­xi­mal das Pla­stik­vo­ka­bu­lar, das ge­ra­de en vogue ist. Wes­we­gen vie­le Tex­te zu Le­wit­schar­offs Re­de, selbst ei­ni­ge der sehr per­sön­li­chen Stel­lung­nah­men, auch so nach au­to­ma­ti­schem Schrei­ben aus­se­hen.

    #30

  32. herr.jedermann sagt:

    @Doktor D

    Ja, da ar­bei­ten bei mir wohl Prä­gun­gen. Ich er­in­ne­re mich, dass ich tat­säch­lich in der Schu­le Feuil­le­ton zu le­sen an­ge­fan­gen ha­be (ZEIT und FAZ), weil ein be­stimm­ter Leh­rer es mir emp­fahl. Und au­ßer­dem ha­ben manch­mal Li­te­ra­ten, die mich in­ter­es­sier­ten sel­ber da ge­schrie­ben. Na­tür­lich ha­be ich vie­les nicht ka­piert, aber ich er­in­ne­re mich, dass ich es manch­mal span­nend fand.

    Und tat­säch­lich: An­schei­nend ur­teilt man viel zu sehr von sei­nen ei­ge­nen Zei­ten her. Und die wirk­li­chen, die äs­the­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen, müs­sen mal viel auf­re­gen­der ge­we­sen sein. Und die Feind­schaf­ten. Ich ken­ne Ta­ge­bü­cher von Leu­ten aus der Nou­vel­le Re­vue Fran­cais – die hät­ten sich da­mals oft ger­ne noch du­el­liert! Und die Da­da­isten und Sur­rea­li­sten wa­ren auch nicht zim­per­lich in ih­ren Ab­gren­zun­gen. Sind die An­grif­fe „ad ho­mi­nem“ al­so wo­mög­lich aus­drück­li­cher Er­satz da­für, wenn die The­men schon we­nig Zünd­stoff bie­ten?

    (Fast je­der, den ich ken­ne, will von der al­te Na­zi-Cho­se nix mehr hö­ren, aber in der so ge­nann­ten „Kul­tur­zeit“ – wirk­lich ja ein Bou­le­vard-Ma­ga­zin – wird es je­den Abend ser­viert: Es bleibt DIE zen­tra­le Re­fe­renz. Soll man al­so sa­gen, der Ho­lo­caust ist die Kö­ni­gin Bea­trix – oder wie heißt die in Mon­cao? – der gei­stig et­was hö­he­ren Blätt­chen-Kul­tur?)

    Ein gu­ter Punkt bei sol­chen Aus­ein­an­der­set­zun­gen wä­re, dass man der­art die Po­si­tio­nen und La­ger­zu­ge­hö­rig­kei­ten der Leu­te lernt.

    Aber dann fällt mir gleich Po­s­ch­ardt ein – im­mer­hin mal DER Bö­se­wicht (nicht nur rechts, son­dern so­gar Für­spre­cher der FDP!).
    Und wie oft bin ich heu­te mit ihm d’accord!

    Al­so mehr Feind­schaf­ten pfle­gen, dass es da um das Ei­gent­li­che geht: Das Ein­ge­mach­te?

    #31

  33. Vie­len Dank für die Kom­men­ta­re.

    Ich le­se ja ge­ra­de mit gro­sser Be­gei­ste­rung die Rad­datz-Ta­ge­bü­cher von 2002–1012 (die vor­he­ri­gen hat­te ich auch schon ge­le­sen, auch »Un­ru­he­stif­ter«, die Au­to­bio­gra­phie). Wenn auch auf ei­ne ganz an­de­re Art und Wei­se zeigt sich hier das Pro­blem des »Be­triebs« ähn­lich. Im­mer wie­der nennt Rad­datz den Be­trieb »ver­kom­men«, sich wohl be­wusst, ihm auch an­zu­ge­hö­ren, mit­zu­ma­chen. Was ihn be­son­ders stört ist die­se Ober­fläch­lich­keit, die sich nach au­ßen als wei­he­voll gibt, in Wirk­lich­keit je­doch eben vol­ler In­tri­gen, Miss­gunst, ja Hass. Ein­mal trifft er m. E. den Kern der Sa­che, als er auf ei­nem der zahl­rei­chen Fe­ste von sich als ei­nem »Schau­spie­ler« er­zählt, was ja be­deu­tet, dass da Rol­len in­to­niert und ge­spielt wer­den. Nur: für wen? Für das Pu­bli­kum? Das be­kommt das ja zu­meist nicht mit – au­ßer in sol­chen »Skan­da­len« eben, in de­nen je­der sei­ne Fleiß­kärt­chen sam­meln kann um noch hö­her auf die an­de­ren her­ab zu blicken. Und man soll­te sich auch nichts vor­ma­chen: Die­se schein­ba­re Be­triebs­ver­kom­men­heit ist nicht ex­klu­siv auf die Kunst- und Kul­tur­sze­ne be­schränkt, sie dürf­te sich in der Wirt­schaft ge­nau so ab­spie­len wie im Ka­nin­chen­züch­ter­ver­ein. DAS ist viel­leicht das Er­schüt­tern­de dar­an? Oder auch nicht.

    Feuil­le­ton und Bou­le­vard? Wer kennt denn die wun­der­ba­ren »Feuil­le­tons« von Jo­sef Roth? Oder, von mir aus und ganz an­ders, Karl Kraus? Wo ist das heu­te hin? Wenn Schrift­stel­ler im Feuil­le­ton was schrei­ben, dann ir­gend­ei­nen Be­kennt­nis­mist. Kei­ne äs­the­ti­sche Her­aus­for­de­rung mehr; nichts. Herr.Jedermann sprach schon die­se lä­cher­lich, de­bi­le »Kulturzeit«-Sendung an, in der in je­der Fol­ge, wirk­lich je­der Fol­ge mit der Mo­de­ra­to­rin T. S. T. M. (an­son­sten in je­der zwei­ten Fol­ge) von ir­gend­was mit Na­tio­nal­so­zia­lis­mus vor­kommt; da­ge­gen ist Gui­do Knopps Hit­ler-Ob­ses­si­on (sei­ne Sen­dun­gen über den Er­sten Welt­krieg be­gin­nen mit Hit­ler, en­den mit Hit­ler und zei­gen im­mer wie­der Hit­ler zwi­schen­durch) fast zu ver­nach­läs­si­gen. Hier geht es nur um – ja, um was?

    Dok­tor D’s Fra­ge (»War­um lädt man über­haupt Schrift­stel­le­rin­nen als Fest- und Be­sin­nungs­red­ner zu ge­sell­schaft­lich re­le­van­ten The­men ein, für die sie auch nicht mehr fach­li­che Vor­aus­set­zun­gen ha­ben als zahl­rei­che an­de­re Men­schen?«) ist die ent­schei­den­de Fra­ge. Ich stel­le sie mir sehr oft. Und es hat da­mit zu tun, dass es im Jour­na­lis­mus, oder, wenn man will, in der Öf­fent­lich­keit, im­mer wich­ti­ger ge­wor­den ist, WER et­was da­zu sagt, d. h. wel­cher Na­me die Fi­gur im me­dia­len Zir­kus er­wor­ben hat. Das zeigt sich ja in den di­ver­sen Talk­shows, wenn Schau­spie­ler oder Sport­ler qua ih­res Na­mens zu The­men be­fragt wer­den, von de­nen sie mehr als ei­ne Mei­nung gar nicht ha­ben (kön­nen). Schrift­stel­ler und/oder Künst­ler lau­fen da er­staun­lich arg­los in die Prä­po­tenz­fal­le, in der sie hin­ein­ge­lockt wur­den. Es ist auch kein Phä­no­men, dass aus­schließ­lich Kul­tur­schaf­fen­de be­fällt, die gen­an­ten Schau­spie­ler oder Sport­ler eben auch, nur sind sie er­staun­li­cher­wei­se mit den me­dia­len Fall­stricken bes­ser ver­traut als ein Schrift­stel­ler, der aus sei­ner Schreib­gruft ans Hel­le ge­tau­melt ist. Sie ha­ben näm­lich Be­ra­ter, Agen­ten, usw. und wis­sen ge­nau, was sie sa­gen kön­nen oder nicht.

    Wich­tig ist nur noch, dass man sich zu be­stimm­ten Si­tua­tio­nen »be­kennt«, »Flag­ge zeigt«, statt ein­fach nur in Ru­he nach­zu­den­ken und sich zu bil­den. In die Rich­tung ge­hen ja auch die in so­zia­len Netz­wer­ken weit ver­brei­te­ten Pe­ti­ti­ons­auf­ru­fe. Stolz schreibt man dann »Ge­ra­de un­ter­schrie­ben« drun­ter. Ich stel­le mir die­se Per­so­nen dann vor, wie sie sich ei­nen Rot­wein ein­schen­ken und sich wie die Ret­ter der Welt vor­kom­men bzw. ihr (war­um ei­gent­lich?) schlech­tes Ge­wis­sen be­ru­hi­gen; ein mo­der­ner Ab­lass, der so un­fass­bar bil­lig ist wie die­se arm­se­li­gen Krea­tu­ren, die da Tag für Tag ir­gend­ei­nen Mist »un­ter­schrei­ben«. Pras­chls »Oh­ne mich« ist ja durch­aus pfif­fig, wenn ich nicht auch schon hier wie­der den Ver­dacht ei­nes Me­ta-Em­pö­rungs­tex­tes hät­te.

    Der Ge­dan­ke, dass die Feuil­le­ton-Auf­re­gun­gen so­zu­sa­gen den Er­satz für die zu­meist eher »lang­wei­li­ge« (was für mich per se kein Schimpf­wort ist, aber schein­bar für fast al­le An­de­ren) Li­te­ra­tur sein soll, ist sehr in­ter­es­sant. Das wür­de er­klä­ren, war­um sie eben auch fast im­mer mit ei­nem bald er­schei­nen­den neu­en Werk ver­knüpft sind bzw. ver­knüpft schei­nen. Wenn das die PR von Ver­la­gen sein soll – na, dann...

    Na­tür­lich be­steht auch noch ein Un­ter­schied zwi­schen Le­wit­schar­off und Slo­ter­di­jks Men­schen­park-Re­de. Ein Phi­lo­soph muss un­ter Um­stän­den sol­che Poin­tie­run­gen vor­neh­men – und dann ent­spre­chend mit der Kri­tik wenn nicht le­ben so doch zu­recht­kom­men. Slo­ter­di­jk schrieb so­zu­sa­gen in sei­nem Me­tier; Le­wit­schar­off re­de­te über Sa­chen, von de­nen sie ei­ne Mei­nung hat, aber auch nicht mehr. Ge­nau­so gut hät­te die Re­de auch zu den Ge­fah­ren des Schwei­ne­fleisch­kon­sums oder über die La­ge im Süd­su­dan ge­hal­ten wer­den kön­nen.

    #32

  34. Doktor D sagt:

    @Herr.Jedermann
    Ich kann mich noch ganz ge­nau dar­an er­in­nern, wie un­ge­dul­dig ich auf die gro­ßen Buch-Bei­la­gen zur Frank­fur­ter Buch­mes­se und zum Win­ter- / Weih­nachts­pro­gramm in der FAZ, der ZEIT und de FR ge­giert ha­be – so bis in die 1990er. Dann lies das im­mer stär­ker nach. Be­stimmt auch, weil ich in mei­nem Stu­di­um von ei­ni­gen an­de­ren Li­te­ra­tur­lieb­ha­bern um­ge­ben war, die viel mehr Er­fah­rung hat­ten als ich und mir das Feuil­le­ton er­setz­ten, und weil mit In­ter­net ei­ne neue Quel­le zur In­for­ma­ti­on auf­tauch­te. Aber ich ha­be auch den Ein­druck, das in den Feuil­le­tons doch im­mer stär­ke­rer Kon­for­mi­täts­druck herrscht: Al­le schrei­ben im Te­nor gleich über die­sel­ben. Neue Au­toren und Li­te­ra­tur ken­nen­ler­nen wird da schwer. Da ist ja die »Kun­den, die die­ses Buch ge­kauft ha­ben, in­ter­es­sie­ren sich auch für X«-Empfehlung krea­ti­ver und hat mir schon in­ter­es­san­te Au­toren / Tex­te vor die Na­se ge­setzt. Wirk­lich ge­spannt bin ich nur noch auf die NZZ Bei­la­gen, sonst be­zie­he ich mei­ne An­re­gun­gen von Blogs wie die­sem hier, vie­len eng­lisch­spra­chi­gen Blogs und der groß­ar­ti­gen LRB. Ich le­se ge­ra­de bei Blogs auch ger­ne Stim­men, die nicht mei­ner ei­ge­nen klei­nen Ideo­lo­giebla­se ent­stam­men, zum Bei­spiel US­ame­ri­ka­ni­sche, sehr kon­ser­va­ti­ve Blogs, die auch Li­te­ra­tur- und Kul­tur­be­spre­chun­gen ma­chen. Da muss man sich im­mer mal auf­re­gen, man schärft aber auch die ei­ge­ne Po­si­ti­on und lernt neue Stim­men ken­nen.

    #33

  35. die_kalte_Sophie sagt:

    Ei­ne neue Fa­cet­te, die ver­ein­zel­ten Hin­wei­se auf den »Li­te­ra­tur­be­trieb«, aber span­nend. Rad­datz hat si­cher viel zu er­zäh­len. Die Kul­tur­schaf­fen­den zie­hen we­der an ei­nem Strang, noch brin­gen Sie es zwi­schen­mensch­lich über ein Min­dest­maß an An­stand und Zi­vi­li­tät hin­aus. Am Ho­ri­zont: die Idea­le der Freund­schaft und Mit­mensch­lich­keit, im­mer gleich weit ent­fernt. Man muss wirk­lich auf­pas­sen, man wird un­wei­ger­lich me­lan­cho­lisch.
    P.S.: Ich le­se, die Mo­de­ra­to­rin T.S. sei Ent­na­zi­fi­zie­rungs-Spe­zia­li­stIn in der >kul­tur­zeit<. Ist das nicht Ti­na Men­dels­sohn?! T.S., das war doch Sar­ra­zin...

    #34

  36. Ex­cusé die_kalte_Sophie – das kommt vom Rad­datz-Le­sen. ich mein­te »T. M.«
    Dan­ke für die Kor­rek­tur...

    #35

  37. Doktor D sagt:

    »Die Kul­tur­schaf­fen­den zie­hen we­der an ei­nem Strang, noch brin­gen Sie es zwi­schen­mensch­lich über ein Min­dest­maß an An­stand und Zi­vi­li­tät hin­aus.« – Sind das nicht et­was weit­rei­chen­de Schlüs­se? Ich ha­be ge­ra­de ei­nen sehr an­rüh­ren­den Text über das ge­hei­me Le­ben von W. H. Au­den als barm­her­zi­ger Sa­ma­ri­ter ge­le­sen. Si­cher gibt es noch vie­le an­de­re Ge­schich­te von groß­her­zi­gen Ta­ten und Her­zens­bil­dung un­ter »Kul­tur­schaf­fen­den«. Und war­um soll­ten sich die »Kul­tur­schaf­fen­den« da auch von an­de­ren Be­ru­fen un­ter­schei­den? Dass ver­ste­he ich nicht so recht.

    #36

  38. herr.jedermann sagt:

    @ Dok­tor D
    Ja, Buch­bei­la­gen – stimmt! Und was mir aber apro­pos NZZ auch noch ein­fällt: Ei­nes der bes­se­ren Vor­ur­tei­le über die Schwei­zer ist ja, dass sie lang­sa­mer sei­en aber da­für gründ­li­cher – das wä­re dann al­so auf dem Sek­tor von (sa­gen wir mal „Kul­tur­be­richt­erstat­tung“) von of­fen­kun­di­gem Vor­teil. NZZ le­se ich al­so im­mer wie­der ger­ne.

    An­son­sten geht auch bei mir die Auf­merk­sam­keit im­mer mehr zu „ab­wei­chen­de Mei­nung“ – und da­mit ein­her geht dann tat­säch­lich oft die über­ra­schen­de­re, ent­le­ge­ne­re In­for­ma­ti­on, die dann den Un­ter­schied macht.

    Noch­mal je­ner Leh­rer, der mich aufs Zei­tung­le­sen ge­bracht hat­te: Er mein­te da­mals al­len ern­stes (und al­so über­zeu­gend), dass, wenn man das gei­sti­ge Kli­ma im Land ver­fol­gen wol­le, man Feuil­le­ton le­sen müs­se. Al­ler­dings hat­te es eben sei­ner­zeit auch noch sei­ne (fast) Al­lein­stel­lung, und das Aus­fran­sen der Qua­li­tät hat eben auch mit der Ver­viel­fäl­ti­gung der Stim­men und Or­te zu tun, von wo­her die Spre­cher re­den. Wenn der EINE Ka­non nicht mehr gilt wird der an­de­re um­so mehr er­klä­rungs­be­dürf­ti­ger – das bringt et­li­che Di­stink­ti­ons­ge­win­ne aber auch neue Dürf­tig­kei­ten.

    Über­haupt schei­nen mir oft sämt­li­che Grün­de zu­zu­tref­fen, die gu­ten und die schlech­ten – der Feh­ler wä­ren eher auch die Ver­ein­fa­chun­gen und mo­no­kau­sa­len Her­lei­tun­gen.

    @ G.K.
    Viel­leicht ist eben das der Un­ter­schied: Ob es tat­säch­lich noch er­schüt­tert? Und da ist dann we­ni­ger die Dis­zi­plin aus­schlag­ge­bend, in der je­mand ope­riert, als sei­ne Per­sön­lich­keit? Die Fall­hö­he bei Künst­lern und In­tel­lek­tu­el­len ist eben nur hö­her als in der Wirt­schaft – wo der Kampf mit Ell­bo­gen ja als Tu­gend gilt. (Man soll auch „durch­set­zungs­fä­hig“ sein.)

    Rad­datz ist viel­leicht so in­ter­es­sant, weil er ei­ne pa­ra­dig­ma­ti­sche Fi­gur ist (war) – und au­ßer­dem, ne­ben sei­nen pri­vat-ästhtei­schen, noch den An­spruch des Künst­lers per se hoch­hält. So kann er die Ver­kom­men­heit eben sel­ber ver­kör­pern. Man muss ihm schon dank­bar sein. (Au­ßer­dem hilft ihm sein fran­zö­si­scher Ein­schlag, wo die­se Schi­zo­phre­nie schon frü­her the­ma­ti­siert wur­de. Ich er­in­ne­re an die De­bat­ten Sart­re / Ca­mus: Da war im­mer viel vor­ge­scho­ben, weil es um Rang­ord­nun­gen und Gel­tungs­an­sprü­che ging, und au­ßer­dem um die­se In­nen-/Au­ßen­per­spek­ti­ve: Der aus dem in­ner­sten (Klein-)Bürgertum kom­men­de Phi­lo­soph und der „pied noir“ – und dann die ganz gro­ße, die Welt-Po­li­tik-Per­spek­ti­ve. Muss man sich wohl auch dran ver­he­ben. Auch Sart­re war oft rück­sichts­los ge­gen­über sich selbst – aber eben oft erst hin­ter­her, wenn die Wun­den ge­schla­gen wa­ren.
    Ich will ei­gent­lich nur sa­gen, dass Rad­datz da­von mehr drauf hat­te, als die da­mals zu­rück­ge­blie­ben Deut­schen – er hat­te auch noch ei­nen ganz an­de­ren Hoch­mut in sich.

    Je­den­falls sind Schrift­stel­ler, die al­so noch zu Tho­mas Manns Zei­ten Deu­tungs­ho­hei­ten an­ge­tra­gen wur­den, heu­te nur mehr ei­ne wei­te­re Far­be im Kul­tur­quar­tett – und wohl die am we­nig­sten schil­lern­de: Das muss kom­pen­siert wer­den. Aber viel­leicht sind ja auch wir Le­ser mit un­se­ren Er­war­tun­gen an­ti­quiert? In­diz da­hin ist auch die Auf­la­dung der Per­so­nen selbst (kaum ei­ne Buch­an­zei­ge oh­ne das Bild des Au­tors). Und es braucht ein er­wei­ter­tes Sto­ry­tel­ling, die Ver­bin­dung zu ei­nem Ge­ne­ral-The­ma, dass man als Mar­ke deut­li­cher wird. Die Buch-The­men, die Bü­cher sind in Hin­blick auf Merkt und Ver­mark­tung je­den­falls nicht mehr das Ent­schei­den­de. Und in der Self­pu­blisher-Sze­ne wer­den dem­nächst viel­leicht auch Hy­pes a la He­ge­mann wich­ti­ger wer­den und dann auch ent­schei­dend.

    Was ich mei­ne, ist, all das weiß ir­gend­wie bei sich auch, dass es mit den ehe­ma­li­gen An­sprü­chen an das Kunst­werk vor­bei ist – die „Au­ra“ ist auch hier der Vor­schein der Kul­tur­wa­re ge­wor­den. Und dass das „Werk“ viel­leicht auch im­mer we­ni­ger die Mü­he lohnt. Und so la­den sich die Er­war­tun­gen teils noch an den Ver­jähr­tem auf oder an gro­ßen Ein­zel­nen, an Bern­hard oder Pyn­chon oder …, und man weiß doch, dass es nicht mehr ernst­haft er­war­tet wer­den kann.

    Bis da­hin le­sen wir was an­de­res.

    #37

  39. die_kalte_Sophie sagt:

    @ Dok­tor D
    Ganz kurz, weil nach­ge­fragt: die Kul­tur als har­mo­ni­sches Ge­fü­ge ha­ben wir hi­sto­risch in­zwi­schen weit ver­fehlt, und die »Schaf­fen­den« im si­sy­pho­ni­schen Be­trieb sind auch nur sel­ten Vor­bil­der. Das mein­te ich. Dass es Sa­ma­ri­ter gibt, ist klar. Ich er­in­ne­re ger­ne auch an das En­ga­ge­ment ein­fa­cher Pop-Künst­ler wie Sha­ki­ra, die in Ko­lum­bi­en schon ih­re 4. Schu­le er­öff­net hat.

    #38

  40. Ich glau­be schon, dass die Schaf­fen­den zu Vor­bil­dern er­klärt wer­den. Und das selbst wenn sie noch nichts mit »Charity«-Geschmack hin­ter­las­sen ha­ben. Hier­in se­he ich ja das Di­lem­ma: Man hebt sie auf ei­nen Sockel, aber we­he es kommt ein nicht als ad­äquat ak­zep­tier­tes Ver­hal­ten...

    Hier­in zeigt sich ja die Sehn­sucht nach dem Vor­bild, dem Ide­al: es soll ma­kel­los sein, oh­ne »Ecken und Kan­ten«. Da­bei ist das fast die Vor­aus­set­zung für so et­was wie Kunst: Je­mand der im­mer bei grün über die Am­pel geht und schö­ne Ge­dich­te schreibt – der muss ir­gend­wo ei­nen Ab­grund in sich »we­send« ha­ben. Wo sol­len sonst die schö­nen, in­ten­si­ven Ge­dich­te her­kom­men? Und so fin­det sich der Schrift­stel­ler ir­gend­wann im Pa­ra­do­xon: Ma­che ich ei­nen auf Main­stream (und hal­te die Schnau­ze) oder lass ich mich nicht kor­rum­pie­ren? Letz­te­res ist der ge­fähr­li­che Weg, weil Dich­ter ent­ge­gen der land­läu­fi­gen Mei­nung nur noch wie Sonn­tags­red­ner an­ge­se­hen wer­den.

    #39

  41. Phorkyas sagt:

    @Doktor D: Für mich war Feuil­le­ton in sei­ner Ur­form eher Hei­ne und den kann ich nicht so recht mit Bou­le­vard in Ver­bin­dung brin­gen, aber dan­ke für die Ver­wei­se!

    Mit dem »per­fi­de« be­zog ich mich eher auf die Ar­gu­men­ta­ti­ons­struk­tur als auf den In­halt, da ich nicht be­ur­tei­len kann und will, ob Frau Le­wit­schar­off die­se »Dschi­had« (Keu­schi­nig) ver­dient hat oder nicht.
    Die Slo­ter­di­jk-De­bat­te ken­ne ich et­was nä­her, und bei al­ler Un­ter­schied­lich­keit gibt es doch auf­fal­len­de struk­tu­rel­le Ähn­lich­kei­ten:
    1) Es ist der im­mer­sel­be Na­zi-Knopf, der ei­ne »De­bat­te« trig­gern kann.
    2) Der Pri­mär­text in­ter­es­siert über­haupt nicht (bei Slo­ter­di­jk, Wal­ser schien es so­gar för­der­lich, dass die­ser zu­nächst nicht zu­gäng­lich war). Ei­ne her­me­neu­ti­sche oder be­hut­sa­me Her­an­ge­hens­wei­se fin­det nicht statt.
    3) Selbst wenn man den Pri­mär­text kennt, echauf­fiert man sich bes­ser an über­lie­fer­ten Se­kun­däraf­fek­ten.
    4) Mit­un­ter braucht es ge­wis­se In­ku­ba­ti­ons­zei­ten bis wie­der ei­ner Dis­kurs­bla­se hoch­blub­bert.

    Aber das ist hier ja schon ge­nü­gend breit­ge­tre­ten und die kri­ti­sche Mas­se für ei­nen Dis­kurs wä­re hier ja schon vor­han­den, nun mag noch ein Mo­de­ra­tor ver­su­chen, dies auch zu ir­gend­was Sinn­vol­lem zu­sam­men­zu­bin­den.

    Mö­gen Sie mei­ne Sei­ten­grät­sche ent­schul­di­gen; mit­un­ter ma­che ich in Blogs schon ei­ne Ko­pie des­sen aus, was man an Zei­tun­gen so hef­tig kri­ti­sier­te: dass man sich oh­ne Grund zur Au­to­ri­tät auf­plu­stert, und die Ge­nau­ig­keit und Prä­zi­si­on in Be­ob­ach­tung und Ar­gu­ment ge­ra­de ver­mis­sen lässt. – So tei­le ich z.B. den Te­nor die­ses Ar­ti­kels hier im Gro­ßen und Gan­zen, den­noch ge­hen mir rhe­to­ri­sche Dampf­häm­mer wie »Dschi­had« so pau­schal ei­gent­lich schon zu weit: Lie­ber wä­re es mir, man zeig­te mir in For­mu­lie­run­gen oder Äu­ße­run­gen der Jour­nail­le kon­kret, wie die­se »Dschi­had« auf­tritt und wirkt, als nur pau­schal ab­zu­wat­schen. – Nun viel­leicht geht ei­nem die Ge­duld aus, oder man denkt nicht dar­an, wenn man das schon 438mal ge­tan hat,.. aber ver­wischt man da­bei nicht die Gren­ze zu de­nen, die man kri­ti­siert?

    #40

  42. @Phorkyas
    Vie­len Dank für den Hin­weis auf das Buch zur Slo­ter­di­jk-De­bat­te. Lei­der ja wohl nicht mehr lie­fer­bar. Slo­ter­di­jk hat in sei­ner Bör­ne-Re­de noch ein­mal Be­zug auf die Dis­kus­si­on ge­nom­men, von der er, ein biss­chen ge­spielt viel­leicht, über­rascht war.

    Zu den rhe­to­ri­schen Dampf­häm­mern: Ich fin­de, »Dschi­had« trifft die zum Teil tat­säch­lich re­li­giö­se In­brunst, mit der be­stimm­te Glau­bens­ge­wiss­hei­ten ver­tei­digt wer­den, ziem­lich gut. Weil es eben auch das Be­kennt­nis­haf­te hat und nicht nur das Ab­weh­ren­de. Es ist eng ver­knüpft mit dem, was dann auch schon in der Dis­kus­si­on an­ge­spro­chen wur­de: Dem na­he­zu kin­di­schen Zwang zur Di­stan­zie­rung, ja Ent­schul­di­gung. (An­ders bspw. als in klas­si­schen Ent­schul­di­gungs-Ge­sell­schaf­ten wie Ja­pan.) Der/die Ab­trün­ni­ge wird vor al­len vor­ge­führt. Er/Sie muss die Apost­asie zu­rück­neh­men. Es muss wi­der­ru­fen wer­den. Hät­te ich »In­qui­si­ti­on« schrei­ben sol­len? Viel­leicht.

    Na­tür­lich ist es ein Ar­gu­ment zu sa­gen, ich ma­che in dem Mo­ment das, was ich an­de­ren vor­wer­fe. Ich ha­be aber gar nicht ge­sagt, dass die an­de­ren nicht rhe­to­risch scharf vor­ge­hen dür­fen. Ich fin­de nur, sie soll­ten es in der Sa­che ei­ni­ger­ma­ßen ge­nau ma­chen und nicht ei­ne Ver­schwö­rung ei­ner Art neu­en Rech­ten her­bei­be­schwö­ren, wo ein­fach nur Un­sinn ge­sagt wor­den ist. (So wur­de auch ge­sagt, Le­wit­schar­off sei ei­ne christ­li­che Fun­da­men­ta­li­stin. Viel­leicht stimmt das ja. Aber was be­deu­tet das denn? DARF sie das nicht sein?)

    Im üb­ri­gen ist ein Blog-Ar­ti­kel kei­ne wis­sen­schaft­li­che Aus­ein­an­der­set­zung. Das müss­te an­son­sten so aus­se­hen, wie bspw. zum Fall Handke/Jugoslawien und spe­zi­ell zum Hei­ne-Preis-Di­lem­ma 2006 hier – in­klu­si­ve kon­kre­ter Auf­stel­lun­gen über die »Jour­nail­le«. Aber: Wer wür­de das noch le­sen?

    #41

  43. die_kalte_Sophie sagt:

    Die Aus­gren­zung, die »schar­fen Wor­te« und die Wis­sen­schaft
    Al­les wich­tig, ich will mich ger­ne wie­der­ho­len:
    »Der Main­stream exi­stiert durch­aus nicht nur durch IN­TE­GRA­TI­ONS­maß­nah­men, es gibt kla­re Ri­tua­le der Aus­gren­zung. Ich den­ke, die For­mu­lie­rung von Phor­kyas ist aus­sa­ge­kräf­tig: »Ver­wischt man nicht die Gren­ze zu je­nen, die man kri­ti­siert...«.
    Lei­der hat mein Aus­gren­zungs-Axi­om in #20 nie­man­den in­ter­es­siert, ich möch­te es noch­mal auf­grei­fen: auch der Main­stream »funk­tio­niert« als Grup­pe, oh­ne Au­ßen kann er nicht exi­stie­ren. Phor­kyas be­merkt, es han­delt sich al­len­falls um ei­ne Pseu­do-Grup­pe, ein Qua­si-Kon­strukt. Dem bin ich seit Jah­ren auf der Spur. Da der Main­stream aber viel­fäl­tig, soz. über­de­fi­niert ist, braucht er je­de Men­ge Au­ßen­sei­ten. Er bil­det Fa­cet­ten wie ein dicker Dia­mant.
    »Die »schar­fen Wor­te« sind nicht nur Waf­fen, son­dern auch Af­fekt-Zei­chen. Sie sind ris­kant, weil un­sach­lich und nicht ge­zielt auf ei­ne Per­son ge­rich­tet. Ich hab ja oben vor­ge­macht, wie’s geht: Kul­tur der di­rek­ten Be­lei­di­gung, mit der Mög­lich­keit, sich zu ent­schul­di­gen...
    »Wis­sen­schaft tä­te not, aber wie Ste­phan Raab: »Wir ha­ben doch kei­ne Zeit...!«

    #42

  44. Ja, na­tür­lich exi­stiert der Main­stream auch in der »Aus­gren­zung«. Die Frei­heit wird ja nicht nur am Hin­du­kusch ver­tei­digt, son­dern auch im­mer wie­der ger­ne in den Re­dak­ti­ons­stu­ben. So­lan­ge es denn »mei­ne« al­so des­sen Frei­heit ist. Das ist ja zu­nächst ein­mal nichts eh­ren­rüh­ri­ges, so­lan­ge dies in dis­kur­siv ge­ord­ne­ten Bah­nen ab­läuft.

    Die­se Gren­zen wer­den ja längst ver­las­sen. Wer ein­mal vom wah­ren Weg ab­ge­wi­chen ist – nun, dem droht le­bens­lan­ges Er­in­nern (s. »Freitag«-Artikel). Da wird der phi­lo­so­phi­sche Rah­men, in dem Slo­ter­di­jks Text steht, gar nicht erst er­ör­tert; viel zu kom­pli­ziert. Und die Pro­vo­ka­ti­on von Strauß, sich sel­ber als »Rech­ter« zu ru­bri­zie­ren be­gie­rig auf­ge­nom­men – oh­ne dar­auf zu ach­ten, wie das wirk­lich ge­meint war/ist.

    Aber nicht al­le kön­nen Pyn­chon spie­len. Und so müs­sen sie al­so in das Ka­rus­sell.

    #43

  45. Doktor D sagt:

    @phorkyas:
    Ver­mut­lich zum Glück für die Ver­gan­gen­heit blei­ben aus den Schlamm­schlach­ten ver­gan­ge­ner De­bat­ten oder des ver­gan­ge­nen Feuil­le­tons ja oft nur die wirk­lich gro­ßen Bei­trä­ge und Bei­trä­ger in Er­in­ne­rung. Wenn man sich dann mit den kon­kre­ten hi­sto­ri­schen De­bat­ten­ver­läu­fen be­schäf­tigt, wird’s ei­nem dann manch­mal ganz blü­merant. Da tre­ten dann auch mei­ne nor­ma­ti­ven Vor­stel­lun­gen zu Feuil­le­ton und Kri­tik und das, was hi­sto­risch-de­skrip­tiv Feuil­le­ton ist / war, manch­mal sehr stark aus­ein­an­der.

    Was ich nicht be­strei­te, ist das re­gel­mä­ßi­ge Hohl- und Leer­lau­fen die­ser ak­tu­el­len »De­bat­ten« in den vor­ge­spur­ten Bah­nen. Be­fremd­lich fin­de ich auch, dass so­fort das Zu­sam­men­rücken / Ent­ste­hen ei­ner kon­ser­va­tiv-re­ak­tio­nä­ren Front aus­ge­ru­fen wird. Da­für scheint mir in den Me­di­en fast nichts zu spre­chen, eher im Ge­gen­teil. Wo­bei: Aus der Funk­ti­ons­lo­gik des Bou­le­vard-Kra­wall muss es ja im­mer um die letz­ten Fra­gen der Mensch­heit ge­hen, um das ei­ge­ne Res­sen­ti­ment zu le­gi­ti­mie­ren.

    #44

  46. die_kalte_Sophie sagt:

    @ Gre­gor
    Ein­ver­stan­den. Der Hin­weis auf die Ver­tei­lung von »Platz­kar­ten« ist um­so tref­fen­der, weil er zeigt, dass man nicht nur »ab­wei­chen­de Ge­dan­ken« son­dern auch »in­fa­me Per­so­nen« braucht. Die­se Be­stand­tei­le be­nutzt man »kon­struk­tiv« für die Ge­stal­tung des main­stream. (Oh, Spra­che, steh’ mir bei!). Reicht Dir das nicht als Be­grün­dung?! Der main­stream braucht Nah­rung, er funk­tio­niert nicht im luft­lee­ren Raum des »Den­kens«...

    @ Dok­tor D
    Tol­ler Hin­weis, dass die »Front« deut­lich von in­nen kon­stru­iert wird, wie­der ein Grup­pen-Axi­om. Sie­he Frei­tag. Aus wis­sen­schaft­li­cher Sicht ist die be­rühm­te Fahn­dungs-Web­site doch al­ler­fein­stes Ma­te­ri­al! Die Re-Ak­ti­on scheint gar nichts mehr vom »Ver­tei­di­gen« zu hal­ten, man mar­schiert ins Geg­ner­land und greift sich die Ver­däch­ti­gen! Ich hab auch lan­ge ge­rät­selt, wie das kommt. Mei­ne Ver­mu­tung: die Kon­ser­va­ti­ven sind rhe­to­risch sehr de­fen­siv, sie hal­ten sich be­deckt und sind ge­le­gent­lich so­gar »sprach­faul«. Es man­gelt an Prä­senz in den Me­di­en. Des­halb wer­den Dum­mys er­schaf­fen. Das Hau’-den-Peter...(Sloterdijk), oder Hau’-den-Lucke...Spiel. Oder: Hau’-die-Kelek, wenn man ge­schlechts­aus­ge­wo­gen ar­gu­men­tie­ren möch­te.

    #45

  47. Doktor D sagt:

    @Kalte_Sophie:
    Ihr Blick auf die kon­ser­va­ti­ven oder rech­ten Kräf­te (oder die, die sich selbst so nen­nen) ist mir zu ro­man­tisch: Die mei­sten der von ih­nen ge­nann­ten ha­ben sich ak­tiv als der rech­ter Ge­gen­pol im Bou­le­vard-Kra­wall po­si­tio­niert (Lucke wür­de ich raus­neh­men, der spielt in ei­nem an­de­ren Thea­ter, der Po­li­tik, dem nüt­zen die Aus­fäl­le in den Me­di­en) und ver­die­nen da­mit ih­ren Le­bens­un­ter­halt. Bei Slo­ter­di­jks Men­schen­park war der Me­cha­nis­mus noch nicht so su­per ein­ge­spielt, da neh­me ich ihm das Er­stau­nen über die Re­ak­ti­on bis zu ei­nem ge­wis­sen Grad ab. Aber seit­dem soll­te auch der in­tel­lek­tu­ell mä­ßig be­gab­te Schrift­stel­ler / Pu­bli­zist wis­sen, dass er be­stimm­te Tro­pen und rhe­to­ri­sche Fi­gu­ren nicht nut­zen soll­te, wenn er ein The­ma ernst­haft in die Dis­kus­si­on brin­gen will. Oder eben das Ge­gen­teil tun, wenn man ein neu­es Buch zu pu­shen hat oder ei­nen schö­nen Buch­ver­trag ha­ben möch­te.
    Das neue Buch von Bo­tho Strauss fand ich des­we­gen so ba­nal und ent­täu­schend: Ich hat­te den Ein­druck, da ver­lässt sich je­mand völ­lig auf den Skan­da­li­sie­rungs­me­cha­nis­mus und wird dar­über selbst brä­sig, denk­faul und selbst­ge­fäl­lig.
    Wirk­lich in­ter­es­san­te Den­ke­rin­nen aus dem rech­ten bis fa­schi­sti­schen Spek­trum gibt es in DE ak­tu­ell nicht wirk­lich. Das sind al­les Auf­güs­se aus den 1910er bis 1930er Jah­ren und die mei­sten da­von nicht be­son­ders gu­te. Bei den kon­ser­va­ti­ven Ka­tho­li­ken gibt es mit Spa­e­mann und dem Pa­pa Eme­ri­tus in­tel­lek­tu­ell her­aus­for­dern­de Po­si­tio­nen, aber die spie­len auch kei­ne ak­ti­ve Rol­le im Bou­le­vard. Slo­ter­di­jk ist eher ein Li­ber­tä­rer als rechts – und mitt­ler­wei­le auch meist ein Bou­le­vard-Schau­spie­ler sei­ner selbst.

    #46

  48. @Doktor D
    Wirk­lich in­ter­es­san­te Den­ke­rin­nen aus dem rech­ten bis fa­schi­sti­schen Spek­trum gibt es in DE ak­tu­ell nicht wirk­lich.
    Viel­leicht Egon Flaig – wenn ich das hier le­se, be­kom­me ich fast Lust, mich des­sen an­zu­neh­men. Aber wie schon Raab sag­te: die Zeit...

    #47

  49. Doktor D sagt:

    @Keuschnig: Dan­ke! Der klingt wirk­lich sehr span­nend.

    #48

  50. Dass Le­wit­schar­offs Rede/Text ei­nen Sturm ent­fa­chen konn­te, sagt ei­ni­ges über die Ver­fas­sung des Feuil­le­tons. Da wer­den aus ei­ner sub­jek­ti­ven Per­spek­ti­ve her­aus, lang­at­mig und un­ge­lenk, Be­den­ken be­stimm­ten (mo­der­nen) Ent­wick­lun­gen ge­gen­über ge­äu­ßert, we­der pro­vo­kant, noch ag­gres­siv, ich wür­de sa­gen klas­sisch kon­ser­va­tiv bis re­ak­tio­nä­re To­poi (Selbst­er­mäch­ti­gung des Men­schen, Kon­se­quen­zen ei­ner Ab­kehr von Gott,...), nichts Neu­es, nicht strin­gent oder durch­dacht for­mu­liert, we­der es­say­istisch noch poin­tiert; zu man­chen Schlüs­sen könn­te man auch auf ganz an­de­ren We­gen ge­lan­gen, man kann das, in­halt­lich und sti­li­stisch, links lie­gen las­sen. Der ein­zi­ge Satz der hän­gen blieb: »Hei­te­res Ge­wäh­ren­las­sen und nicht über al­les, wirk­lich al­les be­stim­men zu wol­len, ist ge­ra­de­zu der Ga­rant für ein in Ma­ßen ge­lin­gen­des Le­ben.« Aber auch das ist nicht neu und auch dort­hin kann man auf an­de­ren We­gen ge­lan­gen.

    #49

  51. Doktor D sagt:

    @metepsilonema:
    Ich den­ke, oh­ne miss­glück­tem Na­zi-Ver­gleich und der Be­zeich­nung von re­pro­duk­ti­ons­me­di­zi­nisch er­zeug­ten Ba­bies als Halb­we­sen, der Pro­ze­dur als ab­ar­tig und der Dä­mo­ni­sie­rung von Frau­en, die sich der Re­pro­duk­ti­ons­me­di­zin be­die­nen, hät­te es kei­ne De­bat­te ge­ge­ben. Und na­tür­lich brauch­te es den Of­fe­nen Brief des Chef­dra­ma­tur­gen, der den an­de­ren ein Worst-Off-Le­wit­schar­off-Re­de zur Ver­fü­gung stell­te. Mit dem war dann auch der To­pos eta­bliert, dass man sich min­de­stens ein­mal vor der Sprach­macht der Au­torin zur Ver­beu­gen hat­te, be­vor man ihr dann Pau­scha­li­tä­ten um die Oh­ren haut.
    Bis­her ha­ben sich nur so ein paar ver­streu­te Blog­ger und Kom­men­ta­to­ren wie hier die Mü­he ge­macht, mal die­sen ty­pi­schen Le­wit­schar­off-Sound zu ana­ly­sie­ren. Die­se Ver­man­schung von ho­hem Ton mit Schwa­bis­men, Bi­bli­zis­men, Kraft­aus­drücken, Ar­chais­men er­mög­licht m. E. ge­ra­de das un­ge­nau, schlam­pi­ge Den­ken, das sich in der Re­de zeigt. Ei­ner der Kom­men­ta­to­ren hat das, glau­be ich, schon ge­sagt: Was als (Ich-)Erzählerin- oder Fi­gu­ren­stil ganz ge­lun­gen sein kann, wird als Per­so­nal­stil dann ein Den­kun­fall.

    #50

  52. die_kalte_Sophie sagt:

    zu #46
    Scha­de, mein Lob war et­was über­eilt. Es ging um die Pri­mär-De­fi­ni­ti­on des »Rech­ten« als Geg­ner. Was das ge­nau ist, da bin ich über­fragt. Das spielt für die Grup­pen-De­fi­ni­ti­on des main­stream (ei­ner Qua­si-Grup­pe) nicht die ge­ring­ste Rol­le. Der Kopf kommt ein­fach an die Pin­wand. Sie­he Web­site! Haupt­sa­che, der Ab­wei­chungs-Fak­tor ist hoch ge­nug. Nen­nen wir es in­tui­ti­ves »po­lit-bashing«. Rechts ist, wer an mei­ner Pin­wand hängt. Wie Gre­gor schon öf­ter sag­te: da­zu muss man die Tex­te ja nicht mal le­sen, ge­schwei­ge denn, ver­ste­hen.
    Ha­be ich wirk­lich ei­nen Hau­fen rechts-kon­ser­va­ti­ver Ge­stal­ten auf­ge­zählt?! Scrol­len wir doch ein­fach mal nach oben...
    Ach, sieh da! Sie neh­men Slo­ter­di­jk und Lucke so­gar raus. Hmmm, da bleibt dann von dem Hau­fen nur noch Ne­c­la Kelek üb­rig. Na, schön.
    Und auf die ar­me Im­mi­gran­tin hät­te ich ei­nen po­lit-ro­man­ti­schen Blick ge­wor­fen?!
    Sei­en Sie mir nicht bö­se, aber ich fürch­te, sie wer­fen mit Bil­dungs-Kli­schees um sich. »Rechts« und »ro­man­tisch«, da war doch was... Ha­ben Sie da nicht gleich ei­nen Buch­tipp für uns?!

    #51

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  54. @die_kalte_Sophie
    Der »Hau­fen rechts­kon­ser­va­ti­ver Ge­stal­ten« ist ja viel­leicht im Frei­tag-Ar­ti­kel nach­zu­le­sen, den ich in der Fuss­no­te ver­linkt hat­te (nicht noch­mal; wä­re zu­viel der Eh­re für die­se Prak­ti­kan­ten­po­stil­le). Da­bei kommt es tat­säch­lich nicht dar­auf an, ob die Leu­te »rechts« sind, son­dern nur noch ob sie für die Ver­fas­ser »rechts« gel­ten. Der Witz bspw. bei Bo­tho Strauß war ja, dass er sich als »Rech­ter« be­zeich­net hat­te, wo­bei dann al­ler­dings die Er­klä­rung, was das ist, im­mer weg­ge­las­sen wur­de:

    »Es han­delt sich um ei­nen an­de­ren Akt der Auf­leh­nung: ge­gen die To­tal­herr­schaft der Ge­gen­wart, die dem In­di­vi­du­um je­de An­we­sen­heit von un­auf­ge­klär­ter Ver­gan­gen­heit, von ge­schicht­li­chem Ge­wor­den­sein, von my­thi­scher Zeit rau­ben und aus­mer­zen will. An­ders als die lin­ke, Heils­ge­schich­te par­odie­ren­de Phan­ta­sie malt sich die rech­te kein künf­ti­ges Welt­reich aus, be­darf kei­ner Uto­pie, son­dern sucht den Wie­der­an­schluß an die lan­ge Zeit, die un­be­weg­te, ist ih­rem We­sen nach Ti­ef­e­ner­in­ne­rung und in­so­fern ei­ne re­li­giö­se oder pro­to­po­li­ti­sche In­itia­ti­on. Sie ist im­mer und exi­sten­ti­ell ei­ne Phan­ta­sie des Ver­lu­stes und nicht der (ir­di­schen) Ver­hei­ßung. Ei­ne Phan­ta­sie al­so des Dich­ters, von Ho­mer bis Höl­der­lin.«

    Nimmt man die­se De­fi­ni­ti­on, blei­ben wirk­lich nicht vie­le: Slo­ter­di­jk – nein (»li­ber­tär« fin­de ich trifft es sehr gut); Sar­ra­zin – ein Nar­zisst mit ei­nem Welt­bild der 50er Jah­re, oh­ne gro­ssen In­tel­lekt; Strauß – sie­he oben, per Selbst­de­fi­ni­ti­on, aber nicht als Gar­ten­lau­be-Me­lan­cho­li­ker. Ma­tus­sek und Frau Kel­le ha­ben an­de­re Vor­stel­lun­gen von Fa­mi­lie und Schwar­zer und Bro­der sind is­la­mo­phob. Das hat al­les mit »dun­kel­deut­schem Wald« nichts zu tun. Das sind mehr oder we­ni­ger Schieß­bu­den­fi­gu­ren, die da auf­ge­stellt wer­den, weil ei­nem de­ren Mei­nung im ein oder an­de­ren Fall nicht passt.

    #52

  55. die_kalte_Sophie sagt:

    zu #52
    Dan­ke für den Ge­leit­schutz. Es war mir wirk­lich ernst mit der Be­haup­tung: »Kei­ne Ah­nung, was rechts ist...«.
    Die For­mu­lie­run­gen von Strauss sind sehr gut, das geht si­cher in die rich­ti­ge Rich­tung.
    Dei­ne Ein­ord­nung der Schieß­bun­den­fi­gu­ren ist auch stim­mig.
    Ge­nau dar­um ging es: nur noch Re­fle­xe, so­gar Dok­tor D wil­ligt (dank­bar?!) ein in die re-ak­ti­ve De­fi­ni­ti­on. Nach Strauss gä­be es nur sehr we­ni­ge »rechts­phi­lo­so­phi­sche« Gei­ster, viel zu we­nig für die Kra­wall-Ma­schi­ne­rie...
    Da muss man eben Er­satz schaf­fen.
    Man könn­te die He­xen­jagd ja mit dem hor­ror va­cui er­klä­ren. We­he dem, dem die Geg­ner aus­ge­hen! Er wür­de den Geg­ner im ei­ge­nen Spie­gel­bild ent­decken.

    #53

  56. @Doktor D
    Ich will den Text im Grun­de nicht ver­tei­di­gen, weil ich ihn für schlecht hal­te, aber wenn wir uns die Stel­le ein­mal an­se­hen:

    »Mit Ver­laub, an­ge­sichts die­ser Ent­wick­lun­gen kom­men mir die Ko­pu­la­ti­ons­hei­me, wel­che die Na­tio­nal­so­zia­li­sten einst ein­ge­rich­tet ha­ben, um blon­de Frau­en mit dem Sa­men von blon­den blau­äu­gi­gen ss-Män­nern zu ver­sor­gen, fast wie harm­lo­se Übungs­spie­le vor. Ich über­trei­be, das ist klar, über­trei­be, weil mir das ge­gen­wär­ti­ge Fort­pflan­zungs­ge­murk­se der­art wi­der­wär­tig er­scheint, dass ich so­gar ge­neigt bin, Kin­der, die auf solch ab­ar­ti­gen We­gen ent­stan­den sind, als Halb­we­sen an­zu­se­hen. Nicht ganz echt sind sie in mei­nen Au­gen, son­dern zwei­fel­haf­te Ge­schöp­fe, halb Mensch, halb künst­li­ches Weiß­nicht­was. Das ist ge­wiss un­ge­recht, weil es den Kin­dern et­was an­la­stet, wo­für sie rein gar nichts kön­nen. Aber mei­ne Ab­scheu ist in sol­chen Fäl­len stär­ker als die Ver­nunft.«

    Le­wit­schar­off tut zwei­er­lei: a) Sie re­la­ti­viert ih­re pla­ka­ti­ven An­sa­gen so­fort (»Ich über­trei­be [...]«, »Das ist ge­wiss un­ge­recht [...]«) und be­ruft sich b) auf sub­jek­ti­ve Ein­drücke (»Aber mei­ne Ab­scheu ist in sol­chen Fäl­len stär­ker als die Ver­nunft.«). Man kann das als Rhe­to­rik ab­tun, al­ler­dings las­sen sich im Rest des Tex­tes m.E. kei­ner­lei Er­här­tun­gen da­für fin­den, dar­über hin­aus spricht Le­wit­schar­off so­gar da­von, dass sie »Den jüng­sten Fall ei­nes Mäd­chens in Köln, das von ei­ner
    Kli­nik in ka­tho­li­scher Hand ab­ge­wie­sen wur­de, weil es nach ei­ner Ver­ge­wal­ti­gung auf Num­mer si­cher ge­hen woll­te, dass aus die­sem Fre­vel kein Kind ent­ste­hen kann« für »skan­da­lös« hal­te (sie zählt sich auch nicht zu den Ab­trei­bungs­geg­nern). Sie ver­tritt kei­ne schwarz-weiß-Po­si­ti­on.

    Mir scheint, dass da ein paar Wör­ter aus dem Zu­sam­men­hang ge­ris­sen wur­den; na­tür­lich kann man sa­gen, dass die Au­torin sie nicht hät­te ver­wen­den sol­len (oder aber sie tat das im Wis­sen was kom­men wür­de). Ich selbst fin­de die­se Ver­glei­che ent­behr­lich (neu­er­dings wur­de ja so­gar der Ein­marsch auf der Krim mit Hit­lers Be­set­zun­gen und »An­schlüs­sen« ver­gli­chen). Aber ist das in der vor­lie­gen­den Form tat­säch­lich ein Skan­dal? Ist es nicht »schlim­mer«, dass die Au­torin bis­wei­len da­zu neigt, den Men­schen an­de­ren Au­to­ri­tä­ten (völ­lig?) un­ter­zu­ord­nen (Gott)?

    #54

  57. Doktor D sagt:

    @metepsilonema:
    Ich hat­te das eher de­skrip­tiv für die Ana­to­mie des »Skan­dals« ge­dacht: Oh­ne die­sen Na­zi-Be­zug hät­te es, ver­mu­te ich, kei­ne Auf­re­gung ge­ge­ben. Und der Of­fe­ne Brief des Chef­dra­ma­tur­gen hat das dann in die Skan­dal-In­stant-Form ge­bracht, an die das Schnell­schrei­ber-Feuil­le­ton sich dann ver­schleiß­los (selbst gründ­lich le­sen) an­docken konn­te. Ich fin­de die Re­de aus an­de­ren Grün­den miss­glückt und un­ver­schämt, der Na­zi-Be­zug ist da eher das Tüp­fel­chen auf dem I.
    @Kalte_Sophie:
    Ich hat­te den Ein­druck, sie rech­nen den vom Feuil­le­ton als »rechts« oder »re­ak­tio­när« ins Vi­sier ge­nom­men Fi­gu­ren ei­ne be­son­de­re Qua­li­tät zu: Das sie tat­säch­lich was zu sa­gen hät­ten. Und das hal­te ich, po­si­tiv ge­sagt, für ro­man­tisch: Denn die mei­sten die­ser Fi­gu­ren bau­en ja ih­ren Le­bens­un­ter­halt auf ge­nau die­ser Rol­le im Kul­tur-Bou­le­vard auf. Das sind, zu­min­dest für mich, ge­nau so öde Clowns wie Diez und Co. KG. Wer sich län­ger auf rech­ten, kon­ser­va­ti­ven oder neo-fa­schi­sti­schen Sei­ten oder in die­sen Krei­sen her­um­treibt, merkt das im üb­ri­gen ganz schnell: Die sind fast spie­gel­sym­me­trisch zu Diez und Co. KG ge­baut und bie­ten ih­ren Kra­wall­stars an­schei­nend ein ganz net­tes Aus­kom­men.
    Aus­nah­men sind für mich Strauss und Slo­ter­di­jk. An de­nen kann man aber auch er­ken­nen, mei­nes Er­ach­tens, wie sehr man sich auch als et­was kom­pli­zier­ter den­ken­de Au­torin da­vor in Acht neh­men muss, auf die Schwach­denk-An­ge­bo­te des Bou­le­vards ganz au­to­ma­tisch ein­zu­ge­hen, weil man meint, sich da po­si­tio­nie­ren zu müs­sen.

    #55

  58. die_kalte_Sophie sagt:

    zu #54
    Der Pas­sus aus der Re­de ist gut ge­wählt, er zeigt den Fre­vel und lässt die Mög­lich­keit der Zweck­ent­frem­dung be­reist ah­nen. Na­zi-Züch­tung und das At­tri­but »harm­los« im sel­ben Satz?! Na, war­te...
    Es ist klar, dass wenn man die Hy­per­bel (zu­viel der Eh­re?) um­kehrt, ein gro­ßer Skan­dal ent­steht. Ich glau­be, das kön­nen be­reits Ab­itu­ri­en­ten. Der the­ma­ti­sche Rah­men ist je­doch nicht zu­fäl­lig, denn der GröFaZ und sei­ne Per­ver­sio­nen wird ja noch ge­braucht. SIE darf die­se Ver­glei­che nicht ma­chen, das dür­fen nur WIR...
    Grup­pen­kon­sens. WIR al­lein wis­sen, in wel­chen po­le­mi­schen Zu­sam­men­hän­gen die Na­zi-Ver­glei­che »kon­struk­tiv« sind, sie­he #45. Die po­le­mi­schen Zwecke sind ent­schei­dend, nicht der un­sach­ge­mä­ße Ge­brauch. Es gibt ja kei­ne statt­haf­ten Ver­glei­che auf die­ser »Ebe­ne«...

    #56

  59. die_kalte_Sophie sagt:

    zu #55
    Im­grun­de sind wir ei­nig: es ist für ei­nen kom­ple­xen Au­tor kaum noch mög­lich, sich dem Bou­le­vard (er­wei­ter­te Def.) zu nä­hern, oh­ne vor­ge­führt zu wer­den.
    Strauss und Slo­ter­di­jk sind für mich ge­nau, wie sie sa­gen, als »Miss­brauchs­op­fer« in­ter­es­sant ge­wor­den. Wer kon­spi­riert und wie­viel man da­bei ver­die­nen kann, ist mir schnup­pe. Die Au­toren wur­den nie ge­nau ge­le­sen, und stets auf die­sel­be Wei­se »miss­ver­stan­den«. Ganz klar: das ist nicht Dumm­heit, das hat Me­tho­de.
    Dass die­se Au­toren tat­säch­lich et­was zu sa­gen ha­ben, -die­se An­nah­me wä­re in der Tat ro­man­tisch. Sie kä­me ei­ner Lie­bes­er­klä­rung an ein Ora­kel gleich.
    Das Phä­no­men ist und bleibt: das, was die Au­toren sagen/schreiben, stimmt nicht mit dem über­ein, was sie gesagt/geschrieben ha­ben sol­len. Es ist Miss­brauch.

    #57

  60. @Doktor D
    Viel­leicht ha­ben wir da an ein­an­der vor­bei ge­schrie­ben, eben­des­we­gen mein­te ich in #49, dass der Ent­rü­stungs­sturm viel über das Feuil­le­ton sagt (weil die De­tails oder die tat­säch­lich re­le­van­ten Stel­le über­le­sen oder gar nicht be­müht wer­den — un­ver­schämt be­zie­hen Sie wor­auf?).

    #58

  61. Doktor D sagt:

    @metepsilonema: An­ein­an­der vor­schrei­ben in Kom­men­ta­ren – das ist ja die klas­si­sche Form der Kom­mu­ni­ka­ti­on un­ter Ab­we­sen­den... Ich glau­be auch, dass wir uns ziem­lich ei­nig sind.
    Was ich un­ver­schämt an der Re­de fin­de? Das völ­lig un­ge­bro­che­ne Ver­trau­en Le­wit­schar­offs in den Wert ih­res ei­ge­nen Re­sen­ti­ments ge­gen­über re­pro­duk­ti­ons­me­di­zi­ni­schen Ver­fah­rens – mir er­schei­nen ih­re Re­la­ti­vie­run­gen rein rhe­to­risch. Ihr scheint völ­lig egal zu sein, dass sie da auch über rea­le Men­schen spricht. Statt­des­sen baut sie sich ir­gend­wel­che Papp­ka­me­ra­din­nen auf (die män­ner­feind­li­che Kampf­les­be im Pro­me­theus-Wahn), die selbst auf Bou­le­vard-Ni­veau sind. Und die Recht­fer­ti­gung da­für, jetzt die Zu­hö­rer mit die­ser wahn­haf­ten Wahr­neh­mung der kon­kre­ten Ver­hält­nis­se in der Re­pro­duk­tons­me­di­zin zu kon­fron­tie­ren, sind: ih­re Ge­füh­le. Das ist für mich das Re­fle­xi­ons­ni­veau von Pu­ber­tie­ren­den, nur mit mehr Ne­ben­sät­zen.

    #59

  62. @Doktor D
    Das völ­lig un­ge­bro­che­ne Ver­trau­en Le­wit­schar­offs in den Wert ih­res ei­ge­nen Res­sen­ti­ments
    Man er­set­ze jetzt »Res­sen­ti­ment« mit bei­spiels­wei­se »Mei­nung« (oder, dann wird es noch schwie­ri­ger, »Ge­fühl«). Und schon zeigt sich : Die­ses »Ver­trau­en« in das ei­ge­ne Glau­ben, Mei­nen, Füh­len ist ja das, was man den Schrift­stel­lern jah­re­lang als ih­re »Auf­ga­be«, neu­deutsch: Kern­kom­pe­tenz ge­pre­digt hat. Es ist das, man ei­gent­lich hö­ren möch­te. Um so un­er­hör­ter, wenn es sich um ein »Res­sen­ti­ment« han­delt – wo­bei dann die Fra­ge ist, wer das als Res­sen­ti­ment wer­tet.

    Ich glau­be auch, dass die Re­la­ti­vie­run­gen rei­ne Rhe­to­rik sind – wenn man »über­treibt«, es »nicht so meint«; dann muss man es eben an­ders for­mu­lie­ren. Es ist ei­ne REDE, kein State­ment in ei­ner Dis­kus­si­on, dass ei­nem viel­leicht ent­fleucht und nicht im­mer al­les druck­reif ist. Gleich zu Be­ginn sagt sie, dass ihr Iro­ni­sches zu den The­men, die sie in der Re­de be­han­deln möch­ten schwer­fal­le. Um sich dann beim Ge­gen­wind auf die­ses Iro­ni­sche raus­zu­re­den.

    In ei­nem hat »die kal­te So­phie« Recht: Wer sagt denn, dass Diez »kle­ri­kal­fa­schi­stisch« sa­gen darf, aber an­son­sten Na­zi-Ver­glei­che bzw. Na­zi-Par­al­le­len ver­pönt sind? Man kann das na­tür­lich als Schau­spiel, als In­sze­nie­rung be­trach­ten (wo­zu ich im­mer mehr nei­ge), al­ler­dings bleibt der Verursacher/die Ver­ur­sa­che­rin von nun an per­so­na non gra­ta bzw. muss ei­ne ge­ra­de­zu un­end­li­che Ket­te von di­ver­sen Kot­aus vor­neh­men, um wie­der auf­ge­nom­men zu wer­den in das Thea­ter.

    Die Fra­ge ist, ob Le­wit­schar­offs Li­te­ra­tur durch ih­re An­sich­ten zur Re­pro­duk­ti­ons­me­di­zin »be­schä­digt« wird, zu­mal sie sich ja bis­her er­kenn­bar nicht da­mit be­schäf­tigt. Das Pup­pen­thea­ter meint: ja. Ich sa­ge: nein. Da das Pup­pen­thea­ter je­doch den Ton an­gibt, setzt es sich durch; die Au­torin ist im Prin­zip »tot«. Zu­mal der Suhr­kamp Ver­lag ei­ne sehr un­rühm­li­che Rol­le ge­spielt hat.

    #60

  63. Doktor D sagt:

    zu »Na­zi-Ver­glei­chen«: Manch­mal glau­be ich, wir müss­ten al­les und je­des mit Na­zis in Ver­bin­dung brin­gen, bis die­ser Zom­bie end­lich mal tot im Gra­be bleibt. Qua­si be­wuss­tes Na­zi-Touret­te-Syn­drom. Und bei Diez frag’ ich mich ernst­haft, ob der über­haupt den Schim­mer ei­ner Ah­nung hat, was der Be­griff »kle­ri­kal­fa­schi­stisch« über­haupt meint.
    Zur wei­te­ren Kar­rie­re von Le­wit­schar­off: Das näch­ste Buch kommt ja En­de März / An­fang April. Mal se­hen, was mit der Auf­la­ge pas­siert. Als ich die Suhr­kamp-Stel­lung­nah­me las, durch­fuhr mich die Idee: Ob die wohl schon län­ger pla­nen, sich von Le­wit­schar­off zu tren­nen? Und das ist hier jetzt die gol­de­ne Ge­le­gen­heit?

    #61

  64. War­um soll­te Suhr­kamp die Büch­ner­preis­trä­ge­rin los­wer­den wol­len? Per­sön­li­che Ani­mo­si­tä­ten? Bis zu der Re­de war doch S. L. everybody’s dar­ling.

    #62

  65. Doktor D sagt:

    Rei­ne Spe­ku­la­ti­on mei­ner­seits:
    1) Man ver­dient kein Geld mit ihr, weil man ihr als Büch­ner­preis­trä­ge­rin ein zu ho­hes Fest­ho­no­rar zahlt (Ich bin ziem­lich si­cher, dass Büch­ner­preis kei­nen re­le­van­ten Ver­kaufs­boost mehr bringt, die mei­sten an­de­ren dt­schen. Li­te­ra­tur­prei­se tun es auch nicht – sagt je­den­falls mein Buch­händ­ler, der ein am­bi­tio­nier­tes Li­te­ra­tur­pro­gramm führt)
    2) Im Ver­lag gibt es Leu­te, die Le­wit­schar­off schon im­mer für über­be­wer­tet hal­ten. Das ist ih­re Chan­ce. Ge­ra­de im Suhr­kamp-Ver­lag mit sei­nen im­mensen Ge­richts­ko­sten sind die öko­nom­si­chen Res­sour­cen für Wer­bung etc. end­lich. Je­der we­ni­ger hilft den ei­ge­nen Leu­ten.

    Ich bin sehr ge­spannt auf die Re­zen­sio­nen zu ih­rem neu­en Ro­man: Da lässt sich wie­der et­was span­nen­des über das li­te­ra­ri­sche Feld ler­nen.

    #63

  66. Die Buch­prei­se (Frank­furt mehr als Leip­zig) brin­gen noch Ver­kauf – sag­te mir neu­lich mal ein Ver­le­ger, der es wis­sen muss­te. Auch der Bach­mann­preis. Al­le drei sind al­ler­dings me­di­al sehr gut in­sze­niert (be­son­ders Kla­gen­furt). Die ju­r­yaf­fi­nen Prei­se, die zu 90% in den Feuil­le­tons ver­han­delt wer­den, dann wohl eher nicht (die zwei­zei­li­ge Mel­dung in der »ta­ges­schau« zum Büch­ner­preis ist ja eh nur zum Luft ho­len).

    Ja, ich bin auch auf die Re­zen­sio­nen ge­spannt; merk­wür­di­ger­wei­se auf das Buch we­ni­ger. Schon »Blu­men­berg« hat mich vom Set­ting her nicht in­ter­es­siert. »Pong«, da­mals Sie­ger in Kla­gen­furt, zer­fiel mir zu sehr in zwei Tei­le (der gu­te be­kam den Preis). Apo­sto­loff fand ich nach­träg­lich bes­ser, als ich es mir da­mals be­schrie­ben hat­te, aber es war gu­te Un­ter­hal­tung. Sehr in­ter­es­sant fand ich 2007 ihr Vor­pre­schen zu­sam­men mit Fe­li­ci­tas Hop­pe (ko­misch, bei­de ha­ben in­zwi­schen den Büch­ner­preis?!) und dem ge­mein­sa­men Ab­schied von den Al­ten. (Ei­nen Link zum FAZ-Text gibt’s wohl nicht mehr.) Hier­aus könn­te sich ihr spä­te­rer Ruhm ab­lei­ten...

    #64

  67. Doktor D sagt:

    @Gregor Keu­sch­nig:
    Das ent­sprich ganz gut mei­nem Kauf­ver­hal­ten: Deut­scher Buch­preis und Leip­zig, da gucke ich mir auf je­den­fall die Kan­di­da­tin­nen an (eben Per Leo, Flut und Bo­den ge­kauft). Beim Bach­mann-Preis ha­be ich mich jah­re­lang durch die on­line prä­sen­tier­ten Tex­te ge­quält – mit dem bin ich durch. Der ist für mich mitt­ler­wei­le eher ein Ma­lus.

    »Blu­men­berg« ha­be ich an­ge­fan­gen zu le­sen – und schnell wie­der weg­ge­legt. Das Er­schei­nen des Lö­wen ist wirk­lich schön, aber da­nach ist mir das Ge­sicht ein­ge­schla­fen. »Apo­sto­loff« ha­be ich nicht ge­le­sen, nach­dem Le­wit­schar­off im DLF dar­aus ge­le­sen hat. Das hat mir zwar ge­fal­len, aber ich dach­te: Die­sen Ton über mehr als 200 Sei­ten möch­te ich nicht hö­ren.
    Auf mei­ner Li­ste steht noch Con­sum­ma­tus: Das ha­ben mir zwei Buch­händ­ler emp­foh­len, auf die ich sehr viel hal­te. Aber wie im­mer: so vie­le Bü­cher, so we­nig Zeit!

    #65

  68. Der Na­zi-Ver­gleich (oder: Fa­schis­mus­vor­wurf) hat drei Vor­tei­le: 1) Man patzt je­man­den an (und kann si­cher sein, dass et­was hän­gen bleibt), braucht 2) nicht wei­ter zu ar­gu­men­tie­ren und schreckt 3) da­mit mög­li­che Ver­tei­di­ger ab (es wird wohl kaum je­mand ge­ben der für Le­wit­schar­off in die Bre­sche springt [muss auch nie­mand]).

    Was mich noch rein theo­re­tisch in­ter­es­sie­ren wür­de: Könn­te man ih­re Re­de als fik­tiv (»li­te­ra­risch«) ver­tei­di­gen (das war in ähn­li­chen Fäl­len im­mer wie­der ei­ne Po­si­ti­on der »Ver­tei­di­gung«)?

    @Doktor D
    Weit­ge­hend ei­nig: Ja!

    #66

  69. Phorkyas sagt:

    An­ein­an­der vor­schrei­ben in Kom­men­ta­ren – das ist ja die klas­si­sche Form der Kom­mu­ni­ka­ti­on un­ter Ab­we­sen­den
    Das ist ein schö­ner Satz, be­reit zum Ein­rah­men.

    Nun dass die­se Dis­kus­si­on schon weit an mir vor­bei­ge­schrit­ten ist, möch­te ich aber noch ein paar Punk­te nach­lie­fern:

    @Keuschnig: Dass Sie kei­nen wis­sen­schaft­lich drö­gen Text ab­lie­fern müss­ten, recht­fer­tigt doch nicht dem Pu­bli­kum nach dem Mund re­den zu wol­len, bzw. die Sa­che auf de­ren vor­ge­fühl­tes Ni­veau her­un­ter­bre­chen zu wol­len; das ist doch ge­nau das was den Bou­le­vard aus­macht.

    Und da­mit zu ei­nem Haupt­ein­wurf: Die Aus­sa­ge im Ar­ti­kel, dass das Feuil­le­ton un­ter Bou­le­vard zu sub­su­mie­ren sei, ist mei­nes Er­ach­tens nicht ganz rich­tig. Das hie­ße ja, dass »Bou­le­vard« ei­ne Ober­men­ge sei, al­so noch reich­hal­ti­ger als das Feuil­le­ton. Hier in den Kom­men­ta­ren wer­den bei­de Be­grif­fe schon fast syn­onym ver­wen­det, wäh­rend doch das Um­ge­kehr­te rich­tig ist: dass sich im Feuil­le­ton, wo es fehl­geht, viel­leicht Ele­men­te, Funk­ti­ons­wei­sen des Bou­le­vard wie­der­fin­den las­sen, aber es sonst als in­tel­lek­tu­el­le Spiel­wie­se qua­si den un­end­li­chen Raum des frei­en Gei­stes um­fas­sen könn­te. Viel­leicht ist es da­her un­er­läss­lich die Be­grif­fe zu dif­fe­ren­zie­ren. Woll­te man Bou­le­vard an ein­fa­chen Merk­ma­len fest­ma­chen, so fal­len mir be­son­ders ein: Per­so­na­li­sie­rung, Emo­tio­na­li­sie­rung.
    Dies ist zu tren­nen von der (jour­na­li­sti­schen, me­dia­len) Öf­fent­lich­keit über­haupt. (Hier wür­de mich ne­ben­bei in­ter­es­sie­ren, ob auch ei­ne nicht­jour­na­li­sti­sche oder nicht­me­dia­le Öf­fent­lich­keit über­haupt denk­bar ist). Bei die­sen Skan­da­len, so den­ke ich, han­delt es sich näm­lich eher um Fo­kus­sie­run­gen des öf­fent­li­chen In­ter­es­ses auf sehr punk­tu­el­le Er­eig­nis­se. In­so­fern es da­bei schnell um ein­zel­ne Per­so­nen geht und Af­fek­te geht, ist na­tür­lich das Bou­le­vard nicht weit, aber mei­nes Er­ach­tens geht es zu­nächst ein­mal erst um.. po­si­ti­ve Rück­kop­pe­lung: ein The­ma ist ein The­ma, weil es ein The­ma ist. Da al­le sich da­mit be­schäf­ti­gen wird auch un­ser Ein­zel­be­wusst­sein, so sehr wir uns da­ge­gen weh­ren oder uns in Blogs da­vor ekeln, auf die­sen sin­gu­lä­ren Punkt ge­drängt. Das ist der »Skan­dal«, die Er­eig­nis-Sin­gu­la­ri­tät, dar­um be­schäf­ti­gen auch wir uns mit die­sem The­ma, wäh­rend wir fort­lau­fend be­to­nen wie nichts­wür­dig es oder der Pri­mär­text doch ei­gent­lich sei­en.
    Und da­mit auch ein Wi­der­spruch zu der Aus­sa­ge im Ar­ti­kel die­je­ni­gen, die im »Main­stream« mit­schwöm­men be­kä­men ih­re gro­ße Be­loh­nung. Nein, die die nur mit­lau­fen, drin­gen doch gar nicht vor und sind schnell ver­ges­sen, die sind nur Un­ter­grund­rau­schen für die­se grel­len Auf­merk­sam­keits­spit­zen der Skan­da­le. Und ja, auch wenn die­se Skan­da­le von au­ßen schon ei­nen fast me­cha­ni­schen Ab­lauf zei­gen, so ist es doch sehr nicht­de­ter­mi­ni­stisch, wann oder wo­durch ei­ner ge­trig­gert wer­den kann und wann die Leu­te nur wie­der mit der Ach­sel zucken. Wie me­tep­si­lo­n­e­ma schon an­hand des et­was kon­tex­tua­li­sier­te­ren Zi­tats zeigt und wie mir das von Slo­ter­di­jk be­kannt ist: die Ein­schrän­kun­gen, die Ab­fe­de­run­gen, die Fra­ge­zei­chen, die der Red­ner bzw. des­sen Er­zähl­stim­me gel­tend macht, die wer­den völ­lig igno­riert, ja so­gar, dass der Text so­gar das völ­li­ge Ge­gen­teil in­ten­diert, statt­des­sen wird blind auf ge­wis­se Schlüs­sel­rei­ze oder -wör­ter re­agiert. Wann das je­doch pas­siert, hal­te ich nicht für kal­ku­lier­bar und ich den­ke auch nicht, viel­leicht ist das na­iv, dass Frau Le­wit­schar­off dar­auf spe­ku­lier­te. Selbst Herr Sar­ra­zin, der sein Geld da­mit mach­te und macht, schreibt sein letz­tes Buch ja da­ge­gen; die­je­ni­gen, die im Au­ge die­ses Auf­merk­sam­keits­zy­klon ste­hen, schei­nen al­so al­les in al­lem kei­ne an­ge­neh­me Er­fah­rung zu ma­chen.

    Be­vor ich ganz aus­fran­se: Dass in den Me­di­en Öf­fent­lich­keit fo­kus­siert wird, hal­te ich we­sent­lich für de­ren Funk­ti­on; es ist auch ein Ge­bot der Auf­merk­sam­keits­öko­no­mie... und auch der Dis­kur­se, die erst ei­ne kri­ti­sche Mas­se an Be­tei­li­gung und Stim­men be­nö­ti­gen! Wann das bou­le­var­des­ke des Phä­no­mens über­wiegt ist im Ein­zel­fall zu prü­fen.. aber im vor­lie­gen­den Falls scheint es wohl so.

    PS. »In­qui­si­ti­on« an­stel­le von »Dschi­had« hät­te ich in tat­säch­lich für pas­sen­der bzw. un­auf­ge­reg­ter ge­hal­ten, aber das ist viel­leicht auch nur mein pri­va­tes Sprach­emp­fin­den.

    #67

  70. Woll­te man Bou­le­vard an ein­fa­chen Merk­ma­len fest­ma­chen, so fal­len mir be­son­ders ein: Per­so­na­li­sie­rung, Emo­tio­na­li­sie­rung.
    So ist es. Da­her ist das Feuil­le­ton bis hin­ein in die Li­te­ra­tur­kri­tik längst Bou­le­vard ge­wor­den. Es geht näm­lich fast nur noch um Per­so­na­li­sie­rung und Emo­tio­na­li­sie­rung. Per­so­na­li­sie­rung, wenn Bio­gra­phi­sches aus dem Au­toren­le­ben mit dem vor­lie­gen­den Text so­zu­sa­gen ab­ge­gli­chen wird. Das ge­schieht in­zwi­schen in so ziem­lich je­der Kri­tik, die sich jen­seits der rei­nen In­halts­an­ga­be be­gibt. Das hat für den Re­zen­sen­ten zwei Vor­tei­le: Zum ei­nen braucht er kei­ne äs­the­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zung zu füh­ren (die we­sent­lich kom­ple­xer sein müss­te). Und zum an­de­ren punk­tet er mit sei­nen ver­meint­li­chen Kennt­nis­sen über den Au­tor. Was der Le­ser oft ge­nug nicht weiss: Es steht schon vie­les in den so­ge­nann­ten Wasch­zet­teln; man kann das oh­ne gro­sse Mü­he ab­kup­fern. Wä­re noch die Emo­tio­na­li­sie­rung. Sie äu­ssert sich zu­meist in über­bor­den­den Lo­bes­hym­nen oder, in­zwi­schen eher sel­te­ner, Ver­ris­sen. In bei­den Fäl­len ent­äu­ssert sich der Kri­ti­ker. Da­ge­gen ist nichts ein­zu­wen­den, wenn es auf Be­grün­dun­gen ba­siert. Ge­nau dies fehlt mir je­doch zu­meist.

    Das ist nur die Li­te­ra­tur­kri­tik (oder auch Kunst-, Ki­no- und Mu­sik­kri­tik) – das an­de­re Feuil­le­ton ha­be ich noch gar nicht er­wähnt. Über die so­ge­nann­ten De­bat­ten braucht man kein Wort zu ver­lie­ren – hier ist der Bou­le­vard Pro­gramm (an­ders funk­tio­niert die Auf­merk­sam­keits­öko­no­mie gar nicht).

    Bou­le­vard be­deu­tet für mich auch, dass man den klein­sten ge­mein­sa­men Nen­ner mit dem am En­de doch un­be­kann­ten Pu­bli­kum ver­sucht zu er­rei­chen. Es be­deu­tet: kurz, knackig und in ein­fa­chen Sät­zen. Ein Schrift­stel­ler sag­te neu­lich, ein Re­dak­teur ha­be ihn für ei­ne Rei­he ge­be­ten, ein Ge­mäl­de zu be­schrei­ben. Be­din­gung: »In ei­nem Satz.« Das klingt wie ei­ne Fin­ger­übung ir­gend­wel­cher Schreib­schul­se­mi­na­ri­sten – da mag dies an­ge­hen. Aber was will man mit ei­ner sol­chen Ver­stüm­pe­rung er­rei­chen? Schon klar, man will das Pu­bli­kum nicht über­for­dern. Statt­des­sen un­ter­for­dert man es. Frü­her nann­te man Un­ter­for­de­rung Lan­ge­wei­le. Da­her muss dann bspw. die Emotionalisierungs­trommel ge­rührt wer­den, usw. Ein Teu­fels­kreis.

    Ich mer­ke es, wenn ich ein Buch ge­le­sen ha­be und dann Kri­ti­ken da­zu le­se. Na­tür­lich ha­ben die Re­zen­sen­ten nie »mein Buch« ge­le­sen. Und es ist auch na­tür­lich, dass sie an­de­re Ele­men­te wich­tig und er­wäh­nens­wert fin­den als ich dies tue. Aber am En­de muss ich oft fest­stel­len, dass die mei­sten so­ge­nann­ten Re­zen­sio­nen gar nicht erst ver­su­chen, dem Text ei­ne ge­wis­se Ge­rech­tig­keit wi­der­fah­ren zu las­sen.

    Was ist Feuil­le­ton noch au­sser Kri­tik und De­bat­te? Wo sind Au­toren wie Jo­seph Roth oder Al­fred Kerr mit ih­ren manch­mal klei­nen Be­ob­ach­tungs­split­tern? Das, was die­se Leu­te ge­schrie­ben ha­ben kann man – un­ab­hän­gig da­von, dass es in­zwi­schen zeit­hi­sto­ri­sche Qua­li­tä­ten hat – auch noch heu­te, nach 80, 100 Jah­ren mit Ver­gnü­gen le­sen; es ist ein­fach bril­lant ge­schrie­ben. Kennt ir­gend­ei­ner Au­toren des ak­tu­el­len Feuil­le­ton des­sen Tex­te jen­seits viel­leicht literatur­wissenschaftlicher Er­ör­te­run­gen in sa­gen wir 50 Jah­ren mit Lust ge­le­sen wer­den? (Ei­ner fie­le mir dann doch ein, aber ich nen­ne ihn erst­mal nicht.)

    Aber Sie, @Phorkyas ha­ben viel­leicht doch Recht: Ich (wir?) tun dem Feuil­le­ton un­recht. Aber nur in ei­nem Punkt: Das man die Bou­le­var­di­sie­rung dort fest­macht. Das ist näm­lich falsch. Im Ver­hält­nis zur po­li­ti­schen Be­richt­erstat­tung (bei­spiels­wei­se) mit ih­ren schreck­li­chen »Live-Tickern« und »Talk­shows« ist das Feuil­le­ton fast noch hei­lig, na­ja: se­lig zu nen­nen. In der po­li­ti­schen Be­richt­erstat­tung gibt es nur noch Per­so­na­li­sie­rung, Emo­tio­na­li­sie­rung = Ba­na­li­sie­rung. Je­des Pro­blem wird re­du­ziert auf das Ni­veau der »Bild«-Zeitung. Wenn in die­sen un­säg­li­chen Quas­sel­run­den auch nur ei­ner mal ver­sucht, ein Pro­blem ra­tio­nal an­zu­ge­hen, kommt nach spä­te­stens zwei Sät­zen der Mo­de­ra­tor und er­klärt, dass man für die­se De­tails jetzt kei­ne Zeit ha­be oder, noch bes­ser, dass dies zu de­tail­liert in die Ma­te­rie ein­drin­ge und dem Zu­schau­er nicht be­kannt sei. Da­bei ver­such­te der an­de­re doch ge­ra­de, die­ses De­tail na­he­zu­brin­gen. Die Wahr­heit ist: Es geht in der po­li­ti­schen Be­richt­erstat­tung nicht mehr um Sach­fra­gen – es geht nur dar­um, wann wer mit wem was wo ge­macht oder nicht ge­macht hat oder was mit wem wann ge­schieht. DAS ist das »Neue Blatt« nur mit der Au­ra des Se­riö­sen. Aber die­ses Se­riö­se ist, als woll­te man Pom­mes fri­tes mit Ketch­up un­ter ei­ner Ser­vier­glocke le­gen und sa­gen »Vio­là«. Und die Mas­se frisst es dann, als wenn es Pa­sta mit Trüf­feln wä­re?

    .-.-.

    Na­tür­lich gibt es auch nicht­me­dia­le und nicht­jour­na­li­sti­sche Öf­fent­lich­kei­ten. Sie dürf­ten so­gar die Mehr­heit stel­len und wer­den in Dis­kur­sen im all­ge­mei­nen un­ter dem Ru­brum »Stamm­tisch« ge­führt (es kann auch am Ar­beits­platz sein, in der Kan­ti­ne, im Fuss­ball­sta­di­on, usw). Das Netz hat die­se nicht­me­dia­len Öffentlich­keiten, die ja stark lo­kal ge­bun­den sind, für den vir­tu­el­len »Markt« ge­öff­net. Die Fol­gen sind be­kannt.

    -.-.-.-

    Noch was zum Vor­wurf, ich re­de »dem Pu­bli­kum nach dem Mund«. Das stimmt al­lei­ne da­hin­ge­hend schon nicht, weil die Le­ser­zahl mei­nes Blogs kon­stant nied­rig ist. Wenn je­mand sei­nem Pu­bli­kum nach dem Mund re­det, dann bit­te nen­nen Sie die­se Prot­ago­ni­sten; die gibt es in der Blog­ger­sze­ne wirk­lich reich­lich. Ich wür­de sie mit dem ei­gent­lich schon ver­brann­ten, weil in­fla­tio­när ge­brauch­ten Wort der »Po­pu­li­sten« be­le­gen. Sie sind mir im Zwei­fel noch ek­li­ger und kleb­ri­ger als die me­dia­len Po­pu­li­sten.

    Mein Text ist be­wusst of­fen ge­hal­ten, um Kom­men­ta­re an­zu­re­gen. Dies, weil man mir häu­fig vor­ge­wor­fen hat­te, mei­ne Tex­te sei­en zu um­fas­send; lie­ssen kei­nen Wi­der­spruch zu, es sei denn, der Kom­men­tie­ren­de wür­de sich tat­säch­lich in­ten­siv mit der Ma­te­rie be­schäf­ti­gen (was ja kaum ge­schieht, weil es ent­we­der zeit­lich nicht mög­lich ist und auch, weil es von den Leu­ten, die ent­spre­chend re­pli­zie­ren könn­ten, die­sen Blog nicht le­sen). In ei­nem »nor­ma­len« Auf­satz wür­de ich nie die Fäl­le Strauß, Hand­ke, Wal­ser, Slo­ter­di­jk mit de­nen von Mo­se­bach und Le­wit­schar­off in ei­nem Atem­zug nen­nen, oh­ne sie nicht scharf von ein­an­der ab­zu­gren­zen. Hier geht das, weil es nur um die Il­lu­stra­ti­on von be­stimm­ten Mu­stern geht, mit de­nen Vor­gän­ge skan­da­li­siert wer­den. Und weil es die Mög­lich­keit gibt, in den Kom­men­ta­ren dann doch Un­ter­schei­dun­gen fest­zu­ma­chen.

    »In­qui­si­ti­on« statt »Dschi­had« hät­te ich in die­sem Fall nie be­nutzt. Zum ei­nen er­zeugt der Be­griff »In­qui­si­ti­on« bzw. »in­qui­si­to­risch« kaum noch den ge­wis­sen Schau­der, den er ein­mal hat­te. Das ist ganz ein­fach: Es gibt für uns, in un­se­rem Sprach­raum, kei­ne »In­qui­si­ti­on« mehr. Beim »Dschi­had« ist das et­was an­de­res – er ist als Droh­po­ten­ti­al prä­sent. Es geht mir bei »Dschi­had« eben dar­um, die na­he­zu re­li­giö­se In­brunst der Skan­da­li­sie­rer auf den Punkt zu brin­gen, was mit dem fast schon an­ti­quier­ten Be­griff »In­qui­si­ti­on« nicht zwin­gend ge­lun­gen wä­re, mit dem Ter­mi­nus aus der Ge­gen­wart aber sehr wohl.

    #68

  71. @metepsilonema
    Nein, die Re­de ist nicht als Rol­len­pro­sa zu »ret­ten«.

    Le­wit­schar­off hat in der NZZ ihr An­lie­gen kon­kre­ti­siert. Mal se­hen, wie dies jetzt wahr­ge­nom­men wird...

    #69

  72. Doktor D sagt:

    Ty­pisch NZZ! Da fra­gen die auch noch Leu­te zum The­ma, die da tat­säch­lich Ex­per­ti­se ha­ben und un­ter­schied­li­cher Mei­nung sind! Da nimmt näm­lich nicht nur Le­wit­schar­off noch ein­mal Stel­lung, son­dern auch Ro­bert Spa­e­mann und Bet­ti­na Schö­ne-Sei­fert, ei­ne sehr re­nom­mier­te Me­di­zin-Ethi­ke­rin.
    Ei­nen gu­ten Kom­men­tar fin­de ich auch den Ar­ti­kel von Oli­ver Tol­mein in der Jung­le World. (Die ich auch we­gen ih­res et­was an­de­ren Feuil­le­tons sehr emp­feh­le. Aber Ge­duld für epi­de­misch auf­tre­ten­de mar­xi­sti­sche Wah­re-Leh­re-Klein­krie­ge muss man ha­ben.) http://jungle-world.com/artikel/2014/11/49507.html

    #70

  73. die_kalte_Sophie sagt:

    Der Skan­dal er­reicht das Wo­chen­en­de, und das Flick­werk der Kom­men­ta­re wird län­ger als ein Fan-Schal des 1.FC Bay­ern Mün­chen.
    Oder län­ger als ei­ne kor­rekt auf­ge­stell­te Selbst­an­zei­ge von Uli Hoe­neß.
    In­des ha­ben die Me­di­zin-Ethi­ker über­nom­men. Ganz klar, Le­wit­schar­off hat sich mit den gel­ten­den Nor­men an­ge­legt. Sie ist des­avou­iert.
    Sind die »Fein­de der Li­te­ra­tur« zu­frie­den, wird man am Sonn­abend ein teu­res Fläsch­chen aus dem Kel­ler ho­len?!
    Wer jetzt noch kon­zil­li­ant und lie­be­voll auf den Kon­troll-Be­trieb aka Feuil­le­ton blickt, hat ver­mut­lich sei­ne »Fläsch­chen« auch schon im Trocken...

    #71

  74. Er­gän­zend noch zu den Be­griff­lich­kei­ten »Feuil­le­ton« und »Bou­le­vard«: Der er­ste der bei­den Be­grif­fe hat ei­nen deut­li­chen in­halt­li­chen Schwer­punkt, wäh­rend der zwei­te aus­schließ­lich die Art und Wei­se der Ver­hand­lung (Be­hand­lung) egal wel­cher The­ma­ti­ken meint. — Me­tho­disch (und nur me­tho­disch) kann das Feuil­le­ton Bou­le­vard wer­den.

    #72

  75. »Feuil­le­ton« ist ei­ne Art Be­haup­tung. Die muss erst ein­mal ein­ge­löst wer­den. Buch­be­spre­chun­gen und Re­zen­sio­nen, In­ter­views mit Künst­lern, usw. ma­chen noch kein Feuil­le­ton aus. Das lie­fert ama­zon oder auch der »stern«. »Bou­le­vard ist pri­mär, da stim­me ich zu, ei­ne Me­tho­de.

    #73

  76. phorkyas sagt:

    (@Keuschnig: Dass Sie sich in ir­gend­ei­nem Ar­ti­kel ver­ein­fa­chend und un­ter­kom­plex an­bie­der­ten, woll­te ich nicht­ein­mal in­si­nu­ie­ren, das ka­eme mir re­gel­recht ab­surd vor. Des­we­gen: Sie sche­ren sich doch auch sonst nicht dar­um ob es jetzt zu de­zail­liert oder wis­sen­schaft­lich wird. – Ge­nau weil Dschi­had die­se Kan­te noch hat, klingt da fu­er mich schon et­was Kra­wal­li­ges oder skan­da­li­sti­sches mit, et­was wie bei Sar­ra­zin viel­leicht fast. Bzw. fa­ellt es ue­ber das Feuil­le­ton ein ae­hn­lich har­trs und ab­so­lu­tes Ur­teil wie die­ses ue­ber Frau Le­wit­schar­off. Nuff said

    #74

  77. et­was wie bei Sar­ra­zin viel­leicht fast
    Jetzt grei­fen Sie sel­ber in den Korb mit den Skor­pio­nen. Und, zur Sei­te ge­fragt: Ha­ben Sie was von Sar­ra­zin ge­le­sen? – Al­le drei Bü­cher von ihm ste­hen hier zur Dis­kus­si­on.

    Viel­leicht le­ge ich dem­nächst mei­ne Tex­te zur Kra­wall­prü­fung vor?

    #75

  78. @Gregor
    Schon, aber wenn ich Feuil­le­ton sa­ge, dann ist das im­mer mit ei­ner in­halt­li­chen Er­war­tung ver­bun­den, die es beim Be­griff Bou­le­vard nicht gibt.

    #76

  79. Um­so schlim­mer, wenn dann bei Bou­le­vard bleibt. Oder?

    #77

  80. Klar ist es schlimm, wenn das Feuil­le­ton zum Bou­le­vard wird oder sich nicht von ihm »me­tho­disch« ab­zu­set­zen ver­mag (in Öster­reich könn­ten wir dar­über gar nicht dis­ku­tie­ren).

    #78

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  82. die_kalte_Sophie sagt:

    Die ZEIT schiebt noch ei­ne Ho­me­sto­ry hin­ter­her, al­les wird gut.
    Die Kuh ist vom Eis, die Eh­re des Lan­des ist wie­der her­ge­stellt. Al­le re­den, wie das Ge­setz es will. Die we­ni­gen Spiel­räu­me zwi­schen den Pa­ra­gra­phen rei­chen für die ei­ge­ne Mei­nung. Ein rechts­phi­lo­so­phi­scher Ödi­pus, dem man sich frei­wil­lig auch oh­ne Re­fe­ren­dum un­ter­wirft. Ist das nicht wun­der­bar?!
    Vor der frei­wil­li­gen Knecht­schaft ist so oft ge­warnt wor­den. Um­sonst.
    Das Ge­setz ist das Gu­te, tönt es er­neut aus al­len Laut­spre­chern.
    Das Ge­setz ist die ein­zig wah­re Spra­che des Vol­kes.

    #79

  83. @die_kalte_Sophie
    Nicht so vor­ei­lig! Der Frie­den ist nur vor­läu­fig, So­bald neue Mu­ni­ti­on ge­lie­fert wird, baut man auch wie­der die Ziel­schei­be S. L. auf. Die Flecken ge­hen nicht mehr weg. Sie wer­den nur zu­ge­deckt.

    #80

  84. die_kalte_Sophie sagt:

    @ Gre­gor
    Na klar, sem­per ha­e­ret. Ein Ein­trag ins Klas­sen­buch ist un­ver­meid­lich. Ab jetzt kann S.L. zu Ver­glei­chen her­an­ge­zo­gen wer­den, man kann mit dem neu­en Quer­ver­weis Dro­hun­gen auf­bau­en oder Re­la­ti­vie­run­gen be­trei­ben. Wie­der ei­ne »er­zie­he­ri­sche Mass­nah­me« mehr in der Mu­ni­ti­onski­ste. S.L. ist jetzt ei­ne The­men-Waf­fe, falls wie­der mal ein Pro­mi öf­fent­lich über Me­di­zin­tech­nik nach­denkt und nicht den Ethik­rat vor­her kon­sul­tiert. Und S.L. kann jetzt auch mit sich selbst be­droht wer­den... »Du willst doch nicht wie­der ei­nen Skan­dal wie da­mals ver­ur­sa­chen, weißt Du noch?!«
    Wie sag­te neu­lich mein Haut­arzt: Die Deut­schen sind ein­fach zu dumm, sie sind sehr leicht zu er­zie­hen!

    #81

  85. Herr.Jedermann sagt:

    Na ja, wenn ALLE dau­ernd un­ge­zo­gen sind, ist das auch nicht gut fürs Ge­mein­we­sen. Längst wird ja auch ge­lit­ten un­ter den aus­ufern­den Spiel­chen aus dem Kon­for­mi­täts­druck der „In­di­vi­dua­li­sten“.

    Und au­ßer­dem könn­te Frau Le­wit­schar­off mit­tels ih­rer Ab­wei­chung ja auch sym­bo­li­sches Ka­pi­tal ge­won­nen ha­ben? Sie könn­te die Er­fah­rung ih­rer Ab­wei­chung in ih­re Kunst ein­spei­sen? Viel­leicht hat sie gar Le­ser da­zu ge­kriegt? (Any news ist good news.)

    Im­mer­hin kommt nach dem Skan­dal die Läu­te­rung für al­le.

    Da könn­ten wir (und jetzt al­le mit­ein­an­der:) auch mal so rum groß­zü­gi­ger sein.

    Ich fand die Home-Sto­ry nach all dem Ge­ze­ter doch er­hel­lend.

    #82

  86. die_kalte_Sophie sagt:

    @ Herr.Jedermann
    Ihr zwei­ter Satz ist völ­lig schief ge­gan­gen, aber ich ah­ne, was sie mei­nen. Sprach­spiel­chen als »in­di­vi­du­el­les An­we­sen­heits-Si­gnal«. Guck mal, wer da spricht... Ist das ih­re An­sicht über Li­te­ra­tur oder Jour­na­lis­mus?!
    Ich bin der Mei­nung: die Jour­na­li­sten sind Sprach-Spie­ler, aber für ei­nen Künst­ler stel­len sich meh­re­re Auf­ga­ben gleich­zei­tig, und das zwingt ihn/sie zu ei­ner »krea­ti­ven Lö­sung«, die sich auch sprach­lich nie­der­schlägt. Die krea­ti­ve Lei­stung be­schränkt sich nicht al­lein auf’s Wor­te-Fin­den. Jour­na­lis­mus, die Kunst, um den hei­ßen Brei her­um zu re­den?
    Ge­wiss: Kon­for­mi­tät kommt nicht von selbst, Kon­for­mi­tät braucht Druck. Kon­for­mi­tät folgt dem Zwang. Aber geht das nicht ein biss­chen zu weit mit dem Mit­ge­fühl..., Diez, Ma­tus­sek, Aug­stein, et alt. be­tref­fend. Will sa­gen, ist das nicht »auf der an­de­ren Sei­te« eh­ren­rüh­rig? War­um die Kon­for­mi­sten nicht has­sen, war­um im­mer nur das elen­de Mit­ge­fühl?!

    #83

  87. Viel­leicht ist Mit­ge­fühl stär­ker als Hass? (Hass im­pli­ziert im­mer noch ei­ne Emo­ti­on; viel­leicht bes­ser: Mit­leid statt Mit­ge­fühl.)

    Das Feuil­le­ton kön­nen wir uns doch längst sel­ber schrei­ben. War­um fan­gen wir nicht da­mit an? Die sprach­spie­len­den Jour­na­li­sten sind doch nur Kar­ten­zin­ker.

    #84

  88. die_kalte_Sophie sagt:

    @ Gre­gor
    Ja, ein­ver­stan­den. Es braucht na­tür­lich meh­re­re Sach­ver­stän­di­ge. Die Li­te­ra­tur kannst Du über­neh­men. Ich be­werb mich für die klas­si­sche Mu­sik. Dann brau­chen wir noch Tanz, Ar­chi­tek­tur und Ma­le­rei. 5 Leu­te müss­ten rei­chen, oder?!
    Emp­feh­le an die­ser Stel­le die Re­de von In­sa Wil­ke zur Rich­tungs­wech­sel der Li­te­ra­tur­kri­tik, ge­ra­de er­schie­nen im Bo­er­sen­blatt, an­läss­lich des Al­fred-Kerr-Prei­ses. Welch glück­li­che Fü­gung, ver­spot­tet sie doch höchst iro­nisch die Debatten-(Bindestrich, Zö­gern, Räuspern!)-Kultur, und weist den bes­se­ren Weg. Das Si­gnal könn­te nicht punkt­ge­nau­er kom­men.

    #85

  89. Herr.Jedermann sagt:

    @kalte_Sophie

    Da könn­te ich Ih­nen so­gar zu­stim­men, Frau Leh­re­rin, zu­min­dest was „die krea­ti­ven Lö­sun­gen“ an­be­langt. (Aber müss­ten Sie das dann nicht auch mal bei sich sel­ber an­wen­den?)

    Und was die gan­zen Leer­for­meln an­geht, müss­ten dann wohl al­le erst mal für ei­ne Wei­le den Mund hal­ten – das wä­re ra­di­kal. Aber was ist dann mit dem lau­fen­den Ge­schäft? Und wo auch das Schwei­gen „kor­rupt“ sein kann? (Et­wa in der Nicht-Ant­wort auf Je­li­nek.)

    Und, was die Be­we­gung vom Hass zum Mit­ge­fühl an­geht, fol­ge ich lie­ber mei­nen ei­ge­nen Er­fah­run­gen. Ich bin heu­te noch vol­ler Hass auf al­les mög­li­che und das ko­stet im­mer viel Füh­len – oft zu­viel. Und hat er mich bis­her kaum tat­säch­lich ir­gend­wo­hin ge­bracht.

    Und das Po­sie­ren der Wohn­zim­mer-Ra­di­ka­len ist auch leer. Der Diez steckt auch Ih­nen, kalte_Sophie! (Und wie oft rührt der Hass aus dem „Selbst“?)

    Ja, al­so dann lie­ber Mit­ge­fühl – auch wenn’s schwer fällt. Und manch­mal weil es schwer fällt. Im­mer­hin sind wir bis­her al­le noch vor dem Ge­setz.

    #86

  90. Ei­ne in­ter­es­san­te und zum The­ma pas­sen­de Re­de von In­sa Wil­ke.

    [Die in #85 er­wähn­te.]

    #87

  91. die_kalte_Sophie sagt:

    @ Herr.Jedermann

    Ich ha­be den Hass ja vor­ge­schla­gen, das ha­ben Sie falsch ver­stan­den. War­um soll­te ich ein Ge­fühl an­spre­chen, dass ich selbst (Oh, Selbst!) ab­spal­te...
    Das wä­re ganz schön Plemp­lem!
    Was das lau­fen­de Ge­schäft an­be­langt: mit dem Ar­beits­platz lässt sich auch ei­ne Teil­zeit-Stel­le für den Hen­ker be­grün­den. Kön­nen Sie denn nicht auf den li­ber­tä­ren Kul­tur­bol­sche­wis­mus ver­zich­ten?! Und wenn, nein: tut das ganz all­ge­mein not, sa­gen wir aus ge­schicht­lich in­du­zier­tem Ma­so­chis­mus?! Müs­sen wir das un­be­dingt ha­ben?!
    Ne, ne, nee. Da kön­nen wir ru­hig »ein­spa­ren«, um die volks­wirt­schaft­li­che Per­spek­ti­ve durch­zu­hal­ten. Wird die lau­fen­den Be­trie­be zwar nicht stö­ren, aber ich bin da­für. Ich weiß schon, was sie stört: ohn­mäch­tig sein und trotz­dem mit al­ler Macht DAGEGEN hal­ten,
    das ist un­wei­se,
    so un­wei­se,
    dass es falsch sein muss,
    oder?

    #88