Pe­ter Slo­ter­di­jk: Re­fle­xio­nen ei­nes nicht mehr Un­po­li­ti­schen

Peter Sloterdijk: Reflexonen eines nicht mehr Unpolitischen / Hans Ulrich Gumbrecht: Wachheit

Pe­ter Slo­ter­di­jk: Re­flexo­nen ei­nes nicht mehr Un­po­li­ti­schen / Hans Ul­rich Gum­brecht: Wach­heit

»Re­fle­xio­nen ei­nes nicht mehr Un­po­li­ti­schen« lau­tet der Ti­tel der Dank­re­de Pe­ter Slo­ter­di­jks an­läss­lich der Ver­lei­hung des Börne­prei­ses 2013. So­fort fühlt man sich er­in­nert an Tho­mas Manns »Be­trach­tun­gen ei­nes Un­politischen« von 1918 und fragt sich, wie die­se An­spielung zu ver­ste­hen ist. Mann hat­te da­mals mit ei­nem über 600 sei­ti­gen Kon­vo­lut zum ei­nen die Ver­derb­nis der Li­te­ra­tur durch die Be­schäf­ti­gung mit der Po­li­tik kon­sta­tiert (und sei­nen Bru­der Hein­rich mehr oder we­ni­ger of­fen als ab­schrecken­des Bei­spiel ei­nes »Zi­vi­li­sa­ti­ons­li­te­ra­ten« in­sze­niert) und gleich­zei­tig ex­akt dies mit sei­nem Be­kennt­nis zum rei­ni­gen­den Krieg – Kul­tur ver­sus Zi­vi­li­sa­ti­on – sel­ber be­trie­ben. Da­bei war Tho­mas Mann min­de­stens zu Be­ginn des Gro­ßen Krie­ges ei­gent­lich nur das, was man heu­te Main­stream nennt. Und, um es ein biss­chen sa­lop­per zu for­mu­lie­ren: Un­ab­hän­gig da­von, dass Tho­mas Mann in den 1930er Jah­ren (nach ei­ni­ger Zeit des Ab­war­tens) zum schar­fen Geg­ner der Na­tio­nal­so­zia­li­sten wur­de, war er po­li­tisch nicht un­be­dingt ein Vi­sio­när. Kann sich ein Den­ker wie Slo­ter­di­jk so­zu­sa­gen frei­wil­lig in die­se Tra­di­ti­on stel­len?

Ei­ne an­de­re Mög­lich­keit wä­re, dass es sich um ei­ne be­son­de­re Form der Ko­ket­te­rie han­delt. Ei­ne Art Spiel mit Eti­ket­ten. Schließ­lich ist Slo­ter­di­jks Re­de mit knapp 35 groß­zü­gig be­druck­ten Sei­ten gar nicht mit Manns vo­lu­mi­nö­sem Text ver­gleich­bar. Die er­sten et­was mehr als 20 Sei­ten die­sem »Son­der­druck edi­ti­on suhr­kamp« nimmt Hans Ul­rich Gum­brechts Lau­da­tio ein, in der er im­mer­hin am En­de die selbst­iro­ni­sche Vol­te platz­iert, sich sel­ber zu sei­ner Wahl zu gra­tu­lie­ren, denn die Sta­tu­ten des Prei­ses se­hen vor, dass nur ei­ne Per­son den Preis­trä­ger be­stimmt, und dies war eben Gum­brecht.

Slo­ter­di­jks Re­de be­ginnt wie ein Rück­blick auf sein (me­di­al-pu­bli­zi­sti­sches) Le­ben. Er er­zählt von dem für ihn un­er­war­te­ten Echo auf sei­nen »Menschenpark«-Text 1999, der ihn schließ­lich zum »Medientheoretiker…im Au­ge des Zy­klons« wer­den lässt. Und über­rascht kon­sta­tiert er, dass die »me­dio­ge­ne Hy­ste­rie« nach we­ni­gen Wo­chen »schlag­ar­tig« zu­rück­ging: »Nicht ein­mal Auf­räum­ar­bei­ten wa­ren nö­tig, die An­ge­hö­ri­gen der recht­ha­ben­den Klas­se – […] in ih­ren ver­gla­sten Re­dak­tio­nen – ließen…von ei­ner Mi­nu­te auf die näch­ste von der Cau­sa ‘Men­schen­park’ ab, um sich an­läß­lich der Frank­furter Buch­mes­se auf an­de­re Ob­jek­te zu kon­zen­trie­ren, Ob­jek­te, die neue leich­te Sie­ge der Lek­tü­re über den Text in Aus­sicht stell­ten.«

Aber die Es­ka­la­ti­ons­schrau­be in den Me­di­en dreht sich in Zei­ten des Bil­lig­trans­port­mit­tels In­ter­net im­mer wei­ter und, vor al­lem, hef­ti­ger. Slo­ter­di­jk kon­sta­tiert: »Massenkommuni­kation or­ga­ni­siert das per­ma­nen­te Ple­bis­zit ge­mein­sa­mer Sor­gen und lie­fert auch gleich die Ab­len­kung von die­sen mit.« Man muss ihn nicht mö­gen, um die­se Be­ob­ach­tun­gen über die »Ein­sprit­zung men­ta­ler In­fek­tio­nen« durch zum »Ver­zer­rer« mu­tier­te Journalistendar­steller als ziem­lich ge­lun­ge­nen me­di­en­phä­no­me­no­lo­gi­schen aber auch gesellschafts­politischen Be­fund zu emp­fin­den. Ge­sell­schaft exi­stiert, so die The­se, nur noch als »massen­medial in­te­grier­te, zu­meist po­ly­the­ma­ti­sche Stress-Kom­mu­ne«. Wich­tig ist nur noch, die Ba­lan­ce zwi­schen Ab­len­kung und Stress, zwi­schen »locke­ren unterhaltungsgemein­schaftlichen« und »dich­ten kampf­ge­mein­schaft­li­chen« Zu­stän­den zu fin­den. Der unterhaltungs­gemeinschaftliche Pol reicht am En­de im­mer­hin »bis hin zur Li­zenz fürs un­po­li­ti­sche Le­ben«.

Da­her weht al­so der Wind bzw. rührt der Ti­tel. Slo­ter­di­jk be­schreibt nichts Ge­rin­ge­res als sei­ne Wand­lung des Un­po­li­ti­schen (oder ist es im­mer noch Ko­ket­te­rie?) zum po­li­ti­schen We­sen. En­de der 60er/Anfang der 70er Jah­re hät­te man dies mit dem sa­lop­pen Ru­brum »Po­li­ti­sie­rung« ver­se­hen, was da­mals im All­ge­mei­nen mit lan­gen Haa­ren, end­lo­sen Dis­kus­sio­nen und rü­dem Be­neh­men ver­knüpft wur­de.

Und so wird je­mand – not­ge­drun­gen – zum Apo­lo­ge­ten ei­nes drit­ten We­ges. Denn das Ge­gen­stück zur un­po­li­ti­schen seicht-he­do­ni­sti­schen »Un­ter­hal­tungs­ge­mein­schaft« ten­diert be­dau­er­li­cher­wei­se zur »mo­no­the­ma­ti­schen Kom­mu­ne« und wird – durch die »gleich­ge­schal­te­ten Me­di­en« – »syn­chron aufgewühlt…von der Vor­stel­lung ge­mein­sa­mer Be­droht­heit« und zwar völ­lig un­ab­hän­gig von der tat­säch­li­chen Be­dro­hungs­si­tua­ti­on. Da­bei be­rück­sich­tigt Slo­ter­di­jk noch nicht ein­mal die po­ten­zier­ten Hy­per­ven­ti­la­tio­nen in den so­zia­len Netz­wer­ken, die von sei­nem Kol­le­gen By­ung-Chul Han so lu­zi­de und mit gro­ßer Stren­ge ana­ly­siert wur­den.

Der­art am ab­schrecken­den Bei­spiel der recht­ha­ben­den Klas­sen al­ler Art ge­schult geht es nun an die Dia­gno­se der geo­po­li­ti­schen Pro­ble­me. Zu­nächst Eu­ro­pa. Hier ent­deckt Slo­ter­di­jk ein »hin­ter au­to­hyp­no­ti­schen Flos­keln« ei­ner »di­plo­ma­ti­schen Parallel­gesellschaft« künst­lich be­atme­tes Ge­bil­de mit schwin­den­dem Rück­halt in­ner­halb der je­wei­li­gen Be­völ­ke­run­gen. Die rein öko­no­misch aus­ge­rich­te­te »Wohlstandsge­meinschaft« – bis­her Ge­währ für halb­her­zig-des­in­ter­es­sier­te Ak­zep­tanz der EU und ih­rer In­sti­tu­tio­nen – stößt mit je­der Wirt­schafts- und/oder Wäh­rungs­kri­se an ih­re Gren­zen. Wei­te­re po­li­ti­sche Pflöcke wur­den ja nicht bzw. nur un­ge­nü­gend ein­ge­schla­gen.

In den USA sieht es nicht bes­ser aus, nur an­ders. Die »Non­sen­se-For­mel vom Krieg ge­gen den Ter­ror«, ge­schaf­fen nach dem 11. Sep­tem­ber, hat in­zwi­schen fast die gan­ze Welt in ei­ne »Ket­ten­re­ak­ti­on der se­ku­ri­tä­ren Selbst­ver­gif­tung« ge­führt. En pas­sant weist Slo­ter­di­jk dar­auf hin, dass »99% al­ler ter­ro­ri­sti­schen Über­grif­fe im 20. Jahr­hun­dert auf das Kon­to von Staats­ter­ro­ri­sten ge­gan­gen sind.« All dies stört die di­ver­sen ame­ri­ka­ni­schen Re­gie­run­gen nicht – sie pum­pen sich um den Preis des Bank­rotts zur mi­li­tä­ri­schen Groß­macht auf. Slo­ter­di­jks The­se: »Das eu­ro­päi­sche Pro­jekt steht vor dem Zer­fall, das ame­ri­ka­ni­sche Pro­jekt an der Gren­ze zur De­pres­si­on.« Die Eu­ro­pä­er sei­en un­ei­nig und zer­split­tert, was er »agen­tur­schwach« nennt. Die Ame­ri­ka­ner da­ge­gen sind »agen­tur­stark«, aber nur auf dem mi­li­tä­ri­schen Ge­biet.

Slo­ter­di­jk bie­tet nun ei­ne Lö­sung an; ge­tarnt als Fra­ge, aber un­miss­ver­ständ­lich als ein­zi­gen Aus­weg ver­stan­den: »Ist es nicht denk­bar, daß die Über­win­dung der Kri­sen hier und dort in der ge­gen­sei­ti­gen Be­he­bung der re­zi­pro­ken Stär­ken be­stün­de? Soll­ten nicht die Ame­ri­ka­ner end­lich eu­ro­pä­isch Far­be be­ken­nen und die Eu­ro­pä­er at­lan­tisch?« Slo­ter­di­jk spricht sich ernst­haft, Ré­gis De­bray da­bei pa­ra­phra­sie­rend, für ei­ne »re­el­le po­li­ti­sche Ein­heit« Eu­ro­pas mit den USA aus. Dies üb­ri­gens deut­lich jen­seits der ge­ra­de ver­handelten »Frei­han­dels­ab­kom­men«, die am En­de nur den öko­no­mi­schen Gros­si­sten in die Hän­de spie­len dürf­te. Sei­ne Ide­en ge­hen wei­ter. Ge­gen­sei­te Bür­ger­rech­te bei­spiels­wei­se. Aber da ist die Re­de dann auch schon aus. Aber man soll­te die­sen Ge­dan­ken we­nig­stens ei­nen Mo­ment lang auf sich wir­ken las­sen – un­ter Ver­mei­dung jeg­li­cher Witz­chen oder re­al­po­li­ti­scher Be­den­ken.

Ob Slo­ter­di­jk im An­ge­sicht der Snow­den-Ent­hül­lun­gen auch heu­te noch für ei­ne Art mul­ti­kul­tu­rel­len Trans­at­lan­tik­raum ein­tre­ten wür­de? Zei­gen doch die kon­tro­ver­sen Po­si­tio­nen mehr als nur Men­ta­li­täts­un­ter­schie­de. Die USA und Eu­ro­pa (mit Aus­nah­me von Groß­bri­tan­ni­en) sind sich frem­der, als man ge­mein­hin an­nimmt. Dies zeigt sich viel­leicht auch dar­in, wie man mit den di­ver­sen öko­no­mi­schen, öko­lo­gi­schen und po­li­ti­schen Kri­sen um­zu­ge­hen ge­denkt. Die la­chen­den Drit­ten könn­ten an­de­re sein.

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  1. Schö­ne Ge­gen­warts­be­schrei­bung mit ei­ner alt­backe­nen Do­sis Hy­bris
    Ich kam ganz wun­der­bar mit den Schil­de­run­gen zu­recht, als plötz­lich Slo­ter­di­jk (nach Aus­kunft des Re­fe­ren­ten) auf ei­ne Lö­sung ver­fällt.
    Das er­scheint mir old-school. War­um soll­te der Ana­ly­ti­ker Lö­sun­gen für »un­er­träg­li­che und schwer be­greif­ba­re Da­seins-Zu­stän­de« an­bie­ten?! Geht das in Rich­tung Ayur­ve­da, oder in Rich­tung Groß­mo­gul?
    Das po­li­ti­sche Han­deln kann mei­nes Er­ach­tens nach kei­ne ide­el­le oder me­ta­phy­si­sche Ebe­ne be­set­zen, will sa­gen: erst mal müs­sen wir die Ge­gen­wart be­gra­ben. Eu­ro­pa muss »ab­ge­fei­ert« wer­den, die Ver­ant­wor­tungs­räu­me re­struk­tiert. Das ist Ar­beit für mehr als ei­ne Ge­nera­ti­on. Viel­leicht des­halb der »Schnell­schuss nach vor­ne«??

  2. Slo­ter­di­jk war im Vor­feld von Bro­der an­ge­grif­fen wor­den, der aus Pro­test sei­nen Bör­ne-Preis zu­rück­ge­ge­ben hat­te. Grund: Slo­ter­di­jk ha­be den 11. Sep­tem­ber so­zu­sa­gen ver­harm­lost (mei­ne Wor­te). Viel­leicht fühl­te er sich aus die­sem Grund ver­an­lasst, den Trans­at­lan­ti­ker in sich zu ent­decken?

  3. @Gregor
    Da­von ha­be ich gar nichts mit­be­kom­men. Bro­der ist ja im­mer für ei­ne Über­ra­schung gut. Er liebt die In­ter­ven­ti­on. Ein Pro­vo­ka­teur un­ter den Jour­na­li­sten.
    Ich ver­mu­te ei­nen an­de­ren Grund für Slo­ter­di­jks Vi­si­on: die U.S.A. sind nicht mehr die Son­ne für den Tra­ban­ten »Eu­ro­pa«, d.h. wir ha­ben in die­sem me­ta­pho­ri­schen Sin­ne un­se­ren Schwer­punkt ver­lo­ren. Eu­ro­pa ist aber auch kein Zen­trum im geo­po­li­ti­schen Sin­ne. Die Maß­stä­be wackeln.
    Ame­ri­ka hat kei­nen Vor­sprung mehr, denkt man an Sub­kul­tu­ren, Eth­ni­en, Re­li­gio­nen, Gen­der, Si­li­con Val­ley, etc. Auf die­sen Takt­ge­ber ha­ben wir uns bis­lang ver­las­sen. Nun sind al­le gleich­auf. Ein ko­mi­sches Ge­fühl, weil kei­ner ge­nau weiß, wo’s lang geht. Da ta­stet man »un­will­kür­lich nach der Hand des Nach­barn«...

  4. Die­se »at­lan­ti­sche Keh­re« Slo­ter­di­jks über­rascht mich und ich kann sie fast nicht glau­ben – aber wahr­schein­lich ver­ste­he ich sie völ­lig falsch.

    Was ich die gan­zen Jah­re im Kopf hat­te, war, dass Slo­ter­di­jk – und zwar als Er­ster hier­zu­lan­de (und wo­mög­lich nicht ganz un­in­spi­riert von Arund­ha­ti Roy als oft ver­schmäh­te aber deut­li­cher als an­de­re spre­chen­de Stim­men) die (po­li­ti­schen) USA ei­nen »ro­gue sta­te« ge­nannt hat­te. Und ich den­ke, das stimmt mehr denn je.

    Da­zu kä­men nun die Bil­lio­nen-Schul­den, die ideo­lo­gisch-kon­fron­ta­ti­ve Sack­gas­se der zwei Blöcke, die kei­ne Lö­sung brin­gen, der son­sti­ge geo-po­li­ti­sche Ver­fall des ge­schwäch­ten »Im­pe­ri­ums«. Wie soll­te da das noch strei­ten­de, im­mer noch auf­ge­klär­te­re, aber un­ei­ni­ge Eu­ro­pa ge­gen die Cow­boys-Na­ti­on die Bür­ger­rech­te-USA wie­der in­stand set­zen? Was ist mit den Waf­fen? Was ist mit dem Krea­tio­nis­mus? Usw.

    Spä­te­stens mit dem Irak-Ein­satz auf fal­schen Grund­la­gen war die »Wer­te-Ge­mein­schaft des We­stens« (To­ny Blair) ei­gent­lich dis­kre­di­tiert. Klingt für mich, als ob sich seit­dem nicht viel ver­än­dert hät­te. Und als ob auch je­man­dem wie Slo­ter­di­jk – dem ich ge­ra­de als von den Nie­de­run­gen be­frei­ten po­li­ti­schen Den­ker mehr In­tel­li­genz zu­trau­en wür­de – da nicht mehr viel zu ein­fie­le.

    Bro­der ist ei­gent­lich nur noch ein Clown. (Wie dem­nächst wohl auch Ma­tus­sek.)

  5. Na­ja, Slo­ter­di­jk the­ma­ti­siert die­se Schwä­chen des ame­ri­ka­ni­schen Im­pe­ri­ums ja durch­aus. Um dann ei­ne Art Ver­söh­nung zu ver­su­chen: »In bei­den po­li­ti­schen Pro­jek­ten ha­ben sich je­doch so wert­vol­le de­mo­kra­ti­sche Er­fah­run­gen ma­te­ria­li­siert und so un­auf­gebba­re kul­tu­rel­le Mo­ti­ve ver­kör­pert, daß von ih­rer Preis­ga­be kei­ne Re­de sein kann«. (Wie­so ei­gent­lich »kei­ne Re­de sein kann«?) Er spricht von ei­nem Zwang von Neu- bzw. Um­for­ma­tie­run­gen Eu­ro­pas und der USA und schlägt dann ei­ne »De­cla­ra­ti­on of De­pen­dence« vor, »das Ein­ge­ständ­nis vor al­ler Welt und mit al­ler Welt, daß es oh­ne ein­an­der nicht geht«.

    Krea­tio­nis­mus? Gen­pro­duk­te? Waf­fen­be­sitz als Ur-De­fi­ni­ti­on von Frei­heit? Ver­mut­lich nur »Klein­kram«, den dann ir­gend­wel­che po­li­ti­schen Va­sal­len zu lö­sen hät­ten.

    Die »Wer­te-Ge­mein­schaft« des We­stens meint längst nur noch den glo­ba­li­sier­ten, mehr oder we­ni­ger un­ge­re­gel­ten Ka­pi­ta­lis­mus. In­so­fern ist Chi­na die­ser »Ge­mein­schaft« längst bei­getre­ten.

  6. Ich seh’ Ame­ri­ka als Eu­ro­päi­sche De­pen­dence, wir ha­ben schon vor Jahr­hun­der­ten ein paar Pro­ble­me aus­ge­la­gert, die sich in der Wei­te des Kon­ti­nents zu­nächst ver­lau­fen ha­ben, aber nicht wirk­lich ge­löst wur­den. Ich seh’ nur ein wei­ßes Ame­ri­ka, iro­ni­scher­wei­se, weil die Eu­ra­si­schen Ein­wan­de­rer nun mal den Ton an­ge­ben. Ir­gend­wann ha­be ich dann be­grif­fen, dass der Krieg kon­sti­tu­tiv für die U.S.A. ist, weil nur der Krieg die Na­ti­on er­schaf­fen, »wie­der­be­le­ben« kann. In Eu­ro­pa wagt man so was nicht ein­mal mehr zu den­ken. Ge­schwächt von der ei­ge­nen Ge­schich­te, er­fin­det man lie­ber Iden­ti­tä­ten, die kein Schwein in­ter­es­sie­ren: Eu­ro­päi­sches Bür­ger­tum...
    Da­mit will ich sa­gen: ich glau­be, dass man in Ame­ri­ka mehr über die west­li­che Zi­vi­li­sa­ti­on und ih­re Be­grenzt­hei­ten (wenn nicht gar: Macken!) weiß, als in Eu­ro­pa. Ame­ri­ka auf­zu­ge­ben, hie­ße noch düm­mer zu wer­den als oh­ne­hin schon me­di­al ver­ord­net.

  7. Aber wenn Krie­ge für die USA so­zu­sa­gen per­ma­nent die Na­ti­on wie­der­be­le­ben – wann kommt ir­gend­wann der Kat­zen­jam­mer, dass ei­gent­lich al­le Krie­ge nach 1945 nach den gän­gi­gen po­li­ti­schen Ur­tei­len als »ver­lo­ren« zu sub­su­mie­ren sind? Und auch mi­li­tä­risch steht es ja nicht bes­ser – wenn man von den bei­den Irak­krie­gen ein­mal ab­sieht (Af­gha­ni­stan wird bin­nen kur­zer Zeit wie­der un­ter die Herr­schaft der Ta­li­ban fal­len, viel­leicht mit ei­ner klei­nen En­kla­ve un und um Ka­bul her­um).

    Ver­kürzt ge­sagt: Die Eu­ro­pä­er steck­ten ihr Geld in So­zi­al­sy­ste­me – die USA in das Mi­li­tär. Nach den di­ver­sen Wirt­schafts­kri­sen be­gin­nen ich Ähn­lich­kei­ten zu ent­wickeln: Bei­de, USA und die EU, drucken prak­tisch Geld (sehr ver­ein­facht aus­ge­drückt). Aber bei­de ha­ben ih­re Kern­kom­pe­ten­zen (Wirt­schafts­sprech) ver­lo­ren. Da ist die Idee nach ei­nem Schub nicht ab­we­gig. Da­mit wird al­ler­dings der Ex­itus nur ver­zö­gert.

  8. Die „wert­vol­len de­mo­kra­ti­schen Er­fah­run­gen“ se­he ich aber fast eher bei den Men­schen als den han­deln­den Eli­ten oder den so oft un­ge­nü­gen­den In­sti­tu­tio­nen. Es liegt wohl an den Be­völ­ke­run­gen, wenn Län­der da hin­ter ge­wis­se Din­ge wohl nicht zu­rück­fal­len.

    (Oder? Dass sol­che Ty­pen wie Ber­lus­co­ni / Pa­pan­dreo / Ra­joy teils über Jahr­zehn­te Ma­ni­pu­la­to­ren sind / wa­ren, ist auch für „Eu­ro­pa“ be­deut­sam. Und dann ist da na­tür­lich noch der wirt­schaft­li­che Nie­der­gang, die Ohn­macht, das Fres­sen vor der Mo­ral. Da sind „kul­tu­rel­le Mo­ti­ve“ längst sehr wohl be­droht, wenn nicht schon teils ob­so­let.)

    Es wä­re in­ter­es­sant mehr von Slo­ter­di­jk zu hö­ren. Bis­her klingt es fast nach ei­ner Poin­te, für die ja auch er mitt­ler­wei­le im­mer gut sein muss („Men­schen­park“). Ich bin da je­den­falls nicht über­zeugt. Eu­ro­pa könn­te eben­so gut mit Ja­pan ei­ne Wer­te­ge­mein­schaft bil­den.

    Und ja, die­se be­son­de­re Schwä­che Eu­ro­pas durch die La­sten sei­ner Ge­schich­te se­he ich auch im­mer deut­li­cher. Und der Krieg als Kon­sti­tu­ti­ve scheint ja auch tat­säch­lich er­folg­reich (wenn man es sich fi­nan­zi­ell lei­sten kann); si­cher hät­te das auch auf Eu­ro­pa stär­ken­de po­li­ti­sche Ef­fek­te. Nur wür­de auch die­se spe­zi­fi­sche Hal­tung ver­lo­ren ge­hen, l ä n g e r auf Ver­nunft und Di­plo­ma­tie zu set­zen. Der Be­den­ken­trä­ger ist schnell ge­schmäht, und be­hält doch oft Recht. Wenn da schon zwei ein­an­der Kor­rek­ti­ve sein soll­ten, dann aber wirk­lich ge­gen­sei­tig.

    (Und bei der me­dia­len Ver­dum­mung se­he ich die me­di­en­wirt­schaft­li­che Über­macht der USA – et­li­che Sen­der hier ganz wie in „un­ter­ent­wickel­ten“ Län­dern an­ders­wo hät­ten oh­ne den al­ten Se­ri­en­scheiß über­haupt nichts zu ver­sen­den – aber als Kom­pli­zen, und zwar als vor­sätz­li­chen.)

    Viel­leicht ist es ein Feh­ler – al­le Mäch­te wol­len be­vor­mun­den, sie­he das in sei­ner neu­en Stär­ke zu­neh­mend selbst­ge­rech­te Chi­na – die eu­ro­päi­sche Strikt­heit ein­zu­tau­schen für re­vi­sio­ni­sti­sche Po­si­tio­nen. Klar, al­le for­dern sie Sou­ve­rä­ni­tät und Be­ach­tung der hei­mi­schen Kul­tu­ren, aber dann ist es oft doch nur ein Spiel der Eli­ten, und die sind fast im­mer kor­rupt.

    Statt dass man die Mil­li­ar­den et­wa für so ein Land wie Af­gha­ni­stan an Frau­en­rech­te oder Auf­klä­rung kop­pelt, al­so an men­schen­recht­li­chen Ein­grif­fe in sol­che Län­der, sieht man der Bar­ba­rei se­hen­den Au­ges zu. Da hat Eu­ro­pa nicht nur als Idee ver­lo­ren, son­dern ver­liert sich auch noch selbst. Und ist so schon bloß tak­ti­scher Mit­spie­ler. Da soll­te man den USA und dem da längst ver­bre­che­ri­schen Russ­land (Sy­ri­en) si­cher nicht fol­gen, so­gar wenn es „In­ter­es­sen“ gibt und sol­che, die sie auch „bei uns“ im­mer of­fe­ner for­mu­lie­ren.

  9. @ Gre­gor
    –Fin­de ich sehr gut, dei­nen Hin­weis, Eu­ro­pa kön­ne sich nicht län­ger über den So­zi­al­aus­gleich de­fi­nie­ren. Ge­nau das war un­se­re Po­si­ti­on in der zwei­ten Hälf­te, 20 Jahr­hun­dert. Das ver­su­chen noch die Alt­vor­de­ren, aber mich Mitt­vier­zi­ger er­reicht das nicht. Die Po­li­tik der Ka­pi­ta­lis­mus­zäh­mung bie­tet auch kei­ne »wert-ein­deu­ti­ge« Po­si­ti­on, das bringt ein gan­ze Men­ge Är­ger mit sich, ge­le­gent­lich »Wi­der­sprü­che« ge­nannt.

    –Krie­ge ver­liert man, klar. Das spricht aber nicht un­be­dingt ge­gen den Krieg in sei­ner kon­sti­tu­ti­ven Funk­ti­on. Nach dem Spiel ist vor dem Spiel.

    @en-passant
    Die Ab­hän­gig­keit der Un­ter­hal­tungs­bran­che von Ame­ri­ka ist ver­blüf­fend, stimmt. Da­mit im­por­tie­ren wir die Phan­ta­si­en über den smar­ten, in­di­vi­dua­li­sti­schen, kämp­fe­ri­schen Men­schen, die al­te Ver­sim­pe­lung von Ego=Identität. Pro­ble­me kann man lö­sen, oder (Hol­ly­wood-Va­ri­an­te) un­ter den Tep­pich keh­ren. Klar geht das.

  10. @en-passant
    Aber die Ber­lus­co­nis sind doch ge­wählt wor­den. Und zwar nicht un­be­dingt aus Al­ter­na­tiv­lo­sig­keit her­aus, son­dern mit be­stimm­ten Er­war­tun­gen. Ich hat­te be­ruf­lich ein­mal ei­ne län­ge­re Zeit mit ita­lie­ni­schen Ge­schäfts­leu­ten zu tun. Die wa­ren ent­setzt dar­über; nie­mand hat­te Ber­lus­co­ni ge­wählt und nie­mand kann­te über­haupt je­man­den, der ihn ge­wählt hat­te. Und doch war es so.

    Und ich glau­be, ich muss Ih­nen nicht sa­gen, dass Eu­ro­pa und Ja­pan eben nicht so oh­ne wei­te­res ei­ne »Wer­te­ge­mein­schaft« bil­den könn­ten. Da­für ist Ja­pan viel zu aut­ark, was kul­tu­rel­le und so­zia­le Ei­gen­hei­ten an­geht. Die USA hat ja nicht zu­letzt durch die Mas­sen­kul­tur in­di­rekt ei­ni­gen Ein­fluß auf Eu­ro­pa aus­ge­übt (bis heu­te noch), be­son­ders auf Deutsch­land (we­ni­ger auf Frank­reich – auch hier greift, dass die Fran­zo­sen sich kul­tu­rell im­mer ein biss­chen ab­ge­setzt ha­ben). Es funk­tio­niert aber eben nicht, dass man sich aus den kul­tu­rel­len Ein­flüs­sen der neu­en Welt das be­ste her­aus­pickt und den Rest ent­sorgt.

    Die eu­ro­päi­sche Idee hat­te in dem Mo­ment ver­lo­ren, als man auf Ex­pan­si­on nach au­ßen statt nach in­ne­rer Bin­dung setz­te und dann noch ver­such­te, die Men­schen­rech­te eu­ro­päi­schen Stils zu ex­por­tie­ren. Das er­ste, was man Staa­ten emp­fiehlt, die ih­re Dik­ta­to­ren los­ge­wor­den sind (jetzt mal egal wie), sind Wah­len. Das ist aber der voll­kom­men fal­sche An­satz. Man stel­le sich vor, im Deutsch­land des Jah­res 1946 wä­re oh­ne Ver­fas­sung, oh­ne in­sti­tu­tio­nel­le Struk­tur von po­li­ti­scher Wil­lens­bil­dung, ge­wählt wor­den. Wie das wohl aus­ge­gan­gen wä­re?

    In­dem die EU sich mehr in der Au­ßen­dar­stel­lung übt, ar­bei­tet sie an ih­rer wach­sen­den Be­deu­tungs­lo­sig­keit. Schon weil die Un­ter­schie­de zwi­schen Ita­li­en, Deutsch­land und Finn­land was be­stimm­te ge­sell­schafts­po­li­ti­sche Fra­gen an­geht, nicht auf ei­nen Nen­ner zu brin­gen ist. War­um soll­te es auch? Für mich ist der Zug ab­ge­fah­ren. Es gibt ei­nen sehr in­ter­es­san­ten Text von Hür­li­mann über das Schwei­zer Re­fe­ren­dum, der mit ei­ner dü­ste­ren, aber ver­mut­lich zu­tref­fen­den Aus­sa­ge en­det: »Ich glau­be nicht an das Über­le­ben des su­pra­na­tio­na­len Ge­bäu­des na­mens Eu­ro­pa.« Das will na­tür­lich nie­mand hö­ren, weil es dem Ein­ge­ständ­nis ei­ner po­li­ti­schen Le­bens­lü­ge gleich kä­me. Die Ver­hand­lun­gen mit den USA über ei­ne ge­mein­sa­me Wirt­schafts­zo­ne ist das letz­te Auf­bäu­men Eu­ro­pas. Da­her auch die weit­ge­hend ge­hei­men Ver­hand­lun­gen; nie­mand soll wis­sen, wor­um es geht.

    @die_kalte_Sophie
    Ich ha­be nicht ge­sagt, dass man sich von der Idee ei­nes eu­ro­päi­schen So­zi­al­staa­tes ver­ab­schie­den soll­te. Schon jetzt sind die Ver­wer­fun­gen in Grie­chen­land, Spa­ni­en und Ita­li­en im­mens. Frü­her oder spä­ter wird dies zum Ein­grei­fen zwin­gen. Ei­gent­lich ha­ben die Ame­ri­ka­ner mit ih­rer Geld­flu­tungs­po­li­tik auch ei­ne Art »So­zi­al­staat« be­grün­det bzw. hal­ten ihn auf­recht. Dies spielt sich nur auf ei­nem an­de­ren Ge­biet ab: Es fließt nicht den so­zi­al schwa­chen zu, son­dern hält die Wirt­schaft am Lau­fen.

  11. @Gregor, ins­bes. »Ich ha­be nicht ge­sagt, dass man sich von der Idee ei­nes eu­ro­päi­schen So­zi­al­staa­tes ver­ab­schie­den soll­te...«
    Die Idee ist schon sehr ab­ge­ho­ben an­ge­sichts des feh­len­den Staa­tes. Ich be­ob­ach­te die Süd­län­der auch mit sehr gro­ßer Sor­ge.
    Die vie­len jun­gen Men­schen, de­nen wir nichts mehr zu sa­gen ha­ben!

    Stark, der Satz von Hür­li­mann. Der traut sich was. Dan­ke für das Zi­tat.
    Das Frei­han­dels­ab­kom­men wird hof­fent­lich kom­men. In der Tat läuft das mei­ste in­zwi­schen im Ge­hei­men. Neu­lich kommt raus, dass wir in Gha­na ein­mar­schie­ren.
    Null Dis­kus­si­on vor­her. Er­geb­nis wird nur mit­ge­teilt.
    Da muss ich manch­mal schlucken.
    Der Ab­stand von Volk und Estab­lish­ment ist, wie der Schwei­zer so schön sagt, maaa­xi­maaal!

  12. Das mit Ja­pan war na­tür­lich nicht ernst ge­meint. (Al­ler­dings auch nicht iro­nisch: Dort sind die Wis­sen­den ja teils ame­ri­ka­ni­scher oder „pa­ri­se­ri­scher“ als an den Ur­sprün­gen selbst. Okay, wenn auch in an­de­rem Gei­ste. )

    Ja, und Kohl woll­te da­mals auch kaum je­mand ge­wählt ha­ben. Trotz­dem hat er ein oder zwei „Wen­den“ (mit)bestimmt. Und in Eu­ro­pa ein paar un­gu­te Din­ge ein­ge­führt.

    Hür­li­mann hat­te mir auch zu den­ken ge­ben. Und ich ver­mu­te auch, dass die Leu­te es mit den Öff­nun­gen und Zu­wan­de­run­gen (und mit den EU-Er­wei­te­run­gen um ge­fühl­te Fremd­kör­per) hier­zu­lan­de längst mal gut sein las­sen wol­len. (Man den­ke an das ge­ra­de er­star­ken­de kon­ser­va­ti­ve Frank­reich.) Aber eben das wä­re auch ein an­de­rer Bank­rott, näm­lich das Na­tio­na­le (um der Hi­sto­ri­en und der Kriegs­ver­mei­dung wil­len) zu über­win­den. Was aber bleibt dann noch? Knall­har­te Wirt­schafts- al­so Stand­ort- al­so Über­le­bens­po­li­tik.

    Da wä­ren die USA zwar dann tat­säch­lich – bei groß­zü­gi­ger Aus­le­gung – ein ir­gend­wie gei­stig-ver­wand­ter Ver­bün­de­ter. Aber ich er­in­ne­re dar­an, dass mit den of­fi­zi­el­len Er­klä­run­gen zum „Pa­ci­fic Rim“ (Öff­nung nach We­sten, al­so zum asia­ti­schen Raum) über De­ka­den Eu­ro­pa schon zwei­te Wahl war (teils nütz­li­che Idio­ten wie die Eng­län­der). Da kä­men al­so zwei Zweit­klas­si­ge zu ei­ner Über­le­bens­ge­mein­schaft zu­sam­men? Kein gu­ter Aus­gangs­punkt. Und um­so we­ni­ger, je wi­der­stre­ben­der er ist.

    Aber ist ja wahr­schein­lich eh al­les il­lu­so­risch, wenn bei­de Blöcke ih­re schö­nen Le­bens­lü­gen nicht hin­ter sich zu las­sen schaf­fen.

    Ich hät­te mich trotz­dem we­ni­ger ge­wun­dert, hät­te Slo­ter­di­jk – mit ja vie­len an­de­ren (ich den­ke ge­ra­de an Kitt­ler, des­sen Grie­chen-Lie­be, wenn man sich da­mit be­schäf­tigt, man längst nicht als per­sön­li­che Ma­nie ab­tun kann, son­dern (mit den men­ta­len Tie­fen­co­die­run­gen) als Be­wusst­seins-Ky­ber­ne­tik, als Steu­er­manns­kunst ver­ste­hen muss) – hät­te al­so Slo­ter­di­jk ei­nen ver­meint­li­chen Schritt zu­rück zu ei­nem grie­chi­schen Eu­ro­pa plä­diert. Ein alt­grie­chi­sches al­so, nicht das von neu­mo­di­scher Hab­sucht de­sta­bi­li­sier­te Elend­s­land von heu­te.

    Ob­wohl ei­nem das als Be­vor­ste­hen­des für im­mer grö­ße­re Tei­le Eu­ro­pas eben­so als die Zu­kunft er­schei­nen kann. So oder so wird sie ja auch schon groß­flä­chig er­war­tet.

    Und das Frei­han­dels­ab­kom­men wird hof­fent­lich NICHT kom­men.

  13. @en-passant
    Oo­ops, ein Geg­ner des Frei­han­dels­ab­kom­men.
    Ne­ver mind!
    Im Mai sind Eu­ro­pa-Wah­len, das woll­te ich noch aus­füh­ren. Und ich er­war­te ei­nen groß­flä­chi­gen Rechts­ruck. Be­glei­tend wer­den ei­ni­ge Stim­men »in den Me­di­en« auf­tau­chen, die ei­ne for­cier­te Kri­tik an den Eu­rop. In­sti­tu­tio­nen vor­tra­gen. Bro­der ist be­stimmt mit von der Par­tie. Da­zu wer­den die Eu­ro­pa­phi­len in Zah­len et­wa 0,0 sub­stan­zi­el­le Bei­trä­ge bei­steu­ern, nur ein paar »Es­says«, wo­her die­ser stram­me Ge­gen­wind kom­men könn­te. Die Ant­wort, die sie fin­den wer­den, ist die, die wir schon ken­nen. Ich neh­me es hier schon mal vor­weg: es sind un­ver­schäm­te par­ti­ku­lä­re In­ter­es­sen wirt­schaft­li­cher Na­tur, ge­paart mit sen­ti­men­tal-na­tio­na­li­sti­schen An­wand­lun­gen, sprich Pro­to-Fa­schi­sten, die das treu­se­li­ge Bünd­nis des Eu­ro­päi­schen Durch­schnitts­gut­men­schen sa­bo­tie­ren möch­ten. (Scha­de, wie­der kei­ne neue Er­kennt­nis. Das wuss­ten wir na­tür­lich.)
    Trotz­dem wird das Jahr 2014, wenn mich mein Kas­sandri­sches Au­ge nicht trügt, ein klei­nes »hi­sto­ri­sches Jahr«. Das Jahr, in dem wir Ab­schied nah­men. Die Geg­ner wer­den ver­mut­lich zum al­ler­er­sten Mal als »in­tel­li­gen­te Kri­ti­ker mit ernst zu neh­men­den Mo­ti­ven« auf der Büh­ne er­schei­nen. Und so­bald man den Geg­ner nicht mehr als hirn­ver­brann­ten Dep­pen in ab­sen­tu dar­stel­len kann, ist der Traum vor­bei.

  14. Die USA sind ei­ne groß­ar­ti­ge Na­ti­on, aber ich fin­de, wir sind al­le schon ge­nug Ame­ri­ka­ner.

    Und der Han­del war noch nie „frei“, das Wort ist Au­gen­wi­sche­rei. Was ist ein Ab­kom­men mit Staa­ten wert, die un­ge­ach­tet des Gei­stes sol­cher Schön­tue­rei­en ih­re ei­ge­nen In­ter­es­sen in je­dem Fall vor­an stel­len und durch­zu­set­zen ver­su­chen. Ich be­kla­ge nicht die spe­zi­el­le Schwä­che Eu­ro­pas (kei­ne ge­nug ge­wich­ti­ge Stim­me zwi­schen un­glaub­wür­di­gen Groß­mäu­lern und Lüg­nern zu ha­ben). Aber die ei­ge­ne Mei­nung, so vor­han­den, könn­te mal öf­ter und lau­ter sa­gen. Oder dass die drei Gro­ßen z. B. mit Nord­ko­rea, Iran, Sy­ri­en auch nichts ge­re­gelt krie­gen und meist kei­ne Be­we­ger son­dern Blockie­rer sind. Pa­pier Ti­ger und Wich­tig­tu­er. Von da­her soll­te man sich auch mal was trau­en dür­fen. „Re­al­po­li­tik“ wä­re dann auch zu wis­sen, dass das trans­at­lan­ti­sche Bünd­nis, soll­te es ir­gend­was wert sein, auch ein Asyl für Snow­den aus­hal­ten muss. Al­les an­de­re ist noch un­wür­di­ger als die­se Lei­se­tre­te­rei.

    Und ja, ei­ne „Tea Par­ty“ ha­ben wir dann wohl bald auch. Aber viel­leicht hat das auch gu­te Ef­fek­te? Die­se gan­ze busi­ness-as-usu­al Öd­nis an den ei­ge­nen Rou­ti­nen ohn­mäch­ti­ger wer­den­den In­sti­tu­tio­nen ver­liert es, dass man die Ge­duld ver­liert. Da bin ich dann auch Pro­to-Fa­schist.

  15. Zu­nächst wer­den wir in Eu­ro­pa ei­ni­ge in­ter­es­san­te Se­zes­sio­nen be­kom­men: Schott­land und Ka­ta­lo­ni­en. Ob die Dro­hun­gen der EU hier grei­fen wer­den? Ich glau­be nicht. Da droht ein wei­te­rer Glaub­wür­dig­keits­ver­lust. Hür­li­mann schreibt ja in der FAZ zur Ab­stim­mung der Mas­sen­ein­wan­de­rungs­in­itia­ti­ve, dass das In­ter­view des eu­ro­phi­len (eu­ro-vi­ri­len) Mar­tin Schulz in der NZZ die 20.000 Stim­men ge­bracht hat, die es nach­her durch­ge­hen lie­ßen: Man läßt sich – zu­mal als Schwei­zer – nicht so ger­ne (be)drohen. Von ähn­li­cher »Qua­li­tät« wa­ren und sind ja die »Ar­gu­men­te« in Sa­chen Eu­ro – da müs­sen so­gar Kriegs­sze­na­ri­en ent­wickelt wer­den, um die Rei­hen ge­schlos­sen zu hal­ten. Dis­kus­si­on / Dis­kurs: Fehl­an­zei­ge.

    (Ich schät­ze Ha­ber­mas nicht be­son­ders, aber sei­ne Vor­schlä­ge zur Le­gi­mi­tät und Le­gi­ti­ma­ti­on der EU dürf­ten der ein­zig gang­ba­re Weg sein. Aus Angst vor dem Er­geb­nis wird er nicht be­schrit­ten wer­den. Das zeigt, wie we­nig man an sei­ne ei­ge­ne Ge­schich­te glaubt.)

    Das so­ge­nann­te Frei­han­dels­ab­kom­men mit den USA wird kom­men. Ein Ein­äu­gi­ger reicht ei­nem Lah­men die Hand. Bei­de ge­hen ein Stück des We­ges. End­lich wer­den wir mit Chlor­hühn­chen und Gen­mais über­rascht wer­den dür­fen – viel­leicht kann ich als West­deut­scher dann end­lich nach­emp­fin­den wie die DDR-Bür­ger sich 1990 ge­fühlt ha­ben, als »ih­re« Pro­duk­te prak­tisch über Nacht aus den Re­ga­len ver­schwun­den wa­ren.

    In Wirk­lich­keit – und das wird oft ver­ges­sen – ori­en­tie­ren sich die USA längst nach Asi­en. Eu­ro­pa ist für sie nur ei­ne Vor­spei­se.