»Fragment/e zu ei­ni­gen po­pu­lä­ren Songs« (2)

Das Hei­de­rös­lein

( für Ma­ri, die mon­dän, aber auch ei­ne Hei­de­ma­rie war )

 

Erst spät hat­te mir mei­ne Mut­ter er­zählt, dass, wenn ich, mich mit klei­nen Fäu­sten an den un­ver­klei­de­ten Git­tern auf un­se­rem Bal­kon fest­hal­tend, ver­sucht hat­te, mich ei­nem über den Fel­dern hin­ter un­se­rem Haus aus­to­ben­den Som­mer­ge­wit­ter zu stel­len, ich im Mo­ment des Blit­zens manch­mal ge­schrien hat­te, wie ein Mäd­chen mit ho­her Stim­me, durch­dringend und schrill. Es klang durch, dass ich, ob­wohl ein stil­les Kind, das sei­nen El­tern sonst sel­ten An­lass da­zu gab, ih­nen dann ein biss­chen un­heim­lich ge­we­sen war. Die­se Er­zäh­lung wie­der­um hat­te ich lan­ge Zeit vor mir sel­ber, als et­was Scham­haf­tes in mei­nem Selbst­bild ver­steckt, und Ge­dan­ken dar­an erst spät, näm­lich als das Mo­ment ei­ner Ver­rückt­heit wäh­rend ei­ner an­de­ren, zu­las­sen kön­nen.

***

Du sag­test Lie­be / ist nur ein Wort / ich sag­te geh / doch noch nicht fort. – Soll­te ich wirk­lich ein­mal ein­räu­men, wie im In­nig­sten, in ris­kan­ter Nä­he zu den fal­schen Tö­nen und dem Herz-Über­zeug­te­sten, im­mer auch das noch Fal­sche­re wohnt? Das Bo­den­lo­se­re? Der sich eben dar­um und um die Ge­fähr­lich­keit um­so mehr auf­zu­schwin­gen wis­sen­de Irr­tum? Oder war das jetzt gleich­falls nur ein Des­il­lu­sio­nie­rungs-, ein Selbst­an­kla­ge-, ein Auf­rich­tig­keits­kitsch?

Als ich ein Kind war, hat­ten Nach­barn, als sie das mit mir her­aus­ge­fun­den hat­ten, öf­ter ein Lied ge­sun­gen, Das Hei­de­rös­lein, auf das ich dann wie auf Kom­man­do zu wei­nen an­fing. Und das hat­te auch, oh­ne es grau­sam zu mei­nen, mei­ne El­tern, wenn sie Gä­ste und das ih­nen vor­zu­füh­ren Spaß hat­ten, im­mer wie­der amü­siert.

Da­für schien es mir spä­ter dann lan­ge fast un­mög­lich, über mei­ne Trau­rig­kei­ten et­was zu sa­gen – über die ech­te, die un­ge­ru­fe­ne, die bo­den­lo­se, die ei­nen oft grund­los an­kom­men­de Trau­rig­keit. Nur ein an­de­res Kind konn­te für mich noch an­nehm­bar und un­schul­dig sa­gen: Ich bin trau­rig. Und al­le an­de­ren muss­ten da­mit eh im­mer gleich zu Er­klä­run­gen kom­men.

Wie­der­um spä­ter dann hat­te ich, der sich so stark be­we­gen ließ, dass es an­de­re la­chen mach­te, im­mer wie­der län­ge­re Pha­sen, dass ich, dem Mu­sik doch so wich­tig war, fast gar kei­ne hö­ren moch­te. Manch­mal reich­te ein Lied, um für lan­ge al­le an­de­ren zu ver­wer­fen. Mit den Grün­den da­für moch­te ich mich aber auch nicht be­schäf­ti­gen. Und der ei­nen, zu ver­heim­li­chen­den, aber im­mer­hin prak­ti­schen Er­klä­rung für das oft un­be­greif­lich Grund­lo­se von Schmerz moch­te ich sel­ber nicht glau­ben.

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Ein­mal, als ich un­vor­be­rei­tet für ein paar Hüte­mi­nu­ten ein Klein­kind auf den Schoß ge­setzt be­kam, hat­te ich, vor Un­wis­sen, was tun, und um die ge­gen­sei­ti­ge Ver­le­gen­heit in Ak­tio­nis­mus zu ban­nen, ei­ne Spiel­uhr in Gang ge­setzt. Und hat­te über dem Kling-Klang das Maß und dann das Maß­lo­se zu­erst an Stau­nen ... und dann an Be­stür­zung in dem Ge­sicht­chen be­trach­ten kön­nen. Und dann auch das Dra­ma, wie sich über dem so lich­ten Fleck der Stirn auf ein­mal al­les zu ei­nem den gan­zen Kör­per er­grei­fen­den Wei­nen kräu­sel­te.

Ob­wohl das Wei­nen des Kin­des für die Her­bei­ge­eil­ten nur als ei­ne Be­lu­sti­gung galt, be­kam das Ge­fühl der Schuld, ich hät­te al­les falsch ge­macht, ein lä­cher­li­ches Aus­maß. Die ver­dammte Me­cha­nik der Uhr war nicht zu stop­pen, und das mei­ner­seits so hilf­lo­se Zu­reden um ei­ne Be­schwich­ti­gung des sonst so leicht zu be­he­xen­den We­sens nütz­te nichts. Bis heu­te er­in­ne­re ich mich an das über Ta­ge an­hal­ten­de Ge­wis­sen, in ei­ne rei­ne See­le ei­ne pre­kä­re Spur ge­legt zu ha­ben. Erst spä­ter ging mir auf, wie das wohl mei­ne ei­ge­ne war, und wie auch die Be­stür­zung nur auf ei­ne vor­an­ge­gan­ge­ne und un­be­ant­wor­tet ge­blie­be­ne end­lich ant­wor­te­te.

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Ein an­der­mal stieß ich mit dem Ein­set­zen der Däm­me­rung am Rand ei­ner bra­si­lia­ni­schen Groß­stadt wäh­rend ei­nes Spa­zier­gangs auf un­be­kann­tes Ge­län­de. Ei­ne Fe­ria war dort auf­ge­baut, ei­ne Art Kir­mes oder Jahr­markt, aus den ein­fach­sten Sen­sa­tio­nen. Feu­er brann­ten schon und Lam­pi­ons wa­ren auf­ge­hängt, Be­rim­baus und Trom­meln lärm­ten, und es gab Ge­bil­de aus bun­tem Alu­pa­pier in Strei­fen an Zwei­gen zu kau­fen, die man beim Um­her­ge­hen in die Luft hielt, da­mit sie ra­schel­ten.

Auch ein paar Mas­ken wa­ren zu se­hen, war das auch er­sicht­lich kein Fest für Tou­ri­sten. Trotz­dem wie der ty­pi­sche Tou­rist halb ver­lockt, halb ver­irrt da­hin ge­ra­ten, er­in­ne­re ich mich an die kom­ple­xe Emp­fin­dung, nach der es glei­cher­ma­ßen be­schä­mend wie be­stärkend war, dass Men­schen sich noch aus dem Ge­ring­sten ihr Ver­gnü­gen zusammen­basteln kön­nen. Be­vor ein paar Bur­schen mich, die kurz­fri­stig er­gie­bi­ge­re At­trak­ti­on, be­dräng­ten und um Geld und Zi­ga­ret­ten und sonst was an­gin­gen, lie­ßen sie mich da ein biss­chen her­um­stol­pern.

Aber dann war et­was los mit ei­ner auf­ge­löst oder wir­ken­den Frau, die in ei­nem an­ders ge­stimm­ten Sing­sang ir­gend­wie ent­rückt um­her­wan­del­te, sicht­bar ganz bei sich, so dass je­der ihr aus dem Weg ging. Auf dem Arm, in ein Hand­tuch ein­ge­wickelt, trug sie ein Kind. Und erst mit Ver­spä­tung, aber doch in­tui­tiv, ver­stand ich, dass das Kind tot war. Be­vor sie sich da­von tren­nen zu hat­te, trug die Frau es nur noch ein biss­chen auf die­sem Ver­gnügungsplatz um­her. Und sang ihm ein Kin­der­lied, so ei­nes, das fast nur ein Auf und Ab der er­sten Stim­me ist, die Ur­ver­trau­en ge­wäh­ren soll.

Mit­hil­fe der Frau und ei­nem von der Un­gläu­big­keit schon wie­der ge­dämpf­ten Er­schrecken – mit dem ich mich ihr trotz­dem zu nä­hern ge­drängt fühl­te und ihr ei­ne wei­te­re kur­ze ver­irr­te Weg­strecke hin­ter­her ging -, ge­lang es mir, von dem Ort und aus der noch un­ge­müt­lich wer­den kön­nen­den Si­tua­ti­on zu ver­schwin­den. Ich er­in­ne­re mich an das Emp­fin­dungs­ge­misch von Fa­ta­li­tät, von Heil­lo­sig­keit und Ver­hee­rung, als ich al­lein die bröckeln­de, aber ster­nen­über­sä­te Kü­sten­stra­ße ent­lang ging. Aber auch an das rausch­hafte Ge­fühl, am Le­ben zu sein. Und wie ich im Kopf je­ne Me­lo­die der Frau nachzu­singen ver­such­te, die so ein­fach war, dass noch ein Kind im Schlaf sie ler­nen könn­te.