Sz­c­ze­pan Twar­doch: Mor­phin

Szczepan Twardoch: Morphin

Sz­c­ze­pan Twar­doch: Mor­phin

Kon­stan­ty Wil­leman, zer­wühl­tes Haar, blas­ses Ge­sicht, Zwei­ta­ge­bart, ist 29 Jah­re alt, war Un­ter­leut­nant im 9. pol­ni­schen Ula­nen­re­gi­ment und lebt in War­schau. Es ist der 53. Tag nüch­tern vom Mor­phin und der 14. Tag der Deut­schen in War­schau. Er ist schreck­lich ver­ka­tert, muss sich über­ge­ben, trinkt aus der Klo­schüs­sel. Ok­to­ber 1939. Drau­ßen: Be­sat­zung, Krieg, das ver­ge­wal­tig­te War­schau.

Kon­stan­ty ist ver­hei­ra­tet mit He­la, hat ei­nen klei­nen Sohn. Die Näch­te ver­bringt er je­doch meist in ei­ner schä­bi­gen Woh­nung mit der Pro­sti­tu­ier­ten Sa­lo­mé, die auch schon mal ei­ne hei­li­ge Nut­te ist. Wenn die­se Frei­er hat, schmeißt Kon­stan­ty sie raus und schreckt da­bei auch vor Ge­walt nicht zu­rück. Zum ein­zi­gen Le­bens­ziel macht er sich an die Be­schaf­fung des ge­lieb­ten Mor­phi­um. Dann tau­melt er durch die zer­stör­te, ent­wür­dig­te Stadt. Von sei­nem Freund Jacek, ei­nem Arzt, der nur im Kran­ken­haus »funk­tio­niert« und an­son­sten ein de­pres­si­ves, gleich­gül­ti­ges Ner­ven­bün­del ist, könn­te Mor­phi­um-Nach­schub kom­men. Jacek wünscht im Ge­gen­zug, dass Kon­stan­ty sei­ne ver­miss­te Frau Iga sucht. Da­für gibt es ein Fläsch­chen, dass er sich mit Sa­lo­mé teilt. Man er­fährt, dass Iga Kon­stan­tys er­ste Ge­lieb­te war.

Min­de­stens drei Ichs

Sz­c­ze­pan Twar­doch hat ein wuch­ti­ges Set­ting für sei­nen Ro­man »Mor­phin« ent­wor­fen. Der Über­fall Deutsch­lands und die Auf­tei­lung des sou­ve­rä­nen Po­len durch Hit­ler und Sta­lin sind trau­ma­ti­sche Er­eig­nis­se in der pol­ni­schen Ge­schich­te. Twar­doch, 1979 ge­bo­ren, ent­wickelt im Lau­fe des Ro­mans ei­ne be­drücken­de To­po­gra­phie ei­ner ge­schun­de­nen Stadt, die schau­dern lässt. In zwei Wo­chen ha­ben sie uns um zwei­hun­dert Jah­re zurückge­worfen. Die War­schau­er wer­den als schockiert, apa­thisch und de­pri­miert ge­schil­dert. Der Le­ser weiß, was mit die­ser Stadt noch al­les pas­siert, wel­che Grausam­keiten ge­sche­hen wer­den. Kon­stan­ty weiß das al­les noch nicht, er er­in­nert sich an die schö­ne, sorg­lo­se Vor­kriegs­zeit, die Zeit als er Bon­vi­vant und Welt­mann war, an sei­nen Pa­ris-­Auf­ent­halt 1937 mit He­la zum Bei­spiel und dann der Kon­trast zum ak­tu­el­len »Ich« als Mor­phi­nist, Hu­ren­bock und Ver­rä­ter nach ei­ner kur­zen Pha­se, sei­nem drit­ten »Ich«, als Of­fi­zier der be­sieg­ten Re­ser­ve. Die Aus­flü­ge in die Idyl­len der Ver­gan­gen­heit wer­den sehn­suchts­voll er­zählt. Ein­dring­lich auch das Er­zäh­len des Knacks im Ver­hält­nis zu sei­ner Frau He­la wäh­rend der Pa­ris-Rei­se, der zu ei­ner schlei­chen­den Ver­än­de­rung Kon­stan­tys führ­te, das dann in das zwei­te Ich mün­de­te.

Die­se ru­hi­gen Tö­ne sind sel­ten, die Er­zähl­lo­ko­mo­ti­ve rat­tert in die­sem Buch oft auf höch­ster Ge­schwin­dig­keit. Sug­ge­stiv ver­mischt Twar­doch meh­re­re Er­zähl­stim­men. Da gibt es ei­nen per­so­na­len Er­zäh­ler, der Kon­stan­tys Hand­lun­gen be­rich­tet. Do­mi­nant ist je­doch ein auf­dring­li­cher, aukt­oria­ler Er­zäh­ler, ei­ne Art Ge­wis­sen Kon­stan­tys, der die Fi­gur di­rekt an­re­det mit ihr spricht aber auch über sie hin­weg dem Le­ser Ein­zel­hei­ten souf­fliert, die die Fi­gur nicht kennt oder be­merkt. Dies führt zu ei­nem po­ly­pho­nen, ge­le­gent­lich auch an­stren­gen­den ka­ko­pho­nen Er­zähl­amal­gam. Hin­zu kommt noch, dass der »Ge­wis­sens­er­zäh­ler« auch ziel­si­cher in die Zu­kunft se­hen kann, was da­zu führt, dass das Schick­sal ei­ni­ger Prot­ago­ni­sten vor­weg­ge­nom­men wird. Meist han­delt es sich um Rand­fi­gu­ren, die auf die­se Art und Wei­se be­han­delt wer­den. Aber auch die Zu­kunft von Kon­stan­ty wird an ei­ner Stel­le fast un­merk­lich re­la­tiv früh vor­weg­ge­nom­men (Sei­te 147). Und eben­falls der qual­vol­le Tod von Dzid­zia Rochace­wicz (Sei­te 250), die sich im Lau­fe des Bu­ches zu ei­ner Haupt­fi­gur ent­wickelt und de­ren Ver­häng­nis dem Le­ser bei der Lek­tü­re von nun an im­mer prä­sent ist. Auch wenn es sich nur um fik­ti­ve Fi­gu­ren han­delt, er­zeug­te die­ses gott­glei­che Wis­sen weit in die Zu­kunft hin­ein beim Le­ser ein am­bi­va­len­tes Ge­fühl zwi­schen All­macht und Un­be­ha­gen, zu­mal die Schick­sa­le bis auf ei­ne Aus­nah­me im­mer grau­sig sind.

Aber ge­mach. Die Bri­sanz in der Fi­gur Kon­stan­ty Wil­leman liegt dar­in, dass er auch Kon­stan­tin heißt; der vol­le Na­me sei­nes deut­schen Va­ters lau­tet Bal­dur Bol­ko Strach­witz von Gross-Zau­che und Cammi­netz. Die nym­pho­ma­nisch apo­stro­phier­te Mut­ter hat den jun­gen Bal­dur ver­führt; sie war 40, er 16 oder 17. Kon­stan­ty spricht ne­ben pol­nisch auch flie­ssend deutsch, bei Be­darf mit Wie­ner Ak­zent. Die Be­kannt­ma­chun­gen der Na­zis kann er le­sen, ih­re Ge­sprä­che auf der Stra­sse ver­ste­hen. Für kur­ze Zeit stellt er Über­le­gun­gen über sei­ne Si­tua­ti­on an und ten­diert zö­gernd zum pol­ni­schen Wi­der­stand; we­ni­ger aus Lei­den­schaft und na­tio­na­lem Über­schwang, son­dern eher aus ei­nem dif­fu­sen, nie ar­ti­ku­lier­ten Pflicht­ge­fühl. Zu­nächst soll er ein Pa­ket in­ner­halb War­schaus ab­ge­ben. Im Mor­phi­um-, Al­ko­hol- und Sex­rausch mit Sa­lo­mé geht das Pa­ket ver­lo­ren; ei­ner ih­rer Frei­er hat­te es ge­stoh­len. Der Dieb wird ge­sucht und ge­fun­den. Es folgt ein bru­ta­ler Mord Kon­stan­tys, der im Blut­rausch den Dieb ein Au­ge her­aus­schnei­det, da­mit er das Ver­steck ver­rät. Das Pa­ket war dann un­ter dem Bett. Er er­schrickt sel­ber über die­se Tat; ent­schuldigt sie für sich mit dem Aus­nah­me­zu­stand des Krie­ges. Schließ­lich kommt er mit dem In­ge­nieur in Kon­takt, dem Chef ei­ner pol­ni­schen Un­ter­grund­or­ga­ni­sa­ti­on. Vor al­lem setzt man auf Kon­stan­tys her­vor­ra­gen­de Sprach­kennt­nis­se.

Die Mut­ter mit­ten im Ge­sin­del

Zu­nächst schleust er sich pro­blem­los in den »Deut­schen Klub« in War­schau ein, ei­ne Art Treff­punkt für die Na­zi-No­men­kla­tu­ra War­schaus und de­ren Hel­fer, Ver­rä­ter, Kon­formisten, er­bärm­li­che Krea­tu­ren […] Ka­nail­len. Ge­sin­del. Ech­tes Lum­pen­pack und klein­bürgerliches Lum­pen­pack, ge­bil­det, im An­zug und den­noch Ge­lump.. Völ­lig über­ra­schend ar­bei­tet dort auch sei­ne Mut­ter, die ih­rem Po­len­tum den Rücken zu­ge­kehrt und sich der NS-Frau­en­schaft an­ge­dient hat und ei­ne nicht un­wich­ti­ge Po­si­ti­on in­ne­hat. Ihr Sohn ist wie er­schla­gen von die­sem Wan­del, wo­bei der Ge­wis­sens­er­zäh­ler den ver­meint­li­chen Sinnes­wandel der Mut­ter als ih­re frei­wil­li­ge Ent­schei­dung dar­stellt. Sie ma­che es, weil sie es so be­schlos­sen hat. Schließ­lich be­geg­net er noch sei­nem tot­ge­glaub­ten Va­ter, der als Deut­scher eben­falls für die Na­zis ar­bei­tet, in ei­nem Nacht­klub. Die­ser ist durch ei­ne Kriegs­verletzung im Ge­sicht ent­setz­lich ent­stellt. De­tail­liert wird be­rich­tet, dass auch der Pe­nis des Va­ters durch Schwe­fel­teil­chen ei­ner Gra­na­te prak­tisch weg­ge­ätzt wur­de, was sei­ner­zeit zur Tren­nung von der Mut­ter ge­führt hat, die mit ei­nem der­art »un­kom­plet­ten« Mann nichts an­fan­gen konn­te und woll­te.

Suk­zes­si­ve wird der Le­ser in Kon­stan­tys Er­leb­nis­welt ein­ge­führt. Die­ser hat sich nun end­gül­tig dem pol­ni­schen Wi­der­stand an­ge­schlos­sen – in dem er sich als Deut­scher aus­gibt. Es kommt zu ei­nem Ab­schied mit He­la (in­klu­si­ve ei­ner sehr sinn­li­chen ero­ti­schen Sze­ne) und dem Jun­gen. Zwar ist He­la ein­ge­weiht, darf aber nichts ver­lau­ten las­sen, was den Hass von Helas pol­nisch-na­tio­na­lem Va­ter auf sei­nen Schwie­ger­sohn ins Unermess­liche stei­gert. Durch ei­nen er­sten Coup ge­lingt es Kon­stan­ty Iga aus deut­scher Haft her­aus­zu­kau­fen. Sein Freund Jacek stei­gert sich je­doch in ei­ne pa­ra­noi­de Ei­fer­sucht und noch mehr in die De­pres­si­on hin­ein. Schließ­lich wird Kon­stan­ty auf Kon­takt­mis­si­on nach Bu­da­pest ge­schickt. Ihm zur Sei­te je­ne Dzid­zia von der der Le­ser schon 150 Sei­ten vor­her das grau­sa­me En­de, wel­ches sie vier Jah­re spä­ter er­ei­len soll­te, er­fah­ren hat.

Vor der Rei­se be­sucht Kon­stan­ty noch sei­nen Va­ter, der ihm sei­ne Uni­form aus dem Er­sten Welt­krieg nebst sei­nen gül­ti­gen Pa­pie­ren über­lässt. Die Uni­form passt dem Sohn wie an­ge­gos­sen; die Pa­pie­re wer­den noch ent­spre­chend prä­pa­riert. Die Über­ga­be durch den Va­ter wird wie ei­ne sa­kra­le Hand­lung, ei­ne In­itia­ti­on, er­zählt. Der Le­ser fragt sich, ob Twar­doch den Va­ter tat­säch­lich zum Le­ben er­wecken muss­te. Von nun an wird das Er­zähl­par­lan­do noch ver­wir­ren­der, da sich Kon­stan­ty im­mer wie­der als sein Va­ter sieht und gleich­zei­tig von sei­nem Va­ter di­stan­zie­ren muss (nicht nur op­tisch). Auch die Le­gen­de als Deut­scher auf­zu­tre­ten, aber in Wirk­lich­keit ge­gen die­se zu sein, fällt ihm sicht­lich schwer. Sei­ten­lang fol­gen Selbst­ver­ge­wis­se­run­gen; Stak­ka­to-Sät­ze, die al­le mit Ich bin be­gin­nen und sich stän­dig wi­der­spre­chen. Ein sehr ein­fa­ches, zu­nächst zweck­mä­ssi­ges, aber ir­gend­wann ein­tö­ni­ges Vor­ge­hen. Mal ist er Kon­stan­ty, dann Kon­stan­tin, mal pol­ni­scher Pa­tri­ot, dann deut­scher Of­fi­zier, schließ­lich auch noch sein Va­ter (des­sen Uni­form er trägt und auf des­sen Pa­pie­re sei­ne ge­fälsch­te Iden­ti­tät auf­ge­baut ist). Dzid­zia scheint da ab­ge­brüh­ter, agiert pro­fes­sio­nell, be­geg­net den Avan­cen Kon­stan­tys selbst­bewusst ab­wei­send und hält den­noch ei­ne ero­ti­sche Span­nung auf­recht.

Nach zwei Drit­teln des Ro­mans ver­las­sen die bei­den War­schau mit dem Au­to. Das tut dem Ro­man gut, der in der De­pres­si­on des be­sieg­ten und ge­schun­de­nen War­schau im Ok­to­ber 1939 zu ver­sin­ken droh­te. Mut­ter, Va­ter, der na­tio­na­li­sti­sche Schwie­ger­va­ter, Jacek, Iga, Sa­lo­mé, die in­dif­fe­ren­te He­la – sie al­le wur­den hin­rei­chend se­ziert, was Twar­doch durch ex­zes­si­ve Red­un­dan­zen er­reicht hat. Das wirkt zu­wei­len ef­fekt­ha­sche­risch, arg ma­nie­riert und er­mü­dend. Mit der Rei­se nach Bu­da­pest und der for­schen Be­glei­te­rin kommt Le­ben in den Ro­man. Die Land­schafts­schil­de­run­gen auf der Rei­se sind zu­wei­len von er­staun­li­cher In­ten­si­tät; die Tri­stesse ist mit Hän­den zu grei­fen und der Le­ser weiß, dass es noch furcht­bar wer­den wird bzw., wenn sie Rich­tung Cie­pielów fah­ren, schon war.

Es gibt ei­ne an­de­re Sze­ne in dem Buch, die sehr be­rührt. Die bei­den kom­men in ei­nem klei­nen, zer­bomb­ten Städt­chen zwi­schen Ma­so­wi­en und Klein­po­len an. Kon­stan­ty ist in ei­ner Mi­schung aus Fas­zi­na­ti­on und Ekel be­fan­gen: Ich wei­de mich an der kürz­li­chen Feu­ers­brunst, wit­te­re noch den kürz­lich ver­stumm­ten, heu­len­den Ge­sang der Ver­brannten, den Fleisch­ge­stank der zer­ris­se­nen… Er sieht fla­che, jü­di­sche Häu­ser am lang­ge­zo­ge­nen Markt­platz, aus­ge­brann­te ver­ruß­te Wän­de und er­in­nert sich plötz­lich an den Markt­platz, als er im Frie­den ei­ni­ge Ma­le dort war. Dzid­zia möch­te plötz­lich, dass der ka­tho­li­sche Pfar­rer für sie ei­ne Mes­se liest. Der Prie­ster weist dar­auf hin, dass es heu­te schon ei­ne Mes­se ge­ge­ben ha­be, aber mit Nach­druck, kraft ih­rer Er­schei­nung als Deut­sche, zwin­gen sie ihn zum Nach­ge­ben und zur Ent­schul­di­gung für sein Zö­gern. So ant­wor­ten die Skla­ven der Welt den Her­ren, die­ser Welt. Und den Her­rin­nen froh­lockt der Gewissens­erzähler, aber dir gab das ei­nen Stich, Kon­stan­ty er­klärt die­ser dem Le­ser (dann fast ein biss­chen pflicht­schul­dig). Dzid­zia fei­ert die Mes­se mit gro­ßer In­ten­si­tät, wäh­rend sich Kon­stan­ty, der sich bei die­ser Ge­le­gen­heit er­in­nert, nicht ge­tauft und statt­dessen im­mer an­ge­ge­ben hat »evan­ge­lisch« zu sein, zu­rück­zieht. Den Abend quar­tie­ren sie sich sanft aber be­stimmt im Pfarr­haus ein.

Es ist des­halb ei­ne ein­dring­li­che Schil­de­rung, weil die bei­den ih­re Rol­le als Be­sat­zer weit über das Agen­ten-Not­wen­di­ge hin­aus spie­len und mit Won­ne und Ab­scheu gleich­zei­tig ih­re Macht­po­si­ti­on, die sie ein­zig durch ih­re Klei­dung und ein Stück Pa­pier be­sit­zen, aus­spie­len. Die Sze­ne be­kommt noch ei­ne an­de­re Kon­no­ta­ti­on, die in Po­len so­fort ver­stan­den wird. Ge­gen En­de wird klar, dass es sich bei dem Ort um Czarnolas/Zwoleń han­deln muss, weil die bei­den das Grab des Dich­ters Jan Koch­a­now­ski er­wäh­nen, wel­ches in der Kir­che liegt. Koch­a­now­ski, der im 16. Jahr­hun­dert leb­te, gilt als ei­ner der er­sten pol­ni­scher Dich­ter, der sei­ne Dicht­kunst in pol­ni­scher Spra­che ver­fass­te, statt wie vor­her üb­lich, in La­tein. Inso­fern kann die­se Mes­se im wei­te­sten Sinn als pol­ni­sche pa­trio­ti­sche Ak­ti­on ver­stan­den wer­den.

Bu­da­pest, die an­de­re Welt

Als die bei­den schließ­lich Bu­da­pest er­rei­chen, blü­hen sie auf. Of­fi­zi­ell ist Un­garn ja neu­tral, aber, am wich­tig­sten: es ist Frie­den. So­fort wech­selt die Stim­mung. Al­les hellt sich auf. Mit Leich­tig­keit er­fül­len sie ih­re nach­rich­ten­dienst­li­che Tä­tig­keit. Sie ge­nie­ßen das Le­ben, die Herbst­son­ne, ent­decken den Spa­zier­gang wie­der, der zu ei­ner an­de­ren Welt ge­hört, trin­ken den Frie­den und kom­men sich nä­her. Der Hu­ren­bock wird sanft; er schläft nicht mit Dzid­zia; sie wol­len sich für­ein­an­der auf­spa­ren und ein biss­chen streift Twar­doch den Kitsch, wie er den Lie­bes­kum­mer von Dzid­zia die­sem Ro­man noch auf­pfropft (die mit Bu­da­pest zu tun hat) und die auf­kei­men­de Lie­be­lei die­ser bei­den schil­dert. In­zwi­schen ist man auf Sei­te 530, und wäh­rend die bei­den ir­gend­wie ei­ne Zu­kunft mit­ein­an­der nach dem Krieg im Kopf ha­ben (Po­len und al­les, was da­zu­ge­hört, ist ganz weit weg), er­in­nert man sich aber­mals der Schil­de­rung des Schick­sals von Dzid­zia, das schon auf Sei­te 250 mit un­er­bitt­li­cher Grau­sam­keit be­rich­tet wur­de, aber das muss der Le­ser mit sich aus­ma­chen. Nach an­dert­halb Ta­gen ist al­les er­le­digt – Dzid­zia bleibt in Un­garn, Kon­stan­ty fährt mit dem Zug zu­rück nach War­schau. In sei­ner Woh­nung an­kom­mend er­eilt ihn dann das Schick­sal, wel­ches der ra­sen­de Jacek an ihm voll­streckt. Die letz­ten 14 Ta­ge im Le­ben des Kon­stan­ty Wil­leman sind er­zählt.

Twar­dochs Buch wur­de in Po­len zum Best­stel­ler. Man ver­glich ihn mit Gom­bro­wicz und, na­tür­lich, auch mit Lit­tell. Er­ste­res mag zu hoch ge­grif­fen sein, letz­te­res wird dem Buch nicht ge­recht. Die Par­al­le­len zu den »Wohl­ge­sinn­ten« und der Fi­gur des Ma­xi­mil­li­an Aue sind zwar durch­aus vor­han­den, aber Twar­doch suhlt sich nicht die­sem Bil­lig-Trash, den Lit­tell da kon­stru­iert und noch mit Na­zi-Pro­mis zur Mocku­men­ta­ry auf­bläht. »Mor­phin« ist ein Buch um Iden­ti­tät in der Ka­ta­stro­phe des Kriegs, um ein Rin­gen ei­nes Stand­punkts, um das Wei­ter­ma­chen im Le­ben, das ei­gent­lich vor­bei zu sein scheint. Kon­stan­ty ist Po­le und Deut­scher, Angst­ha­se und Held, sex­be­ses­sen und keusch, hin- und her­ge­ris­sen zwi­schen der be­rech­nen­den, star­ken Mut­ter und dem schwa­chen Va­ter. Er ist auch Kind sei­ner Zeit; die Kom­men­ta­re sind dra­stisch. Die Tsche­cho­slo­wa­kei war für ihn das mo­der­ne Zen­trum Eu­ro­pas, die Slo­wa­kei, die sie durch­fah­ren, ist nur noch ein bal­kanisches Loch. Er mag Autos…viel mehr als Men­schen. Ab­fäl­li­ges lässt er los, wenn er Ju­den (die er ger­ne Jüd­lein nennt) oder Zi­geu­ner sieht oder schlitz­äu­gi­ge Wil­de bei der Durch­fahrt. Rück­sich­ten nimmt Twar­doch hier nicht; sein Held ist durch­aus ei­ne ambi­valente Per­sön­lich­keit. Im­mer­hin wird ein­mal sanft der pol­ni­sche An­ti­se­mi­tis­mus an­ge­spro­chen.

Knir­schen

In die­ser Aus­nah­me­si­tua­ti­on des Krie­ges sieht sich Kon­stan­ty ge­zwun­gen, lau­fend Ent­schei­dun­gen für sein wei­te­res Le­ben zu tref­fen. Die in­ne­ren Kon­flik­te die­ser Su­che ver­sucht der Au­tor durch die be­reits be­schrie­be­nen Er­zähl­ebe­nen fast laut­ma­le­risch zu evo­zie­ren. Twar­doch will ei­nen Sound, ei­nen Er­zähl­sog er­zeu­gen, was zwar ge­lingt, aber oh­ne Nach­hal­tig­keit. Die ge­le­gent­li­chen Zu­schrei­bun­gen, dass es sich um ein ex­pressionistisches Buch han­delt, lau­fen in die Ir­re. »Mor­phin« si­mu­liert nur ei­nen Ex­pres­sio­nis­mus, weil Bil­der al­lei­ne kei­nen Ex­pres­sio­nis­mus er­zeu­gen. Dem Buch fehlt hier­für weit­ge­hend die Spra­che, die sich in den schier end­lo­sen Red­un­dan­zen ver­hed­dert statt In­ten­si­tät zu er­zeu­gen.

Manch­mal knirscht es auch im Plot­ge­bälk. So er­scheint der pol­ni­sche Wi­der­stand ein biss­chen als un­or­ga­ni­sier­ter Hau­fen von Möch­te­ger­nagen­ten, die noch nicht ein­mal Ei­nig­keit über den Deck­na­men Kon­stan­tys her­stel­len kön­nen – mal lau­tet er 56, mal 57. Ab und an wird ein biss­chen stark der Zu­fall be­müht. Bei­spiels­wei­se als die bei­den auf dem Weg nach Bu­da­pest von ei­ner an­de­ren pol­ni­schen Wi­der­stands­grup­pe ge­fan­gen ge­nom­men wer­den und ei­ner der An­füh­rer der­je­ni­ge ist, den Kon­stan­ty we­ni­ge Ta­ge vor­her mit dem Au­to in War­schau an­ge­fah­ren hat­te. Zu al­lem Über­fluss han­delt es sich auch noch um ei­nen Ritt­mei­ster, den er aus sei­nem Mi­li­tär­dienst kennt. Der ist nun wahn­sin­nig ge­wor­den, was Kon­stan­ty zwingt, ihn bei pas­sen­der Ge­le­gen­heit zu er­schie­ßen. Ei­nen Men­schen zu tö­ten ist wie ei­nen Ap­fel pflücken de­kre­tiert Kon­stan­ty. Selt­sam, wenn man an den bru­ta­len Mord an Frei­er Sa­lo­més denkt, der ihn in end­lo­sen Sua­den er­schüt­tert hat­te und plötz­lich dann ver­ges­sen sein soll?

Fast ein biss­chen merk­wür­dig kommt mir der Ti­tel »Mor­phin« vor. Zwar durch­zieht die Lust und auch die Last mit die­ser Dro­ge, die da­mals durch­aus gän­gig war, die­ses Le­ben nach dem Krieg und von Be­deu­tung ist das Mor­phi­um im Buch als Kenn­zei­chen für ei­ne be­son­de­re Ver­zweif­lung – aber eben nicht un­be­dingt mehr als der in gro­ßen Men­gen kon­su­mier­te Al­ko­hol, die an­de­ren Dro­gen wie Opi­um und die di­ver­sen se­xu­el­len Spiel­ar­ten mit sei­nen Frau­en. Das Buch be­ginnt ja mit dem Ein­ge­ständ­nis ei­ner 53tägigen Ab­sti­nenz, aber Mor­phi­um ist fast der er­ste Ge­dan­ke, der dann Be­sitz von der Fi­gur er­greift. Ein merk­wür­di­ger Wi­der­spruch. Die Mor­phi­um­räu­sche sind dann auch eher be­bil­dert statt er­zählt.

»Mor­phin« ist nicht Sz­c­ze­pan Twar­dochs Erst­ling. Mit die­sem Buch ge­lang ihm aber der Durch­bruch und da Zwei­ter Welt­krieg im­mer zieht, wur­de es auch flugs in Deut­sche über­setzt. Der Ver­lag sagt nichts da­zu, wel­che Bü­cher Twar­doch vor­her ge­schrie­ben hat­te. Statt­des­sen die ein­fäl­ti­ge Flos­kel von der »neu­en Stim­me« Po­lens. Es bleibt zu hof­fen, dass er da­mit nicht vor­ei­lig auf das Gen­re des Zwei­te-Welt­krieg-Hi­sto­ri­en­ro­m­an­schrei­bers fest­ge­na­gelt wird. Wie so häu­fig, dürf­te das näch­ste Buch zei­gen, was in ihm steckt. Wenn es denn in Deutsch­land ei­nen Über­set­zer und ei­nen Ver­lag fin­det.

Die kur­siv ge­setz­ten Zi­ta­te sind aus dem be­spro­che­nen Buch.

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4 Kommentare zu »Sz­c­ze­pan Twar­doch: Mor­phin«:

  1. en-passant sagt:

    Hm, da woll­te ich jetzt spon­tan das Buch be­stel­len, trotz al­ler (ein­leuch­tend von Ih­nen her­aus ge­ar­bei­te­ten) Schwä­chen (auch nur ein we­nig Gom­bro­wicz er­schie­ne es mir wert). Aber die Le­se­pro­be macht mich wie­der un­ent­schlos­sen, und jetzt weiß ich nicht …

    #1

  2. die_kalte_Sophie sagt:

    Wow, die neu­en Stim­men aus Po­len sind ja schon fast am En­de der 1. Hälf­te des 20. Jahr­hun­derts an­ge­kom­men.
    Jetzt aber auf­ge­passt, die ho­len mäch­tig auf.
    Bald wer­den wir den er­sten Wen­de-Ro­man in Hän­den hal­ten, und dann sind die Ent­täu­schun­gen im We­sten, die Jahr­tau­send-Wen­de und das Po­len von heu­te auch nicht mehr fern. Dann kommt der zwei­spra­chi­ge Ro­man, der selbst in Deutsch­land noch ein Ge­heim­tipp ist. Und dann der mul­ti-aukt­oria­le Ro­man, On­line und Echt­zeit. To­tal in­no­va­tiv!
    Mann, die haben’s echt raus...

    #2

  3. Tsiar sagt:

    Was Twar­dochs frü­he­re Bü­cher an­geht, min­dest ein von de­nen is auf »Mor­phins« Ni­veu, viel­leicht so­gar bes­ser. Es han­delt sich um den »Ewi­gen Tan­ne­berg«, ein ziem­lich ver­rück­tes Buch das in meh­re­ren al­ter­na­ti­ven Wirk­lich­kei­ten auf ein­mal statt­fin­det. Ich glau­be nicht das der Twar­doch jetzt stän­dig über den Zwei­ten Welt­krieg schrei­ben wird – man kann aber er­war­ten dass die Hel­den in sei­nen näch­sten Bü­chern so wie Wil­leman deut­scher Herr­kunft sein wer­den; das war schon der Fall in dem »Ewi­gen Tan­nen­berg« und meh­re­ren an­de­ren Ge­schich­ten. Der Grund ist ziem­lich ein­fach: Twar­doch ist ein Schle­si­er, er be­zeich­net so­gar sei­ne Na­zio­na­li­tät als »Schle­sisch« (an­statt Pol­nisch), und des­we­gen, so wie meist von uns (Sche­si­ern) ist er zwi­schen Po­len und Deutsch­land ze­ris­sen.

    (Schul­di­gung für Feh­ler, ich ha­be auf Deutsch seit lan­ger Zeit nicht ge­schrie­ben)

    #3

  4. Dan­ke @Tsiar für die­sen Kom­men­tar und die Er­läu­te­run­gen. Ich bin ge­spannt, ob der von Ih­nen ge­nann­te »Ewi­ge Tan­nen­berg« auch noch in deutsch er­schei­nen wird; Bü­cher mit meh­re­ren re­spek­ti­ve »kom­pli­zier­ten« Zeit­ebe­nen sind ja un­ter Um­stän­den sehr »an­stren­gend« und wer­den von Ver­la­gen als nicht pu­bli­kums­wirk­sam an­ge­se­hen. – Das mit der Na­tio­na­li­tät »Schle­sisch« hat­te ich auch ge­le­sen.

    #4