Thor­sten Car­sten­sen (Hg.): Die täg­li­che Schrift

»Nach Eu­ro­pa zu­rück­ge­kehrt, brauch­te ich die täg­li­che Schrift und las vie­les neu.« Den er­sten Satz aus Pe­ter Hand­kes Die Leh­re der Sain­te-Vic­toire hat Thor­sten Car­sten­sen als Grund­la­ge für den Ti­tel sei­nes Sam­mel­ban­des »Die täg­li­che Schrift« über »Pe­ter Hand­ke als Le­ser« ge­nom­men. Der Band er­schien im Herbst 2019 – ei­gent­lich ge­nau zur rich­ti­gen Zeit: Hand­ke hat­te ...

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Pe­ter Hand­ke: Das zwei­te Schwert

Und wie­der so ein »Aben­teu­er­buch« von Pe­ter Hand­ke. In den 1980er Jah­ren be­gan­nen sie, die Er­zäh­lun­gen vom Auf­bruch in ein neu­es Le­ben, das, was man En­t­­wick­­lungs- oder, ge­nau­er: Ver­wand­lungs­ro­ma­ne nen­nen könn­te. Prot­ago­ni­sten ver­lie­ßen wie ei­nem in­ne­ren Zwang ge­hor­chend ihr an­ge­stamm­tes Da­sein, be­reit für Neu­es. Die In­ten­tio­nen wa­ren nur zu er­ah­nen. Al­lei­ne als Ein-Mann- oder Ein-Frau-Ex­­pe­­di­tio­­nen ...

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Pe­ter Hand­ke und der No­bel­preis

Nur ein Link für Le­ser: Mein Text für die öster­rei­chi­sche Wo­chen­zei­tung »DIE FURCHE«: »Kein Be­woh­ner des El­fen­bein­tums« Gro­ßer Dank an Bri­git­te Schwens-Har­rant, die die­sen um­fäng­li­chen Text mög­lich ge­macht hat. Das ist heut­zu­ta­ge sel­ten. .-.-.-.- Ei­ne groß­ar­ti­ge Po­le­mik über die wohl­fei­len bis ag­gres­si­ven Han­d­ke-Kri­ti­ker fin­det sich bei Ber­sa­rin: Pe­ter Hand­ke und die kar­gen Le­mu­ren. Auf Spie­­gel-On­­li­ne ...

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Freund­li­che Waf­fen

Schon in Pe­ter Hand­kes No­tiz­bü­cher der 1970er Jah­re fin­den sich ver­ein­zelt Zeich­nun­gen des Schrift­stel­lers, wie man auf der Sei­te Hand­ke­on­line bei­spiel­haft se­hen kann. Fast le­gen­där sei­ne Skizze(n) des ge­ra­de ver­stor­be­nen Freun­des Ni­co­las Born. Nur sel­ten fin­det man Hand­kes Zeich­nun­gen in sei­nen Bü­chern, wie in »Ab­schied des Träu­mers vom Neun­ten Land« oder dem hei­te­ren Mär­chen »Lu­cie ...

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»...mal wie­der Hand­ke zu­erst«

Jörg Dö­ring sieht in Pe­ter Hand­kes Prin­ce­­ton-Re­­de 1966 das En­de der Nach­kriegs­li­te­ra­tur Der Eklat ist nun schon fast 53 Jah­re her und es scheint al­les dar­über ge­sagt. Aber Jörg Dö­ring, Pro­fes­sor für Neue­re deut­sche Phi­lo­lo­gie, Me­­di­en- und Kul­tur­wis­sen­schaft an der Uni­ver­si­tät in Sie­gen, hat sich den­noch neu mit dem Vor­fall von Prin­ce­ton aus dem Jahr ...

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Der Kuss auf dem Fen­ster­glas – Pe­ter Hand­ke

Der Jun­ge heißt Klei­ner Jun­ge; er steht vor ei­nem ho­hen Fen­ster mit Dop­pel­flü­geln am Gang des In­ter­nats; mit dem Fin­ger zeich­net er auf dem an­ge­lau­fe­nen Fen­ster­glas; er hat ei­nen Berg ge­zeich­net; am Gip­fel des Hü­gels ist ein Schlit­ten; der Ab­hang ist lang und flach, und am En­de be­fin­det sich ein Haus; rechts vom Haus ist ei­ne ho­he Tan­ne; dort, wo die Hand des Jun­gen den höch­sten Punkt er­rei­chen konn­te, sind zwei klei­ne Hü­gel ge­zeich­net: auf dem ei­nen ist ei­ne klei­ne Kir­che, auf dem an­de­ren drei Kreu­ze; der Jun­ge flü­stert: »Grif­fen, Grif­fen, Grif­fen«; er zeich­net ei­nen Hund ne­ben dem Haus da­zu; lei­se sagt er: »Grif­fen, Kärn­ten, Öster­reich, Eu­ro­pa, Welt...«; er macht ei­nen Schritt nach links, dann zieht er den rech­ten Fuß nach, und tut es noch ein­mal; nun steht er vor dem an­de­ren an­ge­lau­fe­nen Fen­ster­glas; lang­sam zeich­net er zwei Au­gen, die grö­ßer sind als sei­ne; durch die Au­gen sieht er den gro­ßen ver­schnei­ten Hof; er zeich­net die rech­te, dann die lin­ke Au­gen­braue; er dreht sich auf die ei­ne, dann auf die an­de­re Sei­te: am kal­ten Gang ist nie­mand; er nä­hert sein Ge­sicht dem Glas und küsst es zärt­lich, et­was tie­fer als die Au­gen, die ihn an­schau­en, oh­ne mit der Wim­per zu zucken; er flü­stert auf Slo­we­nisch: »Ma­ma, naj ti pol­jub na­riše ust­nice.” Der klei­ne Jun­ge ist acht­zehn Jah­re alt, als er er­fährt, dass sein Va­ter nicht sein Va­ter ist, son­dern sein Stief­va­ter.

Klei­ner Jun­ge fügt sei­nem Na­men noch ei­nen wei­te­ren hin­zu – Jun­ger Mann; er stu­diert in Graz; er ver­kehrt in ei­nem Kaf­fee­haus, wo er Bier trinkt, liest, sich No­ti­zen in ein ge­wöhn­li­ches Heft macht und Mu­sik aus der Juke­box hört; auf dem Tisch liegt ne­ben dem Glas häu­fig die Zeit­schrift für Li­te­ra­tur Ma­nu­skrip­te; er wirft ei­ne Mün­ze ein, drückt den Knopf und kehrt zu sei­nem Tisch zu­rück: zu hö­ren ist Cree­dence – Have You Ever Seen the Rain; ir­gend­wel­che lang­haa­ri­gen jun­gen Män­ner füt­tern die Juke­box eben­falls mit ih­ren Mün­zen und wie­der ist die glei­che Mu­sik bis tief in die Nacht zu hö­ren: Bad Moon Ri­sing, down on the cor­ner, I put a Spell on You...; die jun­gen Män­ner sind Gast­ar­bei­ter aus Ju­go­sla­wi­en; Klei­ner Jun­ge Jun­ger Mann und ei­ner von den jun­gen Män­nern aus Ser­bi­en freun­den sich an; man trinkt, raucht und un­ter­hält sich mitein­ander; ab und zu, in den Pau­sen zwi­schen zwei Lie­dern von den Rol­ling Stones, singt ein Bos­ni­er De­vo­j­ka so­ko­lu zu­lum uči­ni­la, aber er bricht ab, so­bald die Beat­les zu Lu­cy in the Sky wi­th Dia­monds an­set­zen; je­mand hat fälsch­li­cher­wei­se den Knopf mit der Num­mer des Lie­des ge­drückt: ein öster­rei­chi­scher Schla­ger wird ge­spielt; die Kell­ne­rin denkt: ‘Gott sei Dank, et­was von uns’; die lang­haa­ri­gen Gä­ste pro­te­stie­ren; der jun­ge Mann dreht sich zum Saal um, mit ei­nem schul­di­gen Ge­sichts­aus­druck: »Je­bi­ga, ich hab ei­nen Feh­ler ge­macht. Hey, Bos­ni­er, spiel du dein Lied ab, so­lan­ge das hier läuft«; De­vo­j­ka so­ko­lu zu­lum uči­ni­la über­tönt den Lie­bes­schla­ger; Der Klei­ne Jun­ge Jun­ger Mann be­ginnt den Aus­druck zu ver­wen­den: je­bi­ga.

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No­tiz- statt Ta­ge­bü­cher

Vor ei­ni­gen Jah­ren ent­deck­te ich in mir ei­ne Sym­pa­thie, die Ta­ge­bü­cher von Tho­mas Mann zu le­sen. Frei­lich war ich ge­warnt ob der aus­gie­bi­gen Be­schrei­bun­gen zum Teil in­tim­ster De­tails, aber die so viel­fach ge­lob­te Edi­tie­rung ließ mich hof­fen, nicht nur in Idio­syn­kra­si­en und Hy­po­chon­dri­en des Au­tors zu ver­sin­ken. So be­such­te ich re­gel­mä­ssig die Bü­cher­märk­te in Düs­sel­dorf und tat­säch­lich fand ich ei­nes Ta­ges die Ta­ge­bü­cher in ei­ner Ta­schen­buch­aus­ga­be. Der Preis war sehr gün­stig (ir­gend et­was mit 60 Eu­ro), der Zu­stand der di­ver­sen Bän­de zu­frie­den­stel­lend bis gut. Das Vo­lu­men al­ler­dings – ab­schreckend (vom Ge­wicht nicht zu re­den, aber das war lös­bar). Was al­so tun? Der Nei­gung nach­ge­ben und prak­tisch ein Jahr nur mit Tho­mas Mann ver­brin­gen – von dem ich noch nicht ein­mal al­les ge­le­sen hat­te? Oder der manch­mal ret­ten­de »Mut zur Lücke«?

Ich be­schloss ei­ne Art Auf­nah­me­prü­fung vor­zu­neh­men. Ich schlug wahl­los in den Bän­den Stel­len auf und woll­te le­sen, was Mann dort ge­schrie­ben hat­te und wie dies auf mich wirk­te. Um mich nicht all­zu lan­ge dem skep­ti­schen Blick des An­ti­quars aus­zu­set­zen re­gle­men­tier­te ich mei­ne will­kür­li­che Aus­wahl auf sechs Stel­len. Al­so be­gann ich. Die er­ste Stel­le be­han­del­te aus­gie­big Manns schlech­ten Schlaf nebst Früh­stück und der Kon­si­stenz des Eis. Okay. Ein an­de­rer Band: Mann be­rich­te­te von sei­nem Stuhl­gang bzw. ei­nem (ge­glück­ten) Ein­lauf. Wei­ter zu ei­ner an­de­ren Stel­le: Aber­mals die Be­schrei­bung ei­ner Krank­heit (wel­che es war, ha­be ich ver­ges­sen). Das reich­te. Das (Vor-)Urteil hat­te sich be­stä­tigt: Ent­ge­gen der Be­teue­run­gen von Mann-Adep­ten wie Fritz J. Rad­datz: Für mich war das nichts. Der­ar­ti­ge In­ti­mi­tä­ten ei­nes Dich­ters in­ter­es­sie­ren mich nicht. Schan­de über mich. Aber die Bü­cher blie­ben dort, wo sie wa­ren.

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Die Be­le­bung der Re­li­qui­en

(An­läss­lich der Aus­stel­lung der Zeich­nun­gen von Pe­ter Hand­ke in der Ga­le­rie Frie­se in Ber­lin)1

        Vor 35 Jah­ren ha­be ich im Nach­wort für mei­ne Über­set­zung des Bu­ches Wunsch­lo­ses Un­glück den Schrift­stel­ler Pe­ter Hand­ke als ei­nen »to­ta­len Au­tor« be­schrie­ben, der sich in vie­len Kunst­ar­ten er­probt hat – in der Li­te­ra­tur, im Thea­ter, in der Ki­ne­ma­to­gra­phie; da­mals war nicht be­kannt, dass Pe­ter Hand­ke auch zeich­net. Die ge­gen­wär­ti­ge Ausstel­lung der Zeich­nun­gen des Schrift­stel­lers Pe­ter Hand­ke in der Ga­le­rie Frie­se in Ber­lin bringt das zu­ta­ge. Die Aus­stel­lung sei »fun­da­men­tal«, war die Ein­schät­zung vie­ler Me­di­en im deutsch­spra­chi­gen Raum. Gleich, wenn man die un­ge­wöhn­li­chen Bil­der des Künst­lers an­schaut, der als episch-ly­ri­scher Er­zäh­ler, Dra­ma­ti­ker und Fil­me­ma­cher be­kannt ist, hat man ein über­wäl­ti­gen­des äs­the­ti­sches Er­leb­nis. In der Aus­ein­an­der­set­zung mit die­sen mi­nia­tur­haf­ten Zeich­nun­gen, die auf ein­fa­che Pa­pier­blät­ter des For­mats DIN A4 aufge­klebt und dann mit Steck­na­deln auf die wei­ßen Wän­den ge­steckt wur­den, be­we­gen uns die pla­stisch­sten Wahr­neh­mun­gen, er­schüt­ternd­sten Ge­füh­le und un­ter­schied­lich­sten Ge­dan­ken. Ich er­in­ner­te mich an ein Ge­spräch mit Pe­ter 1984, als ich mit ihm über das Ki­no spre­chen woll­te; er wich dem im­mer wie­der aus, ob­wohl er da­mals ei­ni­ge wich­ti­ge Fil­me ge­dreht hat­te; es war auch be­kannt, dass Pe­ter Hand­ke Wim Wen­ders ent­deckt und da­bei un­ter­stützt hat­te, zum Fil­me­ma­cher zu wer­den; (sie hat­ten ih­ren er­sten Film ge­mein­sam ge­dreht – »3 ame­ri­ka­ni­sche LPs«). Das Ge­spräch über Kinema­tographie ver­mei­dend, lenk­te Pe­ter die gan­ze Zeit mei­ne Auf­merk­sam­keit auf die Ma­le­rei – ins­be­son­de­re auf Paul Cé­zan­ne, der da­mals für Hand­kes Li­te­ra­tur sehr wich­tig war. Gleich nach dem Ge­spräch be­gann ich auch mei­ne Über­set­zung des Buchs Die Leh­re der Sain­te- Vic­toire. Lan­ge ha­be ich nicht ver­stan­den, war­um es zu die­sem »Ma­le­rei con­tra Film« kam.

Peter Handke: Regen am Zugfenster Friaul - © Klaus Gerrit Friese
Pe­ter Hand­ke: Re­gen am Zug­fen­ster Fri­aul – © Klaus Ger­rit Frie­se

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  1. bis 2. September 2017 ↩