Aléa Torik: Das Geräusch des WerdensDas Dorf heißt Mărginime. Der Buchstabe »ă« suggeriert, dass es sich um einen Ort in Rumänien handeln könnte (tatsächlich existiert dort eine Art Region, die den gleichen Namen trägt). Alle Wege führen in dem Roman »Das Geräusch des Werdens« zu diesem Mărginime und auch wieder von ihm weg (zumeist dann nach Berlin). Marijan kommt zum Beispiel aus Mărginime und lebt nun in Berlin zusammen mit Leonie, der Tochter von Liv, einer Zahnärztin, und Valentin, der vor vielen Jahren ebenfalls aus Mărginime kommend in Berlin ausstieg obwohl er eigentlich nach Paris wollte.
Allerlei Geheimnisvolles
Zunächst erinnert die von der alten Lehrerin erzählte Gründungslegende der Ortschaft ein bisschen an das berühmte Macondo. Es wird allerlei magisch-skurriles erzählt; der Tischler – der Außenseiter in der Dorfgemeinschaft (warum eigentlich? nur weil er schielte und/oder sein Haus etwas außerhalb stand?) – schnitzte sich seinen Sohn und plötzlich waren es Zwillinge. Andere Gerüchte spekulieren um eine gewisse Promiskuität der Frau. Die Söhne bekommen den gleichen Namen – nehmen aber dann doch überraschend vollkommen andere Entwicklungen. Einer bricht in die Stadt auf (welche auch immer gemeint sei), erscheint nur noch sporadisch im Dorf und wirkt wie eine Mischung aus Mafiosi und Hexenmeister.
Hinrich von Haaren: Brandhagen»Panorama einer kleinen Gesellschaft« untertitelt Hinrich von Haaren sein Buch »Brandhagen«. Am Ende, nach 300 Seiten, kommt er darauf zurück und zieht fast eine Bilanz seines Romans, den ich lieber »Erzählung« nennen möchte: Und nach und nach entstand so in mir ein Bild, das meine Gedanken vervielfältigte, ein Panorama, über das Krankenzimmer, über Erdmutes Kammer, die Kleine Straße, Hohengraben, über Brandhagen hinaus, ein Panorama, in dem ich lebendig war, immer lebendig gewesen war, von dem ich aber auch mit unfehlbarer Sicherheit wusste, dass ich darin wohl schon bald jene zersetzenden Zweifel, jene Verwüstung und Flucht entdecken würde, die wir nur für den katzenhaften Moment der Kindheit und auch dann nur mit fremden, porösen Worten verborgen halten können.
Um es gleich vorweg zu nehmen: »Brandhagen« ist ein im besten Sinne bemerkenswertes Buch. Erzählt werden 12, 13 Jahre einer Kindheit Ende der 1960er/Anfang der 1970er Jahre. Die ersten Erinnerungen des Ich-Erzählers setzen vielleicht mit drei oder vier Jahren ein; am Ende ist er 15 oder 16. Alles spielt sich in dem norddeutschen (fiktiven) Dorf Brandhagen ab.
Anna Katharina Hahn: Am Schwarzen BergIn Hermann Lenz’ Roman »Seltsamer Abschied« sinniert das Alter ego des Schriftstellers über die Intention seines von fast allen als »unzeitgemäß« betrachteten Schreibens und dem »geistesabwesenden« Autor nach. Es gilt »etwas hervorzuholen, was längst versunken war«, so Eugen Rapp dann in trotzig-programmatischem Ton. Und das macht er dann auch immer weiter; stoisch fast und unabhängig vom Zeitgeist und Erfolg – bis dann endlich doch noch der Durchbruch gelingt und sich die (literarische) Öffentlichkeit für ihn interessiert, weil ein jüngerer Kollege, dessen Wort einiges gilt, ihn empfahl. Hermann Lenz veränderte sein Schreiben auch im aufkommenden Ruhm nicht; er blieb der Chronist des Versunkenen und betrieb im äußersten Fall die Beschwörung einer Welt, die so nie existierte, aber hätte existieren können.
Als die Geschichte beginnt, ist August Engelhardt auf einem Schiff die dünnen Beine übereinanderschlagend und einige imaginäre Krümel mit dem Handrücken von seinem Gewand wischend grimmig über die Reling auf das ölige, glatte Meer schauend. Man ist am Anfang des 20. Jahrhunderts und der Ort, der angepeilt wird, heißt Herbertshöhe. Deutschland hat Kolonien.
August Engelhardt hat es tatsächlich gegeben. Einigen gilt er als »erster Aussteiger«. Die Einschätzungen differier(t)en zwischen Visionär und Spinner; Tendenz zum letzteren. Engelhardt war nach »Deutsch-Neuguinea« aufgebrochen, erstand dort eine Kokosnussplantage (mit diebischem Vergnügen wird erzählt, wie er bereits beim Kauf übers Ohr gehauen wird), gründete einen »Sonnenorden« und pflegte seinen »Kokovorismus«, d. h. eine Art Kult um die ausschließliche Ernährung durch die Kokosnuss. Er tat dies meist splitternackt, wobei die Inselbewohner diese Zivilisationslosigkeit des Migranten zwar schockierte, von ihnen aber großzügig toleriert wurde. Leider hatte Engelhardt überhaupt kein merkantiles Talent (was forsch als Kapitalismuskritik umgearbeitet werden konnte), plagte sich zusehends mit leprösen Schwären, wurde am Ende wahnsinnig und starb dann kurz nach dem Ersten Weltkrieg. So weit, so gut. Aber es geht – wie fast immer – nicht nur um Fakten, es geht um Literatur. So dichtet Kracht seinem Roman-Personal einiges an, verquirlt es mit tatsächlich Geschehenem und etlichen Anekdötchen und das in einer manieriert-barocken Sprache, einer Mischung aus Elfriede-Jelinek-Duktus und »Prospero’s Books« von Peter Greenaway mit einer Prise Robinson-Crusoe-Abenteurertum (man beachte die Personalie Makeli, Engelhardts »Freitag«, der am Schluss dann Faust II und Ibsens »Gespenster« in deutscher Sprache vorgetragen zu würdigen weiß). Abgerundet wird dies mit einem schönen Umschlag im Tim-und-Struppi-Look (und irgendwie an Michael Ondaatjes neuem Buch erinnernd).
Wasil Mikalajewitsch (auch Wasja genannt) ist Jahrgang 1974. Seine Familie (mit ungarischen Wurzeln; Parallelen zu Kovács aus »ego shooter« und dem Autor selber) hatte es in den Wirren des 20. Jahrhunderts in die Nähe von Hrodna, in den Westen Rußlands, der aber doch eigentlich der Osten ist, verschlagen. Bestimmende Persönlichkeit in der Familie ist Großvater ...
Wollust des Untergangs – 100 Jahre Thomas Manns »Der Tod in Venedig«
1912, vor einhundert Jahren, erschien Thomas Manns Novelle »Tod in Venedig«. Anlass für eine Sonderausstellung des Heinrich-und-Thomas-Mann-Zentrums (bis 28.5. im Buddenbrookhaus in Lübeck; ab Herbst dann in München) mit dem etwas knalligen Titel »Wollust des Untergangs«. Wer die Ausstellung nicht besuchen kann, sollte sich den opulenten, gleichnamigen Band des Wallstein-Verlags zulegen, der nicht nur als Katalog zur Ausstellung fungiert sondern auch wie ein solcher duftet. Neben sechs Aufsätzen, die, wie die Initiatoren Kerstin Klein und Holger Pils hervorheben, »eigens für diesen Band verfasst« wurden, gibt es vier Essays von Schriftstellerkollegen (Wolfgang Koeppen, Mario Vargas Llosa, Daniel Kehlmann und Herbert Rosendorfer), wovon nur Rosendorfers kurzer Beitrag neu ist. Danach werden auf über 60 Seiten (»Galerie«) in prächtiger Qualität diverse Zeichnungen, Aquarelle, Collagen und Bilder von 21 Künstlern gezeigt in denen der Autor, Venedig und Szenen aus der Novelle thematisiert werden.
Die großen Stärken dieser Biographie liegen im intensiven und dichten Erzählen der Wirrnisse, die in diesem Leben angelegt sind und denen Döblin schutzlos ausgeliefert war. Hier wird der Leser gepackt und ergriffen. Es ist daher umso bedauerlicher und einigermaßen rätselhaft, wie fahrlässig die Chance verspielt wurde, eine unter den heutigen Umständen möglichst wahrhaftige Rekonstruktion von ...
Am 6. oder 7. Dezember 1801 bricht der Hauslehrer und Schriftsteller Johann Friedrich Christian Hölderlin von Nürtingen nach Bordeaux auf. Es war eine Reise ins Ungewisse, von Herzens- und die Nahrungsnot getrieben. In Bordeaux sollte er eine Stelle im Hause des Weinhändlers und Hamburgischen Konsuls Daniel Christoph Meyer antreten und die Kindererziehung übernehmen. Etwas mehr als zweihundert Jahre später bricht der Germanist und Kulturwissenschaftler Thomas Knubben ebenfalls von Nürtingen nach Bordeaux auf. Gründe nennt Knubben nicht, außer, dass er seit einem Vierteljahrhundert diese Reise im Sinn hat. Soll es eine Annäherung werden? Immerhin: Knubben setzt – wie er selber ausführt – eine lange Winterreisetradition fort: man denke an Seume, Heinrich Heine, Goethe, Büchners Lenz, Franz Schubert und – in jüngster Zeit – Werner Herzog (»Vom Gehen im Eis« wird einmal sogar fast ehrfürchtig erwähnt). Und wie ist das, jemandem trotz der zeitlichen Distanz so dicht »auf den Fersen« zu sein?