László Vé­gel: Be­kennt­nis­se ei­nes Zu­häl­ters

László Végel: Bekenntnisse eines Zuhälters

László Vé­gel:
Be­kennt­nis­se ei­nes Zu­häl­ters

Blue ist ein Stu­dent, der nicht fer­tig wird, Vor­le­sun­gen schwänzt und sei­nen Pro­fes­sor Sík mit ei­ner Mi­schung aus Re­spekt (als Wis­sen­der und Hu­ma­nist) und Ver­ach­tung (als Re­prä­sen­tant ei­nes Sy­stems) be­trach­tet. Er nimmt ei­nen »Job« bei ei­nem »In­ge­nieur« an. Die­ser ga­belt un­ter der Jeu­nesse do­rée der Stadt jun­ge Mäd­chen und Frau­en auf und ver­führt sie in sei­ner Woh­nung. Blue fo­to­gra­fiert die bei­den bei den se­xu­el­len Hand­lun­gen, um dann die Frau­en mit den Bil­dern zu kon­fron­tie­ren und da­hin­ge­hend zu be­ein­flus­sen, es wei­ter mit dem In­ge­nieur zu trei­ben. Aber die ver­meint­li­che Er­pres­sung ist ei­gent­lich un­nö­tig; die an­ge­spro­che­nen Frau­en wür­den sich auch wei­ter frei­wil­lig mit dem In­ge­nieur ab­ge­ben, um ih­rem schnö­den All­tag zu ent­flie­hen. Schließ­lich ver­guckt sich Blue in die jun­ge Gym­na­si­astin Bea. Der In­ge­nieur ist ent­zückt und »über­lässt« ihm das Mäd­chen.

Ei­ne selt­sa­me Kon­stel­la­ti­on rund um die Prot­ago­ni­sten die­ses Ro­mans, die mit ih­ren ban­den­ähn­li­chen Na­men wie Blue, Pud, Hem, N. G., Ma­ja, Tan­ja (die um­schwärm­te, un­er­reich­ba­re), Tor­na­dosz, Jas­mi­na, Mer­kur­osz, Csicsi oder Saša so­fort ein Ein­tau­chen in die Sze­ne sug­ge­rie­ren. Sie sind ge­schei­ter­te Stu­den­ten, Noch-Stu­den­ten, Gym­na­si­asten oder wer­den­de Schrift­stel­ler – ei­ne Ju­gend, die nichts mit sich an­zu­fan­gen weiß und de­ren größt­mög­li­che Ka­ta­stro­phe die Lan­ge­wei­le ist. Das wirkt manch­mal be­klem­mend zeit­ge­mäss, aber an klei­nen In­di­zi­en (der Tod Ken­ne­dys auf ei­ner Zei­tung, die als Toi­let­ten­pa­pier Ver­wen­dung fin­det oder Syl­vie Var­t­an und Ma­ha­lia Jack­son als kul­tisch ver­ehr­te Sän­ge­rin­nen) merkt der Le­ser, dass es sich um ei­ne weit zu­rück­lie­gen­de Zeit han­deln muss. Der Ort er­schließt sich zu­nächst durch be­stimm­te geo­gra­phi­sche Schau­plät­ze und dann wird der Na­me der Stadt ge­nannt: Új­vi­dék. Das ist der un­ga­ri­sche Na­me für No­vi Sad, der Haupt­stadt der au­to­no­men Voj­vo­di­na in Ser­bi­en – al­so in Ju­go­sla­wi­en.

László Vé­gels Erst­ling von 1967 (der Au­tor war da­mals 26 Jah­re alt) ist nun erst­mals un­ter dem Ti­tel »Be­kennt­nis­se ei­nes Zu­häl­ters« in deut­scher Spra­che er­schie­nen. Rät­sel­haft, zu­mal Blue, der Ich-Er­zäh­ler, gar kein Zu­häl­ter im klas­si­schen Ver­ständ­nis ist (doch da­zu spä­ter mehr). Ken­ner ver­si­chern, Vé­gels Buch sei zum »Kult­ro­man« vor al­lem im Un­garn En­de der 60er/Anfang der 70er Jah­re ge­wor­den, weil es zu­tref­fend und mar­kant die Apa­thie und Per­spek­tiv­lo­sig­keit ei­ner Ju­gend im So­zia­lis­mus zeig­te. Tat­säch­lich ge­hört die Cli­que um Blue der un­ga­ri­schen Min­der­heit in No­vi Sad an. Ein Um­stand, der im Buch nie­mals di­rekt the­ma­ti­siert wird und doch ir­gend­wie mit­zu­schwin­gen scheint, et­wa, wenn ne­bu­lös vom Krieg in der Stadt die Re­de ist.

Fast ein biss­chen ge­gen sei­nen Wil­len wird der Le­ser im­mer mehr in die­sen be­klem­mend sta­ti­schen und her­me­ti­schen Kos­mos, der zwi­schen Re­si­gna­ti­on und Auf­leh­nung schwankt, hin­ein­ge­zo­gen. An­ders als bei den 68ern im We­sten wird hier durch Ver­wei­ge­rung und ei­ner Mi­schung aus kru­dem So­zi­al­dar­wi­nis­mus (Im Le­ben zahlt man nur drauf, wenn man die an­de­ren nicht tritt), Le­bens­un­lust (Wenn wir die Au­gen auf­ma­chen, wird klar, dass es schon Kraft ko­stet, Ekel zu emp­fin­den und trotz­dem al­les aus­zu­hal­ten) und Selbst­haß (…wir sind al­le wert­los) ge­gen ei­ne be­stehen­de Do­mi­nanz re­bel­liert.

Die zu­meist aus gut si­tu­ier­ten El­tern­häu­sern kom­men­den Ju­gend­li­chen be­mer­ken, wie ih­nen Frei­hei­ten durch die An­pas­sung ge­nom­men wer­den sol­len. Wir wer­den be­lo­gen heißt es da und al­les ist ver­ge­bens. Sie wol­len kei­ne Schoß­hünd­chen wer­den und ge­ben sich statt­des­sen dem Nichts­tun hin, was al­les an­de­re als süß ist, eher schal. Auch das Stu­di­um bie­tet kei­ne Per­spek­ti­ve. Der uni­ver­si­tä­re Be­trieb ist kor­rupt; die The­ma­ta der zu ver­rich­ten­den Re­fe­ra­te sind längst be­kannt und die Vor­lie­ben der Pro­fes­so­ren auch. Pla­gia­te, die ei­ni­ger­ma­ßen um­ge­schrie­ben wer­den, an der Ta­ges­ord­nung. Re­si­gna­ti­on über­all.

Wich­tig ist ei­gent­lich nur wer mit wem und wann, in wel­chem Lo­kal ei­ne Par­ty läuft und in wel­chem Re­stau­rant ge­ges­sen wird. Har­te Dro­gen gibt es nicht; nur Al­ko­hol. Es gibt Sex, aber die in­ti­men Mo­men­te der Lie­be blei­ben uto­pisch. Blues An­him­meln von Frau­en ist fast keusch; die un­er­füll­te Sehn­sucht zu kul­ti­vie­ren ist ero­ti­scher als der pro­fa­ne Akt. So schein­bar ver­füg­bar sich Frau­en hin­ge­ben, um­so un­er­reich­ba­rer ih­re See­le. Ge­ra­de in der Er­zäh­lung die­ser Mo­men­te, die von der Be­schrei­bung der stän­dig von Lan­ge­wei­le be­droh­ten Sze­nen zu­wei­len do­mi­niert wird, zeigt sich Vé­gels Ken­ner­schaft. Im üb­ri­gen ist man um die gro­ße Dis­kre­ti­on des Au­tors dank­bar, der auf jeg­li­che Ob­szö­ni­tä­ten ver­zich­tet.

Mit der Zeit neh­men die Span­nun­gen un­ter den Ju­gend­li­chen zu. Ei­ni­ge ver­su­chen, An­schluss an das Sy­stem zu be­kom­men; an­de­re ver­har­ren in ih­rer Apa­thie. Ei­ner der Ju­gend­li­chen na­mens Mer­kur­osz sieht sich als Schrift­stel­ler, der die In­ter­ak­tio­nen um Mäd­chen, Re­stau­rant­be­su­che, Cli­quen­bil­dung und Klein­kri­mi­na­li­tät auf­schrei­ben, mit sei­nen psy­cho­lo­gi­schen Deu­tun­gen ver­se­hen und als Buch ver­öf­fent­li­chen will. Viel­leicht lässt sich hier­aus die ver­meint­lich(?) »rich­ti­ge« Über­set­zung des Ti­tels – »Die gro­ßen Er­in­ne­rungs­schrif­ten« – ab­lei­ten? (Dank an Mar­tin von Arndt.) Zwei­fel­los dürf­te Mer­kur­osz au­to­bio­gra­fi­sche Zü­ge des jun­gen László Vé­gel be­sit­zen.

Schließ­lich ver­lässt der po­ten­ti­el­le Schrift­stel­ler mit Csicsi die Stadt, zu­mal er­ste Vor­ver­öf­fent­li­chun­gen, die in­ner­halb der Cli­que kur­sie­ren, nicht be­son­ders schmei­chel­haft für die cha­rak­te­ri­sier­ten sind und auf ent­spre­chen­de Ab­leh­nung sto­ßen. Das Exil ist nicht sehr weit ent­fernt und man bleibt brief­lich in Kon­takt. Csicsi lacht sich ei­nen neu­en Lieb­ha­ber an, kommt aber ir­gend­wann wie­der zu­rück. Kurz dar­auf auch Mer­kur­osz. Er ist mehr oder we­ni­ger mit sei­nem Vor­ha­ben ge­schei­tert. Er und Hem, der aus Lan­ge­wei­le Lu­xus­au­tos knackt und mit ih­nen so­lan­ge her­um­fährt, bis der Tank leer ist, ver­un­glücken bei ei­ner selbst­mord­ähn­li­chen Fahrt. Mer­kur­osz ist so­fort tot und Blue und Tor­na­dosz ren­nen zur Un­fall­stel­le, um dem ster­ben­den Hem die letz­te Re­ve­renz zu er­wei­sen. Heu­te weiß ich, dass je­ne Mi­nu­ten die wich­tig­sten in mei­nem Le­ben ge­wor­den sind sagt Blue rück­blickend. End­lich stellt sich ei­ne Kraft in ihm ein, ei­ne vor­her nie für mög­lich ge­hal­te­ne Frei­heit: Ich war zu al­lem ent­schlos­sen, fühl­te mich wie je­mand, über den nichts und nie­mand Macht hat­te und der nur sei­nem in­ne­ren Be­fehl und dem ei­ge­nen Wil­len fol­gen und ge­nau das tun wür­de, was er tun muss.

Der Tod der bei­den Freun­de wird zur In­iti­al­zün­dung für Blue. Er und Csicsi wer­den es ver­su­chen – Aus­gang un­ge­wiss. Die drei Af­fen, die Blue am An­fang als Mas­kott­chen be­kommt (und de­ren Nichts­se­hen, Nichts­hö­ren und Nicht­schau­en auf dem Co­ver nach­ge­bil­det wird), ha­ben ih­re Ma­gie ver­lo­ren. Ganz am En­de drif­tet das Buch dann ein we­nig zu sehr in Rich­tung pa­the­tisch-thea­tra­li­scher We­stern­film ab, et­wa wenn es heißt: Wenn es uns ir­gend­wo nicht mehr ge­fällt, zie­hen wir wei­ter.

Die hier be­schrie­be­ne Ge­nera­ti­on wur­de 25 Jah­re spä­ter in ei­nen blu­ti­gen und erbarm­ungslosen Bür­ger­krieg ver­wickelt. Von al­len se­pa­ra­ti­sti­schen Grup­pen Ju­go­sla­wi­ens war die der Voj­vo­di­na die am we­nig­sten be­merk­ba­re. Man ist ge­neigt, dies nach der Lek­tü­re die­ses me­lan­cho­li­schen Bu­ches zu ver­ste­hen.


Die kur­siv ge­setz­ten Pas­sa­gen sind Zi­ta­te aus dem be­spro­che­nen Buch.
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4 Kommentare zu »László Vé­gel: Be­kennt­nis­se ei­nes Zu­häl­ters«:

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  2. ronjaRT sagt:

    wer­ter gre­gor, sie ha­ben sich wohl im so­zi­al­kun­de und geo­gra­phie-un­ter­richt, ähn­lich der von ih­nen hier be­schrie­be­nen prot­ago­ni­sten, ge­lang­weilt. da­bei ha­ben sie lei­der ver­passt, dass be­woh­ner der voj­vo­di­na oder auch un­garn aus un­garn je­der­zeit die per­spek­tiv­lo­sik­eit ih­rer so­zia­li­sti­schen hei­mat ver­las­sen konn­ten. mit pass und vi­sa, oh­ne selbst­schuss­an­la­gen etc.. nicht we­ni­ge aus der ge­nann­ten ge­nera­ti­on lan­de­ten als gast­ar­bei­ter im ruhr­pott oder sonst­wo, al­so er­neut per­spek­tiv­lo­sik­eit nur dies­mal oh­ne ti­to... ih­re ver­quickung von so­zia­lis­mus, so­zi­al­dar­wi­nis­mus und dem was sie da nichts ah­nend als »bür­ger­krieg« be­zeich­nen ist ge­lin­de ge­sagt pseu­do­in­t­e­lek­tu­el­ler dünn­schiss! an­son­sten, ei­ne sehr le­sens­wer­te re­zen­si­on ei­nes noch le­sens­wer­te­ren bu­ches.

    #1

  3. @ronjaRT
    Ich darf Ih­nen ver­ra­ten, dass ich kei­ner­lei Er­in­ne­rung an mei­nen So­zi­al­kun­de­un­ter­richt ha­be. Der Geo­gra­phie­un­ter­richt ging nicht so­weit, die ein­zel­nen ju­go­sla­wi­schen Eth­ni­en auf­zu­drö­seln. Auch hier blieb al­so der Ap­pell an die Ver­gan­gen­heit frucht­los.

    Die Gast­ar­bei­ter­pro­ble­ma­tik kommt in dem Buch gar nicht vor.

    In­ter­es­sant ist der Vor­wurf der »ver­quickung von so­zia­lis­mus, so­zi­al­dar­wi­nis­mus und...‘bürgerkrieg’ «, in dem sie mir »pseudointeltuelle[n]« (sic!) »dünn­schiss« un­ter­stel­len. Zu­nächst ein­mal ha­be ich nichts an­de­res als ei­ne The­se auf­ge­stellt. Die mag falsch oder rich­tig sein, aber Ih­re Qua­li­fi­zie­rung ist un­an­ge­bracht und zeigt ein doch arg ru­di­men­tä­res Ver­ständ­nis von Kri­tik. Das kön­nen Sie viel­leicht in Ih­ren Krei­sen so prak­ti­zie­ren – hier ist es nicht an­ge­zeigt.

    Viel­leicht soll­ten Sie ne­ben Ih­rem Vo­ka­bu­lar auch ein­mal Ih­re Schreib­wei­se über­prü­fen. Wenn Sie dann Sub­stan­ti­el­les bei­zu­steu­ern ha­ben, kön­nen Sie sich ja ger­ne wie­der mel­den.

    #2

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