Ju­dith Her­mann: Da­heim

Ich ha­be es ver­sucht. Aber ich schei­te­re. Ich kann über Ju­dith Her­mann kei­ne Re­zen­si­on schrei­ben, in dem nicht ir­gend­wann auf ihr De­but, den Er­zähl­band »Som­mer­haus, spä­ter« von 1998, Be­zug ge­nom­men wird. Denn man kann nicht um­hin, Her­mann als Pio­nie­rin zu be­zeich­nen. Denn bis da­hin war sel­ten bis gar nicht der­art wirk­sam das Le­bens­ge­fühl der um ...

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Thea Dorn: Trost

Thea Dorn: Trost
Thea Dorn: Trost

Die (Feuilleton?)Journalistin Jo­han­na er­hält zwi­schen Mai und Au­gust 2020 ins­ge­samt sechs Post­kar­ten von ih­rem Freund Max, ei­nem (und ih­rem) ehe­ma­li­gen Uni­ver­si­täts­do­zen­ten. Es be­ginnt mit »Wie geht es Dir?« und ei­ner An­sicht der grie­chi­schen In­sel Pat­mos, auf der Max seit Jah­ren lebt. Die Kor­re­spon­denz zwi­schen den bei­den, die nur brief­lich mög­lich ist, da Max kei­nen In­ter­net­an­schluss hat, muss wohl ins Stocken ge­ra­ten sein. In­zwi­schen ist min­de­stens die hal­be Welt in ei­ner Pan­de­mie. Die Fra­ge nach dem Be­fin­den scheint al­so be­rech­tigt. Im wei­te­ren Ver­lauf schickt der »al­te Freund« der »lie­ben Freun­din« noch fünf Ge­mäl­de-An­sichts­kar­ten mit ora­kel­haf­ten, hand­schrift­li­chen Sprü­chen, die im Buch ab­ge­druckt sind. Jo­han­na schickt auf die un­re­gel­mä­ßig ein­tref­fen­den Kar­ten ins­ge­samt 16 Brie­fe (plus ei­ner Kar­te am En­de) an Max. Streng ge­nom­men han­delt es sich al­so um ei­nen Brief­ro­man. Der Brief­cha­rak­ter wird durch die hand­schrift­li­chen Gruß- und Ab­schieds­for­mu­lie­run­gen noch ver­stärkt; die Brie­fe sel­ber sind am Com­pu­ter ge­schrie­ben.

Jo­han­na ist nicht nur trau­ernd und ver­zwei­felt, weil ih­re 84jährige Mut­ter nach ei­ner fahr­läs­si­gen Ita­li­en­rei­se auf der In­ten­siv­sta­ti­on an der neu­en Krank­heit ver­stor­ben ist, son­dern auch wü­tend über die Um­stän­de die­ses Ster­bens. Ei­ner­seits be­klagt sie den Leicht­sinn der Mut­ter, die die Krank­heit wohl ba­ga­tel­li­siert hat­te und es ge­noss, in den Uf­fi­zi­en oh­ne an­de­re Tou­ri­sten zu sein wäh­rend in den Nach­rich­ten be­reits Schreckens­mel­dun­gen lie­fen. Dann wie­der­um wirft sie den po­li­tisch Ver­ant­wort­li­chen Über­vor­sich­tig­kei­ten vor. Denn sie wur­de nicht mehr zu ih­rer Mut­ter ins Kran­ken­haus ge­las­sen. »Den Si­cher­heits­dienst ha­ben sie ge­ru­fen, als ich ver­sucht ha­be, trotz­dem in das Ge­bäu­de rein­zu­kom­men. Ir­gend­wo da drin­nen hing mei­ne Mut­ter an ir­gend­wel­chen be­schis­se­nen Ma­schi­nen, war am Er­sticken, Ver­recken, und sie ha­ben mich nicht zu ihr ge­las­sen!!!!«

Die­se Wut setzt sich bei der Be­er­di­gung fort. Die Mut­ter war pro­mi­nent, be­trieb ei­ne Schau­spie­ler-Agen­tur, stand frü­her sel­ber auf der Büh­ne. Sie hat­te ei­nen Plan ent­wor­fen, wie ih­re Be­er­di­gung aus­zu­se­hen hat­te – das üb­li­che Fest, auf dem al­le fröh­lich zu sein ha­ben. Und dann dies: »Wie ver­spreng­te schwar­ze Schäf­chen stan­den Mut­ters Schau­spie­ler, Mut­ters Freun­de, Mut­ters ‘Ge­schöp­fe’ auf den bei­den Stra­ßen um den Fried­hof her­um. Aus­ge­sperrt von den Mau­ern. Be­wacht von min­de­stens zwan­zig Ord­nungs­hü­tern…« Tat­säch­lich mu­tet ei­ni­ges recht skur­ril an: »Aus Grün­den, die ein­zig die Hy­gie­ne­göt­ter ken­nen, durf­te kei­ner Er­de ins Grab wer­fen. Nur Blu­men.«

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Con­stan­tin Schrei­ber: Die Kan­di­da­tin

Constantin Schreiber: Die Kandidatin
Con­stan­tin Schrei­ber:
Die Kan­di­da­tin

Ir­gend­wann, in viel­leicht nicht all­zu fer­ner Zu­kunft, in Deutsch­land: Ei­ne mus­li­mi­sche Kan­di­da­tin der »Öko­lo­gi­schen Par­tei« hat gro­ße Chan­cen, Bun­des­kanz­le­rin zu wer­den. Es ist Wahl­abend. Sie will zu ih­ren An­hän­gern spre­chen. Die skan­die­ren ih­ren Wunsch nach der »to­ta­len Di­ver­si­tät«. Und dann wer­den die letz­ten drei Mo­na­te re­ka­pi­tu­liert.

Na­tür­lich fällt ei­nem rasch Mi­chel Hou­el­le­beqs »Un­ter­wer­fung« von 2015 ein, in dem ein mus­li­mi­scher Prä­si­dent ge­wählt wird und nicht zu­letzt mit ara­bi­schem Geld ei­ne »freund­li­che Über­nah­me« des in­sti­tu­tio­nel­len Frank­reich er­reicht. Con­stan­tin Schrei­bers »Die Kan­di­da­tin« nimmt durch­aus An­lei­hen an die­ses Ar­ran­ge­ment, aber es ist doch ein ganz an­de­rer Ro­man.

Der Ver­lag nennt das Jahr 2041, in dem das Ge­sche­hen an­ge­sie­delt sein soll. Ei­ni­ge An­ga­ben im Buch le­gen na­he, dass das nicht sein kann. Wie auch im­mer: Ma­ri­ne Le Pen ist Prä­si­den­tin in Frank­reich und der grei­se Xi Jin­ping steu­ert im­mer noch die Ge­schicke Chi­nas. Er ist so­eben mit sei­ner Ar­mee in Tai­wan ein­mar­schiert und hat die In­sel an­nek­tiert. Auch Wla­di­mir Pu­tin ist noch Prä­si­dent und be­droht (wie schon im­mer) die Ukrai­ne. Der Na­he Osten (au­ßer Is­ra­el) droht zu »im­plo­die­ren«. Aber Sau­di Ara­bi­en hat die Atom­bom­be. Die USA kommt nur als Ort von Ras­sen­un­ru­hen vor. Die EU ist prak­tisch am En­de. Der Eu­ro exi­stiert noch, aber »ste­tig fal­len­de Ne­ga­tiv­zin­sen führ­ten da­zu, dass so­wohl Gut­ha­ben als auch Schul­den im­mer we­ni­ger wert wur­den« und »Gold und Aktien…zur Par­al­lel­wäh­rung« wur­den. Chi­na er­presst die Eu­ro­pä­er mit sei­nen Eu­ro­an­lei­hen. Hier ist die neue Su­per­macht.

Deutsch­land wird von ei­ner Bun­des­kanz­le­rin re­giert. Sie wird nur als Funk­ti­ons­trä­ge­rin er­wähnt; die Per­son bleibt dif­fus, wie die Re­gie­rung zu­sam­men­ge­setzt ist, er­fährt man nicht. Der In­nen­mi­ni­ster ist ein För­de­rer von Sa­bah Hus­sein, für die er »den Po­sten der Son­der­be­auf­trag­ten für öf­fent­li­che Dia­lo­ge« schuf – we­ni­ger aus Über­zeu­gung als aus Kar­rie­re­grün­den, um nicht von Men­schen und Or­ga­ni­sa­tio­nen mit »Viel­falts­merk­ma­len« an­ge­grif­fen zu wer­den. Hus­sein ist 44, sieht aber jün­ger aus. Den Hi­jab hat­te sie nach Kon­sul­ta­ti­on mit »ih­rem« Imam mit Ein­tritt in die Po­li­tik ab­ge­legt, aber in ei­ner bun­des­wei­ten Ak­ti­on das Tra­gen des Hi­jab als fe­mi­ni­stisch-eman­zi­pa­to­ri­sche Ge­ste für jun­ge Mus­li­ma ge­fr­amt. Sie sel­ber klei­det sich mo­disch, auf­fal­lend, wäh­rend »von zahl­rei­chen pro­gres­si­ven Frau­en und Män­nern und Di­ver­sen« ganz selbst­ver­ständ­lich der »ein­far­bi­ge Gen­der­kaf­tan« ge­tra­gen wird, »der jeg­li­che Kör­per­for­men neu­tral ver­hüllt« (er­gän­zend da­zu die »Uni­s­ex­boots ‘Bir­ken­docs‘«).

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Pe­ter Ste­phan Jungk: Markt­ge­flü­ster

»Ei­ne ver­bor­ge­ne Hei­mat in Pa­ris« – so lau­tet der Un­ter­ti­tel von Pe­ter Ste­phan Jungks neue­stem Buch »Markt­ge­flü­ster«. Es sind 27 Ka­pi­tel, ver­wo­ben zu ei­nem au­to­fik­tio­na­len Text (die Be­zeich­nung »Ro­man« fehlt), denn der Ich-Er­­zäh­­ler ist deut­lich er­kenn­bar als der Au­tor (auch, wenn man si­cher künst­le­ri­sche Frei­hei­ten at­te­stie­ren muss). Zoe, die Frau sei­nes Le­bens, nach der er ...

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Bea­trix Lang­ner: Der Vor­hang

Beatrix Langner: Der Vorhang
Bea­trix Lang­ner: Der Vor­hang

Ei­gent­lich sind es vier Er­zäh­lun­gen, die die Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­le­rin Bea­trix Lang­ner in ih­rem 190 Sei­ten-Ro­man »Der Vor­hang« in­ein­an­der ver­wo­ben hat. Zum ei­nen, je­weils in Kur­siv­schrift, zu Be­ginn ei­nes je­den der 27 Ka­pi­tel, ein wild-par­odi­sti­scher Zei­ten­ritt der er­sten Men­schin (wahl­wei­se auch Be­he­mots Toch­ter oder »ein Am­phib«) durch die Erd­ge­schich­te, über »kä­no­zoi­sche Ufer« mit »ju­ras­si­schem Sand« in »vor­ter­tiä­rem Un­ter­grund«, ei­nem »wie ei­ne Glocke« schwin­gen­den Erd­man­tel und dann fest­stel­len, dass es am »di­luvia­ni­schen Ho­ri­zont« hell wird. Da jet­tet je­mand 2496 Mil­li­ar­den Jah­re (un­ter Be­rück­sich­ti­gung ei­ner von der Er­zäh­le­rin eher lang­wei­lig emp­fun­de­nen Epi­so­de von ei­ner Mil­li­ar­de Jah­ren) mit ei­nem – wie soll­te es an­ders sein – apo­ka­lyp­ti­schen Fi­na­le mit »rol­len­den Feu­er­ne­stern«. In­spi­riert wer­den die­se Phan­tas­ma­go­rien durch die Rie­sen­bag­ger, die seit Jahr­zehn­ten in der Köl­ner Bucht die Land­schaft um­frä­sen und von der Er­zäh­le­rin in ei­ner Mi­schung aus Ab­scheu und Fas­zi­na­ti­on be­trach­tet wer­den. Dör­fer wer­den um­ge­sie­delt, Men­schen ih­rer Hei­mat be­raubt (bis­wei­len so­gar ent­eig­net), nur (nur?) um Braun­koh­le zu för­dern, die, wie sich jetzt ei­ni­ger­ma­ßen über­ra­schend her­aus­stellt, für den dro­hen­den Kli­ma­wan­del nicht so gün­stig zu sein scheint.

Und dann gibt es noch die Ich-Er­zäh­le­rin, die aus ih­rer Kind­heit er­zählt, aus ei­ner Stadt, die, war­um auch im­mer, mit »E.« ab­ge­kürzt wird, ob­wohl man nach Se­kun­den er­ken­nen kann, dass es wohl doch Er­kel­enz ist. Die­se Kind­heits­er­in­ne­run­gen wie­der­um wer­den aus­ge­löst durch die Be­treu­ung, spä­ter Pfle­ge der durch ei­nen Schlag­an­fall und/oder De­menz ge­zeich­ne­ten Mut­ter, Jahr­gang 1924, de­ren jah­re­lan­ger Ver­fall bis hin zu Win­del­ho­sen und Bett­un­ter­la­gen in mit­leid­lo­sem Zorn er­zählt wird. Da die Mut­ter auf die zahl­rei­chen Fra­gen nicht mehr ant­wor­ten kann (oder will), über­nimmt die Toch­ter die Re­kon­struk­ti­on ih­res Le­bens gleich selbst, lässt, wie es ein­mal heißt, die Zeit rück­wärts lau­fen, füllt Leer­stel­len aus, ima­gi­niert Er­eig­nis­se, die sie nicht er­lebt hat, nicht er­lebt ha­ben kann und setzt dem (ge­woll­ten?) Ver­ges­sen das Fa­bu­lie­ren ent­ge­gen.

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Ul­rich Pelt­zer: Das bist du

Der na­men­los blei­ben­de Ich-Er­­zäh­­ler in Ul­rich Pelt­zers neu­em Ro­man »Das bist du« er­in­nert sich schrei­bend an sei­ne Zeit als Stu­dent An­fang der 1980er Jah­re in West-Ber­­lin. Vie­les spricht da­für, dass der An­lass ein Stadt­be­such ist. Was hat sich ver­än­dert? Was ist aus den Freun­den, Be­kann­ten ge­wor­den? Wo hat er frü­her ge­wohnt? Gibt es noch das ...

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An­na Baar: Nil

Ein Mensch sitzt in ei­nem Raum, ver­däch­tig ei­nes nicht nä­her de­fi­nier­ten De­likts. Ei­ne Ver­hör­si­tua­ti­on; ein Wär­ter, ei­ne Ka­me­ra­frau. Ein Fet­zen Pa­pier als In­diz (für was?), ein Über­bleib­sel ei­nes Au­to­da­fés? Die Uhr tickt zwar, aber im Leer­lauf; die Zeit ist nicht ab­les­bar. Was ist ge­sche­hen? Nicht ein­mal das Ge­schlecht des Ich-Er­­zäh­­lers ist klar. Als Be­ruf wird ...

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Pa­trick Mo­dia­no: Un­sicht­ba­re Tin­te

Be­reits 1978, im Prix-Gon­­court-prä­­mier­ten Ro­man »Rue des Bou­ti­ques Ob­scu­res« (1979 Deutsch von Ger­hard Hel­ler: »Die Gas­se der dunk­len Lä­den«), kommt bei Pa­trick Mo­dia­no die De­tek­tei Hut­te vor. Und nun, im neue­stem auf deutsch er­schie­ne­nen Buch »Un­sicht­ba­re Tin­te« (Über­set­zung Eli­sa­beth Edl), er­in­nert sich ein Ich-Er­­zäh­­ler mit dem Na­men Jean Ey­ben an sei­ne kur­ze Tä­tig­keit bei die­ser ...

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