Deniz Oh­de: Streu­licht

Deniz Ohde: Streulicht

Deniz Oh­de: Streu­licht

Ei­ne »fei­ne Säu­re« ist da in der Luft. Und ein »Lei­ses Brum­men«. Un­auf­hör­lich. Es reg­net »In­du­strie­schnee«. Re­gel­mä­ßig gibt es Pro­be­alarm. Nein, nicht ir­gend­wo im Ruhr­ge­biet – es ist Frank­furt, der »In­du­strie­park«; ein Che­mie­park. Dort wohnt ei­ne (na­he­zu) na­men­los blei­ben­de Ich-Er­zäh­le­rin, von der man nur den er­sten Buch­sta­ben des »K‑Namens« er­fährt (»Frau A—«) und ver­nimmt, dass das »I« in ih­rem Vor­na­men lan­ge ge­spro­chen wird. Ge­bo­ren ist sie nach al­lem, was man sich zu­sam­men­le­sen kann, En­de der 1980er Jah­re. Die Mut­ter ist Tür­kin, die sich ir­gend­wann aus ei­nem »Fünf­hun­dert-See­len-Dorf an der Schwarz­meer­kü­ste« auf­ge­macht hat. Der Va­ter Deut­scher. Er hat 40 Jah­re 40 Stun­den die Wo­che Alu­mi­ni­um­ble­che in Lau­gen ge­taucht. Die Toch­ter kommt zu Be­ginn des Ro­mans zu Be­such, man ist in der un­mit­tel­ba­ren Ge­gen­wart. Sie wird fast er­schla­gen vom Rauch, der in den Räu­men steht. Ei­ne »ängst­li­che Teil­nahms­lo­sig­keit« macht sich in ihr breit. Die Mut­ter ist »ge­gan­gen«, aber das er­fährt man erst viel spä­ter. So­phia und Pik­ka, die Freun­de seit der Schul­zeit, hei­ra­ten. Das ist der Rah­men für De­nis Oh­des Erst­ling.

»Streu­licht« ist ein Bil­dungs­ro­man in dop­pel­ter Be­deu­tung: Ein Ro­man über das Bil­dungs­we­sen in Deutsch­land (ge­nau­er: in Hes­sen) und da­mit eben auch über Vor­ur­tei­le und Dis­kri­mi­nie­run­gen, die sub­ku­tan prä­sent sind und bis­wei­len mit er­schrecken­der Ehr­lich­keit aus­ge­spro­chen wer­den. Denn die Ich-Er­zäh­le­rin ist zwar for­mal Deut­sche. Für vie­le und eben auch für Leh­rer (und auch Leh­re­rin­nen) ist sie je­doch ei­ne Tür­kin, die es ge­schafft hat (oder, spä­ter dann, eben auch nicht). Und es ist auch ein na­he­zu klas­si­scher Bil­dungs­ro­man über die For­mung ei­nes Men­schen durch und mit Bil­dung und über die Schwie­rig­keit ei­nes Auf­stiegs­ver­spre­chens, aber das ist nicht nur die Schuld der an­de­ren, son­dern auch ein we­nig die der Er­zäh­le­rin.

Es wird rück­blickend weit­ge­hend chro­no­lo­gisch er­zählt; nur manch­mal gibt es Zeit­sprün­ge, die al­ler­dings mü­he­los zu be­wäl­ti­gen sind. Der Ton ist me­lan­cho­lisch, nie sen­ti­men­tal, bis­wei­len an­kla­gend und auch schon ein­mal selbst­an­kla­gend. Die Er­zäh­le­rin be­wegt sich in ei­nem en­gen, fast her­me­ti­schen Kos­mos. Über­mä­ssig vie­le So­zi­al­kon­tak­te hat sie nicht. Bis auf flüch­ti­ge Be­kannt­schaf­ten blei­ben nur So­phia und Pik­ka als Freun­de.

Ei­ne Ab­rech­nungs- oder gar Wut­pro­sa ist »Streu­licht« nicht. Das läuft sub­ti­ler, mit in­ten­si­ven, bis­wei­len sur­rea­len Stim­mungs­bil­dern, die die Tri­stesse (wenn der Ort Prot­ago­nist ist) oder die Ver­zweif­lung (bei Men­schen) nicht ver­ber­gen, son­dern, pa­ra­dox ge­nug, er­strah­len las­sen. Spä­ter, als sie zum Stu­di­um in ei­ner frem­den Stadt wohnt, ver­misst sie all die Un­zu­läng­lich­kei­ten ih­res Hei­mat­or­tes und dann kommt ei­nem die Ge­nüg­sam­keit des Va­ters in den Sinn, dass man »hier« doch »al­les« ha­be.

Über­haupt die Er­zäh­lun­gen der Per­so­nen. Da ist der Va­ter mit ei­nem fast Mes­si-ähn­li­chen Des­or­ga­ni­sa­ti­ons­pro­blem – er kann nichts weg­wer­fen, kauft al­les Mög­li­che, auch Ramsch. Da­bei dann die­ser »lei­den­de Aus­druck im Ge­sicht«. Zwei­mal sei die Fa­mi­lie im Krieg aus­ge­bombt wor­den – als sei es ei­ne nicht kor­ri­gier­ba­re Erb­krank­heit. Wie auch die Pha­sen über­mä­ßi­gen Al­ko­hol­kon­sums mit bis­wei­len klir­ren­dem Ge­schirr und Strei­te­rei­en mit der Mut­ter. Die­se wird als tat­kräf­tig, hilfs­be­reit und le­bens­klug be­schrie­ben; ein (or­ga­ni­sa­to­ri­scher) Wir­bel­wind. Als sie nach ei­nem hef­ti­gen Streit kurz die ge­mein­sa­me Woh­nung ver­lässt und sich se­pa­riert, kommt sie zwei, drei­mal die Wo­che als Hil­fe zum Haus­halt für ih­ren Mann und des­sen Va­ter, der im Erd­ge­schoss wohnt und an­son­sten nichts mehr macht. Im­mer wie­der kommt die Er­zäh­le­rin mit sprö­der Zärt­lich­keit auf Va­ter und Mut­ter zu­rück, ver­sucht, ih­nen ge­recht zu wer­den.

Der Tod der Mut­ter wird als ein »Weg­ge­hen« er­zählt. Er­grei­fend die Schil­de­rung ih­res letz­tes Gan­ges aus dem Haus: »ich se­he sie die Trep­pen­stu­fen hin­un­ter­ge­hen und in ei­nen grau­en Schlei­er hin­ter sich her­zie­hen; sie ließ das Licht bren­nen, ob­wohl sie wuss­te, dass es von al­lein nicht aus­ging. Es war die lo­gi­sche Kon­se­quenz, ei­ne letz­te Re­ak­ti­on auf die Zug­kraft, die sie im­mer wie­der zu­rück­keh­ren ließ, da­mit sie Milch­kar­tons brach­te, die Pfand­fla­schen ein­sam­mel­te, Vit­amin­ta­blet­ten auf­lö­ste für sich und mei­nen Vater…und ihm die Stirn wisch­te wie ei­ne Kriegs­kran­ken­schwe­ster.« Sie wird nicht mehr zu­rück­kom­men.

For­mal ist die Fa­mi­lie Mit­tel­schicht, aber der Va­ter hat sei­nen »Ar­bei­ter­stolz«. Und So­phia, ih­re Freun­din? Nach der Schu­le be­schäf­tigt sie sich mit Reit­stall, Bal­lett und Kir­che. So­phi­as Mut­ter strahlt ein »si­che­res Frau­sein« aus, al­les in ih­rem Haus ist an sei­nem Platz. Mehr­mals fragt man sich als Le­ser, wie die bei­den Mäd­chen über­haupt be­freun­det sein kön­nen, so bis­wei­len ab­schät­zig re­det So­phia über ih­re Freun­din. Auch das al­les nicht bö­se, aber na­del­stich­ar­tig und da­her fast noch ver­let­zen­der. Im­mer­hin: Ein­mal rächt sich die Er­zäh­le­rin und klaut So­phia ei­ne klei­ne Fi­gur aus ih­rem Schul­ran­zen, ei­ne He­xe. Es wird nicht auf­ge­löst, ob dies je­mals her­aus­kommt.

Der Ro­man mä­an­dert ir­gend­wann in das hes­si­sche Bil­dungs­sy­stem der 1990er Jah­re. Die Er­zäh­le­rin ist ei­ne mit­tel­mä­ßi­ge Schü­le­rin, geht aber – weil es die Mut­ter durch­ge­setzt hat – zum Gym­na­si­um (der Va­ter ist fas­sungs­los, denn er glaubt, da ge­hö­re die Toch­ter nicht hin). Sie ist schockiert über das von den Leh­rern ver­mit­tel­te Bild ei­ner »Eli­te«, die sie nun (zu­sam­men mit So­phia und Pik­ka und den an­de­ren) re­prä­sen­tie­ren soll. Nach ei­ni­gen Jah­ren wird noch ein­mal »aus­ge­siebt« und es ent­schei­det sich, wer Ab­itur ma­chen darf und wer zu­rück muss in ei­ne an­de­re Schul­form.

Tat­säch­lich fällt sie durch (als ein­zi­ge, so wird sug­ge­riert) und ver­fällt für Mo­na­te in Le­thar­gie. Statt Stun­den­plan be­stimmt der RTL-Sen­de­plan ihr Le­ben. Die El­tern las­sen sie ge­wäh­ren. Gibt es über­haupt ein Bil­dungs­ver­spre­chen? Oder gilt dies nur für ei­ne be­stimm­te Klas­se? Wie sind die de­spek­tier­li­chen Be­mer­kun­gen der Leh­rer zu ver­ste­hen? Es wird von ei­nem El­tern­abend er­zählt, bei dem der Va­ter mit dem Klas­sen­leh­rer für ex­akt 15 Mi­nu­ten zu­sam­men­kam. Der Va­ter, oh­ne­hin über­for­dert, glaubt sei­nen Oh­ren nicht zu trau­en: die ge­sam­te Zeit re­det der Leh­rer schwär­me­risch über So­phia – so als wüss­te er nicht, mit wem er ge­ra­de zu­sam­men­sitzt.

Be­zeich­nend für die Fa­mi­lie, nein, für Va­ter und Toch­ter die Re­ak­ti­on dar­auf: kei­ne. Im­mer wie­der er­wischt sich die Er­zäh­le­rin da­bei, wie sie schweigt, die klei­nen (und grö­ße­ren) Ge­mein­hei­ten er­trägt. Mit 12 muss sie trotz star­ker Men­strua­ti­ons­schmer­zen am Sport­un­ter­richt teil­neh­men. Das Er­geb­nis ist de­mü­ti­gend; die Schil­de­rung prägt sich ein. Und als sie Jah­re spä­ter über die Abend­schu­le doch noch auf dem Gym­na­si­um die Mög­lich­keit zum Ab­itur er­hält, be­kommt sie ei­ne ge­rin­ge­re An­zahl von Punk­ten als ihr ei­gent­lich nach dem Re­sul­tat zu­ste­hen wür­de. Der Grund: weil sie fünf Jah­re äl­ter sei als ih­re Mit­schü­le­rin­nen und schon mehr wis­sen müss­te. Und es ist ty­pisch, dass sie auch für die­se Leh­rer ir­gend­wie Ver­ständ­nis auf­bringt, de­ren mit der Zeit ver­lo­re­nen ge­gan­ge­nen Idea­le her­bei­phan­ta­siert, die im Be­trieb eben »breit­ge­tre­ten« wur­den bis zum Ver­schwin­den.

Nein, nicht al­le Leh­re­rIn­nen sind schwach oder schlecht. Es gibt schon wel­che, die sie er­mu­ti­gen – be­son­ders an der Abend­schu­le. Hier sind ih­re Lei­stun­gen ex­or­bi­tant gut und sie sticht her­aus aus de­nen, die von Amts we­gen er­schei­nen sol­len – und kei­ne Lust ha­ben. Von 30 Schü­lern zu Be­ginn blei­ben 10 üb­rig. Im­mer­hin fällt bei ei­ni­gen der Gro­schen, weil es Per­spek­ti­ven gibt.

Sie muss zu ei­nem Be­wer­bungs­ge­spräch zum Gym­na­si­um, um das Ab­itur so­zu­sa­gen ver­spä­tet ma­chen zu kön­nen. Vier, fünf Jah­re hat sie »ver­lo­ren«, aber in 15 Mo­na­ten Abend­schu­le nach­ge­holt. Sie wird ge­nom­men, klei­det sich jün­ger, da­mit der Al­ters­un­ter­schied nicht so auf­fällt. War­um sie mit Hil­fe ih­rer Freun­de in das Ar­chiv der Abend­schu­le mit ih­rer Schul­ak­te als Beu­te ein­bricht, bleibt ein Rät­sel.

Bis­wei­len pflich­tet man So­phia und Pik­ka bei, die ih­rer Freun­din ei­ne all­zu gro­ße Emp­find­lich­keit at­te­stie­ren. Et­wa wenn ei­ne Leh­re­rin fragt, war­um sie so gut Eng­lisch kön­ne. Es wird so­fort als ein ver­steck­ter Af­front ge­wer­tet; sie fühlt sich, als müs­se sie sich ver­tei­di­gen. Die Mög­lich­keit des ehr­li­chen Wun­derns bei der Leh­re­rin kommt ihr nicht in den Sinn. Wo ihr Va­ter kom­pen­sa­to­risch al­le mög­li­chen Din­ge an­häuft bzw. auf­hebt, da sucht die Er­zäh­le­rin nach In­di­zi­en, die ihr (und des Va­ters) Ur­teil be­stä­ti­gen sol­len, dass sie ei­gent­lich nicht da­zu­ge­hört. Hin­zu kommt ihr Ge­hemmt­sein durch ei­nen über­bor­den­den Per­fek­tio­nis­mus – auch dies teilt sie mit ih­rem Va­ter. Sie ent­wickelt ri­tua­li­sier­te Hand­lun­gen: »Mein Ge­lin­gen war ab­hän­gig von mi­ni­mal­sten Ab­wei­chun­gen, von ein­ma­li­gen Er­eig­nis­sen, da­von, wie ich mei­ne Stif­te hielt und ob ich mei­ne Au­gen weit ge­nug auf­mach­te, da­von, ob ich die rich­ti­ge Hal­tung hat­te, schon be­vor ich das Schul­ge­bäu­de über­haupt be­trat; ob ich mei­ne Schul­tern zu­rück­nahm und mit er­ho­be­nem Kopf ging.«

Es sind bis­wei­len Kom­ple­xe, die sie vor der ver­meint­li­chen Macht des Fak­ti­schen ka­pi­tu­lie­ren las­sen. Das äu­ßert sich ge­le­gent­lich so­gar in Selbst­er­nied­ri­gun­gen, et­wa wenn sie sich mit Pik­ka ver­gleicht: »Ich war nicht schaum­ge­bo­ren, son­dern staub­ge­bo­ren; ge­bo­ren aus Koch­salz in der Luft, das sich auf die Au­to­dä­cher leg­te. Ge­bo­ren aus dem sau­ren Ge­stank der Müll­ver­bren­nungs­an­la­ge, aus den Fluss­wie­sen und den Bäu­men zwi­schen den Strom­ma­sten, aus dem dunk­len Was­ser, das an die Wa­cher­stei­ne schlug, ei­nem Film aus Stick­stoff und Ni­trat, nicht Gischt.«

Je mehr die Er­zäh­le­rin Fi­gu­ren als so­zi­al hö­her­ste­hend ein­stuft, de­sto un­schär­fer und kli­schee­haf­ter wer­den sie ge­schil­dert. Deut­lich wird dies, als sie in ei­nem stu­den­ti­schen Fe­ri­en­job in ei­ner Rei­ni­gungs­ko­lon­ne in ei­ner Rechts­an­walts­pra­xis aus­hilft. Die An­ge­stell­ten tru­deln zu­nächst locker ein, set­zen sich an ih­re Schreib­ti­sche und un­ter­hal­ten sich. Dann hört man ei­ne »tie­fe Stim­me« »Gu­ten Mor­gen!« ru­fen. Der Chef tritt ein und so­fort ver­wan­deln sich die Mit­ar­bei­ter, »sto­ben aus­ein­an­der wie auf­ge­scheuch­te Tau­ben«, raf­fen ih­re Pa­pie­re zu­sam­men und zie­hen die Köp­fe ein. In die­sem Köp­fe ein­zie­hen mag man auch bis­wei­len die Ver­hal­tens­wei­sen der Prot­ago­ni­stin er­ken­nen. Da ist ih­rem Va­ter ähn­lich, der in über­gro­ßer Be­schei­den­heit ver­haf­tet ist – schon Es­sen mit Stoff- statt Pa­pier­ser­vi­et­ten lehnt er als für ihn un­pas­send ab.

Grund­sätz­lich ist der Er­zäh­le­rin die Mas­se, die Mehr­heits­ge­sell­schaft, su­spekt. Seis­mo­gra­phisch nimmt sie xe­no­pho­be Strö­mun­gen wahr (die die Mut­ter ver­harm­lost), ent­deckt zum Bei­spiel dif­fa­mie­ren­de Dar­stel­lun­gen von tür­ki­schen Frau­en im Fern­se­hen, die nur in be­stimm­ten Set­tings ge­zeigt wer­den (Kopf­tuch, von hin­ten, mit Ein­kaufs­tü­ten) – und be­zieht dies auf sich sel­ber. Es ist die Zeit des Mi­ni­ster­prä­si­den­ten Ro­land Koch. So­gar auf der Uni­ver­si­tät wird sie auf­grund ih­res Na­mens von ei­ner Do­zen­tin als »Eras­mus-Stu­die­ren­de« ein­ge­ord­net. Sie fühlt sich fremd, weil sie zur Frem­den er­klärt wird, möch­te aber doch da­zu ge­hö­ren. Als ein Frem­der sie ein­mal fragt, wie man ei­ne Fahr­kar­te im Nah­ver­kehr am Au­to­ma­ten ein­kauft, ist sie stolz, es ihm zu er­klä­ren, weil ihr dies das Ge­fühl ver­mit­telt, »von hier« zu sein. Zur Abend­schu­le geht sie mit ei­ner Ta­sche der Wo­chen­zei­tung »DIE ZEIT« und hat das Blatt auch abon­niert. So möch­te sie her­aus­ste­chen.

Denn So­phia und Pik­ka mit ih­ren Ober­fläch­lich­kei­ten sind kei­ne Vor­bil­der. Sie ima­gi­niert, wie sie an der Uni mit­hal­ten müss­te mit ih­ren Freun­den, mit »Pfer­de­schwanz« und Wit­zen über ei­ne Pro­fes­so­rin mit Spitz­na­men oder nur ei­nem »die« statt des Nach­na­mens. Nach dem Stu­di­um dann Häus­chen, Spie­ßer­höl­le mit Long­bob, nach Jah­res­zei­ten sor­tier­tem Na­gel­lack, Som­mer­fest-En­ga­ge­ment, »Mar­ki­se im Rücken« nebst Thu­ja­hecke und Rin­den­mulch.

Ob­wohl das Paar sie mehr­mals bit­tet zu blei­ben, zieht sie weg, in ei­ne an­de­re Stadt und stu­diert dort. Hier trifft sie trotz­dem auf die­se hoch­mü­tig-selbst­ge­wis­sen Mittelschicht-»Studierenden« aus 68er El­tern­häu­sern. Ih­ren sorg­fäl­tig kon­stru­ier­ten Ta­ges­plan gibt sie auf. Sie ver­liert sich aber­mals, un­ter­lässt zum Bei­spiel die Su­che nach den an­schei­nend wich­ti­gen Prak­ti­ka. Wie dünn der Fir­nis der so­zia­len Ak­zep­tanz auch in die­sem ver­meint­lich pro­gres­si­ven Uni-So­zio­top ist, zeigt sich bei Lu­kas, ih­rem er­sten Freund, der ihr sug­ge­riert, sie ha­be sich mit ih­rem Ab­itur »an­ge­bie­dert«.

»Streu­licht« er­in­nert strecken­wei­se an die meist des­il­lu­sio­när-re­si­gna­ti­ven Ro­ma­ne der Neu­en Sub­jek­ti­vi­tät der 1970er Jah­re. Viel­leicht könn­te man bei Deniz Oh­des Ro­man bes­ser von ei­ner Mi­schung aus So­zi­al- und Be­find­lich­keits­pro­sa spre­chen. Die Ich-Er­zäh­le­rin (die man – Stan­dard­spruch auch bei deut­li­chen Par­al­le­len – nicht mit der Au­torin ver­wech­seln soll­te) pen­delt zwi­schen Hy­per­sen­si­bi­li­tät, Klein­mut (im Au­ßen­ver­hält­nis) und (in­ne­rer) Idio­la­trie. Sie er­sehnt Par­ti­zi­pa­ti­on und braucht gleich­zei­tig Di­stanz. Ei­ne Ba­lan­ce zwi­schen die­sen Po­len kann sie nicht fin­den. Bil­dung bie­tet we­der Be­frie­dung noch Be­frie­di­gung, sie fin­det fast im­mer nur ad­di­tiv und mit ei­nem be­stimm­ten Ziel statt. Die­sem Ziel, die so­zia­le (und öko­no­mi­sche) In­te­gra­ti­on, steht sie ab­leh­nend ge­gen­über. In­so­fern fin­det kei­ne bil­dungs­ro­m­an­ähn­li­che Wen­dung statt.

Nach der Hoch­zeit ih­rer Freun­de ver­lässt die Er­zäh­le­rin flucht­ar­tig ih­re ehe­ma­li­ge Hei­mat und lügt ih­ren Va­ter an, dass es ein plötz­lich an­be­raum­tes Be­wer­bungs­ge­spräch ge­be (merk­wür­dig, auch der Prot­ago­nist in ei­nem ganz an­ders si­tu­ier­ten Ro­man­set­ting tritt fast über­ha­stet die Ab­rei­se von sei­nen El­tern an). Der Va­ter bleibt mit den frisch ge­kauf­ten Erd­bee­ren al­lei­ne. Das Buch ist aus. Das Le­ben geht wei­ter. Aber wie? Ei­ne klei­ne An­deu­tung scheint es zu ge­ben: Bei ih­rer Rück­kehr be­merkt sie die Hin­fäl­lig­keit der Mit­be­woh­ner im Haus, in dem der Va­ter wohnt und zwar in­klu­si­ve der Hun­de (ei­ner da­von hat­te sie als Kind ge­bis­sen). Es ist die­se Be­schrei­bung des ab­seh­ba­ren En­des der Prot­ago­ni­sten, die man wo­mög­lich als Ana­lo­gie zum na­hen­den En­de ei­ner ge­sell­schaft­li­chen Epo­che an­se­hen könn­te.

»Streu­licht« macht auf wei­te­re Er­zäh­lun­gen die­ser Schrift­stel­le­rin neu­gie­rig.

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Der Ro­man Streu­licht von Deniz Oh­de in – Ih­rer Wie­der­ga­be, Gre­gor Keu­sch­nig – - er­scheint als Leit­fa­den zur Her­stel­lung von Un­glück. Un­glück ist frei­lich nichts be­son­de­res – je­de Frau ist frei, un­glück­lich zu sein. Und, das wird in Zei­ten, in de­nen man zwi­schen öf­fent­lich und pri­vat und zwi­schen Po­li­tik und The­ra­pie nicht mehr hin­rei­chend un­ter­schei­det, lei­der oft nicht deut­lich ge­sagt – Un­glück ist kei­ne Tu­gend. Es ist auch nicht per se in­ter­es­sant. Die­se feh­len­de Ei­gen­schaft teilt es mit dem ihm eng ver­wand­ten Un­ge­schick.

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