Gräu­el der Ge­gen­wart ‑4/11-

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Der Neo­li­be­ra­lis­mus übt im 21. Jahr­hun­dert ei­ne He­ge­mo­nie aus, die er sich nicht ein­mal er­strei­ten muß­te, weil sei­ne Po­stu­la­te auf frucht­ba­ren Bo­den fie­len, ge­ra­de so, als wä­ren nicht So­li­da­ri­tät und Ge­mein­schafts­sinn, son­dern Pro­fit­gier und Ei­gen­sinn das We­sen des Men­schen, so daß die Re­de von des­sen »Ver­mensch­li­chung« im­mer schon wi­der­sin­nig ge­we­sen wä­re. Die wirt­schaft­li­che Exi­stenz­form des Neo­li­be­ra­lis­mus hat sich mehr und mehr in glo­ba­li­sier­te vir­tu­el­le Be­rei­che ver­la­gert, die vom Le­ben der üb­ri­gen Men­schen völ­lig ab­ge­ho­ben und die­sen un­zu­gäng­lich sind. Geld »macht« man nicht mehr in er­ster Li­nie mit der Pro­duk­ti­on von Gü­tern (die in är­me­re Län­der aus­ge­la­gert wur­de), son­dern an der Bör­se im Spiel mit dem Geld, das man un­ter Um­stän­den gar nicht hat, son­dern aus­leiht, und die­ses Ma­chen voll­zieht sich in di­gi­ta­li­sier­ter Echt­zeit, man setzt an ei­nem Ort ein, zockt an ei­nem an­de­ren ab (oder ver­liert), al­les in Win­des­ei­le, »à la vi­tes­se de l’immédiat«, schwin­del­erre­gend für je­den Au­ßen­ste­hen­den.

Schon im Jahr 2000 ver­glich der In­for­ma­ti­ker Jo­seph Wei­zen­baum den Fi­nanz­ka­pi­ta­lis­mus mit ei­nem ein­zi­gen rie­si­gen Spiel­ka­si­no, wo durch Spe­ku­la­ti­on Geld­wer­te in ei­nem Um­fang an­ge­häuft wer­den, wel­che die Bud­gets der Staa­ten weit über­stei­gen: »Wir müs­sen uns ver­ge­gen­wär­ti­gen, daß die Re­gie­run­gen und Ban­ken der gro­ßen Na­tio­nen heu­te zu­sam­men we­ni­ger Geld zur Ver­fü­gung ha­ben als die in­ter­na­tio­nal ope­rie­ren­den Spe­ku­lan­ten­krei­se.« Hin­zu­zu­fü­gen wä­re, daß das Bör­sen­spiel die Ak­teu­re süch­tig macht, so daß zwangs­läu­fig im­mer grö­ße­re Ver­mö­gen an­ge­häuft wer­den und das Sy­stem sich im­mer mehr ver­fe­stigt. Es gibt kein Ent­kom­men! Gier ist kei­ne ethi­sche Ka­te­go­rie, son­dern ein we­sent­li­ches Merk­mal des Neo­li­be­ra­lis­mus, sei­ne con­di­tio si­ne qua non. Die Re­gie­run­gen, so Wei­zen­baum wei­ter, hät­ten auf die­ses Ge­sche­hen im­mer we­ni­ger Ein­fluß, die wirt­schaft­li­che Sta­bi­li­tät ein­zel­ner Län­der und, da sie al­le ver­netzt sind, der gan­zen Welt kön­ne da­her schnell ein­mal ins Tru­deln ge­ra­ten. Ge­nau das ist 2008 ge­sche­hen. Wir sind mit ei­nem blau­en Au­ge da­von­ge­kom­men, aber dem Fi­nanz­ka­pi­ta­lis­mus wirk­lich Gren­zen zu set­zen und ihn zu re­gu­lie­ren, da­vor sind die neo­li­be­ral den­ken­den Re­gie­run­gen, wel­chen po­li­ti­schen La­gers auch im­mer, zu­rück­ge­schreckt.

Aus der Per­spek­ti­ve der Ak­teu­re, der Bro­ker und Deal­ma­ker1, stellt sich das mit­un­ter so dar, daß sie der gol­de­nen Fal­le, in der er sich dumm und däm­lich ver­die­nen, nicht mehr ent­kom­men kön­nen, ge­nau wie je­ne Spie­ler, die in den Spiel­hal­len Tag für Tag an Pa­chin­ko­ap­pa­ra­ten und Slot­ma­chi­nes – »ein­ar­mi­ge Ban­di­ten« sag­te man frü­her – sit­zen. »Die Be­loh­nung ist hoch, aber un­si­cher, wo­durch es im­mer span­nend bleibt und du im­mer wie­der von Neu­em an­fängst. Wenn das Geld erst ein­mal in dei­ne Rich­tung strömt, ist es sehr, sehr schwer, die Fin­ger da­von zu las­sen. Es gibt so vie­le Leu­te, die dei­nen Job wol­len.« Da der gan­ze Sek­tor durch­di­gi­ta­li­siert ist, könn­te es sein, daß die Ar­beit die­ser ar­men rei­chen Män­ner (sel­ten Frau­en) über kurz oder lang von Al­go­rith­men über­nom­men wird, die bes­se­re Ent­schei­dun­gen tref­fen und nicht an­fäl­lig sind für psy­chisch be­ding­te Schwä­chen. Aber wie man weiß, kön­nen in ei­nem so kom­ple­xen, un­über­schau­ba­ren Sy­stem auch klein­ste Feh­ler ge­wal­ti­ge Wir­kun­gen zei­ti­gen und Kri­sen her­bei­füh­ren, die je­ne von 2008 über­steigt.

Das Zi­tat des je­nes Deal­ma­kers stammt aus ei­nem Buch von Jo­ris Luy­en­di­jk2, der zwei Jah­re lang an ei­ner Re­por­ta­ge über die Lon­do­ner Ci­ty, al­so das Herz des eu­ro­päi­schen Fi­nanz­ka­pi­ta­lis­mus, und de­ren re­tro­spek­ti­ven Um­gang mit der Fi­nanz­kri­se 2008 ar­bei­te­te und mit hun­der­ten Bank- und Bör­sen­leu­ten sprach. Er äu­ßert zu Be­ginn den Vor­satz, die Me­cha­nis­men und die jüng­ste Ge­schich­te zu durch­leuch­ten, um sich nicht mit dem üb­li­chen Fin­ger­zeig auf die »Gier« der Men­schen als Wur­zel des Übels be­gnü­gen zu müs­sen, doch am En­de, nach zahl­lo­sen Hür­den, die der Le­ser zu­sam­men mit dem Re­por­ter über­springt, denn die Ban­ker sind miß­trau­isch und ver­schwie­gen, und nach eben­so zahl­lo­sen Tref­fen in meist ex­qui­si­ten Lo­ka­len, wo sich ein Nor­mal­sterb­li­cher nicht ein­mal ei­ne Vor­spei­se lei­sten könn­te, hat man trotz al­lem den Ein­druck, daß die Gier, das Im­mer-mehr-ha­ben-Wol­len, das Prin­zip der Pro­fit­ma­xi­mie­rung (in mar­xi­sti­schem Jar­gon) das Um und Auf dar­stellt und die Me­cha­nis­men von den Ak­teu­ren selbst, die in ih­nen ge­fan­gen sind, nicht rich­tig ver­stan­den wer­den. Wo­bei das Hoch­kom­ple­xe in letz­ter In­stanz auch wie­der sehr ein­fach ist, eben ein Spiel wie im Ka­si­no, die Kar­ten wer­den im­mer aufs Neue un­er­müd­lich auf den Tisch ge­wor­fen in der Hoff­nung, daß sie im Hand­um­dre­hen viel mehr wert sein wer­den. Sind wir nicht al­le so?

Frei­lich (sa­ge ich zu mir selbst), ein We­sen des Men­schen gibt es nicht, und sein Wer­den ist ei­ne Hoff­nung eli­tä­rer Min­der­hei­ten, de­nen die Be­woh­ner der schnö­den Wirk­lich­keit gern ei­ne lan­ge Na­se dreh. Wenn man über­haupt von ei­nem »We­sen« spre­chen will, dann ist es er­zeugt, ma­ni­pu­liert, den Ein­zel­nen ver­mit­telt, an­er­zo­gen, auf­ok­troy­iert. Es ist hi­sto­risch, al­so ver­än­der­lich, al­so gar kein We­sen. Die jahr­zehn­te­lang wie­der­hol­ten Bot­schaf­ten und Ver­spre­chun­gen des Neo­li­be­ra­lis­mus, bei­läu­fig oder sub­li­mi­nal auf­ge­nom­men, ha­ben im Ver­ein mit oft un­be­hol­fen wir­ken­den, zu­letzt über­flüs­sig ge­wor­de­nen po­li­ti­schen Slo­gans das Be­wußt­sein der Mas­sen, de­nen Frei­heit zu al­lem und je­dem be­wil­ligt wur­de, zu­tiefst ge­prägt (ei­ne Frei­heit, zu der sich nach und nach sanf­te Kon­trol­le, Zwang zum kul­tu­rel­len Main­stream und ei­ne neue, un­ge­ahn­te Mo­ra­li­sie­rung ge­sell­ten). Die Wer­be­slo­gans im Dienst der Frei­heit ha­ben die Mas­sen gleich­ge­schal­tet. Es gibt kei­ne Al­ter­na­ti­ven, lau­tet die Prä­am­bel der Dok­trin. Es gibt nur ein Ein­heits­den­ken. Die re­li­gi­ons­lo­sen He­do­ni­sten der Kon­sum­ge­sell­schaft hul­di­gen ei­ner Geld­re­li­gi­on, von de­ren Exi­stenz sie kein Be­wußt­sein ha­ben.

Ein sol­ches Bild des vom Neo­li­be­ra­lis­mus ge­form­ten Men­schen ver­mit­teln je­den­falls die un­zäh­li­gen Äu­ße­run­gen, Kom­men­ta­re, Ein­wür­fe von meist an­ony­men oder pseud­ony­men Sub­jek­ten in In­ter­net­fo­ren und Chat­rooms, die we­nig­stens die­ses ei­ne Ver­dienst ha­ben: Sie bie­ten ei­nen Ein­blick in die Volks­see­le, wie er in sol­cher Mas­si­vi­tät und Ge­nau­ig­keit in prä­di­gi­ta­len Zei­ten nicht mög­lich war. Ei­ner der End­los­re­frains in die­sen so oft »em­pör­ten« Kom­men­ta­ren lau­tet: »Und das mit mei­nem (Steuer-)Geld.« Der »User« oder »Nut­zer«, al­so der heu­ti­ge Mas­sen­mensch, tut so, als zer­brä­che er sich den Kopf des Fi­nanz­mi­ni­sters. Am lieb­sten möch­te er gar kei­ne Steu­ern zah­len; wie es ihm die von ihm ver­teu­fel­ten In­ter­net­kon­zer­ne vor­ma­chen, Ama­zon, Uber…; er möch­te sein Geld nicht her­ge­ben für Rau­cher, die krank wer­den, für Kin­der, die Bil­dung brau­chen, für – gar noch zu­ge­wan­der­te – El­tern, die Kin­der auf­zie­hen, für Stra­ßen, die er nicht be­nützt, für Künst­ler, de­ren Wer­ke er nicht ver­steht, für die ar­men Ver­wand­ten im Sü­den oder Osten (oder We­sten oder Nor­den), die sel­ber se­hen sol­len, wie sie zu­recht­kom­men. Je­der soll se­hen, wie er al­lein zu­recht­kommt. Er selbst kommt schließ­lich auch zu­recht. Da­her die Em­pö­rung: Und das mit mei­nem Geld! Was aber, wenn sich ei­nes Ta­ges doch ein un­vor­her­ge­se­he­nes Un­glück ein­stellt, nicht ge­ra­de Lun­gen­krebs, aber – sa­gen wir – Le­ber­zir­rho­se? Oder et­was nicht Selbst­ver­schul­de­tes, wor­an auf je­den Fall an­de­re schuld sein müs­sen? Dann nimmt er selbst­ver­ständ­lich So­zi­al­lei­stun­gen in An­spruch, ihm ste­hen sie schließ­lich zu, er hat jah­re­lang in die Töp­fe ein­ge­zahlt (be­haup­tet er), aus de­nen sonst im­mer die an­de­ren schöp­fen. Neid­ge­sell­schaft: ei­ne An­sicht der neo­li­be­ra­len Ideo­lo­gie.

© Leo­pold Fe­der­mair

→ Teil 5/11


  1. Das Wort "Deal" mit seinem kommerziellen Beigeschmack ist in den letzten Jahren sagenhaft populär geworden und findet Anwendung auch abseits von Börsen und Banken. 

  2. In seiner großen Reportage über die Banker von London wird die Frage aufgeworfen, ob die Finanzfirmen ihre eigene Organisation denn überhaupt soweit überblicken können, daß plötzliche Krisen wie 2008 vermieden werden können. Die Experten aus den sogenannten exakten Wissenschaften, die in der City ihre Brötchen verdienen – Luyendijk bezeichnet sie als "Mathe-, Chemie- und Physiknerds" –, stellen sich diese Frage tagtäglich, und werden sie befragt, kommen sie "sofort auf die Komplexität finanzieller Produkte und auf die Quants zu sprechen, die die Finanzwelt in den vergangenen Jahrzehnten bis zur Unkenntlichkeit verändert haben." 

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