Vor dreieinhalb Jahren verfasste Uwe Wittstock mit Februar 33 eine akribisch geführte, rasant erzählte Stoffsammlung über die Veränderungen im deutschen Kulturbetrieb nach der Machtübernahme durch die Nazis am 31.1.1933. Schwerpunkte waren Berlin und München. Parallel zu den Sorgen und Nöten der Künstler, die nicht selten schnell lebensbedrohliche Ausmaße annahmen, gab es Erläuterungen, wie die Nazis ihre Macht zu festigen begannen. Dabei verblüffte, wie schnell und zugleich strukturiert die gesellschaftliche und juristische Infrastruktur transformiert wurde. In nur wenigen Wochen besetzte man wichtige Positionen in Verwaltung, Polizei und Justiz mit SA- oder NSDAP-Leuten.
Mit Marseille 1940 legt Wittstock nun abermals ein historisch grundiertes Buch vor. Diesmal werden die Fluchtwege der deutschen Exilanten, die in Frankreich Schutz gesucht hatten, nach dem Angriff der Wehrmacht im Mai 1940 erzählt. Untertitelte man Februar 33 als »Winter der Literatur«, so soll in Marseille 1940 »Die große Flucht der Literatur« gezeigt werden. Vielleicht wäre der im Vorwort entwickelte Begriff des »Dramas der zweiten Flucht« (nach Deutschland nun Frankreich) noch treffender gewesen.
»Nicht ich, meine Herren Richter, ein Toter spricht aus meinem Mund.« Das ist der erste Satz dieses ungewöhnlichen Buchs mit dem Titel Ich? aus dem Jahr 1926, welches dankenswerter Weise nach fast einhundert Jahren wieder neu aufgelegt wurde. Es beginnt 1918 mit dem Ende des Krieges. Der Feldwebel Wilhelm Bettuch stolperte während des Rückzugs über die Leiche eines Doktor Hans Stern, eines »Gebildeten«. Fast ein bisschen schadenfroh, dass er, der Bäcker, im Gegensatz zum Arzt den Krieg überlebt hatte, nahm er den Pass des Toten reflexhaft an sich und schlüpfte mehr zerstreut als vorsätzlich geplant in die Rolle des Toten. Und so ertappte er sich dabei, nicht nach Frankfurt zurück zu fahren, zur Bäckerei seiner Mutter, sondern nach Berlin, wo Dr. Stern als Chirurg praktizierte und mit Frau Grete, dem kleinen Sohn und Hund Nero lebte.
Wie selbstverständlich wurde Wilhelm von Grete als Hans freudig empfangen und »ein blauer Strahl von unsäglicher Zärtlichkeit glänzte aus ihren Augen, und während Träne auf Träne unaufhaltsam über die Wange tropfte, öffneten sich die Lippen feucht und weich zu unlöslichem Kuss.« Er kann sein Glück nicht fassen, »es war alles Traum, ein Glück wie in der Luft, das gab es, man durfte nicht aufwachen, man musste sehr leise sein«. Er, der in der Schule unter seinem Namen gelitten hatte (»…in der Pause standen sie um mich, zogen mich an der Hose, an der Jacke, am Hemd. Bettuch, Tüchlein!«), gibt sich dieser wunderbaren Frau hin, die ihn liebt, »ich kann doch nichts dafür, dass ich schwach bin, dass ich sie liebe, ja, damals schon, sofort, ich sah ihr Gesicht und liebte sie und hatte keine Kraft, ihr zu sagen, dass ich es ja gar nicht war, dass sie einen anderen meinte mit ihren Küssen, einen andern liebte, einen andern, einen andern!«
Auch der stille Verehrer Gretes, Staatsanwalt Sven Borges, und die Freundin der Familie, Bussy Sandor, bemerkten nicht, dass ihnen ein anderer gegenüber stand. Nur der Hund biss ihn zur Begrüßung ins Bein. Insgesamt fügt sich Wilhelm problemlos ein. Nur manchmal kommt er sich wie Kaspar Hauser vor, »aus einem dunklen Keller, ich sehe Licht zum ersten Mal, zum ersten Mal einen Baum, eine Wolke, einen Stein, einen anderen Menschen, eine Frau, meine Frau, die Erinnerung kommt ganz langsam, man muss mir sehr viel Zeit lassen, ich bin wie krank, ich sehe alles ganz neu, ich erlebe alles zum ersten Mal.« In Bezug auf Grete entwickelt er, wie er erfährt, eine ähnliche Eifersucht wie Hans. Und er entdeckt »hinter der weißen Stirn« seiner Frau ihre »kleine Seele, krank«, sie »blutet aus tausend Wunden.« Groß die Überraschung als Bussy ihn in einem stillen Augenblick heimlich zu sich bestellte: Der Herr Doktor hatte ein Verhältnis mit ihr.
Auch als Arzt kam Wilhelm überraschend gut zurecht. Er nahm nach seiner Rückkehr die Arbeit sofort wieder auf, führte sogar eine Blinddarmoperation durch, freilich nicht ohne darüber nachzudenken, warum es diesen unnützen Appendix überhaupt gibt. Man setzt ihn als Gerichtsgutachter ein, schickt eine Blutprobe. Es soll untersucht werden, ob das Blut von der Angeklagten stammt oder, wie diese behauptet, von einem Hund. Mord oder Unfall? Eine einfache Untersuchung; er weiß sofort, was zu tun ist. Und das Ergebnis ist eindeutig.
Als er den Gerichtssaal betrat, staunte er nicht schlecht: Die Angeklagte war Emma Bettuch, seine Schwester, auch sie erkannte ihn, seinen Bruder, nicht und dieser hörte ihre Geschichte, ihre Reise nach Berlin, um Geld für die kranke Mutter zu verdienen, die Anstellung als Dienstmagd, die Aussicht, noch mehr als den Lohn zu erhalten, wenn sie sich dem Gutsherren hingeben sollte, was sie tat, »sie war beschmutzt, entehrt«, aber »es gab kein Geld«, und dann ihre Geschichte von diesem Hund, der den Mann in die Kehle gebissen hätte. Wilhelm/Hans wusste es besser, er wusste, es war Mord, aber er sagt etwas anderes, der Staatsanwalt, Sven Borges, der sich als Freund eingeschmeichelt hatte, gerät in Rage, aber »es ist alles gut, das Mädchen ist frei, sie geht schwankend hinaus, Emmchen, im Vorbeigleiten sehe ich ihre Züge, sie blickt mich an, sieht sie mich, mich, mich selbst?«
Einige unmassgebliche Bemerkungen zu Thomas Meaneys Thesen über die Bedeutungslosigkeit der zeitgenössischen deutschen Literatur
Man horcht auf. Schließlich ist von einem unausgesprochenen Skandal die Rede. »Das wirtschaftlich bedeutendste Land des Kontinents leidet sowohl an mangelndem literarischem Ehrgeiz als auch an mangelnder Präsenz. Jeder weiß, dass die Erben der Sprache von Kafka, Brecht und Mann heute so wenig gelesen werden wie seit Jahrzehnten nicht mehr.»1
Thomas Meaney liest im Vorwort der aktuellen Ausgabe des britischen »Granta«-Magazins der deutschen Literatur die Leviten. »Der letzte deutsche Schriftsteller, der einen größeren internationalen Durchbruch schaffte, war WG Sebald, der zwanzig Meilen von der österreichischen Grenze entfernt aufwuchs, die meiste Zeit seines Lebens in England lebte und sich selbst als Schüler von Peter Handke betrachtete.« Wie kann es sein, dass aus Österreich, der Schweiz und Rumänien (!)2 bessere deutsche respektive deutschsprachige Literatur geschrieben wurde? Meaney erklärt es dahingehend, dass die »führenden Persönlichkeiten« der österreichischen Nachkriegsliteratur »Ingeborg Bachmann, Thomas Bernhard, Peter Handke, Marlen Haushofer, Friederike Mayröcker, Elfriede Jelinek« sich nicht von ihren Vorläufern der Moderne (Kafka, Musil, Doderer, Broch) abgeschnitten hätten wie die Deutschen. »Als Böll nach dem Krieg begann, Romane zu veröffentlichen«, war es, so Meaney, »als hätte es die Moderne nie gegeben.«
2012 glänzte Maja Haderlap mit Engel des Vergessens Leser und Kritik. Hier erschrieb eine Autorin mit Leichtigkeit und Strenge ein immergültiges Denkmal über ihren Vater, der Großmutter und zugleich den Kärntner Slowenen, diesen »vielfach Versehrten«. Das Buch beeindruckte in seiner Vielschichtigkeit als Dorf- und Landschaftserzählung, Bildungsroman, Geschichtsbeschreibung und spannte einen epischen Bogen in die Familie der Erzählerin. Und nun also, vielfach erwartet, ja ersehnt, nach mehr als zehn Jahren Nachtfrauen, der neue Roman.
Nachtfrauen ist in zwei Teile gegliedert. Der erste Teil, der ziemlich genau zwei Drittel des Buches einnimmt, erzählt aus personaler Sicht von Mira, die in heikler Mission zu ihrer Mutter nach Kärnten fährt. Mira ist Kärntner Slowenin, lebt aber seit ihrem Studium in Wien, wurde widerwillig zu einem »Stadtmenschen«. Sie arbeitet als Fachreferentin im Kulturbetrieb und ist verheiratet mit Martin, einem Lehrer. Das Paar ist kinderlos, die Ehe ist nicht spannungsfrei. Sporadisch besucht sie ihre Mutter. Ihr Vater, ein Waldarbeiter, kam bei der Arbeit ums Leben. Mira wurde hierfür eine Mitschuld gegeben. Der Tod des Vaters bzw. Ehemanns hat das Leben der Familie komplett verändert.
Anni, die Mutter, körperlich leicht gebrechlich, soll aus ihrem Haus in ein Heim umziehen, damit Franz, Miras Cousin, das Gebäude zu einer Tischlerwerkstatt umbauen kann. So wurde es beschlossen. Anni wehrt sich, formuliert Bedingungen, etwa, dass ihre Sammlung von Bauernwerkzeug vorher in ein Museum verbracht werden soll. Stanko, Miras Bruder, ist mit der Situation überfordert. Miras Besuch ist auf zwei Wochen angesetzt; es ist Frühling und bis Ende des Jahres soll der Auszug Annis stattgefunden haben. Es geht um Baugenehmigungen und Fristen.
Austrian Psycho ist ein Versuch, das intellektuelle Österreich von Jack Unterweger zu exorzieren.
»Alles ist Verwandlung.« So beginnt der Journalist und Publizist Malte Herwig seine Biographie Meister der Dämmerung über den Schriftsteller Peter Handke. Und er fügt hinzu: »Wer die Biographie eines Künstlers schreibt […], sollte sich eine Neugier auf die Metamorphosen bewahren, die zwischen Kunst und Welt hin- und herführen.« Herwigs Neugier beschränkt sich nicht nur auf Künstler wie Handke. Das Thema der »Verwandlung« ist der rote Faden in all den bisherigen größeren Recherchearbeiten Herwigs. Da sind die Flakhelfer, 17, 18jährige, die 1944/45 Mitglied in der NSDAP geworden waren, und dies, so das Ergebnis der Nachforschungen, mit ihrem ausdrücklichem Wunsch, da es keine »automatischen« Parteimitgliedschaften gab. Aber diese Menschen wurden nach 1945 zu Säulen der neuen, demokratischen und pluralistischen Bundesrepublik. Herwig wollte nicht die Lebensleistung dieser Leute diffamieren. Es ging um die Suche nach der Erklärung der Verwandlung von verblendeten Nazi-Anhängern zu Demokraten. Eine andere Metamorphose erlebte er bei der Picasso-Geliebten Françoise Gilot, die sich irgendwann dem vermeintlichen Genie als bloße Gespielin verweigert hatte, ihren eigenen Weg ging und eine angesehene Malerin wurde – trotz aller Anfechtungen und Ranküne aus dem Betrieb. Einige Jahre später konzipierte Herwig einen wunderbaren Podcast über die sogenannten Hitler-Tagebücher. Der Verwandlungskünstler hieß diesmal Konrad Kujau, der sich als imaginärer Adolf Hitler in eine Art Rausch geschrieben hatte. Aufklärerisch wollte dieser Betrüger nicht wirken, sondern nur sein Vermögen aufbessern. 2021 entdeckte Herwig die Verzauberungen des »Großen Kalanag« alias Helmut Schreiber, eines Magiers, der nicht nur die Varietés in Europa und Amerika, sondern auch seine Nazi-Sympathie als Alleinunterhalter bei der Familie Göring Weihnachten 1938 »verwandelte«.
Nun also der Frauenserienmörder Jack Unterweger. 2022 recherchierte Herwig für den insgesamt sechsstündigen Podcast »Jack. Gier frisst Schönheiten«. Auch hier beließ er es nicht bei den üblichen Erklärungen, die man in jeder True-Crime-Doku zu hören bekommt. Herwig besuchte die Heimatkeusche Unterwegers in Kärnten, fand Zeuginnen, die ihn kannten, mit ihm als Kind zusammenlebten. Er zitiert aus Briefen, Tagebuchaufzeichnungen, Unterwegers »Gedichten« (die zumeist Plagiate sind), seinem gefeierten Roman Fegefeuer und den anderen, weniger brillanten Büchern, die danach entstanden. Es gibt Originalmitschnitte aus Interviews mit Unterweger, den Reportagen und seinen Telefongesprächen mit der Ex-Verlobten. Er befragte ehemalige Geliebte, Ermittler, den stellvertretenden Gefängnisdirektor, der Unterweger immer durchschaute, dessen Urteil jedoch niemand hören wollte. Bei aller Faszination über die Verwandlungsfähigkeit Unterwegers, werden die Taten und deren Opfer nie vergessen. Vieles war neu, wie auch Elfriede Jelineks Sprachnachricht, in der sie fast fehlt, herauszubekommen, wer Fegefeuer wirklich geschrieben hat.
Mit Der letzte Sansevero liegt jetzt der fünfte und letzte Band der fiktiven Autobiographie des Giuliano di Sanservo des 1995 verstorbenen italienischen Autors Andrea Giovene vor. Es ist der Initiative des Übersetzers Moshe Kahn zu verdanken, dass dieses bemerkenswerte literarische Werk im Galiani Verlag wiederaufgelegt wurde.
Der fiktive Herzog Sansevero, 1903 geboren, Spross einer neapolitanischen Familie, wächst zusammen mit seinen Geschwistern in großbürgerlicher Atmosphäre auf. Eine Wand im Elternhaus zeigte den imposanten Stammbaum des Sansevero-Geschlechts, der bis ins 11. Jahrhundert zurückreichte. Bereits im ersten Band erinnert sich der Ich-Erzähler Giuliano rückwirkend an die kleinen Flecken und Abplatzungen am Stammbaum – sanfte Andeutung für den schleichenden Zerfall. Mit zehn Jahren endete Giulianos Kindheit (so der pathetische Befund) und er wird in eine Klosterschule verbracht. Unnahbarkeit und Kälte der Eltern bestimmen den Lebensweg des Jungen. Hinzu kommt, dass sich der Vater mit seinen Bauprojekten mutmaßlich verkalkuliert hatte. Irgendwann müssen die so stolz ausgestellten Antiquitäten verkauft werden; es droht der Bankrott. Einzig Onkel Gedeone, Staatsanwalt in Neapel, wird zum stetigen moralischen Anker, Ratgeber und Halt in Giulianos Leben.
Der letzte Band beginnt 1945 und endet mit dem letzten Eintrag Giulianos im September 1957, wenige Tage vor seinem Tod. In einem kurzen Anhang wird der Leser durch behördliche Briefe über einige offene Fragen aufgeklärt. So erfährt man, dass der sechs Jahre ältere Bruder Giulianos, Ferrante, kurz zuvor verstorben war. Da beide männlichen Nachkommen wie auch die Schwestern formal kinderlos blieben, ist die Familie nach 900 Jahren ausgestorben. Die Kinderlosigkeit wird im Laufe des Romans noch einmal befragt werden, freilich ohne endgültigen Befund.
Nach den Wirren des Krieges, die ausgiebig im vierten Band erzählt werden, kommt Giuliano wie fast immer eher zufällig in eine Position. Er wird Beamter in einem Ministerium und kümmert sich um die große Zahl der Kriegsflüchtlinge im Land. Die Behörde steht unter kommunistischer Ägide, was irgendwann zu Problemen führt, da Giuliano nicht Mitglied der Partei werden möchte. Hinzu kommt, dass seine Vorgesetzten die von ihm erfolgreich implementierten Maßnahmen für sich beanspruchen. Genau so plötzlich, wie dieses Ministerium entstand wurde es auch aufgelöst. Giuliano kehrt zum schon gebrechlichen Gedeone nach Neapel zurück und wird dort Redaktionsmitglied einer neu gegründeten Zeitung. Als im Mai 1949 der geliebte Onkel stirbt und der Herausgeber der Zeitung in den lokalen Politsumpf einzusinken droht, verlässt er Neapel, um in Guastalla so etwas wie seine Memoiren zu verfassen. Der Leser kann sich nun denken, dass er diese Memoiren in den ersten vier Bänden gelesen hat.
DER 3. MÄRZ 1992, Tagebucheintrag von Peter Stephan Jungk
Erwache am Dienstag, den 3.3., Mardi Gras, um 8h, mit einem sanften Hangover. Und kann kaum fassen, was ich da ANGEZETTELT habe: ich heirate Lillian.1 Und Lillian heiratet mich. Wozu eigentlich, denke ich, beim Erwachen. Und habe zugleich das Gefühl, daß dies der richtige Schritt ist, ein Schritt vor allem, der L.’s Angst vor dem Schreckgespenst FAMILIE abzubauen mithelfen wird. Oder verlieren wir durch die HEIRAT unsere Unschuld? Unser kindähnliches In-den-Tag-hinein-Leben, mit Augen, die dem Wunder begegnen, Tag für Tag. Nehmen wir uns etwas weg von dieser Reinheit? Oder vertiefen wir durch diese äußere Tat einen Bund, der ohnehin für’s Leben andauern soll? Ich weiß die Antwort noch nicht, schreibe diese Zeilen 1 Woche nach dem Tag, am 10.3., bin noch recht verwirrt, was das Geschehene betrifft, versuche noch, damit zurecht zu kommen, zweifle manchmal daran, das Richtige getan zu haben. Und L. scheint ähnlich zu denken. (…)
Wir erwarten Sylvia2 zum Frühstück, die nach halb 10h erscheint. Butterflies in meinem Bauch –. Habe den Eltern nichts gesagt, nur einmal angedeutet, daß wir die Eheschließung planen, als ich Mutter zu ihrem Geburtstag schrieb, im letzten August. (…) Um Viertel 11h dann Ankunft von Hanna3, die uns sehr schöne weiße Blumen in einem Erdtopf, sowie eine indische Überdecke für’s Bett, für’s Ehebett, überreicht…Sehr schön ist sie zurechtgemacht – und in guter Stimmung. Wir 4 fahren mit einem durchaus vornehmen Wagen zur Mairie4, ich hatte nämlich, in Anbetracht des schlimmen Zustands von unserem alten Auto, gestern Abend einen Wagen gemietet, Renault 25, eine richtige Limousine -.
Mein neuer Anzug paßt mir sensationell, auch L. ist bildschön, und der Wagen dazu, die bürgerliche Idylle par excellence — Im Rathaus dann meine doch beträchtliche Erregung, vor allem, da Peter5, um 10 vor 11h, noch nicht da ist – stammle unentwegt: wo ist mein Zeuge? Ich hab keinen Zeugen! Der schöne Saal, in dem wir verheiratet werden sollen – und ein Huissier6, der uns begrüßt, uns fragt, ob es unbedingt der Bürgermeister des 12. Bezirks sein muß, der die Zeremonie durchführt? Sagen nein, keineswegs — Dann taucht Peter auf, ganz außer Atem, aber besonders milde gestimmt, sehr überrascht, als er Hanna sieht, hatte ihm nichts davon gesagt – als wir aufgefädelt nebeneinander sitzen, im Salle de Mariage, gesteht er mir, in H. verliebt gewesen zu sein, vor rund 20 Jahren. Wir 5 sitzen da – und warten. Und warten. Um 11h15 werde ich schon etwas unruhig — aber um 11h20 betritt ein kleines, graues Männchen (Peter sagt später: ein von der Straße rasch herbeigeholter Straßenkehrer) mit breiter, rotblauweißer Schärpe um den Bauch, den Raum, begleitet vom Huissier und der jungen Schwarzen, die meinen Akt vor allem betreut hatte. (Als sie Peters Namen sah, als Zeuge, hatte sie mir erzählt, daß ihr Deutschprofessor immer von PH gesprochen habe…es war nämlich Georges-Arthur Goldschmidt7, den sie als Deutschprofessor hatte!)
Der Schriftsteller Georges-Arthur Goldschmidt ist der wichtigste Übersetzer Peter Handkes ins Französische und unterrichtete Jahrzehnte lang Deutsch an einem Pariser Gymnasium. ↩
Bericht von einer Schriftstellerversammlung
Es war vor vierzig Jahren, als ich das erste Mal eine Generalversammlung der GAV, der wichtigsten österreichischen Schriftstellervereinigung, besuchte. Besonders anziehend waren diese Versammlungen für mich offenbar nicht, denn ich kann mich nicht erinnern, eine weitere besucht zu haben. Dabei hatte ich damals, oder tags zuvor, ich weiß es nicht mehr genau, erinnere mich aber an die Reaktionen von Ernst Jandl, Franz Schuh und Marie-Thérèse Kerschbaumer – ich hatte einen kleinen Vortrag mit dem Titel »Realismus? Avantgarde?« (zwei Fragezeichen!) gehalten. Natürlich hatte meine Abwesenheit von der GAV auch mit meinen langen Auslandsaufenthalten zu tun.
Vierzig Jahre später, nach meiner (provisorischen) Rückkehr, war ich auf alles neugierig, sogar auf die GAV. Wie alle herkömmlichen kulturellen Milieus ist auch das Milieu der GAV überaltert. Doch immerhin sah ich eine Anzahl von jüngeren, mir unbekannten Gesichtern im Kellerraum der Alten Schmiede zu Wien. Generalversammlungen bestehen auch unter Schriftstellern aus Rechenschaftsberichten und Diskussionen über irgendein Procedere; hin und wieder scheint es aber doch zu Gesprächen zu kommen, die Inhaltliches, d. h. Literarisches, betreffen. Diesmal bedurfte es dazu eines Streits. Eines Richtungsstreits, so würde ich es nennen, hinter dem sich ein Generationenkonflikt verbirgt. Nicht mehr »Realismus? Avantgarde?« ist die Frage, sondern »Korrekt? Inkorrekt?« oder »Toleranz vs. Regulierung«, »Provokation vs. Anpassung« – ich könnte hier weitere Gegensatzpaare anführen.
Es ging um die Aufnahme eines Autors, dessen Name mir nichts sagte, in die GAV. Wie bei allen Vereinen muß der Autor, will er aufgenommen werden, dazu einen Antrag stellen. Eine Jury wertet den Antrag aus und gibt eine Empfehlung; die Generalversammlung entscheidet. In diesem Fall war die Jury gespalten, eine Stimme pro, zwei contra. Der Antrag war nicht sehr geschickt gestellt, der Autor hatte zwanzig Seiten eines zehn Jahre alten, in Buchform erschienenen Romans eingeschickt, aber keinen neueren Text. Aber darum ging es nicht und soll es auch hier nicht gehen. Die Begründung für das negative Urteil war: Rassismus. Nicht, daß man in dem betreffenden Autor einen Rassisten gesehen hätte; vielmehr wurde von der Jury mehrheitlich die Ansicht vertreten, heutzutage könne man rassistische Äußerungen, sei es auch in merklich kritischer Absicht, nicht unkommentiert in einen Roman einfügen. Als Beispiel wurde unter anderem, wenn ich mich recht entsinne, der im Text vorkommende, traditionsreiche Gastro-Begriff »Mohr im Hemd« gebracht. Heutzutage – in der Diskussion wurde dafürgehalten, vor zehn Jahren sei dies vielleicht noch akzeptabel gewesen; heute nicht mehr. Man müsse sich dem Zeitgeist anpassen: Das wurde nicht wörtlich gesagt, aber darauf lief es hinaus.
Die Abstimmung ging unentschieden aus, und da sich keine Mehrheit für den Autor ergeben hatte, wurde sein Ansuchen abgelehnt. Während der diskursiven Auseinandersetzung fand eine ältere Autorin (meine Generation!) die Argumente der antirassistischen Fraktion »unglaublich«, sprang auf und verließ den Raum. Fünf Minuten später kam sie zurück, sie hatte sich beruhigt; danach äußerte sie sich recht besonnen zum Thema. Ich selbst, eher ein Zaungast, sagte nichts, aber während der Diskussion erinnerte ich mich daran, daß ich wenige Tage zuvor in einem Reclam-Heftchen, Text von Ingeborg Bachmann, das Wort »Neger« gelesen hatte. Und daß man heutzutage Elfriede Jelinek nicht in die GAV aufnehmen würde, weil ihre Bücher voll von rassistischen und anderen Klischees sind, wenn auch in kritischer Absicht. (Die Wiedergabe von Klischees wurde von der Jury ebenfalls am Text des antragstellenden Autors beanstandet.) Auch dachte ich daran, daß der Schwarze Jim in Mark Twains Huckleberry Finn zigmal das Wort »Nigger« verwendet, um sich selbst zu bezeichnen. Aber gut, dieser Roman wurde vor 133 Jahren veröffentlicht, und die Zeiten ändern sich…
Bei der Abstimmung hob ich brav meine Hand. Am unentschiedenen Ausgang, also an der Ablehnung, änderte das nichts. In einem Salzburger Café, fiel mir noch ein, hatte ich unlängst einen »Mohr im Hemd« auf der Speisekarte gesehen. Aber den sollte man vielleicht canceln.