Am 12. Februar 1934 widersetzen sich in Linz Angehörige des verbotenen republikanischen Schutzbunds ihrer Entwaffnung: Der österreichische Bürgerkrieg beginnt. Ein Generalstreik bleibt aus, Polizei, Bundesheer und Heimwehr verhalten sich gegenüber dem austrofaschistischen Ständestaat loyal und solidarisieren sich nicht mit den Aufständischen – am 14. Februar bricht der Widerstand zusammen. Es starben mehrere hundert Menschen, Zivilisten und Angehörige der Exekutive – Gemeindebauten wurden durch Artillerie des Bundesheeres beschossen*. Nach den Ereignissen wird die Sozialdemokratische Arbeiterpartei verboten.
Euphemismen in der Politik – (III.) Stabilität
Die westlichen Demokratien und das Regime Mubarak haben eines gemeinsam: Beide haben Angst vor dem ägyptischen Volk. Die Bekenntnisse in den Sonntagsreden zu Demokratie, Freiheit und Menschenrechten verpuffen, wenn die Realpolitik übermächtig und »Stabilität« zum alleinentscheidenden politischen Kriterium wird. Die sorgenvollen Mienen bei der deutsch-israelischen Kabinettsitzung gestern sprechen Bände. Die USA und Israel wollen das System Mubarak erhalten. Vielleicht haben sie ihm ja eine Pille entwickelt, damit der 82jährige noch zwanzig oder dreißig Jahre lebt. Ihnen ist ein autokratischer Mubarak mit seiner »richtigen« Politik lieber als die Perspektive eines freien Landes. Als wäre es sicher, dass Ägypten wie weiland der Iran zum Gottesstaat wird (die Auguren sagen das Gegenteil).
Freund und Helfer
A.d.L.e.R: Aus dem Leben einer Rikschafahrerin – Nr. 8
Ohne Übertreibung kann man sagen, dass die Münchner Polizei auf dem Oktoberfest 2004 nichts weniger war, als unser treuer Freund und Helfer in der Not. Souverän und hilfsbereit waren die Einsatzbeamten wie zufällig immer in der Nähe wenn man sie brauchte, und so auch an jenem Freitagabend des Italienerwochenendes, als das Gebrüll eines Kollegen das allgemeine Höllentohuwabohu mühelos übertönte. Es war etwa gegen halb acht am Haupteingang. Der Kollege rannte um sein Fahrzeug herum, schrie wie am Spieß unverständliche Wortfetzen heraus, rammte die Fäuste abwechselnd in die Luft und gegen seine Schenkel und stampfte mit den Füßen auf, als wolle er sich die Knochen brechen. Während Kollegen ihn beruhigten, amüsierten sich in seinem Fahrzeug zwei ganz normale Wiesnbesucher, in diesem Falle zwei Franzosen um die dreißig. Andere Kolleginnen und Kollegen kamen angefahren, machten sich ein Bild von der Lage und fuhren weiter, Zeit war Geld und Krawall war normal, so dass viele Wiesnbesucher sich höchstens kurz nach uns umdrehten. Im Kampf gegen seine Verzweiflung gewann der Kollege allmählich die Oberhand, hörte auf, ums Fahrzeug zu rennen, sagte stoßweise an, was geschehen war, atmete schwer, fluchte.
Der deutsche Michael Moore
Einige bezeichnen Christoph Lütgert inzwischen als den deutschen Michael Moore. Es ist anzunehmen, dass dies als Kompliment gemeint ist; die Vorwürfe der Manipulation von Fakten gegenüber Moore sind ja im linksliberalen Mainstream nie mit der notwendigen Ernsthaftigkeit verfolgt worden. Lütgert hat vermutlich keine Fakten verbogen. Aber wie Moore geht er äußerst suggestiv vor und personalisiert gnadenlos seine Dokumentationen. Im Maschmeyer-Film vom 12. Januar erscheint Lütgert gefühlte 20 von 30 Minuten auf dem Bildschirm. Gesten erscheinen in Großaufnahme. Zum festen Bestandteil seiner längeren Filme gehört das Selbstgespräch, in dem er den Zustand der Welt im allgemeinen und im besonderen beklagt. Mal im leeren Fußballstadion von Hannover, mal auf der Straße. Es ist unmöglich, der Meinung Lütgerts in diesen Filmen zu entkommen. Sie ist immer schon da, wird breitgetreten und in jeder Szene unterstrichen – sei es optisch oder über den Kommentar; zumeist simultan. Sogar im Titel ist schon klar: Da sind die Bösen und Galahad Lütgert erklärt uns die Welt. Der Film über den Textildiscounter »KiK« im August 2010 heißt nicht nur »Die KiK-Story« sondern bekommt sofort ein Attribut dazu: »die miesen Methoden des Textildiscounters«. Beim Maschmeyer-Film ging man es etwas sanfter an und titelte nur »Der Drückerkönig und die Politik«. Dafür heißt es dann bedeutungsvoll zu Beginn des Films: »Schurke oder Edelmann«.
Zu Beginn seines Filmes über »KiK« und geht Lütgert einkaufen. Für noch nicht einmal 26 Euro ist er komplett eingekleidet – und wundert sich, wie sowas funktioniert. Er fliegt nach Bangladesch und besucht einen Betrieb, in dem Textilien für »KiK« genäht werden. Er beschäftigt sich mit den Arbeitsbedingungen, den Löhnen und besucht eine Arbeiterin. Deren Neffe liegt im Sterben; die Familie hat kein Geld für eine Behandlung. Lütgert klagt »Das Kind stirbt«, unterdrückt mühsam seine Tränen und suggeriert, »KiK« hätte die Schuld, weil die Näherin zu schlecht bezahlt werde. (Das Kind stirbt dann nicht, sondern findet Behandlung.)
Das R‑Wort
A.d.L.e.R: Aus dem Leben einer Rikschafahrerin – Nr. 7
Ich stehe am Reichstag, es ist heiß, ich bin auf der Schattenseite unter den Bäumen, und neben mir ist ein ganz frischer Kollege, ein Lehramtstudent mit einem entsetzlichen Redebedürfnis. Es ist sein fünfter Arbeitstag, er hat das berühmte Anfängerglück und ist der Poesie dieses dreckigen Jobs restlos verfallen. Aus dem Reichstag heraus wälzt sich die Rampe herunter eine Busladung butterfahrender Seniorinnen und Senioren in beige und pastell, überquert unter Lebensgefahr die Scheidemannstraße zu uns herüber und marschiert weiter in Richtung Tor. Die müssen zum Bus. Als die Gruppe vorüber ist und der Kollege mit mir bespricht, was eben geschah, kommt ein Paar heran.
Tyrannei der Entspannung? Eine Replik auf Florian Illies.
Muße. Sieht man sich dieses angestaubte, veraltete Wort einmal genau an, dann erkennt man eine Subversivität, die in der Entspannung bereits beschnitten ist, weil sie zu dicht an die Widersprüche, Missverständnisse und Verirrungen unserer Tage heran reicht. Florian Illies sieht diese Verhältnisse, ihre „kapitalistischen“ Bedingungen, aber er verlässt sie nicht, und deutet einen Gegenentwurf, wenn überhaupt, nur vage an.
Sterne betrachten
A.d.L.e.R: Aus dem Leben einer Rikschafahrerin – Nr. 6
Ich muss hier weg. Mein Fahrzeug schlägt Wurzeln. In mir macht sich eine Starre breit. Alles bewegt sich, nur ich nicht. Leute auf den Freitreppen von Dom und Altem Museum, Leute im Lustgarten, Radfahrer, Fußgänger, Autos. Die Ampel, ein Stundenglas. Halten-Warten-Weiterfahren, gehen, stolpern, Baggi schieben, Tüten schleppen, Stadtplan lesen, Fotos machen, alles bewegt sich, bloß ich nicht. Ob es mir heute so gehen wird wie der Kollegin, die neulich insgesamt fünf Stunden an zwei Standplätzen gestanden hat, ohne dass irgendwer hätte einsteigen wollen, die daraufhin reingefahren und zehn Meter vor der Garage von zwei charmanten Damen angehalten worden ist und dann mit denen drei Stunden spazieren fuhr und hinterher zum Essen eingeladen wurde? Man darf so etwas nicht erwarten, so etwas tritt grundsätzlich nur unerwartet ein. Ich muss also an etwas anderes denken. Zum Glück sind heute die Panflötenterroristen nicht da. Mir fällt, ob ich es will oder nicht, die schwäbische Familie von vorhin wieder ein.
Roger Willemsen: Die Enden der Welt

Von Blaise Pascal sind zwei Aussprüche über das Reisen überliefert. Zunächst der Leitspruch aller Reisemuffel: »Alles Unheil der Menschen kommt daher, daß sie nicht ruhig zu Hause bleiben können«. Und schließlich das heimliche Motto all jener Fotografien bzw. Videofilmer, die Zuhausegebliebene gelegentlich an den Rand des Wahnsinns treiben oder getrieben haben: »Allein aus Freude am Sehen und ohne Hoffnung, seine Eindrücke und Erlebnisse mitteilen zu dürfefn, würde niemand über das Meer fahren.« Der erste Satz ist zu trivial, dass er von Roger Willemsen in seinem Erzählungsband »Die Enden der Welt« Verwendung finden könnte und findet allenfalls noch einem Begleitschreiben wie diesem Verwendung. Und der zweite Satz wäre in Anbetracht der Güte der Reisebeobachtungen, ‑impressionen, und ‑reflexionen dieses Buches eine Unverschämtheit gegenüber dem Autor.
22 Reiseerzählungen aus dreißig Jahren sind hier versammelt. So unterschiedlich sie sind – ihre Klammer ist die Suche, die sich im Titel manifestiert: Die Suche nach dem/den Ende/n der Welt; einem Platz, der dann vielleicht der Ort zum Wirklich-Werden ist. Manchmal fragt sich der Leser: Hat er es nicht diesmal gefunden? In Patagonien, Isafjördur oder Timbuktu? In der Klaustrophobie der Weite auf Tonga? Oder vielleicht am Nordpol oder auf Kamtschatka?