Ty­ran­nei der Ent­span­nung? Ei­ne Re­plik auf Flo­ri­an Il­lies.

Mu­ße. Sieht man sich die­ses an­ge­staub­te, ver­al­te­te Wort ein­mal ge­nau an, dann er­kennt man ei­ne Sub­ver­si­vi­tät, die in der Ent­span­nung be­reits be­schnit­ten ist, weil sie zu dicht an die Wi­der­sprü­che, Miss­ver­ständ­nis­se und Ver­ir­run­gen un­se­rer Ta­ge her­an reicht. Flo­ri­an Il­lies sieht die­se Ver­hält­nis­se, ih­re „ka­pi­ta­li­sti­schen“ Be­din­gun­gen, aber er ver­lässt sie nicht, und deu­tet ei­nen Ge­gen­ent­wurf, wenn über­haupt, nur va­ge an.


Mu­ße ist oh­ne ei­ne be­stimm­te Art von Ent­span­nung, ei­ner Ab­lö­sung nicht mög­lich, aber zu­gleich geht sie weit über die­se hin­aus, weil sie kei­nen äu­ße­ren Be­zugs­punkt kennt: Man ent­spannt sich im­mer von et­was, Mu­ße hin­ge­gen meint ei­ne Zeit, die als Maß nur sich selbst kennt. Das Sub­ver­si­ve an ihr ist, dass sie die Zweck- und Nut­zen­ra­tio­na­li­sie­rung von „Ka­pi­ta­lis­mus“ und Mo­der­ne durch­bricht, und ih­re Wer­te und Ge­wich­tun­gen selbst setzt – Mu­ße ist die Wahr­nah­me und Be­wah­rung von Frei­heit; Mu­ße ent­zieht sich al­ler Ver­füg­bar­keit, weil sie auch im­mer be­deu­tet nichts (ziel­ge­rich­te­tes) tun zu kön­nen.
Für die Ent­span­nung ist die Dienst­bar­keit we­sens­mä­ßig, der Mü­ßig­gän­ger hin­ge­gen ist fä­hig et­was um sei­ner selbst wil­len zu tun; der­je­ni­ge, der sich ent­spannt, ent­wer­tet sei­ne Tä­tig­keit da­durch, dass sie nicht für sich selbst ste­hen darf, und die Rück­kehr schon ver­pflich­tend ent­hält: Kann man ei­nen Mu­si­ker, auch oder ge­ra­de ei­nen Di­let­tan­ten, grö­ber ver­let­zen, als durch die An­nah­me, dass sein Spiel vor al­lem sei­ner Ent­span­nung dient?

Mu­ße ist die Zeit, in der wir kei­nen vor­ge­ge­be­nen Takt mehr füh­len oder auf­spü­ren kön­nen: An­statt in der Stra­ßen­bahn Zei­tung zu le­sen, ein­mal zum Fen­ster hin­aus­zu­se­hen, die Ge­dan­ken ver­fol­gen die sich ein­stel­len, und kei­ne zu su­chen, falls sie das nicht tun, ist et­was ähn­li­ches wie Ent­span­nung, weil Ge­trie­ben­heit und Zwang zer­fal­len, aber sie wer­den nur über­schrit­ten, wenn sie um et­was an­de­res Wil­len tat­säch­lich auf­ge­ge­ben wer­den, und nicht als Dro­hung er­hal­ten blei­ben. Ein Spa­zier­gän­ger lässt al­les um ihn be­din­gungs­los sein: Er sieht es an, ver­weilt, geht ziel­los wei­ter, lässt die Zeit ver­strei­chen, und sieht ihr da­bei zu. Und auch die Ge­müt­lich­keit, die Il­lies in die Nä­he der Ent­span­nung rückt*, ist ei­gent­lich et­was an­de­res: Ein ge­müt­lich ver­brach­ter Abend steht für sich, und ist durch sich ge­recht­fer­tigt.

Die Ty­ran­nei der Ent­span­nung ist kei­ne, so­fern man er­kannt hat, dass sie den Wert des an­de­ren nicht ak­zep­tie­ren kann, son­dern im­mer in ih­ren Dienst stellt – der „Ka­pi­ta­lis­mus“ nutzt hier le­dig­lich, was sei­nem We­sen ent­spricht. Es wird da­her kaum je­mand über­ra­schen, dass die be­triebs­in­tern ver­ord­ne­ten Ent­span­nungs­se­mi­na­re, vor al­lem dem Be­trieb die­nen. Ent­span­nung kann nicht Teil des Le­bens wer­den, zu­min­dest kei­nes, das ei­nen an­de­ren Wert als Nut­zen und Zweck kennt – „Mach dir kei­nen Stress“ und „Ent­spann dich!“ sind lo­gisch fol­ge­rich­tig, und kei­ne ty­ran­ni­schen Im­pe­ra­ti­ve (je­den­falls dann nicht, wenn da­mit die Er­war­tung ver­bun­den sein soll, dass die Ent­span­nung auch an­de­res könn­te): Wenn wir das oder ähn­li­ches flos­kel­haft un­se­ren Freun­den oder Be­kann­ten wün­schen, dann steckt dar­in viel­leicht ei­ne Ah­nung da­von, was Stress und Ge­trie­ben­heit an­rich­ten, wie sie das freie Spiel, Krea­ti­vi­tät, Ein­fall, und Neu­heit ver­hin­dern, die ge­ra­de­zu das Ge­gen­teil ver­lan­gen: Die Ab­we­sen­heit ei­ner kla­ren Vor­ga­be und Rich­tung.

Von der Ent­span­nung ist da­her nichts an­de­res zu er­war­ten, als ein not­wen­di­ger Be­stand­teil des Op­ti­mie­rungs­pro­zes­ses der Lei­stungs­ge­sell­schaft und al­ler pri­va­ten und be­ruf­li­chen Be­zie­hun­gen zu sein – hier­an kann ei­gent­lich nur das Wort pri­vat ver­wun­dern. Ent­span­nung ist im­mer nur ein schein­ba­rer Aus­stieg, sie ist falsch, weil sie sich selbst im Aus­stieg noch an das bin­det, was sie ei­gent­lich ver­las­sen will, und als Sehn­sucht er­kennt sie zu al­lem Un­glück noch das Un­be­frie­di­gen­de als be­din­gungs­los not­wen­dig an. Sie ist ei­ne be­fan­gen blei­ben­de Flucht, ei­ne tem­po­rä­re Lö­sung, ei­ne Sym­ptom­be­kämp­fung, und nur die Mu­ße ist fä­hig, ei­nen da­von un­ab­hän­gi­gen Wert, ein Kon­tra zu set­zen, das vor ei­ner Ver­ein­nah­mung durch die Ar­beits­pro­zes­se schützt, und ei­ne an­de­re Er­fah­rung der Welt er­mög­licht.

* * *

* Hier bin ich mir nicht si­cher, ob Il­lies tat­säch­lich Ge­müt­lich­keit oder bloß ei­ne falsch ver­stan­de­ne meint.

Kur­siv ge­setz­te Stel­len stam­men aus dem oben ver­link­ten Ar­ti­kel.

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12 Kommentare zu »Ty­ran­nei der Ent­span­nung? Ei­ne Re­plik auf Flo­ri­an Il­lies.«:

  1. Il­lies ver­läßt ja die Feuil­le­ton-Re­dak­ti­on der ZEIT. Und nach die­sem Ar­ti­kel bin ich – wie­der – mal der Mei­nung: End­lich und »Gott sei Dank«. Denn was ist das für ein Zeit­geist­ge­schreib­sel da? Er zi­tiert »Bri­git­te«, den »stern« und »Psy­cho­lo­gie heu­te«. Das ist et­wa so, als be­rie­fe sich ein Kli­nik­arzt bei ei­nem ge­sund­heit­li­chen Phä­no­men mit des­sen Be­hand­lung iauf die Apo­the­ker-Um­schau. Gut, nach­her kommt noch der Haus­gott Ador­no. Di­rekt nach Lo­ri­ot. Als hät­te Ador­no 1969 schon die Ge­sell­schaft von 2010 er­ahnt – Ill­lies schreibt am An­fang sel­ber, dass das gar nicht hät­te sein kön­nen.

    Der Ar­ti­kel ist schlecht, die The­se – wir be­fän­den uns im asia­ti­schen Zeit­al­ter – in An­be­tracht der An­gli­zis­men schon von sich aus schon ein Blöd­sinn. Die Un­ter­schei­dung der kom­mer­zi­ell ver­ord­ne­ten »Ent­span­nung« zur Mu­ße kommt bei ihm nicht vor.

    In­so­fern bin ich froh um die­sen Ar­ti­kel und dan­ke Me­tep­si­lo­n­e­ma. Da­mit hat »Be­gleit­schrei­ben« das Ni­veau der ZEIT be­quem über­bo­ten.

    #1

  2. Phorkyas sagt:

    Hart ins Ge­richt
    ge­hen Sie da aber mit Ar­ti­kel und Au­tor. Viel­leicht aber zu recht. Zwar möch­te ich ein­wen­den, dass es ja im­mer­hin der Ver­such ei­ner Zeit­geist­kri­tik ist, aber die kratzt so sehr an der Ober­flä­che, dass sie schon Be­ja­hung ist (Was ich in ei­nem Ar­ti­kel aber auch ger­ne Slo­ter­di­jk und Zi­zek un­ter­stellt hät­te; denn auch wenn die bei­den schon grö­ße­re Ge­dan­ken­ge­bäu­de durch­mes­sen, sind’s doch rech­te Zeit­geist­be­feue­rer, wie mir manch­mal scheint...)

    Viel­leicht schon sym­pto­ma­tisch für so man­ches in der Zeit? Ich ha­be mich ver­lei­ten las­sen bei ei­nem Ar­ti­kel über Haw­king mit­zu­dis­ku­tie­ren (http://www.zeit.de/2011/01/P-Hawking) – aber der Ar­ti­kel wä­re es ei­gent­lich nicht Wert ge­we­sen, denn auch der be­gnügt sich da­mit ein paar po­le­mi­sche Brocken zum Ver­hält­nis Re­li­gi­on und Wis­sen­schaft in die Ma­ne­ge zu wer­fen und zu hof­fen, dass die Kom­men­ta­to­ren an­ge­lockt sich auch ge­hö­rig klop­pen (zu­min­dest bin ich auch fast gar nicht auf den Ar­ti­kel ein­ge­gan­gen, aber das ist auch das ein­zi­ge, dass ich mir zu­gu­te hal­ten könn­te).

    Bei­de The­men fin­de ich zu wich­tig, als dass sie so ver­han­delt ge­hö­ren. Me­tep­si­lo­n­e­mas An­satz fand ich schon sehr gut. Be­son­ders dass Mu­ße ein ei­ge­nes Zeit­maß for­dert und da­mit sub­ver­siv wird – sehr schön. Da­mit ist die Mo­ra­wi­sche Nacht wohl auch schon ein sehr sub­ver­si­ves Buch, at­te­stiert der(?) Er­zäh­ler uns doch ei­ne »Zeit­krank­heit«.. und die Poe­sie oder Kunst oder was re­kla­miert eben­falls ihr ei­ge­nes Zeit­maß (nun die Re­fle­xio­nen über die Zeit sind et­was viel­fäl­ti­ger und ehe ich noch et­was Fal­sches er­zäh­le..)

    #2

  3. @Gregor/Phorkyas
    Zu­nächst ein­mal dan­ke für die Blu­men. Ich ha­be Il­lies Ar­ti­kel zwei­mal ge­le­sen, und spä­te­stens nach dem zwei­ten Mal hat­te ich ei­nen sehr ähn­li­chen Ein­druck: Ei­gent­lich ist das er­schreckend schlecht, halb­gar, und un­ge­nü­gend durch­dacht, wo­bei der Au­tor das mit Si­cher­heit bes­ser könn­te (und das fin­de ich schlim­mer als Bri­git­te-Zi­ta­te oder die selt­sam an­mu­ten­de Nä­he von Ador­no und Lo­ri­ot).

    Na­tür­lich ist das ver­such­te Zeit­kri­tik, und ge­ra­de des­halb wiegt es – wie be­reits rich­tig fest­ge­stellt – dop­pelt schwer.

    #3

  4. Il­lies kri­ti­siert den Zeit­geist mit dem glei­chen Vo­ka­bu­lar, wie der Zeit­geist sel­ber agi(ti)ert. Er fin­det we­der ei­ne ei­ge­ne Spra­che noch ei­nen ei­ge­nen Ge­dan­ken. Well­ness-Wo­chen­en­den auf die­sem Ni­veau zu »kri­ti­sie­ren« kann in­zwi­schen je­der Gym­na­si­ast. Und ja: Na­tür­lich ist die »Ent­span­nungs­in­du­strie« längt ver­dor­e­ben und durch­kom­mer­zia­li­siert. Aber nur weil es Eso­te­rik­bü­cher und Ro­sa­mun­de Pil­cher gibt, kommt kei­ner auf die Idee, das Buch ge­ne­rell ab­zu­leh­nen.

    @ Phor­kyas: Slo­ter­di­jk und Zi­zek in ei­nen Topf mit F. I. zu zu stecken, fin­de ich nicht an­ge­mes­sen. Na­tür­lich spit­zen bei­de zu, aber es exi­stiert – we­nig­stens bei Slo­ter­di­jk – ein Sprach­ver­mö­gen, ei­ne Fa­bu­lier­lust, ei­ne Pro­vo­ka­ti­ons­lust, die durch­aus über das blo­ße jour­na­li­sti­sche Bashing hin­aus­ragt.

    Den Ka­e­ser-Ar­ti­kel kommt mir arg hoch­nä­sig vor, ob­wohl ich dem Au­tor sei­ne Be­le­sen­heit ei­gent­lich nicht ab­neh­me. Oh­ne die An­ge­le­gen­heit ge­nau­er zu ken­nen (vor al­lem Haw­kings Buch): Hier passt je­man­dem die The­se des Au­tors nicht, wes­we­gen dann am En­de so­gar ver­sucht wird, den Au­tor zu dis­kre­di­tie­ren. Im­mer­hin reicht das für über 360 Kom­men­ta­re...

    #4

  5. Phorkyas sagt:

    Gym­na­si­asten
    Un­ter­schaet­zen Sie mir die Gym­na­si­asten nicht – ich traue­re mitt­ler­wei­le mei­ner Gym­na­si­asten­zeit nach: da hat­te ich noch Ide­en, Po­ten­ti­al, be­reit in­tel­lek­tu­el­le Wei­ten zu er­for­schen schien noch al­les moeg­lich, jetzt traue ich mich nur noch mei­nen Du­enn­pfiff in Kom­men­ta­ren zu ver­brei­ten, denn bei ei­ge­nen Tex­ten und Ge­dan­ken kommt es mir gleich un­zu­rei­chend, ver­korkst vor.. und wahr­schein­lich hat es eh schon je­mand ge­schrie­ben.

    Dass man das glei­che Vo­ka­bu­lar ver­wen­det, das ha­et­te ja auch ge­ziel­te De­kon­struk­ti­on sein ko­en­nen,.. aber da­zu ge­reicht es hier si­cher­lich nicht (da schon eher bei dem vom Um­bla­et­te­rer pra­emier­ten Ver­riss von Ste­phan Maus, 2005?).

    Ich woll­te auch nicht so sehr F.I. mit Slo­ter­di­jk und Zi­zek in ei­nen Topf stecken, eher die letz­ten bei­den (ob die­ser Ver­gleich ir­gend­was bringt, weiss ich noch nicht, von letz­te­rem ha­be ich bis­her nur ei­nen Text ge­le­sen, aber den fand ich so un­ter­ir­disch – wenn auch auf ho­hem sprach­li­chem und auch Pro­vo­ka­ti­ons­ni­va­eu – dass ich mich zu ei­ner Ant­wort ge­dra­engt se­he).

    Viel­leicht woll­te der Il­lies-Ar­ti­kel auch pro­vo­zie­ren, wach­ruet­teln. Dass dem Ka­e­ser-Ar­ti­kel aber ei­ne sol­che Kom­men­tar­flut be­schert ist und Il­lies’ nicht, zeigt wohl nur, dass es nichts mit der Qua­li­ta­et der Ar­ti­kel zu tun hat, son­dern, dass man ge­ra­de zur rech­ten Zeit, das rich­ti­ge The­ma an­piekst? (Wo­bei das mit Re­li­gi­on vs. Wis­sen­schaft doch auch schon ziem­lich aus­ge­lutscht sein mu­ess­te, aber ge­ra­de fu­er In­ter­net­dis­kus­sio­nen gibt es wohl im­mer noch ge­nue­gend Leu­te, die auf den to­ten Klep­per Re­li­gi­on noch ein­dre­schen wol­len?)

    Was die Kri­tik an un­se­rem Um­gang mit der Zeit an­geht, woll­te ich schon Mi­cha­el En­des »Mo­mo« ins Fel­de fueh­ren, auch wenn das.. nicht ’sa­tis­fak­ti­ons­fa­e­hig’ er­schie­ne, fu­er mich drueckt es die­se ein­fa­che, kla­re Wahr­heit im­mer noch aus: dass man sich dem all­ge­mei­nen Zeit­dik­tat von im­mer schnel­ler, im­mer ef­fi­zi­en­ter ent­zie­hen muss – und dass es ei­gent­lich sehr ein­fach wae­re: gar nicht auf die Zeit zu ach­ten, sie mit an­de­ren Men­schen (er­za­eh­lend, spie­lend) ver­brin­gen, (in Mu­sse),.. dass sie wie­der ihr ei­ge­nes, rech­te Mass er­hal­te.

    #5

  6. In­ter­es­sant!
    Im »Gym­na­si­um« schlief ich noch, und was mei­ne Tex­te be­trifft, die brau­chen im­mer viel Zeit, und ei­nen Gä­rungs­pro­zess – viel­leicht bei Dir auch?

    Ob je­mand schon ähn­li­ches ge­schrie­ben hat, ist nicht so wich­tig, weil das, was dem ei­ge­nen Hirn ent­stammt, nach­hal­ti­ger in die­sem bleibt, man oh­ne­hin nicht al­les le­sen kann, und man da­bei et­was an­de­res lernt; – au­ßer­dem ist es ein un­heim­li­ches Ver­gnü­gen, im­mer wie­der!

    Kom­men­ta­re, und öf­fent­li­che Er­re­gung fin­den sich meist dort, wo man sich her­aus­ge­for­dert fühlt, das ist ja der Jam­mer, manch­mal zu­min­dest, denn die Auf­merk­sam­keit hef­tet sich an die fal­schen Adres­sa­ten, und Dis­kus­sio­nen.

    Zi­zek ru­dert mir in sei­nen Ar­ti­keln zu viel her­um, Buch ha­be ich von ihm noch kei­nes ge­le­sen, und die er­ste Be­geg­nung über­haupt, war lu­sti­ger Wei­se ein Vor­trag, den ich in ganz gu­ter Er­in­ne­rung be­hal­ten ha­be. Re­li­gi­on und Wis­sen­schaft zie­hen im­mer, weil sie mit ei­ner tief lie­gen­de Ebe­ne ver­bun­den sind, die für Mensch- und Welt­bild ei­ne gro­ße Be­deu­tung hat.

    Mo­mo ist jetzt tat­säch­lich ei­ne Kind­heits­er­in­ne­rung. Ich wür­de da nicht so streng sein, und die Zeit­pro­ble­ma­tik ist ja tat­säch­lich nicht zu leug­nen.

    #6

  7. brsma sagt:

    @Keuschnig
    Mir scheint, Sie le­gen da ei­nen un­pas­sen­den Maß­stab an – schließ­lich ist die ZEIT ja kein Fach­jour­nal für Kul­tur­wis­sen­schaf­ten und Filo­so­fie oder, um die Arzt-Me­ta­fer auf­zu­neh­men, et­wa die «Lan­cet» son­dern nach wie vor ein mer­ku­ri­sches Me­di­um für die Mas­se (im ganz wert­neu­tra­len Sinn). Und wenn ich über ein Mas­sen­fä­no­men für eben­die­se schrei­ben will, sind «Bri­git­te», «Stern» und «Psy­cho­lo­gie heu­te» durch­aus va­li­de Be­zugs­grö­ßen und die ver­wen­de­te Spra­che inkl. des Vo­ka­bu­lars wä­re die­sem (un­ter­stell­ten) Zweck m. E. dann auch völ­lig an­ge­mes­sen. So viel Zeit (sic!), sich in ei­ner für Sie oder mich si­cher­lich in­tel­lek­tu­ell be­frie­di­ge­ren­den Tie­fe mit die­sem oder an­de­ren The­men aus­ein­an­der­zu­set­zen, ha­ben (oder neh­men) sich vie­le Le­ser zu­dem auch gar nicht – ob’s ei­nem ge­fällt oder nicht. Wo­zu al­so der Stan­des­dün­kel? Ein Jour­na­lis­mus, der nicht in der La­ge ist, mit sei­nen we­sent­li­chen Adres­sa­ten zu kom­mu­ni­zie­ren (und die hier ver­sam­mel­ten zäh­len m. E. eben _nicht_ da­zu), wä­re be­sten­falls au­ti­sti­sche Ona­nie. Ich bin in­so­fern durch­aus ein­ver­stan­den da­mit, dass das The­ma über­haupt erst­mal im Main­stream kri­tisch be­trach­tet wird, und zwar ge­ra­de in ei­nem für «Bri­git­te»-, «Stern»- oder «Spiegel»-Leser taug­li­chen Bou­le­vard-For­mat.

    Ab­ge­se­hen da­von: al­lei­ne die Tat­sa­che, dass wir uns hier dar­über un­ter­hal­ten, un­ter­schei­det den Il­lies-Ar­ti­kel mehr als deut­lich von der Kri­tik ir­gend­ei­nes Gym­na­si­asten, selbst wenn die­se in­tel­lek­tu­ell und(!) sprach­lich das sel­be Ni­veau be­sä­ßen.

    P.S.: ich tau­sche je­der­zeit das ge­sam­te mir be­kann­te Werk von Ador­no ge­gen ein paar Mi­nu­ten Lo­ri­ot. Nicht nur der Un­ter­hal­tung son­dern v.a. der Hal­tung, des Geists, des Hu­mors und der hoch­prä­zi­sen Be­ob­ach­tungs­ga­be we­gen. Von den we­ni­ger aus­ge­präg­ten Res­sen­ti­ments und ähn­li­chen Cha­rak­ter­schwä­chen ganz zu schwei­gen: man soll­te z. B. den Stock in Ador­nos an Ta­lent­lo­sig­keit ge­schei­ter­tem Kom­po­ni­sten­arsch nicht mit Rück­grat ver­wech­seln. ;-> Es ist höch­ste Zeit, die­sen Säu­len­hei­li­gen von sei­nem Sockel zu ho­len. Der wirk­lich gro­ße Den­ker die­ser Ge­nera­ti­on und sa­gen wir «Ka­te­go­rie» war m. E. eh Wal­ter Ben­ja­min. Aber der en­de­te nicht zu­letzt dank des ver­meint­li­chen Freun­des Ador­no nicht als hoch­ver­ehr­ter Pro­fes­sor in Frank­furt son­dern in Port Bou.

    #7

  8. @brmsa
    Ich weiß, der Kom­men­tar ging nicht an mich, ich möch­te aber trotz­dem kurz et­was da­zu schrei­ben: Jour­na­lis­mus rich­tet sich ge­ne­rell an die brei­te Mas­se, das ist ja sei­ne Auf­ga­be; aber da die Mas­se nicht ho­mo­gen ist, was Bil­dung, In­ter­es­se, Zeit, usw. be­trifft, wird man auch in­ner­halb des Jour­na­lis­mus be­stimm­te Ge­wich­tun­gen fin­den, ich glau­be dar­über muss man nicht strei­ten (ganz grob: Bild und Zeit sind nicht das­sel­be). Wor­an man ei­ne Zei­tung mes­sen kann, ist ihr An­spruch im All­ge­mei­nen (er­füllt sie ihn oder nicht) und die Qua­li­tät ei­nes Ar­ti­kels, die ja vom Schrei­ben­den ab­hängt, im spe­zi­el­len – da­zu tritt (not­wen­di­ger Wei­se) die sub­jek­ti­ve Er­war­tung des Le­sers (ei­ne Zei­tung die man ger­ne hat, be­ur­teilt man even­tu­ell so­gar här­ter, als an­de­re).

    Was mich am Il­lies Ar­ti­kel be­son­ders stört, ist, dass er nicht durch­dacht ist (oder sa­gen wir nicht zu En­de ge­dacht) – er bleibt m.E. ein­fach ir­gend­wo ste­hen, als hät­te er sich nicht die Zeit ge­nom­men. So et­was är­gert mich, weil da je­mand schreibt, der es kann, der es ge­lernt hat und täg­lich prak­ti­ziert und zu ei­nem Be­rufstand ge­hört, der sich sehr oft sehr ab­fäl­lig über schrei­ben­de Lai­en äu­ßert (mei­nes Wis­sens hat kei­ner der Au­toren hier ei­ne jour­na­li­sti­sche Aus­bil­dung, ein kul­tur­wis­sen­schaft­li­ches Stu­di­um oder ähn­li­ches – und kei­ner will fach­wis­sen­schaft­li­che An­sprü­che ver­tre­ten).

    Ge­gen ei­ne Main­stream­be­trach­tung spricht nichts, die Ge­fahr ist aber, dass das oft un­ter un­zu­läs­si­gen Sim­pli­fi­zie­run­gen oder an­de­ren Aus­rich­tun­gen (Un­ter­hal­tung) er­folgt (Talk­shows z.B.).

    Zu Ador­no, noch: Ich mag kei­ne Hei­lig­spre­chun­gen und Sockel­stür­ze, man soll­te ihn an dem mes­sen was er ge­schrie­ben oder ge­tan hat (wie auch im­mer dann das Ur­teil aus­fällt).

    #8

  9. @brmsa
    Den Satz zu Lo­ri­ot un­ter­schrei­be ich so­fort. Aber dann? Ador­no als »Säu­len­hei­li­gen« vom Sockel sto­ßen und dann Ben­ja­min auf­sit­zen las­sen. Das ist doch der­art ver­staub­tes In­tel­lek­tu­el­len-Mo­no­po­ly, dass man Mü­he hat, den Gähn­re­flex zu un­ter­drücken. Was kommt als Näch­stes? Hei­deg­ger vs. Jas­pers? Tho­mas vs. Hein­rich Mann? Oh ja, dar­auf hat die Welt ge­war­tet.

    Ich ver­ste­he, dass ei­nem die Lek­tü­re ei­nes Ge­nera­ti­on-Golf-Jup­pies nach dem gu­ten, al­ten lech­zen läßt. Das geht mir ähn­lich, weil ich ei­nes sol­chen Un­sinns längst über­drüs­sig bin zu le­sen. Da­her war ich froh, dass Me­tep­si­lo­n­e­ma sich dem ein­mal gründ­lich an­ge­nom­men hat. Ich kann da gar kei­nen Stan­des- oder son­sti­gen Dün­kel ent­decken.

    #9

  10. Phorkyas sagt:

    Dün­kel­ver­dunk­lung
    Lie­ber brs­ma, in ei­ni­gem möch­te ich Ih­nen zu­stim­men. Ih­re Ver­tei­di­gung von »Psy­cho­lo­gie heu­te« etc. hat­te ich selbst äu­ßern wol­len, es aber doch ver­ges­sen. Na­tür­lich je­dem Me­di­um sei­nen Adres­sa­ten,.. und es ist bei­spiels­wei­se schon ei­ne ge­wis­se Kunst­form die Jo­sef Jof­fe in sei­nen Glos­sen ent­wickelt, da sa­ge noch ei­ner Da­da sei tot. – Was soll schon dar­an ver­werf­lich sein, For­schungs­er­geb­nis­se po­pu­lä­rer zu ver­brei­ten... Nur die Form der Kom­ple­xi­täts­re­du­zie­rung soll­te die Nach­richt, den In­halt nicht zu sehr ent­stel­len (aber das fängt ja selbst schon bei wis­sen­schaft­li­chen Vor­trä­gen an, dass Din­ge so ver­kürzt wer­den, dass sie ei­gent­lich schon grund­falsch sind).

    Oh ja, In­tel­lek­tu­el­len-Ce­le­bri­ty-De­ath­match.. oder good old Mon­ty Py­thon:
    http://www.youtube.com/watch?v=i8ov2oNbkvo&feature=related

    Sockel oder nicht, das mag wohl je­der für sich ent­schei­den. Ich hab mich bei Herrn Ador­no präch­tig amü­siert – und nicht auf die pein­li­che Wei­se wie bei Jof­fe oder wenn ich nach ’ner Fla­sche Ro­ten auch end­lich den Hei­deg­ger raff.

    (@Keuschnig: Dem Dün­kel ent­kommt man wohl schwer­lich, schon wenn man selbst ir­gend­wel­che Wer­tun­gen vor­nimmt, die­sen Au­tor ab­straft, je­nen In­tel­lek­tu­el­len er­hebt, so könn­te es schon da­nach klin­gen – da muss ich auch mei­ne Kom­men­ta­re, auch die­sen ein­schlie­ßen – aber so­lan­ge man noch ar­gu­men­tiert, ist die Be­zeich­nung viel­leicht doch zu hart?)

    #10

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