Wie man po­li­ti­sche Grund­sät­ze und Mög­lich­kei­ten der Gunst des Au­gen­blicks op­fert

Am 12. Fe­bru­ar 1934 wi­der­set­zen sich in Linz An­ge­hö­ri­ge des ver­bo­te­nen re­pu­bli­ka­ni­schen Schutz­bunds ih­rer Ent­waff­nung: Der öster­rei­chi­sche Bür­ger­krieg be­ginnt. Ein Ge­ne­ral­streik bleibt aus, Po­li­zei, Bun­des­heer und Heim­wehr ver­hal­ten sich ge­gen­über dem au­stro­fa­schi­sti­schen Stän­de­staat loy­al und so­li­da­ri­sie­ren sich nicht mit den Auf­stän­di­schen – am 14. Fe­bru­ar bricht der Wi­der­stand zu­sam­men. Es star­ben meh­re­re hun­dert Men­schen, Zi­vi­li­sten und An­ge­hö­ri­ge der Exe­ku­ti­ve – Ge­mein­de­bau­ten wur­den durch Ar­til­le­rie des Bun­des­hee­res be­schos­sen*. Nach den Er­eig­nis­sen wird die So­zi­al­de­mo­kra­ti­sche Ar­bei­ter­par­tei ver­bo­ten.

Die all­ge­mei­ne Wehr­pflicht wird zwei Jah­re spä­ter, 1936, ein­ge­führt, das Bun­des­heer war zur Zeit des Bür­ger­kriegs ein Be­rufs­heer. Die Er­eig­nis­se blei­ben – völ­lig zu Recht – im Ge­dächt­nis der öster­rei­chi­schen So­zi­al­de­mo­kra­ten ver­wur­zelt und be­stim­men lan­ge Zeit ih­re Hal­tung zum öster­rei­chi­schen Bun­des­heer (der spä­te­re Bun­des­kanz­ler Bru­no Krei­sky be­fand sich un­ter den in die Tsche­cho­slo­wa­kei ge­flüch­te­ten So­zi­al­de­mo­kra­ten).

Am 3. Ju­li des Jah­res 2010 er­klärt der so­zi­al­de­mo­kra­ti­sche Ver­tei­di­gungs­mi­ni­ster Nor­bert Dara­bos ge­gen­über der Ti­ro­ler Ta­ges­zei­tung: Für mich ist die Wehr­pflicht in Stein ge­mei­ßelt. Mit mir als Ver­tei­di­gungs­mi­ni­ster wird es kein En­de der Wehr­pflicht ge­ben – ein mitt­ler­wei­le hin­läng­lich be­kann­ter Satz. Ge­gen En­de des Wie­ner Wahl­kampfs (Wahl­tag 10. Ok­to­ber 2010) „ent­deckt“ Mi­cha­el Häupl (Bür­ger­mei­ster Wiens, SPÖ) das The­ma Wehr­pflicht und spricht sich für ei­ne Volks­ab­stim­mung via Kro­nen­zei­tung aus, die das The­ma dann breit auf­greift. Dara­bos än­dert bald dar­auf – ge­deckt durch den Bun­des­kanz­ler Wer­ner Fay­mann, SPÖ – sei­ne Mei­nung und hält nun ein Be­rufs­heer für ge­eig­ne­ter. Der Ge­ne­ral­stabs­chef En­t­a­cher wi­der­spricht sei­nem Mi­ni­ster und wird ab­be­ru­fen; die ent­spre­chen­den Blät­ter, Öster­reich und Kro­nen­zei­tung, for­der­ten sei­nen Ab­lö­se – man han­del­te rasch.

Selbst­ver­ständ­lich darf man hi­sto­risch ge­wach­se­ne Selbst­ver­ständ­nis­se (nach reif­li­cher Über­le­gung) über Bord wer­fen, das muss kei­ne Ge­schichts­ver­ges­sen­heit sein oder kann nach aus­führ­li­cher Dis­kus­si­on und ge­än­der­ter Si­cher­heits­la­ge und/oder an­de­ren Grün­den ei­ne Ent­schei­dung über die all­ge­mei­ne Wehr­pflicht tref­fen, aber: Wo gab es ei­nen Pro­zess der Ent­schei­dungs­fin­dung, ei­ne öf­fent­li­che Dis­kus­si­on und war­um än­dert ein Mi­ni­ster so rasch und oh­ne Not sei­ne An­sich­ten?

Au­gen­fäl­lig ist, dass ei­ne der­art wich­ti­ge An­ge­le­gen­heit, der Gunst der Stun­de, dem kurz­fri­sti­gen Vor­teil, ei­ner Lau­ne oder was auch im­mer, ge­op­fert wird: An po­li­ti­scher Ge­stal­tung ist man, wenn über­haupt, nur am Ran­de in­ter­es­siert. Wie um­fang­reich die Pro­ble­ma­tik ist, wel­che De­tails hin­ein­spie­len und wie dif­fe­ren­ziert man über­le­gen kann, zeigt die­ses schö­ne In­ter­view (Vi­deo).

Was soll sich die Par­tei­ba­sis der SPÖ den­ken, wenn sol­che Grund­po­si­tio­nen (die dort wohl vor al­lem un­ter Äl­te­ren noch weit ver­brei­tet sein dürf­ten) ein­fach wie nas­se Hem­den ge­wech­selt und SPÖ-na­he Ge­ne­ral­stabs­chefs im Hand­um­dre­hen »ge­op­fert« wer­den (po­li­tisch auch nicht un­be­dingt klug, im öster­rei­chi­schen Bun­des­heer sind »ro­te« Ge­ne­rä­le nicht ge­ra­de zahl­reich). Und über­haupt, wenn man sei­ne An­sich­ten dar­stellt, wo­mög­lich weil man die Kehrt­wen­dung des ei­ge­nen Mi­ni­sters nicht nach­voll­zie­hen kann und dar­auf­hin hin­aus­ge­wor­fen wird, zeugt das von Schwä­che, ar­gu­men­ta­ti­ven Not­stand und ver­letzt das Grund­recht auf freie Mei­nungs­äu­ße­rung.

Und ich dach­te un­ser (ver­scho­be­ner) Bud­get­be­schluss war der Gip­fel der Selbst­auf­ga­be. Man kann das nur noch als Wäh­ler­ver­höh­nung be­zeich­nen; oder als Zu­rück­wei­sung ih­res Auf­trags – war­um soll­te man sich über­haupt noch mit Po­li­tik be­schäf­ti­gen?

* * *

* al­ler­dings hat man die Gra­na­ten zu­vor ma­ni­pu­liert, um Schä­den zu ver­mei­den – sie schlu­gen nur als Ge­schos­se ein und ex­plo­dier­ten nicht

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14 Kommentare zu »Wie man po­li­ti­sche Grund­sät­ze und Mög­lich­kei­ten der Gunst des Au­gen­blicks op­fert«:

  1. Fast hät­te ich ein we­nig bös­ar­tig ge­schrie­ben: Wenn in Deutsch­land jetzt die Wehr­pflicht aus­ge­setzt (!) wird, dann muss doch Öster­reich nach­zie­hen. Nein, das ist na­tür­lich Un­sinn. Sor­ry.

    Ernst­haft: Wel­che Grün­de ha­ben zu den Ge­sin­nungs­wech­sel ge­führt? In Deutsch­land wur­de das Aus­set­zen als »Re­form« ver­kauft; die Wehr­pflicht be­stand nur noch auf dem Pa­pier, es kam zu Un­ge­reimt­hei­ten und Un­ge­rech­tig­kei­ten. CDU/CSU ha­ben hier auch ei­ne Kehrt­wen­de um 180 Grad voll­zo­gen; be­son­ders auf­ge­regt hat dies nie­man­den, weil das Ver­hält­nis der Deut­schen zur Bun­des­wehr im­mer ein we­nig am­bi­va­lent war. Wel­che Grün­de lie­gen in Öster­reich vor? Das lie­be, bö­se Geld?

    Dann der m. E. wich­ti­ge Punkt: Die in­ner­par­tei­li­che und au­ßer­par­la­men­ta­ri­sche wie par­la­men­ta­ri­sche Dis­kus­si­on. Al­les das ver­misst Du. Mit Recht. Wo­bei man sich un­will­kür­lich fragt, ob De­mo­kra­tie (auch die in Deutsch­land) im­mer mehr zur Show­ver­an­stal­tung für sich un­an­greif­bar wäh­nen­de Po­lit­schau­spie­ler de­ge­ne­riert ist. Fast könn­te man glau­ben, das Schü­ren der Po­li­tik­gleich­gül­tig­keit ist ein ver­bor­ge­nes Ziel der po­li­ti­schen Klas­se. Pe­ter Slo­ter­di­jk hat das neu­lich sehr poin­tiert for­mu­liert: »In der re­prä­sen­ta­ti­ven De­mo­kra­tie wer­den Bür­ger in er­ster Li­nie als Lie­fe­ran­ten von Le­gi­ti­mi­tät für Re­gie­run­gen ge­braucht. Des­we­gen wer­den sie in weit­ma­schi­gen Ab­stän­den zur Aus­übung ih­res Wahl­rechts ein­ge­la­den. In der Zwi­schen­zeit kön­nen sie sich vor al­lem durch Pas­si­vi­tät nütz­lich ma­chen. Ih­re vor­nehm­ste Auf­ga­be be­steht dar­in, durch Schwei­gen Sy­stem­ver­trau­en aus­zu­drücken.« Er sum­miert, wie die Po­li­ti­ker das Volks ru­hig­stel­len:

    »Da­her ste­hen den Mo­der­nen nur zwei Aus­we­ge of­fen, von de­nen ei­ner öko­no­misch rui­nös, der an­de­re psy­cho­po­li­tisch un­be­re­chen­bar ist: die Bür­ger­aus­schal­tung durch Still­hal­te­prä­mi­en und die Bür­ger­läh­mung durch Re­si­gna­ti­on.«

    Am En­de ein klei­ner Trost: Kei­ne Re­gie­rung der Welt kann sich »im Zeit­al­ter der di­gi­ta­len Zi­vi­li­tät vor der Em­pö­rung ih­rer Bür­ger in Si­cher­heit« wäh­nen. Und: »Hat der Zorn sei­ne Ar­beit er­folg­reich ge­tan, ent­ste­hen neue Ar­chi­tek­tu­ren der po­li­ti­schen Teil­ha­be.«

    #1

  2. hans1962 sagt:

    Nach mei­ner Wahr­neh­mung
    han­delt es sich bei der in Er­wä­gung ge­zo­ge­nen Be­sei­ti­gung der all­ge­mei­nen Wehr­pflicht um lu­pen­rei­ne »Be­find­lich­keits­po­li­tik«, ra­tio­nal voll­kom­men un­be­gründ­bar – wie so vie­les in die­sem Land. Soll sein.

    Was mich al­ler­dings ganz enorm em­pört, ist der Um­stand, dass das Han­deln je­nes Mi­ni­sters un­ver­hüllt au­to­kra­ti­sche Zü­ge an­nimmt, wenn er den Ge­ne­ral­stabs­chef we­gen ei­nes »Auf­fas­sungs­un­ter­schieds« ab­setzt – ein­fach so, als wä­re En­t­a­cher ein Ge­folg­schaft schul­den­des Mit­glied sei­ner »Ad­mi­ni­stra­ti­on«.

    Be­zeich­nen­der­wei­se wur­de En­t­a­cher nach des­sen Ent­las­sung aus der Funk­ti­on des Chefs des Ge­ne­ral­stabs im DerStandard.at, al­so ei­nem nicht völ­lig un­wich­ti­gen Teil der hie­si­gen Pres­se­land­schaft, wel­che durch auf­klä­ren­de und Hin­ter­grund be­leuch­ten­de In­for­ma­ti­on zur Kri­tik am po­li­ti­schen Han­deln be­fä­hi­gen soll­te, als »Ex-Ge­ne­ral« ti­tu­liert. So­viel zur Kri­tik­fä­hig­keit un­se­rer Jour­na­li­sten.

    Aber was soll ich sa­gen, wir ha­ben ja auch ei­nen Land­wirt­schafts­mi­ni­ster, der ei­ne Bot­schafts­mit­ar­bei­te­rin in Pa­ris von ih­ren Auf­ga­ben ent­band, weil ihm ei­ne Reb­laus über die Le­ber ge­lau­fen war (die­sen Schritt muss­te er nach­her wohl wie­der zu­rück­neh­men).

    Es gibt in Öster­reich die all­ge­mein be­kann­te Hal­tung: »Wenn’s dir nicht passt, kannst ja aus­wan­dern« – oder, im Fall En­t­a­cher – »Kannst ja be­ru­fen, wenn du meinst.« Es ist ein­fach wi­der­lich – und da­mit zie­he ich mich in mei­nen per­sön­li­chen Sand­ka­sten zu­rück.

    PS: mei­ne an­de­ren Kom­men­ta­re zog ich zu­rück, da ich nach­träg­lich den Ein­druck ge­wann, die­sen Bei­trag da­mit über­schwemmt zu ha­ben. Par­don.

    #2

  3. @Gregor
    So un­recht hast Du gar nicht – die Dis­kus­si­on in Deutsch­land hat be­stimmt als ei­ne Art In­di­ka­tor fun­giert (nur gibt es da ei­ni­ge Un­ter­schie­de was die Aus­gangs­la­ge be­trifft).

    Viel­leicht will man bei uns ähn­li­ches er­rei­chen: Dass das Bun­des­heer ei­ner Re­form be­darf, ist un­um­strit­ten. Geld spielt ei­ne Rol­le, dann kö­chelt das The­ma Heer schon ei­ne Zeit lang vor sich hin (Skan­da­le, Sinn­haf­tig­keit des Diensts) und auch das An­se­hen in der Be­völ­ke­rung – ich bor­ge mir Dei­ne For­mu­lie­rung – ist am­bi­va­lent.

    Ich ha­be schon über­legt, ob ich die Mög­lich­keit der Ab­sicht the­ma­ti­sie­ren soll­te, ließ es dann aber – ge­nau­so könn­te man die Rol­le der Bou­le­vard­blät­ter um­keh­ren: Sie könn­ten – bei gu­ten Ver­bin­dun­gen zur Po­li­tik – die Mei­nung der Ent­schei­dungs­trä­ger vor­ab ver­brei­ten und ze­men­tie­ren, auf die die­se dann spä­ter ein­schwen­ken.

    Dan­ke für die Er­in­ne­rung: Zu Slo­ter­di­jk mel­de ich mich noch ein­mal.

    @hans1962
    Dan­ke für das Wort Be­find­lich­keits­po­li­tik, das trifft es. Nur dem »soll sein« mag ich nicht zu­stim­men, zu­min­dest so weit ist mei­ne Re­si­gna­ti­on noch nicht ge­kom­men.

    Dara­bos ist in ge­wis­sem Sinn ei­ne tra­gi­sche Fi­gur: Er gilt als par­tei­treu und woll­te nie Ver­tei­di­gungs­mi­ni­ster wer­den – jetzt steht er im Re­gen (na­tür­lich nicht ganz schuld­los). Man darf das, glau­be ich, nicht nur ihm vor­wer­fen.

    Ir­gend­wie steht die Fra­ge schon im Raum: Will man, dass wir uns zu­rück­zie­hen? Das al­les kann doch nicht nur Dumm­heit sein. Oder?

    #3

  4. @hans1962
    De ju­re ist es si­cher ge­wollt, dass die Po­li­tik über das Mi­li­tär be­fin­det; an­ders her­um wä­re es fast noch skan­da­lö­ser. Das Pro­blem ist, wie die Vor­ge­hens­wei­se de­mo­kra­tisch le­gi­ti­miert ist – und das scheint sie in öster­reich nicht zu sein 8mehr ma­ße ich mir nicht an) – in Deutsch­land ist sie’s – na­tür­lich! – auch nicht.

    Es ist na­tür­lich ein Di­lem­ma: Ei­ner­seits soll die Po­li­tik die Mei­nun­gen und »be­find­lich­kei­ten« des Vol­kes auf­neh­men und zum Maß­stab ih­res Han­delns ma­chen – an­de­rer­seits darf sie nicht wie das be­rühm­te Fähn­chen im Wind han­deln.

    Die Hal­tung »Wenn’s dir nicht passt, kannst ja aus­wan­dern« ist kein ty­pisch öster­rei­chi­sches Phä­no­men. In Deutsch­land hieß das bis 1989: »Wenn’s dir nicht passt, geh’ doch nach drü­ben.«

    @Metepsilonema
    Ich bin und war im­mer ein Be­für­wor­ter der Wehr­pflicht. Sie war aber in­zwi­schen zu ei­ner Art Lot­te­rie ver­kom­men. Hin­zu kam, dass man sich oh­ne Pro­ble­me frei­ma­chen und Zi­vil­dienst ma­chen konn­te. Ak­tu­ell ist der grund­wehr­dienst nur noch 6 Mo­na­te – das macht dan wirk­lich kei­nen Sinn.

    Die schärf­ste Kri­tik in Deutsch­land an der Aus­set­zung der Wehr­pflicht kam üb­ri­gens nicht aus den Rei­hen der Bun­des­wehr, son­dern von den Trä­gern der So­zi­al­dien­ste: Die kön­nen nun kei­ne bil­li­gen Zi­vil­dienst­lei­sten­den mehr für Hilfs­tä­tig­kei­ten re­kru­tie­ren, son­dern müs­sen – o’ Graus! – Ar­beit ad­äquat be­zah­len. Das gilt in die­sem Be­reich schein­bar als be­son­de­re Zu­mu­tung.

    #4

  5. @hans1962
    Sie hät­ten die Kom­men­ta­re ru­hig ste­hen las­sen kön­nen (sa­ge ich jetzt, als Nicht­haus­herr, ich hat­te mich z.B. an Häu­pls Satz ge­nau­so ge­sto­ßen) – Em­pö­rung und Är­ger zei­gen, dort wo sie nicht als »Waf­fe« im Dis­kurs die­nen, dass ei­nem die Sa­che über die man sich er­regt, doch et­was be­deu­tet.

    @Gregor
    Die Po­li­tik muss über das Mi­li­tär be­fin­den kön­nen. Die Fra­ge ist, ob man nicht im­mer ein Hin­ter­tür­chen fin­den wird, um ei­nen Beamten/Staatsdiener los­wer­den zu kön­nen, wenn er im Weg steht. Was könn­te man tun um sol­che Will­kür­ak­te zu ver­hin­dern?

    Und man muss zwi­schen Re­form des Sta­tus quo oder ei­ner Re­form zu ei­nem an­de­re Sta­tus hin un­ter­schei­den – zu sa­gen die Wehr­pflicht ist nicht mehr zeit­ge­mäß, weil sie an den Rand des Ab­grunds ge­fah­ren wur­de, ist doch schein­hei­lig?

    Ich ten­die­re mehr zur Wehr­pflicht und wenn, dann ei­nem eu­ro­päi­schen Bünd­nis, das viel­leicht die Chan­ce ha­ben könn­te, we­ni­ger als Er­fül­lungs­ge­hil­fe west­li­cher In­ter­es­sen da­zu­ste­hen bzw. zu fun­gie­ren.

    #5

  6. Zu Slo­ter­di­jk
    Sehr an­spre­chen­de Dar­stel­lung. Was er »schul­dig« bleibt (au­ßer ich hät­te et­was über­se­hen), aber in­ter­es­sant zu klä­ren wä­re,

    Wäh­rend die Reichs­ver­wal­tung sich zu­neh­mend in For­ma­li­en ver­strick­te, setz­te sich auf der Sei­te der Un­ter­hal­tung – na­ment­lich in den Are­nen rund um das Mit­tel­meer und bei den Fe­sten der me­tro­po­li­ta­nen Ober­schicht – der Trend zur Ver­ro­hung und Ent­hem­mung durch. Das Mit­ein­an­der von Ver­wal­tungs­staat und Un­ter­hal­tungs­staat ant­wor­te­te auf ei­nen Welt­zu­stand, in dem die Macht­aus­übung nur noch durch die weit­ge­hen­de Ent­po­li­ti­sie­rung der Reichs­po­pu­la­tio­nen ge­si­chert wer­den konn­te.

    ist, war­um die Macht­aus­übung nur mehr auf die­se Wei­se ge­si­chert wer­den konn­te – wenn ich es rich­tig ver­stan­den ha­be, war das Volk zu die­sem Zeit­punkt oh­ne­hin nicht mehr all­zu sehr an Po­li­tik in­ter­es­siert. Es könn­te auch klä­ren hel­fen, ob das be­wusst an­ge­strebt oder eher »sy­stem­im­ma­nent« ist, al­so (zu­min­dest) von be­stimm­ten Ent­wick­lun­gen be­gün­stigt wird.

    Hier wird es noch ein­mal the­ma­ti­siert, für mich wie­der nicht ganz schlüs­sig:

    Ei­ne Er­folgs­sto­ry oh­ne­glei­chen be­ginnt, bis, fast ein hal­bes Jahr­tau­send spä­ter, die Über­deh­nung des rö­mi­schen Macht­kom­ple­xes den Über­gang zu neo­mon­ar­chi­schen Ver­hält­nis­sen er­zwingt.

    #6

  7. Ich glau­be, es han­del­te sich um ei­ne »Tief­schau­keln« (als Ge­gen­wort zum »Hoch­schau­keln« bspw. von Emo­tio­nen). Die­ses »Tief­schau­keln« zeig­te sich in Des­in­ter­es­se und durch Un­ter­hal­tung ge­still­te Lan­ge­wei­le. Es ging aber – so mei­ne In­ter­pre­ta­ti­on – ein­her mit ei­ner Art selbst­ge­fäl­li­ger Zu­frie­den­heit. Die Macht konn­te viel­leicht noch an­ders ge­si­chert wer­den, aber auch die Mäch­ti­gen ga­ben ger­ne dem Weg des ge­ring­sten Wi­der­stands nach.

    Es gibt zahl­rei­che Un­ter­su­chun­gen über den Nie­der­gang Roms. Im­mer wie­der wer­den Par­al­le­len zur heu­ti­gen Ge­sell­schaft bzw. zum heu­ti­gen Welt­ge­sche­hen ge­zo­gen. Häu­fig ver­gisst man da­bei, dass die »Bür­ger Roms«, die po­li­tisch tä­tig wer­den konnten/durften in­ner­halb den En­ti­tät nur ei­nen klei­nen Teil aus­mach­te. Das ist viel­leicht mit den Mon­ar­chi­en im heu­ti­gen Sau­di-Ara­bi­en oder den Golf-Emi­ra­ten zu ver­glei­chen: Die ei­gent­li­che Be­völ­ke­rung bil­de­te ei­ne sehr dün­ne Schicht. Al­le an­de­ren wa­ren Ent­rech­te­te oder Recht­lo­se.

    #7

  8. Das wä­re da­mals al­so nichts an­de­res als Kor­rup­ti­on durch Macht ge­we­sen und un­ser de­mo­kra­ti­sches Sy­stem hät­te – um es auf heu­te zu über­tra­gen – dar­in ver­sagt, dass es das nicht ver­hin­dert (wo­zu es ja ent­wor­fen wur­de).

    #8

  9. »Kor­rup­ti­on durch Macht« – ein gro­ßes Wort. In der Sa­che aber wohl rich­tig.

    Zur Ge­gen­wart: Ich glau­be, es wird im­mer dann pro­ble­ma­tisch, wenn die Mäch­ti­gen den sie Wäh­len­den in ir­gend­ei­ner Form ver­spre­chen, sie bräuch­ten sich nicht mehr um Po­li­tik zu küm­mern. Wenn Po­lit­ker dem Bür­ger sug­ge­rie­ren, man brau­che ih­nen nur die Macht zu über­tra­gen, um in un­ver­än­der­tem oder bes­se­ren »Wohl­stand« le­ben zu wol­len, kor­rum­piert die Macht auch das Volk. Die­ser Vor­gang ist sehr viel ge­fähr­li­cher als die Macht­be­rau­schung der Mäch­ti­gen. Sie lullt den Bür­ger ein. Der »Wut­bür­ger« ist nun das Ge­gen­bei­spiel, wel­ches nur durch die jahr­zehn­te­lang­fe EIn­lul­lung zu ver­ste­hen ist: Da der Le­bens­stan­dard in grö­sse­rem Ma­ße sinkt (für die Mehr­heit der Leu­te; auch und ge­ra­de der Mit­tel­schicht), wird der Po­li­tik die­ses Ver­spre­chen nicht mehr ab­ge­nom­men. Re­bel­liert wird nun ge­gen al­les und je­den – oft oh­ne Au­gen­maß. Man muß das aber als Ge­gen-Re­ak­ti­on be­grei­fen. Im üb­ri­gen ist es ja in­ter­es­sant, wie staats­gläu­big der Wut­bür­ger ei­gent­lich ist – ein Wi­der­spruch in sich.

    #9

  10. hans1962 sagt:

    Der Wi­der­spruch er­klärt sich dar­aus, dass der Be­griff »Wut­bür­ger« seit fünf Mo­na­ten voll­kom­men un­dif­fe­ren­ziert für je­de Form von Bür­ger­pro­test ver­wen­det wird. Als Kurb­ju­weit über die­sen Be­griff am 11.10.2010 im Spie­gel schrieb, tat er es in plump her­ab­set­zen­der Ab­sicht. Dass der »Wut­bür­ger« zum Wort des Jah­res 2010 ge­wählt wur­de, macht die Sa­che nicht bes­ser.

    #10

  11. Wenn Po­lit­ker dem Bür­ger sug­ge­rie­ren, man brau­che ih­nen nur die Macht zu über­tra­gen, um in un­ver­än­der­tem oder bes­se­ren »Wohl­stand« le­ben zu wol­len, kor­rum­piert die Macht auch das Volk.

    Ist das nicht u.U. schon im Rausch (bes­ser: im Pa­thos) der Macht da­hin ge­sagt? Aber Du hast schon recht, dass der Bür­ger dann aus Be­quem­lich­keit ger­ne auf die Rol­le ver­zich­tet, die er aus Grün­der der Funk­tio­na­li­tät und Aus­ge­gli­chen­heit ei­gent­lich spie­len müss­te.

    Muss der Wut­bür­ger nicht staats­gläu­big sein, weil er als sol­cher sich selbst ein­ge­denkt wird und das de­mo­kra­ti­sche Sy­stem den Bür­ger ja mit ein­schließt?

    #11

  12. Ich ha­be auch Pro­ble­me mit dem Be­griff »Wut­bür­ger«, weil da­mit m. E. ei­ne ge­wis­se Un­dif­fe­ren­ziert­heit aus­ge­drückt wird.

    Die Pro­test­ler bspw. ge­gen Stutt­gart 21 sind tat­säch­lich staats­gläu­big – und das ist ja auch gut so. Sie sind in­sti­tu­ti­ons­gläu­big, weil sie ein Stück weit noch an ord­nungs­ge­mä­ße Ver­fah­ren glau­ben. Die­ser Glau­be bröckelt al­ler­dings ge­ra­de – und das ist be­denk­lich.

    In­sti­tu­tio­nen sol­len Ver­fah­ren über­wa­chen und gleich­zei­tig Trans­pa­renz er­mög­li­chen. Das reicht dem »Bür­ger« nor­ma­ler­wei­se schon aus. Wenn dies je­doch in Kun­gel­run­den oder mit ver­schach­tel­ten Ver­fah­ren ver­un­mög­licht wird, kommt die »Wut« hin­zu. Da­mit ist üb­ri­gens nicht ge­sagt, dass man es un­be­dingt bes­ser weiss...

    #12

  13. Georg Schober sagt:

    12. Fe­bru­ar 1934. AUS DER GESCHICHTE LERNEN
    http://literaturblog-duftender-doppelpunkt.at/2011/02/11/12-februar-1934/

    #13

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