
Am Schwarzen Berg

Christian Kracht hatte in Zürich aus seinem neuen Buch »Imperium« gelesen. Und alle gingen hin. Aber sie gingen nicht nur hin. Sie berichteten auch. Alle warteten auf den Skandal, den Eklat. Leider blieb er aus. Der Autor hatte sich schon vorher Fragen nach der Lesung verbeten. Schade für die angereiste Journalistik von Spiegel, FAZ, Süddeutsche Zeitung und dpa. Was nun, da doch nichts passiert war?
Egal sagt sich das Feuilleton. Wenn man schon mal da ist, muss man auch darüber schreiben. Wobei es eigentlich nichts Unergiebigeres gibt als über eine Lesung zu berichten. Der Spiegel macht aus der Not eine Tugend: »Jetzt sprach er«, heißt es ebenso großkotzig wie ungenau. Stefan Kuzmany erzählt zunächst von seinem Abendessen und gibt sich als nicht besonders gut informiert, was er durch ständiges »oder so ähnlich« unterstreichen möchte. Dabei hat er das inkriminierte Buch wenigstens angelesen, was man daran merkt, dass er den Duktus Krachts zu imitieren sucht, wenn auch unbeholfen. »Keine Klärung« vermeldet der Reporter dann am Ende. Der Trost für den Leser: Links daneben kann man »Imperium« direkt im Spiegel-Shop bestellen.
Es gibt Buchtitel, die im Laufe der Zeit immer wieder paraphrasiert, variiert, parodiert und karikiert werden und somit von der Sentenz zur Redensart geworden sind (oder umgekehrt) wie Johannes Mario Simmels »Es muß nicht immer Kaviar sein« oder Heinrich Bölls »Die verlorene Ehre der Katharina Blum« (hier gibt es noch mehr Beispiele). Zweifellos gehört »Die Angst des Tormanns beim Elfmeter« dazu. Dabei handelt es sich um eine Erzählung von Peter Handke aus dem Jahr 1970 (und zwei Jahre später von Wim Wenders verfilmt wurde). Die Tatsache, dass Nichtlesern dieses Büchleins die Bedeutung des Titels nicht deutlich werden kann (Titane wie Oliver Kahn finden es »komisch«, dass ein Torwart Angst vor [sic!] vor einem Elfmeter haben soll, ist doch längst Konsens, dass ein Torwart immer nur zum Helden werden kann – sofern er den Ball hält), hält sie nicht vor Inspirationen der Verballhornungen ab.
Beim genauen Hinsehen zeigt sich, dass die meisten Variationen nicht der Intention des Handke-Titels entsprechen. Kongenial und eng an der »Vorlage« sind Schöpfungen wie »Die Angst der Torfrau beim Elfmeter« und »Die Angst des Roboters beim Elfmeter«. Auch in »Die Angst der Schäfer bei der Lammung« wird die Gleichzeitigkeit von Angst und Ereignis deutlich.
Paraphrasiert wird der Titel jedoch fast immer falsch
(Hier kann man das nachlesen.)

Als die Geschichte beginnt, ist August Engelhardt auf einem Schiff die dünnen Beine übereinanderschlagend und einige imaginäre Krümel mit dem Handrücken von seinem Gewand wischend grimmig über die Reling auf das ölige, glatte Meer schauend. Man ist am Anfang des 20. Jahrhunderts und der Ort, der angepeilt wird, heißt Herbertshöhe. Deutschland hat Kolonien.
August Engelhardt hat es tatsächlich gegeben. Einigen gilt er als »erster Aussteiger«. Die Einschätzungen differier(t)en zwischen Visionär und Spinner; Tendenz zum letzteren. Engelhardt war nach »Deutsch-Neuguinea« aufgebrochen, erstand dort eine Kokosnussplantage (mit diebischem Vergnügen wird erzählt, wie er bereits beim Kauf übers Ohr gehauen wird), gründete einen »Sonnenorden« und pflegte seinen »Kokovorismus«, d. h. eine Art Kult um die ausschließliche Ernährung durch die Kokosnuss. Er tat dies meist splitternackt, wobei die Inselbewohner diese Zivilisationslosigkeit des Migranten zwar schockierte, von ihnen aber großzügig toleriert wurde. Leider hatte Engelhardt überhaupt kein merkantiles Talent (was forsch als Kapitalismuskritik umgearbeitet werden konnte), plagte sich zusehends mit leprösen Schwären, wurde am Ende wahnsinnig und starb dann kurz nach dem Ersten Weltkrieg. So weit, so gut. Aber es geht – wie fast immer – nicht nur um Fakten, es geht um Literatur. So dichtet Kracht seinem Roman-Personal einiges an, verquirlt es mit tatsächlich Geschehenem und etlichen Anekdötchen und das in einer manieriert-barocken Sprache, einer Mischung aus Elfriede-Jelinek-Duktus und »Prospero’s Books« von Peter Greenaway mit einer Prise Robinson-Crusoe-Abenteurertum (man beachte die Personalie Makeli, Engelhardts »Freitag«, der am Schluss dann Faust II und Ibsens »Gespenster« in deutscher Sprache vorgetragen zu würdigen weiß). Abgerundet wird dies mit einem schönen Umschlag im Tim-und-Struppi-Look (und irgendwie an Michael Ondaatjes neuem Buch erinnernd).
Wasil Mikalajewitsch (auch Wasja genannt) ist Jahrgang 1974. Seine Familie (mit ungarischen Wurzeln; Parallelen zu Kovács aus »ego shooter« und dem Autor selber) hatte es in den Wirren des 20. Jahrhunderts in die Nähe von Hrodna, in den Westen Rußlands, der aber doch eigentlich der Osten ist, verschlagen. Bestimmende Persönlichkeit in der Familie ist Großvater ...
1 Vorbemerkung Unsere Bedürfnisse von Annäherung und Deutung, der Wille zu verstehen und zu wissen, weisen, zusammen mit der Neugierde, auf einen allgemeinen Zustand von Ungenügen und eine spezielle Selbstungenügsamkeit hin. Mit den Fragen menschlichen Daseins konfrontiert, suchen wir die Nähe anderer, einer Art Erweiterung wegen: Wir treten ihnen begrifflich gegenüber, soweit wir begriffen haben, ...

1912, vor einhundert Jahren, erschien Thomas Manns Novelle »Tod in Venedig«. Anlass für eine Sonderausstellung des Heinrich-und-Thomas-Mann-Zentrums (bis 28.5. im Buddenbrookhaus in Lübeck; ab Herbst dann in München) mit dem etwas knalligen Titel »Wollust des Untergangs«. Wer die Ausstellung nicht besuchen kann, sollte sich den opulenten, gleichnamigen Band des Wallstein-Verlags zulegen, der nicht nur als Katalog zur Ausstellung fungiert sondern auch wie ein solcher duftet. Neben sechs Aufsätzen, die, wie die Initiatoren Kerstin Klein und Holger Pils hervorheben, »eigens für diesen Band verfasst« wurden, gibt es vier Essays von Schriftstellerkollegen (Wolfgang Koeppen, Mario Vargas Llosa, Daniel Kehlmann und Herbert Rosendorfer), wovon nur Rosendorfers kurzer Beitrag neu ist. Danach werden auf über 60 Seiten (»Galerie«) in prächtiger Qualität diverse Zeichnungen, Aquarelle, Collagen und Bilder von 21 Künstlern gezeigt in denen der Autor, Venedig und Szenen aus der Novelle thematisiert werden.