Sou­ve­rä­ni­ti­sten und Ge­braucht­wa­gen­händ­ler

Wenn man ei­ni­ge Ta­ge nach der Ver­han­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts die Be­richt­erstat­tung Re­vue pas­sie­ren und al­le mehr oder we­ni­ger ge­wich­ti­gen Aus­sa­gen zur Kennt­nis ge­nom­men hat, so bleibt bei mir – viel­leicht zum er­sten Mal im Le­ben – das Ge­fühl ei­ner un­be­stimm­ba­ren Furcht vor der Zu­kunft des­sen, was man – tech­no­kra­tisch kühl – Ge­mein­we­sen nennt. Schier un­ver­söhn­lich ha­ben sich wohl die Pro­zess­geg­ner in Karls­ru­he ge­gen­über ge­stan­den. Hier die Po­li­tik – im par­tei­en­über­grei­fen­den Kon­sens ih­rer Al­pha-Prot­ago­ni­sten agie­rend (au­ßer die Links­par­tei). Sie er­klä­ren den vorge­schlagenen Weg für »al­ter­na­tiv­los« und ma­len in sel­te­ner und selt­sa­mer Ein­tracht das Schei­tern Eu­ro­pas in dicken Stri­chen auf ih­re Fah­nen. Aber war­um maß­re­gelt mich die­ses Ka­ta­stro­phen­sze­na­rio nicht? War­um ver­fal­le ich nicht des­we­gen in Schock­star­re und Un­be­ha­gen, son­dern vor al­lem ob der schein­bar un­aus­weich­li­chen Al­ter­na­tiv­lo­sig­keit, die sich da auf­zu­tun scheint?

Der in­zwi­schen in­fla­tio­nä­re Ge­brauch von Ka­ta­stro­phen­sze­na­ri­en be­hagt mir nicht und macht mich noch skep­ti­scher als wür­de man die vor­ge­schla­ge­nen Maß­nah­men nüch­tern als Not­wen­dig­keit po­stu­lie­ren und mit ih­nen ar­gu­men­tie­ren. Aber das fin­det gar nicht statt. In Wahr­heit ver­mag nie­mand zu er­klä­ren, war­um die­ser drit­te (oder vier­te?), im Prin­zip ver­mut­lich un­end­lich gro­ße »Ret­tungs­schirm« nebst ent­spre­chen­dem Vertrags­werk in Kom­bi­na­ti­on mit ei­ner Sou­ve­rä­ni­täts­ab­ga­be an ei­ne noch nicht ein­mal in Skizzen­strichen ent­wor­fe­nen eu­ro­päi­schen In­sti­tu­ti­on den Eu­ro und/oder Eu­ro­pa – und da­mit die Welt! – ret­ten soll. Die Er­klä­run­gen der Be­für­wor­ter blei­ben blass und va­ge. Ei­ni­ge las­sen sich die­ses Zö­gern auch noch als be­son­de­re Au­then­ti­zi­tät be­schei­ni­gen. Die Kanz­le­rin sag­te, sie fah­re »auf Sicht« – und ge­nau das gilt als »ehr­lich«. Gleich­zei­tig weiß sie aber, dass Eu­ro­pa an­son­sten zu schei­tern droht. Aber wie kann je­mand im Ne­bel fah­ren und das Land am Ho­ri­zont trotz­dem se­hen?

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Die­ter Kühn: Den Mu­sil spreng ich in die Luft

Dieter Kühn: Den Musil spreng ich in die Luft
Die­ter Kühn:
Den Mu­sil spreng ich in die Luft
»Ge­fälsch­te Ge­schich­ten« un­ter­ti­telt Die­ter Kühn sei­nen Er­zähl­band »Den Mu­sil spreng ich in die Luft« – und ver­sieht die­se Gat­tungs­be­zeich­nung neckisch mit ei­nem Fra­ge­zei­chen. Der in­ter­es­sier­te Le­ser fragt sich zu­nächst, wer wohl Ro­bert Mu­sil in die Luft spren­gen will. Und als er dann die Über­schrift ei­ner an­de­ren Er­zäh­lung ent­deckt (»Ich ha­be Gö­ring schwer ge­schä­digt«), glaubt er auch schon zu wis­sen, um wen es sich han­delt. Da ist dann die Über­ra­schung groß, wenn es sich nicht um Ro­bert, son­dern um Alo­is Mu­sil han­delt, ei­nen Vet­ter des be­kannten Schrift­stel­lers. Und in der Gö­ring-Ge­schich­te geht es nur am Ran­de um Her­mann, der an­geb­lich ge­schä­digt wird, aber viel­mehr um des­sen Bru­der, ei­nem Geg­ner des Na­zi-Re­gimes, Al­bert.

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Som­mer­wet­ter

Die Wol­ken hin­gen schwer und in Trau­ben über den oran­ge­ro­ten Dä­chern bei­sam­men: Ju­lia ging ei­nen Schritt vom Fen­ster zu­rück, schlüpf­te in ih­re Turn­schu­he und öff­ne­te die Tür: Sie trat hin­aus auf die Stra­ße, über­quer­te die ge­pfla­ster­te Fahr­bahn, und spa­zier­te ge­mäch­lich da­hin.

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Igno­ranz als Prin­zip

Am Don­ners­tag be­gin­nen die Bach­mann­preis­le­sun­gen – zwi­schen Fuß­ball-EM und Olym­pi­schen Spie­len. Nicht, dass die Ver­an­stal­tun­gen ir­gend­wie zu ver­glei­chen wä­ren, aber ich möch­te dann doch für je­de me­dia­le Ver­wen­dung der Flos­kel »Wett­le­sen« – des blöd­sin­nig­sten Be­grif­fes, den es für die­se Ver­an­stal­tung gibt – nur 10 Cent be­kom­men. Da­nach könn­te ich wohl ein oppu­len­tes Abend­essen mit Freun­den ab­hal­ten.

Man ist ja ge­neigt, je­de Prä­senz in den Me­di­en zu ei­ner sol­chen Ver­an­stal­tung (be­son­ders im Vor­feld) zu be­grü­ßen. Aber da man sich lei­der ein biss­chen aus­kennt, ist die Freu­de eher ge­ring. Da wird am 1. Ju­li in ei­ner Li­te­ra­tur­grup­pe auf Face­book lau­nig ge­fragt, wer denn den Preis ge­win­nen »soll«. Die Ant­wor­ten sind na­tur­ge­mäß eher fra­gend. Auf den Hin­weis, man ken­ne die Tex­te nicht, wer­den die Links zu den Vi­deo­por­traits der Le­sen­den ge­setzt. Als wür­de dies al­lei­ne schon et­was über die Qua­li­tät der Tex­te aus­sa­gen. Ei­nen Hin­weis dar­auf kon­tert man pat­zig, die Re­gu­la­ri­en wür­den nun nicht un­se­ret­we­gen ge­ändert – und nun be­ginnt man, die­se Re­gu­la­ri­en zu zi­tie­ren. Da­bei hät­te man bei vor­heriger Lek­tü­re ge­merkt, wie dumm die­se Fra­ge nach dem »ver­dien­ten« Preis ist, es sei denn, man fällt ein Ur­teil auf­grund der (zu­meist nichts­sa­gen­den) Por­trait­film­chen. (Nur als Hin­weis: Die Bei­trags­tex­te sind für die Öf­fent­lich­keit bis zum Zeit­punkt der Le­sung nicht zu­gäng­lich.) Wo­bei die Ver­wun­de­rung über die­se Form des Um­gangs mit Li­te­ra­tur auch nicht mehr so ganz neu­ar­tig ist. Igno­ranz als Prin­zip. Oder: Wer ist denn heu­te noch so klein­lich und ur­teilt auf­grund ei­nes vor­lie­gen­den Tex­tes?

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Das »Schwarz­buch WWF« – und zwei Dé­jà-vu-Er­leb­nis­se

Wilfried Huismann: Schwarzbuch WWF
Wil­fried Hu­is­mann: Schwarz­buch WWF
Schwarz­bü­cher ha­ben ih­re ei­ge­ne Dy­na­mik; ihr Ti­tel ist Pro­gramm. Sie sind von vorn­her­ein par­tei­isch, blen­den Ent­la­sten­des in ih­ren Be­trach­tun­gen non­chalant aus, in­ter­pre­tie­ren Fak­ten, zie­hen groß­zügige Schlüs­se und po­le­mi­sie­ren da­bei wie ent­täuschte Lieb­ha­ber ge­gen Per­so­nen und In­sti­tu­tio­nen. Da­bei neh­men sie durch­aus recht­li­che Ausein­andersetzungen in Kauf und stei­gern da­mit ih­ren Be­kannt­heits­grad. (Das Schwarz­buch ge­gen ei­ne gan­ze Ideo­lo­gie – den Kom­mu­nis­mus – brauch­te zum Er­schei­nungs­zeit­punkt kei­ner­lei Rechts­streit zu be­fürch­ten; nie­mand moch­te sich hier zum An­walt ma­chen.) Neu­es er­fährt man aus ih­nen sel­ten; zu­meist wird nur das Be­kann­te auf poin­tier­te Art und Wei­se ge­bün­delt. Schwarz­bü­cher ver­stär­ken Af­fek­te. Da­bei ren­nen sie oft ge­nug be­reits halb­of­fe­ne Tü­ren ein. Das Ziel ist we­ni­ger Be­keh­rung als Mu­ni­tio­nie­rung. In Zei­ten des In­ter­net er­schei­nen sie ei­gent­lich über­holt. Mit we­nig Auf­wand kann man heu­te ent­spre­chen­de Web­sei­ten be­trei­ben und lau­fend ak­tua­li­sie­ren.

Den­noch: Was zwi­schen zwei Deckeln steht, ge­nießt ei­nen hö­he­ren Ruf als ei­ne im­mer noch als eher »schnö­de« ein­ge­schätz­te In­ter­net­prä­senz. Wil­fried Hu­is­mann ist noch ei­nen an­de­ren Weg ge­gan­gen: zu­nächst war da ein Film, »Der Pakt mit dem Pan­da«, der die Prak­ti­ken des all­seits be­kann­ten und be­lieb­ten WWF (»World Wi­de Fund For Na­tu­re«) kri­tisch be­frag­te. Im Som­mer 2011 erst­mals aus­ge­strahlt er­zeug­te er be­trächt­li­ches Auf­se­hen (ei­ne Ver­lin­kung auf den Film un­ter­las­se ich; je­der mö­ge ent­spre­chen­de Such­ma­schi­nen kon­sul­tie­ren). Die Wie­der­ho­lun­gen ei­ni­ge Mo­na­te spä­ter in Drit­ten Pro­gram­men der ARD sorg­ten für zu­sätz­li­che Fu­ro­re. Der WWF re­agier­te mit ei­nem »Fak­ten­check« (s. auch hier, hier und hier), um dem Au­tor Feh­ler nach­zu­wei­sen. Hu­is­mann ant­wor­te­te im Ja­nu­ar 2012 auf die bis da­hin ge­äu­ßer­ten Vor­wür­fe auf sei­ner Web­sei­te. Zum Film er­wirk­te der WWF meh­re­re Einst­wei­li­ge Ver­fü­gun­gen (hier Nr. 1, hier Nr. 2 und hier Nr. 3).

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Der heim­li­che Prä­si­dent

Ge­set­ze auf ih­re Ver­fas­sungs­taug­lich­keit zu über­prü­fen, ist seit vie­len Jah­ren fast zur Rou­ti­ne ge­wor­den. Längst gilt das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt als die letzt­be­grün­den­de In­stanz un­ter an­de­rem für Da­ten­schüt­zer, Bür­ger­recht­ler, Ver­fas­sungs­in­ter­pre­ten und Par­la­men­ta­ri­er. Ins­be­son­de­re Ge­set­ze und Richt­li­ni­en, die mit­tel- oder un­mit­tel­bar mit der EU zu tun ha­ben, lan­den re­gel­mä­ßig in Karls­ru­he (man fragt sich zu­wei­len, wann ei­gent­lich Pe­ter Gau­wei­ler mal nicht ge­klagt hat). Fast im­mer en­den die Ver­hand­lun­gen in mehr oder min­der star­ke Rüf­fel für die Ge­setz­ge­bung. Schlam­pig ge­ar­bei­tet, Fri­sten ver­strei­chen las­sen, un­ge­nau for­mu­liert, In­sti­tu­tio­nen über­gan­gen – die Li­ste lie­ße sich noch be­lie­big er­wei­tern. Die Ur­tei­le sind in der Re­gel po­pu­lär, weil sie dem Emp­fin­den vie­ler Bür­ger ent­spre­chen.

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El Gre­co in Düs­sel­dorf

»El Gre­co und die Mo­der­ne« – so heißt die Aus­stel­lung im Düs­sel­dor­fer »Mu­se­um Kunst­pa­last« (noch bis 12. Au­gust). Rund 3 Mil­lio­nen Eu­ro ko­stet die­ses Spek­ta­kel. Kein Wun­der, dass auch am ob­li­ga­to­ri­schen Frei­tag, dem Mon­tag, die Aus­stel­lung ge­öff­net ist. Am Wo­chen­en­de dür­fen die Mas­sen als Aus­gleich da­für, dass es vol­ler ist auch 14 Eu­ro (statt 12) be­zah­len (Er­mä­ßi­gun­gen ent­spre­chend).

Leer war es auch an die­sem Mitt­woch Nach­mit­tag nicht. Man sah min­de­stens zwei kopf­hö­rer­be­waff­ne­te Schau­er, die ih­ren in Mi­kro­pho­ne spre­chen­den Füh­rern folg­ten (die In­ter­pre­ta­ti­ons-Be­schal­lun­gen ge­hö­ren wohl der Ver­gan­gen­heit an). An­de­re fuch­tel­ten mit Ge­rä­ten her­um, die wie et­was zu groß ge­ra­te­ne Mo­bil­te­le­fo­ne aus­sa­hen. Für 3 oder 4 Eu­ro Miet­ge­bühr kann man sich hier aus­ge­wähl­te Bil­der er­klä­ren las­sen. Wie im­mer wa­ren die­je­ni­gen, die mir am be­sten ge­fal­len ha­ben, nicht da­bei. Die groß avi­sier­te ko­sten­lo­se App (»mit Au­dio­gui­de«) konn­te im Mu­se­um man­gels Emp­fang nicht ge­la­den wer­den. Drau­ßen brach sie dann zu­sam­men. Auch noch ein Ver­such zu Hau­se miss­lang; die fast 90% schlech­ten Be­wer­tun­gen sind be­rech­tigt.

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Holm Sund­haussen: Ju­go­sla­wi­en und sei­ne Nach­fol­ge­staa­ten 1943–2011

Am En­de sei­nes Bu­ches über »Ju­go­sla­wi­en und sei­ne Nach­fol­ge­staa­ten 1943–2011« knüpft Holm Sund­haussen, Pro­fes­sor für Süd­ost­eu­ro­päi­sche Ge­schich­te an der Frei­en Uni­ver­si­tät Ber­lin und Co-Di­­rek­tor des Ber­li­ner Kol­legs für ver­glei­chen­de Ge­schich­te Eu­ro­pas, an sei­ne Be­mer­kung vom An­fang an: Nicht »die Ge­schich­te« ist es, die sich wie­der­holt. Der Mensch wie­der­holt sich. Dies sei die wich­tig­ste Leh­re, die ...

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