Kei­ne Em­pa­thie, nir­gends

Wir ha­ben nach 43 Ta­gen Hanns Mar­tin Schley­ers kläg­li­che und kor­rup­te Exi­stenz be­en­det.

Herr Schmidt, der in sei­nem Macht­kal­kül von An­fang an mit Schley­ers Tod spe­ku­lier­te, kann ihn in der Rue Charles Pe­guy in Mül­hau­sen in ei­nem grü­nen Au­di 100 mit Bad Horn­bur­ger Kenn­zei­chen ab­ho­len. Für un­se­ren Schmerz und un­se­re Wut über die Mas­sa­ker von Mo­ga­di­schu und Stamm­heim ist sein Tod be­deu­tungs­los. An­dre­as, Gud­run, Jan, Irm­gard und uns über­rascht die fa­schi­sti­sche Dra­ma­tur­gie der Im­pe­ria­li­sten zur Ver­nich­tung der Be­frei­ungs­be­we­gung nicht.

Wir wer­den Schmidt und den ihn un­ter­stüt­zen­den Im­pe­ria­li­sten nie das ver­gos­se­ne Blut ver­ges­sen. Der Kampf hat erst be­gon­nen. Frei­heit durch be­waff­ne­ten an­ti­im­pe­ria­li­sti­schen Kampf.

Das ist der Ori­gi­nal-Text des Kom­man­dos »Sieg­fried Haus­ner«. Am 19.10.1977 – al­so vor fast 30 Jah­ren – fand die Po­li­zei am an­ge­ge­be­nen Ort die Lei­che des ent­führ­ten Hanns-Mar­tin Schley­er.

In Ste­fan Austs Buch »Der Baa­der-Mein­hof-Kom­plex« heisst es wei­ter:

Die Po­li­zei fand Schley­ers Lei­che im Kof­fer­raum des grü­nen Au­di. Sein Ge­sicht war ent­stellt, die grau­en Haa­re kurz­ge­scho­ren. Er trug die­sel­be Klei­dung wie bei sei­ner Ent­füh­rung sechs Wo­chen zu­vor. Schley­er war durch drei Schüs­se in den Kopf ge­tö­tet wor­den. Im Mund des To­ten fan­den die Ärz­te Gras­re­ste. An den Klei­dungs­stücken der Lei­che hin­gen Tan­nen­na­deln. Die Er­mitt­ler ka­men zu dem Er­geb­nis, daß Schley­er im Frei­en er­mor­det wor­den war. Er muß­te nie­der­knien und fiel nach den töd­li­chen Schüs­sen vorn­über.

Der Lei­chen­fund Schley­ers mar­kier­te den trau­ri­gen Hö­he­punkt des »Deut­schen Herb­stes«. Um die er­ste RAF-Ge­nera­ti­on um Baa­der und Enss­lin frei­zu­pres­sen, wur­de Schley­er am 5. Sep­tem­ber 1977 ent­führt; sein be­glei­ten­des Per­so­nal (drei Po­li­zi­sten und sein Fah­rer) er­mor­det. Als es sich ab­zeich­ne­te, dass die Bun­des­re­gie­rung in ei­nem brei­ten, par­tei­en­über­grei­fen­den Kon­sens den For­de­run­gen der Ter­ro­ri­sten nicht nach­ge­ben wür­de, wur­de am 13.10.1977 das Flug­zeug »Lands­hut« von Ge­sin­nungs­ge­nos­sen der RAF ent­führt. Hier­mit soll­te der For­de­rung Nach­druck ver­lie­hen wer­den. Das En­de ist be­kannt: Die GSG 9 stürm­te in Mo­ga­di­schu das Flug­zeug – kei­ne der Gei­seln im Flug­zeug kam da­bei ums Le­ben. Kurz da­nach gab es die Selbst­tö­tun­gen in Stamm­heim, u. a. von Baa­der und Enss­lin. Dann der Mord an Schley­er.

Von den Mör­dern der zwei­ten RAF-Ge­nera­ti­on ist jetzt wie­der die Re­de. Bri­git­te Mohn­haupt hat in we­ni­gen Ta­gen ih­re Min­dest­haft­stra­fe von 24 Jah­ren ab­ge­ses­sen. Chri­sti­an Klar hat ein Gna­den­ge­such ge­stellt; sein En­de der Min­dest­haft­stra­fe ist in 2009. Der Bun­des­prä­si­dent prüft.

Wie nicht an­ders zu er­war­ten, be­ginnt nun die Dis­kus­si­on um die po­ten­ti­el­le Frei­las­sung und Be­gna­di­gung. Kann man Leu­te, die rechts­kräf­tig der­ar­ti­ger Ver­bre­chen schul­dig ge­spro­chen und über­führt wur­den, nach ei­ner ge­wis­sen Zeit ein­fach frei­las­sen? Oder, po­le­misch for­mu­liert: Kann man de­nen Gna­de er­wei­sen, die sel­ber ih­ren Op­fern kei­ne zu­ge­stan­den ha­ben?

Wie er­war­tet, wird die Dis­kus­si­on hoch­emo­tio­nal ge­führt. Zu be­rück­sich­ti­gen ist da­bei, dass das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt 1977 fest­ge­stellt hat, ei­ne le­bens­lan­ge Frei­heits­stra­fe ist ver­fas­sungs­mä­ßig, wenn dem Ver­ur­teil­ten (über die Aus­sicht auf Be­gna­di­gung hin­aus) die Mög­lich­keit ei­ner Straf­aus­set­zung ver­bleibt. Da­mit wird zwar die For­mu­lie­rung »le­bens­lang« ad ab­sur­dum ge­führt – ein­deu­tig ist aber her­aus­zu­le­sen, dass je­dem Ver­ur­teil­ten ei­ne Chan­ce zur Re­so­zia­li­sie­rung er­hal­ten soll. Nor­ma­ler­wei­se en­det die le­bens­lan­ge Frei­heits­stra­fe in Deutsch­land mit 15 Jah­ren – bei Mohn­haupt und Klar wur­den auf­grund der Schwe­re der Ver­bre­chen schon Aus­nah­men ge­macht.

Die Be­für­wor­ter der Frei­las­sung Mohn­haupts bzw. des Gna­den­ge­suchs von Klar füh­ren die­se Rechts­spre­chung als Kern ih­rer for­mal­ju­ri­sti­schen Ar­gu­men­ta­ti­on an. Es scheint auch so, als sei die po­ten­ti­el­le Re­so­zia­li­sie­rung an kei­ner­lei Vor­aus­set­zun­gen ge­bun­den ist – was min­de­stens über­rascht, denn in Pro­zes­sen gibt es sehr wohl straf­mil­dern­de und na­tür­lich auch straf­ver­schär­fen­de Um­stän­de. Das von vie­len Geg­nern des Ver­fah­rens ins Feld ge­führ­te Ar­gu­ment, dass so­wohl bei Mohn­haupt – vor al­lem je­doch bei Klar kei­ner­lei Reue er­kenn­bar ist, soll­te da­bei nicht ganz oh­ne Ein­fluss sein. Die bis­he­ri­gen vor­zei­ti­gen Frei­las­sun­gen (vor al­lem bei Pe­ter-Jür­gen Boock) wur­den u. a. da­mit be­grün­det, dass Ein­sicht in die Feh­ler­haf­tig­keit der ei­ge­nen Ta­ten und Mit­ge­fühl mit den Op­fern ge­reift war – und zwar über blo­sse Lip­pen­be­kennt­nis­se hin­aus.

Von Mohn­haupt und Klar gibt es m. W. kei­ne der­ar­ti­ge Äu­sse­rung. Chri­sti­an Klar hat in ei­nem in­ter­es­san­ten Fern­seh­in­ter­view 2001 mit Gün­ter Gaus ein­deu­tig klar­ge­stellt, dass sich die Fra­ge nach dem Leid der Op­fer und de­ren An­ge­hö­ri­gen sich für ihn nicht stellt: Ich über­las­se der an­de­ren Sei­te ih­re Ge­füh­le und re­spek­tie­re sie, aber ich ma­che sie mir nicht zu Ei­gen. Das sitzt zu tief drin, dass hier, ge­ra­de in den rei­chen Län­dern, zu vie­le Le­ben nicht zäh­len. Das müss­te sich sehr än­dern, da­mit ein sol­ches Ge­fühl auf­kommt. Schuld­ge­füh­le und Reue sei­en im po­li­ti­schen Raum, vor dem Hin­ter­grund ih­res Kamp­fes kei­ne Be­grif­fe, so Klar da­mals. Da die­sen Aus­sa­gen bis­her (me­di­al) nicht wi­der­spro­chen wur­de, müs­sen sie als noch gül­tig an­ge­nom­men wer­den. (Gaus hat­te üb­ri­gens nach dem In­ter­view Klar vor­ge­schla­gen, ein Gna­den­ge­such beim Bun­des­prä­si­den­ten zu stel­len.)

Vie­le, die da­mals in po­li­tisch pro­mi­nen­ter Po­si­ti­on agiert hat­ten, spre­chen sich heu­te für die Frei­las­sung von Mohn­haupt und Klar aus. Sie füh­ren u. a. ins Feld, dass von bei­den nach der selbst­er­klär­ten Auf­lö­sung der RAF 1998 kei­ne Ge­fahr mehr aus­geht. Und das der Rechts­staat Grö­sse und Ver­zei­hen zei­gen muss. Al­les ein­leuch­ten­de und gut nach­voll­zieh­ba­re Grün­de. Aber muss nicht auch der Rechts­staat auf die Wah­rung ei­ner Rechts­kul­tur ach­ten? Kann es sein, dass je­mand, der der vor­sätz­li­chen Er­mor­dung von Men­schen (die ideo­lo­gi­schen Ver­brä­mun­gen zu den Mor­den wer­den heu­te von vie­len merk­wür­dig mil­de be­ur­teilt) mit schul­dig ist, sie viel­leicht so­gar sel­ber aus­ge­führt hat (es ist nie ganz ge­klärt wor­den, wer die töd­li­chen Schüs­se auf Schley­er ab­ge­ge­ben hat; es könn­ten auch zwei Per­so­nen sein; ne­ben dem hier­für de­zi­diert ver­ur­teil­ten Rolf-Cle­mens Wag­ner) und heu­te hier­für kei­ner­lei Ein­sicht ob des be­gan­ge­nen Un­rechts zeigt – kann es sein, dass der Rechts­staat hier­über non­cha­lant hin­weg­se­hen kann oder es ein­fach soll?

Über den Sinn, die Funk­ti­on von »Stra­fe« sagt Jan-Phil­ipp Re­emts­ma: Die Be­stra­fung ei­nes Tä­ters kann viel­leicht nichts hei­len, sehr wohl kann ihr Aus­blei­ben zu­sätz­lich et­was zer­stö­ren. Und: Ich glau­be, daß sie für das Op­fer ei­nes Ver­bre­chens sym­bo­li­siert, daß sich die Ge­sell­schaft auf sei­ne Sei­te stellt, es in der Ge­sell­schaft will­kom­men heißt und im Ge­gen­zug den Ver­bre­cher zu­rück­weist und aus­schließt.

Und kei­ne Em­pa­thie bei Mohn­haupt und Klar. Kei­ne Em­pa­thie, nir­gends. Und den­noch sol­len sie frei­kom­men?

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23 Kommentare zu »Kei­ne Em­pa­thie, nir­gends«:

  1. Cleos sagt:

    Da hast du Dir
    ein ex­plo­si­bles The­ma raus­ge­sucht.
    Von mir kriegt kei­ner Empathie.Denn ich wür­de auch kei­ne bekommen.(Das reicht al­ler­dings als Ar­gu­ment nicht aus.)

    Aber ich mei­ne, es ist we­ni­ger von Ge­füh­len ab­hän­gig son­dern von Pa­ra­gra­fen in un­serm wun­der­ba­ren Rechts­staat.
    Sie sol­len be­han­delt wer­den wie je­der an­de­re ‚der ge­mor­det hat,entführt hat..etc.

    #1

  2. Gleich­be­hand­lung
    Zwei­fel­los ist das Gleich­be­hand­lungs­ge­bot sehr wich­tig; Gerd Koe­nen hat das ge­stern in »Kul­tur­zeit« als Pro-Ar­gu­ment für ei­ne Frei­las­sung ge­nannt. Man wür­de bei ei­nem »nor­ma­len« Mör­der auch nicht nach Reue fra­gen – die Kri­te­ri­en sei­en an­de­re (bspw. Rück­fall­ge­fahr).

    Ich kann mich al­ler­dings an kei­ne an­de­ren Ur­tei­le in Deutsch­land er­in­nern, in dem je­mand zu »5 x le­bens­läng­lich« ver­ur­teilt wor­den ist. D. h. es lag ei­ne be­son­de­re Schwe­re vor. Das drückt sich auch in der ver­län­ger­ten Min­dest­haft­stra­fe aus (nor­ma­ler­wei­se 15 Jah­re – hier weit über 20 Jah­re). In­so­fern hat man an­hand der Schwe­re der Ta­ten na­tür­lich dif­fe­ren­ziert. Die Fra­ge ist, ob man nach der Min­dest­haft­stra­fe zu ei­nem »nor­ma­len« Ab­lauf kom­men soll bzw. ob es da tat­säch­lich (auch bei den »nor­ma­len« Mör­dern) ei­nen Au­to­ma­tis­mus gibt.

    [EDIT: 2007-01-25 13:16]

    #2

  3. blackconti sagt:

    Rein ge­fühls­mä­ßig sträubt sich auch bei mir ei­ni­ges da­ge­gen, de­nen, die kei­ner­lei Mit­ge­fühl für ih­re Op­fer hat­ten und wohl auch bis heu­te nicht ha­ben, nun Mit­ge­fühl und Gna­de zu er­wei­sen. Je län­ger ich al­ler­dings dar­über nach­den­ke, de­sto mehr taucht die Zeit des deut­schen Herb­stes 1977 wie­der aus der Ver­gan­gen­heit auf und mei­ne ei­ge­ne am­bi­va­len­te Ein­stel­lung zu den Ter­ro­ri­sten und zur ge­schür­ten Ter­ro­ris­mus­hy­ste­rie durch die Me­di­en und die Staats­or­ga­ne da­mals.

    Ver­gli­chen mit den Ter­ro­ri­sten heu­ti­ger Prä­gung, wa­ren die RAF-Tä­ter ja ge­ra­de­zu or­dent­li­che Men­schen. Sie spreng­ten nicht wahl­los Bus­se oder Bah­nen in die Luft, son­dern such­ten sich ih­re Op­fer ganz ge­zielt un­ter den Mäch­ti­gen des Lan­des, de­nen sie den Krieg er­klärt hat­ten, na­tür­lich mit ziem­lich wir­ren Ar­gu­men­ten und un­rea­li­sti­schen Zie­len.

    Die Re­ak­ti­on des Staa­tes war mar­tia­lisch. Über Mo­na­te schau­te man in die Läu­fe von Schnell­feu­er­ge­weh­ren, wenn man ei­ne der über­all im Lan­de ein­ge­rich­te­ten Po­li­zei­sper­ren pas­sier­te. Wer öf­fent­lich die Un­ver­hält­nis­mä­ßig­keit der staat­li­chen Re­ak­tio­nen auf die­ses ver­schwin­dend klei­ne Häuf­chen von RAF-Leu­ten be­klag­te, ge­riet sel­ber so­fort in Ver­dacht. Ei­ne Dis­kus­si­on un­ter Be­kann­ten oder Ar­beits­kol­le­gen über den RAF-Ter­ror, woll­te man et­was dif­fe­ren­zier­ter ar­gu­men­tie­ren und nicht nur die täg­li­che Bild­zei­tungs­mei­nung wie­der­käu­en, muss­te grund­sätz­lich mit dem Ein­gangs­be­kennt­nis er­öff­net wer­den, man sei selbst­ver­ständ­lich auch ge­gen die­se Ter­ro­ri­sten. Selbst ein No­bel­preis­trä­ger wie Hein­rich Böll ge­riet in den Ver­dacht, ein Sym­pa­thies­ant der RAF zu sein, nur weil er ei­nen re­la­ti­vie­ren­den Auf­satz im Spie­gel ver­öf­fent­licht hat­te.

    Dass auch ich nach der Ent­füh­rung des Ar­beit­ge­ber­ver­bands­prä­si­den­ten Schley­er nicht et­wa ent­setzt war, son­dern so et­was wie die heu­te schon sprich­wört­li­che „klamm­heim­li­che Freu­de“ oder Ge­nug­tu­ung emp­fand, muss ich ehr­li­cher­wei­se zu­ge­ben.
    Die Per­son Schley­ers ver­kör­per­te da­mals al­les, was im lin­ken Spek­trum der BRD ver­hasst und ver­ach­tet war. Sei­ne bul­li­ge Ge­stalt, sein von Cor­po­ra­ti­ons­schmis­sen zer­narb­tes Ant­litz, sei­ne Na­zi­ver­gan­gen­heit und sei­ne dau­ern­de Me­di­en­prä­senz als Ober­ka­pi­ta­list und Ge­werk­schafts­fres­ser – mit Schley­er hat­te die RAF, auch nach mei­ner „klamm­heim­li­chen“ Mei­nung, end­lich mal den Rich­ti­gen er­wischt. Die to­ten Po­li­zi­sten und Leib­wäch­ter – be­dau­er­lich, aber de­ren Be­rufs­ri­si­ko. So dach­te ich da­mals.

    Dass der Staat den For­de­run­gen der RAF nach Frei­las­sung der in Stamm­heim In­haf­tier­ten 1. RAF-Ge­nera­ti­on nicht nach­ge­ben konn­te, war na­tür­lich auch klar und als dann die Lands­hut-Ent­füh­rung in Mo­ga­di­schu so spek­ta­ku­lär be­en­det wur­de, ha­be ich, wie fast al­le im Lan­de, er­leich­tert auf­ge­at­met. Die merk­wür­di­gen Selbst­mor­de der Stamm­heim-Ge­fan­ge­nen noch in der sel­ben Nacht sä­ten noch ein­mal Zwei­fel an der Rechts­staat­lich­keit der BRD. Die an­schlie­ßen­de Er­mor­dung Schley­ers emp­fand ich nur noch als zy­nisch und ab­sto­ßend.

    Die dann in spä­te­ren Jah­ren ver­üb­ten An­schlä­ge und Bank­über­fäl­le wa­ren nur noch un­taug­li­che Ver­su­che, dem sinn­lo­sen Ge­bil­de RAF wie­der ei­nen Rest von Le­ben ein­zu­hau­chen (Herr­hau­sen war na­tür­lich kei­ne Mar­gi­na­lie). Schon lan­ge vor der Fest­nah­me von Klar und Mohn­haupt war die RAF er­le­digt.

    Ich schrei­be das gan­ze hier nach mei­ner Er­in­ne­rung, um auf­zu­zei­gen, dass das mit der Reue nicht so ein­fach ist. Soll ich mei­ne da­ma­li­gen Ge­dan­ken be­reu­en? Den­ke ich heu­te an­ders? Wie kann man er­war­ten, dass Klar und Mohn­haupt ihr da­ma­li­ges Den­ken und die dar­aus re­sul­tie­ren­den Ta­ten be­reu­en? Sie den­ken viel­leicht heu­te an­ders, aber was ge­sche­hen ist, ist ge­sche­hen. Es ist lan­ge her und ver­sinkt lang­sam im Ne­bel des Ver­ges­sens. 24 Jah­re Haft sind ge­nug. Wer­den Klar und Mohn­haupt wie­der ein­schlä­gig straf­fäl­lig – die Fra­ge kann man stel­len? Wenn nicht, dann soll­te man sie jetzt frei­las­sen!

    #3

  4. Peter sagt:

    Drei­ssig Jah­re vor und zu­rück

    Er­staun­lich wie lan­ge Ge­fühls­la­gen im Ge­dächt­nis blei­ben, die black­con­ti wie­der zum Le­ben er­weckt hat. Ich er­in­ner­te mich ge­ra­de deut­lich, wie man sich bei dem Ver­such fühl­te, die Mo­ti­ve der Ter­ro­ri­sten nach­zu­voll­zie­hen oder wo­mög­lich zu re­la­ti­vie­ren. Na­tür­lich kei­nen Baa­der er­klär­bar ma­chen, das war ein Dumm­kopf, aber mög­li­cher­wei­se die Mein­hof, die so un­schul­dig wirk­te ge­gen­über dem bra­chia­len Schley­er.

    Ver­mut­lich ist al­les ge­sagt, al­le Pros und Con­tras er­wähnt. Man be­den­ke aber, dass im deut­schen Herbst das Drit­te Reich ge­ra­de so lan­ge Ge­schich­te war, wie heu­te die Schley­er-Ent­füh­rung. Wie fühlt man sich, wenn man al­te Na­zis die Ge­schicke des neu­en Deutsch­lands lei­ten sieht. Wie fühlt man sich, wenn man die straf­frei aus­ge­hen sieht, die zen­ter­wei­se Schuld auf sich ge­la­den ha­ben. Die Kohl­haas un­ter uns wa­ren al­le ge­fähr­det.

    Da mag ich Pe­ter-Jür­gen Boocks Ar­gu­ment der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit nicht so leicht vom Tisch wi­schen. So non­cha­lant wie man al­te Na­zis re­ha­bi­li­tiert hat, so hy­ste­risch dä­mo­ni­sier­te man die Prot­ago­ni­sten der Ter­ror­sze­ne. Mein da­ma­li­ges Ra­dio er­laub­te mir per Po­li­zei­funk ei­nen Teil des Wahn­sinns mit­zu­er­le­ben.

    Bu­backs Sohn hat die Sa­che für mich auf den Punkt ge­bracht. Die An­schlä­ge gal­ten der Funk­ti­on, nicht dem Men­schen. Da­her muss ei­ne Ent­schul­di­gung Lip­pen­be­kennt­nis blei­ben: »Ich glau­be zwar, dass das Sy­stem un­ge­recht und kor­rupt ist, ihr Mann war we­sent­li­cher Teil da­von, aber es tut mir Leid«. Nein, das wä­re un­ehr­lich. Mohn­haupt und Klar müs­sen die Ge­sell­schaft über­zeu­gen, dass Ge­walt für sie kein Mit­tel der Wahl mehr ist und nicht die An­ge­hö­ri­gen der Op­fer. Ei­ne Ent­schul­di­gung bei Frau Schley­er er­scheint mir eben­so un­mög­lich wie wei­te­re Läu­te­rung nach 24 Jah­ren Ge­fäng­nis. Al­so, frei­las­sen.

    #4

  5. @blackconti @Peter
    Vie­len Dank bei­den für die sehr dif­fe­ren­zier­ten und in­ter­es­san­ten Kom­men­ta­re. Da bei­de teil­wei­se sehr per­sön­lich sind, möch­te ich auch mei­ne Er­in­ne­run­gen aus der Zeit bei­steu­ern.

    Ja, ich ha­be die Hy­ste­rie mit­be­kom­men und war ge­le­gent­lich ein Teil von ihr (vor dem Fern­se­her oder Ra­dio). Klamm­heim­li­che Freu­de ha­be ich nie emp­fun­den, da ich – trotz der vie­len Feh­ler der Bun­des­re­pu­blik – die­ses »Sy­stem« auch da­mals für wert­voll (und so­gar ver­tei­di­gungs­wert) hielt. Viel­leicht hängt es auch da­mit zu­sam­men, dass ich mis­sio­na­ri­schen Gei­stern, die mir er­klä­ren und de­mon­strie­ren wol­len, dass sie et­was grund­sätz­lich Bes­se­res für mein Wohl im Schil­de füh­ren, im­mer zu­tiefst miss­traut ha­be. Für die 68er war ich zu jung – viel­leicht des­halb ver­stand ich da­mals die so­zi­al­li­be­ra­le Re­gie­rung als ge­sell­schafts­po­li­ti­sche Chan­ce. Es ist ei­ne Tra­gik, dass der RAF-Ter­ror aus­ge­rech­net un­ter ihr gross wur­de.

    Der po­li­ti­sche Über­bau der RAF wur­de m. E. im­mer über­schätzt – die­ser Mei­nung war ich auch da­mals schon. Zwar mag der Im­pe­tus der Welt- bzw. Sy­stem­ver­än­de­run­gen be­stan­den ha­ben, aber er war schnell voll­kom­men per­ver­tiert in blin­der Ge­walt. Was black­con­ti schreibt, ist na­tür­lich rich­tig: Im Ver­gleich zu den heu­ti­gen Ter­ro­ri­sten mu­tet das al­les re­la­tiv »be­schei­den« an – aber auch im Ver­gleich zu den »Ro­ten Bri­ga­den« da­mals in Ita­li­en; das Land stand kurz vor ei­ner ve­ri­ta­blen Staats­kri­se, da die­se Leu­te nicht zu­letzt auf­grund des grö­sse­ren Zu­laufs ein enor­mes Ge­walt- und Mord­po­ten­ti­al ent­wickel­ten. Rich­tig ist aber auch, dass auch oh­ne ent­spre­chen­de me­dia­le Be­ein­flus­sung der Grad der Sym­pa­thie für die RAF in der Be­völ­ke­rung gen null ten­dier­te.

    Wenn ich oben schrieb, ich sei Teil der Hy­ste­rie ge­we­sen, so muss ich zu mei­ner Ent­la­stung sa­gen, dass ich die Re­ak­tio­nen der rechts­kon­ser­va­ti­ven Kräf­te al­ler­dings auch im­mer ver­ur­teilt ha­be. Hät­te der Staat da­mals so re­agiert, wie dies bei­spiels­wei­se aus be­stimm­ten Krei­sen der CDU/CSU an die Öf­fent­lich­keit drang, wä­re ein grö­sse­rer Nähr­bo­den für die drit­te und so­gar vier­te Ge­nera­ti­on ent­stan­den. Schmidts Agie­ren trägt we­sent­lich da­zu bei, dass es da­zu nicht ge­kom­men ist – ob­wohl in der da­ma­li­gen Zeit vie­le Ge­set­ze be­schlos­sen wur­den, die am­bi­va­lent wa­ren – vie­les gilt üb­ri­gens heu­te noch.

    Der Kohlhaas-»Vergleich« ist ziem­lich tref­fend. Ob­wohl – wenn man die Bio­gra­fi­en der Ter­ro­ri­sten an­schaut – nie­mand ei­ne di­rek­te Un­ge­rech­tig­keit wie Kohl­haas zu er­lei­den hat­te. Und noch ei­ne Aus­sa­ge in Pe­ters Kom­men­tar ist in­ter­es­sant: Man be­den­ke aber, dass im deut­schen Herbst das Drit­te Reich ge­ra­de so lan­ge Ge­schich­te war, wie heu­te die Schley­er-Ent­füh­rung. Dar­an hat­te ich ehr­lich ge­sagt nicht ge­dacht; ein wich­ti­ger As­pekt, wie ich fin­de. Aber: Wenn man da­mals (und heu­te) be­klagt, die Alt-Na­zis zu früh re­ha­bi­li­tiert zu ha­ben – war­um soll man den glei­chen Feh­ler heu­te ma­chen? (Ich weiss, das ist po­le­misch.)

    Ich bin auch nicht der Mei­nung, dass jeg­li­che Ent­schul­di­gung Lip­pen­be­kennt­nis blei­ben muss. Ich glau­be, Boock hat ge­zeigt, dass das nicht so sein muss. Auf ein blo­sses Lip­pen­be­kennt­nis kön­nen die An­ge­hö­ri­gen si­cher­lich ver­zich­ten – hier­um geht es na­tür­lich wirk­lich nicht.

    Mohn­haupt und Klar wa­ren weit­aus ge­walt­tä­ti­ger und skru­pel­lo­ser als die er­ste Ge­nera­ti­on der RAF. Sie sind trotz der ex­or­bi­tant lan­gen Haft­zeit schein­bar un­ge­läu­tert. Das muss man ak­zep­tie­ren. Gerd Koe­nen hat ge­stern in »Kul­tur­zeit« ge­sagt, man fra­ge auch ei­nen »nor­ma­len« Mör­der nicht nach der Reue; er kom­me nach 15 Jah­ren frei. Die­se Art von Au­to­ma­tis­mus war (ist) mir neu; ich hiel­te ihn für falsch.

    Mohn­haupt und Klar müs­sen die Ge­sell­schaft über­zeu­gen, dass Ge­walt für sie kein Mit­tel der Wahl mehr ist..
    Das wä­re mei­ne Mi­ni­mal­for­de­rung an bei­de. So­lan­ge die­ses Be­kennt­nis aus­bleibt, hiel­te ich ei­ne vor­zei­ti­ge Frei­las­sung für falsch – wohl wis­send, dass mit wei­te­rer Haft­zeit nichts ge­bes­sert wird. Ein Di­lem­ma.

    #5

  6. steppenhund sagt:

    @blackconti
    vol­le Zu­stim­mung.
    Nach mei­ner In­for­ma­ti­on hat sich auch Schley­er nie von sei­ner Na­zi-Ver­gan­gen­heit di­stan­ziert oder be­stimm­te Aus­sa­gen zu­rück­ge­nom­men.
    Ich bin heil­froh, dass ich da­mals und auch bis jetzt zu un­po­li­tisch war, um mich ra­di­ka­li­sie­ren zu las­sen. Stra­te­gisch wür­de ich es als ein­zi­ges taug­li­ches Mit­tel ge­gen die na­he­zu voll­kom­men skru­pel­lo­se Ak­tio­nen der heu­ti­gen Re­gie­ren­den se­hen. (Ich neh­me jetzt als Bei­spiel die kol­por­tier­ten Ak­tio­nen rund um Stoi­ber, Über­wa­chun­gen etc.)
    Manch­mal er­fährt man De­tails nach Jah­ren, die klein ge­spielt wer­den, weil sie nicht mehr das Zeit­ge­sche­hen be­ein­träch­ti­gen kön­nen. Dann zeigt man sich groß­zü­gig.
    Ich kann mir zB gut vor­stel­len, dass in man­chen Per­so­nen ein wahn­sin­ni­ger Hass ge­gen Hartz er­wächst, denn ei­ne stär­ke­re Po­la­ri­sie­rung zwi­schen Hartz-IV und den Skan­da­len kann man sich ja schwer vor­stel­len.
    Ich stim­me zu, dass das Be­kennt­nis zur Ge­walt­frei­heit das Kri­te­ri­um sein müss­te, ob Mohn­haupt und Klar frei­ge­las­sen wer­den dür­fen.
    Ech­te Reue­be­kennt­nis­se kann ich mir schwer vor­stel­len.

    #6

  7. @steppenhund
    Ich hat­te an an­de­rer Stel­le auch schon mal ge­schrie­ben, dass ich heil­froh bin, dass ich nicht 50 Jah­re frü­her ge­bo­ren wur­de. Dann hät­te sich für mich die Fra­ge ge­stellt, wie ich dem NS-Re­gime ge­gen­über­tre­ten wä­re (oder viel­leicht auch nicht). Ich be­fürch­te, ich wä­re viel­leicht kein gross­ar­ti­ger Wi­der­stands­kämp­fer ge­we­sen...

    Im Wi­ki­pe­dia-Ar­ti­kel ist ei­ni­ges über Schley­ers Na­zi-Ver­gan­gen­heit be­schrie­ben. Ich ge­he der Ein­fach­heit hal­ber ein­mal da­von aus, dass es stimmt. Schley­er ist dem­nach ein Bil­der­buch-Kar­rie­rist im Nach­kriegs­deutsch­land ge­we­sen – das war mög­lich, weil vie­le wirk­lich fä­hi­ge Köp­fe Op­fer des Krie­ges wur­den. Die Al­li­ier­ten hat­ten das früh ge­se­hen; die »Ent­na­zi­fi­zie­rungs­pro­gram­me« wa­ren schnell ziem­lich rou­ti­niert »ab­ge­wickelt« wor­den.

    Im Wi­ki­pe­dia-Ari­kel über Schley­er gibt es ei­nen ver­rä­te­ri­schen Satz: Durch sei­ne har­te Hal­tung in den Ar­beits­kämp­fen der 1960er Jah­re... sei­ne na­tio­nal­so­zia­li­sti­sche Ver­gan­gen­heit und wohl auch durch sei­ne – vor al­lem im Fern­se­hen – ag­gres­siv bzw. bru­tal wir­ken­de äu­ße­re Er­schei­nung (die New York Times be­schrieb ihn als »Ka­ri­ka­tur des häss­li­chen Ka­pi­ta­li­sten«) gibt Schley­er ein idea­les Feind­bild für die 68er-Be­we­gung ab. Die­ser Satz zeigt vor al­lem: Die »Ka­ri­ka­tur des häss­li­chen Ka­pi­ta­li­sten« ist nicht weit von der an­ti­jü­di­schen NS-Pro­pa­gan­da à la Veit Har­lan ent­fernt – man be­nutzt al­so (un­be­wusst?) das glei­che In­stru­men­ta­ri­um, wel­ches man an­geb­lich be­kämpft.

    Die Bot­schaft, in der man sich mit der Er­mor­dung Schley­ers schmückt, zeigt das deut­lich: Die »Rich­ter« ha­ben ge­spro­chen; Boock hat die­sen An­spruch der RAF mehr­mals be­schrie­ben: Die Ter­ro­ri­sten sa­hen sich qua­si als Voll­strecker ei­ner »gu­ten Sa­che« – im wört­li­chen Sinn.

    Ei­ne »Reue« der Tä­ter könn­te dar­in lie­gen, dass man er­läu­tert, dass die­se An­ma­ssung von da­mals falsch war, ja, das sie letzt­lich dem ver­wandt war, was man ei­gent­lich be­kämp­fen woll­te. Wenn man dies nicht als falsch er­ach­tet, son­dern als ei­ne Art »Kol­la­te­ral­scha­den« des Kamp­fes (wie ich Klars Äu­sse­rung von 2001 im Gaus-In­ter­view ver­ste­he), so kann ein Staat dies nicht ach­sel­zuckend zur Kennt­nis neh­men – auch wenn die RAF nicht mehr exi­stiert.

    Schley­er mag sich nie di­stan­ziert ha­ben von sei­ner Ver­gan­gen­heit – das ist na­tür­lich zu ver­ur­tei­len (ich ha­be nie et­was da­von ge­hal­ten, Stra­ssen oder Bau­wer­ke nach ihm zu be­nen­nen). Aber auch Mohn­haupt und Klar ha­ben sich auch nie »di­stan­ziert«. Ich mag auch kei­ne Wort­hül­sen und das lo­ri­o­t­sche »dann ent­schul­di­gen Sie sich für ir­gend­was« bringt nie­man­dem et­was. Ich ha­be so­gar Re­spekt vor der Hal­tung Klars, der nicht mit blo­ssen Be­trof­fen­heits­be­kun­dun­gen sei­ne Frei­las­sung her­bei­führt.

    #7

  8. steppenhund sagt:

    »man be­nutzt al­so (un­be­wusst?) das glei­che In­stru­men­ta­ri­um, wel­ches man an­geb­lich be­kämpft...«
    Da steckt viel Wahr­heit drin­nen. Ich glau­be, dass wir es hier mit ei­nem sy­ste­mi­schen Vor­gang zu tun ha­ben, den ich ein­mal »An­pas­sung« im tech­ni­schen Sinn nen­nen möch­te.
    Ich neh­me mich selbst jetzt ein­mal als »schlech­tes« Bei­spiel und da­für das Hartz-Bashing her. Die­se Art der Ar­gu­men­ta­ti­on ent­spricht nicht mei­ner üb­li­chen, wie man sich wohl in mei­nen Tex­ten über­zeu­gen kann. Doch in die­sem Fall kann ich nicht an­ders, als mich auf ei­ne po­li­tisch ver­ein­fa­chen­de, dem­ago­gi­sche und po­le­mi­sche Platt­form zu be­ge­ben, weil al­les an­de­re als aka­de­misch weg­ge­wischt wird. Vom In­tel­lekt, von den uns an­ge­bo­re­nen Ver­drän­gungs­me­cha­nis­men. (Ich selbst bin ja gar nicht be­trof­fen da­von.) Doch in die­sem Fall ist es mir lie­ber, je­mand regt sich we­nig­stens über mich auf und be­kommt da­bei mei­ne Mei­nung un­ter­schwel­lig mit, als er nimmt gar nichts zur Kennt­nis.
    -
    Im üb­ri­gen ist es ei­gent­lich fürch­ter­lich, wenn man sich über­legt, dass der da­ma­li­ge »häß­li­che« Ka­pi­ta­list noch der »gu­te« Ka­pi­ta­list war, wenn man ihn mit dem heu­ti­gen Share­hol­der-Ka­pi­ta­lis­mus ver­gleicht, bei dem nicht die Ka­pi­ta­li­sten selbst son­dern ih­re Söld­ner, die Exe­cu­ti­ves, bru­ta­ler vor­ge­hen, als es selbst ein Schley­er ge­macht hät­te.

    #8

  9. Peter sagt:

    @Gregor

    1935 Das Corps Sue­via wei­gert sich, jü­di­sche Al­te Her­ren aus sei­nen Rei­hen aus­zu­schlie­ßen. Schley­er wirft der Ver­bin­dung dar­auf­hin man­geln­de na­tio­nal­so­zia­li­sti­sche Ge­sin­nung vor und er­klärt öf­fent­lich sei­nen Aus­tritt.

    Na, das ist schon et­was mehr als Mit­läu­fer­tum, vor al­lem zu ei­ner Zeit als der öf­fent­li­che Druck noch nicht so stark war. So je­mand hät­te nie wie­der ein Amt be­klei­den dür­fen.

    #9

  10. @Peter
    Na, das ist schon et­was mehr als Mit­läu­fer­tum..
    Das ist rich­tig. Ich ha­be nie ge­schrie­ben, dass er ein »En­gel« war...

    So je­mand hät­te nie wie­der ein Amt be­klei­den dür­fen.
    Das ist auch rich­tig. Aber was be­deu­tet »öf­fent­li­ches Amt«? Wenn ihn ei­ne Or­ga­ni­sa­ti­on de­mo­kra­tisch wählt – das sagt ja letzt­lich ei­ni­ges über die­se Or­ga­ni­sa­ti­on aus.

    Aber – und die­se Fra­ge ist po­le­misch und nicht per­sön­lich zu ver­ste­hen: Darf man sich des­halb zu sei­nem Rich­ter ma­chen? Gibt es ei­ne hier­aus ab­leit­ba­re Le­gi­ti­ma­ti­on für die Tat der RAF an ihm (und die Er­mor­dung der vier Per­so­nen bei sei­ner Ent­füh­rung)?

    #10

  11. Peter sagt:

    Aber
    @Peter

    Aber – und die­se Fra­ge ist po­le­misch und nicht per­sön­lich zu ver­ste­hen: Darf man sich des­halb zu sei­nem Rich­ter ma­chen? Gibt es ei­ne hier­aus ab­leit­ba­re Le­gi­ti­ma­ti­on für die Tat der RAF an ihm (und die Er­mor­dung der vier Per­so­nen bei sei­ner Ent­füh­rung)?

    Zu sei­nem mo­ra­li­schen Rich­ter ja, ju­ri­stisch na­tür­lich nicht. Die Denk­art der RAF ver­bie­tet sich von selbst. Aber doch bleibt im­mer die­ses »aber« im Raum hän­gen, da die Mo­ti­ve zu­min­dest an­schei­nend lau­te­re wa­ren, was es mir nicht leich­ter macht.Kei­ne Em­pa­thie, nir­gends hast du ge­schrie­ben. Rich­tig, aber doch bleibt die­ses »aber«.

    Um fast in Shakespeare’sche Di­men­sio­nen ab­zu­glei­ten, man stel­le sich vor, Ul­ri­ke Mein­hof wä­re von ei­nem al­ten Na­zi-Rich­ter ab­ge­ur­teilt wor­den. Ich hät­te ihr je­des Mit­tel der Wahl zu­ge­spro­chen, da der Staat sich in ei­ne Re­duc­tio ad ab­sur­dum be­ge­ben hät­te.

    #11

  12. steppenhund sagt:

    @Peter @Gregor
    http://walhalladada.twoday.net/stories/3236502/#comments
    Ich ha­be dort ei­nen Kom­men­tar hin­ter­las­sen, der über die Ent­schei­dung zwi­schen gut und bö­se her­um­la­bert.
    Fast den­ke ich, dass man ihn hier ge­nau­so an­wen­den kann.

    #12

  13. @Peter – Rich­ter
    Ich glau­be, man hat jeg­li­che mo­ra­li­sche Kraft in dem Au­gen­blick ver­lo­ren, als man zur Durch­set­zung sei­ner viel­leicht mo­ra­lisch be­feu­er­ten Zie­le grund­los vier Men­schen kalt­blü­tig er­mor­det hat.

    Es gibt ein In­ter­view mit Jean Amé­ry, in dem er sinn­ge­mäss ein­mal sag­te: Je­der, der durch Durch­set­zung sei­ner Zie­le Ge­walt an­wen­det, hat so­fort je­den Kre­dit ver­spielt und stellt sich so­fort au­sser­halb ei­ner zi­vi­li­sier­ten Ge­sell­schaft. Das apo­dik­ti­sche die­ses Sat­zes er­klärt sich aus sei­ner Le­bens­ge­schich­te; ich könn­te mir von die­sem An­ti-Ge­walt-Im­pe­ra­tiv durch­aus Aus­nah­men vor­stel­len.

    Ja, es bleibt bei der hi­sto­ri­schen Be­trach­tung der Per­son Schley­er ein aber (es ist al­so nicht nur die Funk­ti­on ge­meint ge­we­sen, wenn RAF-Ter­ro­ri­sten zu­ge­schla­gen hat­ten, son­dern auch die Per­son). Die­ses aber recht­fer­tigt aber nicht das Ge­sche­he­ne.

    In­ter­es­san­ter Ge­dan­ke am Schluss des Kom­men­tars...

    #13

  14. Köppnick sagt:

    Vie­le Ar­gu­men­ta­tio­nen pro und Kon­tra
    gab es in den letz­ten Ta­gen. Was mir nach dem Le­sen des In­ter­views mit der Toch­ter von Ul­ri­ke Mein­hof auf Spie­gel On­line als er­stes auf­ge­fal­len ist, sind die zwei voll­kom­men un­ter­schied­li­chen As­pek­te der Ur­tei­le: Po­li­tisch, we­gen der tat­säch­li­chen oder ver­meint­li­chen Ge­fähr­dung der BRD (ich kann es nicht be­ur­tei­len, es war nicht mein Land und nicht mei­ne Zeit) durch den RAF-Ter­ro­ris­mus. Und mensch­lich we­gen der Mor­de.

    Dass sich ein Staat mit al­len Mit­teln ge­gen ei­ne Be­dro­hung sei­ner Exi­stenz schüt­zen muss, ist selbst­ver­ständ­lich. Die da­bei ein­ge­setz­ten Mit­tel (und in die­sem Fall das Straf­maß) sind nicht so klar. Rein prag­ma­tisch ge­dacht, er­lischt die Not­wen­dig­keit des Staats­schut­zes mit dem En­de der Be­dro­hung. Da es die RAF nicht mehr gibt, be­steht un­ter die­sem Ge­sichts­punkt kein Grund mehr für die fort­dau­ern­de Haft. Un­ter die­sem As­pekt kann ein ge­fe­stig­ter Staat oh­ne Pro­ble­me »Gna­de« wal­ten las­sen.

    Bleibt der Tat­be­stand „nor­ma­ler“ Mor­de, für die es im Ge­setz Min­dest- und Höchst­stra­fen gibt. Mit den ab­ge­ses­se­nen Jah­ren ist man da wohl über dem in Deutsch­land Üb­li­chen. Was sind die Maß­stä­be, die bei nor­ma­len Mör­dern für ei­ne vor­zei­ti­ge Haft­ent­las­sung an­ge­legt wer­den? Wahr­schein­lich ein gu­tes Be­neh­men im Knast und ei­ne po­si­ti­ve psy­cho­lo­gi­sche Pro­gno­se für die Zeit nach der Ent­las­sung. Ge­hört ein (nicht über­prüf­ba­res) Reue­be­kennt­nis auch da­zu?

    Die Toch­ter von Ul­ri­ke Mein­hof hat der zwei­ten Ge­nera­ti­on der RAF, zu der Klar und Mon­haupt ge­hört ha­ben, die po­li­ti­sche Mo­ti­va­ti­on ab­ge­spro­chen und mehr oder we­ni­ger aus die­sem Blick­punkt ein Be­kennt­nis der Reue für die Mor­de ein­ge­for­dert. Ich den­ke, da­mit liegt sie falsch. Die da­ma­li­gen Mit­glie­der der RAF (der 2. Ge­nera­ti­on) hat­ten durch­aus po­li­ti­sche Mo­ti­ve. Und, wie man be­reits in den Dis­kus­sio­nen um die To­des­stra­fe er­fah­ren muss­te, ge­hört die In­kauf­nah­me des To­des von Men­schen zum po­li­ti­schen Kal­kül, von der Füh­rung von Krie­gen bis zur Ge­neh­mi­gung von Atom­kraft­wer­ken.

    Was mich per­sön­lich viel mehr in­ter­es­sie­ren wür­de, sind Aus­sa­gen von Klar, Mon­haupt und den an­de­ren Ex-RAF­lern zur heu­ti­gen po­li­ti­schen Si­tua­ti­on in Deutsch­land. Denn an die­sen Aus­sa­gen könn­te man über­le­gen, ob die Be­tref­fen­den sich ge­än­dert ha­ben, und ob das Land sich ge­än­dert hat. Auch Ter­ror ent­wickelt sich ja nicht aus dem Nichts, son­dern hat im­mer ei­ne Ur­sa­che.

    #14

  15. Ich ha­be hier ei­ne Ab­schrift vom In­ter­view von Gün­ter Gaus mit Chri­sti­an Klar von En­de 2001 ge­se­hen; der Link, der das Text­ar­chiv des Ta­ges­spie­gel als Quel­le nennt, funk­tio­niert nicht mehr. Ge­hen wir ein­mal da­von aus, dass es stimmt. Die Ant­wort­pas­sa­gen Klars ha­be ich her­vor­gebo­ben; die Fra­gen von Gaus kur­siv dar­ge­stellt.


    »Reue ist im po­li­ti­schen Kampf kein Be­griff«

    Gün­ter Gaus spricht im Ge­fäng­nis von Bruch­sal mit dem RAF-Ter­ro­ri­sten Chri­sti­an Klar. Ei­ne Do­ku­men­ta­ti­on

    Chri­sti­an Klar ist 49 und sitzt seit 19 Jah­ren im Ge­fäng­nis, da­von lan­ge Zeit in Ein­zel­haft. Klar, Kind ei­ner Leh­r­er­fa­mi­lie, war füh­ren­der Kopf der ter­ro­ri­sti­schen »Ro­te Ar­mee Frak­ti­on« (RAF), ver­ur­teilt wur­de er we­gen mehr­fa­chen Mor­des. Er hat bis­her kei­ne Reue ge­zeigt. Gün­ter Gaus hat als er­ster Jour­na­list mit Klar ein In­ter­view füh­ren kön­nen, 45 Mi­nu­ten, am Mitt­woch im ORB zu se­hen, aus dem wir ei­ni­ge Pas­sa­gen do­ku­men­tie­ren. Bil­der und Wor­te wi­der­spra­chen ein­an­der zum Teil. Zu se­hen war ein au­gen­schein­lich ge­bro­che­ner, bei­na­he ge­brech­li­cher Mann mit deut­li­chen Kom­mu­ni­ka­ti­ons- und Kon­zen­tra­ti­ons­schwie­rig­kei­ten. Wir drucken das Ge­spräch aus dem glei­chen Grund, aus dem Gaus es ge­führt hat – weil Klar ein Teil der bun­des­deut­schen Ge­schich­te ist, den zu ver­ste­hen man sich im­mer noch schwer tut. Das ge­sam­te In­ter­view wird am 23. De­zem­ber auf Sat 1 wie­der­holt.

    Kön­nen Sie noch Glück de­fi­nie­ren?

    Das wä­re zu theo­re­tisch.

    Wor­auf set­zen Sie Ih­re Hoff­nung?

    Na­tür­lich, dass Men­schen sich nicht mit Un­ter­drückung und De­mü­ti­gung ab­fin­den. Je­des Er­leb­nis, wo Men­schen auf­ste­hen und in die­se re­ak­tio­nä­re Nor­ma­li­tät Be­we­gung rein­brin­gen. Es sind ja vor Mo­na­ten in Ge­nua in­ter­es­san­te Er­eig­nis­se ge­we­sen.

    Sie mei­nen die Glo­ba­li­sie­rungs­geg­ner. Mö­gen Sie et­was über Ih­re El­tern sa­gen, Herr Klar?

    Fünf Kin­der. Wir sind von den El­tern aus in der Bil­dung auf­ge­wach­sen, al­le Mög­lich­kei­ten sind mit­ge­ge­ben wor­den. Schu­le, und was da so drin ist. Mei­ne Mut­ter – ei­ne sehr frei ein­ge­stell­te Frau ... Ich er­in­ne­re mich an vie­le Kämp­fe von ihr mit Nach­barn, weil sie ih­re Kin­der nicht prü­gelt, die zu fünft na­tür­lich viel durch­ein­an­der ge­bracht ha­ben. Ich hö­re von mei­nen Ge­schwi­stern ab und zu. Ich ha­be das Ge­fühl der Zu­nei­gung, aber gleich­zei­tig ist nie viel zu­sam­men ge­lau­fen. Ir­gend­was ist bei mir an­ders ge­we­sen. Des­we­gen bin ich wohl fort­ge­gan­gen.

    Was ist die stärk­ste An­triebs­kraft für Sie ge­we­sen, die­sen Schritt in die Ge­walt hin­ein zu tun?

    Ich den­ke, die Er­fah­rung von ei­ner kol­lek­ti­ven Le­bens­wei­se. Das ist was ganz Neu­es ge­we­sen. Es sind per­sön­li­che Er­fah­run­gen ge­we­sen. Al­so, dass kom­mu­ni­sti­sche Vor­stel­lun­gen nicht aus den Bü­chern stam­men, kei­ne Theo­rie sind. Ein Schul­freund hat mir mal an ei­nem Nach­mit­tag die Ar­bei­ter­be­we­gung er­klärt, und ein an­de­rer hat mir das Buch »Der SS-Staat« von Ko­gon ge­zeigt...

    Ul­ri­ke Mein­hof, An­dre­as Baa­der, Gud­run Enss­lin und die an­de­ren der er­sten RAF-Ge­nera­ti­on: Was hat Sie an die­sen Men­schen an­ge­zo­gen?

    Als Per­so­nen ha­be ich sie erst spä­ter ge­nau­er wahr­ge­nom­men. Am An­fang war das In­ter­es­se mehr für die Or­ga­ni­sa­ti­on. Für das Kon­zept, wo zu ei­nem Zeit­punkt die Hef­te rum­ge­gan­gen sind und durch Zei­tungs­lek­tü­re und auch ei­ge­ne Ide­en.

    Wel­che Hef­te?

    Ich weiß jetzt nicht mehr, wel­che.

    Ha­ben Sie mei­nes­glei­chen ver­ach­tet?

    Nein. Der Be­zug ist ja auf die Mäch­ti­gen aus­ge­rich­tet ge­we­sen, auf ih­re Po­li­tik und auf an­de­re Be­rei­che in der Lin­ken, bei­de Aus­ein­an­der­set­zun­gen hat es ge­ge­ben. Ich wüss­te jetzt nicht, wo ich Sie hin tun soll.

    Hat Ih­nen der Stil der RAF nicht Ent­set­zen ein­ge­flößt? Ich ha­be im­mer ge­dacht, war­um drücken sich die­se Leu­te so ver­stie­gen aus?

    Es gab da­mals ja auch aus der Lin­ken die Kri­tik an dem Ab­strak­ten in den Er­klä­run­gen. Man muss halt se­hen, dass ein po­li­ti­sches Kon­zept, das auf Be­frei­ung aus ist, gu­ten Grund hat, ab­strakt zu sein.

    Sie lie­ßen sich oh­ne Ge­gen­wehr fest­neh­men. Es ist ge­mut­maßt wor­den, Sie sei­en kampf­mü­de ge­we­sen.

    Das ist die Ver­höh­nung von je­man­dem, den sie lan­ge ge­sucht und dann ge­fasst ha­ben. Wenn man ver­haf­tet wird, geht es ei­nem dreckig. Über Il­le­ga­li­tät ist im »taz«-Milieu im­mer re­fe­riert wor­den, was für ein Druck das sei. Ich ha­be Il­le­ga­li­tät als gro­ße Frei­heit er­lebt. Für uns ist die Il­le­ga­li­tät ein Raum ge­we­sen, aus dem man po­li­tisch han­deln kann. Ei­ne Si­tua­ti­on, in der man für al­les sel­ber ver­ant­wort­lich ist.

    Sie sind zu fünf Mal le­bens­läng­lich und 15 Jah­ren Haft ver­ur­teilt wor­den. Sie sind aus­drück­lich aus­ge­nom­men wor­den von der üb­li­chen Ent­las­sungs­frist. Hof­fen Sie?

    Es sind fünf von uns, die noch sit­zen. Eva Hau­le, Bri­git­te Mohn­haupt, Rolf-Cle­mens Wag­ner, Bir­git Ho­ge­feld und ich. Und es sind drau­ßen im­mer wie­der Leu­te, die ak­tiv wer­den, um die Fra­ge in die Öf­fent­lich­keit zu brin­gen. Die Re­gie­rung be­han­delt das op­por­tu­ni­stisch. Es gibt für sie kei­nen Grund, sich da zu be­we­gen.

    Sie ver­ste­hen sich als po­li­ti­scher Häft­ling?

    Das soll­te man, ja. Für ei­nen per­sön­lich be­deu­tet das kei­ne Aus­zeich­nung. Es ist auch wich­tig, weil in der Herr­schaft der Re­gie­rung spielt es ja ge­ra­de ei­ne gro­ße Rol­le, das ab­zu­strei­ten. Ge­ra­de die So­zi­al­de­mo­kra­tie hat da im­mer ein Über­soll ge­habt, weil ja ge­ra­de in der so­zia­li­sti­schen Rich­tung ne­ben ih­nen nichts exi­stie­ren darf.

    Ist das ei­ne Wah­rung von Selbst­ach­tung, Herr Klar? Wich­ti­ger für das Über­le­ben als An­pas­sung an die ge­bo­te­nen Nor­men?

    Wenn je­mand an die Wand ge­drückt wird, muss er kämp­fen. Aber ich den­ke nicht so sehr über Selbst­ach­tung nach. An er­ster Stel­le kommt, dass ich ver­ant­wort­lich da­für han­deln will, dass der Auf­bruch, den auch eben die RAF dar­ge­stellt hat, wei­ter­ge­tra­gen wird. Ich füh­le mich ver­ant­wort­lich, da nichts zu­zu­schüt­ten oder zu de­nun­zie­ren.

    Und Reue­ge­füh­le? Sind das für Sie Vor­gän­ge im Kopf, von de­nen Sie sa­gen, es geht Euch nichts an?

    In dem po­li­ti­schen Raum, vor dem Hin­ter­grund von un­se­rem Kampf, sind das kei­ne Be­grif­fe.

    Aber das könn­ten doch Be­grif­fe sein, die Be­deu­tung ha­ben. We­gen der Op­fer.

    Ich über­las­se der an­de­ren Sei­te ih­re Ge­füh­le und re­spek­tie­re die, aber ich ma­che es mir nicht zu ei­gen. Ge­ra­de hier in den rei­chen Län­dern zäh­len so vie­le Men­schen­le­ben nichts. Bel­grad wird bom­bar­diert, das be­deu­tet nicht... In vie­len Län­dern wer­den Ver­hält­nis­se her­ge­stellt, wo Men­schen­le­ben nicht mal ei­nen Na­men hat.

    Ist Re­li­gio­si­tät für Sie von Be­deu­tung?

    Spi­ri­tua­li­tät im All­ge­mei­nen, da ha­be ich Ver­ständ­nis für. Aber Re­li­gio­si­tät nicht.

    Sind Sie im Stan­de, Plä­ne zu ma­chen für die Zeit, die vor Ih­nen liegt?

    Nicht wirk­lich. Die ein­zi­ge Vor­stel­lung ist, mit Leu­ten zu­sam­men zu kom­men, mit de­nen ich Jah­re nicht spre­chen konn­te. Din­ge be­spre­chen, die lie­gen ge­blie­ben sind. Ja.


    Ich hat­te das In­ter­view da­mals ge­se­hen. Klar war – was ei­ne Ant­wor­ten nur an­deu­ten – fürch­ter­lich ar­ro­gant und her­ab­las­send. Gleich­ze­tig wirk­te er ge­fasst; er war über­haupt nicht emo­tio­nal.

    Ich glau­be, es ist ein gro­sser Feh­ler zu glau­ben, die Ter­ro­ri­sten sei­en im­pli­zit po­li­ti­sche Ge­fan­ge­ne. Das woll­ten sie na­tür­lich im­mer sein, um ih­ren Ak­tio­nen ei­ne mo­ra­li­sche Recht­fer­ti­gung zu ge­ben. Das ist je­doch m. E. ein Trug­schluss. Dass der Staat da­mals vie­les da­für ge­tan hat, da­mit die­se Sicht­wei­se vor­ge­bracht wer­den konn­te, ist be­dau­er­lich.

    Die Bun­des­re­pu­blik war da­mals in ih­ren Grund­fe­sten nicht er­schüt­tert. Den­noch wur­de die­ser Ein­druck in den Me­di­en hef­tig ge­schürt und ver­brei­tet. Es gab aber nie­mals ei­ne Staats­kri­se. Den­noch müss­te dem Phä­no­men ent­ge­gen­ge­tre­ten wer­den. Dass das nicht im­mer mit den rich­ti­gen und an­ge­mes­se­nen Mit­teln statt­fand, hat den Ter­ro­ri­sten bei ei­ni­gen Tei­len der Lin­ken ein ge­wis­ses Ver­ständ­nis ge­bracht.

    Es ist ja kei­nes­wegs so, dass Klar, Mohn­haupt und all die an­de­ren an die Wand ge­drückt wur­den. Es sei denn, man be­trach­tet ei­ne po­li­zei­li­che Fahn­dung nach di­ver­sen Mord­an­schlä­gen als »an die Wand drücken«. Die­se, sei­ne Aus­sa­ge ist in Wirk­lich­keit ei­ne Ver­hö­hung. Mit ei­ner po­li­ti­schen So­sse soll das un­ge­niess­ba­re Ge­richt ge­ret­tet wer­den.

    Ich ver­ste­he, dass Reue als Kri­te­ri­um für ei­ne Frei­las­sung sehr schwie­rig ein­zu­for­dern ist. Wenn Du aber Aus­sa­gen zu den heu­ti­gen po­li­ti­schen Ver­hält­nis­sen ein­for­derst (ein in­ter­es­san­tes Un­ter­fan­gen), schlägt es ein biss­chen in die glei­che Ker­be: Wie gross ist bei­spiels­wei­se die Wahr­schein­lich­keit, dass Klar und/oder Mohn­haupt die RAF wie­der­be­le­ben? (Ich glau­be, sie ist ziem­lich ge­ring.) In wel­chen Punk­ten sol­len sie sich ge­än­dert ha­ben? Vor al­lem: Wer ver­mag das nach­zu­prü­fen?

    All das zeigt, dass es bei der Be­trach­tung der Frei­las­sung bzw. Be­gna­di­gung kei­nen Au­to­ma­tis­mus ge­ben kann. Auch hier muss ge­prüft wer­den, in­wie­fern ein Rück­fall ge­ge­ben ist.

    Ge­stern stand bei SpOn, dass Klar in sei­nem Gna­den­ge­such 2003 Reue ein­ge­stan­den ha­be: Selbst­ver­ständ­lich muss ich ei­ne Schuld an­er­ken­nen. Ich ver­ste­he die Ge­füh­le der Op­fer und be­daue­re das Leid die­ser Men­schen. Ich fra­ge mich, war­um das nicht schon vor­her in die Dis­kus­si­on ge­wor­fen wur­de.

    #15

  16. steppenhund sagt:

    ar­ro­gant?
    »Ich über­las­se der an­de­ren Sei­te ih­re Ge­füh­le und re­spek­tie­re die, aber ich ma­che es mir nicht zu ei­gen. Ge­ra­de hier in den rei­chen Län­dern zäh­len so vie­le Men­schen­le­ben nichts. Bel­grad wird bom­bar­diert, das be­deu­tet nicht... In vie­len Län­dern wer­den Ver­hält­nis­se her­ge­stellt, wo Men­schen­le­ben nicht mal ei­nen Na­men hat.«
    Ko­misch, ich emp­fin­de die Ant­wor­ten nicht als ar­ro­gant. Oder sa­gen wir, nicht ar­ro­gan­ter als die Aus­sa­gen an­ge­se­he­ner Po­li­ti­ker.
    Um das ein­mal von Deutsch­land weg­zu­tra­gen: wie­vie­le ame­ri­ka­ni­sche Sol­da­ten sind schon im letz­ten Ira­k­ein­satz ge­stor­ben? Über 3000? Für ei­ne Lü­ge.
    Die sind eben­so un­schul­dig, wie die vier Mord­op­fer der RAF. Men­schen­le­ben zäh­len doch nur dann, wenn sie po­li­tisch ver­wert­bar sind.
    Oder ein an­de­res Bei­spiel: Feu­er­dra­ma in der Seil­bahn in Ka­prun. 153 To­te (glau­be ich). Ei­ne ober­öster­rei­chi­sche Stadt trau­ert um 13 To­des­op­fer. »Größ­ter Ader­lass« schrei­ben die Me­di­en. Durch­schnitt­li­che To­des­ra­te in Ober­öster­reich: 11 bei Ver­kehrs­un­fäl­len pro Spe­zi­al­wo­chen­en­de (Pfing­sten, Ostern etc.)
    Ich hö­re das Ge­gen­ar­gu­ment. Bei der RAF war es Mord, be­wußt in Kauf ge­nom­me­ner Kol­la­te­ral­scha­den. Ge­nau das ist es bei den ame­ri­ka­ni­schen Sol­da­ten. Was hat­ten sie im Irak ver­lo­ren?
    Was mich mehr trifft, ist der Tod ei­nes UNO-Frie­dens­sol­da­ten, der ei­gent­lich nur als Be­ob­ach­ter zwi­schen Is­ra­el und Li­ba­non steht.
    Ir­gend­wie be­schleicht mich das Ge­fühl, dass mit zwei­er­lei Maß ge­mes­sen wird.

    #16

  17. Ja und nein
    Mit ar­ro­gant mein­te ich we­ni­ger die Aus­sa­gen Klars (ob­wohl es für mich schon ziem­lich her­ab­las­send her­über­kommt, wenn je­mand sagt, er re­spek­tie­re die Ge­füh­le der an­de­ren Sei­te [!] – ich emp­fin­de so et­was wie Re­spekt ei­gent­lich für selbt­ver­ständ­lich), son­dern die Art und Wei­se, wie er dies sag­te (bzw. wie ich das, sei­ne Dik­ti­on, noch in Er­in­ne­rung ha­be).

    Dem Ver­gleich mit den ge­tö­te­ten Sol­da­ten im Irak ver­mag ich nicht nach­zu­voll­zie­hen. Im­mer­hin wa­ren / sind die ame­ri­ka­ni­schen Sol­da­ten im Irak Sol­da­ten, d. h. ih­re Kon­fron­ta­ti­on mit dem Krieg bzw. mit dem Tod des ei­ge­nen Le­bens ist im­mer prä­sent. Ein Fah­rer des Ar­beit­ge­ber­prä­si­den­ten 1977 kann nicht mit ei­nem Sol­da­ten ei­ner Be­rufs­ar­mee ver­gli­chen wer­den.

    Na­tür­lich recht­fer­tigt der Be­ruf (!) des Sol­da­ten oder Po­li­zi­sten nicht den sinn­lo­sen Tod die­ser Leu­te. Und der Tod im Irak ist sinn­los, da die­ser gan­ze Krieg sinn­los ist. Aber auf­grund die­ser Tat­sa­che ist doch nicht je­der au­to­ma­tisch be­rech­tigt, sich als Rich­ter oder gar Vor­kämp­fer für die ei­ge­ne Sa­che au­sser­halb jeg­li­cher Ge­set­ze zu stel­len.

    Die RAF der 2. Ge­nera­ti­on ha­ben den po­li­ti­schen Im­pe­tus ih­rer Hand­lun­gen als Recht­fer­ti­gung ver­wen­det. Von der er­sten Ge­nera­ti­on (Baa­der, Mein­hof, Enss­lin) war tat­säch­lich nur Ul­ri­ke Mein­hof so­zi­al- und ge­sell­schaft­po­li­tisch kom­pe­tent.

    #17

  18. mo sagt:

    mal ein­mi­schen möch­te...
    »Es gibt ein In­ter­view mit Jean Amé­ry, in dem er sinn­ge­mäss ein­mal sag­te: Je­der, der durch Durch­set­zung sei­ner Zie­le Ge­walt an­wen­det, hat so­fort je­den Kre­dit ver­spielt und stellt sich so­fort au­sser­halb ei­ner zi­vi­li­sier­ten Ge­sell­schaft. Das apo­dik­ti­sche die­ses Sat­zes er­klärt sich aus sei­ner Le­bens­ge­schich­te; ich könn­te mir von die­sem An­ti-Ge­walt-Im­pe­ra­tiv durch­aus Aus­nah­men vor­stel­len.«

    beim letz­ten satz emp­fiehlt sich zb. ein blick auf gün­ther an­ders, der wie­der­um aus sei­ner ei­ge­nen er­fah­rung zu ei­nem amé­ry völ­lig ent­ge­gen­ge­setz­ten schluß ge­langt – da­mals zwar be­son­ders im hin­blick auf die atom­ener­gie und die sie för­dern­den ver­ant­wort­li­chen; ge­ne­rell aber hat er ei­ne er­wei­te­rung der mög­li­chen be­trof­fe­nen sei­ner po­si­ti­on nicht grund­sätz­lich aus­ge­schlos­sen:

    (...)»Des­halb ist die Dro­hung, die­se zu be­schä­di­gen, nur dann wirk­sam und sinn­voll, wenn wir au­ßer­dem oder an er­ster Stel­le den an der Her­stel­lung, der In­stal­lie­rung und dem even­tu­el­len Ein­satz die­ser Ge­rä­te In­ter­es­sier­ten un­miß­ver­ständ­lich er­klä­ren, daß das­je­ni­ge, was wir bis jetzt (höch­stens) ih­ren Pro­duk­ten zu­ge­dacht ha­ben (das Wort »an­ge­tan« wä­re zu prah­le­risch), daß das nur die Vor­ankün­di­gung des­sen ge­we­sen ist, was wir auch ih­nen selbst an­zu­tun ge­zwun­gen sein wer­den. Da sie uns pau­sen­los ter­ro­ri­sie­ren, könn­te es ge­sche­hen, daß auch sie ein­mal pau­sen­los ein­ge­schüch­tert wer­den und sich in acht neh­men wer­den müs­sen. Je­der von ih­nen, ei­ner nach dem an­de­ren, in nicht vor­aus­seh­ba­rer Rei­hen­fol­ge. Da­mit un­se­ren Kin­dern und Kin­des­kin­dern das Uber­le­ben ge­si­chert wer­de. »Wer­de« – nicht et­wa »blei­be«.

    § 4 Das ge­bro­che­ne Ta­bu

    Die­se letz­ten schreck­li­chen Wor­te schrei­be ich nicht et­wa leicht­fer­tig nie­der wie ir­gend­ei­ne an­de­re be­lie­bi­ge Hy­po­the­se oder Ein­sicht oder Auf­for­de­rung. Schließ­lich hat mich seit sieb­zig Jah­ren, seit den er­sten Au­gust­ta­gen 1914, das Stau­nen der Tat­sa­che, daß Men­schen Mit­men­schen tö­ten, so­gar gern tö­ten kön­nen, nicht ver­las­sen. Schon als Kna­be ha­be ich die­ses Ver­bum nur zö­gernd aus­spre­chen kön­nen, so als wä­re schon der Laut selbst so mör­de­risch wie das Tun. Und seit mei­nen er­sten Schreib­ver­su­chen hat es wohl nur we­ni­ge Sei­ten ge­ge­ben, durch die nicht das Grau­en vor dem Tö­ten hin­durch­ge­gei­stert wä­re.

    Da­her er­füllt es mich na­tür­lich mit Schrecken und Un­gläu­big­keit, daß ich nun die­ses Wort nicht nur nie­der­schrei­be, son­dern nie­der­schrei­ben muß, weil es kei­ne an­de­re Ret­tungs­me­tho­de gibt als die, die Dro­hen­den zu be­dro­hen. De­nen, die mich da­zu zwin­gen, das Tö­tungs­ta­bu zu bre­chen, wer­de ich das nie­mals ver­ge­ben kön­nen.

    Ich ver­lan­ge und ich ha­be ich Recht dar­auf zu ver­lan­gen, daß man mich nicht der Leicht­fer­tig­keit zei­he, wenn ich zum Schluß wie­der­ho­le: Es gibt kein Al­ter­na­tiv­mit­tel, kein an­de­res als die­se Dro­hung, wenn wir das Über­le­ben un­se­rer Ge­nera­ti­on und das der von uns er­hoff­ten künf­ti­gen Ge­nera­tio­nen zu si­chern wün­schen, als die­je­ni­gen, die dar­auf in­si­stie­ren, die ato­ma­re Ge­fähr­dung des ir­di­schen Le­bens (gleich ob die »krie­ge­ri­sche« oder die an­geb­lich »fried­li­che«) fort­zu­set­zen und grund­sätz­lich Stopp-An­ge­bo­te ab­zu­leh­nen – es gibt kei­ne an­de­re Al­ter­na­ti­ve, als die­sen Män­nern aus­drück­lich mit­zu­tei­len, daß sie sich nun, ei­ner wie der an­de­re, als Frei­wild wer­den be­trach­ten müs­sen.

    Voll Schmerz, aber ent­schlos­sen er­klä­re ich da­her: Wir wer­den nicht da­vor zu­rück­scheu­en, die­je­ni­gen Men­schen zu tö­ten, die aus Be­schränkt­heit der Phan­ta­sie oder aus Blöd­heit des Her­zens vor der Ge­fähr­dung und Tö­tung der Mensch­heit nicht zu­rück­scheu­en.«

    und die­se po­si­ti­on hal­te ich für völ­lig (!) dis­kus­si­ons­fä­hig – heu­te mehr denn je.

    #18

  19. @mo
    Wir wer­den nicht da­vor zu­rück­scheu­en, die­je­ni­gen Men­schen zu tö­ten, die aus Be­schränkt­heit der Phan­ta­sie oder aus Blöd­heit des Her­zens vor der Ge­fähr­dung und Tö­tung der Mensch­heit nicht zu­rück­scheu­en.
    Lei­der ver­gisst An­ders, sich das le­gi­ti­mie­ren zu las­sen. Wenn näm­lich je­der der­ar­ti­ges Han­deln für sich in An­spruch neh­men wür­de, dann könn­te man die ge­sam­te Zi­vi­li­sa­ti­on ver­ges­sen.

    Wenn er die Le­gi­ti­ma­ti­on nicht be­grün­det, dann ist das letzt­lich fa­schi­sto­id. Es ge­nügt nicht, auf ein selbst­aus­ge­stell­tes Recht zu po­chen. Das macht der Rechts­ra­di­ka­le auch.

    Mit Aus­nah­men zum »An­ti-Ge­walt-Im­pe­ra­tiv« mei­ne ich die a. a. O. an­ge­spro­che­nen Si­tua­tio­nen wie bspw. das Recht auf Selbst­ver­tei­di­gung bzw. das, was man den »fi­na­len Ret­tungs­schuss« nennt.

    #19

  20. NN sagt:

    Staats­ter­ro­ris­mus
    Al­le Dis­kus­si­ons­bei­trä­ge zu dem vor­lie­gen­den The­ma „Gna­de und Frei­las­sung un­reui­ger Ter­ro­ri­sten und Mör­der“ ver­su­chen sich ent­we­der in phi­lo­so­phisch-hu­ma­ni­sti­scher oder gar rechts­staat­li­cher Recht­fer­ti­gung der ei­nen oder an­de­ren Po­si­ti­on. – Na­tür­lich ha­ben al­le Recht in ih­rem Ur­teil, und zwar völ­lig un­ab­hän­gig von der je­wei­li­gen Ziel­set­zung. – Ich den­ke da­her, dass man die Aus­sa­ge des Jan-Phil­ipp Re­emts­ma noch mehr ins Kal­kül zie­hen soll­te, denn reich­lich „be­straft“ sind al­le so ge­nann­ten und da­ma­li­gen Ter­ro­ri­sten durch die Ge­sell­schaft und auch rechts­staat­lich sank­tio­niert. Die staats- wie ge­sell­schafts­po­li­ti­sche So­li­da­ri­tät ist zu­dem den Op­fern der RAF mehr als si­cher … und nie­mand, der die Zeit der RAF in Deutsch­land mit­er­leb­te – und sei sei­ne Freu­de auch noch so sym­pa­thi­sie­rend und „klamm­heim­lich“ bis in die Jetzt­zeit – , hat als den­ken­der wie auch po­li­ti­scher Mensch sich mit den Mord­ta­ten der RAF – Mit­glie­der iden­ti­fi­ziert, selbst wenn er sich selbst für noch so re­vo­lu­tio­när ver­stand. – Jan-Phil­ipp Re­emts­ma will ver­mut­lich auf et­was An­de­res hin­aus: die psy­cho­lo­gisch-mensch­li­che Sei­te.
    Las­sen Sie mich am Bei­spiel des Rolf C. Wag­ner ver­su­chen, die­se Sei­te ein we­nig zu be­leuch­ten. Ich bin ein frü­her Ju­gend­freund des R.C.W.; er war Ein­zel­kind ei­ner mäch­ti­gen Va­ter­fi­gur, gü­tig, aber auch kom­pro­miss­los stark, und ei­ner sanf­ten, ein­fühl­sa­men Mut­ter. – Und zwi­schen die­sen bei­den wuchs die­ser un­end­lich sen­si­ble und eben­so in­tel­li­gen­te Jun­ge her­an: Wiss­be­gie­rig wie ein „Schwamm“ – als Mess­die­ner be­ka­men wir den „Rösch“ des Neu­en Te­sta­ments als Weih­nachts­ga­be, den er schon am näch­sten Tag durch­ge­le­sen hat­te, wäh­rend an­de­re noch gar nicht wuss­ten, dass man das NT wie ei­nen Ro­man durch­le­sen konn­te – und ein­fühl­sam wie ein „Hei­li­ger“ – nach dem To­de sei­ner Groß­mutter – wir wa­ren ca. 9 – 10 Jah­re – lie­fen wir ta­ge­lang schwei­gend ne­ben­ein­an­der her, weil Rolf die­ses Phä­no­men „Tod“ so haut­nah erst für sich rea­li­sie­ren muss­te, wäh­rend an­de­re es ein­fach un­ver­stan­den hin­nah­men. – Ist das der Ter­ro­rist Rolf Cle­mens Wag­ner, dem man nie­mals ver­zei­hen kann, der sich erst ein­mal bei der Wit­we Schley­er zu ent­schul­di­gen hat, be­vor man über­haupt sich wie­der sei­ner er­in­nern mag?
    Wag­ner ist seit 12.2003 wie­der auf frei­em Fuß, und das ist wirk­lich gut so. – Der Staat, der den Na­zi­ver­bre­chern so groß­zü­gig Ver­zei­hung ge­währ­te, der jetzt er­neut den DDR – Ver­bre­chern in noch grö­ße­rer Ver­zei­hen­sor­gie mit Re­ha­bi­li­ta­ti­on hin­ter­her­läuft, ob­wohl hier au­to­nom or­ga­ni­sier­te Staats­ver­bre­cher im ent­ar­te­ten Zir­kel­schluss am Werk wa­ren, hat sei­ner­seits über­haupt kein Recht, sich an Ver­irr­ten zu rä­chen, die er selbst erst zu dem ge­macht hat, was sie wur­den, in­dem er erst sein Rechts­sy­stem in dem Ma­ße per­ver­tier­te, dass es sein men­schen­ähn­li­ches Ge­sicht na­he­zu voll­stän­dig ver­lor. Macht = Will­kür ist die In­sti­tu­ti­on, die in un­se­rem Staat mit dem Man­tel des Rechts stets und stän­dig ka­schiert wor­den ist und um­män­telt wird, um durch Re­pres­si­on un­an­ge­passt Bür­ger will­fäh­rig zu ma­chen und zu hal­ten – vom Kin­der­gar­ten an bis ….
    Sich die­sem ent­mensch­lich­ten sog. „Rechts­staat“ ent­ge­gen­zu­stel­len, ist nur ex­em­pla­risch mög­lich, selbst wenn man in die­sem nur sei­nen „Va­ter“ zu stra­fen sucht; und die­se Ne­ga­ti­on ist ein­fach nicht vor­ge­se­hen, al­so muss sie „be­straft“ wer­den. – Wo aber die Stra­fe da­für voll­zo­gen ist, setzt „Ra­che“ ein, wenn sie den­noch fort­ge­setzt wird. – Ra­che ist un­mensch­lich, selbst in die­sem be­schä­men­den Rechts­staat. – Es kann nur hei­ßen: lasst die RAF – Ter­ro­ri­sten end­lich frei, be­han­delt sie zu­min­dest so, wie an­de­re Staats­ter­ro­ri­sten auch, die je­doch un­end­lich mehr an Un­recht ver­übt ha­ben. Vor die­sen frei um­her­lau­fen­den Ir­ren fürch­te ich mich, nicht je­doch vor der RAF ….

    #20

  21. Ein paar Be­mer­kun­gen
    Vie­len Dank für die­sen in­ter­es­san­ten Kom­men­tar.

    Rolf Cle­mens Wag­ner
    Was mich am mei­sten ge­wun­dert hat, ist die Tat­sa­che, dass die vor­zei­ti­ge Ent­las­sung Wag­ners so ge­räusch­los über die Büh­ne ging. Das hat­te ei­ner­seits den Vor­teil, dass die­se De­bat­te nicht im­mer wie­der aufs Neue auf­ge­rollt wird (Wag­ner ist ja nach der Ent­las­sung nicht me­di­al »ver­mark­tet« wor­den bzw. hat sich me­di­al ver­mark­ten las­sen), hat je­doch den Nach­teil, dass hier­aus jetzt ei­ne Art Au­to­ma­tis­mus ab­ge­lei­tet wird. Es ist tat­säch­lich schwer­lich ei­ner Frau Mohn­haupt oder auch Herrn Klar et­was zu ver­wei­gern, was an­de­ren in ähn­li­chen Si­tua­tio­nen zu­ge­stan­den wur­de.

    Ge­mäss die­ser Quel­le wur­de Wag­ner ja im Pro­zess als der Mör­der Schley­ers er­mit­telt; spä­te­re Re­cher­chen wi­der­spre­chen dem. Aust sug­ge­riert ja tat­säch­lich, dass es min­de­stens noch ei­nen an­de­ren Exe­ku­tor gab.

    We­der Boock noch Wag­ner noch an­de­re in­zwi­schen frei­ge­las­se­ne ha­ben sich da­zu je­mals klä­rend ge­äu­ssert. Mohn­haupt und Klar ge­ben auch kei­ner­lei auf­klä­ren­de Hin­wei­se. Die­ses omertàhaf­te Schwei­gen schafft we­nig Ver­trau­en. Frei­lich kann man die­ses nicht ein­for­dern, aber ist es ei­nem Staat zu ver­den­ken, dass er dies als ei­ne mi­ni­ma­le Vor­aus­set­zung be­trach­tet? Und dies un­ab­hän­gig von den Ge­füh­len der Op­fer bzw. Hin­ter­blie­be­nen.

    Was Sie über Wag­ners Kind­heit und Ent­wick­lung schrei­ben ist in­ter­es­sant. Aber Men­schen än­dern sich. Ich be­strei­te nicht per se den po­li­tisch ge­präg­ten Ur­im­puls, der bei ei­ni­gen Ter­ro­ri­sten ir­gend­wann ei­ne In­iti­al­zün­dung aus­ge­löst hat. Ich be­strei­te aber, dass die­ser Im­puls die spä­te­re Ge­walt per se schon le­gi­ti­miert. Mit die­ser Ar­gu­men­ta­ti­on kann man je­de Ge­walt­ak­ti­on »le­gi­ti­mie­ren«. Das wä­re dann Will­kür.

    Macht = Will­kür / Rechts­staat
    Es be­darf schon gro­sser Ge­schichts­klit­te­rung zu be­haup­ten, dass der Staat die »Ver­irr­ten« erst zu dem mach­te, was sie sind. Das ist – mit Ver­laub – gro­sser Un­sinn. Es stimmt zwar, dass die Bun­des­re­pu­blik kurz­fri­stig in Ge­fahr stand, die Rechts­staat­lich­keit zu Gun­sten von über­zo­ge­nen Si­cher­heits­ge­set­zen zu ver­las­sen – aber auch das hät­te nie­mals die Mor­de an Bu­back, Pon­to oder Schley­er le­gi­ti­miert. Sie ver­wech­seln Ur­sa­che und Wir­kung.

    Üb­ri­gens: Die Tat­sa­che, dass bis auf vier al­le RAF-Häft­lin­ge ent­las­sen sind, ist ein Be­leg für das Vor­han­den­sein ei­nes Rechts­staats. Wo die­ser »ent­mensch­licht« ist, er­schliesst sich mir nicht. Vor al­lem ist es ziem­lich klar­ge­wor­den, dass die­je­ni­gen, die ei­ne »Be­frei­ung« von die­sem »ent­mensch­lich­ten Rechts­staat« an­streb­ten, in ih­ren Mit­teln der­art men­schen­ver­ach­tend und selbst­herr­lich vor­gin­gen, dass sie schlicht­weg kei­ne Al­ter­na­ti­ve dar­stell­ten. Um es poin­tiert zu sa­gen: Wenn ich die Wahl ha­be zwi­schen der so­zi­al-li­be­ra­len Re­gie­rung der 70er Jah­re oder ei­ner (fa­schi­sto­id struk­tu­rier­ten) »RAF-Re­gie­rung« – dann zie­he ich al­le­mal das Ge­we­se­ne vor.

    Der Wi­der­stand der RAF fand üb­ri­gens zu dem Zeit­punkt statt, als die re­stau­ra­ti­ven Kräf­te in der da­ma­li­gen BRD längst auf dem Rück­zug wa­ren. Die so­zi­al-li­be­ra­le Ko­ali­ti­on un­ter dem im NS-Re­gime emi­grier­ten Kanz­ler Wil­ly Brandt bot die Chan­ce zu po­li­ti­scher Par­ti­zi­pa­ti­on. Sie wur­de – weit­ge­hend – nicht ge­nutzt; der viel­be­schwo­re­ne »Marsch durch die In­sti­tu­tio­nen« fand viel spä­ter statt, als sich gro­sse Tei­le der Grü­nen Mit­te der 80er Jah­re in­sti­tu­tio­na­li­sier­ten.

    Stra­fe / »Ra­che«
    In ei­nem Vor­trag mit dem Ti­tel »Was sind ei­gent­lich Op­fer­in­ter­es­sen« spe­zi­fi­ziert Re­emts­ma recht deut­lich, wel­che Be­deu­tung sei­ner Mei­nung nach Stra­fe in un­se­rem Rechts­sy­stem er­füllt:

    An die Stel­le der in­di­vi­du­el­len Ra­che kann die Stra­fe nicht tre­ten. Stra­fe ist et­was an­de­res, nicht nur der Sa­che nach, son­dern auch psy­cho­lo­gisch. Wahr­schein­lich sind auch vie­le der in den er­wähn­ten Um­fra­gen Ge­frag­ten dar­um so gleich­gül­tig ge­gen­über dem Straf­maß, weil sie in­tui­tiv wis­sen, daß ei­ne ho­he Stra­fe nicht wirk­lich be­frie­digt.

    Aber, noch ein­mal: was wä­re, wenn die Stra­fe aus­blie­be? Die An­er­ken­nung der Straf­bar­keit be­deu­tet die An­er­ken­nung, daß Un­recht ge­sche­hen ist. Das Op­fer hat nicht Pech ge­habt, es ist über­fal­len wor­den, nicht von ei­nem her­un­ter­fal­len­den Ast
    ge­trof­fen wor­den. Der Tä­ter durf­te nicht tun, was er ge­tan hat. Das Op­fer hat nicht nur Scha­den er­lit­ten, son­dern ihm ist Un­recht ge­sche­hen. In un­se­rer Rechts­kul­tur ist das von emi­nen­ter Be­deu­tung – die­se Be­deu­tung aber wird erst fühl­bar, wenn die Be­stä­ti­gung un­ter­bleibt.

    Das In­ter­es­se des Op­fers an der Be­stä­ti­gung, daß ihm Un­recht ge­sche­hen ist, und das In­ter­es­se der Öf­fent­lich­keit, daß fest­ge­stellt wird, daß ei­ne Norm ver­letzt wur­de, und daß sie trotz die­ser Ver­let­zung gilt – was durch die Stra­fe („das durf­te nicht ge­tan wer­den!“) be­stä­tigt wird – kon­ver­gie­ren. Hier­aus er­gibt sich der Zu­sam­men­klang von Op­fer­in­ter­es­sen und öf­fent­li­chen In­ter­es­sen. Dar­aus folgt, daß in­so­weit der Scha­den, den ein Op­fer er­lit­ten hat, kom­pen­sier­bar ist, dies ge­tan wird – hier­aus folgt, daß der Scha­den, den es er­lit­ten hat, nicht wei­ter ver­grö­ßert wird durch die Pro­ze­du­ren, die nun ein­set­zen. Op­fer­in­ter­es­sen fin­den aber dort ih­re Gren­ze, wo das öf­fent­li­che In­ter­es­se an der Ob­jek­ti­vi­tät der Straf­ver­fah­ren und an der An­ge­mes­sen­heit der Kom­pen­sa­tio­nen mit den Wün­schen der Op­fer kol­li­diert. Wün­sche sind oft maß­los. Sie dür­fen das auch sein. Sie kön­nen nur nicht im­mer er­füllt wer­den. Die in­di­vi­du­el­le Sicht des Op­fers auf die Tat muß – da­zu ist die Ne­ben­kla­ge da, nicht da­zu, dar­auf zu ach­ten, daß der Tä­ter ei­ne mög­lichst ho­he Stra­fe be­kommt (das al­len Ne­ben­kla­ge­ver­tre­tern ins Stamm­buch) – in das Straf­ver­fah­ren ein­ge­bracht wer­den.

    Aber es gibt kei­nen An­spruch des Ver­letz­ten, daß das Ge­richt sei­ne Sicht der Din­ge über­nimmt – nur, daß es sie be­rück­sich­tigt, und dies kom­pe­tent tut. Nicht nur in die­sem Zu­sam­men­hang ist es wich­tig, auf ei­nen Um­stand hin­zu­wei­sen, der all­ge­mein nicht ge­nü­gend be­rück­sich­tigt wird. Es geht dar­um, daß die In­ter­es­sen der Op­fer von Ver­bre­chen im Kern ten­den­zi­ell di­lem­ma­tisch sind. Wer Op­fer ei­nes Ver­bre­chens ge­wor­den ist, will, daß das zur Kennt­nis ge­nom­men wird, will, daß sich die Um­welt dar­auf ein­stellt – und will gleich­zei­tig nicht auf die­se Rol­le fest­ge­legt wer­den. „Ten­den­zi­ell di­lem­ma­tisch“ heißt: der Wi­der­spruch löst sich im Lau­fe der ver­strei­chen­den Zeit auf (wenn man Glück hat), pro­du­ziert aber im­mer wie­der Wün­sche, die nicht gleich­zei­tig er­füllt wer­den kön­nen. Je­de Po­li­tik für das Op­fer muß das be­rück­sich­ti­gen – vor al­lem aber: je­der, der Op­fer ei­nes Ver­bre­chens ge­wor­den ist, soll­te das wis­sen.

    #21

  22. N.N. Banausus sagt:

    Er­gän­zun­gen und Kor­rek­tu­ren
    2. Kom­men­tar:

    Ein paar we­ni­ge Er­gän­zun­gen und Kor­rek­tu­ren sei­en mir noch ge­stat­tet:

    Zu Rolf Wag­ner: Sei­ne Vi­ta weist noch ei­ne Rei­he wei­te­rer Pa­ra­me­ter auf, die dar­auf deu­ten las­sen, dass die Weis­heit „Men­schen än­dern sich“ in ih­rer Fun­da­men­tal­be­deu­tung für Wag­ner nicht not­wen­dig greift. Dar­über hier zu spre­chen wä­re für Wag­ner ein Sa­kri­leg, das ich nie­mals be­ge­hen wür­de. – Die Ge­räusch­lo­sig­keit sei­ner Ent­las­sung aber und sein ent­schie­de­nes Des­in­ter­es­se an me­dia­ler Prä­senz sei­en hin­läng­li­ches In­diz für mei­ne The­se von Wag­ners prä­dis­po­nier­ter Per­sön­lich­keits­ent­wick­lung. – Und ab­schlie­ßend sei auch noch rein spe­ku­la­tiv an­ge­merkt, dass ich – ganz per­sön­lich und pri­vat – es für aus­ge­schlos­sen hal­te, dass die töd­li­chen Schüs­se auf den Alt-Na­zi Schley­er von Wag­ner in­iti­iert und dann auch noch ab­ge­ge­ben sein könn­ten; wenn über­haupt – und ent­ge­gen mei­ner Kennt­nis um die Per­sön­lich­keit Wag­ners – eben je­ner den­noch die Schüs­se ab­ge­ge­ben ha­ben soll­te, könn­te dies nur für die un­ge­heu­re Per­sön­lich­keits­kraft sei­ner Kom­pli­zen spre­chen, die ihn die­sem Grup­pen­zwang aus­ge­setzt hat­ten oder aber dann für Ih­re The­se: „Men­schen än­dern sich“ – vor al­lem auch durch Hirn­wä­sche … Takt­los fin­de ich in die­sem Zu­sam­men­hang Ih­ren Ver­weis auf die ma­fiö­se „Omertà“; die Ver­schwie­gen­heit der Mit­glie­der der RAF über in­ter­ne Vor­gän­ge und Be­schlüs­se tra­gen nicht im Min­de­sten die fa­schi­stoi­den Grund­zü­ge men­schen­ver­ach­ten­den Ter­rors zum Zwecke der per­sön­li­chen Macht­aus­übung und Be­rei­che­rung. – Die RAF hat auch zu kei­nem Zeit­punkt ei­ne ei­ge­ne „Macht­er­grei­fung“ an­ge­strebt. – Es ist – im Ver­ständ­nis der RAF – für Au­ßen­ste­hen­de oh­ne je­de Be­deu­tung, wer was aus­ge­führt hat. Es gibt kei­ne in­di­vi­du­el­le Tat, son­dern nur ei­ne kol­lek­ti­ve Ver­ant­wor­tung, für die je­der der Grup­pe in glei­chem Ma­ße steht. – Das ist auch ein Grund, wes­halb es nicht zu „Ent­schul­di­gun­gen“ kom­men kann, die grund­sätz­lich nur in­di­vi­du­el­le Be­deu­tung be­sit­zen. – Zu­dem: Ge­hört ei­ne „Ent­schul­di­gung“ ei­nes „tri­via­len“ Trieb­tä­ters not­wen­dig zu ei­ner Frei­las­sung nach ver­büß­ter Stra­fe? – Ist mir nicht be­kannt, eher sind mit der Frei­las­sung neu­er­li­che Ra­che­schwü­re ge­gen­über de­nen, die sich ih­rem Ver­bre­chen nicht klag­los beug­ten, ver­bun­den. – Ein Schuld­ein­ge­ständ­nis wä­re von RAF Mit­glie­dern wohl kaum zu er­lan­gen… Und ge­nau die­se Sicht­wei­se wird auch von Re­emts­ma mit ge­tra­gen. – Na­tür­lich er­war­tet der „Ge­schä­dig­te“ mehr als al­lein die ge­setz­mä­ßig vor­ge­se­he­ne „Stra­fe“, ver­langt mög­li­cher­wei­se so­gar nach „Ra­che“ als Ge­nug­tu­ung. – „Stra­fe“ hat aber ei­ne an­de­re Funk­ti­on, eben die Kon­ver­genz zwi­schen ge­sell­schaft­li­cher und in­di­vi­du­el­ler Wahr­neh­mung ei­ner Norm­ver­let­zung. – Soll­te sich ein Tä­ter die­se Iden­ti­tät in der Wahr­neh­mung sei­ner Tat zu Ei­gen ma­chen, wä­re das Ide­al ei­ner nor­ma­tiv ma­ni­fe­stier­ten Ge­sell­schaft rea­li­siert. – Aber das kann es lei­der nicht mehr ge­ben! – Die Grie­chi­sche Po­lis war das ein­zi­ge Staats­ge­bil­de, das – ganz zu An­fang – auf 4 nor­ma­ti­ven Säu­len ruh­te, die eben Gött­lich wa­ren: undAls dann der le­gen­dä­re So­lon mit dem ei­ne 5. Kom­po­nen­te dem Po­lis­ge­bil­de zu­ord­ne­te, war der Un­ter­gang die­ser pro­gram­miert. No­moi, Ge­set­ze, sind eben lei­der nicht mehr nur nor­ma­tiv, son­dern von Men­schen kre­ierte Ge­set­ze, die dem Ei­nen mehr, dem An­de­ren we­ni­ger zu Pass sind. – Wer nun in­ner­halb die­ses Ge­bil­des sei­ne po­li­ti­sche Po­si­ti­on ver­an­kert sieht, re­det gern von ei­nem „Rechts­staat“; wer sich mit die­sem Co­dex nicht iden­ti­fi­zie­ren kann und ihn auch noch be­kämpft, ist „Ter­ro­rist“. – Dar­aus folgt lo­gisch, dass je­des rechts­staat­li­che Ge­bil­de a prio­ri sei­ne ei­ge­nen „Ter­ro­ri­sten“ zeugt; wenn zu­dem das Ge­bäu­de rechts­staat­li­cher Prin­zi­pi­en auch noch ge­gen ein­zel­ne herr­schen­de mo­ra­li­sche Prin­zi­pi­en – mög­li­cher­wei­se gar ethisch un­ter­mau­ert – ver­stößt, ist Ter­ro­ris­mus not­wen­dig. – Das ist die Krux der ei­gent­lich dümm­sten Staats­theo­rie, des Po­si­ti­vis­mus.
    Wenn Sie dies nun für „mit Ver­laub – gro­ßen Un­sinn“ hal­ten, ver­ken­nen Sie die rea­le Si­tua­ti­on, in der die so ge­nann­ten west­li­chen De­mo­kra­ti­en sich auch z. Z. wie­der be­fin­den. –

    Nor­ma­ti­ve Ge­sell­schafts­for­men sind auf dem Vor­marsch, der Is­lam ist ei­ne da­von. Auf Ge­setz be­ru­hen­de Ord­nun­gen mö­gen zwar de­mo­kra­tisch sein, aber schon jetzt ha­ben un­se­re rechts­staat­lich ver­pflich­te­ten Rich­ter er­ste Scha­ria – Sche­ren in Ih­ren Hir­nen. Und hier – z.B. – sind „Ter­ro­ri­sten“ = „Mär­ty­rer“, wor­auf sich un­ser po­si­ti­vi­sti­sches Recht mehr und mehr ein­stellt. Der sä­ku­la­re Rechts­staat hat hier nur noch be­grenz­te Be­rech­ti­gung. – Und wenn man dann auch noch die Lex – RAF der aus­ge­hen­den 70-er Jah­re mit in die Über­le­gun­gen ein­be­zieht – den ver­zwei­fel­te Ver­such, „Ter­ro­ris­mus“ als RAF zu de­fi­nie­ren -, weiß ich ei­gent­lich nicht mehr, wo über­haupt noch Un­ter­schei­dun­gen zwi­schen Ur­sa­che und Wir­kung zu er­ken­nen sind. – Es geht über­haupt nicht um die Le­gi­ti­ma­ti­on von Mor­den, ob an den Op­fern der RAF oder an „Un­gläu­bi­gen“, wie ich ganz zu An­fang des 1. Kom­men­tars be­reits aus­führ­te. – Mor­de sind nie­mals und in gar kei­nem Rechts­sy­stem zu recht­fer­ti­gen, aber – und die­ser Fra­ge wer­den Sie sich stel­len müs­sen – Was ist denn „Mord“? – Das ist doch ei­ne der per­ver­sen Fra­ge­stel­lun­gen …

    Ba­na­u­sus N.N.

    #22

  23. @Banausus N.N
    ...es für aus­ge­schlos­sen hal­te, dass die töd­li­chen Schüs­se auf den Alt-Na­zi Schley­er von Wag­ner in­iti­iert und dann auch noch ab­ge­ge­ben sein könn­ten; wenn über­haupt – und ent­ge­gen mei­ner Kennt­nis um die Per­sön­lich­keit Wag­ners – eben je­ner den­noch die Schüs­se ab­ge­ge­ben ha­ben soll­te, könn­te dies nur für die un­ge­heu­re Per­sön­lich­keits­kraft sei­ner Kom­pli­zen spre­chen, die ihn die­sem Grup­pen­zwang aus­ge­setzt hat­ten oder aber dann für Ih­re The­se: „Men­schen än­dern sich“ – vor al­lem auch durch Hirn­wä­sche
    Wenn nicht Wag­ner die Schüs­se ab­ge­ge­ben hat – wer denn dann? Ich ha­be mich ei­gent­lich schon im­mer ge­fragt, war­um ein Mensch drei Schüs­se an­gibt, wenn ei­ner auch ge­reicht hät­te. Und wenn es ein Mensch war: Wel­cher Hass muss ihn ihm ge­steckt ha­ben?

    Takt­los fin­de ich in die­sem Zu­sam­men­hang Ih­ren Ver­weis auf die ma­fiö­se „Omertà“; die Ver­schwie­gen­heit der Mit­glie­der der RAF über in­ter­ne Vor­gän­ge und Be­schlüs­se tra­gen nicht im Min­de­sten die fa­schi­stoi­den Grund­zü­ge men­schen­ver­ach­ten­den Ter­rors zum Zwecke der per­sön­li­chen Macht­aus­übung und Be­rei­che­rung.
    Hier wi­der­spre­che ich aus­drück­lich. Wei­ter oben schrei­ben sie sel­ber von ei­nem Grup­pen­zwang; die­ser dürf­te auch bis weit in den 90er Jah­re bei den Häft­lin­gen exi­stent ge­we­sen sein. In­so­fern trifft die Ka­te­go­ri­sie­rung der Omertà ex­akt ins Schwar­ze.

    Es ist üb­ri­gens in­ter­es­sant, wie ab­le­hend sie der Ma­fia ge­gen­über ste­hen. Die­se Or­ga­ni­sa­ti­on hat in ei­ni­gen Tei­len Ita­li­ens (bzw. an­de­rer Län­der) ei­ne durch­aus wich­ti­ge, so­zu­sa­gen staats-sub­sti­tu­ie­ren­de Funk­ti­on: Sie de­fi­niert – ähn­lich wie die RAF oder ähn­li­che Ter­ro­ri­sten­or­ga­ni­sa­tio­nen oder jetzt die is­la­mi­sti­schen Hass-Aus­le­ger – ih­re Rechts­aus­le­gung ex­klu­siv sel­ber. Der Ka­non ist sehr streng ge­glie­dert (aber es ist kein Rechts­staat; hier­zu ge­hört mehr); Ver­stö­sse wer­den ge­walt­tä­tig ge­löst (wie bei der RAF). Es gibt kei­ne Ge­richts­bar­keit, son­dern olig­ar­chi­sche Ent­schei­dun­gen. Be­ru­fun­gen sind nicht mög­lich; Be­gna­di­gun­gen erst recht nicht. Es gibt ei­nen Grup­pen­zwang. Usw.

    Die RAF hat auch zu kei­nem Zeit­punkt ei­ne ei­ge­ne „Macht­er­grei­fung“ an­ge­strebt.
    Was hat sie denn an­ge­strebt?

    Es ist – im Ver­ständ­nis der RAF – für Au­ßen­ste­hen­de oh­ne je­de Be­deu­tung, wer was aus­ge­führt hat. Es gibt kei­ne in­di­vi­du­el­le Tat, son­dern nur ei­ne kol­lek­ti­ve Ver­ant­wor­tung, für die je­der der Grup­pe in glei­chem Ma­ße steht.
    Dem ha­ben sich die Straf­ver­fol­gungs­be­hör­den ja auch an­ge­schlos­sen. Da nicht fest­ge­stellt wer­den konn­te, wer was ge­tan hat, reich­te ja schon die »Mit­glied­schaft in ei­ner ter­ro­ri­sti­schen Ver­ei­ni­gung«, um bspw. des Mor­des an­ge­klagt zu wer­den. Dem­zu­fol­ge ver­ste­he ich nicht, dass die Häft­lin­ge al­le tröpf­chen­wei­se her­aus­kom­men.

    Zu­dem: Ge­hört ei­ne „Ent­schul­di­gung“ ei­nes „tri­via­len“ Trieb­tä­ters not­wen­dig zu ei­ner Frei­las­sung nach ver­büß­ter Stra­fe? – Ist mir nicht be­kannt, eher sind mit der Frei­las­sung neu­er­li­che Ra­che­schwü­re ge­gen­über de­nen, die sich ih­rem Ver­bre­chen nicht klag­los beug­ten, ver­bun­den.
    Die Ra­che­schwü­re sind Be­stand­tei­le schlech­ter Kri­mis. In Wirk­lich­keit wird sehr wohl die Stel­lung des Tä­ters zu sei­ner Tat in Er­wä­gung ge­zo­gen, wenn es um vor­zei­ti­ge Haft­ent­las­sun­gen geht (ge­nau, wie es ei­nen we­sent­li­chen Ein­fluss auf das Straf­mass beim Pro­zess hat). Des­wei­te­ren wer­den Rück­fall­pro­gno­sen er­stellt; bei Trieb­tä­tern gibt es ja die nach­träg­li­che Si­cher­heits­ver­wah­rung (die­se hät­te man sehr wohl auf die Ter­ro­ri­sten an­wen­den kön­nen –wenn es denn »Trieb­tä­ter« ge­we­sen wä­ren – was m. E. nicht der Fall ist). Die Kri­te­ri­en für die so­eben be­schlos­se­ne Frei­las­sung von Bri­git­te Mohn­haupt kann man hier [PDF-Do­ku­ment] sehr gut nach­le­sen.

    Wer nun in­ner­halb die­ses Ge­bil­des sei­ne po­li­ti­sche Po­si­ti­on ver­an­kert sieht, re­det gern von ei­nem „Rechts­staat“; wer sich mit die­sem Co­dex nicht iden­ti­fi­zie­ren kann und ihn auch noch be­kämpft, ist „Ter­ro­rist“.
    Das ist lei­der sehr holz­schnitt­ar­tig und falsch. Zu­nächst ein­mal ist die grie­chi­sche »De­mo­kra­tie« aus heu­ti­ger Sicht am­bi­va­lent; gro­sse Tei­le der Be­völ­ke­rung wa­ren von ele­men­ta­ren Rech­ten aus­ge­schlos­sen; heut­zu­ta­ge wür­de man die­ses Sy­stem, soll­te es in ei­nem Land so wir­ken, als olig­ar­chisch be­zeich­nen. Sie als Kron­zeu­ge für ir­gend­et­was her­an­zu­zie­hen, ist nicht frucht­bar.

    Was ein Rechts­staat ist und wie man ihn de­fi­nie­ren kann, – das brau­chen wir si­cher­lich nicht er­ör­tern. Der Un­ter­schied zwi­schen ei­nem Rechts­staat und ei­nem Will­kür­staat (z. B. der Na­tio­nal­so­zia­li­sten) liegt in sei­ner Ori­en­tie­rung an uni­ver­sel­len Rech­ten (die der­zeit haupt­säch­lich – al­ler­dings m. E. un­ge­nü­gend – an den so­ge­nann­ten »Men­schen­rech­ten« fest­ge­macht wer­den. Die­se Ori­en­tie­rung er­mög­licht u. a. vor­zei­ti­ge Haft­ent­las­sun­gen (ich weiss, das ist po­le­misch).

    Nor­ma­ti­ve Ge­sell­schafts­for­men sind auf dem Vor­marsch, der Is­lam ist ei­ne da­von. Auf Ge­setz be­ru­hen­de Ord­nun­gen mö­gen zwar de­mo­kra­tisch sein, aber schon jetzt ha­ben un­se­re rechts­staat­lich ver­pflich­te­ten Rich­ter er­ste Scha­ria – Sche­ren in Ih­ren Hir­nen. Und hier – z.B. – sind „Ter­ro­ri­sten“ = „Mär­ty­rer“, wor­auf sich un­ser po­si­ti­vi­sti­sches Recht mehr und mehr ein­stellt. Der sä­ku­la­re Rechts­staat hat hier nur noch be­grenz­te Be­rech­ti­gung.
    Der sä­ku­la­re Rechts­staat ist eben­falls nor­ma­tiv! Und er hat na­tür­lich die vol­le Be­rech­ti­gung. Er ist nur – das muss ich Ih­nen sa­gen? – ein biss­chen mü­de, da er durch die Po­li­tik der letz­ten rd. 20 Jah­re aus­schliess­lich auf den Nor­men des Ka­pi­ta­lis­mus ge­grün­det wur­de. Wenn die­se Ver­hei­ssun­gen des sä­ku­la­ren Staa­tes plötz­lich aber kei­ne di­rek­te An­rei­ze für Men­schen dar­stel­len, d. h. wenn sie ei­ne tran­szen­den­ta­le Le­bens­füh­rung (egal, wie die­se im Ein­zel­fall aus­sieht; wir könn­ten auch über fun­da­men­ta­li­sti­sche Chri­sten re­den) we­sent­lich at­trak­ti­ver ist und aus­schliess­lich hier­über Wer­te kon­sti­tu­iert wer­den – dann ist der sä­ku­la­re Staat hohl und die Rechts­staat­lich­keit dient nur noch da­zu, den Staat be­kämp­fen zu kön­nen. Ter­ro­ri­sten kön­nen die­se Hohl­heit al­ler­dings nicht fül­len (sie­he Irak); Kir­chen auch nicht. Und bei­des ist mir auch nicht at­trak­tiv ge­nug.

    Und wenn man dann auch noch die Lex – RAF der aus­ge­hen­den 70-er Jah­re mit in die Über­le­gun­gen ein­be­zieht – den ver­zwei­fel­te Ver­such, „Ter­ro­ris­mus“ als RAF zu de­fi­nie­ren -, weiß ich ei­gent­lich nicht mehr, wo über­haupt noch Un­ter­schei­dun­gen zwi­schen Ur­sa­che und Wir­kung zu er­ken­nen sind.
    Es steht und fällt mit An­ma­ssung der will­kür­li­chen Ge­walt­an­wen­dung.

    Es geht über­haupt nicht um die Le­gi­ti­ma­ti­on von Mor­den, ob an den Op­fern der RAF oder an „Un­gläu­bi­gen“, wie ich ganz zu An­fang des 1. Kom­men­tars be­reits aus­führ­te. – Mor­de sind nie­mals und in gar kei­nem Rechts­sy­stem zu recht­fer­ti­gen, aber – und die­ser Fra­ge wer­den Sie sich stel­len müs­sen – Was ist denn „Mord“?
    Mord ist – kurz ge­fasst – die vor­sätz­li­che Tö­tung ei­nes Men­schen; er­schwe­rend kommt die Mo­tiv­la­ge da­zu. Die RAF hat sich im­mer aus der Schlin­ge die­ser Ar­gu­men­ta­ti­on her­aus­zie­hen wol­len, in dem sie ei­nen po­li­tisch-so­zia­len Im­pe­tus vor­ge­scho­ben hat. Der war si­cher­lich in den An­fän­gen vor­han­den. Ich den­ke da vor al­lem an Ul­ri­ke Mein­hof. Und mehr fal­len mir schon fast nicht mehr ein.

    War­um be­kämp­fen Sie ei­gent­lich so ve­he­ment die­sen sehr ein­fa­chen Spruch »Men­schen än­dern sich«? Wür­de man ihn nicht zu Grun­de ge­le­gen – was wä­re über­haupt noch mög­lich?

    #23