Heinz Bu­de: Die Aus­ge­schlos­se­nen

Heinz Bude: Die Ausgeschlossenen

Heinz Bu­de: Die Aus­ge­schlos­se­nen

Im Haus der Ge­sell­schaft be­woh­nen bei­de Par­tei­en ih­re ei­ge­ne Eta­ge. Die ei­nen müs­sen sich mit dem Par­terre zu­frie­den­ge­ben, die an­de­ren schie­len auf die Bel­eta­ge. Man ist sich fremd, aber kei­ne der bei­den Grup­pen kann der an­de­ren be­strei­ten, dass sie da­zu­ge­hört. Die Ausgeschlossen…gibt es auf je­der Eta­ge. Sie drücken sich her­um, so­lan­ge es geht, un­ten ver­mut­lich län­ger als in der Mit­te. […] Es kann aber pas­sie­ren, dass ein Ein­zel­ner auf­grund ei­nes »kri­ti­schen Le­bens­er­eig­nis­ses« ins Stru­deln ge­rät und…vor die Tür ge­setzt wird. Nach und nach sam­meln sich die Aus­ge­schlos­se­nen im Flur und wis­sen nicht mehr, wo­hin sie ge­hö­ren.

Mit die­sem leicht re­si­gna­ti­ven Bild bi­lan­ziert Heinz Bu­de, Pro­fes­sor für Ma­kro­so­zio­lo­gie im Fach­be­reich Ge­sell­schafts­wis­sen­schaf­ten der Uni­ver­si­tät Kas­sel, sei­ne öf­fent­li­che So­zio­lo­gie »Die Aus­ge­schlos­se­nen«. Ein Buch, so heisst es im Vor­wort, dass nüch­tern dar­stel­len will, was Sa­che ist und ex­pli­zit nicht nach Vor­schlä­gen sucht. Die So­zio­lo­gie, so Bu­de, be­weist ih­re Stär­ke im­mer noch an der Un­be­kannt­heit des so­zia­len Ob­jekts. (Des Ob­jekts?) Wei­ter heisst es: Sie er­regt Auf­merk­sam­keit, wenn sie zei­gen kann, dass die Din­ge an­ders lau­fen, als man er­war­ten wür­de, und wie es geht, dass es so kommt, wie nie­mand es will. Nur dann be­grei­fe man wirk­lich, dass das Gan­ze auch an­ders sein kann.


Ei­ne merk­wür­di­ge Schluss­fol­ge­rung. In­dem ei­ne Be­schrei­bung ei­nes Zu­stands vor­ge­nom­men wird, be­greift man, dass es auch an­ders sein kann? Aber wie an­ders? Ganz an­ders? Das bleibt das Buch schul­dig.

»So­zia­le Ex­klu­si­on«

Bu­de ent­wickelt sei­ne The­se von der so­zia­len Ex­klu­si­on. Da­mit sind nicht die seit je­her aus der Ge­sell­schaft Ge­fal­le­nen ge­meint, je­ne 4 oder 5 Pro­zent so­zi­al Ver­ach­te­ten, die die So­zi­al­struk­tur­ana­ly­se auch in Zei­ten von Voll­be­schäf­ti­gung und Wohl­fahrts­boom re­gi­striert hat. Die De­fi­ni­ti­on der EU für so­zia­le Ex­klu­si­on, die Bu­de zi­tiert, ist sper­rig. Dem­nach han­delt es sich um ei­nen »Pro­zess, durch den be­stimm­te Per­so­nen an den Rand der Ge­sell­schaft ge­drängt oder durch ih­re Ar­mut bzw. we­gen un­zu­rei­chen­der Grund­fer­tig­kei­ten oder feh­len­der An­ge­bo­te für le­bens­lan­ges Ler­nen oder aber in­fol­ge von Dis­kri­mi­nie­rung an der voll­wer­ti­gen Teil­ha­be ge­hin­dert wer­den.«

Der Be­griff um­fasst al­so deut­lich mehr als blo­sse ma­te­ri­el­le Ar­mut. Bu­de ver­steht dar­un­ter die Art und Wei­se der Teil­ha­be am ge­sell­schaft­li­chen Le­ben und nicht nur der Grad der Be­nach­tei­li­gung nach Mass­ga­be all­ge­mein ge­schätz­ter Gü­ter wie Ein­kom­men, Bil­dung und Pre­sti­ge. Im Buch wird lei­der ver­säumt, die­se Teil­ha­be hin­rei­chend zu prä­zi­sie­ren. Es gibt Leu­te, die zwei Ur­lau­be im Jahr für not­wen­dig er­ach­ten, zum »teil­zu­ha­ben«. Oder ein Mit­tel­klas­se not­wen­dig er­ach­ten. An­de­re wie­der­um wür­den eher ei­ne ko­sten­lo­se Bil­dungs­in­fra­struk­tur be­vor­zu­gen. Wer legt die Kri­te­ri­en für ei­ne an­ge­mes­se­ne Teil­ha­be fest? Dies nicht zu de­fi­nie­ren, ist ein Feh­ler, der sich im Buch im­mer dann be­son­ders rächt, wenn Bu­de sei­nen ge­ne­ra­li­sti­schen Stand­punkt zu Gun­sten selbst­kon­stru­ier­ter Fall­bei­spie­le ver­lässt.

In Deutsch­land 40% sei­en in ei­ner Zo­ne der Si­cher­heit, wäh­rend 20% nicht ganz so si­cher le­ben könn­ten. Mit rund 25% be­zif­fert er den An­teil in­sta­bi­ler Pre­ka­ri­tät und 10% sind der ver­fe­stig­ten Ar­mut zu­zu­rech­nen. Letzt­lich stimmt er der The­se der Zwei­drit­tel­ge­sell­schaft zu, ob­wohl er – trotz ei­ner dia­gon­sti­zier­ten ge­le­gent­li­chen Sta­tu­spa­nik – nicht in das all­ge­mei­ne hy­ste­ri­sche Tre­mo­lo ver­fällt und bei­spiels­wei­se den Be­griff der »gras­sie­ren­den Ar­mut« als Zu­stands­be­schrei­bung ab­lehnt. Die pa­ra­dox an­mu­ten­de Aus­sa­ge Die Ar­mut wächst, aber den Leu­ten geht es bes­ser be­schreibt die The­se Bu­des, der die tran­szen­den­ta­le Ob­dach­lo­sig­keit der ent­kop­pel­ten Mi­lieus der pe­ku­niä­ren Knapp­heit min­de­stens gleich­ran­gig als Ex­klu­si­ons­merk­mal zur Sei­te stellt, prä­zi­se.

Über­flüs­si­ge und Ent­behr­li­che

Die Grün­de für die so­zia­le Ex­klu­si­on sind viel­fäl­tig. Zu­nächst wird die nicht un­er­heb­li­che Aus­schlie­ssung durch die Hy­per­in­du­stria­li­sie­rung an­ge­führt. Vor Jahr­zehn­ten be­gon­ne­ne, mit dem Be­griff der »Au­to­ma­ti­on« noch reich­lich neu­tral be­nann­te Ra­tio­na­li­sie­run­gen, schrei­ten un­auf­hör­lich wei­ter. Es ent­ste­hen Scha­ren von Über­flüs­si­gen und Ent­behr­li­chen, die – ein we­nig pla­ka­tiv for­mu­liert – sich mehr oder min­der zu­fäl­lig am fal­schen Ort be­fin­den und un­ter Um­stän­den im­mer noch ei­ner ver­gan­ge­nen Zeit nach­hän­gen, als man den Wert der Ar­beit da­nach be­mass, wie dreckig die Hän­de wa­ren.. Men­schen, de­ren Fä­hig­kei­ten ent­we­der nicht mehr be­nö­tigt wer­den, weil sie für die neu­en Ar­beits­tech­ni­ken un­zu­rei­chend sind oder weil es den In­du­strie­zweig nicht mehr gibt, der ih­nen ein Aus­kom­men be­sche­ren soll­te.

Ins­be­son­de­re am Nie­der­gang der LPGs in der ehe­ma­li­gen DDR hin zu den jet­zi­gen bäu­er­li­chen Gross­be­trie­ben, die nur rund 10% der Ar­beits­kräf­te (die Üb­rig­ge­blie­be­nen) der »ab­ge­wickel­ten« Ge­nos­sen­schaf­ten be­nö­ti­gen, zeigt Bu­de ex­em­pla­risch, wie In­du­stri­en in­ner­halb kür­ze­ster Zeit »mo­der­ni­siert« wer­den und Massen von Ar­beits­kräf­ten frei­set­zen, die in den Städ­ten un­sicht­ba­re Ghet­tos bil­den. Er nennt dies Ent­prä­gung – ein Pro­zess, der kei­nes­wegs auf Ost­deutsch­land be­schränkt bleibt, son­dern bei­spiels­wei­se be­reits in den 80er Jah­ren im Ruhr­ge­biet statt­fand.

Als wei­te­ren Grund für die Ver­stö­rung des mo­der­nen Fort­schritts­glau­bens nennt er die un­ver­stan­de­nen Fol­gen der Mi­gra­ti­on. Zwar ist der »Aus­län­der­an­teil« in Deutsch­land mit 9% im Ver­gleich zu an­de­ren Län­dern re­la­tiv ge­ring, aber die Ge­schwin­dig­keit der Ein­wan­de­rung (al­les er­eig­ne­te sich bin­nen zwei­er Ge­nera­tio­nen) und de­ren Fol­gen hat zu un­be­wäl­tig­ten Frik­tio­nen ge­führt. Zum ei­nen wirft Bu­de der Po­li­tik vor, kei­ne de­zi­dier­te Ein­wan­de­rungs­po­li­tik for­mu­liert, die Staats­bür­ger­rol­le der Mi­gran­ten nicht früh ge­nug de­fi­niert und kei­ne ak­ti­ve In­te­gra­ti­ons­po­li­tik prak­ti­ziert zu ha­ben. Zum an­de­ren stellt er fest, dass die Mi­gran­ten an sich kei­ne ho­mo­ge­ne Grup­pe bil­den, son­dern sich aus ver­schie­de­nen, oft mit­ein­an­der kon­kur­rie­ren­den Eth­ni­en zu­sam­men­set­zen. Das zei­ge sich in ei­ni­gen Brenn­punk­ten in ei­ner Art Eth­noras­sis­mus, der sich auch auf die wei­te­ren Ge­nera­tio­nen aus­deh­ne, ge­ge­be­nen­falls in ei­ne in­for­mel­le Öko­no­mie des Dro­gen­han­dels (oder an­de­rer Par­al­lel­wel­ten) mün­de und an den Schu­len, ins­be­son­de­re mit ei­nem ho­hen An­teil »ndH« (»nicht-deut­scher Her­kunft«), zu pro­ble­ma­ti­schen Ent­wick­lun­gen füh­re.

»Pro­blem­be­la­de­ne Nach­bar­schaf­ten«

Bu­de ver­mei­det den Be­griff des »Ghet­tos« und spricht von »pro­blem­be­la­de­nen Nach­bar­schaf­ten«, bei dem sich die so­zia­le Aus­gren­zung durch die Mehr­heits­ge­sell­schaft mit der be­wuss­ten Selbst­aus­gren­zung von Ein­wan­de­rungs­grup­pen mischt. Ab­ge­se­hen da­von, dass Bu­de da­bei von ei­ner Ho­mo­ge­ni­tät der Mehr­heits­ge­sell­schaft aus­geht, ist der Kern der Dia­gno­se nicht ganz falsch. Tat­säch­lich wird die Fra­ge der eth­ni­schen Zu­ge­hö­rig­keit für die Neu­sor­tie­rung der Be­völ­ke­rung von wach­sen­der Be­deu­tung. Wie er dann spä­ter zeigt führt dies bei den deut­schen Jung­män­nern ge­ra­de­wegs in den po­li­ti­schen Ex­tre­mis­mus, der sich als Auf­fang­becken der Kar­rie­re­ver­wei­ge­rer (Kar­rie­re ist nicht nur ein Ver­spre­chen, son­dern zu­gleich ei­ne Be­dro­hung) ge­riert (Bu­de be­schränkt sich auf die Dar­stel­lung des Rechts­ex­tre­mis­mus).

Ein biss­chen pla­ka­tiv ist der Be­zug auf Slo­ter­di­jks The­sen zur Wut- und Zorn­ge­sell­schaft (mit Re­kurs auf Hein­sohns Be­ob­ach­tun­gen, den er merk­wür­di­ger­wei­se nicht ein­mal er­wähnt). Wenn er vom zü­gel­lo­sen Zorn Ju­gend­li­cher oder geheiligte[n] Zornkollektive[n] spricht, die ei­nen Kult der spek­ta­ku­lä­ren Le­bens­füh­rung prak­ti­zie­ren und sich über die Ge­sell­schaft […] er­he­ben, die ih­re »Vä­ter« zu den Über­flüs­si­gen, Aus­ge­mu­ster­ten und Ab­ge­spei­sten der neu­en Ver­hält­nis­se ge­macht ha­ben, be­treibt er nichts an­de­res als ei­ne Psy­cho­lo­gi­sie­rung. In dem die Rück­kehr­plä­ne der El­tern ge­schei­tert wä­ren, er­hebt Bu­de die nachfolgende(n) Migrantengeneration(en) zu Vir­tuo­sen des Auf­schnei­dens, Her­ab­las­sens und De­mü­ti­gens.

Die Am­bi­va­lenz die­ser Ar­gu­men­ta­ti­on er­kennt man leicht, wenn man das Rück­kehr­mo­tiv, des­sen Schei­tern zu »rä­chen« gilt, bei­sei­te lässt und nun plötz­lich auch ei­ne Psy­cho­lo­gie der Ge­sell­schaft­ver­wei­ge­rer deut­scher Ju­gend­li­cher hat. Ein we­nig schim­mert ei­ne Fas­zi­na­ti­on für die­se Jung­män­ner durch, de­ren At­ti­tü­de, sich als ei­ne Avant­gar­de der neu­en Zeit zu ge­bär­den, durch­aus wohl­wol­lend er­wo­gen zu wer­den scheint. Für das an­stren­gen­de Le­ben im Zwi­schen­reich von Au­to­no­mie und Iso­la­ti­on wi­der des Komplott[s] aus El­tern­wün­schen und Leh­re­rin­nen­emp­feh­lun­gen [po­li­tisch kor­rekt ist die Schreib­wei­se für »Leh­rer« bei Bu­de im­mer »Leh­re­rin­nen«; oh­ne Binnen‑I, so­viel Pro­gres­si­vi­tät muss sein] wer­den durch­aus Sym­pa­thi­en spür­bar, auch wenn der at­te­stier­te Zorn sich in der Sa­bo­ta­ge päd­ago­gi­scher An­ge­bo­te äu­ssert, min­de­stens je­doch im vor­ge­führ­ten Des­in­ter­es­se bil­dungs­mü­der Haupt­schü­ler.

Dass es sich bei die­ser Wi­der­bor­stig­keit letzt­lich um ei­ne ge­hö­ri­ge Por­ti­on Dumm­heit han­deln muss, die Bil­dung ähn­lich wie Tei­le der un­ge­bil­de­ten Un­ter­schicht als eher stö­rend emp­fin­det – so­weit geht er im Buch nicht.

Wi­der ei­nem rein funk­tio­na­len Bil­dungs­be­griff

Bu­de bür­stet al­ler­dings ins­be­son­de­re hin­sicht­lich des Bil­dungs­be­griffs sehr wohl ge­gen den Strich. Et­wa, wenn er die selbstgewisse[n] Klas­si­fi­ka­teu­re von PISA ob ih­res tech­no­kra­ti­schen, rein funk­tio­na­len Bil­dungs­be­griffs an­greift, die Test­ka­te­go­ri­en von PISA ob ih­rer Rea­li­täts­be­stän­dig­keit be­fragt und das al­ler­or­ten so in­nig kul­ti­vier­te Prä­ju­diz, in Deutsch­land wür­de der so­zia­le Sta­tus über die Bil­dungs­chan­cen ent­schei­den, in die­ser Pau­scha­li­tät nicht ak­zep­tiert. Die se­kun­dä­re Stig­ma­ti­sie­rung ei­ner Ge­nera­ti­on durch ei­ne Ge­mein­de von Bil­dungs­for­schern be­sie­ge­le die in­sti­tu­tio­nel­le Se­gre­ga­ti­on die­ser bil­dungs­po­li­ti­schen Pro­blem­po­pu­la­tio­nen.

Bu­de ver­sucht am Ran­de das so be­den­ken­los ge­prie­se­ne Vor­bild Finn­land zu ent­zau­bern. Ein klei­nes Land mit ei­nem Mi­gran­ten­an­teil von ca. 2% (mei­stens Rus­sen) ha­be schlicht­weg an­de­re Vor­aus­set­zun­gen. Zwar füh­re die eher kol­la­bo­ra­ti­ve Aus­rich­tung der schu­li­schen Bil­dung in Finn­land zu grö­sse­ren Quo­ten, was die Hoch­schul­rei­fe an­geht, aber Bu­de gibt zu be­den­ken, ob dies nicht mit ei­ner ge­wis­sen Strom­li­ni­en­för­mig­keit »er­kauft« wird, die bei­spiels­wei­se ein An­ders­sein eher als De­fekt se­he statt als Be­rei­che­rung.

Zwar wird der Zu­sam­men­hang zwi­schen der so­zia­len La­ge und der Le­se­kom­pe­tenz in Deutsch­land von ihm nicht weg­ge­wischt. Viel stär­ker je­doch als die­se Kor­re­la­ti­on ge­wich­tet Bu­de die kul­tu­rel­le Pra­xis im El­tern­haus, al­so ob über­haupt ge­le­sen wird oder ob le­sen zu Gun­sten des Fern­se­hens ver­drängt oder so­gar als eli­tär ab­ge­lehnt wird. Wie er über­haupt die ehe­mals so ge­nann­te Vor­bild­funk­ti­on des El­tern­hau­ses als wich­ti­ger für die Prä­gun­gen an­sieht als die Be­rufs­po­si­ti­on oder die Mi­gra­ti­ons­ge­schich­te.

Bu­de be­klagt wei­ter, dass selbst Hand­werks­be­trie­be ih­re Ein­stel­lungs­po­li­tik bei­spiels­wei­se für an­ge­hen­de Aus­zu­bil­den­de enorm ver­än­dert hät­ten und Haupt­schü­ler, ja so­gar Ab­gän­ger mit Mitt­le­rer Rei­fe kaum noch be­rück­sich­tigt wür­den. Den Grund hier­für, der auch zu dem von ihm be­schrie­be­nen funktionale[n] An­alpha­be­tis­mus gro­sser Tei­le von Haupt- und teil­wei­se auch Re­al­schü­lern führt, nennt er nicht: Die ex­pe­ri­men­tel­le Bil­dungs­po­li­tik der 70er Jah­re, die für ei­ne ex­or­bi­tan­te Stei­ge­rung der Ab­itu­ri­en­ten- und Mitt­le­re Rei­fe-Ab­gän­ger sorg­te. Statt aber der In­ten­ti­on von Leu­ten wie Picht oder Dah­ren­dorf zu fol­gen, näm­lich die Bil­dung zu ver­bes­sern, wur­de (durch­aus im da­ma­li­gen Zeit­geist an­ge­legt) die »Ab­itu­ri­en­ten­quo­te« zum Fe­tisch er­ho­ben – al­ler­dings auf Ko­sten des Ni­veaus, wel­ches ins­ge­samt ab­ge­senkt wur­de. Es war ein­fa­cher, die An­for­de­run­gen an die Schü­ler zu sen­ken als die Bil­dungs­an­stren­gun­gen bei­spiels­wei­se durch klei­ne­re Klas­sen (Mehr­an­stel­lung von Leh­rern) zu er­hö­hen. Mit der ideo­lo­gisch über­höh­ten, ge­stie­ge­nen Ab­itu­ri­en­ten­quo­te be­gann nun ein Wett­lauf, der sich in stei­gen­den For­mal­qua­li­fi­ka­tio­nen so­wohl bei der Auf­nah­me für ei­nen Aus­bil­dungs­platz als auch bei ge­wis­sen be­gehr­ten Stu­di­en­fä­chern in Zu­las­sungs­be­schrän­kun­gen zeig­te und in den ak­tu­el­len An­for­de­rungs­pro­fi­len im heu­ti­gen Stel­len­markt sei­ne Fort­set­zung fin­det.

Licht und Schat­ten

Voll­kom­men hin­ter den Er­war­tun­gen des Le­sers zu­rück blei­ben Bu­des Be­trach­tun­gen über die rund 1,5 Mil­lio­nen al­lein­er­zie­hen­den Müt­ter in Deutsch­land mit Kin­dern un­ter 18 Jah­ren. Ob­wohl er auch hier kon­zi­diert, dass die Zah­len über die Le­bens­wirk­lich­keit täu­schen, ver­fällt er in ste­reo­ty­pe Bil­der von Frau­en, die, von Män­nern ent­täuscht, lie­ber wie­der ihr Le­ben al­lei­ne mei­stern wol­len. Ins­be­son­de­re hier agiert Bu­de stark mit de­duk­ti­ven Schlüs­sen, die schnell ins plat­te Rol­len­kli­schee ab­rut­schen.

Er­fri­schend al­ler­dings wie­der der Ge­dan­ke, dass die Lei­stungs­in­di­vi­dua­li­sten, die ihr So­zi­al­pre­sti­ge bei­spiels­wei­se über Bil­dung und Be­ruf (nicht den »Job«) ge­ne­rie­ren mit dem »Pre­ka­ri­at« in punk­to Staats­fer­ne, d. h. ei­ner weit­ge­hen­den Ent­frem­dung von Staat und Ge­sell­schaft ver­eint sind – bei­de al­ler­dings auf un­ter­schied­li­che Art und Wei­se. Lei­der führt er die­sen Ge­dan­ke nicht wei­ter, ob­wohl er für die Ent­wick­lung des de­mo­kra­ti­schen Staa­tes von exi­sten­ti­el­ler Be­deu­tung wä­re.

Wie be­reits er­wähnt, er­wei­tet Bu­de den Be­griff des »Pre­ka­ri­ats« und macht ihn nicht aus­schliess­lich am fi­nan­zi­el­len Sta­tus fest. Schnell wird deut­lich, dass Geld al­lei­ne die Pro­ble­me nicht dau­er­haft löst. Im Ge­gen­teil: Trans­for­ma­tio­nen vom Wohl­fahrts­staat stel­len für ihn ei­ne Züch­ti­gung ei­ner Kul­tur der Ab­hän­gig­keit dar, die den Lei­stungs­emp­fän­ger zwar oh­ne Furcht, aber auch oh­ne Hoff­nung lässt. Dies führt un­ter Um­stän­den mit der Zeit zu ei­ner dem Über­le­ben dienliche[n] Cle­ver­ness, die ent­we­der neue Ein­nah­me­quel­len »er­fin­det« oder gar An­rei­ze schafft, sich ei­nen wie auch im­mer ge­ar­te­ten Be­hin­der­ten­sta­tus zu­zu­le­gen. Auf die­se Wei­se wird ei­ne po­si­ti­ve Dis­kri­mi­nie­rung zur ein­zi­gen Ein­nah­me­quel­le; ein Her­aus­kom­men aus der Si­tua­ti­on wird we­der an­ge­strebt noch for­ciert.

Die­se Ana­ly­se ei­ner Ge­sell­schaft, die ihr des­il­lu­sio­nier­tes, staats­fer­nes, in­sta­bi­les Pre­ka­ri­at ge­sell­schaft­lich aus­grenzt (Aus­gren­zung hat Aus­beu­tung er­setzt zi­tiert Bu­de die fran­zö­si­sche So­zi­al­wis­sen­schaft) und an­son­sten al­lei­ne lässt, ist im­mer dann lehr­reich, wenn sie sich nicht psy­cho­lo­gi­sie­rend oder in so­zio­lo­gi­scher Be­trof­fen­heits­rhe­to­rik ver­fällt, was be­dau­er­li­cher­wei­se ab und zu ge­schieht.

Lei­der wird auch nicht deut­lich ge­nug klar, dass so­zia­le Ex­klu­si­on durch­aus kein Pro­blem des Pre­ka­ri­ats al­lei­ne dar­stellt. Tran­szen­den­ta­le Ob­dach­lo­sig­keit und das Le­bens­ge­fühl Spiel­ball frem­der Kräf­te und Mäch­te zu sein, auf die man doch kei­nen Ein­fluss hat gibt es sehr wohl auch in an­de­ren Schich­ten und dürf­te kei­ne »Ex­klu­si­vi­tät« der Un­ter­schicht bil­den. Da ist es dann scha­de, dass sich Bu­de auf die blo­sse Be­schrei­bung der Phä­no­me­ne be­schränkt hat. Denn jetzt erst wür­de es rich­tig auf­re­gend: Wie kann ei­ne der­art von ihm be­schrie­be­ne Ge­sell­schaft po­li­tisch, so­zi­al und öko­no­misch wei­ter exi­stie­ren, oh­ne ir­gend­wann zu im­plo­die­ren?


Die kur­siv ge­druck­ten Pas­sa­gen sind Zi­ta­te aus dem be­spro­che­nen Buch.

4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Das hört sich in­ter­es­sant an
    Ich ha­be das Buch auf mei­ne Le­se­li­ste ge­setzt.

    Wie kann ei­ne der­art von ihm be­schrie­be­ne Ge­sell­schaft po­li­tisch, so­zi­al und öko­no­misch wei­ter exi­stie­ren, oh­ne ir­gend­wann zu im­plo­die­ren?

    Wenn man Ge­sell­schaft als ein Kon­strukt ver­steht, was sich als Über­bau (ein Be­griff von Marx) über den rea­len Per­so­nen kon­sti­tu­iert, dann fällt die Ant­wort leicht (ist al­ler­dings tri­vi­al): Die Ge­sell­schaft än­dert sich, die Per­so­nen blei­ben die­sel­ben.

  2. »(die So­zio­lo­gie) er­regt Auf­merk­sam­keit, wenn sie zei­gen kann, dass die Din­ge an­ders lau­fen, als man er­war­ten wür­de, und wie es geht, dass es so kommt, wie nie­mand es will.«

    So­was fiel mir schon als Teen­ager auf, oh­ne zu wis­sen dass es so­was wie »So­zio­lo­gie« gibt, oder gar ei­nen »Ma­kro­so­zio­lo­gen«, ...was­ses nich al­let jiebt?!
    Aber ganz si­cher ist’s wie­der ein wich­ti­ges Buch.

  3. »So­zia­le Ex­klu­si­on« – na, da ha­ben sie wie­der was ge­fun­den ...
    Schein­bar kön­nen oder wol­len So­zi­al­wis­sen­schaft­ler heut­zu­ta­ge nicht mehr zwi­schen ak­ti­vem und pas­si­vem Ver­hal­ten von In­di­vi­du­en un­ter­schei­den: »So­zia­le Ex­klu­si­on« im­pli­ziert, dass ein­zel­nen von der bö­sen Ge­sell­schaft un­ge­rech­ter­wei­se et­was ‘auf­ge­drückt´ wird. Aber wenn es z.B. um Phä­no­me­ne wie ‘Bil­dungs­fer­ne´ oder de­lin­quen­tes Ver­hal­ten geht, ist zu­min­dest mei­ne Be­ob­ach­tung, dass Men­schen sich sehr be­wusst da­zu ent­schei­den, sich ba­sa­len Spiel­re­geln (ge­walt­lo­se Kon­flikt­lö­sun­gen, Er­ler­nen der Lan­des­spra­che) zu ver­wei­gern. Und So­zio­lo­gen à la Bu­de möch­ten mir dann ein­re­den, dar­an sei die Ge­sell­schaft Schuld. Nun ja, das ist sei­ne Mei­nung, mit der er sich nicht ge­ra­de ge­gen den pu­bli­zi­sti­schen Main­stream stellt.