Der Wald und die Bäu­me (IX)

Ab­len­kung

Un­ab­weis­bar ist die Struk­tur­ähn­lich­keit zwi­schen dem di­gi­ta­len Win­do­wing und je­ner Mo­de­krank­heit, die man ab­kür­zend und von den Din­gen ab­len­kend als ADHS be­zeich­net. Leu­te aus mei­nem Be­kann­ten­kreis, die an sy­ste­ma­ti­schen Auf­merk­sam­keits­stö­run­gen und zu­gleich an Hy­per­ak­ti­vi­tät lei­den, ge­hen in ih­rem All­tag häu­fig an ei­nen Ort (zum Bei­spiel in der Kü­che oder auf dem Bal­kon) und er­in­nern sich, wenn sie an­kom­men, nicht mehr, was sie dort ei­gent­lich woll­ten. Not­ge­drun­gen ge­hen sie wei­ter an den näch­sten Ort, aber dort ge­schieht ih­nen das glei­che. Sie kön­nen sich nicht an das er­in­nern, was sie vor­hat­ten, und oft auch nicht an das, was sie kurz zu­vor ge­tan ha­ben. Auch das Ver­ges­sen ei­nes Plans oder Plan­ele­ments ist im Grun­de ge­nom­men ein Ver­ges­sen von seit kur­zem Ver­gan­ge­nem. Ganz ähn­lich ver­hal­ten wir uns, wenn wir »sur­fen«: Ziem­lich rasch ver­ges­sen wir, wo­hin wir »ei­gent­lich« woll­ten und was wir dort zu su­chen hat­ten. Wer vor­sätz­lich surft, et­wa zu Un­ter­hal­tungs­zwecken, strebt die­se Art des Ver­ges­sens an. Für Men­schen, die un­ter ADHS lei­den, sind die­se Sym­pto­me al­ler­dings kein Ver­gnü­gen, son­dern eben Stö­run­gen, die sie an ei­nem halb­wegs be­frie­di­gen­den Le­ben hin­dern kön­nen.

Das Wort »Mo­de­krank­heit« ist un­ge­recht, es klingt ver­ächt­lich. Bes­ser, ich neh­me es zu­rück. An­schei­nend hat aber je­de Zeit be­stimm­te Krank­hei­ten, die ih­re ge­sell­schaft­li­chen Wi­der­sprü­che und Ge­bre­chen auf in­di­vi­du­el­ler Ebe­ne aus­drücken. In­so­fern wird man viel­leicht be­haup­ten kön­nen, daß ADHS die Krank­heit des di­gi­ta­len Zeit­al­ters sei.

Oh­ne ei­gent­lich krank zu sein, stel­le ich ei­ni­ge der Sym­pto­me an mir selbst fest. Oft kommt es vor, daß ich für ei­nen Es­say, ei­nen Ar­ti­kel oder auch – ja! – für ei­nen Ro­man ir­gend et­was im In­ter­net su­che, manch­mal in der Vor­be­rei­tungs­pha­se, oft aber auch, wenn ich schon dar­an schrei­be. Na­tür­lich sind be­stimm­te Da­ten­fun­de nütz­lich, und oft brau­che ich für sie nur sehr we­nig Zeit. An­de­rer­seits ha­be ich be­ob­ach­tet, daß ich mich viel zu oft auf die Su­che ma­che, nach Din­gen, die mich über­haupt nicht zu in­ter­es­sie­ren brau­chen und die mich von mei­nem The­ma, falls ich ei­nes ha­be, oder so­gar vom Schrei­ben selbst ab­lenken. Mei­ne Kon­zen­tra­ti­ons­fä­hig­keit lei­det, im­mer muß ich al­les mög­li­che wis­sen, und das Wis­sen, das ich mir auf die­se Wei­se an­eig­ne, eig­ne ich mir in Wahr­heit gar nicht an, weil es sehr rasch wie­der aus mei­nem Ge­dächt­nis ver­schwin­det Was ich durch die Hoch­ge­schwin­dig­keit der Such­ma­schi­nen und der Ver­knüp­fungs­tech­ni­ken an Zeit ge­win­ne, ver­lie­re ich im Dschun­gel ver­lockend-ab­len­ken­der Da­ten, die ich nach ei­ner Wei­le nicht mehr zu wer­ten und zu ge­wich­ten ver­ste­he. Aus die­sem Grund ha­be ich vor ei­ni­ger Zeit be­schlos­sen, be­stimm­te gei­sti­ge Ar­bei­ten drau­ßen zu ma­chen, in der Na­tur oder auch an ei­nem Ort mit vie­len Men­schen, die nicht gei­stig ar­bei­ten. Ich neh­me mein fe­der­leich­tes Note­book und ma­che mich auf den Weg zu ei­nem der Shin­to-Schrei­ne, die in der Nä­he mei­nes »re­gu­lä­ren« Ar­beits­plat­zes zahl­reich sind. Dort sit­ze ich, ganz oh­ne »Informations­quellen«, das Note­book auf den Schen­keln. Die Des­in­for­ma­ti­ons­welt des In­ter­nets bleibt mir vom Leib. Die ein­zi­gen Da­ten, auf die ich zu­grei­fen kann, sind in mei­nem Kopf.

Shin­to-Schrei­ne ha­ben in Ja­pan auch und vor al­lem die Funk­ti­on, in ei­ner ex­trem ur­ba­ni­sier­ten Welt Na­tur zu be­wah­ren. Im all­ge­mei­nen wird die Na­tur in die­sem Land we­nig re­spek­tiert, aber wo ein Shin­to-Schrein steht, rührt nie­mand an die Bäu­me, die ihn um­ge­ben. Oa­sen die­ser Art soll­te man auch im gei­sti­gen Le­ben schaf­fen, wenn es von di­gi­ta­len Me­di­en und Ma­schi­nen be­droht wird.

© Leo­pold Fe­der­mair

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