Der Wald und die Bäu­me (VIII)

Ver­ges­sen

Fried­rich Nietz­sche, der sei­ne Lauf­bahn als Hi­sto­ri­ker des grie­chi­schen Al­ter­tums be­gann, schrieb ei­ne Ab­hand­lung über den »Nut­zen und Nach­teil der Hi­sto­rie für das Le­ben«. Das in­di­vi­du­el­le wie auch das kol­lek­ti­ve Ge­dächt­nis, so lau­tet sei­ne The­se, wer­de in be­stimmten Pha­sen der Mensch­heits­ent­wick­lung hy­per­troph und be­gin­ne, das Le­ben ein­zu­schrän­ken, am En­de so­gar zu ver­nich­ten. Es kom­me dar­auf an, schöp­fe­risch zu sein und et­was Neu­es zu schaf­fen. Zu die­sem Zweck sei es im­mer wie­der nö­tig, sich vom Über­lie­fer­ten und, ge­ne­rel­ler, von der Last des Den­kens frei zu ma­chen. Mu­sil drück­te es so aus: »Ge­le­gent­lich sind wir al­le dumm; wir müs­sen ge­le­gent­lich auch blind oder halb­blind han­deln, oder die Welt stün­de still; und woll­te ei­ner aus den Ge­fah­ren der Dumm­heit die Re­gel ab­lei­ten: ‘Ent­hal­te dich in al­lem des Ur­teils und des Ent­schlus­ses, wo­von du nichts ver­stehst!’, wir er­starr­ten.« Er­in­nern und Ver­ges­sen, Nach­den­ken und Han­deln, Mög­lich­kei­ten Son­die­ren und Ide­en ver­wirk­li­chen: bei­de Sei­ten hän­gen in der prä­di­gi­ta­len Kul­tur aufs eng­ste zu­sam­men. Die über­gro­ße, un­ge­ord­ne­te, vom Sub­jekt – dem Ver­brau­cher – nicht mehr dif­fe­ren­zier­ba­re und in­so­fern gleich­gül­ti­ge Da­ten­men­ge kann zwar zur Un­ter­hal­tung die­nen, zum so­ge­nann­ten In­fo­tain­ment, wo man Be­lie­bi­ges und Be­lieb­tes aus­wählt, doch sie steht jen­seits der von Nietz­sche her­aus­ge­ar­bei­te­ten Dia­lek­tik. Die Er­in­ne­rungs­schwa­chen ha­ben nichts zu ver­ges­sen. Wenn die Ge­hir­ne den di­gi­ta­len Me­di­en end­gül­tig an­ge­paßt wor­den sind, er­üb­rigt sich nicht nur das Erinnerungs­vermögen, son­dern auch die Fä­hig­keit des Ver­ges­sens, es kommt zu ei­ner si­mul­ta­nen Dau­er­prä­senz von gleich­gül­ti­gen Din­gen und ei­ner sub­jek­ti­ven Tran­ce, die ge­wis­sen, sa­kra­len oder pro­fa­nen, in der Ge­schich­te oft­mals ge­prie­se­nen Er­lö­sungs­zu­stän­den äh­nelt.

© Leo­pold Fe­der­mair

vorheriger Beitrag    Übersicht    nächster Beitrag

Dieser Beitrag wurde unter Splitter abgelegt und mit , , verschlagwortet. Permalink zum Artikel

3 Kommentare zu »Der Wald und die Bäu­me (VIII)«:

  1. peter zwey sagt:

    ich fra­ge mich und Sie, ob es nicht bes­ser Ki­no­gän­ger hei­ßen soll­te? Et­was an­de­res ist es bei dem Wort Un­ter­ge­her. Un­ter­ge­hen kann ei­ner nur ein­mal, doch im Ki­no war ei­ner doch schon, wenn er dar­über re­det und er­zählt wie P. Hand­ke. Wäh­rend ei­nes Films ist gleich­zei­tig schwer­lich da­von zu re­den. Auch kann ei­ner im Ki­no sit­zend nicht gleich­zei­tig dort­hin pil­gern, wo er schon sitzt. Oder?
    Schön da­ge­gen fin­de ich Dreh­buch­schrei­ber, das kann ei­ner sein, der so­eben be­schäf­tigt ist da­mit oder auch ein Au­tor, der schon ei­ni­ge die­ser Dreh­bü­cher hin­ter sich hat. Ähn­lich: Plat­ten­auf­le­ger – hin­ge­gen DJ. Ich hof­fe, Sie hal­ten das nicht für spitz­fin­dig.

    #1

  2. Lothar Struck sagt:

    @peter zwey
    Ihr Kom­men­tar hat nichts mit Leo­pold Fe­der­mairs Text zu tun. Ich neh­me an, Sie neh­men Be­zug auf den Hin­weis auf den Ra­dio­es­say über Hand­kes Ki­no­kunst.

    Die Fra­ge ist nicht spitz­fin­dig, son­dern wich­tig. War­um Sie sie ins Lä­cher­li­che zie­hen, weiss ich nicht. Es ist im üb­ri­gen rich­tig und kei­ne Ma­rot­te, dass es »Ki­no­ge­her« heisst. Die Ant­wort ver­su­che ich im Buch zu ge­ben, al­ler­dings eher bei­läu­fig.

    #2

  3. Don Silver sagt:

    @meine_Vorredner

    Gu­ten Tag,

    die Fra­ge an sich ist doch ob­so­let. Ge­hen wir denn da­von aus das es frü­her, oder bes­ser ge­sagt je­mals, ei­ne um­fas­send ge­bil­de­te Gesll­schaft gab? Na­tür­lich gab es die­se nicht. Bil­dung, ei­ne um­fas­sen­de, ist et­was das man in der Frei­zeit er­rei­chen muss und will. An­son­sten war der Mensch schon im­mer ein We­sen das Be­rie­se­lung such­te und nicht sich zu bil­den such­te.

    Man darf nicht in die schon­fär­be­ri­sche Sicht ver­fal­len, es sei frü­her je­der des grie­chi­schen und la­tei­ni­schen mäch­tig ge­we­sen und hät­te un­ent­wegt Pla­ton, Ta­ci­tus und So­kra­tes re­zi­tiert. Be­son­ders im Abend­land wa­ren wir für das ver­ges­sen sehr an­fäl­lig, man be­trach­te doch nur das nicht um­sonst so ge­nann­te fin­ste­re Mit­tel­al­ter.

    Des Wei­te­ren sind die mei­sten Men­schen, und wa­ren es schon im­mer, so ver­an­lagt das sie bloß ler­nen wo­von sie den­ken das sie es be­nö­ti­gen. Man kann das so­gar an ih­ren Kom­men­ta­ren her­aus­le­sen und ich neh­me mich dem auch nicht her­aus.

    Be­den­ken sie doch nur, ha­ben Sie das Wis­sen, das die Grund­la­ge ih­rer Ar­gu­men­ta­ti­on bil­det, aus jux und tol­le­rei ge­lernt oder weil Sie es als sinn­voll er­ach­tet ha­ben? Es in­ter­es­sier­te Sie und Sie woll­ten die­ses Wis­sen an­wen­den wol­len, bei­spiels­wei­se um sol­che Ge­dan­ken­gän­ge zu kon­stru­ie­ren und zu kom­mu­ni­zie­ren.

    Von dem her kann man, mei­nes Er­ach­tens nach, nicht Kunst­for­men wie Ki­no nicht ver­ur­tei­len. Auch kann man In­fo­tain­ment nicht als per se schlecht er­ach­ten, denn wir le­ben nun mal in kei­nem Kul­tur­kreis in dem man Tag ein Tag aus­al­les mit je­dem diss­ku­tie­ren kann. Die­se Din­ge snd in­te­lek­tu­ell ge­bil­de­ten vor­be­hal­ten und man soll­te sich des­we­gen doch nicht über an­de­re Grup­pen stel­len die der Bil­dung nicht den glei­chen Stel­len­wert zu wei­sen.

    MfG DS

    #3