Der Wald und die Bäu­me (VII)

Ge­ni­al!

Die ka­ka­ni­sche Welt, die der Mann oh­ne Ei­gen­schaf­ten be­schreibt, ist ei­ne ge­lähm­te. Zwar wird be­haup­tet, ein gro­ßes Er­eig­nis sei im Ent­ste­hen, aber dann geht nie et­was wei­ter. Die ge­hemm­ten Ak­teu­re ver­hal­ten sich im we­sent­li­chen nicht an­ders als Ul­rich, auch wenn ih­nen des­sen gei­sti­ge Sou­ve­rä­ni­tät, sei­ne Iro­nie und Spott­lust feh­len. In den er­sten Ka­pi­teln des Ro­mans ist auf­fäl­lig oft von »Be­deu­ten­dem« die Re­de, das Epi­the­ton »be­deu­tend« wird in ver­schie­den­ste Kon­tex­te ein­ge­schleust. In sei­ner Re­de über die Dumm­heit, die Mu­sil 1937 in Wien vor un­ge­wöhn­lich zahl­rei­chem Pu­bli­kum hielt, kam er zum Schluß auf das Kon­zept des Be­deu­ten­den zu spre­chen. Be­deu­tungs­lo­ses Wis­sen, so ver­ste­he ich sei­ne Äu­ße­run­gen, kann eben­so nütz­lich wie schäd­lich sein. Die Wort­wahl fin­de ich nicht glück­lich, ich wür­de eher von Sinn­ge­bung spre­chen, es geht um die be­wuß­te Wer­tung von Da­ten und de­ren Ein­ord­nung in Kon­tex­te, Pro­jek­te, Ho­ri­zon­te. So hät­te Mu­sil sich auch die be­dau­ern­de Ge­ste spa­ren kön­nen, die er an den Tag leg­te, be­vor er sich von sei­nen Zu­hö­rern ver­ab­schie­de­te: Mit dem Ge­sag­ten sei »durch­aus noch kein Er­ken­nungs- und Un­ter­schei­dungs­zei­chen des Be­deu­ten­den ge­ge­ben«. Nun, es wird nie ein si­che­res Zei­chen da­von ge­ben, da es sich um ein un­end­li­ches Ge­spräch han­delt: Was be­deu­tend ist und was nicht, was für uns sinn­voll ist und was nicht, muß im­mer wie­der aufs neue durch­dacht und be­spro­chen und so­zu­sa­gen ver­han­delt wer­den. Dies gilt für ei­nen li­te­ra­ri­schen oder mu­si­ka­li­schen Ka­non eben­so wie für die Fra­ge, durch wel­che Tech­ni­ken wir En­er­gie für un­se­ren wirt­schaft­li­chen Be­darf er­zeu­gen und von wel­chen wir Ab­stand neh­men wol­len. Die Dumm­heit der di­gi­ta­len Welt be­steht dar­in, daß sie auf der­lei müh­sa­me Un­ter­schei­dun­gen ver­zich­ten zu kön­nen vor­gibt. Was gut ist und was nicht, ist in die­ser Welt oh­ne­hin in Ran­kings fest­ge­legt, und was mir ge­fällt, brau­che ich nicht zu be­grün­den. Die we­nig­sten wis­sen, wie Ran­kings zu­stan­de kom­men, die mei­sten neh­men sie ge­dan­ken­los auf und re­pro­du­zie­ren sie. Un­ter sol­chen Be­din­gun­gen ist al­les be­deu­tend, ei­ne Kunst­fi­gur wie Con­chi­ta Wurst gilt gleich wie ein Shake­speare-Dar­stel­ler. Ei­ne Fi­gur gilt, wenn sie »er­folg­reich« ist. Was er­folg­reich ist, ent­schei­den die Ran­kings des Markts. Al­les und nichts ist be­deu­tend, die dia­lek­ti­sche Span­nung ist ver­schwun­den, die Mü­he, die Mu­sil einst auf das Be­deu­tend-Sein und Be­deu­tend-Ma­chen ver­wand­te, heu­te kaum noch ver­ständ­lich. Er ahn­te die fer­ne­ren Ent­wick­lun­gen, als er sich Ge­dan­ken über ge­nia­le Bo­xer und Renn­pfer­de mach­te.

© Leo­pold Fe­der­mair

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27 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Die Kri­tik zeigt Schwä­chen, Leo­pold. Der Ka­non muss nicht im­mer wie­der zur Gän­ze neu ver­han­delt wer­den. Zu­mal in der Mu­sik die Ge­win­ner des 17. bis 20. Jahr­hun­derts längst fest­ste­hen.
    In der Li­te­ra­tur im we­sent­li­chen auch, einschl. der we­ni­gen Ein­trä­ge spä­tes 20. Jahr­hun­dert.
    Die Ge­fahr ist üb­ri­gens groß, ein äs­the­ti­sches und ein »po­li­ti­sches« Pro­blem bis zur Un­un­ter­scheid­bar­keit zu ver­men­gen. Ein gro­ßer Künst­ler kann mit ein­fach­sten Ma­te­ria­li­en schö­ne Din­ge her­vor­brin­gen, der ge­wal­ti­ge Hang zur Ver­ein­fa­chung in der Pop-Kul­tur be­ruht aber auf der Be­schrän­kung »In­kom­pe­tenz«, und nicht auf ei­ner frei­wil­li­gen sti­li­sti­schen Selbst­be­schrän­kung.
    Bald schon, wer­den wir nichts mehr un­ter­schei­den kön­nen...
    Sport­pa­last-Sze­ne: »Wolllt ihr die dto-dta­le Dekultivierung?!«...Tosender Ap­plaus, Live­stream In­ter­net...

  2. Die Ge­win­ner ste­hen fest, aber durch­aus nicht für al­le Zei­ten. Und es darf an ih­rem Stand ge­rüt­telt wer­den. Vor ei­ni­gen Jahr­zehn­ten galt Brecht als ei­ner der be­deu­tend­sten Au­toren des 20. Jahr­hun­derts, heu­te zwei­feln man­che dar­an. Höl­der­lin war nach sei­nem Ver­schwin­den im Tü­bin­ger Turm so gut wie ver­ges­sen, bis er zu Be­ginn des näch­sten Jahr­hun­derts wie­der­ent­deckt wur­de.
    Vie­le Bei­spie­le könn­te man nen­nen. Brecht wird nicht voll­stän­dig aus dem Ka­non ver­schwin­den, aber die Wer­tun­gen än­dern sich. Reich-Ra­nicki, der Tho­mas-Mann-Ver­eh­rer, woll­te Mu­sil aus dem Ka­non hin­aus­bug­sie­ren (bzw. an den Rand). Tho­mas Mann selbst hielt dem Mu­sil im­mer wie­der die Stan­ge und schrieb Sät­ze wie: » ‘Der Mann oh­ne Ei­gen­schaf­ten’ ist oh­ne je­den Zwei­fel größ­te Pro­sa, die mit dem Vor­nehm­sten ran­giert, was un­se­re Epo­che über­haupt zu bie­ten hat­te...«
    Ka­nons ha­ben et­was Mu­sea­les, aber wenn sie end­gül­tig mu­se­al er­star­ren, fin­de ich es bes­ser, sie auf den Müll­hau­fen der Ge­schich­te zu wer­fen und wie­der von vorn an­zu­fan­gen.
    Für die Mu­sik gilt das al­les viel­leicht nicht in der­sel­ben Wei­se – trotz­dem, ich er­in­ne­re et­wa an die Wer­tungs­schwan­kun­gen in Be­zug auf Ri­chard Wag­ner.

  3. P.S. zu Vo­ri­gem: Vor al­lem aber, die Welt der di­gi­ta­len Ran­kings ver­zich­tet von vorn­her­ein auf sol­che Dis­kus­sio­nen. Sie ist in die­sem Sinn ge­schmäck­le­risch, wäh­rend gleich­zei­tig der Main­stream sei­nen sanf­ten Ter­ror aus­übt.

  4. Mit dem Ka­non hat­te das Bil­dungs­bür­ger­tum so et­was wie ei­ne ge­mein­sa­me »Dis­kus­si­ons­grund­la­ge«. In der Mo­der­ne wur­den Kri­te­ri­en weich und die Ka­nons va­ri­ier­ten je nach Zeit­geist. Das führ­te zu Ent­wick­lun­gen wie Sie Leo­pold Fe­der­mair skiz­ziert und die bis heu­te an­hal­ten. In die­sem Blog war das vor knapp zwei Jah­ren schon ein­mal ein The­ma -> hier nach­zu­le­sen.

    In­zwi­schen kann man in Ger­ma­ni­stik pro­mo­vie­ren, oh­ne ei­ne Zei­le Goe­the oder Kleist ge­le­sen zu ha­ben.

  5. @ Leo­pold
    Ja, aber da­mit stimmst Du mir ja zu. Die­se Rückun­gen sind ja nur noch Kor­rek­tu­ren, Mu­sil ist drinn, Höl­der­lin »war ver­ges­sen«, aber er wird es nie wie­der sein, Brecht nicht mehr ganz oben, aber im­mer­hin. Die Ka­no­nes kon­so­li­die­ren sich, auch wenn nicht je­der auf Wag­ner ab­fährt (ich z.Bsp.).
    Da­zu kommt, was Gre­gor sagt: hin­ten raus, Mit­te 20. Jahr­hun­dert, wird’s wacke­lig. D.h. aber ge­nau: die Ein­tra­gun­gen »jün­ge­ren Da­tums« wer­den pro­ble­ma­tisch, nicht die äl­te­ren. Und das hängt
    a) mit Ni­vel­lie­run­gen in der Ger­ma­ni­stik zum Zwecke der Ver­füg­bar­keit für die versch. Aus­bil­dun­gen zu­sam­men, und
    b) mit ei­nem Ab­schwung der künst­le­ri­schen Pro­duk­tiv­kraft.
    M.a.W.: ei­nen all­ge­mei­nen Ni­veau-Ver­fall wird nie­mand wahr­neh­men, denn ei­ne si­che­re äs­the­ti­sche Ein­schät­zung be­kommt man nur »von oben nach un­ten« und nicht wenn al­le gleich­zei­tig nach­las­sen: Au­toren, Kri­ti­ker, Pu­bli­kum...

  6. Gu­stav Mah­ler oder An­ton Bruck­ner sind Bei­spie­le für Kom­po­ni­sten, die für ihr Schaf­fen zu ih­rer Zeit kei­ne (oder nur in­ner­halb über­schau­ba­rer Grup­pen) An­er­ken­nung fan­den (was in bei­den Fäl­len nicht für den Di­ri­gen­ten bzw. Or­ga­ni­sten galt). Das hat sich spä­ter ge­än­dert, sie ge­hö­ren bei­de zu Kern des Re­per­toires (dass sich das wie­der ins Ge­gen­teil ver­kehrt kann man aus­schlie­ßen, ge­wis­se Schwan­kun­gen in der Be­ur­tei­lung sind nor­mal und auch Mo­de).

  7. @Sophie
    Wir bei­de sind halt nicht so weit von­ein­an­der ent­fernt. Dei­ne Sicht­wei­se scheint mir ein biß­chen te­leo­lo­gisch, ich wä­re mir nicht so si­cher, daß sich mit hin­rei­chend lan­ger Zeit­dau­er das Be­ste und die Be­sten durch­set­zen. Es gibt Schwan­kun­gen, die durch ge­sell­schaft­li­che Än­de­run­gen, Wand­lun­gen in Ge­schmack, In­ter­es­sen, Ge­wohn­hei­ten, gei­sti­gen Be­dürf­nis­sen usw. be­grün­det sind – aber ein Ziel und En­de der Ge­schich­te?
    Über die ge­gen­wär­ti­ge Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft bzw. die aka­de­mi­sche Be­schäf­ti­gung mit Li­te­ra­tur (denn »Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft« hal­te ich für ei­ne con­tra­dic­tio in ad­jec­to) wä­re man­ches zu sa­gen; ein Phä­no­men ist, daß die Ten­denz seit lan­gem da­hin geht, Wer­tungs­fra­gen als »un­wis­sen­schaft­lich« aus­zu­klam­mern. Da­mit über­läßt man die Ka­non­bil­dung, was ge­gen­warts­na­he Wer­ke be­trifft, gänz­lich den Mas­sen­me­di­en, in de­nen im­mer we­ni­ger das her­kömm­li­che Feuil­le­ton und im­mer mehr das Ran­king, die Mas­sen­taug­lich­keit, der kom­mer­zi­el­le Er­folg be­stim­mend sind.

  8. Wer­tungs­fra­gen soll­ten auch nicht Ge­gen­stand der Wis­sen­schaft sein, be­strit­ten wir das m.E. nur (teil­wei­se?) in den So­zi­al­wis­sen­schaf­ten. — Der Grund ist, dass per­sön­li­che (oder an­de­re) Mo­ti­ve und Be­lan­ge ver­hin­dern, dass die Er­kennt­nis um ih­rer selbst wil­len be­trie­ben wird (je­der Wis­sen­schaft­ler kann sich wer­tend äu­ßern, er hat sich dann eben – im stren­gen Sinn und für die­se Au­gen­blicke – ein Stück weit von den en­gen Grund­la­gen ent­fernt; das macht gar nichts, im Ge­gen­teil, öf­fent­li­che Äu­ße­run­gen von Wis­sen­schaft­ler ha­ben eher Sel­ten­heits­wert, da­bei kann man das durch­aus auch als ei­ne ih­rer »Auf­ga­ben« se­hen). — Man muss sich nur an die (schon lang zu­rück­lie­gen­den) Auf­trags­stu­di­en der Ta­bak­in­du­strie er­in­nern und man weiß war­um das zu Recht so ge­hal­ten wird.

    Man kann ei­nen Ka­non doch durch die Be­deu­tung der Wer­ke für die hi­sto­ri­sche Ent­wick­lung recht­fer­ti­gen oder durch de­ren for­ma­len An­spruch und des­sen Er­fül­lung, die Neu­heit, de­ren Qua­li­tät, etc., hin­ge­gen nicht durch den per­sön­li­chen Ge­schmack der Wis­sen­schaft­ler (da steht doch schon der An­spruch je­des Ka­nons da­ge­gen!).

  9. @Leopold
    Die Ein­gren­zung der Ge­samt-Si­tua­ti­on zwi­schen Mas­sen­me­di­en und Gän­se­füß­chen-Wis­sen­schaft ist ab­so­lut kor­rekt. Die west­li­chen Ge­sell. ha­ben sich ein­mal mehr struk­tu­rell ganz ele­gant aus der Hüf­te durch’s Knie in den Rücken ge­schos­sen. Wis­sen­schaft und Kunst be­hin­dern sich nur ge­gen­sei­tig.
    Mein Ge­schichts-Mo­dell ist tek­to­nisch, Schich­ten die sich ab­la­gern, aus­trock­nen, ab­plät­ten, aus­här­ten, dar­über geht es end­los wei­ter... Da­her ver­ste­he ich die Ana­lo­gie »fi­xier­ter Ka­non – En­de der Ge­schich­te« ei­gent­lich nicht. Meinst Du, aus­ge­hend von der Jetzt­zei­ti­gen Dür­re, es kommt nichts mehr, und der »Pro­zess« ist end­gül­tig un­ter­bro­chen?!

  10. @metepsilonema
    Ich wür­de in sol­chen Dis­kus­si­ons­zu­sam­men­hän­gen kei­nes­falls Literatur»wissenschaft« und Na­tur­wis­sen­schaf­ten ver­men­gen. Auch nicht So­zi­al­for­schung. A pro­pos Ta­bak.
    In Ge­sprä­chen mit Kul­tur­wis­sen­schaft­lern hö­re ich im­mer wie­der die in den letz­ten Jah­ren ein­ge­bür­ger­te For­mel »mein In­ter­es­se ist«. Das soll ver­mut­lich ob­jek­tiv klin­gen, oder wis­sen­schafts­ethisch kor­rekt, aber tat­säch­lich ge­ben sie un­be­wußt zu, daß sie per­sön­li­chen Vor­lie­ben und bio­gra­phi­schen Zu­fäl­len fol­gen.
    Vor ei­nem hal­ben Jahr­hun­dert galt li­te­ra­ri­sche Wer­tung als ei­ne der Auf­ga­ben der Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft (Emil Stai­ger usw.). Man hat die­se Schu­le mit Recht kri­ti­siert. Äs­the­ti­sche Wer­tun­gen aber grund­sätz­lich aus­zu­schlie­ßen, hal­te ich aber für ver­kehrt. Je­den­falls wird der aka­de­mi­sche Um­gang mit Li­te­ra­tur für mich dann – ja, un­in­ter­es­sant. Was nicht im me­dia­len Ka­non vor­kommt, wird von den sog. Wis­sen­schaft­lern un­ter sol­chen Be­din­gun­gen über­haupt nicht mehr wahr­ge­nom­men. Das ist jetzt schon Rea­li­tät. Man kann mir ent­ge­gen­hal­ten, daß die Wis­sen­schaft eben nichts an­de­res tun soll, als die – heu­te me­di­en­ge­steu­er­te – Kul­tur ei­ner Epo­che zu be­schrei­ben und zu ana­ly­sie­ren. Nun gut...

  11. @Sophie
    Nein, mit Te­leo­lo­gie mei­ne ich die Er­war­tung, daß sich im Lauf der Zeit das end­gül­tig wah­re Bild und da­mit die Po­si­ti­on ei­nes Au­tors oder Mu­si­kers oder Ma­lers in der zeit­lo­sen Ka­non­hier­ar­chie her­aus­stel­len wird.
    Ei­ne Aus­sa­ge die­ser Art ha­be ich üb­ri­gens ein­mal von Pe­ter Hand­ke ge­hört. Und fand es er­fri­schend, als er dann sag­te, die »Wan­der­jah­re« von Goe­the sei­en – sinn­ge­mäß – ein ziem­li­cher Schmar­ren. Goe­thea­ni­scher Schmar­ren so­zu­sa­gen.
    (Üb­ri­gens wer­den die »Wan­der­jah­re« kaum ge­le­sen, aber vie­le hal­ten das Werk in Eh­ren. So wirkt der un­re­flek­tier­te Ka­non.)

  12. Hand­ke über »Wil­helm Mei­sters Wan­der­jah­re«

    Das ist ein zu­sam­men­ge­schu­ster­ter, to­ter Klei­ster. Es gibt ein paar schö­ne Ge­dich­te, aber als Er­zäh­lung ist es to­tal wert­los und liegt in der Land­schaft her­um und ver­sperrt ei­gent­lich den Blick auf die Ro­man­ti­ker. Da merkt man ein­fach, daß die Ro­man­tik hat kom­men müs­sen. Goe­the hat all sei­ne Bruch­stücke zu­sam­men­ge­klei­stert in ‘Wil­helm Mei­sters Wan­der­jah­re’. Das konn­te nicht gut­ge­hen. Da gibt es kei­ne Über­gän­ge. Das ist al­les falsch, die­ser Zu­sam­men­hang, den er nicht ein­mal schwin­delt, er war ein­fach alt und woll­te das so­zu­sa­gen noch in ein Buch zu­sam­men­tun. Und man weiß gar nicht, wen Wil­helm Mei­ster da wie­der­trifft, wer ist sei­ne Ge­lieb­te, wer ist ge­stor­ben, war­um läßt er das Mäd­chen ster­ben? Völ­lig hirn­ris­sig, leb­lo­ses Ding.

    Pe­ter Handke/Thomas Oberen­der: »Ne­ben­ein­gang oder Haupt­ein­gang? – Ge­sprä­che über 50 Jah­re Schrei­ben fürs Thea­ter«, Suhr­kamp spec­ta­cu­lum, 2014, S. 130

  13. Ka­non ist aber doch kei­ne Li­ste von Schrift­stel­lern?!
    Ich mei­ne, Goe­the ist doch das be­ste Bei­spiel. Der hat viel mehr schlech­te als gu­te Sa­chen ge­schrie­ben...
    Ich bin da­für, die Kunst­wer­ke in Mit­tel­punkt zu stel­len, und das scheint nach wie vor schwie­rig, weil der Au­tor nach dem Bil­dungs­zeit­al­ter nun als Mar­ke funk­tio­nie­ren soll. Ich glau­be, je­der Au­tor kann sich glück­lich schät­zen, wenn er ein ein­zi­ges Stern­chen am Fir­ma­ment ent­zün­det. Mehr kann man nicht er­war­ten.

  14. @Leopold Fe­der­mair
    Wir müs­sen kei­nen Dis­kurs dar­über füh­ren, ob es ei­ne all­ge­mei­ne Me­tho­de der Wis­sen­schaft gibt oder nicht, aber be­stimm­te Kri­te­ri­en gel­ten für al­le Wis­sen­schaf­ten, von ei­ner Ver­men­gung kann da­her kei­ne Re­de sein: Rich­tig ist, dass sich Me­tho­den, »Ob­jek­te« und Un­ter­su­chungs­be­rei­che stark un­ter­schei­den und sich von da­her Un­ter­schie­de er­ge­ben, ich wer­de ei­nem Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­ler nicht vor­hal­ten, dass er kei­ne ma­the­ma­ti­schen Mo­del­le ent­wickelt oder nicht ex­pe­ri­men­tell ar­bei­tet, aber wie in al­len an­de­ren Wis­sen­schaf­ten wer­den auch in der Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft Theo­rie­bil­dung, Quel­len­an­ga­ben und ‑kri­tik, Be­griffs­klä­run­gen und ‑de­fi­ni­tio­nen, Sub­jekt­un­ab­hän­gig­keit (so­weit mög­lich), u.a. ei­ne zen­tra­le Be­deu­tung ha­ben (ich se­he da kei­nen Grund, war­um die Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft dies nicht er­fül­len kön­nen soll­te).

    Man soll äs­the­ti­sche Ur­tei­le fäl­len und ei­nen Ka­non er­stel­len, da­für kann man Kri­te­ri­en und Ei­gen­schaf­ten her­an­zie­hen und die­se be­schrei­ben und da­mit für an­de­re nach­voll­zieh­bar ma­chen, al­ler­dings soll der per­sön­li­che Ge­schmack au­ßen vor blei­ben, ein li­te­ra­ri­sches Werk oder ein Stück Mu­sik muss dem Wis­sen­schaft­ler nicht ge­fal­len, um wich­tig oder be­deu­tend zu sein (es gibt da si­cher­lich ei­ne en­ge oder bes­ser flie­ßen­de Gren­ze, aber man kann an­stel­le von »gut« oder »schlecht«, sich das Werk und sei­nen An­spruch an­se­hen und wie die­ser er­füllt wur­de, sei­ne hi­sto­ri­sche Be­deu­tung und sei­ne Wir­kun­gen, usw.).

    Der me­dia­le Ka­non ist wie­der ein an­de­res The­ma, an das ich gar nicht ge­dacht ha­be; ich hät­te nicht er­war­tet, dass selbst in der Wis­sen­schaft der­ar­ti­ge Ab­hän­gig­kei­ten be­stehen (an­de­rer­seits bleibt im Be­trieb wohl we­nig Zeit um selbst zu su­chen, was ja auch im­mer we­ni­ger Kri­ti­ker tun). — Ich se­he die Wis­sen­schaft al­ler­dings in der Pflicht die ge­sam­te und nicht nur die me­di­al ver­mit­tel­te Rea­li­tät (re­prä­sen­ta­tiv) zu be­schrei­ben und da­mit auch des­sen was sich ab­seits der aus­ge­tram­pel­ten Pfa­de be­fin­det.

  15. @Sophie
    Wür­de ich auch so sa­gen. Das Hand­ke-Zi­tat ein Stück wei­ter oben zwar im rot­zi­gen Ton­fall, aber ei­ne ge­wis­se Sou­ve­rä­ni­tät im Um­gang mit den al­ten Mei­stern ist da schon spür­bar. Im we­sent­li­chen tref­fen Hand­kes Aus­sa­gen zu. Die Lehr­jah­re sind viel bes­ser als die Wan­der­jah­re. Über die Grün­de mö­gen die Ger­ma­ni­sten for­schen, statt krampf­haft zu ver­su­chen, ein Al­ters­werk zu »ret­ten«.
    Ein an­de­res Bei­spiel ist für mich Kleist. Die »Mar­qui­se von O.« hal­te ich für voll­kom­men über­schätzt, die Ge­heim­nis­tue­rei um ei­ne nicht be­son­ders span­nen­de Fra­ge – Wer hat die Frau ge­schwän­gert? – ein end­lo­ses syn­tak­ti­sches Ge­wu­cher, aus der hin und wie­der die kon­for­mi­sti­sche Mo­ral des Au­tors her­vor­leuch­tet. Den »Kohl­haas« fin­de ich da­ge­gen im­mer noch ein star­kes, be­den­kens­wer­tes Stück, auch här­ter er­zählt als z. B. die sich sti­li­stisch zie­ren­de »Mar­qui­se«.
    Wie auch im­mer, die­se Wer­ke blei­ben »Ge­schich­te« und ge­ben uns her­me­neu­ti­sche Auf­ga­ben auf. Auch die Li­te­ra­tur­ge­schich­te be­ruht auf Macht­struk­tu­ren, das muß man wohl ak­zep­tie­ren.

  16. @metepsilonema
    Ich glau­be, daß Ger­ma­ni­sten von der Ge­gen­warts­li­te­ra­tur nur den me­dia­len Ka­non über­haupt wahr­neh­men. Und ver­mu­te, daß auf­grund die­ser Me­cha­nisen die Li­te­ra­tur zu Be­ginn des 21. Jahr­hun­derts im künf­ti­gen aka­de­mi­schen Ka­non von Kehl­mann-Gla­vi­nic-Zeh be­setzt sein wird. Da­zu viel­leicht der ei­ne oder an­de­re von je­nen Au­toren, die von vorn­her­ein auf ein aka­de­mi­sches Pu­bli­kum zie­len und sich ih­re aka­de­mi­schen Ex­ege­ten warm­hal­ten. Na­tür­lich spie­len die Li­te­ra­tur­prei­se nach wie vor ei­ne Rol­le. Aber auch da ist ei­ne Ten­denz zur Kom­mer­zia­li­sie­rung zu be­mer­ken: Buch­preis Ak­ti­en stei­gend, Büch­ner­preis sin­kend. Als Wal­ter Kap­pa­cher letz­te­ren er­hielt, heul­ten die Me­di­en­leu­te auf: zu sprö­de. Weiß nicht, wie’s bei Jür­gen Becker un­längst war, aber auch er re­prä­sen­tiert ei­ne stil­le­re, we­ni­ger me­dia­le Li­te­ra­tur (und wur­de kon­se­quen­ter­wei­se von Suhr­kamp als Haus­au­tor ge­stri­chen).

  17. Vor zwei Jah­ren et­wa ha­be ich das ZEIT-Ti­tel­blatt mit ei­ner Rei­he à la »Un­se­re Be­sten« be­merkt, da wa­ren die Köp­fe der be­sten Schrift­stel­ler in ei­ner Rei­he auf­ge­baut, vgl. Mt Rushmo­re. Ich schon amü­siert, se­he mir die Pa­ra­de an, Goe­the, Tho­mas Mann, ..., und last not least Da­ni­el Kehl­mann.
    Ich dach­te: Jetzt setzt’s aus. Ab­ge­se­hen da­von, dass die Wer­ke zäh­len, war Da­ni­el Kehl­mann für mich ein Schreib-Pro­fi oh­ne Am­bi­tio­nen, die Rei­he hät­te al­len­falls Courths-Ma­ler, Kon­salik, Schät­zing, Kehl­mann lau­ten kön­nen.
    Je­den­falls ist seit da­mals die »Ten­denz« klar. The­ma be­set­zen, Mas­sen­taug­lich­keit her­stel­len, Hoch­kul­tur-Image usur­pie­ren, Uni-Abos ver­kau­fen...

  18. Hand­ke lässt sich ja im glei­chen Buch auch sehr ne­ga­tiv und »rot­zig« über den »Scheiß­faust« von Goe­the aus. Das er­in­ner­te mich dar­an, wie der Feuil­le­to­nist Fritz J. Rad­datz ir­gend­wann be­gann, Klas­si­ker der Li­te­ra­tur­ge­schich­te wie­der­zu­le­sen. Die Re­sul­ta­te fie­len er­nüch­ternd, zum Teil so­gar er­schüt­ternd aus. Kaum ein Buch be­hält beim neu­en (Er-)Lesen sei­nen vor­mals ho­hen Sta­tus; oft wird gleich der Schrift­stel­ler mit ver­dammt. Bei Mon­tai­gne macht Rad­datz noch ein Fra­ge­zei­chen, ein­deu­tig da­ge­gen die Ver­dik­te zu Vir­gi­nia Woolf (»see­li­sche Spit­zen­klöp­pe­lei«), Tol­stoi, Proust (»schwer er­träg­li­che ge­schmäck­le­ri­sche Zier­lich­keit« bzw. »Fri­sör­haf­tes«), Balzac (»mick­rig«), Dö­blin, Wal­ter Ben­ja­min (Zwei­fel an des­sen »Be­trächt­lich­keit«), Jo­seph Con­rad. Selbst das Mo­nu­ment Tho­mas Mann, des­sen Ta­ge­bü­cher er ge­nuss­vol­ler fin­det als ei­nen »Co­itus« (mit »C«!), bleibt nicht ganz ver­schont. Die »Bud­den­brooks« be­stehen noch, aber den »Fe­lix Krull« fin­det er doch arg »Ro­ko­ko-ver­zuckert« und er­kennt, dass der Ich-Er­zäh­ler un­mög­lich die Bil­dung ha­ben kann, die sich in des­sen Wort­wahl zeigt. Die »Wahl­ver­wandt­schaf­ten« hält er für ei­nen Tri­vi­al­ro­man; Goe­the wird bei ihm zum »Ste­phen King avant la lett­re«. Aber hier fragt er si­cher­heits­hal­ber noch ein­mal nach: »Oder liegt das Des­in­ter­es­se nur an mir«?

    Wenn in­ner­halb ei­nes Le­ser­le­bens nun die Prä­fe­ren­zen sich der­art ver­än­dern (wird man durch Viel-Le­sen ei­gent­lich ab­ge­stumpf­ter?), wie soll dies erst bei ei­nem Ka­non ge­hen, der sich noch an ganz an­de­ren Strö­mun­gen ori­en­tiert (Zeit­geist bspw)? Hier taucht dann das »Ge­schmacks­pro­blem« auf, dass die Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft (ich nenn’ sie jetzt mal so) wie kei­ne an­de­re Dis­zi­plin mit sich führt, da sie kaum ei­ne em­pi­ri­sche Ba­sis hat (wie ei­gent­lich al­le Gei­stes­wis­sen­schaf­ten, man den­ke an die Phi­lo­so­phie). Das per­sön­li­che Ge­schmacks­ur­teil des je­wei­li­gen Le­sers, Wis­sen­schaft­lers ragt im­mer in die Be­trach­tung des Ge­gen­stands hin­ein. Sym­pa­thie und An­ti­pa­thie sol­len zwar aus­ge­blen­det wer­den, aber das ist kaum mög­lich. Das Pro­blem be­steht nun dar­in, ob man die­se Ge­schmacks­kom­po­nen­te aus­blen­det, sich al­so ge­wis­ser­ma­ßen zu ei­nem Eu­nu­chen macht (frei­lich mit Rück­zugs­raum) oder ob man sei­ne per­sön­li­chen Ein­schät­zun­gen mit über­nimmt.

  19. @ Gre­gor
    Das Le­ben ei­nem ein­zi­gen Ge­gen­stand zu wid­men, hat zwei­fel­los Nach­tei­le. Der Zahn­arzt er­lebt es ge­nau so wie der Li­te­ra­tur-Pro­fi. Man sät­tigt sich, das Er­leb­ba­re nimmt ab, die Di­stanz zum ei­ge­nen Wis­sen wächst.
    Die je­wei­li­gen Zie­le (Schrei­ben, Re­zen­sie­ren, Do­zie­ren, Ar­chi­vie­ren) soll­te man aber nicht ganz aus dem Au­ge ver­lie­ren. Wenn man al­le »in­di­vi­du­el­len Ko­or­di­na­ten« ab­streicht und ein uni­ver­sa­les Sub­jekt bil­det, ist gu­ter Rat teu­er. Will sa­gen: der kul­tu­rel­le Ort des Ar­bei­tens kann nicht al­lein dem Grund­be­griff »Li­te­ra­tur« un­ter­ste­hen, da ver­irrt man sich in der Ab­strak­ti­on bzw. er­klärt sich selbst im­pli­zit zum Ge­lehr­ten.
    P.S.: Wahl­ver­wandt­schaf­ten! Freut mich, dass Rad­datz zu den­sel­ben Er­geb­nis­sen kommt wie ich, oft traut man dem ei­ge­nen Ur­teil ja sel­ber nicht.

  20. Die Dumm­heit der di­gi­ta­len Welt be­steht dar­in, daß sie auf der­lei müh­sa­me Un­ter­schei­dun­gen ver­zich­ten zu kön­nen vor­gibt. Was gut ist und was nicht, ist in die­ser Welt oh­ne­hin in Ran­kings fest­ge­legt, und was mir ge­fällt, brau­che ich nicht zu be­grün­den. Die we­nig­sten wis­sen, wie Ran­kings zu­stan­de kom­men, die mei­sten neh­men sie ge­dan­ken­los auf und re­pro­du­zie­ren sie. Un­ter sol­chen Be­din­gun­gen ist al­les be­deu­tend, ei­ne Kunst­fi­gur wie Con­chi­ta Wurst gilt gleich wie ein Shake­speare-Dar­stel­ler. Ei­ne Fi­gur gilt, wenn sie »er­folg­reich« ist. Was er­folg­reich ist, ent­schei­den die Ran­kings des Markts.

    Da­zu ein paar Dif­fe­ren­zie­run­gen und Über­le­gun­gen:

    1) Das Netz (syn­onym »die di­gi­ta­le Welt«) ist ein Teil der Welt und nicht von die­ser ab­ge­kop­pelt.

    2) Die dort »auf­tre­ten­den« Per­so­nen füh­ren (fast al­le) ein Le­ben jen­seits des Net­zes.

    3) Al­le im Netz zu be­ob­ach­ten­den Phä­no­me­ne (z.B. ran­kings, Quan­ti­fi­zie­rung statt Qua­li­fi­zie­rung, etc.) sind auch ab­seits da­von zu be­ob­ach­ten (Best­sel­ler­li­sten, Hit­pa­ra­den, gol­de­ne Schall­plat­ten) und hat­ten schon »im­mer« (lan­ge) au­to­ri­ta­ti­ve Be­deu­tung (Auf­la­gen, viel ge­le­se­ne Au­toren, weit ver­brei­te­te Mei­nun­gen,...). — Man könn­te das Netz oder bes­ser: Tei­le da­von, als Or­te be­grei­fen, die die die­se Pra­xis weid­lich (und er­folg­reich) nut­zen, aber aus­ge­macht ist das nicht, es hängt al­so viel da­von ab, wer wie und in wel­cher Um­ge­bung agiert (je­mand der sich im­mer je­ne Bü­cher kauft, die in ei­ner Best­sel­ler­li­ste oben ste­hen, wird ran­kings wahr­schein­lich nicht in Fra­ge stel­len).

    4) Die Quan­ti­fi­zie­rung ist im Netz als Ord­nungs­kri­te­ri­um (z.B. Such­ergeb­nis­se) wahr­schein­lich das ein­fach­ste Mit­tel (des­we­gen nicht das be­ste, aber ei­ne Ord­nung nach Qua­li­tät wür­de ich als weit schwie­ri­ger zu ver­wirk­li­chen an­se­hen).

    5) Vie­les im Netz ist ei­ner Ver­kaufs- oder Ver­wer­tungs­lo­gik un­ter­zo­gen (wie lei­der an­dern Orts auch), ran­kings bie­ten sich al­so an, um Pro­duk­te oder Dienst­lei­stun­gen an­zu­prei­sen.

    6) Con­chi­ta Wurst ist m.E. viel mehr ein me­dia­les, als ein di­gi­ta­les Phä­no­men, die Kunst­fi­gur muss ab­ge­bil­det und prä­sen­tiert wer­den (man hät­te ei­nen ganz ähn­li­chen Ef­fekt mit ana­lo­gem Fern­se­hen, Ra­dio und Zei­tun­gen er­rei­chen kön­nen; wich­tig ist [wie­der­um] die Häu­fig­keit der Dar­stel­lung und ih­re Über­zeu­gungs­kraft)!

  21. Die Pa­ra­me­ter und Fak­to­ren durch­rin­gen sich halt. Mas­sen­me­di­en kom­men oh­ne di­gi­ta­le Ser­vices, Kom­mu­ni­ka­ti­ons­tech­ni­ken etc. längst nicht mehr aus, und lei­der un­ter­wer­fen sich Ta­ges­zei­tun­gen zu­neh­mend den Netz- oder di­gi­ta­len Ge­bräu­chen, dem Gie­ren nach Echt­zeit usw. Di­gi­ta­le Per­so­nen, et­wa die sog. Po­ster (aber auch die hier in die­sem Fo­rum Agie­ren­den), ha­ben na­tür­lich auch noch ein »ech­tes« Le­ben, aber die Ten­denz be­steht, daß die­ses Le­ben von der mas­sen­me­di­al-di­gi­ta­len Welt be­herrscht, im Ex­trem­fall er­stickt wird.
    Ich per­sön­lich bin er­freut über das di­gi­ta­le Fo­ren­we­sen, weil sich die Volks­see­le da­durch viel bes­ser nach­voll­zie­hen, stu­die­ren, er­ken­nen läßt als frü­her. Durch die Pseud­ony­me und ge­fak­ten Iden­ti­tä­ten schim­mert un­end­lich viel von den re­al lives & souls durch, das fin­de ich span­nend, des­halb le­se ich über­haupt Po­stings (und be­tei­li­ge mich, in Ma­ßen, ak­tiv).
    Trotz­dem: Die Plu­ra­li­sie­rung der per­sön­li­chen Iden­tä­ten, einst ein The­ma der künst­le­ri­schen Avant­gar­den, hal­te ich für ein Pro­blem. Sie un­ter­gräbt Ver­ant­wor­tungs­be­wußt­sein, Ver­bind­lich­keit, auch Al­tru­is­mus. Der vor­herr­schen­de di­gi­ta­le Ty­pus ist je­ner, der bei je­der Ge­le­gen­heit die Sau raus läßt, aber im­mer so, daß man ihm nichts an­ha­ben kann. Ein di­gi­ta­ler Feig­ling, so­zu­sa­gen.

  22. me­tep­si­lo­n­e­mas Kom­men­tar ent­spricht auch mei­nem Emp­fin­den. Die di­gi­ta­len Par­ti­zi­pa­ti­ons­mög­lich­kei­ten ver­hal­ten sich zu den mas­sen­me­dia­len Strö­men bspw. in den 1980er Jah­ren in et­wa wie ei­ne ver­gla­ste Wand zum nor­ma­len Fen­ster. Da­bei wer­den eben auch Aus­wüch­se sicht­bar, die zum Bei­spiel bis­her in den Fil­tern der Le­ser­brief­re­dak­tio­nen hän­gen blie­ben oder an den Stamm­ti­schen so­zu­sa­gen kon­spi­ra­tiv ver- bzw. be­han­delt wur­den. Auch hier schlum­mer­ten die di­ver­sen Iden­ti­tä­ten. Im Netz bil­den sie nun ei­ne Spiel­wie­se, in die man sich hin­ein­be­ge­ben kann oder auch nicht. Wenn man al­lei­ne auf Face­book di­ver­se Kom­men­tar­spal­ten liest, ist man je nach per­sön­li­cher Stim­mung fas­zi­niert oder ab­ge­sto­ssen vom Aus­mass der Dumm­heit wie auch (sel­te­ner) Klug­keit.

  23. Das Wort »di­gi­tal« wird oft gleich­be­deu­tend mit Mas­sen­phä­no­me­nen oder Me­di­en ver­wen­det, hat aber ei­gent­li­che ei­ne tech­ni­sche Be­deu­tung; di­gi­ta­le Si­gna­le sind die Grund­la­ge mo­der­ner Me­di­en und Com­pu­ter, aber et­li­che tech­ni­sche Ge­rä­te las­sen sich ana­log oder di­gi­tal bau­en bzw. be­trei­ben, et­wa das Fern­se­hen (heu­te meist di­gi­tal frü­her ana­log). Sei­ne Ef­fek­te auf die Frei­zeit­ge­stal­tung der Men­schen, die Ge­sund­heit oder sei­ne Mög­lich­kei­ten der Mas­sen­be­ein­flus­sung sind da­von weit­ge­hend un­ab­hän­gig (klar, dem di­gi­ta­len Fern­se­hen ste­hen mehr Mög­lich­kei­ten of­fen). Ähn­li­ches lie­ße sich über das Ra­dio sa­gen. — Ich glau­be, wir ver­stel­len uns (ein we­nig) den Blick, wenn wir ei­ne we­sent­li­che tech­ni­sche Grund­la­ge als et­was an­se­hen, was sie nicht al­lei­ne aus­macht, son­dern »nur« maß­geb­lich vor­an und an die Spit­ze ge­trie­ben hat, ei­ne Ent­wick­lung, die schon deut­lich äl­ter ist (und auch in an­de­ren Din­gen fußt).

    Ich weiß nicht, in wie weit ei­ne Plu­ra­li­sie­rung tat­säch­lich statt­fin­det, wenn wir ex­zes­si­ves Spie­len oder Phä­no­me­ne wie Se­cond Li­fe ein­mal au­ßen vor las­sen (Men­schen agie­ren auch in der Rea­li­tät kon­text­ab­hän­gig); ich se­he viel eher die Ge­fahr von Zer­streu­ung, Auf­merk­sam­keits­stö­rung und Ab­len­kung. Was in Fo­ren viel­fach (aber kei­nes­wegs im­mer) ge­äu­ßert wird, ist ge­spro­che­ne und pri­va­te Spra­che (zu­min­dest zur Hälf­te): Frü­her hör­ten ein, zwei Freun­de die Fle­ge­lei­en, heu­te kann man den Adres­sa­ten sei­nen Grant di­rekt zu­kom­men las­sen.

    Zu­stim­mung zu dem was Sie zum Er­drücken und zu den Fo­ren schrei­ben.

  24. Vie­len Dank an den Au­tor für die­se Es­say-Rei­he und die Be­mü­hung sich der di­gi­ta­len Ver­wand­lung un­se­rer Welt kri­tisch und un­vor­ein­ge­nom­men zu nä­hern.

    Ich hof­fe mich nach ein­ge­hen­de­rer Lek­tü­re noch zu Wort mel­den zu kön­nen – in die­sem Fall wür­de ich in me­tep­si­lo­n­e­mas Rich­tung bei­pflich­ten wol­len: Die »di­gi­ta­le Kul­tur« lässt sich schwer a prio­ri auf Da­ten­fe­ti­schis­mus re­du­zie­ren (das ge­lingt nicht ein­mal mit der zah­len­gläu­bi­gen (Natur-)Wissenschaft selbst in szi­en­ti­sti­scher Ver­kür­zung sehr gut, wür­de ich mei­nen). Was viel­leicht hin­zu­kommt sind neue und schnel­le­re »Tools« das zu er­zeu­gen, was der Blog­be­trei­ber hier ein­mal mit »to­ta­ler Kon­ver­genz« be­schrieb. Mo­den, Trends und Hy­pes las­sen sich nun all­um­fas­sen­der und ve­he­men­ter ver­brei­ten (wenn es ge­lingt ge­wis­se selbst­ver­stär­ken­de Pro­zes­se zu trig­gern). Dann las­se sich auch CEO’s der Me­ga­kon­zer­ne zum Gang­nam Style-Tanz oder zur Ice-Bucket-Chal­len­ge bit­ten. Das er­in­nert mich ir­gend­wie an Pau­sen­hof-Dy­na­mik: der Druck da­zu­zu­ge­hö­ren, mit­zu­ma­chen, In-Zu-Sein. War­um soll­te das beim so­zia­len Tier Mensch im vir­tu­el­len Raum / dig­ta­len Dorf auch an­ders sein?

  25. Ei­ner der As­pek­te, die mir bei kri­ti­scher Be­trach­tung der di­gi­tal-me­dia­len Welt auf­fal­len: Main­streams wer­den un­ge­heu­er ver­stärkt. Nicht durch aus­ge­spro­che­ne Ideo­lo­gi­en, nicht durch Zwang, son­dern durch die be­son­de­re Dy­na­mik, die dem Me­di­um in­ne­wohnt (Be­schleu­ni­gung, Mul­ti­pli­ka­ti­on, au­to­ma­ti­sche Ver­lin­kung). Ver­mut­lich ge­hört da­zu auch der neo­li­be­ra­le, in­zwi­schen über Jahr­zehn­te ver­fe­stig­te Rah­men, der lu­kra­ti­ven Er­folg als ober­sten und oft auch ein­zi­gen Wert pro­pa­giert. Die­se Rah­men­be­din­gun­gen hat die über­wäl­ti­gen­de Mehr­heit der Be­völ­ke­rung zu­tiefst ver­in­ner­licht.

  26. Er­folg wird ja spä­te­stens seit der Wirt­schafts­wun­der­zeit (1960er Jah­re in Deutsch­land) im­mer und über­all an Quan­ti­tät ge­mes­sen. Nicht um­sonst gibt es »Bestseller«-Listen schon, be­vor die Leu­te das Wort über­set­zen konn­ten. Al­les wird ge­mes­sen an Stück­zah­len, Aus­schüt­tun­gen, Um­satz und, vor al­lem, Ge­winn (man­che schmei­ßen Um­satz und Ge­winn al­ler­dings im­mer noch durch­ein­an­der; ein Kol­la­te­ral­scha­den die­ses Den­kens).

    In der di­gi­tal-me­dia­len Welt wird die­ses Den­ken noch po­ten­ziert. Hier wird zu­nächst Auf­merk­sam­keit ge­zählt und da­nach ei­ne Ru­bri­zie­rung vor­ge­nom­men. Me­di­en lie­ben na­tür­lich Quan­ti­fi­zie­run­gen, weil sie ih­nen lä­sti­ge qua­li­ta­tit­ve Ana­ly­sen er­spa­ren.

  27. Zwei As­pek­te, die mir ge­ra­de ein­fal­len:

    Me­di­um be­deu­tet im­mer ei­ne »Leer­flä­che« oder »-raum« der ge­füllt oder ge­stal­tet wer­den muss (wo­mit auch im­mer). Da­ne­ben ei­gent­lich auch (mit un­ter­schied­li­chen Gra­den): Ver­brei­tung, Ver­viel­fäl­ti­gung, Zu­gäng­lich­keit.

    Und: Äs­the­ti­sche Ur­tei­le, ge­ra­de von Fach­leu­ten, ha­ben et­was Apo­dik­ti­sches, sie sind, z.B. in der Mu­sik, für den Nicht­fach­mann kaum im De­tail nach­zu­voll­zie­hen (et­wa, wenn die Qua­li­tät von Mu­sik, die per­sön­lich nicht ge­fällt, be­stimmt wer­den soll): Ein Ka­non wird so­mit in wei­ten Tei­len von ei­gent­lich we­ni­gen be­stimmt und ge­stal­tet (ver­kürzt: was Li­te­ra­tur ist und so­mit Qua­li­tät, steht in ei­nem Li­te­ra­tur­le­xi­kon). Dem­ge­gen­über ist die Viel­zahl der Stim­men im Netz und die Quan­ti­tät auch ei­ne not­wen­di­ge Kor­rek­tur (weil die we­ni­gen mit­un­ter sub­jek­tiv ur­tei­len, mit­un­ter be­triebs­blind wer­den oder schlicht Feh­ler ma­chen; und: In­ter­es­sen ha­ben).