Chri­sto­pher Hit­chens: Der Herr ist kein Hir­te

Christopher Hitchens: Der Herr ist kein Hirte

Chri­sto­pher Hit­chens: Der Herr ist kein Hir­te


In dem Film »Mo­dern Times« (»Mo­der­ne Zei­ten«) von 1936 muss der Ar­bei­ter Char­lie (ge­spielt von Char­lie Chap­lin) mit zwei Schrau­ben­schlüs­seln lau­fend Schrau­ben an­zie­hen. Char­lie ver­in­ner­licht die­se im­mer­glei­chen Fliess­band­be­we­gun­gen so stark, dass er ir­gend­wann die­se auch an den Brust­war­zen, Na­sen oder Hin­ter­tei­len sei­ner Kol­le­gen, an ir­gend­wel­chen Knöp­fen, an Hy­dran­ten – und schliess­lich auch an vor­bei­fla­nie­ren­den Frau­en wie der Se­kre­tä­rin des Chefs und ei­ner kor­pu­len­ten Da­me auf der Stra­sse aus­üben möch­te. Char­lie sieht über­all nur noch Schrau­ben. Al­les muss von ihm fest­ge­schraubt wer­den. Er steht vor dem Wahn­sinn; die Mo­no­to­nie sei­ner Ar­beit hat sei­ne Sin­ne vor­über­ge­hend de­for­miert.

Ar­beits­ver­hält­nis­se wie 1936 gibt es kaum noch. Den­noch kann es auch heu­te noch pas­sie­ren, dass ei­ne ein­sei­ti­ge Aus­rich­tung ei­ner Tä­tig­keit zu der Aus­blen­dung des­sen, was man viel­leicht ‘voll­stän­di­ge Wahr­neh­mung’ nen­nen könn­te, füh­ren kann. Ich ha­be Grund zu der An­nah­me, dass dies bei dem Jour­na­li­sten Chri­sto­pher Hit­chens der Fall ist. Hit­chens’ se­lek­ti­ve Wahr­neh­mung do­ku­men­tiert sein Buch Der Herr ist kein Hir­te.

Der Rum­mel

Re­li­gi­ons­kri­ti­sche Bü­cher sind der­zeit en vogue. Hit­chens’ Buch stand (und steht) – wie auch Ri­chard Daw­kins’ »Der Got­tes­wahn« – auf di­ver­sen Best­sel­ler­li­sten, u. a. in den USA. Sie sor­gen für Fu­ro­re. Aus un­ter­schied­li­chen Grün­den. Zu­nächst we­gen ih­rer Mi­schung von spät­pu­ber­tä­rem Jar­gon und kal­ku­lier­ter Ta­bu­ver­let­zung. Auf so et­was Rück­stän­di­ges wie Pie­tät (was re­li­giö­se Ge­füh­le von gläu­bi­gen Men­schen an­geht) wur­de ex­pli­zit kei­ne Rück­sicht mehr ge­nom­men.

Ein an­de­rer Grund liegt dar­in, dass re­li­giö­se Ra­di­ka­li­sten so­wohl im Is­lam als auch im Chri­sten­tum ei­ne ir­gend­wie ge­ar­te­te Stel­lung­nah­me des In­di­vi­du­ums »ver­lan­gen«. Re­li­gio­nen zwin­gen uns (wie­der) zu ei­nem Stand­punkt. Dies hat vor al­lem mit dem selbst­be­wuss­ten Auf­tre­ten ra­di­ka­ler Re­li­gi­ons­ex­ege­ten zu tun; so­wohl in ei­ni­gen is­la­mi­schen Län­dern als auch (und für uns be­son­ders re­le­vant) in den USA. Dort stre­ben Krea­tio­ni­sten die Ab­kehr von den Leh­ren der Na­tur­wis­sen­schaf­ten hin zu wört­li­chen Aus­le­gun­gen der Bi­bel an – und das be­reits in der Schu­le be­gin­nend. Jahr­zehn­te­lang eher ei­ne pri­va­te Ne­ben­sa­che, be­kommt Re­li­gi­on ge­sell­schafts­po­li­ti­sche Re­le­vanz, weil sie von be­stimm­ten Grup­pen of­fen­siv als Al­ter­na­ti­ve zu be­stehen­den Ord­nun­gen ein­ge­bracht wird und nicht auf der spi­ri­tu­el­len Ebe­ne aus­ge­übt wer­den soll, son­dern be­stim­mend bis in die All­täg­lich­keit wir­ken soll. Auch Agno­sti­ker oder Athe­isten in den west­li­chen Staa­ten müs­sen sich zu re­li­giö­sen Ge­sell­schafts­be­we­gun­gen – un­ter Um­stän­den so­wohl von Ein­hei­mi­schen als auch von Ein­wan­de­rern – po­si­tio­nie­ren.

Das im­mer vi­ru­len­te­re Durch­drin­gen krea­tio­ni­sti­schen Den­kens dürf­te den Er­folg der bei­den Bü­cher in den USA be­för­dert ha­ben. In­zwi­schen wird nicht nur von links­li­be­ra­len Kräf­ten in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten, son­dern durch­aus auch von ge­mä­ssig­ten Chri­sten vor wei­te­rer In­fil­tra­ti­on bis in die höch­sten po­li­ti­schen Ent­schei­dungs­gre­mi­en ge­warnt.

Koch und Kell­ner

Hei­ligt (sic!) aber der Zweck die Mit­tel? Hit­chens’ Buch wur­de in Deutsch­land er­staun­li­cher­wei­se von vie­len Re­zen­sen­ten wohl­wol­len­der und mil­der auf­ge­nom­men als Daw­kins’. Und im Ge­gen­satz zu Daw­kins, der sich in­zwi­schen als In­itia­tor der »Brights«-Bewegung qua­si gu­ru­ähn­li­chen Sta­tus ver­schafft hat (was Hit­chens gleich auf den er­sten Sei­ten sei­nes Bu­ches kri­ti­siert), kon­zi­diert er durch­aus so et­was wie ei­ne »See­le« (Daw­kins lehnt die­ses Kon­strukt ra­di­kal ab). Hit­chens hält auch Athe­isten nicht per se für in­tel­li­gen­ter. Aber wäh­rend Daw­kins sich aus­schliess­lich mit den mo­no­the­isti­schen Re­li­gio­nen be­schäf­tigt und fern­öst­li­che Re­li­gio­nen als ethi­sche Sy­ste­me be­greift und aus­klam­mert, wü­tet Hit­chens hem­mungs­los ge­gen al­le mög­li­chen Glau­bens­be­kennt­nis­se. Re­li­gio­nen, so mit gro­ssem Über­schwang und Pau­scha­li­tät (sei­ne Haupt­waf­fe) ver­kün­det, sind dem Ras­sis­mus nicht un­ähn­lich.

Sei­ne vier Ein­wän­de ge­gen den re­li­giö­sen Glau­ben for­mu­liert Hit­chens gleich am An­fang:

Er stellt die Ur­sprün­ge des Men­schen und des Uni­ver­sums völ­lig falsch dar, er ver­bin­det in­fol­ge die­ses Irr­tums ein Höchst­mass an Un­ter­wür­fig­keit mit ei­nem Höchst­mass an So­lip­sis­mus, er ist Fol­ge und Ur­sa­che ei­ner ge­fähr­li­chen se­xu­el­len Re­pres­si­on, und er fusst letz­ten En­des auf Wunsch­den­ken.

Ty­pisch für ihn die­ser Nach­trag: Ich glau­be, es ist nicht ar­ro­gant, wenn ich be­haup­te, dass ich die­se vier Ein­wän­de ent­deck­te, ehe ich in den Stimm­bruch kam. (Und ich glau­be, es ist nicht ar­ro­gant, wenn ich be­haup­te, dass ich sol­che Wahr­heits­mi­ni­ster schon vor mei­nem Stimm­bruch nicht lei­den konn­te.)

Schnell kommt dann die »Er­kennt­nis«, dass der Mensch Gott und die Re­li­gi­on er­schaf­fen ha­be – was viel­leicht nicht so ori­gi­nell für ein re­li­gi­ons­kri­ti­sches Buch des 21. Jahr­hun­derts ist. Das wirkt im Ver­gleich zu Daw­kins noch we­sent­li­cher ein­fa­cher ge­strickt (und man ist über­rascht, dass das noch geht).

Die Wie­der­kehr des Im­mer­glei­chen

Und den­noch sind die Ge­mein­sam­kei­ten der bei­den Bü­cher frap­pie­rend. Wie Daw­kins kri­ti­siert Hit­chens ve­he­ment das Al­te Te­sta­ment (ins­be­son­de­re das Abra­ham-Op­fer – Hit­chens bleibt fast aus­schliess­lich beim Pen­ta­teuch [zu­sam­men­ge­schu­ster­te Fik­ti­on], um dann al­ler­dings im näch­sten Ka­pi­tel zu be­haup­ten, dass das Ge­fa­sel im Neu­en Te­sta­ment noch viel schlim­mer sei); mo­kiert sich über den »Car­go-Kult« süd­ost­asia­ti­scher und pa­zi­fi­scher Ur­ein­woh­ner; ver­ein­nahmt Ein­stein als Ge­sin­nungs­ge­nos­se (we­ni­ger akri­bisch als Daw­kins); sieht Re­li­gi­ons­er­zie­hung als Kin­des­miss­brauch und em­pört sich sei­ten­lang dar­über; prü­gelt auf Mut­ter Te­re­sa ein (frei­lich aus an­de­ren Grün­den als Daw­kins), hält Re­li­gi­on für un­mo­ra­lisch (und po­stu­liert Shake­speare für mo­ra­lisch weit­aus ge­wich­ti­ger – von sol­cher Art sind Hit­chens’ Ge­gen­ent­wür­fe häu­fig) oder sieht Re­li­gio­si­tät für ei­ne ernst­zu­neh­men­de Be­dro­hung für die Volks­ge­sund­heit (mit letz­te­rem gei­sselt er scharf die in der Tat fürch­ter­li­che Se­xu­al­mo­al der ka­tho­li­schen Kir­che – ins­be­son­de­re was die Ver­hü­tungs­pra­xis ge­gen AIDS an­geht).

Fast kon­gru­ent zu den Dawkins’schen Er­leb­nis­schil­de­run­gen be­schreibt Hit­chens sei­ne Re­li­gi­ons­schul­stun­den – und in ziem­li­cher Über­heb­lich­keit er­klärt er dem Le­ser, wie früh er be­reits al­les durch­schaut und so ne­ben­bei die Deu­tung ei­nes Freud-Es­says es­komp­tiert ha­be. Ein biss­chen re­ser­vier­ter fällt bei Hit­chens die »Al­ter­na­ti­ve« zur Re­li­gi­on aus – er hält zwar die Evo­lu­ti­on für klü­ger als wir und preist die Schön­heit der DNS-Dop­pel­he­lix, aber so rich­tig ver­mag ihn so et­was wohl nicht zu be­gei­stern.

Ir­gend­wann über­kommt ihn dann für ei­nen kur­zen Au­gen­blick Mit­leid für all die­je­ni­gen, die nun – auf­grund der Lek­tü­re die­ses Bu­ches – von ih­rem al­ten Welt­bild Ab­schied neh­men müs­sen. Er macht dies dar­an fest, in dem er sich als ehe­ma­li­ger Mar­xist outet und be­schreibt, wie schwer es ihm ge­fal­len sei, sich hier­von zu tren­nen und er­zählt von sei­nem frü­he­ren Phan­tom­schmerz.

Der bri­ti­sche Bro­der

Hit­chens’ po­li­ti­sches Welt­bild spielt in dem Buch zwar di­rekt kei­ne Rol­le, schim­mert aber durch­aus zwi­schen den Zei­len durch. Denn wäh­rend Daw­kins bei al­lem teil­wei­se bös­ar­ti­gen Fu­ror vor al­lem ge­gen krea­tio­ni­sti­sche und evan­ge­li­ka­le Kräf­te in den USA stösst und so ganz »ne­ben­bei« de­zi­diert kei­nen Hehl aus der Ab­leh­nung der Po­li­tik der Bush-Ad­mi­ni­stra­ti­on (au­ssen- wie in­nen­po­li­tisch) mach­te, liegt die La­ge bei Hit­chens an­ders. Zwar wid­met sich Hit­chens auch den Krea­tio­ni­sten (mehr al­ler­dings noch den Mor­mo­nen), aber nicht mit der Ver­ve von Daw­kins.

Wich­tig in die­sem Zu­sam­men­hang ist schon, dass Hit­chens sehr wohl ein be­ken­nen­der Be­für­wor­ter bei­spiels­wei­se des Irak­krie­ges 2003 (wie er noch un­längst in ei­nem Ge­spräch mit Pe­ter Schnei­der in der »Zeit« sag­te). Man könn­te ihn hin­sicht­lich sei­ner de­zi­diert is­la­mo­pho­ben Äu­sse­run­gen (er be­zwei­felt ja so­gar, ob der Is­lam ei­ne ei­ge­ne Re­li­gi­on dar­stellt) durch­aus als bri­ti­schen Hen­ryk M. Bro­der be­zeich­nen (hier­zu auch die­ser recht ak­tu­el­le Ar­ti­kel in der »WELT«). Im Buch stellt er zum Bei­spiel die The­se auf, Sad­dam Hus­seins Re­gime sei gar nicht sä­ku­lar ge­we­sen, son­dern et­li­che sei­ner Krie­ger sei­en ver­kapp­te Dschi­ha­di­sten ge­we­sen.

Mit ähn­li­chen schlicht­weg fal­schen Äu­sse­run­gen muss sich der Le­ser im Ver­lauf des Bu­ches oft ab­ge­ben. Das Buch strotzt ge­ra­de­zu vor Feh­lern, ein­sei­ti­gen Wahr­neh­mun­gen und bös­wil­li­gen Un­ter­stel­lun­gen.

Kom­ple­xi­täts­re­du­zie­rung

So sind für ihn bei­spiels­wei­se die Ju­go­sla­wi­en­krie­ge der 90er Jah­re ein­deu­tig Re­li­gi­ons­krie­ge. Nicht Ser­ben und Kroa­ten kämpf­ten dort – son­dern or­tho­do­xe Chri­sten ge­gen Ka­tho­li­ken. Und war­um, so Hit­chens, be­zeich­net man die Mus­li­me ei­gent­lich als ein­zi­ge Grup­pe mit ih­rer Re­li­gi­on? Stimmt zwar so gar nicht, möch­te man ihm zu­ru­fen – man sagt durch­aus ‘Bos­ni­er’ – aber da ist das The­ma auch schon durch. Spä­ter ist es für ihn dann aus­ge­macht, dass der Völ­ker­mord von 1994 in Ru­an­da zwi­schen Hu­tu und Tut­si von der ka­tho­lisch in­fil­trier­ten Hu­tu-Power an­ge­sta­chelt wur­de. Da­bei gibt es zahl­rei­che Un­ter­su­chun­gen, die die­se Kau­sa­li­tät nicht be­stä­ti­gen (man le­se z. B. Gün­ther Schlee im In­ter­view in der SZ).

Hit­chens ver­schont süd­ost­asia­ti­sche Re­li­gio­nen nicht. So über­zieht er den ja­pa­ni­schen Ma­ha­ya­na-Bud­dhis­mus nebst »Ten­no­kult« mit bei­ssen­dem Hass (ne­ben­bei stellt er gön­ner­haft fest, dass man 1945 be­schlos­sen hat­te, den lä­cher­li­chen Ten­no am Le­ben zu er­hal­ten – von den Atom­bom­ben­ab­wür­fen sagt er nichts), kratzt ge­wal­tig am ti­be­ta­ni­schen Bud­dhis­mus (hier macht er auch Sa­di­sten aus) und be­zeich­net den Da­lai La­ma als mit­tel­al­ter­li­chen Kron­prinz (und sug­ge­riert, die Ver­hält­nis­se von 1959 in Ti­bet wä­ren heu­te noch ge­nau so, wenn die Chi­ne­sen da­mals nicht Ti­bet über­fal­len hät­ten).

Er wet­tert – weit­ge­hend kennt­nis­los in De­tails – ge­gen den »Hin­du­is­mus« und den an­geb­li­chen Frie­dens­mann Gan­dhi, der in ent­schei­den­den Si­tua­tio­nen vor re­li­giö­sen Ge­ge­ben­hei­ten ka­pi­tu­liert hät­te. Hit­chens weiss al­ler­dings schlicht­weg nicht, dass es den »Hin­du­glau­ben« in die­sem Sin­ne gar nicht gibt, son­dern das es sich um ei­ne sehr gro­be Sub­sum­mie­rung un­ter­schied­lich­ster Gläu­bi­ger han­delt (als Haupt­rich­tun­gen kön­nen der Vish­nuis­mus und der Shi­vais­mus ge­nannt wer­den; das ist aber bei­lei­be nicht voll­stän­dig) Die Ty­pi­sie­rung »Hin­du­is­mus« stammt aus der Ko­lo­ni­al­zeit. Der Vor­wurf, Gan­dhi hät­te mit In­di­en ei­nen an­ti­mo­der­ni­sti­schen Kurs ver­folgt (auch wirt­schafts­po­li­tisch), ist ab­surd be­grün­det: Er, Gan­dhi, hät­te das Spinn­rad in die Flag­ge In­di­ens ge­bracht und dies sei ein Sym­bol für öko­no­mi­schen Rück­schritt (wir re­den von 1946/47). Und Hit­chens glaubt al­len Ern­stes, dass auch heu­te noch in der in­di­schen Flag­ge ein Spinn­rad zu fin­den ist – ein Le­sen bei­spiels­wei­se des Wi­ki­pe­dia-Ar­ti­kels über die tat­säch­li­che Sym­bo­lik des Ra­des hät­te Auf­klä­rung ver­schafft.

Aber al­les, was nicht in sei­ne ein­fa­che Welt­sicht passt, wird schlicht­weg igno­riert. So stimmt er ei­nen wü­ten­den Ex­kurs über das süd­afri­ka­ni­sche Apart­heid-Re­gime an, wel­ches von der ka­tho­li­schen Kir­che in­spi­riert, ge­stützt und am Le­ben er­hal­ten wor­den sei. Aber von Des­mond Tu­tu und dem Wir­ken des süd­afri­ka­ni­schen Kir­chen­ra­tes ge­gen die Apart­heid (Tu­tu be­kam – nur zur Er­in­ne­rung – 1984 den Frie­dens­no­bel­preis) kein ein­zi­ges Wort. Die­ser Mensch und die­ses Wir­ken exi­stiert für ihn nicht – sonst wür­de ja sei­ne for­sche The­se auch nicht mehr stim­men.

»Was oh­ne Be­wei­se be­haup­tet wer­den kann, lässt sich auch oh­ne Be­wei­se ver­wer­fen.«

Was soll man je­man­dem glau­ben (!), der so grob die Re­geln des fai­ren Dis­kur­ses ver­letzt, der wich­ti­ge As­pek­te ein­fach weg­lässt, nur weil sie nicht in sei­ne Ar­gu­men­ta­ti­on hin­ein­pas­sen? Wie kann je­mand, der in solch plum­per und dum­mer Art und Wei­se die Rea­li­tä­ten ver­biegt, über­haupt Ernst ge­nom­men wer­den? Und – ei­ne Fra­ge auch den Ver­lag: Wie kann man ei­gent­lich (of­fen­sicht­lich oh­ne Lek­to­rat bzw. Be­ar­bei­tung) ei­nen sol­chen über vie­le Strecken blü­hen­den Un­sinn drucken?

Was oh­ne Be­wei­se be­haup­tet wer­den kann, lässt sich auch oh­ne Be­wei­se ver­wer­fen. Die­ses Zi­tat ver­wen­det Hit­chens in Be­zug auf die zahl­rei­chen re­li­gi­ös kon­no­tier­ten »Be­stra­fungs­theo­ri­en« zum At­ten­tat des 11. Sep­tem­ber 2001. Wenn er die­sen Satz ernst nimmt, dann könn­te er den gro­sse Tei­le sei­nes Bu­ches ver­wer­fen. Hit­chens hat gar kei­ne Ah­nung von Re­li­gi­ons­kri­tik. »Ne­ben­bei« de­nun­ziert er mit Won­ne Be­frei­ungs­theo­lo­gen. Er schreibt über Ethik, zi­tiert ei­nen Satz von Kant (die Na­tur­ge­setz­for­mel des ka­te­go­ri­schen Im­pe­ra­tivs) und fol­gert dar­aus, Kant ha­be ge­zeigt, dass es hier­nach kei­ner über­na­tür­li­chen Macht mehr be­dür­fe. So ein­fach ist Hit­chens’ Welt.

Oft­mals setzt er At­tri­bu­te nur noch in Be­zug auf Re­li­gi­on. Aus der deut­schen In­tel­lek­tu­el­len Han­nah Arendt wird bei­spiels­wei­se ei­ne jü­disch-sä­ku­la­re In­tel­lek­tu­el­le. Ih­re To­ta­li­ta­ris­mus­kri­tik wird von ihm zur Re­li­gi­ons­kri­tik ver­ein­nahmt. Ähn­lich ‘miss­braucht’ er Ge­or­ge Or­well. Sei­nen Satz »Der to­ta­li­tä­re Staat ist prak­tisch ei­ne Theo­kra­tie« ver­steht er wört­lich. Das in »1984« kon­zi­pier­te »Ge­dan­ken­ver­bre­chen« ver­wen­det er als Aus­druck für re­li­gi­ös mo­ti­vier­te Hä­re­sie und sug­ge­riert ei­ne Nä­he zur In­qui­si­ti­on. Nur am Ran­de dann die Be­mer­kung, dass Or­well auch ei­ne Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Sta­li­nis­mus be­trie­ben ha­ben könn­te.

‘Ach wie gut, dass ich nichts weiss…’

Vie­le sei­ner Aus­füh­run­gen sind der­art skur­ri­le Schluss­fol­ge­run­gen, dass es ei­nem fast die Trä­nen in die Au­gen trei­ben. Am Bei­spiel des ra­di­kal an­ti­re­li­gi­ös kom­mu­ni­sti­schen Al­ba­ni­en zur Zeit des Kal­ten Krie­ges, schluss­fol­gert Hit­chens, dass der re­li­giö­se Im­puls – das Be­dürf­nis nach Got­tes­ver­eh­rung – noch ab­scheu­li­che­re For­men an­neh­men kann, wenn er un­ter­drückt wird, was wie­der­um nicht ge­ra­de für die­se Nei­gung spricht. Oder wenn er meint Re­geln sol­len so sein, dass man sie be­fol­gen kann. Aber wie legt man denn so et­was fest? Wer ist über­haupt man? Frei­lich, mit sol­chen »Klei­nig­kei­ten« hält sich ein Mann wie Hit­chens nicht auf.

Sei­ne Ti­ra­den kom­men manch­mal wir Wir­bel­stür­me her­ein­ge­weht. Ur­plötz­lich ist er dann bei Mel Gib­son und sei­nem kru­den Lei­dens­epos »Pas­si­on Christ«. Das klingt dann so: Im Jahr 2004 pro­du­zier­te der au­stra­li­sche Fa­schist und Schmie­ren­ko­mö­di­ant Mel Gib­son ei­ne Sei­fen­oper über den Tod Je­su. Im wei­te­ren Ver­lauf wird Gib­son noch als Ju­den­het­zer cha­rak­te­ri­siert (in der Tat ist der Film in die­ser Hin­sicht um­strit­ten – hat aber durch­aus ei­ne dif­fe­ren­zier­te­re Kri­tik ver­dient) und sein Film als sadomasochistische[r] Ho­mo­ero­tik »qua­li­fi­ziert«. Ich wüss­te ger­ne, wel­chen Film Hit­chens wirk­lich ge­se­hen hat…

An­de­res ist schlicht­weg falsch. So schliesst er nicht aus, dass So­kra­tes (der von ihm we­gen sei­ner Stand­haf­tig­keit wi­der re­li­giö­se In­dok­tri­na­ti­on hym­nisch ge­fei­ert wird) viel­leicht gar nicht ge­lebt hat; hält Ho­mer für ei­ne my­sti­sche Fi­gur; meint, Nietz­sche ha­be mit sei­nem »Gott ist tot«-Ausspruch ei­nen Denk­feh­ler be­gan­gen, weil er dann ja von der Exi­stenz Got­tes aus­ge­gan­gen sei (er ver­steht die In­ten­ti­on die­ses Aus­spruchs nicht); sieht das be­rühmt-be­rüch­tig­te »Au­ge um Au­ge, Zahn um Zahn« als Ver­gel­tungs­auf­for­de­rung (je­der Theo­lo­gie­stu­dent im er­sten Se­me­ster weiss es bes­ser), und so wei­ter – die Li­ste lie­sse sich noch lan­ge fort­set­zen. Wenn er gar nicht mehr wei­ter weiss, dann heisst es la­pi­dar, das spielt für uns kei­ne Rol­le.

Aber ein­mal stimmt der Le­ser ihm rück­halt­los zu: Die Kol­lek­ti­vie­rung der Schuld ist un­ver­ant­wort­lich. Aber war­um, so fragt man sich, ver­stösst Hit­chens dann per­ma­nent ge­gen die­sen, sei­nen ei­ge­nen Im­pe­ra­tiv? War­um han­delt er der­art un­ver­ant­wort­lich? Ist es nur der Pu­bli­ci­ty we­gen?

Man­geln­de Selbst­re­fle­xi­on

Der Jar­gon, des­sen sich Hit­chens be­dient, er­mü­det ir­gend­wann den Le­ser. Die letz­ten Sei­ten zie­hen sich un­end­lich hin. Viel Neu­es weiss er dann nicht mehr zu be­rich­ten. Und der am Schluss zi­tier­te Ora­kel­spruch von Del­phi (den er auch miß­in­ter­pre­tiert) »Er­ken­ne Dich selbst« könn­te als Mög­lich­keit zur Selbst­re­fle­xi­on die­nen. Aber so et­was perlt an Hit­chens ab, wie an ei­ner En­te das Was­ser.

Der Herr ist kein Hir­te ist kei­ne Re­li­gi­ons­kri­tik, son­dern tri­via­le Kra­wall­pro­sa. Hit­chens ver­wech­selt ja so­gar die Be­grif­fe ’sä­ku­lar’ und ‘lai­zi­stisch’. Und den Re­li­gi­ons-Apo­lo­ge­ten ähn­lich, die mit ih­ren Got­tes­be­wei­sen fast im­mer nur bei den be­reits Glau­ben­den re­üs­sie­ren wer­den, sind der­ar­ti­ge Ela­bo­ra­te für ei­ne tie­fe (und tat­säch­lich not­wen­di­ge, al­ler­dings al­le gro­ssen Re­li­gio­nen um­fas­sen­de) Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Ziel ei­ner mög­lichst fried­li­chen Sä­ku­la­ri­sie­rung von En­ti­tä­ten ab­so­lut un­taug­lich (und eher kon­tra­pro­duk­tiv).

Hit­chens Buch spie­gelt da­hin­ge­hend den Zeit­geist wie­der, da die Be­reit­schaft sich ar­gu­men­ta­tiv und nicht mit vor­ge­fass­ten Mei­nun­gen ei­ner Sa­che zu nä­hern, stark ab­nimmt und eher als alt­mo­disch bzw. – fast noch schlim­mer – als lang­wei­lig be­trach­tet wird. Da­bei wer­den dann all­zu oft die Ver­hal­tens­wei­sen ko­piert, die man an an­de­ren kri­ti­siert, weil man glaubt, mit glei­cher Mün­ze zu­rück­zah­len zu dür­fen. Au­sser zur Mo­bi­li­sie­rung der ei­ge­nen Trup­pen und ei­ner kurz­fri­sti­gen Ent­fes­se­lung ei­nes kal­ku­lier­ten Hy­pes tra­gen Leu­te wie Hit­chens (und auch Daw­kins) nichts bei.

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  1. Ich hof­fe dei­ne Lek­tü­re­aus­wahl be­ruht nur auf dem Wunsch ak­tu­ell dis­ku­tier­te Bü­cher pa­rat zu ha­ben und nicht auf ei­nem aus­ge­präg­ten Ma­so­chis­mus. Fast glaubt man, du machst an ei­nem hei­ßen Som­mer­tag ei­nen Müll­ei­mer auf und be­schwerst dich dann, dass es stinkt. Ich ken­ne Hit­chens nicht und möch­te das nach dei­nen Aus­füh­run­gen auch nicht. Hit­chens und Daw­kins in ei­ne ge­mein­sa­me Ecke zu stel­len, hal­te ich aber für nicht an­ge­mes­sen. Ich hat­te be­reits ge­schrie­ben, dass Daw­kins sei­ne See­le an ei­nen Ver­lag ver­kauft hat, um Auf­merk­sam­keit zu er­hei­schen. Schon al­lein die vie­len In­ter­views, die man im Netz fin­det, soll­ten wohl­tu­end auf die­sen Um­stand auf­merk­sam ma­chen.

    Un­ter an­de­rem Vor­zei­chen hat­te ich mei­ne Lei­dens­fä­hig­keit un­ter Be­weis stel­len wol­len und »Je­sus von Na­za­reth« von ei­nem Au­tor na­mens Ratz­in­ger ge­le­sen, da mich die Li­ta­nei über den hoch­in­tel­lek­tu­el­len Theo­lo­gen schon lan­ge in­ter­es­siert hat­te. Da­her war mei­ne Neu­gier eben­so groß wie mein an­schlie­ßen­des Ent­set­zen. Man könn­te die Quint­essenz zie­hen, das Über­zeu­gungs­tä­ter von Na­bel­schau­en ab­las­sen soll­ten. Auch hier schreckt ein Ver­tre­ter ei­ner nicht ganz klei­nen Glau­bens­ge­mein­schaft vor den bil­lig­sten Me­tho­den nicht zu­rück. Das las­se ich hier ein­fach mal als blo­ße Be­haup­tung ste­hen.

  2. Kein Ma­so­chis­mus
    eher Neu­gier.

    Es kommt viel­leicht nicht rich­tig ‘rü­ber: Aber aus fast je­der Lek­tü­re lernt man auch was. Und sei das Buch noch so schlecht. Ge­meint ist da­mit nicht das Aper­cu, dass man lernt, so­was nicht mehr zu le­sen. Das geht schon durch­aus tie­fer.

    Hit­chens ist ein Jour­na­list, des­sen Wort jetzt auch im deutsch­spra­chi­gen Raum ent­deckt wird (in der »Welt« hat er jetzt ei­ne Ko­lum­ne). In der »Zeit« war ein Ge­spräch mit Pe­ter Schnei­der und ihm. Der »deut­sche Hit­chens« ist Bro­der (ob­wohl der kein re­li­gi­ons­kri­ti­sches Buch ge­schrie­ben hat).

    Daw­kins und Hit­chens zi­tie­ren sich ge­gen­sei­tig in ih­ren Bü­chern. Ich stimmt zu, dass man die Per­so­nen nicht ver­glei­chen kann – sehr wohl aber die bei­den Bü­cher, die das glei­che The­ma ab­han­deln. Dei­ner The­se, Daw­kins ha­be sei­ne See­le ver­kauft, wür­de er na­tür­lich schon al­lei­ne des­we­gen wi­der­spre­chen, weil er so et­was wie »See­le« als nicht exi­stent ab­lehnt.

    Ratz­in­gers Je­sus-Buch ha­be ich mir nicht an­ge­tan. Er er­scheint wir aus vie­len Gründ­ne zu be­fan­gen. Hin­zu kam, dass ein gro­sser Vor­ab­druck in der »Zeit« im Früh­jahr bei mir auf ei­ni­ges Un­ver­ständ­nis stiess. Ich hat­te den Ein­druck, die­ses Buch ist ei­gent­lich für den »Nor­mal­kon­su­men­ten« nicht ge­dacht. Eher schon für Re­li­gi­ons­wis­sen­schaft­ler.

    Ei­ne et­was aus­führ­li­che­re Kri­tik von Dir wür­de mich in­ter­es­sie­ren.

  3. Jo­sef Ratz­in­ger – Je­sus von Na­za­reth
    Man soll­te wis­sen, was man sich zu­trau­en kann. Ei­ne Re­zen­si­on ge­hört bei mir lei­der nicht da­zu. Aber ein paar Wor­te kann ich trotz­dem dar­über ver­lie­ren.

    Das Buch kommt als fried­li­che, de­tail­ver­lieb­te Bi­bel­ex­ege­se ei­nes freund­li­chen äl­te­ren Herrn da­her. Viel­fäl­ti­ge Quer­ver­wei­se do­ku­men­tie­ren das Ge­sag­te, wei­sen ei­ne enor­me Be­le­sen­heit auf, die den Lai­en manch­mal rat­los zu­rück­lässt. Manch ei­nem mag aber beim Le­sen zwi­schen den Zei­len der Wolf be­geg­nen, der ge­le­gent­lich hin­ter dem gü­ti­ge Lä­cheln des Pap­stes zu stecken scheint.

    So ste­hen die Quer­ver­wei­se häu­fig in kei­ner­lei hi­sto­ri­schem Zu­sam­men­hang, er­schei­nen will­kür­lich nur dem Ziel ge­schul­det. Schon ganz am An­fang stellt Ratz­in­ger klar, dass er nur be­reit ist über ei­nen hi­sto­ri­schen Je­sus zu re­den, die Bi­bel wört­lich aus­zu­le­gen. Ar­gu­men­ta­tio­nen be­gin­nen mit Neue­re Wis­sen­schaft hat fest­ge­stellt oder ganz un­ver­blümt mit ei­nem völ­lig halt­lo­sen Frei­lich ist/hat .... Da wird ein Axio­men­sy­stem aus dem Hut ge­zau­bert, auf dem das wohl­ge­bau­te, aber schwan­ken­de Ge­bäu­de fu­ßen soll.

    Ex­kur­sio­nen au­ßer­halb sei­ner Dog­ma­tik en­den üb­li­cher­wei­se mit To­tal­scha­den. Mus­li­me oder Athe­isten wer­den schnell mal lä­cher­lich ge­macht (z.B. ri­tu­el­le Wa­schun­gen) oder di­rekt als Ter­ro­ri­sten be­schimpft. Ver­sucht er sich in sel­ten Fäl­len an ech­ter Na­tur­wis­sen­schaft, man spürt wie an­ge­ekelt er ist, wird deut­lich, dass dies für ihn Ter­ra in­co­gni­ta ist. Der An­ti­christ per­sön­lich wird aber in Ru­dolf Bult­mann aus­ge­macht. Man meint förm­lich zu se­hen, wie sein Mund spit­zer wird, wenn es um Ver­su­che der Ent­my­tho­lo­gi­sie­rung der Bi­bel geht. Da hört der Spass auf, dort bleibt der In­tel­lekt auf der Strecke. Mit kur­zem, knap­pen dort irrt Bult­mann wird er zur Strecke ge­bracht, wenn auch oh­ne Be­grün­dung.

    Ei­ne wei­te­re wich­ti­ge Aus­sa­ge des Bu­ches ist die kla­re Tren­nung der drei mo­no­the­isti­schen Re­li­gio­nen. Der Ju­da­is­mus wird als na­tür­li­che Ba­sis des christ­li­chen Glau­bens dar­ge­stellt (was für ei­nen Papst nicht ge­ra­de üb­lich ist), der Is­lam prak­tisch nicht er­wähnt. Nach der Lek­tü­re bin ich fest da­von über­zeugt, dass Ratz­in­ger die Pro­vo­ka­ti­on sei­ner be­rüch­tig­ten Re­gens­bur­ger Re­de sehr ge­zielt ge­setzt hat.

    Ins­ge­samt ein Buch, beim dem der durch mo­der­ne Wis­sen­schaft mit dem Rücken zu Wand ste­hen­de Gläu­bi­ge vor Kopf­nicken mü­de wird, ein An­de­rer durch Kopf­schüt­teln. Be­ach­tens­wert scheint mir noch der Um­stand, dass Ratz­in­ger dass Buch als er­sten Band be­zeich­net, in dem er für ihn we­sent­li­che Tei­le vor­ab ver­öf­fent­li­chen woll­te. Mög­lich­wei­se hält Ratz­in­ger sei­ne Ex­ege­se für un­ver­zicht­bar. Wenn dies das schärf­ste Schwert des Ka­tho­li­zis­mus ist, dann hel­fe ihm Gott.

    Ei­ne Viel­falt an Stim­men aus dem theo­lo­gi­schen Um­feld fin­det man üb­ri­gens hier.

  4. In­ter­es­sant
    Dan­ke für die in­ter­es­san­te Dar­stel­lung. Ir­gend­wie macht das schon neu­gie­rig, ob­wohl ich glau­be, dass man tat­säch­lich als Laie ir­gend­wann mit den De­tails über­for­dert ist.

    Als jah­re­lan­ger (jahr­zehn­te­lan­ger?) Vor­sit­zen­der der Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on ist er si­cher­lich sehr »selbst­si­cher«, was sei­ne Ex­ege­se an­geht. Da konn­te ihm fast nichts bes­se­res pas­sie­ren, als Papst zu wer­den.

    Dass der Is­lam prak­tisch nicht er­wähnt wird, ist merk­wür­dig. Schliess­lich er­kennt der Is­lam Je­sus als Pro­phe­ten an. Im Ko­ran ist Je­sus ei­ne Licht­ge­stalt. Nur die Auf­er­ste­hungs­ge­schich­te wird nicht er­zählt.

  5. @Gregor
    Viel­leicht ge­ra­de weil Je­sus nur als Pro­phet an­er­kannt wird, die Got­tes­sohn­schafft ver­wirft der Ko­ran ja.

    An­son­sten scheint das re­zen­sier­te Buch gut zu dem ver­link­ten Welt-Ar­ti­kel zu pas­sen.

  6. Hu­tu und Tut­si
    Bei dei­ner Er­wäh­nung der Hu­tu und Tut­si ist mir Ja­red Dia­monds »Kol­laps« wie­der ein­ge­fal­len. Bei Dia­mond ist die­ser Kon­flikt zwi­schen den bei­den Be­völ­ke­rungs­grup­pen auf das zu­vor sehr star­ke Be­völ­ke­rungs­wachs­tum in die­ser Re­gi­on zu­rück­zu­füh­ren ge­we­sen. Es wa­ren schlicht und ein­fach nicht mehr ge­nug Le­bens­mit­tel im er­wei­ter­ten Sinn vor­han­den ge­we­sen, um al­le Men­schen zu ver­sor­gen.

    So wird es wohl in vie­len Kon­flik­ten sein: Man kann sich her­aus­su­chen, ob man eth­ni­sche, re­li­giö­se oder so­zi­al­öko­no­mi­sche Ur­sa­chen sieht. Die Wahr­heit wird ir­gend­wo da­zwi­schen lie­gen – von al­lem ein biss­chen, für mich mit ei­ner star­ken Prä­fe­renz für das so­zi­al­öko­no­mi­sche, denn eth­ni­sche und re­li­giö­se To­le­ranz set­zen ei­nen aus­rei­chen­den ei­ge­nen Wohl­stand vor­aus.

  7. Die­se The­se
    geht ja in die Rich­tung von Hein­sohns »youth bulge«-Theorie. Dem­zu­fol­ge gibt es auf­grund ex­or­bi­tant gro­ssen Be­völ­ke­rungs­wachs­tums für die vie­len Söh­ne kei­ne Per­spek­ti­ve. Das führt dann ent­we­der zu Mi­gra­ti­ons­strö­men oder zu Ag­gres­sio­nen un­ter­schied­lich­ster Art.

    Mei­ne The­se ist ja, dass die Ju­go­sla­wi­en­krie­ge letzt­lich auch so­zi­al­öko­no­mi­sche Ur­sa­chen hat­ten.

    Ich ha­be lei­der zu spät für die­ses Po­sting hier ge­se­hen, dass ge­stern um 0.00 Uhr in der ARD der preis­ge­krön­te Film »Ho­tel Ru­an­da« lief. (Ich konn­te ihn al­ler­dings noch zur Auf­nah­me pro­gram­mie­ren.)

  8. Der heu­ti­ge Bü­cher­markt im Deutsch­land­funk be­schäf­tig­te sich un­ter der Über­schrift Phi­lo­so­phie des Athe­is­mus auch mit Der Herr ist kein Hir­te. Die Re­zen­si­on blieb recht schwam­mig, aber nicht ganz so kri­tisch wie dei­ne.

  9. Be­mer­kens­wer­te
    Be­spre­chung. Der Re­zen­sent hat of­fen­sich­lich vie­le Bü­cher und Schrif­ten zum The­ma ge­le­sen (zi­tiert u. a. Blu­men­berg, der al­ler­dings schon 1996 ge­stor­ben ist – er sug­ge­riert je­doch, als sei das »neue« Buch Blu­men­bergs ir­gend­wie mit den an­de­ren Neu­erschei­nun­gen in ei­nem zeit­li­chen Kon­text), schlägt ei­nen gro­ssen Bo­gen – und am En­de nennt er zwei Bü­cher – u. a. auch Hit­chens. Wo­bei ich ver­mu­te, dass das Hit­chens-Buch das Schlech­te­ste von al­len ist.