Ot­to De­pen­heu­er: Selbst­be­haup­tung des Rechts­staa­tes

Otto Depenheuer: Selbstbehauptung des Rechtsstaates

Ot­to De­pen­heu­er: Selbst­be­haup­tung des Rechts­staa­tes

Be­kannt wur­de Ot­to De­pen­heu­ers Buch Selbst­be­haup­tung des Recht­staa­tes durch Wolf­gang Schäub­les An­mer­kung, es wä­re sei­ne »Nacht­lek­tü­re«. Prompt griff Gun­ter Hof­mann in der »ZEIT« dies auf und ver­fass­te am 9. Au­gust 2007 ei­nen nach­denk­li­chen, fast ein biss­chen ängst­li­chen Ar­ti­kel, was denn un­ser der­zei­ti­ger In­nen­mi­ni­ster für ein Buch le­se.

In der Tat. De­pen­heu­ers Buch for­dert den Le­ser in mehr­fa­cher Hin­sicht her­aus. Zu­nächst ein­mal, in dem es de­zi­diert Fra­gen stellt, die ab­seits von idyl­li­sie­ren­den Staats- und Ver­fas­sungs­vor­stel­lun­gen le­gi­tim und in An­be­tracht ak­tu­el­ler Welt- und Be­dro­hungs­la­gen durch­aus be­rech­tigt sind. Des­wei­te­ren, weil De­pen­heu­ers Ant­wor­ten – die ge­le­gent­lich bis in die Po­le­mik ge­hen (hier­über wird noch zu re­den sein) – für den heu­ti­gen, im Grund­ge­setz der Bun­des­re­pu­blik gut be­schützt auf­ge­wach­se­nen Wohlstands­bürger (der von ihm zu ge­ge­be­ner Zeit mit den Vo­ka­beln sa­tu­riert und he­do­ni­stisch cha­rak­te­ri­siert wird) arg pro­vo­ka­tiv an­mu­ten.

Und schliess­lich wird man sich mit ei­ner In­ter­pre­ta­ti­on von Staats- und Ver­fas­sungs­fra­gen aus­ein­an­der­set­zen müs­sen, die in gro­ssen Tei­len fast di­rekt auf die The­sen von Carl Schmitt, die­sen »scharf­sin­ni­gen Gei­stes­ver­wir­rer« (Udo Di Fa­bio), re­kur­rie­ren. De­pen­heu­er zi­tiert Schmitt lau­fend (nicht nur im letz­ten Ka­pi­tel, wenn es um das Bür­ger­op­fer geht) und sei­ne Af­fi­ni­tät zu Schmitts The­sen ist auf­fal­lend und wird of­fen ein­ge­stan­den.

Das En­de der Spass­ge­sell­schaft

Wor­um geht es? Für Ot­to De­pen­heu­er, Pro­fes­sor für »All­ge­mei­ne Staats­leh­re, Öf­fent­li­ches Recht und Rechts­phi­lo­so­phie« an der Uni­ver­si­tät zu Köln, ist der An­schlag der Hei­den der sä­ku­la­ren Rechts­staat­lich­keit und in­di­vi­du­el­len Frei­heit vom 11. Sep­tem­ber 2001 ein Fa­nal. Als die bei­den Flug­zeu­ge in die Twin-Towers flo­gen, war es mit ei­nem Schlag vor­bei mit In­te­gra­ti­on, Au­to­po­ie­sis und Selbst­re­fe­ren­tia­ri­tät. Die Spass­ge­sell­schaft ver­stumm­te, so der Be­fund, und hin­ter­grün­di­ge Angst mach­te sich breit. Schein­bar er­liegt De­pen­heu­er der »trau­ma­ti­schen Ob­szö­ni­tät« (Ul­rich Beck) die­ser Sym­bo­lik.

Die­se An­schlä­ge (die bei­den an­de­ren, nicht der­art be­bil­der­ten An­schlä­ge vom 11.09., er­wähnt er in­ter­es­san­ter­wei­se nicht) mar­kie­ren für De­pen­heu­er (mit Hun­ting­ton als Kron­zeu­gen) die Rea­li­tät ei­nes welt­wei­ten Bür­ger­krie­ges. Die bru­ta­le Ge­walt des Po­li­ti­schen brach in die von He­do­nis­mus und Wohl­stand bis da­hin ge­präg­te, den Na­tio­nal­staat lang­sam auf­lö­sen­de, mul­ti­kul­tu­rell sich ge­ben­de Welt ein. So­gar das Schei­tern des EU-Ver­fas­sungs­pro­jekts be­trach­tet De­pen­heu­er als Fol­ge der An­schlä­ge des 11. Sep­tem­ber. Als hät­te es da­für 2005 nicht an­de­re Grün­de ge­ge­ben.

Der frei­heit­li­che Rechts­staat, je­nes Kon­strukt, wel­ches die Fä­hig­keit und die Be­reit­schaft si­cher­stellt, Frie­den nach in­nen und Si­cher­heit nach au­ssen ef­fek­tiv zu ga­ran­tie­ren, ist durch die­se nack­te Ge­walt in sei­ner Exi­stenz ge­fähr­det.

Ernst­fall und Nor­ma­li­tät

Die nack­te Ge­walt von Ter­ro­ri­sten steht der staat­li­chen Ge­walt, wel­che als An­fang al­les, auch staat­lich ga­ran­tier­ter Ord­nung ge­se­hen wird, dia­me­tral ent­ge­gen. In­dem Ter­ro­ri­sten die­se staat­li­che Ge­walt und die Le­gi­ti­mi­tät der be­stehen­den Rechts­ord­nung des Staa­tes prin­zi­pi­ell ab­leh­nen, ent­steht für den Staat ei­ne exi­sten­zi­el­le Kri­sen­si­tua­ti­on, die De­pen­heu­er als Ernst­fall be­zeich­net.

Im Ge­gen­satz zum Ernst­fall steht die Nor­ma­li­tät. Hier gibt es zwar auch Rechts­brü­che, aber die­se kön­nen mit »nor­ma­len« po­li­zei­li­chen Mit­teln ver­folgt und sank­tio­niert wer­den. Rechts­ver­stö­sse (al­so Kri­mi­na­li­tät) in der Nor­ma­li­tät stel­len den Staat und sein Ge­walt­mo­no­pol nicht per se in­fra­ge.

Der klas­si­sche Ernst­fall für ei­nen Staat ist der Krieg, in dem sich Ar­me­en ge­gen­über­ste­hen; nor­ma­tiv be­trach­tet ist das der Aus­nah­me­fall. Und mit Carl Schmitt ist für ihn der Aus­nah­me­fall nur die in­ten­siv­ste Form des Ernst­falls. Das klingt wie Haar­spal­te­rei und am An­fang ko­ket­tiert De­pen­heu­er ein biss­chen da­mit, dass Ju­ri­sten nun ein­mal qua­si als Af­fekt, die Ausnahme…denken. Im wei­te­ren Ver­lauf zeigt sich je­doch, dass die Di­cho­to­mie Ernst­fall – Nor­ma­li­tät ei­ne wich­ti­ge Rol­le spie­len wird – und nicht nur, wenn es dar­um geht, ei­ne neue Ge­wich­tung von Po­li­zei- und Kriegs­recht vor­zu­neh­men.

An­grif­fe auf die Nor­ma­li­tät, so De­pen­heu­er, kön­nen nicht mehr al­lei­ne von der Po­li­zei ver­folgt wer­den. Er plä­diert für ei­ne der je­wei­li­gen Si­tua­ti­on an­ge­mes­se­ne Ein­bin­dung auch des Mi­li­tärs in die in­ne­ren Si­cher­heits­mass­nah­men; ja, er schreckt nicht ein­mal vor dem Aus­ru­fen des Kriegs­rechts zu­rück. Und nach­drück­lich wird im Lau­fe die­ses Ka­pi­tels auf we­ni­gen Sei­ten das Carl Schmitt-Wort Sou­ve­rän ist, wer über den Aus­nah­me­zu­stand ent­schei­det zi­tiert.

Die De­fi­ni­ti­on des asym­me­tri­schen Krie­ges (u. a. bei Münk­ler) ist ein wei­te­rer, wich­ti­ger Ter­mi­nus in die­sem Buch. Der of­fen­si­ve Ter­ro­ris­mus der Ge­gen­wart kämpft nicht von ei­nem Ter­ri­to­ri­um aus, son­dern führt sei­nen un­sicht­ba­ren Kampf per­so­na­li­siert und ent­ter­ri­to­ria­li­siert. Für De­pen­heu­er ist die­se Art der Be­dro­hung der Ernst­fall, aber noch in der Nor­ma­li­tät. Wir be­fin­den uns zwar nicht im klas­si­schen Kriegs­zu­stand, aber es han­delt sich zwei­fel­los um ei­nen sub­stan­ti­el­len An­griff auf das Staats­we­sen, weil po­li­ti­sche Überzeugungen…nicht…nach den Re­geln des Staa­tes durch­ge­setzt wer­den sol­len. (Ul­rich Becks Ge­dan­ke, dass, wer den Ter­ro­ris­mus zu ei­nem rei­nen Si­cher­heits­pro­blem ver­kürzt und prak­tisch in stän­di­ger An­ti­zi­pa­ti­on vor ei­nem An­schlag lebt, den Ter­ro­ri­sten ge­ra­de­zu in die Hän­de spielt, scheint De­pen­heu­er fremd zu sein.)

Schar­fe Po­le­mik ge­gen das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt

Auf­grund die­ser Asym­me­trie kon­sta­tiert De­pen­heu­er ei­ne un­glei­che Geg­ner­schaft. Das Grund­ge­setz, so die The­se, sei für die­se Aus­ein­an­der­set­zung nicht aus­rei­chend ge­rü­stet. Wäh­rend sich der Ter­ro­rist an kei­ne Re­gu­la­ri­en hält (im Ver­gleich bei­spiels­wei­se zu der im­mer­hin theo­re­ti­schen Nor­mie­rung des »nor­ma­len« Krie­ges), bleibt der Staat zu rechts­ge­bun­de­nem Han­deln ver­pflich­tet und an sei­ne Ord­nung ge­bun­den. Dies, so De­pen­heu­er, er­leich­te­re den Ter­ro­ri­sten das Han­deln.

Als Prä­ze­denz­fall für ei­ne der­ar­ti­ge Un­gleich­ge­wich­tung stellt für ihn das Ur­teil des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts zum Luft­si­che­rungs­ge­setz dar. In schar­fer Form kon­sta­tiert De­pen­heu­er, das Ge­richt ver­schär­fe die recht­li­che Asym­me­trie noch, in­dem es die Ab­schussermäch­ti­gung we­gen Ver­sto­sses ge­gen das Recht auf Le­ben in Ver­bin­dung mit der Men­schen­wür­de­ga­ran­tie der­je­ni­gen, die als tat­un­be­tei­lig­te Men­schen an Bord ei­nes Luft­fahr­zeugs be­trof­fen wä­ren, für ver­fas­sungs­wid­rig er­klär­te. Dies sei ei­ne Ein­la­dung an Ter­ro­ri­sten, die von nun an wüss­ten, so­bald sie die Gren­ze zur Bun­des­re­pu­blik über­quer­ten, sei das Ge­lin­gen ih­res An­schlags ge­wis­ser.

De­pen­heu­er kon­sta­tiert ein Kon­ti­nu­um in den Ur­tei­len des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts – er nennt, am Ran­de noch, un­ter an­de­rem die Ur­tei­le zur Ra­ster­fahn­dung und zur le­ga­len Be­fehls­ver­wei­ge­rung. Der Staat sei auf dem We­ge, zu ei­nem rei­nen »Ge­dan­ken­staat« (He­gel) zu wer­den. Es bleibt, so die Ar­gu­men­ta­ti­on, nur das ohn­mäch­ti­ge Schau­en. Der Staat neh­me den Tod der Men­schen, die sich in ei­nem Hoch­haus be­fin­den und auf die die Ma­schi­ne zu­rast, bil­li­gend in Kauf. Die­se Ver­fas­sungsin­tro­ver­tiert­heit, so De­pen­heu­er, dro­he in ei­nen Ver­fas­sungs­au­tis­mus um­zu­schla­gen, der es er­mög­licht, […] sich den Her­aus­for­de­run­gen staat­li­cher Selbst­be­haup­tung zu ent­zie­hen. Er nennt die­ses Den­ken ver­ant­wor­tungs­los und wirk­lich­keits­blind. Für ihn be­deu­tet der prin­zi­pi­el­le Ver­zicht auf Selbst­be­haup­tung (ein Eu­phe­mis­mus für ‘Wehr­haf­tig­keit’) de­ren fak­ti­sche Preis­ga­be. Fol­ge­rich­tig schliesst er: Den Wor­ten, un­be­dingt für die Wer­te des Ver­fas­sungs­staa­tes ein­zu­tre­ten, sol­len – im Na­men eben die­ser Wer­te – kei­ne Ta­ten fol­gen dür­fen. Die­se Per­ver­si­on des Rechts­den­kens darf als Ver­rat an den Ide­en und Wer­ten frei­heit­li­cher Ver­fas­sungs­staat­lich­keit be­zeich­net wer­den [Her­vor­he­bung von mir.]

De­pen­heu­er er­ei­fert sich ge­ra­de­zu in die­sem ei­gent­lich ziem­lich exo­ti­schen Sze­na­rio (er lässt kei­nen Zwei­fel dar­an, dass es für ihn grund­sätz­li­chen Cha­rak­ter hat). Für ihn ist es schlicht­weg skan­da­lös, dass in die­sem Fall kei­ne Rechts­si­cher­heit be­steht. Dass das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ei­nen even­tu­el­len Ab­schuss ei­ner Ma­schi­ne gar nicht ver­bo­ten hat, son­dern nur die Fest­schrei­bung die­ses Vor­gangs als Ge­setz, er­wähnt er gar nicht. Da­mit er­weist er sich als Ge­ne­ra­list, der al­le po­ten­ti­el­len Ge­fah­ren­la­gen ver­recht­licht se­hen möch­te. Er über­sieht da­bei kei­nes­falls, dass den Ter­ro­ri­sten mit der To­des­dro­hung, die Ma­schi­ne ab­zu­schie­ssen, nicht bei­zu­kom­men ist (schliess­lich mün­det die Tat ja in der Selbst­tö­tung), möch­te je­doch das tri­um­pha­le Ge­lin­gen der Ak­ti­on da­mit ver­hin­dern.

Das »Feind­recht«

Der frei­heit­li­che Rechts­staat ist für De­pen­heu­er ein in vie­len Ent­beh­run­gen und Krie­gen er­wor­be­nes, schüt­zens­wer­tes Ge­bil­de. Die­ser Schluss über­rascht in An­be­tracht der Tat­sa­che, dass hier­aus ei­ne Art Ent­wick­lungs­kon­ti­nu­um be­haup­tet wird, wel­ches so zu­min­dest für die Bun­des­re­pu­blik nicht exi­stiert. Er sieht sich als Wei­ter­ent­wick­ler ei­nes wehr­haf­ten Rechts­staa­tes, der sei­ne Wer­te of­fen­siv ver­tei­digt. Die Asym­me­trie im An­griff auf die­sen Rechts­staat ver­sucht er mit ei­nem zwei­ten Schritt auf­zu­he­ben: dem Feind­recht.

»Feind« ist, wer die po­li­ti­sche Exi­stenz­form der ver­fass­ten Ge­mein­schaft ak­tiv ne­giert, die Ver­fas­sung des Staa­tes ge­walt­sam än­dern will, die Idee ei­nes frei­heit­lich-rechts­staat­li­chen Ge­mein­we­sens, das auf Grund­rech­ten und De­mo­kra­tie, An­er­ken­nung des Rechts und Sä­ku­la­ri­tät des Ge­mein­we­sens, d. h. auf der Tren­nung von Wahr­heit und Recht be­ruht, prin­zi­pi­ell ab­lehnt und ge­walt­sam zu zer­stö­ren trach­tet.

Aber­mals steht Schmitt bei die­ser De­fi­ni­ti­on Pa­te. Wich­tig ist da­bei, dass mit Feind nicht ein­fach der »Ver­fas­sungs­feind« aus den 70er Jah­ren ge­meint ist, des­sen Ge­sin­nung es zu sank­tio­nie­ren gilt, son­dern der durch sie [die Ge­sin­nung] mo­ti­vier­te po­li­ti­sche und ge­walt­sa­me Kämp­fer ge­gen die frei­heit­lich-de­mo­kra­ti­sche Grund­ord­nung. Da­bei de­fi­niert De­pen­heu­er den Feind längst als is­la­mi­sti­schen Ter­ro­ri­sten (was in An­be­tracht der im­mer zahl­rei­cher do­ku­men­tier­ten »No-go-Are­as«, in de­nen der rechts­ra­di­ka­le Mob ent­rech­te­te Zo­nen im­ple­men­tiert hat, min­de­stens als un­voll­stän­dig be­trach­tet wer­den muss) und be­gibt sich – we­nig­stens das hät­te man ver­mei­den kön­nen – so­gar in die Nie­de­run­gen Bro­der­scher Ar­gu­men­ta­ti­on, in dem er be­reits Än­de­run­gen in der Le­bens­form in Staat und Ge­sell­schaft aus­macht, und zwar von Ap­pease­ment­ver­su­chen bis zu For­men der Selbst­zen­sur, in ei­ner Art vor­aus­ei­len­dem Ge­hor­sam des lie­ben Frie­dens wil­len.

Kon­se­quent denkt De­pen­heu­er sei­nen Feind­rechts­ent­wurf wei­ter: Staats­theo­re­tisch könn­te der Feind des Rechts­staa­tes von der Rechts­ord­nung als Feind qua­li­fi­ziert und da­mit au­sser­halb des Rechts ge­setzt wer­den. (Die Vo­ka­bel »könn­te« ist hier ein Eu­phe­mis­mus). Der Feind steht (vor­über­ge­hend oder dau­er­haft – das wird nicht the­ma­ti­siert) ein­deu­tig au­sser­halb des Ge­sell­schafts­ver­tra­ges – und so­mit de­zi­diert au­sser­halb der Ge­sell­schaft. Er hat das so­li­da­ri­sche Ge­gen­sei­tig­keits­ver­hält­nis, die Ach­tung der ge­mein­sa­men Rechts­ord­nung, ein­sei­tig be­en­det – nun ist der Staat be­rech­tigt, in die­sem Sin­ne die vor­ge­fun­de­ne Asym­me­trie aus­zu­glei­chen. Der Feind ist kein Bür­ger mehr.

Vo­gel­frei

Gip­fel der apho­ri­sti­schen Schön­schrei­be­rei ist die Ka­pi­tel­über­schrift Der Feind hors de la loi. Das be­deu­tet nichts an­de­res als: Der Feind in De­pen­heu­ers sich selbst­be­haup­ten­dem Rechts­staat steht »au­sser­halb des Ge­set­zes« (al­so auch au­sser­halb des Schut­zes von Ge­set­zen). Er ist – vo­gel­frei.

Zwar wird klar­ge­stellt, dass auch der Feind ein Mensch bleibt und als sol­cher zu be­han­deln ist. Und der ent­spre­chen­de »Feind-Sta­tus« muss in ei­nem rechts­staat­li­chen Ge­richts­ver­fah­ren er­mit­telt wer­den. In­so­fern wür­de sich dies von der Pra­xis des Ge­fan­ge­nen­la­gers Gu­an­tá­na­mo ab­he­ben (wo­bei die­ses Vor­ge­hen durch­aus als Mög­lich­keit be­trach­tet wird; ge­nau­er lässt er sich al­ler­dings nicht aus). Aber mit dem Sta­tus des Fein­des ge­hen ent­schei­den­de Bür­ger­rech­te ver­lo­ren. Wel­che das im Ein­zel­fall sind, bleibt of­fen. Aber wenn man die Plä­ne des Bun­des­in­nen­mi­ni­ste­ri­ums in den letz­ten Mo­na­ten Re­vue pas­sie­ren lässt, kann man sich ei­ni­ges vor­stel­len.

De­pen­heu­er weist dar­auf hin, dass der Staat jetzt schon zwar kein for­mel­les, wohl aber ma­te­ri­el­les Feind­recht ken­ne. Es ha­be sich, so die The­se, ei­ne Rechts­ma­te­rie eta­bliert, die ma­te­ri­ell das Feind­recht qua­li­fi­zie­ren und den Feh­ler der Es­ka­mo­tie­rung des Fein­des aus dem Straf­recht be­he­ben kön­ne. Da­bei ist es klar, dass der Bür­ger un­ter Um­stän­den durch das prä­ven­tiv feind­li­chen Ge­fah­ren vor­beu­gen­de Feind­recht Ein­bu­ssen in ih­rem Frei­heits­sta­tus hin­neh­men muss. Die­se muss – so die The­se – er­dul­det wer­den, um wirk­sam die Fein­de be­kämp­fen zu kön­nen.

Das straf­recht­li­che Feind­recht (oder auch Feind­straf­recht) re­agiert auf ter­ro­ri­sti­sche Be­dro­hungs­la­gen der­art, dass die straf­bar­keits­be­grün­de­nen Tat­be­stän­de weit in den Be­reich der Pla­nung, Vor­be­rei­tung und Or­ga­ni­sa­ti­on vor­ver­la­gert wer­den. Nicht nur um das Auf­spü­ren des Tä­ters nebst Sank­tio­nie­rung geht es, son­dern – vor al­lem – die Tat zu ver­hin­dern. Feind­straf­recht er­weist sich als rechts­staat­lich ge­bän­dig­ter Krieg ge­gen den Ter­ro­ris­mus – so lau­tet zu­sam­men­ge­fasst das Cre­do.

Aber wie ei­ne Ge­sell­schaft, die sich als »frei­heit­lich« ver­steht, ir­gend­wann aus­sieht, die ei­ne Art a‑prio­ri-Stig­ma­ti­sie­rung be­stimm­ter re­li­giö­ser und/oder eth­ni­scher Grup­pen be­treibt, um ihr Feind­recht auch wirk­lich »ziel­ge­recht« an­wen­den zu kön­nen, wird – merk­wür­di­ger­wei­se – nicht the­ma­ti­siert. Ob­wohl De­pen­heu­er an­de­ren­orts im Buch sehr wohl so­zio­lo­gi­sche As­pek­te auf­greift.

Und dann noch das »Bür­ger­op­fer«

Mit­tels des Feind­rechts will De­pen­heu­er al­so die recht­li­che Asym­me­trie zwi­schen Ter­ro­rist und Staat auf­he­ben und ein Gleich­ge­wicht der »Par­tei­en« wie­der an­näh­rend her­bei­füh­ren. In sei­nem letz­ten Ka­pi­tel holt er zu ei­nem wei­te­ren, wahr­haft gru­se­li­gen Gleich­ge­wich­tungs­ver­such aus. In aber­ma­li­gem Re­kurs auf das Bei­spiel des auf ein Hoch­haus in ein­deu­ti­ger Ab­sicht zu­ra­sen­den Flug­zeugs wird das Bür­ger­op­fer ent­deckt.

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt neh­me, so der Te­nor, durch das Ver­bot der ge­setz­li­chen Re­ge­lung ei­nes Ab­schus­ses der Ma­schi­ne dem Bür­ger die Mög­lich­keit, als wah­rer Ver­fas­sungs­pa­tri­ot ein Op­fer für den Staat zu brin­gen. Die­ses Bür­ger­op­fer, wel­ches wir, so der Denk­an­satz, oh­ne Pro­ble­me von un­se­ren Sol­da­ten, bei­spiels­wei­se in Af­gha­ni­stan (den Ein­satz sel­ber gou­tiert De­pen­heu­er) und – im In­ne­ren – von den Po­li­zi­sten qua­si ver­lang­ten, müs­se – min­de­stens in der Theo­rie – je­der Bür­ger auch be­reit sein, zu er­brin­gen.

Die Über­le­gung: Die Pas­sa­gie­re im Flug­zeug, die oh­ne­hin mit an Si­cher­heit gren­zen­der Wahr­schein­lich­keit in we­ni­gen Mi­nu­ten stür­ben, könn­ten, in dem der Ab­schuss der Ma­schi­ne er­folgt und al­so die Tat der Ter­ro­ri­sten nicht »voll­endet« wer­den kann, durch das Op­fer ih­re So­li­da­ri­tät in sicht­ba­rer An­er­ken­nung zum Staat zei­gen.

Zu­nächst wird ein kur­zer Ab­riss ge­ge­ben, wie der Op­fer­ge­dan­ke in Deutsch­land hi­sto­risch dis­kre­di­tiert sei und im Den­ken nicht mehr vor­kommt. Man ‘brin­ge’ kei­ne Op­fer mehr, son­dern ’sei’ es höch­stens noch (in dann frei­lich an­de­rem Zu­sam­men­hang). Ein­dring­lich ver­sucht De­pen­heu­er der pflich­ten­lo­sen Selbst­ent­fal­tung durch das Bür­ger­op­fer ent­ge­gen zu wir­ken. Den im Prin­zip rich­ti­gen Ge­dan­ken, bei Grund­rech­ten auch so et­was wie ‘Grund­pflich­ten’ mit zu the­ma­ti­sie­ren, per­ver­tiert De­pen­heu­er da­bei gründ­lich. Man mag den Op­fer­ge­dan­ken in künst­le­risch-phi­lo­so­phi­schen Fil­men wie bei­spiels­wei­se Tar­kow­skijs be­rühm­tem Werk »Op­fer« oder Lars von Triers »Brea­king the Wa­ves« the­ma­ti­sie­ren kön­nen – aber in ei­ner rechts­phi­lo­so­phi­schen Schrift dem Selbst­mord­at­ten­tä­ter als Ge­gen­pol den zum Op­fer be­rei­ten ver­fas­sungs­pa­trio­ti­schen Bür­ger ge­gen­über zu stel­len, mu­tet nicht nur skur­ril, son­dern ge­fähr­lich an. Als Kon­se­quenz wä­re der Bür­ger auf glei­cher Stu­fe mit dem Ter­ro­ri­sten – hie wie dort wä­re die Be­reit­schaft, für »ei­ne Sa­che« zu ster­ben.

Da­bei wird über­se­hen, dass ei­ne der Er­run­gen­schaf­ten von frei­heit­lich-li­be­ra­len Staa­ten un­ter an­de­rem in der en­er­gi­schen Ab­leh­nung von ar­chai­schen Op­fer­ri­ten liegt. Das be­deu­tet na­tür­lich nicht, dass sich der Bür­ger fol­gen­los auf die »Vor­tei­le« des Staa­tes be­ru­fen kann, oh­ne ent­spre­chen­de Be­reit­schaft zu zei­gen, auch in ei­nem be­stimm­ten Fall für ihn ein­zu­tre­ten. De­pen­heu­er be­klagt – nicht zu Un­recht – das die Bür­ger in den mei­sten Fäl­len ihr »Op­fer« nur noch in Form der Steu­er­ab­ga­ben se­hen. Hier­aus kön­ne kei­ne star­ke (em­pha­ti­sche) Bin­dung an den Staat ent­ste­hen, der letzt­lich als qua­si selbst­ver­ständ­lich an­ge­se­hen wer­de. Der von ihm statt­des­sen theo­re­tisch ein­ge­for­der­te Op­fer­ge­dan­ke schiesst je­doch weit über das in ei­nem auf­ge­klär­ten Staats­we­sen zu­läs­si­ge hin­aus.

Rechts­au­ti­sten vs. Si­cher­heits­po­li­ti­ker

Für De­pen­heu­er gibt es – kurz ge­sagt – ei­ner­seits die mo­ra­li­schen Apo­lo­ge­ten un­an­tast­ba­rer Ver­fas­sungs­ge­set­ze, die er ger­ne po­le­misch als Rechts­au­ti­sten be­zeich­net – und an­de­rer­seits die Theo­re­ti­ker ei­ner rea­li­sti­schen Frie­dens- und Si­cher­heits­po­li­tik. Rich­tig ist na­tür­lich, dass Rech­te (auch Grund­rech­te) nicht um ih­rer selbst wil­len exi­stie­ren. Staa­ten, die blu­mi­ge Frei­heits­präa­meln in ih­ren Ver­fas­sun­gen ha­ben, aber in Wirk­lich­keit dik­ta­to­ri­sche Re­gime sind, gibt es ge­nug. Und ein all­zu star­res Fest­hal­ten an durch­aus be­währ­te Nor­men darf durch be­stimm­te Ent­wick­lun­gen her­vor­ge­ru­fe­ne, viel­leicht not­wen­di­ge Ver­än­de­run­gen nicht aus­schlie­ssen. Es muss al­ler­dings im­mer be­ach­tet wer­den, dass – um es volks­tüm­lich aus­zu­drücken – das Kind nicht mit dem Ba­de aus­ge­schüt­tet wird.

In ei­ner Fuss­no­te be­tont De­pen­heu­er üb­ri­gens, dass er den Be­griff des Staa­tes nicht als »Na­tio­nal­staat« nach eth­ni­schen Merk­ma­len ver­steht, son­dern sehr wohl glo­ba­li­siert sieht, als Staa­ten­grup­pen nach kul­tu­rel­len Stan­dards (was na­tür­lich Hun­ting­stons Kul­tur­kampf-Sze­na­rio ge­schul­det ist). Und voll­stän­dig blind den Ur­sa­chen des von ihm so ve­he­ment be­kämpf­ten is­la­mi­sti­schen Ter­ro­ris­mus zeigt er sich auch nicht, wenn er in ei­nem klei­nen Ex­kurs kon­sta­tiert, dass es ne­ben dem von ihm pro­pa­gier­ten Feind­recht auch ei­ner Feind­po­li­tik be­darf, die sich um die Aus­bil­dung kom­mu­ni­ka­ti­ver Stra­te­gi­en mit po­ten­ti­el­len Fein­den be­müht. Den blo­ssen Kul­tur­im­pe­ria­lis­mus lehnt De­pen­heu­er ab; die Ver­fas­sungs­staa­ten müss­ten ih­rer­seits An­schluss­fä­hig­keit ent­wickeln: wor­auf hö­ren die po­ten­ti­el­len Fein­de, was kön­nen sie ver­ste­hen, wel­che Er­zäh­lun­gen kön­nen sie be­ein­flus­sen? Das ist ein ent­schie­de­nes Plä­doy­er für ein in­ter­kul­tu­rel­les Ge­spräch (wo­bei der un­längst von Be­ne­dikt XVI. an­ge­sto­sse­ne Dia­log mit dem Is­lam als Bei­spiel her­an­ge­zo­gen wird).

Pro­mi­nen­te Ant­wort

Wo­zu aber die­se Lek­tü­re? Lohnt sie sich über­haupt – in dem Sin­ne, dass ein Er­kennt­nis­ge­winn zu er­war­ten ist? Und kann man nicht wun­der­bar die über Jahr­zehn­te so treff­lich er­lern­ten Ekel­re­fle­xe als Re­fe­renz für das em­pör­te Igno­rie­ren her­an­zer­ren?

Man kommt nicht wei­ter, wenn man in die üb­li­chen Ab­leh­nungs­mu­ster ver­fällt. Die »gu­te Ge­sin­nung«, die man ge­le­gent­lich ganz ger­ne vor sich her­trägt, muss Er­schüt­te­run­gen die­ser Art nicht nur ver­tra­gen kön­nen son­dern braucht sie ge­ra­de­zu als Ge­gen­ge­wicht zur Selbst­be­haup­tung. Ich nen­ne dies Selbst­ver­ge­wis­se­rung. Die Lek­tü­re ist ein Akt der Selbst­ver­ge­wis­se­rung der Mög­lich­kei­ten und Gren­zen des frei­heit­li­chen Rechts­staa­tes.

Seit ei­ni­gen Ta­gen gibt es al­ler­dings auf ei­ni­ge Punk­te von De­pen­heu­ers Ar­gu­men­ta­ti­on auch ei­ne pro­mi­nen­te Ant­wort. Sie kommt von Udo Di Fa­bio, Rich­ter am Zwei­ten Se­nat des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts. In ei­nem Es­say in der »Welt« mit dem pro­gram­ma­ti­schen Ti­tel »We­sten muss We­sten blei­ben« geht Di Fa­bio – oh­ne De­pen­heu­er na­ment­lich zu er­wäh­nen – auf zen­tra­le Punk­te sei­ner Ar­gu­men­ta­ti­on ein.

Der Es­say von Di Fa­bio, den man nach sei­nem Buch »Die Kul­tur der Frei­heit« durch­aus als wert­kon­ser­va­ti­ven Geist mit al­ler­dings stark li­be­ra­len Zü­gen be­zeich­nen könn­te, kommt sehr wohl nach­denk­lich da­her. Die Be­dro­hung des frei­heit­li­chen Rechts­staa­tes durch den Ter­ro­ris­mus leug­net Di Fa­bio nicht. Den­noch ist sei­ne Schluss­fol­ge­rung am En­de voll­kom­men an­ders. In der Ab­wä­gung zwi­schen Si­cher­heit und Frei­heit er­greift Di Fa­bio em­pha­tisch Par­tei für das Pri­mat der Frei­heit:

    Der frei­heit­li­che Ver­fas­sungs­staat will al­ler­dings nicht Frie­den um je­den Preis, son­dern ei­nen Frie­den im Ein­klang mit un­se­ren Wer­te­grund­la­gen, den Frie­den für freie Men­schen. Kei­ner hat An­spruch auf ab­so­lu­te Si­cher­heit, so wie es kei­ne ab­so­lu­te Frei­heit gibt. Wer ei­nen Pol die­ser Be­zie­hung ab­so­lut setzt, zer­stört un­wei­ger­lich den an­de­ren.

Ein­deu­tig spricht sich Di Fa­bio ge­gen ein Mi­li­tär­recht oder Aus­nah­me­recht im Zi­vi­len aus. Er be­zieht aus­drück­lich auch in­ter­na­tio­na­le Rechts­ord­nun­gen, wie die Char­ta der Ver­ein­ten Na­tio­nen oder die eu­ro­päi­schen Ver­trä­ge mit in sei­ne Über­le­gun­gen ein (De­pen­heu­er igno­riert die­ses Ein­ge­bun­den-Sein aus durch­sich­ti­gen Grün­den). Und mehr als deut­lich wird Di Fa­bio, wenn es um die tat­säch­li­chen Pro­ble­me in der Straf­ver­fol­gung geht:

    Po­li­ti­ker, die re­gel­mä­ßig schär­fe­re Ge­set­ze über al­le Re­ge­lungs­ebe­nen hin­weg ver­lan­gen und Kom­pe­tenz­gren­zen als lä­sti­gen Bal­last be­kla­gen, len­ken manch­mal da­von ab, dass sie sich in ih­rer Bud­get­ver­ant­wor­tung zö­ger­lich zei­gen, Po­li­zei oder Mi­li­tär per­so­nell oder sach­lich an­ge­mes­sen aus­zu­stat­ten.

Und am En­de ver­wirft Di Fa­bio mit knap­pen, aber mar­kan­ten Wor­ten so­wohl das an­ge­dach­te Feind­recht wie auch das Bür­ger­op­fer:

    Die mo­der­ne west­li­che Rechts­ord­nung ist manch­mal den be­tö­ren­den Si­re­nen­ge­sän­gen ei­ner mal pro­gres­siv oder ein an­der­mal zweck­ra­tio­nal ef­fek­tiv da­her­kom­men­den Post­mo­der­ni­tät aus­ge­setzt, die uns wo­mög­lich ein neu­es Mit­tel­al­ter der Grup­pen­pri­vi­le­gi­en und Son­der­rech­te schmack­haft ma­chen will. Hier hin­ein – wie hin­ter den Burg­zin­nen ver­schanzt – passt auch das Feind­recht. Es ist die kon­ser­va­ti­ve Ton­la­ge im gro­ßen Chor der­je­ni­gen, die seit Jahr­zehn­ten bei je­der Her­aus­for­de­rung den mo­der­nen Staat als be­währ­te In­sti­tu­ti­on ver­ab­schie­den wol­len. Doch die in­tel­lek­tu­el­le Lust am an­ti­zi­pier­ten Aus­nah­me­zu­stand ist kein gu­ter Rat­ge­ber. Sie ver­fehlt auch ihr er­klär­tes Ziel, durch har­te Maß­nah­men mehr Si­cher­heit für die Frei­heit zu schaf­fen. Der ame­ri­ka­ni­sche »Krieg ge­gen den Ter­ror« wird durch die Schaf­fung von Son­der­recht auf Gu­an­tá­na­mo oder durch ei­gen­wil­li­ge In­ter­pre­ta­tio­nen des Völ­ker­rechts nicht ef­fek­ti­ver ge­macht, son­dern à la longue ge­schwächt: So kann der We­sten von vorn­her­ein nicht ge­win­nen, er ver­liert in dem Ma­ße, in dem er nicht We­sten bleibt. Wer die Iden­ti­täts­merk­ma­le der Hu­ma­ni­tät und Rechts­staat­lich­keit auf­gibt, op­fert sich selbst und kann in un­se­rer Rechts­ord­nung schwer­lich Op­fer von den Bür­gern ver­lan­gen.

Selbst­ver­ständ­lich kon­sta­tiert Di Fa­bio die Mög­lich­keit, dass der Staat in Grenz­fäl­le ge­ra­ten könn­te. Vor ei­nem »in­tel­lek­tu­el­len Spiel« mit dem Grenz­fall warnt er je­doch aus­drück­lich. Der in der letz­ten Zeit ex­tre­men Hy­ste­ri­sie­rung – und zwar auf bei­den Sei­ten – tritt Di Fa­bio am En­de ent­ge­gen:

    Wer je­de neue Si­cher­heits­maß­nah­me als Weg in den Über­wa­chungs­to­ta­li­ta­ris­mus brand­markt, über­zieht und ver­liert Glaub­wür­dig­keit. Wer aber die viel­leicht schwin­den­de prag­ma­ti­sche All­tags­ver­nunft durch den har­ten Lehr­mei­ster des ge­setz­lo­sen Aus­nah­me­zu­stan­des und die Re­ani­ma­ti­on des ver­klär­ten Op­fer­to­des zu er­set­zen ge­denkt, setzt – wenn­gleich viel­leicht in be­ster Ab­sicht – doch das zi­vi­li­sa­to­ri­sche Ni­veau des We­stens aufs Spiel.

Fa­zit

De­pen­heu­er wird sich durch die­se Aus­sa­gen hin­sicht­lich des Ver­fas­sungs­au­tis­mus viel­leicht wie­der be­stä­tigt se­hen. Ir­gend­wo im Buch kon­zi­diert De­pen­heu­er al­ler­dings, dass ei­ne Ge­sell­schaft, die sich de­zi­diert ge­gen Mass­nah­men wie die von ihm be­schrie­be­nen, aus­spre­che und das »Ri­si­ko« be­reit sei, Ter­ror­an­schlä­ge als qua­si un­ver­meid­ba­res Übel hin­zu­neh­men – das ein sol­cher Wil­le ei­ner Ge­sell­schaft sehr wohl zu ak­zep­tie­ren sei.

In die­sem Sinn muss man wohl fest­stel­len, dass das Gros der Ge­sell­schaft Mass­nah­men, die den Rechts­staat be­schüt­zen sol­len, ihn aber gleich­zei­tig bis zur Un­kennt­lich­keit ent­stel­len, ab­lehnt. Kon­struk­te wie Feind­recht und Bür­ger­op­fer dürf­ten fast un­ein­ge­schränk­te Ab­leh­nung fin­den. An­de­re Mass­nah­men müs­sen im Rah­men ei­ner Ge­fah­ren­ab­wehr bzw. bes­se­ren Ver­fol­gung von Straf­ta­ten sehr wohl er­wo­gen und of­fen dem öf­fent­li­chen Dis­kurs aus­ge­setzt wer­den. Hier ist vor hy­ste­ri­schen Af­fek­ten, die ei­ner rei­nen Kon­ser­vie­rung des Be­stehen­den als Selbst­zweck das Wort re­den, ein­dring­lich zu war­nen.


Al­le kur­siv ge­druck­ten Pas­sa­gen sind aus dem Buch »Selbst­be­haup­tung des Rechts­staa­tes« von Ot­to De­pen­heu­er.

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  1. Bei sol­chen aus­führ­li­chen Re­zen­sio­nen wä­re ei­ne PDF-Ver­si­on zum Her­un­ter­la­den gut. Ich wer­de sie mir noch­mal in Ru­he an­se­hen, der er­ste Ein­druck ist: Sehr in­ter­es­sant.

  2. Der Mensch kann nicht al­les le­sen. Da be­dan­ke ich mich für die Mög­lich­keit, ei­ne aus­führ­li­che Re­zen­si­on (+ in­ter­es­san­te Links) le­sen zu kön­nen.
    Be­acht­lich fin­de ich die Wen­dung, in der di Fa­bio von ei­nem neu­en »Mit­tel­al­ter der Grup­pen­pri­vi­le­gi­en und Son­der­rech­te« spricht.
    In de­ren Ana­ly­se, vor al­lem ih­rer Rück­füh­rung auf po­li­tisch-öko­no­mi­sche In­ter­es­sen, se­he ich ei­ne un­er­läß­li­che Be­din­gung zu­tref­fen­der Ge­fah­ren­or­tung und ‑ab­wehr, in der am En­de auch die Straf­ver­fol­gung durch den de­mo­kra­ti­schen Rechts­staat ih­re Rol­le spielt.

  3. Zwei­er­lei
    Ein sich im­mer stär­ker selbst­be­haup­ten­der Staat wird ir­gend­wann zu sei­ner ei­ge­nen Ab­strak­ti­on, zu ei­nem Selbst­zweck, und da­mit ver­lö­re er nicht nur sei­nen Sinn – der Staat ist für den Bür­ger da – er wür­de die­sem letzt­lich so­gar ge­fähr­lich wer­den (Nicht nur durch das ge­for­der­te Bür­ger­op­fer, son­dern auch weil im­mer mehr Bür­ger in den Rang von Ver­däch­ti­gen fie­len.).

    Ich ver­su­che mir ge­ra­de (ich glau­be Du hast es auch an­ge­spro­chen) vor­zu­stel­len wie ich – wä­re ich ein Ter­ro­rist – zu sol­cher­lei Ent­wick­lun­gen stün­de. Das hängt na­tür­lich auch von »mei­nen« Zie­len ab. Wahr­schein­lich kä­me ich zu der An­sicht, dass mei­ne An­schlä­ge mas­si­ve Fol­gen ge­habt hät­ten, und ins­ge­heim wür­den mich die Ein­schrän­kun­gen ei­ner­seits, die par­ti­el­le Selbst­auf­ga­be (sie­he Di Fa­bio) an­de­rer­seits freu­en. Sehr wahr­schein­lich wür­de das Feind­den­ken Ter­ro­ri­sten so­gar er­mu­ti­gen, es wä­re Was­ser auf ih­re Müh­len, der We­sten zeig­te sein wah­res Ge­sicht.

    Wie ver­hält sich denn die FDP in der ak­tu­el­len Dis­kus­si­on, das ist doch ei­nes ih­rer Kern­the­men? Dass Grü­ne und SPD eher ru­hig sind, ver­ste­he ich ja (Flug­si­che­rungs­ge­setz).

  4. Ul­rich Beck er­wähnt in sei­ner »Welt­ri­si­ko­ge­sell­schaft« sinn­ge­mäss, dass ein Ter­ro­rist, der in der all­ge­mei­nen Hy­ste­rie um sei­ne Wir­kung weiss, den ei­gent­li­chen Akt gar nicht mehr aus­zu­füh­ren braucht bzw. mit be­schei­de­nen Mit­teln ei­ne gro­sse Wir­kung er­zie­len könn­te.

    In der Tat mag ich mir nicht aus­ma­len, wie ein ge­glück­ter Ter­ror­an­schlag die Hy­ste­rie noch an­hei­zen wür­de – ins­be­son­der auf Sei­ten der Me­di­en, die das na­tür­lich enorm auf­bau­schen wür­den. Ei­nen klei­nen »Vor­ge­schmack« hat­te man 1977 wäh­rend der RAF-Zeit be­kom­men.

    Dan­ke der Nach­fra­ge nach der FDP. Die fin­det in die­sem Punkt – nicht statt. Es gibt den ehe­ma­li­gen In­nen­mi­ni­ster Baum (ein so­zi­al-li­be­ra­ler, al­so nicht un­be­dingt Par­tei­li­nie und schon lan­ge nur noch als An­walt tä­tig), der jetzt zu­sam­men mit an­de­ren Kla­ge ge­gen die Vor­rats­da­ten­spei­che­rung ein­rei­chen will bzw. ein­ge­reicht hat (beim Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt).

    Mei­nes Er­ach­tens sagt die »of­fi­zi­el­le« FDP nichts, weil man 2009 un­be­dingt mit der CDU ko­alie­ren möch­te und ge­ra­de in die­sem The­ma kei­nen Dis­sens möch­te. ich sa­ge vor­aus, dass auch bei den vier Land­tags­wah­len 2008 die­ses The­ma von der FDP nicht auf­ge­nom­men wer­den wird. Sie ha­ben auch schlicht­weg zu we­nig ker­ni­ges Per­so­nal hier­für.

  5. »Dies sei ei­ne Ein­la­dung an Ter­ro­ri­sten, die von nun an wüss­ten, so­bald sie die Gren­ze zur Bun­des­re­pu­blik über­quer­ten, sei das Ge­lin­gen ih­res An­schlags ge­wis­ser.«

    Aber ich hei­le doch kei­nen Darm­krebs, in­dem ich mir in den Bauch schie­ße!?

    »Der Feind ist kein Bür­ger mehr.« ... »Die Über­le­gung: Die Pas­sa­gie­re im Flug­zeug, die oh­ne­hin mit an Si­cher­heit gren­zen­der Wahr­schein­lich­keit in we­ni­gen Mi­nu­ten stür­ben, könn­ten, in dem der Ab­schuss der Ma­schi­ne er­folgt und al­so die Tat der Ter­ro­ri­sten nicht »voll­endet« wer­den kann, durch das Op­fer ih­re So­li­da­ri­tät in sicht­ba­rer An­er­ken­nung zum Staat zei­gen.«

    Oh Höl­le, das ist ernst ge­meint? Und das Buch ist nicht we­gen Volks­ver­het­zung auf dem In­dex?

    Ich ver­ste­he nicht, wie man mit sol­chen Ide­en auch heu­te noch und in un­se­rem Land auf Dum­men­fang ge­hen kann. Und Er­folg hat.

  6. (Da ich nicht weiß, ob mein zwei­ter Kom­men­tar ‘durch­kam’, hier noch ein­mal ein Ver­such der Er­klä­rung.)

    Als Er­folg de­fi­nie­re ich, wenn ein füh­ren­der Po­li­ti­ker ein be­stimm­tes Buch nicht nur er­wähnt, son­dern so­gar als sei­ne ‘Nacht­lek­tü­re’ be­zeich­net. (Wo­bei ich na­tür­lich nicht weiß, ob Schäub­le da mal wie­der iro­nisch war. Wie bei der Be­mer­kung von der Größ­ten Vor­rats­da­ten­spei­che­rung al­ler Zei­ten.)

    Und als Volks­ver­het­zung – im Sin­ne von »Wer in ei­ner Wei­se, die ge­eig­net ist, den öf­fent­li­chen Frie­den zu stö­ren, [...] zu Ge­walt- oder Will­kür­maß­nah­men ge­gen [be­stimm­te Tei­le der Be­völ­ke­rung] auf­for­dert« – emp­fin­de ich, wenn je­mand nicht nur den mög­li­chen Ab­schuss von ge­ka­per­ten Flug­zeu­gen vor­sieht (wie Jung und Mixa), son­dern die­sen Mas­sen­mord an zig­dut­zend Pas­sa­gie­ren auch noch zu ei­ner der gu­ten Sa­che die­nen­den Op­fer­ga­be ver­klärt, mit dem die Op­fer frag­los ein­ver­stan­den sein wer­den.

    Je­den­falls ha­be ich das so un­ge­fähr ver­stan­den, oh­ne die­ses Sach(?)buch ge­le­sen zu ha­ben. Lei­der bin we­der Ju­rist noch Po­li­ti­ker, nur ein an­ge­wi­der­ter Bür­ger, dar­um könn­te es sein, dass sol­che in Buch­form er­schie­ne­nen Ide­en nicht wirk­lich volks­ver­het­zend sind, son­dern nur un­mensch­lich.

  7. Dan­ke für die Klar­stel­lun­gen
    Zu­nächst ein­mal glau­be ich, dass die Äu­sse­rung Schäub­les nicht iro­nisch ge­meint war. Wenn man das Buch liest, kommt ei­nem sehr viel aus der zu­rück­lie­gen­den Dis­kus­si­on be­kannt vor. Ich ver­mu­te, dass Schäub­le sich mit vie­len Ge­dan­ken (er ist ja sel­ber Ju­rist) in De­pen­heu­ers Buch wie­der­fin­det. Um nicht di­rekt Be­zug auf Carl Schmitt zu neh­men (der ja ei­ni­ger­ma­ssen »ver­brannt« ist), ist es ele­gan­ter, De­pen­heu­er vor­zu­schla­gen (der je­doch aus­gie­big Schmitt zi­tiert und üb­rie­gens auch Isen­see, der ja der »Schmitt-Schu­le« durch­aus zu­zu­ord­nen ist und De­pen­heu­ers Men­tor ist).

    Al­ler­dings geht das öf­fent­li­che Ein­ver­ständ­nis of­fen­sicht­lich nicht sehr lan­ge. Vom Feind­recht und dann spä­ter dem Bür­ger­op­fer ha­be ich Schäub­le noch nie re­den hö­ren (min­de­stens letz­te­res wä­re auch m. E. in ei­ner li­be­ra­len de­mo­kra­ti­schen Ge­sell­schaft un­mög­lich für ei­nen In­nen­mi­ni­ster).

    Was mich an der Dis­kus­si­on um den Ab­schuss ei­ner auf ein Hoch­haus zu­flie­gen­den Ma­schi­ne am mei­sten über­rascht, ist, mit wel­cher In­ten­si­tät hier ein solch ex­tre­mer Fall dis­ku­tiert wird. Das kann man auch hier wie­der se­hen. Wie­so ver­wen­den Sie das Wort »Mas­sen­mord«? Es ist rein alar­mi­stisch. Was ist an dem Ge­dan­ken zu­nächst ein­mal ver­werf­lich, ei­ne Ma­schi­ne ab­zu­schie­ssen, de­ren In­sas­sen so­wie­so, Se­kun­den oder ma­xi­mal Mi­nu­ten spä­ter, tot sein wer­den, um da­mit die­je­ni­gen, die in die­sem Hoch­haus siet­zen, vor dem eben­falls fast si­che­ren Tod zu be­wah­ren? Den Ge­dan­ken, die­se Ma­schi­ne un­ter die­sen Vor­aus­set­zun­gen abz­su­chie­ssen, fin­de ich zu­nächst ein­mal nicht ab­we­gig. In der Ethik wer­den mit Hil­fe des so­ge­nann­ten Trol­ley-Pro­blems sol­che Sze­na­ri­en im­mer wie­der dis­ku­tiert.

    Man soll­te al­so zu­nächst ein­mal – das ist mei­ne Mei­nung – nicht per se die Ab­sich­ten der Dis­ku­tan­ten dis­kre­di­tie­ren. Be­ant­wor­tet man das mo­ra­li­sche Di­lem­ma die­ser La­ge da­hin­ge­hend, dasss man für ei­nen Ab­schuss die­ser Ma­schi­ne plä­diert, so stellt sich die Fra­ge für den Ju­ri­sten (und den Po­li­ti­ker), ob bzw. wie man die­se Pro­ble­ma­tik ver­recht­licht, d. h. mit ein­deu­ti­gen ge­setz­li­chen Zu­wei­sun­gen ver­sieht. Das BVerfG hat dies ein­deu­tig ab­ge­lehnt, üb­ri­gens – und das mit häu­fig ver­ges­sen – oh­ne die Ak­ti­on an sich zu be­wer­ten. Es ist in der Ur­teils­be­grün­dung nir­gend­wo da­von die Re­de, dass der Ab­schuss der Ma­schi­ne an sich men­schen­un­wür­dig sei. Wor­auf sich das Ge­richt be­zieht ist – und das ist m. E. rich­tig -, dass ei­ne Ab­wä­gung »Men­schen ge­gen Men­schen« nicht per Ge­setz de­kre­tiert wer­den kann. (Hier ist auch noch ein­mal be­schrie­ben, wie 1972 der da­ma­li­ge Bun­des­ver­tei­di­gungs­mi­ni­ster Le­ber vor ei­ner ähn­li­chen Ent­schei­dung stand.)

    Über De­pen­heu­ers Ge­dan­ken des Bür­ger­op­fers braucht man m. E. tat­säch­lich kaum dis­ku­tie­ren. Sie wi­der­spre­chen dem Geist ei­nes li­be­ra­len Rechts­staa­tes. Der Straf­tat­be­stand der Volks­ver­het­zung ist in § 130 StGB ge­re­gelt. Das trifft auf die­ses Buch nicht zu.


    Ja, das man hier teil­wei­se mehr­mals Kom­men­ta­re ein­ge­ben muss, trifft – lei­der – ins­be­son­de­re für die nicht bei two­day an­ge­mel­de­ten User zu. Sor­ry.
  8. ‘S ist Krieg!
    Ehr­lich ge­sagt, will ich mich schon lan­ge mit die­sem De­pen­heu­er be­fas­sen, fin­de aber nicht rich­tig hin­ein. Das kann mit der Ver­trackt­heit der Rechts­the­ma­tik zu tun ha­ben (der­art in Grund­sätz­lich­kei­ten schwel­gen ist nicht je­dem ge­ge­ben), aber auch mit ei­nem Ge­fühl, dass das mit all der Wohl­ge­setzt­heit der Ar­gu­men­te letzt­lich geht. Ich kann nur – ana­log zur RAF sei­ner­zeit – et­was tief Ver­wei­fel­tes, Ir­ra­tio­na­les, et­was Qui­chot­ti­sches auch bei Ter­ori­sten ver­mu­ten: Selbst­auf­ga­be, Ne­gie­rung al­ler Re­geln, Be­reit­schaft zum Letz­ten: dem ei­ge­nen Tod. (Da­zu kom­men Pra­dies­vor­stel­lun­gen, die, wört­lich ge­nom­men, ei­nem ei­gent­lich nur kin­disch schei­nen.)

    Schon klar: Die Rück­füh­rung der Sach­la­gen auf das Ei­gent­li­che, das Recht des Staa­tes, soll die Dis­kus­si­on wie­der auf den Kopf stel­len, in ei­ne ra­tio­na­le Per­spek­ti­ve he­ben. Aber da er­schöpft sie sich dann auch rasch. (Ich ha­be in Lon­don ei­nen GSD fal­schen Alarm er­lebt: Die­ses Kli­ma von Angst und Un­über­sicht­lich­keit macht mit ei­nem et­was ganz an­de­res – man ver­steht, dass man sel­ber ein Bün­del von Ir­ra­tio ist und zu­letzt hilf­los, bei al­lem an­ge­streng­ten Ver­stand.)

    Was mich au­ßerd­me wun­dertt, ist, dass – auch hier, bei den Dis­kus­sio­nen – Gior­gio Agam­ben nir­gends vor­kommt, der all das und wei­te­res mehr auch mit mehr Ne­ben­dis­kur­sen im »ho­mo sa­cer« et­wa schon be­dacht hat und das in ei­ne wei­ter gehende/sehende hi­sto­ri­sche Per­spek­ti­ve ge­stellt (bis hin oder da­her al­so vom »Rö­mi­schen Recht«, das ja tat­säch­lich die Grund­la­ge auch un­se­res Rechts ist).

    Das Fa­ta­le scheint mir ein biss­chen – ob­wohl Car­lo Schmitt al­so im­mer nur frucht­bar ist – sehr deutsch-ver­engt auf ei­ne Wei­se, die Rechts­po­si­tio­nen auch et­was zu »rechts« an­legt, al­so mar­kig-deutsch (wo­bei Schäub­les Dis­po­si­ti­on hin­zu­ten­die­ren scheint: Das Recht als Grund­la­ge ei­ner Ge­rech­tig­keit / Recht­fer­ti­gung auch des ein­sei­ti­gen Han­delns, des Durch­grei­fens, der bel­li­zi­sti­schen Selbst­be­haup­tung: End­lich wie­der Krieg!) Viel­leicht lie­ge ich da aber auch falsch... ich mags kaum wei­ter­den­ken.

  9. Die Schwä­che
    von De­pen­heu­er liegt ja u. a. dar­in, dass er die Sa­che nicht in­ter­dis­zi­pli­när be­spricht, son­dern in sei­ner rechts- bzw. staats­rechts­phi­lo­so­phi­schen Ab­tei­lung bleibt. Da­her taucht na­tür­lich De­fi­ni­ti­ons­fra­ge, wer über­haupt wann ein Ter­ro­rist ist, gar nicht auf.

    Dass ‘Ter­ro­rist’ et­was Wer­ten­des ist, kommt De­pen­heu­er (und vie­len an­de­ren) of­fen­bar gar nicht in den Sinn. In der ak­tu­el­len Ko­so­vo-Fra­ge (die si­cher­lich in den näch­sten Mo­na­ten es­ka­lie­ren wird), kann man das sehr schön se­hen. Die ehe­ma­li­gen, ge­wen­de­ten UCK-Kämp­fer ge­hör­ten, so die Nach­rich­ten­dik­ti­on, der Be­frei­ungs­ar­mee der UCK an. In an­de­ren Fäl­len sind aus­ge­wie­se­ne Se­zes­sio­ni­sten aber im­mer ‘Ter­ro­ri­sten’ (wie bei der kur­di­schen PKK). Es ist im­mer ei­ne Sa­che des Stand­punkts und De­pen­heu­er hat den schon längst ein­ge­nom­men.

    Auch, dass er als Ge­fahr (!) aus­schliess­lich den is­la­mi­schen Ter­ro­ris­mus als de­sta­bi­li­sie­rend für den Rechts­staat sieht, ist in­ter­es­sant. Was ist mit dem or­ga­ni­sier­ten Ver­bre­chen? Desta­b­li­siert es nicht viel stär­ker li­be­ra­le Rechts­staa­ten? Fast hat man das Ge­fühl ei­nes ge­wis­sen Fas­zi­no­sums vor der Wir­kungs­macht tran­szen­den­tal un­ter­füt­ter­ter Heils­ver­spre­chen.

    Zu Agam­ben gibt es, was mich an­geht, ei­ne ein­fa­che Er­klä­rung: Ich ah­be viel zu we­nig von ihm ge­le­sen; mehr über ihn, aber das kann man dann nicht se­ri­ös in so et­was ein­flech­ten (ab­ge­se­hen da­von, dass die Be­spre­chung dann noch län­ger ge­we­sen wä­re).

    Ich er­in­ne­re mich nur die­ses Auf­sat­zes hier von Ass­heu­er (den ich ei­gent­lich nicht be­son­ders schät­ze). Viel­leicht kön­nen Sie ei­nen kur­zen Ab­riss ge­ben?

  10. Ein paar Stich­wor­te zu Gir­gio Agam­ben
    Al­so ei­nen Ab­riss ge­ben... nein, das traue ich mir nicht zu. Ich kann nur per­sön­lich sa­gen, dass die­ser Mann in fast al­len Lek­tü­ren ein höchst in­spi­rie­ren­der war. (Ich mes­se das meist an den Ver­un­si­che­run­gen, die mein klei­nes Welt­bild dann im­mer er­lei­det.)

    Da­zu kommt aber, dass die The­ma­ti­ken bei ihm so viel­fäl­ti­ger an­ge­legt sind – fun­da­men­ta­ler könn­te man sa­gen, wie zu­gleich un­end­lich viel geist­rei­cher her­ge­lei­tet bei all der kom­plex her­bei­zi­tier­ten Hell­sich­tig­keit – wie da­mit auch schwe­rer auf ei­nen Punkt zu brin­gen.

    Die­ser Schwer­punkt auf das Recht, al­so das „Rö­mi­sche“ und sei­ne Les­ar­ten seit­her, un­ter­liegt je­den­falls nicht ei­ner sol­chen Ver­en­gung dar­auf wie bei die­sen oft et­was pa­pier­nen oder Ap­pa­rat-gläu­bi­gen Staats­recht­lern (oder eben de­ren ein­ge­nom­me­ner Per­spek­ti­ve).

    Noch et­was fällt mir bei Ih­rer Er­wäh­nung des or­ga­ni­sier­ten Ver­bre­chens ein: Was ist mit den über-na­tio­na­len Orag­ni­sa­tio­nen, so­gar de­nen, die das Recht je dort her­neh­men, wo es ih­nen am be­sten passt? Steu­ern zah­len hier, Pa­tent ein­kla­gen in USA usw.? Da­zu die de fac­to Recht­lo­sig­keit qua Dis­le­gi­ti­ma­ti­on der Ent­schei­der, die al­so in Recht ein­grei­fen (Stand­ort-Er­pres­sun­gen bis zum of­fe­nen Lob­by­is­mus), sich ihm aber über­all im Sin­ne ih­rer Vor­tei­le zu ent­zie­hen su­chen? Das geht bis in die na­tio­nal ope­rie­ren­den Kom­ple­xe (et­wa Phar­ma­in­du­strie).

    Wenn man Scha­dens­per­spek­ti­ven in Zah­len auf­macht, sind die De­ba­kel von so je­mand wie Mon­san­to un­gleich hö­her als die ir­gend­wel­cher An­schlä­ge und da­bei an­fal­len­den Kol­la­te­ral­scha­den durch Ter­ori­sten, von den „ide­el­len“ Schä­den – Ohn­macht, Un­glau­ben an Po­li­tik, vor­aus­ei­len­de Re­si­gna­ti­on etc. – ganz zu schwei­gen.

    Tat­sa­che aber ist auch – sie­he auch Wa­ter­ga­te bis hin zu sei­nen Hol­ly­wood-Kol­por­ta­gen, et­wa „Die Fir­ma“ –, dass oft nur Recht Recht wie­der her­stel­len kann bzw. über­haupt ein­klag­bar macht. Dass ist ein grund­le­gen­des Pa­ra­dox – ein deut­sches, Stich­wort: Re­ge­lungs­wut? -, dass man al­les ge­nau­er ein­gren­zen müss­te, um an­ders­wo mehr Frei­hei­ten zu ga­ran­tie­ren.

    Ein wei­te­res Pa­ra­dox: Das Recht läuft ja der Rea­li­tät hin­ter­her. Zu­gleich muss man ihm aus­rei­chend Zeit las­sen, um ab­zu­wä­gen und nicht vor­schnell mit Ka­no­nen auf Spat­zen schie­ßen zu las­sen wie un­se­re ak­ti­vi­sti­schen Po­pu­lis­mus-Po­li­ti­ker. („Vor­rats­spei­che­rung“ – ein ver­rä­te­ri­scher Eu­phe­mis­mus; bis zur Kas­se ist je­der ein po­ten­zi­el­ler Dieb.)

    Fest­zu­hal­ten ist die­se recht­li­che Kon­struk­ti­on, dass es al­so Mo­men­te gibt, den Men­schen, sei­ne ba­re Exi­stenz frei, „vo­gel­frei“ zu set­zen. (Die Par­al­le­le zu Gu­an­ta­na­mo hinkt na­tür­lich, aber sie ist aber auch aus­rei­chend ge­nug, um sie zu zie­hen. Es reich­te aber schon, dass die west­li­che Ver­fas­sungs-Vor­bild­na­ti­on ih­re Ge­fan­ge­nen aus­fliegt, um sie in jor­da­ni­schen Hin­ter­fin­ster­räu­men fol­tern zu las­sen.)

    Die Macht je­den­falls, die die­se Vo­gel­frei­heit ver­hän­gen kann, ist die „bö­se“ Macht, sie ist die letz­te. Und das soll­te ein Ver­fas­sungs­recht­ler sich über sich sel­ber klar ma­chen: Er ist sel­ber das po­ten­zi­ell Bö­se, selbst wenn er das „Gu­te“ will (was im­mer das, aus wel­cher Sicht aus, wä­re).

  11. Zwei As­pek­te
    Das Recht läuft ja der Rea­li­tät hin­ter­her.
    Ge­nau hier­in liegt ver­mut­lich für De­pen­heu­er (und Schäub­le) die Fas­zi­na­ti­on ei­nes prä­ven­ti­ven Feind­rechts. Erst­ma­lig kann ei­ne Tat so­zu­sa­gen durch all­ge­mei­ne, ge­setz­li­che Re­geln vor ih­rer Aus­füh­rung ver­hin­dert wer­den. Bzw: Die Ter­ro­ri­sten kom­men auf­grund der Ge­set­zes­la­ge gar nicht erst auf die Idee, ih­re An­schlä­ge zu ver­üben. In Wirk­lich­keit ist das die ur­alte Mär der Ab­schreckung.

    („Vor­rats­spei­che­rung“ – ein ver­rä­te­ri­scher Eu­phe­mis­mus; bis zur Kas­se ist je­der ein po­ten­zi­el­ler Dieb.)
    Na­ja, eben. Des­halb ist für mich die­se Ent­rü­stung hier­über (sechs statt drei Mo­na­te Spei­che­rung der Da­ten) ein biss­chen hy­per­ven­ti­lie­rend. Das er­in­nert mich tat­säch­lich an den Hype um die Volks­zäh­lung 1987, nach der un­mit­tel­bar der Un­ter­gang Deutsch­lands droh­te. »Sta­si 2.0« gab’s noch nicht. Tat­sa­che war, dass Zim­mer­mann da­mals als In­nen­mi­ni­ster ei­ne Hass­fi­gur war. Da­her ge­hör­te es zum gu­ten Ton, da­ge­gen zu sein. (Leu­te wie Prantl sind ja seit zwan­zig Jah­ren im­mer zu­erst ein­mal da­ge­gen.)

    In ei­ni­gen Web­logs hat man das Ge­fühl, Deutsch­land ent­wickelt sich zum zwei­ten Weiss­russ­land – wenn nicht schlim­mer. Die­se fast re­li­gi­ös kon­no­tier­te Hy­ste­rie ver­hin­dert in Wirk­lich­keit die not­wen­di­ge und wich­ti­ge Dis­kus­si­on, da­mit sol­che Mo­del­le wie die von De­pen­heu­er näm­lich erst gar nicht Rea­li­tät wer­den. Hier­für muss man sie aber erst ein­mal ken­nen, zur Kennt­nis neh­men und dann ar­gu­men­ta­tiv ent­kräf­ten. Das ge­schieht viel zu we­nig. In den Mas­sen­me­di­en exi­stie­ren die De­pen­heu­er-Mo­del­le nicht – in der Blo­go­sphä­re zieht man es vor, sich auf­zu­re­gen.

  12. @Metepsilonema
    Der Ein­druck ist si­cher­lich rich­tig. Es ist ein rhe­to­ri­scher Kniff. In­dem man je­man­den nicht mit Na­men nennt, ver­wei­gert man nicht nur der Per­son, son­dern auch dem »Ar­gu­ment« ein Stück weit den Re­spekt.

    Mit Di Fa­bio als am­tie­ren­der und Grimm als ehe­ma­li­ger Bun­des­ver­fas­s­uns­grich­ter ha­ben sich zwei sehr pro­mi­nen­te Ju­ri­sten zu die­ser Pro­ble­ma­tik ge­äu­ssert.

    Sehr in­ter­es­sant fin­de ich im ver­link­ten Ar­ti­kel die Aus­sa­ge von Grimm:

    In­des­sen setzt das Grund­ge­setz auch der Ver­fas­sungs­än­de­rung Gren­zen. Die Grund­sät­ze der De­mo­kra­tie, des Rechts­staats und des Bun­des­staats sind eben­so un­ab­än­der­lich wie die Ga­ran­tie der Men­schen­wür­de, die Exi­stenz un­ver­äu­ßer­li­cher Men­sch­rech­te und die Grund­rechts­bin­dung der ge­sam­ten Staats­ge­walt. Die Recht­los­stel­lung feind­li­cher Kom­bat­tan­ten wie in den USA könn­te in Deutsch­land auch mit ei­ner Ver­fas­sungs­än­de­rung nicht er­reicht wer­den.

    Die Fra­ge ist nur, ob es auf Dau­er nicht ein we­nig ein­di­men­sio­nal ar­gu­men­tiert ist, stän­dig Art. 1 des GG her­zie­hen zu müs­sen. Wer de­fi­niert Men­schen­wür­de? NUR die Ver­fas­sungs­rich­ter?

    Am Punkt des Ein­grei­fens der Bun­des­wehr im In­ne­ren ist das schön her­aus­zu­ar­bei­ten: Bei Na­tur­ka­ta­stro­phen (wie bpsw. der Oder­flut 2002) darf die Bun­des­wehr ein­grei­fen – wenn ter­ro­ri­sti­sche Be­dro­hun­gen (oder ähn­li­ches, vom Po­li­zei­ap­pa­rat nicht zu lei­sten­des) ab­ge­wen­det wer­den sol­len, nicht. Was ist mit der Men­schen­wür­de der­je­ni­gen, die un­mit­tel­bar be­droht sind und die bspw. nur durch Aus­rü­stun­gen von Bun­des­wehr ge­schützt wer­den kön­nen? Ich re­de jetzt nicht vom skur­ri­len Fall des Ab­schus­ses ei­ner Pas­sa­gier­ma­schi­ne.

    Ich hal­te die Rück­füh­rung in­zwi­schen fast al­ler Ge­set­ze zur Ent­schei­dung beim Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt für nicht be­son­ders glück­lich. Mit ein biss­chen Rechts­be­wusst­sein hät­te man vie­les über­flüs­si­ge da­von ver­mei­den kön­nen. Die po­li­ti­sche Klas­se hofft teil­wei­se nur noch auf ei­ne 50:50 Chan­ce und de­le­gie­ren fast al­les ans BVerfG – ir­gend­ei­ner wird sich schon fin­den, der da­ge­gen klagt. Aber was ist, wenn das BVerfG ir­gend­wann ein­mal nicht mehr die Ent­schei­dun­gen trifft, die uns »ge­fal­len«?

    Grimm kann – als ehe­ma­li­ger Rich­ter – die »Dro­hung« aus­spre­chen, dass Ver­fas­sungs­än­de­run­gen, die mit der recht­mä­ssi­gen Zwei­drit­tel­mehr­heit des Par­la­ments zu­stan­de­ge­kom­men ist, nicht im­mer rech­tens sind. Aber, und das soll­te man wis­sen: Die Rich­ter wer­den von der Po­li­tik be­stimmt: »Ge­wählt wer­den die Rich­ter zur Hälf­te von ei­nem spe­zi­el­len Rich­ter­wahl­aus­schuss des Bun­des­tags und zur an­de­ren Hälf­te vom Bun­des­rat.« (Wi­ki­pe­dia) Bush hat in den USA den ober­sten Ge­richts­hof in­zwi­schen so be­set­zen kön­nen, dass auch noch weit nach sei­ner Amts­zeit sein Geist do­mi­nie­ren wird.

  13. @Gregor
    War­um ei­gent­lich die­se po­li­ti­sche Be­stim­mung der Ver­fas­sungs­rich­ter, der mög­li­che Miss­brauch liegt doch auf der Hand?

    —-

    Un­ver­ständ­lich, oder bes­ser: wi­der­sprüch­lich ist die fol­gen­de Pas­sa­ge (Her­vor­he­bung von mir):

    Auf der Men­schen­wür­de ruht die ge­sam­te Ver­fas­sungs­ord­nung. Sie gilt ab­so­lut. Wäh­rend al­le fol­gen­den Grund­rech­te, selbst das Recht auf Le­ben, bei der Kol­li­si­on mit an­de­ren Grund­rech­ten oder hoch­ran­gi­gen Ver­fas­sungs­gü­tern ei­ner Ab­wä­gung un­ter­zo­gen wer­den kön­nen und da­bei un­ter Um­stän­den den Kür­ze­ren zie­hen, ist die Menschwür­de nicht ab­wä­gungs­fä­hig. Sie muss nie­mals zu­rück­ste­hen, auch nicht im Kampf ge­gen den Ter­ro­ris­mus.

    Denn wenn ich je­man­des Recht auf Le­ben hint­an­stel­le, dann tue ich doch im­pli­zit das­sel­be mit sei­ner Wür­de. Je­den­falls wä­re das ein selt­sa­mer Staat der der Wür­de und dem Recht auf Le­ben nicht den glei­chen Sta­tus ein­räumt.

    —-

    Um noch ein­mal auf den/die Ter­ro­ri­sten zu­rück­zu­kom­men: Ter­ro­rist kann man doch nur in Be­zug auf ei­nen Staat oder ei­ne klar struk­tu­rier­te Ge­mein­schaft sein, die nach au­ßen (und in­nen) In­ter­es­sen, Wert- und/oder Rechts­vor­stel­lun­gen ver­tritt (z.B. die so­ge­nann­te west­li­che Wer­te­ge­mein­schaft; das wä­re so­gar ei­ne Art Staa­ten­ge­mein­schaft). Ei­ne locker struk­tu­rier­te, stark re­gio­nal or­ga­ni­sier­te »Ge­mein­schaft«, mehr ei­ne »Ak­ku­mu­la­ti­on« von Men­schen, die zwar in ge­wis­sem Aus­tausch mit ein­an­der ste­hen, aber eben kei­ne kla­re »Li­nie« nach au­ßen und in­nen ver­tre­ten, gä­ben gar kein (in­ter­es­san­tes) Ziel ab, denn man könn­te nichts er­rei­chen, zu­min­dest nicht – und ge­nau das will der Ter­ro­rist ja – ei­nen Teil ei­ner Ge­sell­schaft stell­ver­tre­tend für al­le tref­fen, da­bei aber das ge­sam­te Sy­stem er­schüt­tern. Dort wo es kaum ein Sy­stem gibt, kann man nichts er­schüt­tern. Je stär­ker man den Staat be­tont, ihn ab­stra­hiert, je deut­li­cher der ei­ge­ne Stand­punkt und die »Fein­de« (al­so Gut und Bö­se) ge­zeich­net wer­den, de­sto eher wird man ein loh­nen­des Ziel, de­sto mehr for­dert man den Geg­ner her­aus. Das mag u.U. ei­ne zu ver­fol­gen­de Stra­te­gie sein, de­es­ka­lie­rend ist es si­cher nicht. Die Fra­ge ist was man er­rei­chen will, wel­che Ri­si­ken man in Kauf neh­men möch­te, ab­ge­se­hen da­von, dass man even­tu­ell recht schnell zu­vor ver­tre­te­ne Wer­te ent­sorgt.

  14. War­um die­se po­li­ti­sche Be­stim­mung exi­stiert, weiss ich nicht. Ich wüss­te aber auch nicht, wie man das sonst lö­sen woll­te. Und in Deutsch­land ist über das Ver­hält­nis­wahl­recht und die un­ter­schied­li­che Be­set­zung von Bun­des­rat und Bun­des­tag ei­ne all­zu star­ke Macht­kon­zen­tra­ti­on wie in den USA ziem­lich un­wahr­schein­lich.

    So herrscht zwar seit 2005 so­wohl im Bun­des­tag als auch im Bun­des­rat je­weils ei­ne Mehr­heit für die schwarz-ro­te Ko­ali­ti­on, aber ob­wohl es un­ter­schied­li­che po­li­ti­sche Rich­tun­gen sind (na­ja, ob sie so­ooo un­ter­schied­lich sind?), wer­den wie­der Pa­ri­tä­ten ein­ge­hal­ten wer­den müs­sen. Das Wahl­ver­fah­ren ist auch ziem­lich aus­ge­klü­gelt.

    Die Pas­sa­ge ist in der Tat recht miss­ver­ständ­lich (wie ich üb­ri­gens die durch­ge­hen­de Ver­wen­dung des Wor­tes »Menschwür­de« als sehr merk­wür­dig emp­fin­de). Grimm meint ver­mut­lich u. a. den »fi­na­len Ret­tungs­schuss« – hier darf ja ge­tö­tet wer­den, um evtl. an­de­re Tö­tun­gen zu ver­hin­dern. Man kann das aber auch sehr wohl um­in­ter­pre­tie­ren (das macht üb­ri­gens De­pen­heu­er auch) und – sa­lopp for­mu­lie­ren: War­um darf, was dort er­laubt ist, an­ders­wo nicht an­ge­wen­det wer­den?

    Mir ge­fällt in die­sem Zu­sam­men­hang das per­ma­nen­te Her­an­zie­hen der »Men­schen­wür­de« nicht. Das ist mir zu be­lie­big. Da­mit kann man ir­gend­wann al­les ver­lan­gen (den­ke an un­se­re – durch mich ab­ge­bro­che­ne – In­zest-Dis­kus­si­on). Man müss­te die­sen Be­griff de­fi­nie­ren (bspw. mit so et­was wie dem ka­te­go­ri­schen Im­pe­ra­tiv).

    Zum Ter­ro­ri­sten spä­ter.

  15. Ket­ze­risch
    könn­te man – um Dei­nen Punkt auf­zu­grei­fen – na­tür­lich fra­gen, ob es nicht auch ge­gen die Men­schen­wür­de ver­stößt ei­nen Ver­bre­cher jah­re­lang ein­zu­sper­ren (im Ge­gen­satz da­zu ver­bie­ten wir Ver­hör­me­tho­den, die die Wür­de ei­nes Men­schen ver­let­zen, auch dann wenn man da­durch Le­ben ret­ten könn­te).

  16. Fuß­no­te
    In ei­ner Fuß­no­te nimmt De­pen­heu­er ei­nen Ge­dan­ken sei­nes Leh­rers Jo­sef Isen­see auf, den die­ser u. a. in ei­ner Schrift mit dem Ti­tel »Men­schen­wür­de: die sä­ku­la­re Ge­sell­schaft auf der Su­che nach dem Ab­so­lu­ten« aus­ge­führt ha­ben soll (lei­der ist der Text nir­gend­wo on­line). De­pen­heu­er schreibt in der Fuß­no­te:

    Die ge­ra­de­zu in­fla­tio­nä­re ver­fas­sungs­recht­li­che Ar­gu­men­ta­ti­on auf Ba­sis der Men­schen­wür­de dürf­te de­ren qua­li­ta­ti­ve Norm­wir­kung auf Dau­er aus­höh­len. [...]: wenn na­he­zu al­le grund­sätz­li­chen De­bat­ten sich an der Deu­tung die­ses ab­so­lu­ten, kei­ner Ab­wä­gung und kei­nem Kom­pro­miß zu­gäng­li­chen Grund­wer­tes ent­schei­den, könn­te der Kampf um die Deu­tungs­ho­heit des Art. 1 Abs. 1 GG zur Soll­bruch­stel­le des Ver­fas­sungs­kon­sen­ses wer­den.

    Die ge­ra­de­zu af­fekt­haf­te Aus­höh­lung, in dem ir­gend­wann al­les an der »Men­schen­wür­de« fest­ge­macht, se­he ich auch (Dein Bei­spiel ist ja ähn­lich ge­la­gert). Den zwei­ten Satz ver­ste­he ich nicht: Kann es denn ei­ne Al­ter­na­ti­ve sein, sich von der »Men­schen­wür­de« als Ver­fas­sungs­grund­satz ab­zu­wen­den?

    Aber De­pen­heu­er legt noch nach:

    Im üb­ri­gen steht je­de Kon­zep­ti­on der Men­schen­wür­de vor der Auf­ga­be, die Be­din­gun­gen der Mög­lich­keit des staat­li­chen Schut­zes der Men­schen­wür­de in den Wür­de­be­griff zu in­te­grie­ren, da­mit nicht die Men­schen­wür­de zum Ti­tel ih­rer wehr­lo­sen Preis­ga­be wird. {Her­vor­he­bung von mir}

    Die Her­vor­he­bung ver­ste­he ich auch nicht ganz. Oder nur so, dass man ein­fach auf­pas­sen muss, dass die Men­schen­wür­de »nicht nur auf dem Pa­pier« steht. Das wä­re aber m. E. der Fall, wenn De­pen­heu­ers Vor­schlä­ge um­ge­setzt wür­den. Der Staat wä­re zwar – in der Theo­rie! – »si­che­rer«, aber von ei­ner Un­frei­heit, die »men­schen­un­wür­dig« ist, zu­min­dest wenn man den Mass­stab ei­nes Rechts­staa­tes an­legt.

    Hier liegt dann De­pen­heu­ers Feh­ler: Er will Frie­den um den Preis des Krie­ges. Und das be­deu­tet letzt­lich: Krieg.

    Der De­sch­ner-Fall (die An­dro­hung der Fol­ter an den Ent­füh­rer ei­nes Kin­des, um des­sen Auf­ent­halts­ort her­aus­zu­fin­den), auf den Du an­spielst, geht in die­se Rich­tung. Schreibt man für sol­che Fäl­le Fol­ter fest ins Ge­setz, geht ein ele­men­ta­rer rechts­staat­li­cher Be­griff ver­lo­ren, denn sol­che Art Ge­set­ze wer­den im­mer auch miss­braucht. Den­noch ou­te ich mich hier (es liest eh kei­ner mehr mit): Ich hät­te un­ter die­sen Um­stän­den ge­nau­so ge­han­delt, auch wenn ich mich nach­her straf­recht­lich zu ver­ant­wor­ten ge­habt hät­te.

  17. @Gregor
    Ich glau­be wir krat­zen hier an ei­nem fun­da­men­ta­len Pro­blem un­se­rer west­li­chen, sä­kul­ka­ren Ge­sell­schaf­ten: Die Men­schen­wür­de lässt sich nur be­grün­den wenn ich auf das Ab­so­lu­te, d.h. auf Gott re­kur­rie­re (wenn Gott uns nach sei­nem Eben­bild ge­schaf­fen hat, wir al­so in ge­wis­ser Wei­se dem ab­so­lut Gu­ten usw. usf. ent­stam­men, und an ihm teil­ha­ben, dann kann man dar­aus wohl et­was wie Wür­de ab­lei­ten [wo­bei man sich bei dem Ver­hal­ten, das wir an den Tag le­gen schon fra­gen muss wo­hin sich das Ab­so­lu­te ver­flüch­tigt hat]). An­dern­falls ist die Men­schen­wür­de nichts wei­ter als ein Po­stu­lat, oder ein Grund­kon­sens, ja wenn man so will, das Ab­so­lutum der De­mo­kra­tie, und ihr Pfer­de­fuß so­zu­sa­gen, denn da wo ei­gent­lich nur das Ar­gu­ment als Fun­da­ment al­les Po­li­ti­schen gilt, muss dann doch et­was nicht wei­ter be­gründ­ba­res her­hal­ten. Aber man kann es dre­hen wie man will: Ei­ne Letzt­be­grün­dung ir­gend­wel­cher Wer­te in die­ser Welt gibt es nicht, es sei denn man glaubt an das Jen­sei­ti­ge.

    Die Krux, die in Dei­ner Fra­ge (»Kann es denn ei­ne Al­ter­na­ti­ve sein, sich von der »Men­schen­wür­de« als Ver­fas­sungs­grund­satz ab­zu­wen­den?«) ku­mu­liert, ist nicht zu lö­sen. Wir müss­ten uns von ihr ab­wen­den, kön­nen (dür­fen!) es aber nicht. Letzt­lich liegt un­se­ren Ver­fas­sun­gen ein »re­li­giö­ses« Ele­ment zu Grun­de.

    Man darf ge­wis­se Din­ge (Fol­ter etc.) nicht im Ge­setz fest­schrei­ben, aber ich ver­mu­te, dass sie, wenn es dar­auf an­kommt, an­ge­wandt wird, ge­nau­so wie das Flug­zeug ab­ge­schos­sen wer­den wür­de. Man beugt aber mit die­ser Vor­gangs­wei­se dem Miss­brauch (von Sei­ten des Staa­tes) vor.

    De­pen­heu­ers Satz lässt mich auch et­was rat­los zu­rück. Viel­leicht meint er da­mit, dass an­dern­falls die Mög­lich­keit be­stün­de, im Sin­ne der Men­schen­wür­de, men­schen­un­wür­di­ges zu tun. Das müss­te ver­hin­dert wer­den. Im Prin­zip das was Du mit »auf dem Pa­pier« meinst.

  18. Hm
    Das mit dem »re­li­giö­sen Ele­ment«, so­zu­sa­gen ei­nem re­li­giö­sen oder tran­szen­den­ten Ur­grund, se­he ich ei­gent­lich nicht. Es mag hel­fen, aber ob es Vor­aus­set­zung ist, Men­schen­wür­de un­ab­hän­gig »nüch­ter­ner« Ge­set­zes­pa­ra­gra­phen be­grei­fen zu kön­nen, glau­be ich nicht. Das war üb­ri­gens das Pro­jekt der Auf­klä­rung.

    Ein biss­chen passt das hier hin­ein:

    »Der rech­te Zu­stand der mensch­li­chen Din­ge, das Gut­sein der Welt, kann nie ein­fach durch Struk­tu­ren al­lein ge­währ­lei­stet wer­den, wie gut sie auch sein mö­gen. Sol­che Struk­tu­ren sind nicht nur wich­tig, son­dern not­wen­dig, aber sie kön­nen und dür­fen die Frei­heit des Men­schen nicht au­ßer Kraft set­zen. Auch die be­sten Struk­tu­ren funk­tio­nie­ren nur, wenn in ei­ner Ge­mein­schaft Über­zeu­gun­gen le­ben­dig sind, die die Men­schen zu ei­ner frei­en Zu­stim­mung zur ge­mein­schaft­li­chen Ord­nung mo­ti­vie­ren kön­nen. Frei­heit braucht Über­zeu­gung; Über­zeu­gung ist nicht von selbst da, son­dern muß im­mer wie­der neu ge­mein­schaft­lich er­run­gen wer­den.

    [..] Weil der Mensch im­mer frei bleibt und weil sei­ne Frei­heit im­mer auch brü­chig ist, wird es nie das end­gül­tig ein­ge­rich­te­te Reich des Gu­ten in die­ser Welt ge­ben. Wer die de­fi­ni­tiv für im­mer blei­ben­de bes­se­re Welt ver­heißt, macht ei­ne fal­sche Ver­hei­ßung; er sieht an der mensch­li­chen Frei­heit vor­bei. Die Frei­heit muß im­mer neu für das Gu­te ge­won­nen wer­den. Die freie Zu­stim­mung zum Gu­ten ist nie ein­fach von sel­ber da. Gä­be es Struk­tu­ren, die un­wi­der­ruf­lich ei­ne be­stimm­te – gu­te – Welt­ver­fas­sung her­stel­len, so wä­re die Frei­heit des Men­schen ne­giert, und dar­um wä­ren dies letzt­lich auch kei­ne gu­ten Struk­tu­ren.«

    Wenn Du möch­test, kannst Du mal ra­ten, vom wem das ist (goo­geln gilt na­tür­lich nicht). Und – wich­ti­ger: Stimmt es? – Kommst Du drauf, was der Ver­fas­ser in Wirk­lich­keit sa­gen will? (Sor­ry, das soll na­tür­lich nicht schul­mei­ster­lich klin­gen...)

    [EDIT: 2007-12-05 18:42]

  19. Di­lem­ma
    @Metepsilonema

    Ich glau­be wir krat­zen hier an ei­nem fun­da­men­ta­len Pro­blem un­se­rer west­li­chen, sä­kul­ka­ren Ge­sell­schaf­ten: Die Men­schen­wür­de lässt sich nur be­grün­den wenn ich auf das Ab­so­lu­te, d.h. auf Gott re­kur­rie­re ..., es sei denn man glaubt an das Jen­sei­ti­ge.

    Das Ge­gen­teil ist der Fall. Die Men­schen­wür­de ist un­ser in­stink­ti­ves Ge­fühl der Ach­tung von Mit­glie­dern ei­ner so­zia­len Grup­pe, die oh­ne dies nicht funk­tio­niert. Das ha­ben wir über lan­ge Zeit ge­lernt und al­le, die sich nicht dar­an ge­hal­ten ha­ben, sind lan­ge tot und ver­ges­sen. Das in­stink­ti­ve Ge­fühl, dass es falsch ist in mo­ra­li­schen Di­lem­ma­ta die uti­li­ta­ri­sti­sche Lö­sung zu wäh­len, spricht für sich. Nicht um­sonst hat sich die Me­tho­de des »wie du mir, so ich dir« als ge­eig­net­ste Re­ak­ti­on im Ge­fan­ge­nen­di­lem­ma er­ge­ben. So sehr vie­le das auch nicht mö­gen, aber man­geln­de Em­pa­thie ist ei­ne Fra­ge der Che­mie und da­her schlicht ei­ne Man­gel­krank­heit bzgl. der Funk­ti­ons­wei­se der Spie­gel­neu­ro­nen.

    @Gregor
    Erst ge­ra­ten, dann ge­goog­let. Und ja, ich stim­me über­ein, dass die Struk­tu­ren na­tür­lich nur Ab­bild der Über­zeu­gun­gen sein kön­nen, wie denn auch an­ders. Über­zeu­gun­gen än­dern sich aber, wor­auf die Struk­tu­ren mit La­tenz­zeit re­agie­ren (ähn­lich dem Räu­ber-Beu­te-Zy­klus). Und sol­che Sy­stem ge­ra­ten mehr oder we­ni­ger in Schwin­gung, im schlimm­sten Fall ge­ra­ten sie so­gar in Re­so­nanz.

    P.S. BTW, der Ver­fas­sungs­schutz mag mein News­Fox sein.

    [EDIT: 2007-12-05 21:46]

  20. @Gregor & Pe­ter
    Ei­gent­lich woll­te ich ge­ra­de schla­fen ge­hen, aber es lässt mir kei­ne Ru­he.

    Ich weiß nicht wo­her oder von wem die zi­tier­te Stel­le ist, aber sie er­in­nert mich an den Exi­sten­zia­lis­mus (Ca­mus?). Mag aber Un­sinn sein. Ich wer­de ver­su­chen mich mor­gen zu ihr zu äu­ße­ren. (Sie passt auch sehr gut zur Wirt­schafts­dis­kus­si­on mit Köpp­nick.)

    Ein In­stinkt ist nicht in­ter­sub­jek­tiv ver­mit­tel- oder be­gründ­bar, da­her taugt er als Ver­fas­sungs­grund­la­ge nicht.

    Ich zi­tie­re aus dem wei­ter oben ver­link­ten Zeit­ar­ti­kel:

    »Die Menschwür­de, die »zu ach­ten und zu schüt­zen« Ar­ti­kel 1 zur »Ver­pflich­tung al­ler staat­li­chen Ge­walt« macht, ist nicht die Wür­de, wel­che der Ein­zel­ne durch ein gu­tes Le­ben er­wer­ben und durch bö­se Ta­ten ver­lie­ren kann. Es ist die Wür­de, die je­der mensch­li­chen Per­son in­ne­wohnt, un­ab­hän­gig von ih­rem Al­ter, ih­rer Ein­sichts­fä­hig­keit, ih­rer kör­per­li­chen Be­schaf­fen­heit, ih­rer Le­bens­füh­rung. Die­se Wür­de hat auch der Ter­ro­rist.

    Auf der Men­schen­wür­de ruht die ge­sam­te Ver­fas­sungs­ord­nung. Sie gilt ab­so­lut.«

    Die von mir her­vor­ge­ho­be­nen Sät­ze sind nicht wei­ter be­gründ­bar. Sie sind ei­ne An­nah­me, ein Po­stu­lat, ei­ne De­kla­ra­ti­on, die ich glau­ben kann, aber nicht muss. Und das ist es, was ich re­li­gi­ös nann­te (man muss das nicht). Aber ich se­he kei­nen prin­zi­pi­el­len Un­ter­schied, ob ich nun glau­be, dass der Mensch ei­ne Wür­de be­sitzt (per se), oder ob ich glau­be dass die­se Wür­de von Gott kommt. In je­dem Fall glau­be ich et­was. Ich sa­ge nicht, dass das schlecht ist, und wir ha­ben wahr­schein­lich kei­ne an­de­re Wahl, und tun gut dar­an die­se Wür­de zu be­an­spru­chen. Ich stel­le aber fest, dass ich ge­nau­so­gut das Ge­gen­teil glau­ben könn­te (könn­te wohl­ge­merkt).

    [EDIT: 2007-12-06 00:37]

  21. Nach­trag
    zum The­ma In­stinkt: Men­schen mit gei­sti­gen Be­hin­de­run­gen (aber eben nicht nur sie) be­sit­zen die­sen In­stinkt nicht, oder nur ein­ge­schränkt, aber auch für sie gilt die Men­schen­wür­de.

    So sehr vie­le das auch nicht mö­gen, aber man­geln­de Em­pa­thie ist ei­ne Fra­ge der Che­mie und da­her schlicht ei­ne Man­gel­krank­heit bzgl. der Funk­ti­ons­wei­se der Spie­gel­neu­ro­nen.

    Ist das ernst ge­meint? Schon mal da­von ge­hört, dass Ei­gen­schaf­ten in un­ter­schied­li­cher In­ten­si­tät aus­ge­prägt sein kön­nen? Dass es na­tür­li­che Va­ria­ti­on gibt? Wir sind eben nicht al­le gleich. Wenn ich das kon­se­quent zu En­de den­ke, dann lan­de ich wie­der beim Zwang, dann wer­den die, bei de­nen et­was nicht stimmt, me­di­ka­men­tös be­han­delt, denn es muss ja nur an den ent­spre­chen­den Schrau­ben ge­dreht wer­den.

    [EDIT: 2007-12-06 13:05]

  22. In­stinkt: Men­schen mit gei­sti­gen Be­hin­de­run­gen (aber eben nicht nur sie) be­sit­zen die­sen In­stinkt nicht, oder nur ein­ge­schränkt, aber auch für sie gilt die Men­schen­wür­de.

    Du ver­wech­selst Sub­jekt und Ob­jekt. Dass je­mand mit gei­sti­ger Be­hin­de­rung nicht in­stink­tiv han­delt, ist nicht ganz ab­we­gig. Die Fra­ge ist aber wie ich ei­nen gei­stig be­hin­der­ten Men­schen be­han­de­le (ich ha­be üb­ri­gens mei­nen Zi­vil­dienst in ei­nem Heim für er­wach­se­ne gei­stig be­hin­der­te Men­schen ge­macht). Das er­ste Bei­spiel für die­ses Ver­hal­ten ver­or­tet man mo­men­tan bei Ne­an­dertha­lern in Ge­or­gi­en. Ein Fund zeigt ei­nen Ne­an­dertha­ler, der nicht mehr in der La­ge war sich selbst zu ver­sor­gen, aber noch deut­lich äl­ter wur­de. Ihm muss­te al­so al­tru­istisch ge­hol­fen wor­den sein.


    Ist das ernst ge­meint? Schon mal da­von ge­hört, dass Ei­gen­schaf­ten in un­ter­schied­li­cher In­ten­si­tät aus­ge­prägt sein kön­nen? Dass es na­tür­li­che Va­ria­ti­on gibt? Wir sind eben nicht al­le gleich. Wenn ich das kon­se­quent zu En­de den­ke, dann lan­de ich wie­der beim Zwang, dann wer­den die, bei de­nen et­was nicht stimmt, me­di­ka­men­tös be­han­delt, denn es muss ja nur an den ent­spre­chen­den Schrau­ben ge­dreht wer­den.

    Will­kom­men in der Wirk­lich­keit. In den USA ist z.B. der Ein­satz von Auf­hel­lern so üb­lich wie Zahn­pa­sta, um den herr­schen­den Nor­men der gu­ten Lau­ne und Lei­stung­fä­hig­keit noch ge­recht zu wer­den.
    Bei De­pres­sio­nen wur­de ge­le­gent­lich schon ge­bench­markt, ob Ge­sprächs­the­ra­pie oder Che­mie ef­fek­ti­ver ist (wo­bei er­ste­res nur zwei­te­res be­wirkt).
    Che­mie ist heu­te schon über­le­gen und wird es noch deut­lich stär­ker wer­den. Nicht dass mir das ge­fällt, aber die Büch­se der Pan­do­ra ist of­fen.

    Und war­um soll­te die Do­pa­min- oder Glut­amat­kon­zen­tra­ti­on nicht die Band­brei­te zwi­schen Ski­leh­rer und Au­tist ab­decken? Dum­mer­wei­se hat dies aber nichts mehr mit der Aus­gangs­fra­ge zu tun, konn­te mich aber nicht zu­rück­hal­ten.

    [EDIT: 2007-12-06 16:49]

  23. @Peter
    Ich will nicht das ur­sprüng­li­che The­ma au­ßer acht las­sen, da­her ein paar ab­schlie­ßen­de Sät­ze zum The­ma »Che­mie, Neu­ro­ne & Co« (dis­ku­tie­re ger­ne in ei­nem se­pe­ra­ten Bei­trag wei­ter, aber die Rechts­the­ma­tik ist mir jetzt mal wich­ti­ger):

    Und war­um soll­te die Do­pa­min- oder Glut­amat­kon­zen­tra­ti­on nicht die Band­brei­te zwi­schen Ski­leh­rer und Au­tist ab­decken?

    Un­se­re Dif­fe­ren­zen lie­gen nicht im Welt­bild (Re­duk­ti­on neu­ro­na­ler Phä­no­me­ne auf Che­mie und letzt­lich Phy­sik), son­dern dar­in, dass die­se Sicht­wei­se sug­ge­riert, dass kom­ple­xe Din­ge ein­fa­cher sind als das tat­säch­lich der Fall ist. Hier wer­den zwei (pro­mi­nen­te) Neu­ro­trans­mit­ter stell­ver­tre­tend für ein Bün­del kom­ple­xer Fak­to­ren ge­nannt (wo bleibt der Ein­fluss der Um­welt, neu­ro­na­le Pla­sti­zi­tät und Ent­wick­lung, Ge­ne­tik, de­ge­ne­ra­ti­ve Er­kran­kun­gen, die Funk­tio­nen der Glia­zel­len etc.?). In un­se­rem Kon­text geht es mir aber um et­was an­de­res: Sie ver­nei­nen oben den Uti­li­ta­ris­mus, im­por­tie­ren ihn aber gleich wie­der über die Hin­ter­tür. Sie schrie­ben: »Die Men­schen­wür­de ist un­ser in­stink­ti­ves Ge­fühl der Ach­tung von Mit­glie­dern ei­ner so­zia­len Grup­pe, die oh­ne dies nicht funk­tio­niert. [...] So sehr vie­le das auch nicht mö­gen, aber man­geln­de Em­pa­thie ist ei­ne Fra­ge der Che­mie und da­her schlicht ei­ne Man­gel­krank­heit bzgl. der Funk­ti­ons­wei­se der Spie­gel­neu­ro­nen. Es in­ter­es­siert mich nicht so sehr, ob das Pra­xis ist, son­dern wie ich das recht­fer­ti­ge. Sie le­gen na­he (kor­ri­gie­ren Sie mich, wenn ich Sie miss­ver­ste­he), das man­geln­de Em­pa­thie (und da­mit ein Man­gel an Ach­tung an­de­ren Men­schen ge­gen­über, und da­mit ei­ne – zu­min­dest teil­wei­se – Ne­ga­ti­on ih­rer Wür­de) ei­ne Krank­heit ist, die man kor­ri­gie­ren soll­te. Das ist doch ge­nau je­nes Den­ken, das wir wei­ter oben, als in ho­hem Ma­ße pro­ble­ma­tisch an­ge­se­hen ha­ben.

    Un­ser »in­stink­ti­ves Ge­fühl der Ach­tung« müss­te sich, wenn es exi­stiert, em­pi­risch nach­wei­sen las­sen. Wenn es da­zu Un­ter­su­chun­gen gibt, die Sie ken­nen wür­de das un­se­re Dis­kus­si­on si­cher be­fruch­ten, aber Spe­ku­la­tio­nen sind mir (die mensch­li­che Ge­schich­te ist als Hin­weis da­für zu am­bi­va­lent: Al­tru­is­mus und Ach­tung gab es zwei­fel­los, da­ne­ben aber im­mer auch Mord und Tot­schlag) zu we­nig.

    Zur Sub­jekt-Ob­jekt Ver­wechs­lung: Wenn ich die Men­schen­wür­de aus ei­ner in­stink­ti­ven Hand­lung her­lei­te, dann doch nur weil ich zu die­sem In­stinkt fä­hig bin und nicht weil ich ent­spre­chend hand­le, (ob­wohl, recht be­dacht ist auch das kei­ne all­zu stich­hal­ti­ger Grund). Das bringt na­tür­lich das Pro­blem mit sich, dass ich den­je­ni­gen Wür­de ab­spre­chen muss, die die­sen In­stinkt nicht be­sit­zen (z.B. gei­stig Be­hin­der­ten). Das wol­len wir aber nicht, weil wir der An­sicht sind, das auch sie wür­de­vol­le Be­hand­lung ver­die­nen. Bleibt die An­sicht, die Sie ver­tre­ten, al­so, das sich aus der blo­ßen Hand­lung die Wür­de ab­lei­ten lässt. Das geht aber nicht, da die in­stink­ti­ve Hand­lung ei­ne Hand­lung ist, die mir qua­si ein­ge­schrie­ben ist, die ich, oh­ne dar­über nach­zu­den­ken aus­füh­re. Un­se­re Hand­lung ist al­so kei­ne die wir frei wäh­len, ganz im Ge­gen­teil, und da­mit ent­zieht sie sich dem mo­ra­li­schen Ur­teil, sie kann kei­nen Wert dar­stel­len und folg­lich kön­nen wir dar­aus auch kei­nen ab­lei­ten. Wir sind ge­zwun­gen die Men­schen­recht zu po­stu­lie­ren, wie das z.B. in der be­rühm­ten Un­ab­hän­gig­keits­er­klä­rung ge­tan wur­de (aber mit dem Re­kurs auf Gott):

    “We hold the­se truths to be self-evi­dent, that all men are crea­ted equal, that they are en­do­wed by their Crea­tor with cer­tain un­ali­en­ab­le Rights, that among the­se are Li­fe, Li­ber­ty and the pur­su­it of Hap­pi­ness.(Quel­le)

    Ich blei­be da­bei: es gibt kei­ne Be­grün­dung für die Wür­de des Men­schen (wo­her soll sie kom­men, wenn der Mensch tat­säch­lich Pro­dukt der Evo­lu­ti­on ist?), ge­nau wie für sei­ne Rech­te. Wir kön­nen dar­an glau­ben, oder eben nicht (es las­sen sich si­cher gu­te Grün­de, aber kei­ne Be­grün­dung fin­den). Die­ser Zu­stand ist un­be­frie­di­gend, nicht die Rech­te selbst (Man be­den­ke, dass ich die Grund­la­ge der De­mo­kra­tie nicht ge­gen­über ih­ren Geg­nern in Form ei­ner »Letzt­be­grün­dung« ar­gu­men­ta­tiv ver­tre­ten kann.).

    Das ist na­tür­lich kein rein de­mo­kra­ti­sches Di­lem­ma, son­dern ei­nes das Wert­vor­stel­lun­gen im All­ge­mei­nen be­trifft.

    [EDIT: 2007-12-07 12:13]

  24. @Metepsilonema & Pe­ter
    In­ter­es­san­te Dis­kus­si­on.

    Ich weiss ehr­lich ge­sagt nicht, was Pe­ter ge­nau mit »In­stinkt« meint. Viel­leicht ist ei­ne Art Mo­ral, die a prio­ri je­dem Men­schen »in­ne­wohnt«, al­so ein uni­ver­sa­li­sti­scher Mo­ral­ko­dex, der vor al­ler Er­fah­rung an­ge­legt ist. Wenn man nun – in Ab­wand­lung – sa­gen wür­de, Men­schen­wür­de sei als Wert a prio­ri in un­se­rem Verhalten/Denken an­ge­legt, so wi­der­spre­che ich da. Es mag ru­di­men­tä­re An­sät­ze da­zu ge­ben, aber im we­sent­li­chen formt sich ein Ver­ständ­nis von Mit­mensch­lich­keit erst durch Um­ge­bung und Er­zie­hung.

    »Wie Du mir, so ich Dir« ist in mei­nem Da­für­hal­ten kei­ne er­folg­rei­che Hand­lungs­ma­xi­me. Sie führt in der Re­gel zu Es­ka­la­tio­nen. (Es kann aber sein, dass ich Dich da falsch ver­stan­den ha­be; dann kor­ri­gie­re bit­te.)

    Bio­lo­gi­sti­sche Ar­gu­men­ta­tio­nen hel­fen mir per­sön­lich da gar ncht wei­ter. Ich weiss, dass das im Schwan­ge ist, aber es ist m. E. falsch und so­gar ge­fähr­lich den Men­schen aus­schliess­lich auf che­mi­sche Pro­zes­se zu re­du­zie­ren (das glei­che gilt üb­ri­gens auch für hö­her ent­wickel­te Säu­ge­tie­re). Das könn­te näm­lich da­zu füh­ren, »ab­ar­ti­ge« Men­schen (und da­mit mei­ne ich nicht nur Be­hin­der­te, son­dern auch Au­ssen­sei­ter, Quer­den­ker und/oder ein­fach nur schwie­ri­ge Zeit­ge­nos­sen) per se als bio­lo­gisch de­fi­zi­tä­re Ge­stal­ten ru­bri­ziert wer­den. Ich weiss, dass Du das nicht machst, aber die Ge­fahr ist vi­ru­lent. Nicht um­sonst sind vie­le Bio­lo­gen, wenn es um mo­ral­phi­lo­so­phi­sche Fra­gen geht, sehr »tech­nisch« ori­en­tiert (s. bspw. Daw­kins).

    Im Mo­ment in­ter­es­siert mich ne­ben der Fra­ge nach der »Be­grün­dung für die Wür­de des Men­schen« als ab­so­lu­ten Zweck ei­nes Zu­sam­men­le­bens (sie könn­te u. a. auch rein pro­fa­ne Grün­de ha­ben, wie z. B. das da­mit ein bes­se­res Mit­ein­an­der zu or­ga­ni­sie­ren ist), fast noch mehr. die­sen Be­griff zu de­fi­nie­ren und ihn – hier­in se­he ich näm­lich wirk­lich ei­ne Ge­fahr – vor dem in­fla­tio­nä­ren Ge­brauch in der All­tags­spra­che zu be­wah­ren. In­zwi­schen scheint sich näm­lich ei­ne Art Tri­via­li­sie­rung die­ses Be­griffs breit zu ma­chen, der, wie das dann so üb­lich ist, nicht nur das Es­sen­ti­el­le ver­ne­belt, son­dern es pa­ra­si­tär un­ter­gräbt. (In­so­fern passt es wirk­lich in die De­bat­te um »Gleich­heit«).

    Wenn man Men­schen­wür­de un­be­fragt als ab­so­lu­ten Wert und ober­ste Hand­lungs­ma­xi­me setzt, ist es um so wich­ti­ger, sie zu de­fi­nie­ren, und – vor al­lem – auch ab­zu­gren­zen vor dem Usur­pie­ren ei­ner Be­lie­big­keits­kul­tur, die ir­gend­wann »Frei­bier für al­le« als »Men­schen­recht« kon­sti­tu­iert (ich über­trei­be jetzt).

    [EDIT: 2007-12-07 22:10]

  25. Men­schen­recht = Men­schen­wür­de?
    @Gregor

    Die Fra­ge bzgl. der Exi­stenz ei­ner uni­ver­sa­len Men­schen­wür­de hat­te wir schon mal hier.

    Ich bin im­mer noch der Mei­nung, dass die uni­ver­sa­le Men­schen­wür­de nicht exi­stiert. War­um? Weil der Mensch zu kom­plex bzw. zu viel­schich­tig ist, um sich gleich­för­mig zu ent­wickeln. Und das ent­steht durch den Bruch sei­ner Ent­wick­lungs­ge­schich­te. Die bio­lo­gi­sche Evo­lu­ti­on hat uns für ei­ne Welt ge­rü­stet, die es höch­stens noch im Mi­kro­kos­mos gibt. So­bald wir die Haus­tür auf­ma­chen, wi­der­strei­ten grund­le­gend ver­schie­de­ne Me­cha­nis­men in uns.

    Wie vie­le an­ge­bo­re­ne Ver­hal­tens­wei­sen (fest ver­drah­tet) uns steu­ern, ist häu­fig be­schrie­ben (sehr in­ter­es­sant z.B. die von Des­mond Mor­ris er­forsch­ten »Putz­ge­sprä­che«, bei de­nen Men­schen ana­log den Ent­lau­sungs­ri­tua­len bei Go­ril­las ba­na­le Ge­sprä­che füh­ren, um das feh­len­de Wis­sen um die so­zia­le Re­la­ti­on zu ent­schär­fen). In ei­nem Fuß­ball­sta­di­on wird das nicht mehr funk­tio­nie­ren, dort tre­ten Kul­tur­tech­ni­ken zu Ta­ge (Fuß­ball und Kul­tur? Ge­schenkt), die auf ei­ner ganz an­de­ren Ebe­ne ab­lau­fen. Sie sind durch früh­kind­li­che Prä­gung (in­di­vi­du­el­le Ver­drah­tung), er­lern­te Ver­hal­tens­mu­ster (be­dingt än­der­bar) und die Nor­men der Ge­sell­schaft (Rand­be­din­gun­gen) be­stimmt.

    Das ein­drück­lich­ste Bei­spiel, zu was für un­ter­schied­li­chen Welt­bil­dern dies füh­ren kann, sind die un­ter­schied­li­chen Wer­te­sy­ste­me zwi­schen z.B. Eu­ro­pa und Ja­pan. Hier die Gut/Bö­se-Di­cho­to­mie, dort der Ka­non der Eh­re. Bei­de funk­tio­nie­ren, bei­de ha­ben ih­ren Ur­sprung in der Bio­lo­gie, aber bei­de ha­ben sich kul­tu­rell völ­lig ver­schie­den aus­ge­prägt. Und hier wird auch deut­lich, war­um Re­li­gi­on nur ei­ne mög­li­che Spiel­art zur Be­stim­mung der Men­schen­wür­de sein kann. Al­les an­de­re wä­re völ­lig un­an­ge­mes­se­ne Über­heb­lich­keit ge­gen­über al­len an­de­ren Wer­te­sy­ste­men. Das Wer­te­paar Gut/Böse ist mensch­ge­macht.

    »Wie Du mir, so ich Dir« ist in mei­nem Da­für­hal­ten kei­ne er­folg­rei­che Hand­lungs­ma­xi­me. Sie führt in der Re­gel zu Es­ka­la­tio­nen.
    Ich neh­me an, du kennst das Ge­fan­ge­nen­di­lem­ma? Dann kennst du ver­mut­lich auch die Ver­si­on, bei der man die­ses »Spiel« run­den­ba­siert vor­nimmt. Da­bei hat es sich ein­deu­tig er­wie­sen, dass »tit for tat« die mit Ab­stand ge­eig­ne­ste Form zum Ge­winn des Ge­samt­sie­ges ist. Wie hoch die Aus­sa­ge­kraft für rea­le Ge­sell­schaf­ten ist, bleibt frag­lich. Ich schät­ze Sie sehr hoch ein.

    @Metepsilonema

    das man­geln­de Em­pa­thie ... ei­ne Krank­heit ist, die man kor­ri­gie­ren soll­te

    Es gibt heu­te star­ke An­zei­chen, dass De­pres­si­on und Au­tis­mus ei­ner aus dem Ru­der ge­lau­fe­nen Che­mie ge­schul­det ist. Die Fra­ge, ob man sich ge­zwun­gen sieht dies bei vor­han­de­nen Mit­teln zu kor­ri­gie­ren, steht aber auf ei­nem an­de­ren Blatt. Ich den­ke, dass im Lau­fe der Zeit viel zu viel Eso­te­rik in Fehl­funk­tio­nen des Ge­hirns ge­deu­telt wur­de. Die kru­den Theo­ri­en von Freud und Kon­sor­ten ha­ben die Mensch­heit um Jahr­zehn­te zu­rück­ge­wor­fen. Se­he ich mein dys­funk­tio­na­les Ge­hirn als ein Or­gan wie je­des an­de­re, soll­te me­di­ka­men­tös be­han­delt wer­den. Se­he ich das Ge­hirn als Hort ei­ner wie auch im­mer ge­ar­te­ten See­le, weiss ich nicht ob sie da­durch Scha­den nimmt (um et­was zu po­le­mi­sie­ren).

    Un­ser »in­stink­ti­ves Ge­fühl der Ach­tung« müss­te sich, wenn es exi­stiert, em­pi­risch nach­wei­sen las­sen.
    Die ver­brei­tet­ste The­se, war­um sich der Mensch die­ses sau­f­er­stoff­fres­sen­de Ge­hirn über­haupt zu­ge­legt hat, ist die An­nah­me, dass die Er­kennt­nis der Rol­le von Mit­glie­dern in ei­ner so­zia­len Grup­pe enor­me Re­sour­cen ver­schlingt. Da­zu ge­hört es sei­ne ei­ge­ne Rol­le zu de­fi­nie­ren und zu fin­den, aber auch die der an­de­ren Mit­glie­der zu er­ken­nen und zu be­ach­ten. Bei die­ser De­fi­ni­ti­on von Men­schen­wür­de steckt viel­leicht nicht das Mo­ment der Gü­te, die von der ein oder an­de­ren ge­sell­schaft­li­chen Grup­pe kol­por­tiert wird, aber sie funk­tio­niert.

    Pro­ble­ma­tisch wird die­se De­fi­ni­ti­on bzgl. Mit­glie­dern ei­ner (über­bio­lo­gisch gro­ßen) Ge­sell­schaft, die die­se aus­nut­zen oder be­kämp­fen (um wie­der auf das ur­sprüng­li­che The­ma zu kom­men). Hier ver­sagt die bio­lo­gi­sche Kom­po­nen­te völ­lig und wir sind auf Kul­tur­tech­ni­ken an­ge­wie­sen, bei de­nen das Recht auf Le­ben, da sin­gu­lär, der klein­ste ge­mein­sa­me Nen­ner ist, auf den man sich zu­rück­zie­hen kann. Und selbst das mag frag­lich sein (ich er­in­ne­re mich an die Dis­kus­si­on bei nensch über die Kan­ni­ba­len­in­sel).

    [EDIT: 2007-12-08 00:00]

  26. Um den fa­den wie­der auf­zu­neh­men
    Ver­zei­hung, ich war »ver­hin­dert«.

    @Gregor
    Ich glau­be wir soll­ten aus­ein­an­der­hal­ten wor­um es uns geht:

    a) Um das, was wir für wahr hal­ten, al­so wie die Din­ge »tat­säch­lich« sind (z.B. Re­duk­ti­on von Be­wusst­seins­vor­gän­gen auf die Chemie/Physik), oder

    b) um mög­li­che Kon­se­quen­zen aus die­sem Den­ken (ich sa­ge be­wusst mög­lich, da ich glau­be, dass die von Dir an­ge­führ­ten nicht zwin­gend sind; mög­lich aber in je­dem Fal­le).

    Ich glau­be, dass das Pro­blem auch dar­in liegt, dass sich Na­tur­wis­sen­schaft­ler mit dem Sein (den Din­gen, Le­be­we­sen etc.) be­schäf­ti­gen. Aus ih­ren For­schun­gen lässt sich nichts mo­ra­lisch Gül­ti­ges ab­lei­ten. Des­we­gen viel­leich die »tech­ni­sche«, me­tho­di­sche Her­an­ge­hens­wei­se.

    Ich über­le­ge ge­ra­de, ob ei­ne ge­naue De­fi­ni­ti­on der Men­schen­wür­de ih­ren Sinn nicht wie­der un­ter­gräbt: Wenn ich ge­nau fest­le­ge was sie be­deu­tet bzw. aus­macht, dann kann ich auch klä­ren für wen sie gilt, bzw. für wen nicht. Ge­nau­er: Wahr­schein­lich kann ich kei­ne De­fi­ni­ti­on fin­den die z.B. auf Kin­der, »nor­ma­le« Er­wach­se­ne, gei­stig Be­hin­der­te usw. zu­trifft. Wir müs­sen mit ei­ner va­gen Be­haup­tung aus­kom­men. Zu­ge­ge­ben: Ich tue mir selbst recht schwer, wenn ich be­schrei­ben müss­te, was die Wür­de ei­gent­lich dar­stellt. Sie flutscht mir qua­si aus den Fin­gern. Wagst Du ei­nen Ver­such?

    Ich wollt noch zu der von Dir oben zi­tier­ten Text­stel­le et­was schrei­ben:

    Aus christ­li­cher Sicht hat der Mensch sei­ne Frei­heit als Ge­schenk Got­tes, als Aus­druck sei­ner Lie­be er­hal­ten (ei­ne an­de­re Lö­sung lässt das Theo­di­zee-Pro­blem ei­gent­lich nicht). Ich glau­be bei Si­mo­ne Weil fin­det sich (auch?) die­ser Ge­dan­ke: Es ist ei­ne Lie­be denk­bar, die sich qua­si selbst zu­rück­nimmt, die nichts an­de­res will als dem an­de­ren (dem Ge­lieb­ten) sei­ne Frei­heit zu schen­ken. Sie wä­re das Ge­gen­teil al­ler Lei­den­schaft. Sie ist kei­ne Gier, kein Wol­len, sie will nicht be­schrän­ken oder ein­engen. Sie will ein­zig und al­lein die Frei­heit des An­de­ren. So müs­sen wir uns die Lie­be Got­tes vor­stel­len, der im – christ­li­chen Sin­ne – ge­nau in die­ser La­ge ist: Er könn­te uns zum Gu­ten zwin­gen (er ist all­mäch­tig!), tut es aber ein­zig auf Grund sei­ner Lie­be zu den Men­schen nicht. Dar­um ist die­se Welt wie sie ist.

    Der Zwang zum Gu­ten zer­stört ge­nau das, was er ei­gent­lich er­rei­chen will. Und im Grun­de hie­ße es auch, die Lie­be Got­tes zu miss­ach­ten. Viel­leicht will der »äl­te­re Herr« uns das sa­gen. Ich bin mir aber nicht si­cher.

    Der Exi­sten­zia­lis­mus komm zu ei­nem ähn­li­chen Schluss, glau­be ich: Wenn man den Men­schen aus sei­ner Exi­stenz her­aus denkt, aus sei­ner »in-die-Welt-Ge­wor­fen­heit«, muss man ei­gent­lich fast zwangs­läu­fig zur Frei­heit ge­lan­gen. Es ist aber kei­ne von Gott ge­schenk­te Frei­heit, son­der mehr ei­ne er­lit­te­ne. »Der Mensch ist zur Frei­heit ver­ur­teilt.« (Sart­re).

    [EDIT: 2007-12-15 01:21]

  27. @Peter
    Noch ein­mal zu dem The­ma:

    Von Freud ha­be ich lei­der (fast) kei­ne Ah­nung, aber Kri­tik bit­te et­was sach­li­cher.

    Zu De­pres­sio­nen: Vie­le An­ti­de­pres­si­va ma­chen süch­tig und ha­ben enor­me Ne­ben­wir­kun­gen; ich mei­ne nur, dass wir noch vie­les nicht ver­ste­hen, und uns nicht zu vor­ei­li­gen Schlüs­sen hin­rei­ssen las­sen soll­ten (Ich ha­be nichts ge­gen den Ein­satz von An­ti­de­pres­si­va, aber wir wol­len doch nicht von vorn­her­ein an­de­re Mit­tel und We­ge aus­schlie­ßen, zu­min­dest nicht oh­ne Ar­gu­men­te.)

    Die be­schrie­be­nen so­zia­len Ver­hal­tens­wei­sen set­zen kei­ne all­ge­mei­ne Wür­de­vor­stel­lung vor­aus, ich se­he zu­min­dest nicht wie­so dem so sein soll­te. Ab­ge­se­hen da­von: Wir müss­ten sie sonst bei sich al­tru­istisch, oder ent­spre­chend so­zi­al ver­hal­ten­den Tie­ren [z.B. man­che Af­fen] po­stu­lie­ren.

    [EDIT: 2007-12-15 02:06]

  28. Kon­se­quen­zen
    Wenn wir so et­was wie Be­wusst­sein aus­schliess­lich mit bzw. über bio­che­mi­sche Pro­zes­sen de­fi­nie­ren, dann ha­ben wir das Pro­blem der Ver­ant­wor­tungs­lo­sig­keit des Men­schen für sei­ne Ta­ten. Im Rah­men des Spa­e­mann-Bu­ches wur­de das hier in den Kom­men­ta­ren dis­ku­tiert. Köpp­nick hat hier schö­ne Ar­gu­men­te ge­bracht, war­um die­se Er­klä­run­gen auch nicht voll­stän­dig sein kön­nen und nicht be­frie­di­gen.

    Ich se­he Par­al­le­len zwi­schen dem Wunsch, Gott zu be­wei­sen (al­so Gott jetzt zu be­wei­sen, im 21. Jahr­hun­dert) und dem Wunsch, das Be­wusst­sein nicht bio­che­misch zu »re­du­zie­ren«. In bei­den Fäl­len ist der Mensch in den letz­ten Jahr­hun­der­ten in der La­ge, un­be­setz­te Räu­me zu ana­ly­sie­ren und zu er­for­schen. »Im Him­mel« sitzt kein Gott mehr; der »Him­mel« kann nicht mehr phy­sisch als Be­weis her­hal­ten, weil er er­forscht ist (er bleibt nur noch Me­ta­pher). Par­al­lel hier­zu ist im mensch­li­chen Kör­per auch kei­ne »See­le« und kein spe­zi­el­les »Be­wusst­seins-Or­gan« (ne­ben dem Ge­hirn) auf­find­bar.

    Bei­de, die Re­li­gio­nen und die Mo­ral­phi­lo­so­phie, müs­sen sich nun neue »Or­te« (= De­fi­ni­tio­nen) für ih­re ent­spre­chen­den Theo­ri­en aus­su­chen. Das ist für die Re­li­gio­nen fast noch leich­ter als für die Phi­lo­so­phie, die droht hin­ter der Neu­ro­wis­sen­schaft zu ver­schwin­den (vgl. die Links in den Kom­men­ta­ren zu Met­zin­ger, aber auch zu den Geg­nern).

    Die Fol­gen ei­nes neu­en, »bio­che­mi­schen« Welt­bil­des sind al­ler­dings im­mens. Ein Mensch kann dann im Prin­zip nicht mehr ver­ant­wort­lich ge­macht wer­den, wenn ei­ne Tat prak­tisch als Stoff­wech­sel­scha­den lo­ka­li­siert wird (ich über­trei­be und ver­kür­ze jetzt na­tür­lich). Um um­ge­kehrt kön­nen mit Hil­fe gen­tech­ni­scher Ver­än­de­run­gen in Zu­kunft be­stimm­te Merk­ma­le bei Kin­dern stär­ker be­tont wer­den – wenn man dies erst ein­mal zu­lässt. Nur: In der bis­he­ri­gen Mensch­heits­ge­schich­te sind Mög­lich­kei­ten im­mer auch aus­ge­nutzt wor­den.

    Un­se­re De­fi­ni­ti­on von Men­schen­wür­de ist höchst am­bi­va­lent – und wir sind auch gar nicht kon­se­quent. Ei­ner­seits sind wir – be­rech­tig­ter­wei­se – für ei­nen mög­lichst um­fas­sen­den Be­griff, der al­le Men­schen, un­ab­hän­gig ih­rer Haut­far­be, ih­res Sta­tus, ih­rer Ge­sund­heit, usw. in­klu­diert. An­de­rer­seits sa­bo­tie­ren wir dies wie­der durch Vor­gän­ge wie Ab­trei­bung (das Mensch­sein wird schlicht­weg um drei Mo­na­te »ver­scho­ben«) oder PID. An­de­re Men­schen emp­fin­den un­ser ge­sam­tes (Wirtschafts)System als wür­de­los oder neh­men Be­zug auf die Un­gleich­heit in­ner­halb der Welt, die durch den glo­ba­len Ka­pi­ta­lis­mus her­vor­ge­ru­fen wird. Und wie­der an­de­re glau­ben, dass sie schon dis­kri­mi­niert wer­den, wenn sie nicht bis 3 Uhr nachts fei­ern dür­fen.

    Es gibt si­cher ei­ne Men­ge klu­ger Leu­te, die Men­schen­wür­de de­fi­nie­ren kön­nen. Ich se­he in den letz­ten Jah­ren – ins­be­son­de­re was die Ge­setz­ge­bung auch aus der EU her­aus an­geht – ei­ne zu­neh­men­de Ba­na­li­sie­rung und Tri­via­li­sie­rung die­ses Be­griffs. Hier­in stim­me ich De­pen­heu­er zu, wenn er dies als Ge­fahr sieht. Ich stim­me ihm nicht zu, wenn er dies auf die an­ge­ge­be­nen Bei­spie­le be­zieht.

    Im Nach­le­sen fällt mir noch ei­ne sehr re­duk­tio­ni­sti­sche De­fi­ni­ti­on ein (die aber ver­mut­lich mehr Fra­gen als Ant­wor­ten auf­wirft): Men­schen­wür­de ist das Pri­mat der kör­per­li­chen, psy­chi­schen und in­tel­lek­tu­el­len Un­ver­sehrt­heit. Mey­ers on­line de­fi­niert: »Men­schen­wür­de, der An­spruch des Men­schen, als Trä­ger gei­stig-sitt­li­cher Wer­te um sei­ner selbst wil­len ge­ach­tet zu wer­den. Sie ver­bie­tet je­de er­nied­ri­gen­de Be­hand­lung oder die Be­hand­lung ei­nes Men­schen als »blo­ßes Ob­jekt«.« Oder, wie es bei Kant heisst: »Hand­le so, dass du die Mensch­heit so­wohl in dei­ner Per­son, als in der Per­son ei­nes je­den an­de­ren je­der­zeit zu­gleich als Zweck, nie­mals bloß als Mit­tel brauchst.«

    Die zi­tier­te Stel­le hal­te ich tat­säch­lich fast für exi­sten­zia­li­stisch. Es ist na­tür­lich be­denk­lich, die­ses Zi­tat aus dem Kon­text zu rei­ssen, aber in­ter­es­sant ist es al­le­mal. Er nimmt dort näm­lich tat­säch­lich Be­zug auf die im­mer wie­der neu zu er­rin­gen­de Frei­heit und nimmt Ab­schied von al­len Heils­brin­gern, die für be­din­gungs­lo­se Ge­folg­schaft das aus­nahms­los Gu­te ver­spre­chen. Wie ge­sagt: von al­len – al­so auch von sei­ner.

    [EDIT: 2007-12-15 11:58]

  29. Er­wünsch­te Kon­se­quen­zen?
    Wenn wir so et­was wie Be­wusst­sein aus­schliess­lich mit bzw. über bio­che­mi­sche Pro­zes­sen de­fi­nie­ren, dann ha­ben wir das Pro­blem der Ver­ant­wor­tungs­lo­sig­keit des Men­schen für sei­ne Ta­ten.

    Ich le­se ge­ra­de ein sehr in­ter­es­san­tes Buch (ich wer­de ei­ne Re­zen­si­on schrei­ben), bei dem der Au­tor an­klin­gen lässt, dass ei­ne Lö­sung die­ses Pro­blems (kau­sa­le Welt­sicht führt zur Ver­ant­wor­tungs­lo­sig­keit) mög­lich ist (frag mich aber nicht wie).

    Ich ver­su­che das was Köpp­nick schrieb ein­zu­flech­ten und neh­me ein paar Ge­dan­ken aus dem Buch vor­weg:

    Wir le­ben in ei­ner Welt die wir für ver­steh­bar hal­ten, und wir müs­sen das an­neh­men, da man nur in ei­ner ver­steh­ba­ren Welt (ver­nünf­tig) han­deln kann. Und wir wollen/müssen han­deln. Brin­gen wir ver­schie­de­ne Be­schrei­bungs­ebe­nen nicht zur Deckung, dann se­hen wir, dass et­was nicht stimmt. Wir sind un­be­frie­digt, und boh­ren nach. Viel­leicht weil das an un­se­rem Selbst­ver­ständ­nis (und dem Ver­ständ­nis von Welt) nagt. Köpp­nick (ich las­se Re­li­gi­on und Quan­ten­me­cha­nik weg) spricht von Emer­genz (wir ha­ben da­mals in Würz­burg dar­über dis­ku­tiert). Die Fra­ge ist, was man un­ter Emer­genz ver­steht:

    a) Die Ent­ste­hung neu­er Ei­gen­schaf­ten durch »Ho­kus­po­kus«.

    b) Die Ent­ste­hung neu­er Ei­gen­schaf­ten auf ei­ne Art und Wei­se die man noch nicht ver­steht. Es ist oh­ne Zwei­fel ver­blüf­fend wie durch die Ver­bin­dung zwei­er Ga­se (Was­ser­stoff und Sauer­stoff) ei­ne Flüs­sig­keit mit eben je­nen Ei­gen­schaf­ten ent­steht, die Le­ben auf die­ser Er­de er­mög­licht. Ver­mut­lich könn­te kein Che­mi­ker die Ei­gen­schaf­ten die Was­ser hät­te vor­aus­sa­gen, wenn er nur Was­ser­stoff und Sauer­stoff kennt (aber ist a), b) oder c) der Grund).

    c) Oder be­steht die theo­re­ti­sche Un­mög­lich­keit (hat Köpp­nick schon auf­ge­zählt) die Ent­ste­hung der neu­en Ei­gen­schaf­ten zu er­klä­ren. Das kann aber durch­aus vor­läu­fig sein.

    Es ist nicht recht ein­leuch­tend, war­um man auf den Ebe­nen dar­un­ter und dar­über klar se­hen kann, da­zwi­schen aber nicht.

    Das Mach­ba­re wird im­mer in die Tat um­ge­setzt wer­den, dar­an gibt es kei­nen Zwei­fel. Ich se­he die Ge­fah­ren, aber an­de­rer­seits liegt viel­leicht ge­nau hier die Be­wäh­rungs­pro­be für das was wir Men­schen­wür­de nen­nen. Wir könn­ten die bio­che­mi­sche, bio­lo­gi­sche und letzt­lich phy­si­ka­li­sche Er­klä­rung des Men­schen, als den Tri­umpf der Auf­klä­rung, als die Ent­zau­be­rung der Welt be­grei­fen, und dann, erst dann sä­hen wir, was ei­ne sä­ku­la­ri­sier­te Wür­de tat­säch­lich zu lei­sten ver­mag. Ich möch­te das aber ehr­lich ge­sagt nicht aus­pro­bie­ren. Letzt­lich bleibt nur ein Weg: Wei­te­re For­schung auf die­sem Ge­biet zu ver­hin­dern. Oder hof­fen, dass sich prin­zi­pi­el­le Gren­zen auf­tun.

    Bei der Men­schen­wür­de hän­ge ich ge­ra­de, viel­leicht fällt mir spä­ter mehr ein.

    [EDIT: 2007-12-16 18:53]

  30. Doch, der Ver­fas­sungs­schutz und ich le­sen noch ge­le­gent­lich mit, Gre­gor. Ha­be al­ler­dings lei­der schon das mei­ste ver­ges­sen, was ich vor ei­ner Wo­che hier ge­le­sen hat­te.

    Ich fin­de auch, dass Da­sch­ner rich­tig ge­han­delt hat. Es wä­re schön, wenn es mehr Be­am­te und Po­li­ti­ker mit die­ser Zi­vil­cou­ra­ge oder auch bloß ei­nem Bruch­teil da­von gä­be. Die mei­sten den­ken al­ler­dings ver­mut­lich zu­erst an ih­re Pen­si­ons­an­sprü­che und han­deln dem­entspre­chend (nicht).

    Mei­ner Mei­nung nach war die Ab­sicht von Schäub­le vor al­lem, sol­che schwie­ri­gen Ent­schei­dun­gen (bzw. noch viel schwie­ri­ge­re) dem Ver­tei­di­gung­mi­ni­ster zu er­spa­ren. Er will al­so die Ver­ant­wor­tung von der Exe­ku­ti­ve auf die Le­gis­la­ti­ve ab­wäl­zen und da­mit auf meh­re­re Schul­tern ver­tei­len. Der Mi­ni­ster kann sich dann be­ru­higt zu­rück­leh­nen und mit Ver­weis auf das Ge­setz den Ab­schuss­be­fehl ge­ben. Mensch­lich ist die Ab­sicht von Schäub­le für mich ver­ständ­lich, denn in Fäl­len wie am 11. Sep­tem­ber ist ein tra­gi­scher Kon­flikt von enor­mem Aus­maß für den Ver­tei­di­gungs­mi­ni­ster un­ver­meid­bar.

    Trotz­dem den­ke ich, dass das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt rich­tig ent­schie­den hat. Die Ent­schei­dung muss im­mer an­ge­sichts der ein­zel­nen Um­stän­de ge­trof­fen wer­den, ein Blan­ko­scheck kann nicht ver­langt wer­den. Wer mit der Mög­lich­keit, die­se Ver­ant­wor­tung zu über­neh­men, nicht le­ben kann, soll­te nicht Bun­des­ver­tei­di­gungs­mi­ni­ster wer­den.

    Der Satz von De­pen­heu­er be­deu­tet mei­ner Mei­nung ein­fach, dass Tä­ter­schutz un­ter Be­ru­fung auf Ar­ti­kel 1 nicht vor den Schutz des po­ten­ti­el­len Op­fers ge­hen soll. Das ist doch das Pro­blem vie­ler Ge­set­ze (z.B. im Steu­er­recht), dass theo­re­tisch gut ge­mein­te Re­ge­lun­gen zu mehr Un­ge­rech­tig­keit füh­ren. Der Gesetzgeber/Verfassungsrichter (bzw. Be­am­te im Fi­nanz­mi­ni­ste­ri­um) lehnt sich selbst­zu­frie­den zu­rück, und die Be­trof­fe­nen ver­zwei­feln.

    Men­schen­wür­de fin­de ich auch ei­nen ko­mi­schen Be­griff. Als Nor­mal­bür­ger kann man sich nicht viel dar­un­ter vor­stel­len, und er ist dem­entspre­chend aus­le­gungs­fä­hig. Die mei­sten Men­schen ken­nen Wür­de so­wie­so nur aus dem Satz »Für Geld wür­de ich al­les tun«, aber das war Euch wohl be­kannt.

  31. Na, dann sind’s schon vier
    Doch, der Ver­fas­sungs­schutz und ich le­sen noch ge­le­gent­lich mit
    Das muss der »an­ony­me« Tracker sein. Sei’s drum.

    Ha­be al­ler­dings lei­der schon das mei­ste ver­ges­sen, was ich vor ei­ner Wo­che hier ge­le­sen hat­te.
    Das spricht ein­deu­tig ge­gen die Kom­men­ta­to­ren!

    Ernst­haft: Er will al­so die Ver­ant­wor­tung von der Exe­ku­ti­ve auf die Le­gis­la­ti­ve ab­wäl­zen und da­mit auf meh­re­re Schul­tern ver­tei­len.
    Ja, das glau­be ich auch. Das war die Haupt­in­ten­ti­on. Er will ein­fach nicht, dass er bzw. der Ver­tei­di­gungs­mi­ni­ster ir­gend­wann auf der An­kla­ge­bank sit­zen.

    Trotz­dem den­ke ich, dass das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt rich­tig ent­schie­den hat. Die Ent­schei­dung muss im­mer an­ge­sichts der ein­zel­nen Um­stän­de ge­trof­fen wer­den, ein Blan­ko­scheck kann nicht ver­langt wer­den. Wer mit der Mög­lich­keit, die­se Ver­ant­wor­tung zu über­neh­men, nicht le­ben kann, soll­te nicht Bun­des­ver­tei­di­gungs­mi­ni­ster wer­den.
    Das se­he ich ge­nau so.

    (Ob das Punk­te beim Ver­fas­sungs­schutz bringt?)

  32. @Gregor

    »Ha­be al­ler­dings lei­der schon das mei­ste ver­ges­sen, was ich vor »ei­ner Wo­che hier ge­le­sen hat­te.
    >Das spricht ein­deu­tig ge­gen die Kom­men­ta­to­ren!

    Eher ge­gen den alz­hei­mer­ge­schä­dig­ten Kom­men­ta­tor stri­pe.

    >Ob das Punk­te beim Ver­fas­sungs­schutz bringt?

    Ver­ge­ben die Plus- oder Mi­nus­punk­te?

    @Metepsilonema

    >Be­am­te sind wei­sungs­ge­bun­den, da­her tun sie sich mit Zi­vil­cou­ra­ge ent­spre­chend schwer.

    Si­cher, und für das Funk­tio­nie­ren der Bü­ro­kra­tie im po­si­ti­ven Sinn ist die­se Wei­sungs­ge­bun­den­heit auch not­wen­dig. Ich hät­te viel­leicht eher von den »Be­am­ten in füh­ren­den Po­si­tio­nen« schrei­ben sol­len. Ich he­ge im­mer noch die nai­ve Hoff­nung, dass Leu­te in Spit­zen­po­si­tio­nen sich nicht nur durch stär­ke­re El­len­bo­gen, son­dern auch durch ei­ne ge­wis­se gei­sti­ge Un­ab­hän­gig­keit von den Mit­läu­fer­ty­pen un­ter­schei­den. Je­den­falls man­che von ih­nen.

    Im Fall Da­sch­ner ist der Ver­stoß ge­gen die Weisungen/Gesetze üb­ri­gens der ein­zi­ge Grund, wie­so man über­haupt von Zi­vil­cou­ra­ge spre­chen kann. Denn dass ein gro­ßer Teil der Öf­fent­lich­keit (viel­leicht so­gar die Mehr­heit) sein Ver­hal­ten IN DIESER KONKRETEN SITUATION gut­hei­ßen wür­de, dürf­te ihm klar ge­we­sen sein. In­so­fern schwamm er nicht ge­gen den Main­stream.

  33. vie­len Dank für die­se »Re­zes­si­on«, man sieht dar­an sehr schön wie Vo­ka­beln aus der Staats­theo­rie da­zu be­nutzt wer­den, den Bür­gern Äng­ste ein­zu­re­den, die wie­der­rum mit ei­ner recht­staat­li­chen Not­wen­dig­keit be­grün­det wer­den. Al­lein das Wort: Ver­fas­sungs­au­tis­mus? War­um ha­ben wir ei­ne Ver­fas­sung? da­mit wir sie nicht be­ach­ten? Die Ver­fas­sung der BRD darf nie­mals ge­än­dert wer­den, so­lan­ge wir in ei­ner De­mo­kra­tie le­ben wol­len. Nie­mals darf man die Ver­fas­sung wg. äu­ße­ren Ein­flüs­sen än­dern. Denn die wirk­li­che Ge­fahr für die de­mo­kra­ti­sche Frei­heit geht von den Men­schen aus die die Ver­fas­sung ma­ni­pu­lie­ren wol­len.

    Das Pro­blem ist nur, dass die­ser Dis­kurs für die mei­sten Bür­ger zu hoch ist, ob­wohl ei­gent­lich je­der ver­ste­hen soll­te, dass es nie­mals ab­so­lu­te Si­cher­heit noch ab­so­lu­te Frei­heit ge­ben wird.

    Je­doch wird bei der ge­sam­ten Si­cher­heits­dis­kus­si­on die ab­so­lu­te Grund­la­ge un­se­rer Rechts­ord­nung ver­ges­sen: Der Staat ist für den Bür­ger da & nicht an­ders­rum.
    Dar­aus muss man schluß­fol­gern, dass der Ge­sam­te Dis­kurs von Herrn De­pen­heu­er ei­nen Lo­gik­feh­ler hat. Denn er geht da­von aus, dass der Staat am be­sten weiß was gut für den Bür­ger ist. Das ist mit Ver­laub Schwach­sinn, denn mit die­ser Ar­gu­men­ta­ti­on kann man auch ei­ne Dik­ta­tur be­trei­ben.

  34. Ver­fas­sungs­ak­tio­nis­mus
    Den Be­griff des Ver­fas­sungs­au­tis­mus fin­de ich zu­nächst ein­mal in­ter­es­sant. In sei­ner Ar­gu­men­ta­ti­on ist er durch­aus kor­rekt. Da De­pen­heu­er glaubt, dass der Rechts­staat durch Ter­ro­ri­sten be­droht ist, er­scheint es ihm ge­ra­ten (und auch mo­ra­lisch le­gi­tim), die Ver­fas­sung da­hin­ge­hend zu ver­än­dern, dass die­se Be­dro­hung ab­ge­wen­det wer­den kann. Um­ge­kehrt: Stellt der Rechts­staat (d. h. der Ge­setz­ge­ber, der ei­ne Ver­ant­wor­tung für die Bür­ger hat) die blo­sse Form der Ver­fas­sung wie sie sich jetzt prä­sen­tiert (und – wie ge­sagt – für ihn nicht mehr ent­spre­chend den Her­aus­for­de­run­gen »ge­rü­stet« ist) über die Funk­tio­na­li­ät (d. h. Wehr­haf­tig­keit, er­go: Selbst­be­haup­tung), so hält wird die­se Ver­fas­sung nur noch zum blo­ssen Ob­jekt der Be­wun­de­rung oh­ne tat­säch­li­che »Schlag­kraft«.

    Wenn es so wä­re, hät­te er üb­ri­gens Recht. Sei­ne Über­le­gung ist aber aus zwei Grün­den falsch:

    1. Ter­ro­ri­sten wer­den sich durch noch so aus­ge­klü­gel­te Ver­hal­tens­re­geln des Staa­tes nicht von An­schlä­gen ab­brin­gen las­sen, wenn für sie – mar­xi­stisch ar­gu­men­tiert – ein »Mehr­wert« zum Ri­si­ko be­steht. Wenn es sich um Selbst­mord­at­ten­tä­ter han­deln soll­te, ist es eh ei­ne Il­lu­si­on zu glau­ben, die­se Leu­te wä­ren durch Ge­set­ze von ih­rem Tun ab­zu­brin­gen.

    De­pen­heu­ers Vor­schlä­ge sind – für die Ab­wen­dung kon­kre­ter ter­ro­ri­sti­scher Ak­ti­vi­tä­ten – blo­sser Ak­tio­nis­mus. Man könn­te ihm al­so ent­ge­gen­hal­ten, er wer­fe an­de­ren Ver­fas­sungs­au­tis­mus vor, wäh­rend der sel­ber ein Ver­fas­sungs­ak­tio­nist ist.

    2. Ver­än­dert man das Re­gel­werk, sprich die Ver­fas­sung, so, dass am En­de von dem vor­mals schüt­zens­wer­ten Staat nur noch wohl­fei­le For­mu­lie­ren üb­rig­blei­ben, so hat man erst recht ei­ne lee­re Hül­le, die zu schüt­zen sich kaum noch loh­nen dür­fe.

    Dass man die Ver­fas­sung nie­mals än­dern dür­fe, ist na­tür­lich nicht rich­tig. Sie wird durch­aus sehr oft ge­än­dert, üb­ri­gens auch in den re­la­tiv wich­ti­gen er­sten 20 Ar­ti­keln. Meist sind dies Än­de­run­gen, die bspw. Zu­stän­dig­kei­ten zwi­schen Bund und Län­dern re­geln (hier die Än­de­run­gen an­läss­lich der Fö­de­ra­lis­mus­re­form [pdf]), usw.

    Die­se Art von Än­de­run­gen sind für den Kern­be­reich je­doch oh­ne di­rek­te Aus­wir­kung.

  35. Staats­glau­be: Le­bens­ge­fähr­lich
    Ein­mal mehr wird klar, daß die Vor­stel­lung von »Staat« – zu­mal in de­mos-kra­ti­scher To­ta­li­tät – schlicht­weg le­bens­ge­fähr­lich ist.
    Tat­säch­lich ist na­tür­lich nicht der »Staat« für den Bür­ger da – wie soll­te er auch. »Staat« schreibt man sich auf die Fah­ne, um ge­walt­sam herr­schen zu kön­nen: Mit staat­lich-ge­walt­sam ge­si­cher­ten Mo­no­po­len in Sa­chen Geld, ju­ri­di­schem Letzt­ent­schei­dungs­recht, Tra­gen und An­wen­den von Waf­fen und so­gar im Bil­dungs- und weit­ge­hend im Ge­sund­heits­we­sen so­wie der Pro­pa­gan­da der Me­di­en, die als Li­zenz­ab­hän­gi­ge eben­so wie die zahl­rei­chen »Frei­be­ruf­ler« dem Gu­sto der, an­geb­lich völ­kisch le­gi­ti­mier­ten, Ge­walt­herr­scher weit­ge­hend aus­ge­lie­fert sind. Völ­lig ab­ge­se­hen von den be­herrsch­ten »Bür­gern«, die im Grun­de doch nur Bür­gen sind, staat­lich-zwangs­be­schul­te, staat­lich »Ge­bil­de­te«, die – an den »Staat« glau­bend – weit­ge­hend zu sei­nem tum­ben Eben­bil­de de­ge­ne­riert sind.
    Aber Bil­der sind kei­ne Wahr­hei­ten, ein Göt­ze ist kein Gott. DARAN wird der »We­sten« zu­grun­de ge­hen, wenn er so wei­ter­macht. Sei­ne sä­ku­la­ri­sier­ten Wer­te, sei­ne in­sti­tu­tio­nel­len und ganz und gar nicht bloß ide­el­len Ab­strak­tio­nen ha­ben das Recht und die Frei­heit flach ge­legt. Wer von der Ver­ti­ka­len zur Ho­ri­zon­ta­len sä­ku­la­ri­siert, bringt die Di­men­sio­nen durch­ein­an­der. Die Wer­te der Fa­mi­lie bei­spiels­wei­se mu­tie­ren als So­zi­al­staat zum Un­ge­heu­er. Und: Aus ei­nem Sich-Bil­den ist ein kol­lek­ti­ver For­mungs­an­spruch ge­wor­den: Ganz wirk­lich bil­den eben nicht die Bür­ger den Staat, son­dern der Staat bil­det die Bür­ger, greift sich die Her­an­wach­sen­den, (ge­ge­ben­falls ganz phy­sisch) und zwingt sie in sei­ne Schu­len, son­dert gar durch sein Qua­li­fi­ka­ti­ons­mo­no­pol. Der Gip­fel der Raf­fi­nes­se ist das Geld­mo­no­pol: Hier­mit ist ei­ne freie Wirt­schaft be­reits grund­sätz­lich un­ter­mi­niert. Und selbst die Ge­büh­ren des staat­li­chen Ge­richts­mo­no­pols sind in staat­li­chem Geld zu ent­rich­ten und ver­un­mög­li­chen so viel zu Vie­len den oh­ne­hin durch staat­li­che Aus­bil­dung, Be­sol­dung und »Ge­büh­ren­ord­nung« ma­ni­pu­lier­ten »Rechts­schutz«. Die Pro­zeß­ko­sten­hil­fe hat da nur Ali­bi­funk­ti­on, wie aus­nahms­los je­der weiß, der sich die­se in Theo­rie und Pra­xis ge­nau an­schaut. Mit dem staat­li­chen Mo­no­pol­geld läßt sich weit­ge­hend un­be­merkt zu Gun­sten der No­men­kla­tu­ra herr­schen und (be-)steuern, so daß Re­spekt vor die­sem un­ge­heu­er­li­chen, ja teuf­li­chem Werk ge­bo­ten er­scheint. Um ein sol­ches Sy­stem ist es nicht scha­de, der Staats­glau­be wird auf dem Müll­hau­fen der Ge­schich­te lan­den, die von ihm Ge­blen­de­ten wer­den nach­fol­gen­den Ge­nera­tio­nen un­löb­lich un­ver­ständ­lich sein müs­sen. Die »Selbst­be­haup­tung« des Staa­tes ist Fa­nal sei­nes Un­ter­gan­ges. Da­bei geht je­doch nur ein Hirn­ge­spinst un­ter, das tat­säch­lich die Men­schen nicht brau­chen. Die­se kön­nen frei da­von bes­ser ar­bei­ten, sich ver­tra­gen, han­deln und sich ab­gren­zen oder zu­sam­men­fin­den. Und schon gar nicht brau­chen sie sich ei­nem »Gott« zu op­fern, der kei­ner ist (H.-H. Hop­pe).