Einige unmassgebliche Bemerkungen zu Thomas Meaneys Thesen über die Bedeutungslosigkeit der zeitgenössischen deutschen Literatur
Man horcht auf. Schließlich ist von einem unausgesprochenen Skandal die Rede. »Das wirtschaftlich bedeutendste Land des Kontinents leidet sowohl an mangelndem literarischem Ehrgeiz als auch an mangelnder Präsenz. Jeder weiß, dass die Erben der Sprache von Kafka, Brecht und Mann heute so wenig gelesen werden wie seit Jahrzehnten nicht mehr.»1
Thomas Meaney liest im Vorwort der aktuellen Ausgabe des britischen »Granta«-Magazins der deutschen Literatur die Leviten. »Der letzte deutsche Schriftsteller, der einen größeren internationalen Durchbruch schaffte, war WG Sebald, der zwanzig Meilen von der österreichischen Grenze entfernt aufwuchs, die meiste Zeit seines Lebens in England lebte und sich selbst als Schüler von Peter Handke betrachtete.« Wie kann es sein, dass aus Österreich, der Schweiz und Rumänien (!)2 bessere deutsche respektive deutschsprachige Literatur geschrieben wurde? Meaney erklärt es dahingehend, dass die »führenden Persönlichkeiten« der österreichischen Nachkriegsliteratur »Ingeborg Bachmann, Thomas Bernhard, Peter Handke, Marlen Haushofer, Friederike Mayröcker, Elfriede Jelinek« sich nicht von ihren Vorläufern der Moderne (Kafka, Musil, Doderer, Broch) abgeschnitten hätten wie die Deutschen. »Als Böll nach dem Krieg begann, Romane zu veröffentlichen«, war es, so Meaney, »als hätte es die Moderne nie gegeben.«
2012 glänzte Maja Haderlap mit Engel des Vergessens Leser und Kritik. Hier erschrieb eine Autorin mit Leichtigkeit und Strenge ein immergültiges Denkmal über ihren Vater, der Großmutter und zugleich den Kärntner Slowenen, diesen »vielfach Versehrten«. Das Buch beeindruckte in seiner Vielschichtigkeit als Dorf- und Landschaftserzählung, Bildungsroman, Geschichtsbeschreibung und spannte einen epischen Bogen in die Familie der Erzählerin. Und nun also, vielfach erwartet, ja ersehnt, nach mehr als zehn Jahren Nachtfrauen, der neue Roman.
Nachtfrauen ist in zwei Teile gegliedert. Der erste Teil, der ziemlich genau zwei Drittel des Buches einnimmt, erzählt aus personaler Sicht von Mira, die in heikler Mission zu ihrer Mutter nach Kärnten fährt. Mira ist Kärntner Slowenin, lebt aber seit ihrem Studium in Wien, wurde widerwillig zu einem »Stadtmenschen«. Sie arbeitet als Fachreferentin im Kulturbetrieb und ist verheiratet mit Martin, einem Lehrer. Das Paar ist kinderlos, die Ehe ist nicht spannungsfrei. Sporadisch besucht sie ihre Mutter. Ihr Vater, ein Waldarbeiter, kam bei der Arbeit ums Leben. Mira wurde hierfür eine Mitschuld gegeben. Der Tod des Vaters bzw. Ehemanns hat das Leben der Familie komplett verändert.
Anni, die Mutter, körperlich leicht gebrechlich, soll aus ihrem Haus in ein Heim umziehen, damit Franz, Miras Cousin, das Gebäude zu einer Tischlerwerkstatt umbauen kann. So wurde es beschlossen. Anni wehrt sich, formuliert Bedingungen, etwa, dass ihre Sammlung von Bauernwerkzeug vorher in ein Museum verbracht werden soll. Stanko, Miras Bruder, ist mit der Situation überfordert. Miras Besuch ist auf zwei Wochen angesetzt; es ist Frühling und bis Ende des Jahres soll der Auszug Annis stattgefunden haben. Es geht um Baugenehmigungen und Fristen.
Der 250. Geburtstag von Caspar David Friedrich, dem Maler der Romantik schlechthin, wirft seine Schatten voraus. Für 2024 sind große Ausstellungen in Berlin, Dresden, Hamburg und Friedrichs Geburtsstadt Greifswald geplant. Man ahnt schon die Berge von Postern, Kaffeetassen, Kühlschrankaufklebern und Postkarten in den Museumsshops. Da will auch Florian Illies nicht fehlen, der mit Zauber der Stille einen im typischen Illies-Duktus verfassten Band vorlegt, angekündigt als »Reise durch die Zeiten«. Um es nicht zu einfach zu machen, hat Illies keine Chronologie verfasst, sondern sortiert seine Histörchen nach den vier Elementen Feuer, Wasser, Erde und Luft. Jedem Element wird ein (jeweils sattsam bekanntes) Gemälde vorangestellt; mehr als diese vier Bilder werden nicht gezeigt, was zu einem vermehrten Suchmaschinenkonsum beim Leser führt.
In Feuer, dem umfangreichsten Kapitel, erfährt man, wie Friedrichs Geburtshaus abbrannte und lernt einiges darüber, wie häufig seine Bilder Opfer von Flammen oder Zerstörung wurden. Es gibt viel Kurioses (etwa als jemand 1943 seine Friedrich-Bilder aus Schutz vor Bombardierung in einen Museumskeller verbringt – und diese dort wenige Stunden später vernichtet wurden) und der Autor kann es auch in diesem Buch nicht lassen, die geschilderten Ereignisse mit anderen, inkompatiblen Vorfällen zu kombinieren. Als etwa 1931 der Münchner Glaspalast abbrennt – darunter auch Friedrich-Bilder – rattert die Möglichkeitsmaschine auf Hochtouren. Denn schließlich wohnte damals nicht weit entfernt Geli Raubal, Adolf Hitlers Nichte, die, wie der Autor fleißig nachgeschlagen hat, »drei Monate nach dem schockierenden Brand….im Alter von 23 Jahren ein tödliches Feuer auf sich selbst eröffnen« wird. Und wie Thomas Mann, der auch zu dieser Zeit in München lebte, dieses Inferno mitbekommen hat – auch das wissen wir nicht. Aber schön, dass wir mal über dieses Nichtwissen ein bisschen geschrieben haben.
Es sind diese Passagen verblasener Pseudo-Gelehrsamkeit, die einem dieses Buch verleiden. Sicher, Friedrich und Richard Wagner hätten sich treffen können, weil sie einmal im gleichen Gasthof logierten. Haben sie aber nicht – und selbst wenn: was könnte man daraus ableiten? Als Friedrich 1813 vor den französischen Truppen von Dresden in das kleine Städtchen Krippen (heute Bad Schandau) flieht, geht ausgerechnet dort der verhasste Napoleon an Land. Illies ist begeistert: Er »muss ihn gesehen haben, aus dem Fenster seiner Wohnung oder aus den waldigen Hügeln.« Ein andermal muss der kleine Ort Wiek auf der Halbinsel Rügen für eine irrwitzige Analogie herhalten. In Wiek entstand, so weiß der Autor, in Friedrichs Kopf das Bild Auf dem Segler. Ein Mann und eine Frau – wie gewohnt in Rückenansicht – segeln händchenhaltend auf einem Schiff. Und knapp 200 Jahre später startet in Wiek die Andromeda, »eine kleine Segelyacht«, aufs »offene Meer« und »in der Nähe von Bornholm« ziehen dann die Besatzungsmitglieder ihre Taucheranzüge an und kurz darauf sind große Teile der Nord Stream-Pipelines zerstört.
Am 22. Oktober 2023 verfasste ich einen kleinen Text über den Streit um das Buch Eine Nebensache von Adania Shibli und das Schweigen der Autorin zu den Einwänden. So ganz hat sie dann doch nicht geschwiegen, sondern einen Verbotsantrag beim Landgericht Hamburg gegen die tageszeitung (taz) gestellt, die am 10. Oktober 2023 eine eher ablehnende ...
Ich weiß nicht, wann ich Radetzkymarsch von Joseph Roth das erste Mal gelesen habe. Es war sicherlich ein Bibliotheksexemplar. Nun also, nach vielen Jahren, wieder (nach dieser Version). Wie so oft erkannte man Passagen, andere wiederum waren einem gänzlich entfallen. Wie würde man die Generationengeschichte der Trottas heute lesen und beurteilen, wenn nicht Joseph Roth der Autor wäre? Hat dieses Buch, um eine (leider scheinbar) unumgängliche Vokabel zu verwenden, heute noch »Bestand«? Immer wieder wird es referenziert. Inzwischen gilt fast als ein Dokument für die Unausweichlichkeit des Untergangs der Habsburger Monarchie.
Radetzkymarsch umfasst drei Generationen. Es beginnt 1849, als Leutnant Joseph Trotta in einer geistesgegenwärtigen Aktion dem Kaiser Franz Joseph I nach der Schlacht von Solferino das Leben rettet, indem er im letzten Moment den Monarchen aus der Schussbahn eines Snipers wirft und dabei selber an der Schulter verwundet wird. Der Kaiser lässt sich nicht lumpen, erhebt seinen Lebensretter in den Adelsstand (»Freiherr von Sipolje«), befördert ihn zum Hauptmann und wird später mit einem üppigen Beitrag die Ausbildung von Josephs Sohn finanzieren (was der Retter, wie es heißt, »mißmutig entgegen« nahm).
Der Grund für den Missmut: Er findet eines Tages im Schulbuch seines fünfjährigen Sohnes Franz eine Darstellung des Geschehens der Rettungsaktion, die nicht den Tatsachen entspricht. Zwar wird er dort namentlich als Retter erwähnt, aber den Kaiser stellt man als heroischen Teilnehmer eines Gefechts dar. Joseph von Trotta ist entsetzt, beschwert sich bei seinem Vorgesetzten, schreibt einen Brief an das Unterrichtsministerium und als beides verpufft sogar an den Kaiser. Die Antwort ist immer die gleiche: Man soll doch bitte die Sache nicht so ernst nehmen. In Kinderbüchern würde nun mal vereinfacht; später erfolgten schon noch Korrekturen. Was natürlich – das wusste Joseph – nie passiert.
Natalja Kljutscharjowa: Tagebuch vom Ende der Welt
Natalja Kljutscharjowa ist 41 Jahre alt, schreibt Gedichte, Theaterstücke, organisiert Performances und gibt Literaturworkshops. Sie hat zwei Kinder und lebt in Jaroslawl, einer mehr als tausend Jahre alten Stadt, 300 km von Moskau entfernt. Auf dem Bild im soeben von ihr erschienenen Tagebuch vom Ende der Welt sieht man eine nachdenklich schauende Frau mit Hoodie und Lederjacke. Nach der Lektüre dieses von Ganna-Maria Braungardt übersetzten Buches von noch nicht einmal zweihundert Seiten schwankt man zwischen Bewunderung vor und Angst um diese Autorin.
Denn diese nimmt in ihrem im Februar 2022 begonnenen und ein Jahr später abgeschlossenen tagebuchähnlichen Notizen, Beobachtungen, Erzählungen und selbstverfassten Gedichten keine Rücksichten, am wenigsten, wie es scheint, auf sich selber. Die erste, die ihr vom Überfall Russlands auf die Ukraine Mitteilung macht ist Lisa, die Deutschlehrerin. Kljutscharjowa kann das zunächst nicht glauben, ist schockiert. Und sofort sieht sie sich in eine Rechtfertigungssituation gedrängt: »Ich bin nicht schuld an dem, was geschieht. Ich habe diesen Präsidenten nicht gewählt. […] Ich bin nicht schuld daran, dass ich nicht im Gefängnis sitze. Ich bin nicht schuld daran, dass ich nicht ins Gefängnis will. Ich bin nicht schuld dran, dass ich zwei Kinder habe, die allein wären, sollte ich bei einer nicht genehmigten Kundgebung verhaftet werden…«
Dieses von Scham und Duldungsschuld getragene Bekenntnis wird sie über den gesamten Zeitraum immer wieder neu definieren. Aber sie will auch nicht schweigen, will vor sich selber bestehen, nicht Teil dieser russischen Politik und dieser lethargischen Gesellschaft sein. Monate später – man hat sich notdürftig eingerichtet mit der Situation – fragt sie, ob man mit sporadisch organisierten Auftritten oder Lesungen nicht in Wirklichkeit das System, »das Böse«, stütze, die Illusion der Normalität aufrecht erhalte. »Oder widersetzen wir uns im Gegenteil dem Bösen. Zum Beispiel, indem wir Menschen eine Atempause gewähren, sie für anderthalb Stunden aus der Depression holen […], sie daran erinnern, dass es im Leben noch etwas anderes gibt als diese schrecklichen Nachrichten, dass es größer und weiter ist als dieser endlose Albtraum, und dass es darum Hoffnung gibt, dass er doch nicht endlos wären wird?«
Die Überlegung ist nicht neu; sie ergab sich beispielsweise auch in Deutschland nach dem Krieg, als Schauspieler und Filmemacher der UFA-Zeit (zumeist vorsichtig) befragt wurden, wie sie guten Gewissens im »Dritten Reich« all diese Filme, darunter wenn nicht Propaganda- so doch Durchhaltefilme drehen konnten. Auch sie sprachen vom Ablenken, von Atempausen, von »Unterhaltung«. Aber der Vergleich hinkt, hier ist es anders, denn Kljutscharjowa und ihre Freunde wollen nicht eine Masse narkotisieren – die erreichen sie gar nicht und wenn dies so wäre, dann würden sie vorher verhaftet -, sie wollen der Barbarei die Kunst gegenüberstellen.
Ich gestehe, dass ich Adania Shiblis prämiertes Buch Eine Nebensache nicht gelesen habe. Die Konfrontation war mir auch lange Zeit entgangen, bis ich über Facebook von Carsten Otte darauf aufmerksam geworden wurde. Grob gesagt wirft man der Autorin vor, anhand einer wahren Begebenheit aus dem Jahr 1949 über ein vergewaltigtes Beduinenmädchen durch eine israelische Armee- ...
Im August 2021 erfuhr die Öffentlichkeit von bisher verborgenen, rund 6000 Manuskriptseiten des 1961 verstorbenen französischen Schriftstellers Louis-Ferdinand Céline. Hatte der Autor nicht immer behauptet, die Manuskripte seien zerstört oder gestohlen worden? Nach Prüfung auf Echtheit steht nun fest, dass es sich streng genommen nicht um eine Entdeckung, sondern eine Enthüllung handelte. Den Weg dieses Konvoluts zeichnet Niklas Bender in seinem instruktiven Vorwort zu Krieg nach, dem ersten, ins Deutsche übersetzten Text dieses Manuskriptbündels.
Der Roman wird in einer populären und damit lesbaren Version präsentiert. Die zahlreichen Korrekturen des Autors, von denen einige im Buch abgedruckten faksimilierten Seiten einen Eindruck geben, sind nicht aufgeführt worden. Für das unmittelbare Verständnis wichtige Ergänzungen (beispielsweise Célines Wortspiele bei Stadt- und Personennamen) findet man in präzise gesetzten Fußnoten. Die Übersetzung ist glücklicherweise von Hinrich Schmidt-Henkel, der schon mehrere Bücher von Céline, darunter auch die Reise ans der Ende der Nacht ins Deutsche übertragen hatte (und, »nebenbei«, auch der Übersetzer des aktuellen Nobelpreisträgers Jon Fosse ist).
Wer ein bisschen über Céline weiß, sollte mit dem eigentlichen Text beginnen und das Vorwort danach lesen. Die ersten zehn Seiten des Manuskripts scheinen tatsächlich verloren zu sein. Die Übertragung beginnt mit Seite 10. Ferdinand, ein schwer verwundeter, umherirrender Ich-Erzähler, orientiert sich im Januar 1915 von der Front zurück ins Hinterland. Er sieht aufgeplatzte Menschen und aufgeschlitzte Pferde und hat »grauenhafte Schmerzen«. Zum einen ist ein Arm schwer verletzt (er hängt, wie es einmal heißt, »in Fetzen«). Und zum anderen steckt eine Kugel in seinem Kopf, in der Nähe des Ohrs. »Der Krieg hat mich im Kopf erwischt. Er ist in meinem Kopf eingesperrt.« Er hört permanent eine »Geräuschsuppe«, »Getöse«, »Ohrgedonner«; dies wird ihn bis zum Ende nicht verlassen. Nach vielen Irrungen landet er in einem Lazarett im fiktiven Ort »Peurdu-sur-la-Lys« (Wortspiel aus »peur« für Angst und »perdu« für verloren). Halluzination und Realität sind nur schwer zu unterscheiden; Ferdinand vermischt alles. Der Text konzentriert sich zunächst auf eine Krankenschwester, die ihn mal masturbiert, dann katheterisiert, dann beides. Sie wird, so die Erzählung, zu einer Fürsprecherin, gar Geliebten. Zwar wird der Arm operiert, aber das der scheinbar wenig routinierte Arzt die Kugel aus dem Kopf entfernt, verhindert sie. Die Bekanntschaften unter den eingelieferten Patienten wechseln – die meisten sterben weg. Länger hält eine Art Freundschaft zu einem gewissen Bébert, der mit einer Schußwunde im Fuß eingeliefert wurde und merkwürdigerweise auf eine Amputation drängt. (Die Vorläufigkeit des Manuskripts bedingt, dass Bébert im Laufe des Romans Cascade heißt und auch sonst die Figuren manchmal unterschiedliche Namen tragen; es stört wenig.)