Hans Magnus Enzensberger: Schreckens Männer – Versuch über den radikalen Verlierer
2006 erschien in einem »Sonderdruck« der edition suhrkamp Hans Magnus Enzensbergers kurzer Essay Schreckens Männer – Versuch über den radikalen Verlierer. Meine Besprechung damals war eher ablehnend. Zu holzschnittartig schien HME zu argumentieren, zu konstruiert die Parallelführung zwischen den »Verlierern« der arabischen Welt mit der Machtübernahme durch Hitler. Die islamische Welt und das Phänomen des Islamismus wurde etwas simpel auf »Araber« reduziert, so als habe es die »Islamische Revolution« im Iran mit all ihren Schreckensauswüchsen nicht gegeben.
Diese Kritikpunkte bleiben. Aber dennoch muss ich heute Abbitte leisten. Liest man das Buch noch einmal – mit dem Wissen um all die ausgelassenen Chancen, den geopolitischen Konflikt um Palästina im Nahen Osten zu lösen und unter der Berücksichtigung der ultimativen »Schreckens Männer« des sogenannten »Islamischen Staats« – so erkennt man, dass Enzensberger eine Entwicklung vorweg nahm. (Hervorhebungen in den folgenden Zitaten sind von mir.)
Es beginnt wie eine Doku über einen Luxus-Survival-Aufenthalt: Bindal, Mittelnorwegen, aufkommende Schneestürme, ein unerwartet kalter Winter. Mitten darin ein Mann in einer Hütte, ein Strom-Transformator, der läuft, mehr als 30 Hühner in einem Stall, eine kleine Rüben-Anpflanzung. Er hat Gelenkschmerzen, rationiert seine Ibuprofen und versucht, Pflanzen der Umgebung zu katalogisieren. Ausflüge gibt es nur noch selten; mindestens ein Wolf ist hörbar und abends kommen Flughunde. Als er eine Katze entdeckt, die wenig später von einem Greifvogel geschlagen wurde, kommen Erinnerungen hoch. Schließlich halluziniert er noch eine »Monsterzecke« dazu – ein Gebilde, dass ihm in der Kindheit lange Zeit zu schaffen machte. Er beginnt, seine Lebensgeschichte aufzuschreiben.
Der Mann ist Bastian Klecka, 1982 geboren und zum Zeitpunkt des Verfassens seiner Biographie schreibt man ungefähr das Jahr 2040. Mit sechs Jahren verliert er seine Eltern bei einem Verkehrsunfall. Er kommt zu den Großeltern, aber ein Jahr später stirbt die Großmutter. Der Großvater, 57 Jahre alt, Germanistikprofessor und Thomas-Mann-Koryphäe, zieht in das Haus, dass Bastians Vater gebaut hatte (er war Architekt), in eine Neubausiedlung in Oberviechtal, einem Ort von 5000 Einwohnern und vermittelt dem Jungen früh die Werte klassischer Musik und Kultur. Es ist das, was er selber später als »Höhenkammkulturanspruch« bezeichnen wird. Statt Fernsehen gibt es Couch-Sessions, in denen Musikstücke gehört und zugeordnet werden. So vermag er früh schon nach den ersten Takten den jeweiligen Komponisten und Dirigenten zuzuordnen. Der Favorit ist Carlos Kleiber.
Erst als der Großvater in den Sommerferien durch die Mitherausgeberschaft an einer Thomas-Mann-Tagebuchausgabe zeitlich gebunden ist und es keinen Urlaub gibt, kann der Junge sich endlich dem Fernsehen und all den Serien der 1990er Jahre hingeben; insbesondere Star Trek. Es fällt ihm danach schwer, wieder in den Hochkulturmodus zu schalten.
Im Gymnasium ist er mit dem rumänischen Ilie und der aus Hannover zugereisten Madita Außenseiter, weil sie die einzigen sind, die dialektfreies Deutsch sprechen. Als die drei zusammen einen Deutschaufsatz schreiben und sich ungerecht benotet fühlen, schweißt sie dies zusammen. Madita hat eine Katze, die »hässlichste Katze, die ich jemals gesehen hatte.« Irgendwie passte sie zur »Öko« Madita, die schon früh bei Dritte-Welt-Projekten mitmachte. Ihre Mutter war Künstlerin; der Vater war zu einer anderen Frau gezogen, was Madita zu der Aussage veranlasste, dass sie den Vater hasste. Ilies Vater arbeitete in einer Tierkörperbeseitigungsanstalt, die Mutter, in Rumänien Anwältin, war Sekretärin. Die drei schließen sich zum Klub der Katze zusammen.
Judith Schalansky: Taschenatlas der abgelegenen Inseln
Der Atlas der abgelegenen Inseln von Judith Schalansky erschien erstmals 2009 und war nicht zuletzt aufgrund seiner schönen Ausstattung ein großer Erfolg. Er bestand, so der Untertitel, aus Karten und Texten zu »Fünfzig Inseln, auf denen ich nie war und niemals sein werde«. Zwei Jahre später erschien eine Taschenbuchausgabe. Und nun, in der neuen Taschenatlasausgabe von Suhrkamp, wurden noch fünf neue Inseln zusammen mit einem neuen, aktualisierten Vorwort der Autorin aufgenommen.
Die Inseln sind geographisch erfasst mit Koordinaten, Größenangabe und Zahl der Be- bzw. Einwohner (etliche sind allerdings unbewohnt). Jede hat ihre eigene Karte im Maßstab 1:200000. Zur besseren Orientierung findet man die Entfernungen zu den nächst erreichbaren Orten. Das können auch schon mal mehr als eintausend Kilometer sein. In einer Zeitleiste werden, falls vorhanden, nachweisbare historische Ereignisse der Insel angegeben. Die Karten sind dann der Hingucker. Das Eiland mag noch so klein und unbewohnt sein – die Berge, Buchten und Anlegestellen haben trotzdem ihre Namen, wie etwa das Kapp Ingrid auf der unbewohnten Peter- I.-Insel, Kapp Ruth auf der Bäreninsel, den Tolstoi-Point bei St. Georg, rund 1600 km von der Kamtschatka entfernt oder Anchorage Bay auf den Antipoden-Inseln – im Pazifischen Ozean. Über die Berge erfährt man zuverlässig die Höhe. Und seien es auch nur 3 Meter.
Auf den nachfolgenden beiden Seiten gibt es dann eine Art Visitenkarte. Wegen des knappen Platzes gibt es keine Absätze sondern orangene Schrägstriche. Die Texte sind häufig historische Reminiszenzen über prägende Ereignisse des jeweiligen Ortes. Das genügt fast immer, lediglich bei der Osterinsel, die längst zu einem umfassenden Forschungsobjekt geworden ist, hat man ein wenig das Gefühl der Unvollständigkeit.
Selten, dass zwei Freundschaftsspiele der deutschen Männer-Fußballnationalmannschaft fast schon über das Schicksal des Bundestrainers entscheiden sollen. Aber so ist die Stimmung derzeit. Da kam es schlecht an, als Kai Havertz gestern auf einer der wirklich überflüssigen »Pressekonferenzen« ein wenig klagte, dass die Fan-Unterstützung bei der WM in Katar auch nicht so groß gewesen sei. Nun ...
Da ist er also wieder: Frank Bascombe. Inzwischen 74 Jahre, sechs Jahre älter als bei den Erzählungen von Frank, die allerdings 2012 spielten, während der Hauptteil des neuen Romans Valentinstag 2019/2020 spielt. So ganz stimmt da was nicht (oder ich habe falsch gerechnet).
Seine erste Frau Ann, Mutter seiner Kinder Paul (47) und Clarissa (45), ist verstorben (sie litt an Parkinson). Frank selber ereilte in der Zwischenzeit ein »Mini-Schlaganfall« sowie »eine Episode globaler Amnesie und ein kleines, frisch entdecktes Loch« im Herz. Zuweilen tritt noch der (bekannte) Schwindel auf, aber ansonsten geht es ihm gut. Er hat in Haddam einen Teilzeitjob als »Hausflüsterer« bei seinem früheren Angestellten Mike Mahoney angenommen. Frank sitzt alleine in einem Büro, bewundert, was aus Mike, dem Tibeter, geworden ist und kümmert sich um Immobilienbeschaffung für Leute, die nicht in Erscheinung treten wollen. Potentielle Kunden leitet er dann an seinen Boss weiter, der sie wiederum in seinem kleinen Firmenimperium weiterbearbeitet.
Die Tage sind lang und so kommt Frank ans Räsonieren und Bilanzieren über Vietnam, seine Mutter, seine zweite Frau Sally, die als weltweite Trauerbegleiterin derzeit in Tschetschenien weilen soll oder einen gewissen Pug Minokur, der sich irgendwann einmal während seines kurzen Aufenthalts auf der Militärakademie für ihn beim Basketballtrainer eingesetzt hatte. Als sei es eine Verpflichtung, erzählt er ihm Jahrzehnte später auf einem Veteranentreffen davon. »Ich dankte ihm – für lebenslange Erinnerungen. Ich ergriff seine erstaunlich weiche, erstaunlich kleine und einst geschickte Hand – seine Werferhand – und schüttelte sie behutsam, um der guten alten Zeiten willen.« Teil eines Programms, »bevor der graue Vorgang fällt«. Ob Pug sich daran erinnert – egal.
Schließlich nimmt er sich frei, um den letzten Wunsch von Ann zu erfüllen, dass »die Hälfte ihrer kremierten Überreste auf dem Friedhof von Haddam neben unserem Sohn Ralph Bascombe begraben werden sollte, der jetzt einundfünfzig wäre und ein berühmter Physiker an der Cal Tech oder ein Lyriker oder ein viel bewunderter Solo-Oboist.« Und so reist er mit einem Zipper-Beutel im Flugzeug zu einem einstigen Familienidyllenort mit »Urkiefern und ‑tannen«, »drehte den Beutel um und ließ den körnigen Inhalt hinausrieseln.«
Immer wenn ein sogenannter Skandal in den Nachrichtenmedien »enthüllt« wird, wenn die »Vierte Gewalt« tagte und die Geschworenen (meist in Abwesenheit des Angeklagten) ihr Urteil gefällt haben, dann empfiehlt sich ein Blick in ein Büchlein, dass zwar mehr als zwanzig Jahre alt, aber immer noch sehr lehrreich ist. Es handelt sich um Hans Martin Kepplingers ...