Ka­der­pla­nung

Der Ka­der für die EM steht und jetzt be­ginnt für Jour­na­li­sten, Ex­per­ten und Tak­tik­freaks die schwie­rig­ste Zeit: Wie ver­fas­se ich ei­ne Stel­lung­nah­me, die mir al­le In­ter­pre­ta­ti­ons­mög­lich­kei­ten nach der EM of­fen­lässt, ei­ne The­se, die im­mer stimmt, ob Deutsch­land nach der Vor­run­de aus­schei­det oder erst im Halb­fi­na­le oder so­gar Eu­ro­pa­mei­ster wird, ei­ne Aus­sa­ge, die be­deu­tungs­voll klingt, je­der­zeit ...

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Ak­ti­vis­mus und Re­ak­tanz

Über drei Ana­ly­sen zur Zeit

Ein neu­es Ge­spenst geht um. Man mag es »Iden­ti­täts­po­li­tik« (Bernd Ste­ge­mann), »Wo­ke­ness« (Esther Bock­wyt) oder »Mo­ral­spek­ta­kel« (Phil­ipp Hübl) nen­nen. Im Kern ist es ei­ne aus den USA her­über­schwap­pen­de, sich epi­de­misch aus­brei­ten­de Gei­stes­hal­tung, die, zu En­de ge­dacht, an die Grund­fe­sten plu­ra­li­sti­scher Ge­sell­schaf­ten rüt­telt. Der deut­sche Du­den de­fi­niert das eng­li­sche Lehn­wort wo­ke als »in ho­hem Maß po­li­tisch wach und en­ga­giert ge­gen (ins­be­son­de­re ras­si­sti­sche, se­xi­sti­sche, so­zia­le) Dis­kri­mi­nie­rung«. Ei­gen­schaf­ten, die zu­nächst po­si­tiv be­setzt sind, denn wer ist nicht für ei­ne ge­rech­te Welt und ge­gen Ras­sis­mus? Gin­ge es nach Ver­fech­tern die­sen Den­kens, dürf­ten die Be­grif­fe »wo­ke« und Wo­ke­ness gar nicht ver­wen­det wer­den, denn wie schon »po­li­ti­cal cor­rect­ness« soll es sich um ei­nen rech­ten Kampf­be­griff han­deln. Das kann man als ziem­lich durch­sich­ti­gen Ver­such neh­men, ei­ne dog­ma­tisch auf­tre­ten­de Ideen­leh­re als un­ab­weis­ba­res Er­for­der­nis für ei­ne neue Welt ein­zu­füh­ren.

Die Pu­bli­ka­tio­nen, die sich mit die­sem Phä­no­men be­schäf­ti­gen, neh­men dra­stisch zu. Es ist na­he­zu un­mög­lich, den Über­blick zu be­hal­ten. Hier sol­len drei Bü­cher vor­ge­stellt wer­den, die die The­ma­tik ver­su­chen, mög­lichst un­ideo­lo­gisch zu er­fas­sen, aber un­ter­schied­li­che Prio­ri­tä­ten set­zen. Wäh­rend der Phi­lo­soph Phil­ipp Hübl in Mo­ral­spek­ta­kel ei­nen tie­fen, de­skrip­ti­ven Ein­blick ver­schafft, ana­ly­siert die Psy­cho­lo­gin Esther Bock­wyt in Wo­ke vor al­lem die Aus­wir­kun­gen der Gender-Theorie(n) auf die phy­si­sche und psy­chi­sche Ge­sund­heit Be­trof­fe­ner und zeigt, wie sehr die­ses Den­ken be­reits in po­li­ti­schen In­sti­tu­tio­nen bis hin zu Ge­setz­ge­bern ein­ge­sickert ist. Im be­reits im letz­ten Herbst er­schie­ne­nen Buch Iden­ti­täts­po­li­tik un­ter­sucht der Kul­tur­so­zio­lo­ge Bernd Ste­ge­mann die Aus­wir­kun­gen der von den Prot­ago­ni­sten ver­foch­te­nen schrof­fen Ab­leh­nung des Uni­ver­sa­lis­mus zu Gun­sten ei­nes Wer­te-Re­la­ti­vis­mus und ent­deckt in der Um­deu­tung der Wer­te der Auf­klä­rung frap­pie­ren­de Par­al­le­len zwi­schen rech­ten und lin­ken Denk­rich­tun­gen.

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Chri­stoph Rans­mayr: Als ich noch un­sterb­lich war

Christoph Ransmayr: Als ich noch unsterblich war
Chri­stoph Rans­mayr: Als ich noch un­sterb­lich war

Ei­gent­lich sind es drei­zehn Er­zäh­lun­gen, die Chri­stoph Rans­mayr in sei­nem neu­en Buch ver­sam­melt hat. Al­le­samt sind sie zwi­schen 1997 und 2018 pu­bli­ziert wor­den und wer­den jetzt mit dem leicht-re­si­gna­ti­ven Ti­tel Als ich noch un­sterb­lich war end­lich an ei­nem Ort zu­sam­men­ge­fasst. Wo­bei der aber­gläu­bi­sche Au­tor in ei­nem klei­nen Vor­wort von »12a« spricht, um die­se un­ge­lieb­te Zahl zu ver­mei­den. Man kann al­ler­dings auch ein­fach die Ein­lei­tung als 14. Ge­schich­te le­sen, zu­mal dort das Co­ver vom bren­nen­den Schab­racken­ta­pir er­läu­tert wird.

Rans­mayr spricht in 12a von »Spiel­for­men der Er­zähl­kunst« und be­weist in die­sem Band sei­ne Viel­sei­tig­keit. Die Ti­tel­ge­schich­te, die den Band er­öff­net, han­delt von ihm als Kind, wel­ches beim Es­sen der Buch­sta­ben­sup­pe durch die Mut­ter an­ge­lernt wird »mit ei­nem Löf­fel voll Buchstaben…die Welt in der Hand« zu hal­ten und sich dem »Zau­ber der Ver­wand­lung von et­was in Spra­che et­was selt­sam Fried­li­ches« hin­zu­ge­ben. Die­ser pa­ra­die­sisch an­mu­ten­de Zu­stand kommt zu ei­nem jä­hen En­de, als die Mut­ter »kaum sech­zig­jäh­rig, an ei­nem hei­ßen Au­gust­tag starb«. Auf dem To­ten­bett aus Ver­zweif­lung nach Wor­ten rin­gend, mahn­te die Mut­ter ih­ren Sohn ge­sti­ku­lie­rend zur Stil­le. Ein be­we­gen­des Bild.

Auch die an vor­letz­ter Stel­le wie bei­läu­fig ein­ge­ar­bei­te­te Va­ter­ge­schich­te An der Bah­re ei­nes frei­en Man­nes er­greift den Le­ser. Karl-Fried­rich Rans­mayr wird hier als ein Wie­der­gän­ger von Mi­cha­el Kohl­haas er­zählt. Da­bei klingt es zu­nächst mehr nach Bart­le­by. Rans­mayrs Va­ter wi­der­stand als Schü­ler dem Druck, auf ei­ne Na­zi-Eli­te­schu­le zu ge­hen und lehn­te es spä­ter ab, die Of­fi­ziers­lauf­bahn in der Wehr­macht ein­zu­schla­gen. »Ich woll­te un­ter die­sen Leu­ten nichts wer­den«, er­klär­te er hin­ter­her. Nach dem Krieg wur­de er Leh­rer und en­ga­gier­te sich eh­ren­amt­lich, ver­fass­te Ein­ga­ben und Ge­su­che »für Bau­ern, Hand­wer­ker, Gast­wir­te, Faß­bin­der und Schicht­ar­bei­ter«, schließ­lich stell­ver­tre­ten­der Bür­ger­mei­ster und ver­gab hemds­är­me­lig und un­kon­ven­tio­nell Kre­di­te an Klein­ge­wer­be­trei­ben­de. Sei­ne Be­liebt­heit weck­te Nei­der, man de­nun­zier­te ihn, Gel­der ver­un­treut zu ha­ben. Es wur­de er­mit­telt, Karl-Fried­rich Rans­mayr »ver­lor sei­ne Stel­le als Ober­leh­rer, ver­lor al­le sei­ne Funk­tio­nen in den Ver­ei­nen des Or­tes und na­tür­lich auch sei­nen Rang als stell­ver­tre­ten­der Bür­ger­mei­ster«. Der Pro­zess er­gab, dass er sich zwar nicht be­rei­chert und der Ge­mein­de kei­nen Scha­den zu­ge­fügt hat­te, aber der ju­ri­sti­sche Tat­be­stand der Un­treue blieb be­stehen. »Aber Kohl­haas, mein Va­ter, woll­te zum er­sten Mal in sei­nem Le­ben kei­ne Nach­sicht, auch kei­ne Mil­de, son­dern Ge­rech­tig­keit« und »wei­ger­te sich, das Ur­teil an­zu­neh­men.« Im­mer­hin: »Nach fünf Jah­ren Nacht­ar­beit am Fließ­band der Pa­pier­fa­brik« er­folg­te die voll­stän­di­ge Re­ha­bi­li­ta­ti­on. Dann starb sei­ne Frau, Rans­mayrs Mut­ter. Der Va­ter »lehnte…die Wie­der­auf­nah­me in die dörf­li­che Ge­mein­schaft ab« und or­ga­ni­sier­te sein Le­ben neu. Ein zärt­lich-be­wun­dern­der Ton ist in die­ser Er­zäh­lung ein­ge­wo­ben.

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Szc­ze­pan Twar­doch: Käl­te

Szczepan Twardoch: Kälte
Szc­ze­pan Twar­doch: Käl­te

Es ist 2019, ein Jahr vor ei­ner Pan­de­mie und drei Jah­re vor ei­nem neu­en Krieg in Eu­ro­pa. Ein Schrift­stel­ler, der sich Szc­ze­pan nennt, flüch­tet vor »der Welt und dem Le­ben«, reist nach Spitz­ber­gen, nimmt die Fäh­re nach Py­ra­mi­den, ei­ner ehe­ma­li­gen Berg­ar­bei­ter­stadt, in der nur noch ein paar Rus­sen le­ben, und ver­bringt ei­ne Wo­che im Eis, in der Nä­he des Glet­schers Jo­t­un­fon­na. Dann kehrt er zu­rück, trinkt in ei­nem schä­bi­gen Ho­tel in Barents­burg ei­nen Whis­ky, will im­mer noch nichts von Men­schen se­hen und hö­ren, was fast ge­lingt. Bis ihn ei­ne äl­te­re Frau an­spricht, ei­ne ge­wis­se Bor­g­hild Moen, die rasch sei­ne Neu­gier weckt. »Der Oze­an ist mei­ne ein­zi­ge Hei­mat«, sagt die­se rü­sti­ge Da­me, zeigt ihm ih­re mo­der­ne, 50 Fuß lan­ge Yacht »Isbjørn« und lädt ein, auf ei­ne Tour zu ge­hen, wo­bei sie nicht das Ziel nennt, was den Schrift­stel­ler nur noch neu­gie­ri­ger macht, denn da ist ein »ver­bor­ge­nes Ge­heim­nis« in die­ser 82jährigen Frau. Er sagt al­le Ter­mi­ne ab, nimmt die mür­ri­schen Kom­men­ta­re ent­ge­gen, und kommt sich in Be­zug auf sei­ne bei­den Kin­der ein we­nig schä­big vor. Die »Isbjørn« ist tech­nisch sehr gut aus­ge­stat­tet, der Pro­vi­ant üp­pig (er be­tei­ligt sich mit 2000 Kro­nen dar­an). Sei­ne nau­ti­schen Kennt­nis­se hel­fen ihm; bald ent­steht ein stil­les ge­gen­sei­ti­ges Ver­trau­en und Bor­g­hild Moen legt ihm ein al­tes Heft vor, das No­tiz­buch ei­nes Kon­rad Wi­duch, be­gin­nend am 16. Ju­ni 1946. Er soll es »mit Ver­stand le­sen«. Dann ist das Vor­wort von Szc­ze­pan Twar­dochs neu­em Ro­man Käl­te (wie im­mer ist Olaf Kühl der Über­set­zer) vor­bei und es be­ginnt.

Wi­duch, da­mals 51, »ge­bo­re­ner Preu­ße«, aus Pilch­o­witz, Schle­si­en stam­mend, zum Zeit­punkt der Nie­der­schrift ge­fan­gen im ark­ti­schen Eis auf ei­nem Schiff mit dem hoch­tra­ben­den Ti­tel »In­vin­ci­b­le«, schreibt, ja kotzt sei­ne Le­bens­ge­schich­te in die­ses Heft, in mä­an­dern­dem, bur­les­kem Ton, ge­rich­tet an ei­ne an­ony­me Le­se­rin, an die er zwar nicht glaubt, aber dann doch ir­gend­wie er­hofft, denn an­son­sten wür­de das Auf­schrei­ben sinn­los sein. Die Kind­heit ist schwer, der Va­ter ist früh ver­schwun­den, die Mut­ter gibt sich mit im­mer neu­en Män­nern ab und mit 14 ver­lässt Wi­duch das El­tern­haus, nach­dem er dem neue­sten Lieb­ha­ber der Mut­ter aus Ra­che für ei­nen ge­bro­che­nen Arm mit dem an­de­ren Arm und ei­nem Schür­ha­ken zu­sam­men­ge­schla­gen hat­te. Er geht 1912 »an die Ruhr«, dann zur See, wird auf der kai­ser­li­chen »Hel­go­land« Ma­tro­se, spä­ter Maat. Als man ihm und den an­de­ren be­fiehlt, Ka­no­nen­fut­ter für die Eng­län­der zu wer­den, re­bel­liert die Be­sat­zung. Wi­duch nimmt 1918 am Ma­tro­sen­auf­stand teil und wird zum Kom­mu­ni­sten, er, des­sen »of­fi­zi­el­le zi­vi­le Aus­bil­dung mit der Grund­schu­le zu En­de war.«

Der Le­ser ist ge­for­dert, den Le­bens­lauf aus den ab­schwei­fen­den und zeit­lich im­mer wie­der durch­ein­an­der wir­beln­dem Er­zähl­strom des Schrei­ben­den zu ord­nen, denn es be­ginnt mit grau­si­gen Fol­ter­me­tho­den, die der in ei­nem Gu­lag sah und bis­wei­len am ei­ge­nen Leib er­leb­te (dut­zen­de Ma­le er­klärt er, die­sen Ort nicht na­ment­lich zu nen­nen, als wür­de da­mit ein Fluch ge­bannt). Die Schil­de­run­gen sind nichts für zar­te Ge­mü­ter. Im­mer­hin: Sei­ner Frau So­fie und den bei­den Töch­tern dürf­ten die Flucht ge­lun­gen sein, denn sonst wür­de man ihn in Ver­hö­ren nicht nach ih­nen fra­gen. Das war um 1937, nach­dem Wi­duch in den 1920er Jah­ren den gro­ßen Marsch vom Kau­ka­sus in die Ukrai­ne, al­so den rus­si­schen Bür­ger­krieg ge­gen »die Wei­ßen« mit­ge­macht hat­te, und der Le­ser er­fährt wie ne­ben­bei, dass er auch kein En­gel war, et­wa als er die­sen jun­gen pol­ni­schen Leut­nant ge­fan­gen nahm, der um sein Le­ben jam­mer­te. Wi­duch wog ihn in Si­cher­heit und dann schoss er ihn von hin­ten in den Kopf, sich im­mer noch rüh­mend, den Of­fi­zier vor den Mal­trä­tie­run­gen der Ko­sa­ken (Spe­zia­li­tät: Pe­nis ab­schnei­den) be­wahrt zu ha­ben.

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B. Tra­ven: Das To­ten­schiff

B. Traven: Das Totenschiff
B. Tra­ven: Das To­ten­schiff

Zum er­sten Mal er­schien B. Tra­vens Das To­ten­schiff 1926 im Rah­men der Bü­cher­gil­de Gu­ten­berg, ei­nem »ge­werk­schaft­li­chen Buch­club« (Vol­ker Kut­scher). Es wur­de ein Rie­sen­er­folg für ei­nen Au­tor, des­sen Iden­ti­tät nie­mand kann­te, der je­doch zu­vor be­reits im so­zi­al­de­mo­kra­ti­schen Vor­wärts mit dem Fort­set­zungs­ro­man Der Baum­woll­pflücker für Auf­se­hen ge­sorgt hat­te. Die Fra­ge, wer die­ser B. Tra­ven war, ist bis heu­te nicht ein­deu­tig ge­klärt. Es ist wohl­tu­end, dass Vol­ker Kut­scher in sei­nem Nach­wort zur ak­tu­el­len Neu­auf­la­ge die­ses Ro­mans nicht die un­ter­schied­li­chen Ver­sio­nen der Iden­ti­tät auf­drö­selt. Mehr­heit­lich glaubt man, dass es sich um den An­ar­chi­sten und Schau­spie­ler Ret Ma­rut ge­han­delt ha­be, der in den 1920er Jah­ren nach Me­xi­ko ge­flo­hen oder, freund­li­cher for­mu­liert, emi­griert war. Ma­rut soll wie­der­um ein Pseud­onym für den Ge­werk­schafts­se­kre­tär Ot­to Fei­ge ge­we­sen sein. Der Ein­fach­heit hal­ber wer­den nun mehr­heit­lich die Le­bens­da­ten die­ses Ot­to Fei­ge für B. Tra­ven ver­wen­det.

Tra­vens Ge­dan­ke war, dass der Au­tor nicht zu viel Auf­merk­sam­keit be­kom­men soll­te. Tat­säch­lich trat das Ge­gen­teil ein. Es ist er­staun­lich, wie be­reits in den 1920er Jah­ren die Un­si­cher­heit der Au­toren­iden­ti­tät bzw. die Ab­we­sen­heit des Au­tors die Öf­fent­lich­keit der­art auf­wüh­len konn­te. Dar­an hat sich we­nig ge­än­dert. Vor ei­ni­gen Jah­ren brü­ste­ten sich Pseud­onym-In­spek­teu­re mit per­ver­sem Stolz, Ele­na Ferran­te ent­tarnt zu ha­ben – als wür­de sich da­mit der Blick auf das Werk ent­schei­dend än­dern.

Nicht zu­letzt durch ei­ni­ge Ver­fil­mun­gen sei­ner Bü­cher haf­tet B. Tra­ven das Eti­kett des Aben­teu­er­schrift­stel­lers an. Aber be­reits zu Be­ginn stellt der See­mann Ga­les, der Ich-Er­zäh­ler aus Das To­ten­schiff, klar: »Die Ro­man­tik der See­ge­schich­ten ist längst vor­bei.« Kut­scher führt zu recht aus, dass Das To­ten­schiff kein klas­si­scher Aben­teu­er­ro­man sei und mit ei­ner Idea­li­sie­rung des See­fahr­erle­bens nichts zu tun ha­be. Auf den rund 400 Sei­ten be­tritt Ga­les erst auf Sei­te 142 die »Yo­rik­ke«, je­nes »To­ten­schiff«, das oh­ne Na­tio­na­li­tä­ten­flag­ge un­ter an­de­rem falsch de­kla­rier­te Wa­ren (Waf­fen in Schmug­gel­gut) ver­frach­tet. Dort ar­bei­ten nur See­män­ner, die un­ter ei­nem »Schiffs­not­ge­setz« ste­hen. Sie ha­ben kei­ne oder nur ob­sku­re Pa­pie­re, mit de­nen sie auf kei­nem se­riö­sen Schiff an­heu­ern kön­nen. Zu den Not­män­nern ge­hört jetzt auch der ame­ri­ka­ni­sche »Deck­ar­bei­ter« Ga­les. Als er nach ei­nem Land­gang in Ant­wer­pen zu­rück­kommt, ist sein Schiff oh­ne ihn ab­ge­fah­ren. Un­glück­li­cher­wei­se blie­ben See­manns­kar­te und Pass an Bord. Von nun an ist er ein Nie­mand. »Pa­pie­re ha­ben et­was Un­mensch­li­ches«, kon­sta­tiert Ga­les, der ein ähn­li­ches Schick­sal durch­macht wie Zuck­may­ers Schu­ster Voigt. Oh­ne Pa­pie­re kann er nicht auf den »Ei­mern« an­heu­ern. Und oh­ne Heu­er kann er ei­gent­lich nicht le­ben.

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Ju­lia Jost: Wo der spit­zeste Zahn der Ka­ra­wan­ken...

2019 ge­wann die 1982 ge­bo­re­ne Kärnt­ne­rin Ju­lia Jost im Kla­gen­fur­ter Bach­­man­n­­preis-Wet­t­­be­­werb für ih­re Er­zäh­lung Scha­kal­tal den Ke­lag-Preis (das war da­mals ähn­lich ei­ner Bron­ze­me­dail­le). Nor­ma­ler­wei­se wer­den der­art er­folg­rei­che Tex­te rasch in fer­ti­ge Bü­cher über­führt, aber bei Jost muss­ten po­ten­ti­el­le Le­ser fast fünf Jah­re war­ten, bis heu­er der fer­ti­ge Ro­man vor­liegt. Er trägt den zu­nächst schreck­li­chen, nach ...

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Die Über­wäl­ti­gung des Er­zäh­lers

Jon Fosse: Ein Leuchten
Jon Fos­se: Ein Leuch­ten

Schon seit vie­len Jah­ren galt bei den bri­ti­schen Buch­ma­chern der nor­we­gi­sche Au­tor Jon Fos­se zum er­wei­ter­ten Kreis der mög­li­chen Li­te­ra­tur­no­bel­preis­trä­ger. Im Herbst 2023 san­ken die Quo­ten im­mer deut­li­cher, so dass sich die Über­ra­schung bei der Ver­kün­dung dann in Gren­zen hielt. Fos­se hat rund 40 Thea­ter­stücke ver­fasst, schreibt Ge­dich­te, Pro­sa, Kin­der­bü­cher und Es­says. Er schreibt in Ny­n­orsk, ei­ner im 19. Jahr­hin­dert aus tra­di­tio­nel­len Dia­lek­ten kon­zi­pier­ten Spra­che, die heut­zu­ta­ge nur von ei­ner Min­der­heit von et­wa 10–15% ver­wen­det wird (die »Buch­spra­che« in Nor­we­gen ist Bok­mål). Sein Werk wur­de be­reits vor dem No­bel­preis in mehr als vier­zig Spra­chen über­setzt. Fos­se sel­ber über­setz­te zahl­rei­che Wer­ke eng­lisch- und deutsch­spra­chi­ger Au­toren, dar­un­ter Franz Kaf­ka, Tho­mas Bern­hard und Pe­ter Hand­ke ins Nor­we­gi­sche. Seit 2022 ist er Mit­glied der Deut­schen Aka­de­mie der Kün­ste in Ber­lin.

Seit mehr als zwei Jahr­zehn­ten über­setzt Hin­rich Schmidt-Hen­kel Fos­ses Bü­cher, die zu gro­ßen Tei­len im Ro­wohlt-Ver­lag er­schie­nen sind. Dort wur­de im letz­ten Jahr der letz­te Band sei­ner Hepta­lo­gie auf­ge­legt, all­ge­mein als das Opus-Ma­gnum Fos­ses be­zeich­net. Das deut­sche Feuil­le­ton scheint Fos­se al­ler­dings den No­bel­preis nicht zu ver­zei­hen. So konn­te man neu­lich le­sen, Fos­se sei ein »No­bel­preis­trä­ger mit dem Ro­sen­kranz-Tick«. Der Hang des Nor­we­gers, sei­nen ka­tho­li­schen Glau­ben in ein­zel­ne Fi­gu­ren und Hand­lun­gen ein­zu­bau­en, wird pau­schal als In­ter­pre­ta­ti­ons­ge­rüst an­ge­bo­ten. Nun ist es fast un­mög­lich im sich pro­gres­siv ge­ben­den, selbst­ge­fäl­li­gen deut­schen Li­te­ra­tur­be­trieb mit dem Eti­kett des »christ­li­chen« Au­tors auch nur an­näh­rungs­wei­se zu re­üs­sie­ren.

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Uwe Witt­stock: Mar­seil­le 1940

Uwe Wittstock: Marseille 1940
Uwe Witt­stock: Mar­seil­le 1940

Vor drei­ein­halb Jah­ren ver­fass­te Uwe Witt­stock mit Fe­bru­ar 33 ei­ne akri­bisch ge­führ­te, ra­sant er­zähl­te Stoff­samm­lung über die Ver­än­de­run­gen im deut­schen Kul­tur­be­trieb nach der Macht­über­nah­me durch die Na­zis am 31.1.1933. Schwer­punk­te wa­ren Ber­lin und Mün­chen. Par­al­lel zu den Sor­gen und Nö­ten der Künst­ler, die nicht sel­ten schnell le­bens­be­droh­li­che Aus­ma­ße an­nah­men, gab es Er­läu­te­run­gen, wie die Na­zis ih­re Macht zu fe­sti­gen be­gan­nen. Da­bei ver­blüff­te, wie schnell und zu­gleich struk­tu­riert die ge­sell­schaft­li­che und ju­ri­sti­sche In­fra­struk­tur trans­for­miert wur­de. In nur we­ni­gen Wo­chen be­setz­te man wich­ti­ge Po­si­tio­nen in Ver­wal­tung, Po­li­zei und Ju­stiz mit SA- oder NSDAP-Leu­ten.

Mit Mar­seil­le 1940 legt Witt­stock nun aber­mals ein hi­sto­risch grun­dier­tes Buch vor. Dies­mal wer­den die Flucht­we­ge der deut­schen Exi­lan­ten, die in Frank­reich Schutz ge­sucht hat­ten, nach dem An­griff der Wehr­macht im Mai 1940 er­zählt. Un­ter­ti­tel­te man Fe­bru­ar 33 als »Win­ter der Li­te­ra­tur«, so soll in Mar­seil­le 1940 »Die gro­ße Flucht der Li­te­ra­tur« ge­zeigt wer­den. Viel­leicht wä­re der im Vor­wort ent­wickel­te Be­griff des »Dra­mas der zwei­ten Flucht« (nach Deutsch­land nun Frank­reich) noch tref­fen­der ge­we­sen.

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