Wenn sich schon sonst nichts tut, erfindet das Feuilleton seinen Skandal eben selber. Der neue »Skandal« hat einen Namen: Per Johannson. Die Kritik steckte das Buch anfangs in die Schublade »Schweden-Krimi«. Aber Johannson soll gar nicht so heißen. Er ist ein anderer, wie inzwischen detektivisch herausgearbeitet wurde (wobei man davon ausgehen darf, dass diese Indiskretionen gezielt gesetzt wurden; wenn man will, kann man jahrzehntelang ein Pseudonym geheimhalten). Derjenige, der in diesem Krimi, der erst nächste Woche erscheint, einen Journalisten ermorden lässt, der einem Herausgeber einer großen deutschen Zeitung verdächtig ähnlich sieht, soll Thomas Steinfeld heißen. Also »der« Thomas Steinfeld der Süddeutschen Zeitung. Noch ist nicht klar, ob es nun eine Empörungswelle wie weiland bei Walsers »Tod eines Kritikers« gibt (wobei die meisten Empörten das Buch nicht zu Ende gelesen hatten, ansonsten hätten sie bemerkt, dass der Kritiker bei Walser gar nicht tot ist und gegen Ende wieder auftaucht), in der im übrigen pikanterweise Steinfeld damals Walser gegen die bigotten wie lächerlichen Vorwürfe in Schutz genommen hatte.
Gregor Keuschnig
Wilfried Scharnagl: Bayern kann es auch allein

Bayern kann es auch allein
Irgendwie gehörte Wilfried Scharnagl schon immer dazu. Ich war nur überrascht, als ich in den 70er Jahren erfuhr, er sei »Journalist«. Unter einem Journalisten stellte ich mir einen wenigstens formal dialektischen, offenen Geist vor. Ein Irrtum, der mir ab und zu auch heute noch unterläuft, mich aber längst nicht mehr derart konsterniert wie damals. Zwar muss man auch Journalisten ihre eigene Meinung, ihr eigenes Weltbild, zugestehen. Aber wie kann jemand derart selektiv und parteiisch sein und sich gleichzeitig noch auf der Karte des Journalisten fahren? Da Scharnagl auf der politischen Seite stand, die ich rigoros ablehnte, kam mir die Verzerrung noch viel deutlicher vor. Aber wer sich derart zum Sprachrohr, zum Blindversteher seines Mentors, also Franz Josef Strauß, machte, verspielte jegliche Glaubwürdigkeit.
Mit Strauß’ Tod 1988 ließ Scharnagls mediale Präsenz nach. Sein Einfluss als Strippenzieher im Hintergrund dürfte jedoch längere Zeit noch erheblich gewesen sein. Auf Strauß folgte »Amigo« Streibl als bayerischer Ministerpräsident. Danach dann der »Saubermann« Stoiber, der in einem heute noch nicht einmal ansatzweise aufbereiteten CSU-internen Putsch 2007 zum Rücktritt gezwungen wurde. 2001, zwei Jahre nachdem Stoiber Ministerpräsident geworden war, hatte Scharnagl seinen Posten beim »Bayernkurier« geräumt. Aber noch heute nimmt er an Sitzungen der obersten CSU-Parteigremien teil. Er ist Mitglied des Vorstands der Hanns-Seidel-Stiftung. Und gelegentlich darf er in seinem immer noch polternden Stil in einer der zahlreichen Talkshows exotische Positionen einnehmen.
Euphemismen in der Politik – (V.) Mogelpackung
Andrea Nahles ist (noch?) Generalsekretärin der SPD. Ein Job, der zu Frontalopposition zum jeweiligen politischen Gegner fast verpflichtet. Die neuen Vorschläge zur Zuschussrente nennt Frau Nahles nun eine Mogelpackung. Wer ein bisschen das politische Treiben verfolgt, stellt fest, dass Frau Nahles diesen Begriff nicht zum ersten Mal verwendet. Eine (vielleicht noch nicht einmal vollständige) Auswahl:
Rezensieren nach Geruch
Selbst unter Rezensenten der Zeitungen ist es üblich, dass ein Buch angelesen, dann durchgeblättert wird und dann nach Geruch rezensiert wird. Bazon Brock in einem Vortrag1. (Kleine Ergänzung hierzu.) transkribiert; Link zum Vortrag leider deaktiviert ↩
Alexandra Tobor: Sitzen vier Polen im Auto

Sitzen vier Polen im Auto
Mit Kanones auf Leser
Da ist es also wieder: ein neuer Literaturkanon. Diesmal geht es um »Europas Weltliteratur«. Von Zeit zu Zeit liest der Literaturkritiker die Alten so gern, dass man dies unbedingt allen anderen mitteilen möchte. »Rp.« lautet die Abkürzung auf den ärztlichen Rezepten und »recipe« rufen die Feuilletonisten in die sich längst verzweigende Leserschaft hinein und stellen Ärzten gleich Rezepte gegen Lesefrust und ‑überdruß aber vor allem ‑überfluss aus. Aber wie schon dieses Ärztelatein nur noch Residuen eines einst stolzen Standes dokumentiert, so verpuffen am Ende die Imperative, Empfehlungen oder einfach nur gut gemeinten Ratschläge im »anything goes« der angeblich nach Orientierung ächzenden Leserschaft. Und das ist eigentlich gut so.
Der Rückgang, der keiner ist
Die Weisheiten der werktäglichen Börsensendung in der ARD sind zumeist eh nur von bescheidenem Rang. Da wird mit Zahlen jongliert und auch schon mal Statistiken falsch ausgewertet. Hauptsache, die gerade gängige Meinung (es sei alles »grau und trostlos«) in den »Erwartungsbarometern« wird entsprechend bebildert.
So ging es auch am 17.07., als das derzeit sinkende Wachstum Chinas halb triumphal, halb resignativ vermeldet wurde. Im zweiten Quartal wachse die Wirtschaft dort »nur« noch um 7,6% (was zwar im Verhältnis zu Europa »märchenhafte« Zustände seien, aber im Vergleich zum durchschnittlichen Wachstum Chinas im Jahr 2007 mit 14% ein Rückgang vom 46%. Diese Aussage wird mit einer Graphik unterstützt und wörtlich sagt der Berichterstatter Markus Gürne: »Binnen fünf Jahren ging es also um 46% bergab.«
Nicht bemüht
Große Empörung bei Politikern von CDU und FDP – und auch in der Schweiz: Das Land Nordrhein-Westfalen hat wieder einmal eine CD mit gestohlenen Daten von deutschen Steuersündern aufgekauft. Solche Vorgänge sind umstritten, da der Staat widerrechtlich angeeignete Daten auswertet. Aber darum geht es schon lange mehr: Es geht um’s Geld und Landesregierungen unterschiedlicher politischer Couleur hatten in der Vergangenheit Lösegelder für derartigen Datenträger bezahlt (die sich dann sehr schnell amortisierten).
Die Empörung richtet sich dahingehend, dass die SPD/Grünen-Landesregierung in NRW einen Aufkauf einer solchen CD vorgenommen hat, währenddessen das sogenannte Steuerabkommen zwischen der Schweiz und Deutschland im Bundesrat von eben diesen Parteien blockiert wird. Der NRW-Finanzminister begründet den Aufkauf damit, dass das Abkommen noch nicht in Kraft sei und man sich daher nicht so verhalten brauche. Der FDP-Generalsekretär beklagte sich, die rot-grüne Regierung »mache mit dem Ankauf deutlich, dass sie sich nicht an das geplante Steuerabkommen mit der Schweiz halten wolle«.