Wie wäre das eigentlich: Ein Leser, der nie von Giuseppe Ungaretti gehört hat, nichts von ihm weiß (weder literarisches noch sonstwas) schlägt dieses Buch mit dem Titel »Süditalienische Reise« auf und liest unter »Salerno, 12. April 1932«:
»Und plötzlich sind die Berge nicht mehr zu sehen, pressen uns dennoch die Flanken, während wir aufbrechen, um entlang der Küste weiterzufahren. Die Stille ist jetzt fast furchteinflößend und ebenso die Einsamkeit und die Größe, in der ich mich abgesondert fühle.«
Mit »Empathie und zugleich kritischer Distanz« habe sich der Biograph seinem Subjekt zu nähern, so Hans-Peter Schwarz im Epilog seiner politischen Biographie über Helmut Kohl. Der Leser hat dann bereits 940 eng gedruckte Seiten (zzgl. rd. 90 Seiten Annotationen) hinter sich gebracht. Schwarz’ Buch, das die Bereitschaft, sich auf das politische Leben Helmut Kohls en détail einzulassen, von seinem Leser mit einer konsequenten Radikalität abfordert, liegt einem zu diesem Zeitpunkt wie ein Kloß im Magen, obwohl es doch zunächst ein bekömmliches Gericht mit allenfalls gelegentlich überflüssiger Dekoration zu werden schien.
Dabei sind die Voraussetzungen ideal. Hans-Peter Schwarz, der als »der« Adenauer-Biograph gilt, basiert auf einer umfangreichen, komplexen Quellenlage. So konnten Sitzungsprotokolle eingesehen werden. Das Archiv für Christlich-Demokratische Politik der Konrad Adenauer-Stiftung und das Pendant der Hanns-Seidel-Stiftung der CSU in München standen zur Verfügung. Aus dem Unternehmensarchiv der Axel Springer AG wird zitiert. Am wichtigsten: 250 Schlüsseldokumente zur Außen- und Europapolitik aus dem Archiv des Bundeskanzleramtes wurden für Schwarz freigegeben, was die Kanzlerschaft Kohls zwischen 1982 und 1998 beleuchtet und zum Teil überraschende Einblicke gewährt. Schwarz führte Gespräche mit rund vierzig politischen Wegbegleitern (um nur einige zu nennen: Kurt Biedenkopf, Heiner Geißler, Hans-Dietrich Genscher, Klaus Kinkel, Volker Rühe, Bernhard Vogel, Walther Leisler Kiep), zitiert zum Teil aus deren Tagebüchern (oft unveröffentlichtes Material) und auch gelegentliche Mitteilungen Kohls an den Autor werden im Anmerkungsapparat vermerkt. Oft kombiniert Schwarz diese Informationen mit den zahlreich verfügbaren Memoiren und Erinnerungsbüchern der damaligen Protagonisten. All dies erzeugt bisweilen eine erstaunliche Echtzeitstimmung, die den Leser in den besten Momenten direkt an die Konferenztische führt. Man erfährt wie Kohl vorprescht, nachgibt, balanciert, antichambriert, taktiert aber auch tobt und lospoltert. So entsteht zuweilen ein multiperspektivisches Bild aus rund 50 Jahren bundesdeutscher und europäischer Politik.
»Der Intellektuelle müsse überraschen und die ‘Routinen des Schreibens und Lesens brechen’, sagt von Matt.« Das ist rückhaltlos zu unterschreiben. Aber was passiert eigentlich, wenn genau das geschieht? Klopfen dann nicht die gleichen, die das Engagement des Intellektuellen mit Verve gefordert haben, die entsprechenden Äußerungen auf ihre eigene Meinung ab? Und was passiert, wenn dies dann nicht mit dem längst vorgebildeten Urteil der Redaktion, der Partei, der NGO übereinstimmt? Mindestens winkt dann das Etikett »umstritten«, wenn nicht gar noch Schlimmeres: Der Ausstoß aus dem mehr oder weniger exklusiven Club der gutmeinenden Welterklärer.
Heute meldete die »Kleine Zeitung«, dass der ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz gestern das Ende des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs ab 2014 verkündet habe. Das heißt zunächst einmal nur, dass das ORF Landesstudio in Kärnten nicht mehr zur Verfügung stehen und dass es keine Übertragungen mehr geben wird. Das wird mit dem Ende des Bachmannpreises identisch gesetzt.
Seitdem gibt ein zum Teil heuchlerisches Gejaule in den (sogenannten) sozialen Netzwerken; zum Teil von denen, die keine Gelegenheit ausgelassen haben, den Bachmannpreis bei jeder Gelegenheit hämisch zu kommentieren. Ihnen ist nun die Spielwiese genommen worden, in der Mittagspause drei, vier Sätze einer Lesung und/oder eines Jurorbeitrags aus dem Zusammenhang zu reissen. Die durchironisierten Leistungsträger persiflieren schon eine Neuauflage in Konstanz. Was noch fehlt, aber unweigerlich droht, sind die Epitaphe des sogenannten Feuilletons, das seit Jahren bereits den Bachmannpreis auf der Abschussliste hat.
Es mag ja für einige Beobachter Neuland sein, aber der amerikanische Geheimdienst NSA existiert nicht erst seit den Enthüllungen durch Edward Snowden.
Eine Stichprobe im »Spiegel«-Archiv fördert allerdings Erstaunliches zu Tage. In mehr oder weniger regelmässigen Abständen berichtet man dort über die NSA-Aktivitäten. So werden die Aufgaben des Geheimdienstes, der auch schon einmal als »supergeheim« apostrophiert wird (was er ja dann, wenn er in einem deutschen Nachrichtenmagazin auftaucht, gar nicht mehr sein kann), in einem Artikel vom 12.09.1983 detailliert berichtet. Dort heißt es:
»Die NSA (rund 55 000 Beschäftigte) oder die im Auftrage der NSA tätigen übrigen neun US-Geheimdienste messen, sehen und hören mit, wenn sowjetische, japanische, chinesische oder auch schweizerische Radaranlagen aktiviert werden, um militärische oder zivile Flugkörper zu entdecken, zu identifizieren oder zu verfolgen; Truppen des Warschauer Pakts ins Manöver ziehen; neue Flugzeuge oder Panzer in der Sowjet-Union vom Band rollen…« [und so weiter und so fort]
Hans Peter Riegel: BeuysBiographismus statt Biographie: Hans Peter Riegel über Joseph Beuys
Die Buchstaben um 90 Grad gedreht und gestapelt zu einem fragilen Turm: »Beuys«. In der Ecke rechts unten der verwaiste Beuys-Hut, darüber prahlerisch »Die Biographie«. Schon 2010 wirbelte Riegel (der sich »HP Riegel« nennt) mit seiner Biographie zu Jörg Immendorff (auch die Biographie), dessen »Assistent und Privatsekretär« er einige Jahre war, nicht nur die Szene auf. Immendorff, der »egomanische Populist«, wurde von ihm wahlweise der »pathologischen Aggression« (die frühen Jahre), der politischen Bedeutungslosigkeit seiner Kunst (der Café-Deutschland-Komplex kam zufällig, nämlich durch die Wiedervereinigung zu einer ihr dann ungehörig zugesprochenen Bedeutung) und der Saturiertheit bezichtigt. Von »Kollektivisten, über die populistische Kiez-Phase zur prominenten Medienfigur« – so vermischte Riegel Leben und Werk und arbeitete sich ausgiebig an Immendorffs Vorlieben zum Rotlichtmilieu und Kokainkonsum ab; über letzteres spekulierte er mehr als er Fakten lieferte.
Bucheli vs Weidermann – der Ausgang steht leider fest.
Als ich Roman Buchelis Artikel »Ein Leben nach dem Papier« über die »Literaturkritik unter Druck« vor einigen Wochen las, überlegte ich mir, ob es eine Reaktion aus dem Feuilleton geben wird. Im Allgemeinen reagiert das etablierte Feuilleton auf Kritik mit der wirkungsvollsten Waffe, die man zur Verfügung hat: Man ignoriert sie. Der allseits so beschworene Diskurs gilt nur in einem hermetischen Raum. Selbstreflexion ist dort eher nicht vorgesehen. Stattdessen igelt man sich lieber ein und verkündet trotzig auf dem richtigen Kurs zu sein. Allenfalls wird noch sinkende die finanzielle Ausstattung moniert. Das zurückgehende Interesse beim (potentiellen) Publikum wird als Kultur- und Zeitgeistkritik behandelt. Insbesondere wenn es um das Internetangebot von Tages- oder Wochenzeitungen geht, ist die Publikumsbeschimpfung fast immer der Weisheit letzter Schluss.
So weit, so gut. Buchelis Artikel war aber das Gegenteil der sonst üblichen Larmoyanz. Er beginnt mit eine nüchternen, ja ernüchternden Bestandsaufnahme: »Redaktionen können, um es zugespitzt auszudrücken, genau jene Zeitung produzieren, die der Werbemarkt zulässt.« Zu abhängig sei man von Anzeigen vor allem der großen Verlage, so suggeriert er. Also müsse man auch die beworbenen Bücher rezensieren. Dabei beschreibt er den Rezensenten als »hybride[s] Wesen« und »Diener verschiedener Herren« – Verlage, Autoren, Redaktion, Leserschaft: alle wollen etwas von ihm (ihr), aber die Interessen sind nicht nur divergierend, sie widersprechen sich unter Umständen sogar. Da aber die ökonomischen Zwänge dominant werden, wird die Rezension am Ende als eine Art »Gratiswerbung« angesehen – selbst ein deftiger Verriss ist gerne gesehen. Für Tiefe gebe es weder Zeit noch Raum im Blatt.
Vor knapp drei Jahren publizierte der österreichische Luftschacht-Verlag sieben novellenartige Erzählungen des 1974 geborenen Norwegers Bjarte Breiteig unter dem Titel »Von nun an«, die 2006 in seinem Heimatland erschienen waren. Es sind zum Teil surreale, im besten Sinne »seltsame«, oft verrätselte und sich für den Leser kaum endgültig erschließende Erzählungen, die ungeachtet dieser vielleicht eher abschreckenden Attribute ihren eigenen Zauber und zuweilen einen starken Sog erzeugen. Jetzt legt der Verlag mit dem Band »Phantomschmerzen« nach. Hier finden sich auf knapp 130 Seiten 15 Erzählungen.
Was sofort zum Vergleich auffällt: Die Qualität der einzelnen Erzählungen differiert stärker als in »Von nun an«. Einige spielen mal mehr, mal weniger offen mit mystischen Elementen, die meist dezent hineinappliziert sind und gelegentlich einen Kontrast zur erzählten Geschichte bilden. So wird zum Beispiel in »Der Wind in den Wänden« Gerbrand-Bakker-gemäss der Tod eines doppelköpfigen Kalbes auf einem Bauernhof, das ein nicht näher beschriebener Junge alleine zu betreuen hat, erzählt. Währenddessen ist sein Vater bei der scheinbar schwerkranken Mutter im Hospital. Das Kälbchen kommt als Totgeburt auf die Welt und wird vom Jungen mit einiger Kraftanstrengung begraben. Als der Vater später eintrifft, wird unausgesprochen der Tod der Mutter als sozusagen paralleles Ereignis suggeriert. Noch einmal, in »Kleine Brüder«, spielt eine nicht näher bezeichnete Krankheit einer Mutter eine Rolle, während Arnstein, ein kleiner Junge und offensichtlich ihr Sohn, im Krankenhaus mit einem kleinen Mädchen spielt und nur sehr diffus ahnt, weswegen er in diesem Gebäude ist und was sich dort ereignet.