Jen­seits der Öko­no­mie

Die Re­ak­tio­nen schwan­ken zwi­schen Un­ver­ständ­nis, Hä­me und ei­nem wei­he­vol­lem »Seht-wie-wich­tig-das-doch-al­les ist«: Die Eu­ro­päi­sche Uni­on hat den Frie­dens­no­bel­preis 2012 be­kom­men. Am Ran­de in­ter­es­sant ist da­bei, dass das Ko­mi­tee in den letz­ten Jah­ren im­mer, wenn ei­ne Or­ga­ni­sa­ti­on aus­ge­zeich­net wur­de auch ei­ne Per­son, die un­trenn­bar mit die­ser Or­ga­ni­sa­ti­on in Ver­bin­dung stand, aus­zeich­ne­te. Bei den Ver­ein­ten Na­tio­nen 2001 war das Ko­fi An­n­an, bei der In­ter­na­tio­na­len Atom­ener­gie­be­hör­de 2005 Mo­ham­med al Bara­dei und 2006 wur­de der Preis so­wohl Mu­ham­mad Yu­nus als auch der Gra­me­en-Bank zu­ge­spro­chen. Bei der heu­ti­gen Aus­zeich­nung blieb es bei der In­sti­tu­ti­on. Wen hät­te man auch als Per­son, als Iden­ti­fi­ka­ti­ons­fi­gur aus­zeich­nen kön­nen? Herrn Bar­ro­so? Herrn Van Rom­puy? Auf ei­ne fast ko­mi­sche Wei­se zeigt sich wie­der ein­mal, dass Eu­ro­pa kei­ne Te­le­fon­num­mer hat, die man an­ru­fen kann, wie dies schon vor lan­ger Zeit Hen­ry Kis­sin­ger (üb­ri­gens auch ein Frie­dens­no­bel­preis­trä­ger) be­klag­te.

Wenn man die kur­ze Be­grün­dung des Ko­mi­tees ge­hört hat, wird ei­gent­lich we­ni­ger das aus­ge­zeich­net, was man ge­mein­hin mit der Eu­ro­päi­schen Uni­on ver­bin­det, al­so bei­spiels­wei­se das sanf­te Mon­ster Brüs­sel (da­her sind die Schlag­zei­len wie »No­bel­preis für Brüs­sel« Un­sinn). Es war viel von der deutsch-fran­zö­si­schen Aus­söh­nung nach dem Krieg die Re­de. Die­se Aus­söh­nung hat ein kon­kre­tes Da­tum: Es ist der 8. Ju­li 1962 – das Tref­fen zwi­schen Charles de Gaul­le und Kon­rad Ade­nau­er. Be­zeugt wird dies in ei­nem le­gen­dä­ren Bild: die bei­den Staats­män­ner in der Ka­the­dra­le von Reims. Das ist 50 Jah­re her; der Preis wur­de al­so mit­nich­ten will­kür­lich ver­ge­ben.

Es geht auch kaum um ein ir­gend­wie my­ste­riö­ses Si­gnal an eu­ro­päi­sche Po­li­ti­ker, sich in der Eu­ro- oder Schul­den­kri­se in ir­gend­ei­ner Form zu »ver­hal­ten«, wie dies von EU-Lob­by­isten vor­schnell in­ter­pre­tiert wird. Das Ge­gen­teil dürf­te der Fall sein: Der Frie­dens­no­bel­preis ist der wo­mög­lich ver­zwei­fel­te Ver­such, Eu­ro­pa aus der ein­sei­ti­gen öko­no­mi­schen De­fi­ni­ti­on als Wirt­schafts­raum zu lö­sen. Es geht dar­um, ei­ne neue »Er­zäh­lung« Eu­ro­pas zu ver­su­chen, die sich jen­seits der ver­meint­li­chen wirt­schaft­li­chen Po­tenz der Eu­ro­päi­schen Uni­on be­wegt.

Da­bei wird ver­ges­sen, dass es vor al­lem die Aus­sicht auf wirt­schaft­li­che Pro­spe­ri­tät war, die als Trieb­fe­der für ei­ne Zu­sam­men­füh­rung die­nen soll­te. Hier­über soll­te die Aus­söh­nung so­zu­sa­gen ma­ni­fest wer­den. Der er­ste Zu­sam­men­schluß hieß nicht um­sonst »Eu­ro­päi­sche Wirt­schafts­ge­mein­schaft«. Das war 1957. Fünf Jah­re vor dem Tref­fen Ade­nau­ers mit de Gaul­le. Im Grun­de ge­nom­men wä­re dies im­mer noch die kor­rek­te­re, ehr­li­che Be­zeich­nung für das heu­ti­ge 27staatige Ge­bil­de.

Ein neu­es, er­gän­zen­des und ir­gend­wann do­mi­nie­ren­des Nar­ra­tiv, ei­ne über die rei­ne Öko­no­mie hin­aus­ge­hen­de Klam­mer, dass die­se Län­der zu­sam­men­hält, muss erst noch ge­fun­den wer­den. Mit dem ak­tu­el­len po­li­ti­schen Per­so­nal er­scheint dies schwie­ri­ger denn je. Und ob man dies in der Tra­di­ti­on ei­nes du­bio­sen »Welt­bür­ger­tums« zwang­haft über­stül­pen muss, ist eben­falls frag­lich.

Nach der Eu­pho­rie über den Frie­dens­no­bel­preis kehr­te all­zu oft Er­nüch­te­rung ein; die Li­ste der Ent­täu­schun­gen ist sehr lang. Man hofft, dass es die­ses Mal an­ders ist. Mehr nicht.

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11 Kommentare zu »Jen­seits der Öko­no­mie«:

  1. lyam sagt:

    Man hofft es, in der Tat. Aber der Hohn und der Spott über die Wür­di­gung der in­nen­po­li­ti­schen Lei­stun­gen der EU rüh­ren doch da­her, dass die ak­tu­el­le Ver­fas­sung Eu­ro­pas ge­ra­de deut­lich macht, wie »un­fried­lich« und ober­fläch­lich Eu­ro­pa ei­gent­lich ver­eint ist. Wie Du ja so schön auf den Punkt be­ob­ach­test: Im Grun­de ge­nom­men wä­re dies [die »EG«] im­mer noch die kor­rek­te­re, ehr­li­che Be­zeich­nung für das heu­ti­ge 27staatige Ge­bil­de.

    Die für mich aus Dei­nem Kom­men­tar her­vor­ge­hen­de Fra­ge ist ei­gent­lich: Möch­ten oder kön­nen sich vie­le Eu­ro­pä­er (nach wie vor) kaum »[j]enseits der Öko­no­mie« ver­or­ten?

    #1

  2. Krieg oder Frie­den

    »Wer ei­nen Feh­ler ge­macht hat und ihn nicht kor­ri­giert, be­geht ei­nen zwei­ten.«

    Kon­fu­zi­us

    Der Feh­ler »Eu­ro­päi­sche Wäh­rungs­uni­on« ent­stand aus dem Ge­dan­ken, »dass Staa­ten, die ei­ne ge­mein­sa­me Wäh­rung ha­ben, nie Krieg ge­gen­ein­an­der füh­ren«. Die­ser Ge­dan­ke war schon der zwei­te Feh­ler; der er­ste Feh­ler be­stand dar­in, sich gar nicht be­wusst ge­macht zu ha­ben, was ei­ne Wäh­rung ist und wor­aus Krie­ge ent­ste­hen. Wä­re man sich des­sen be­wusst ge­we­sen, hät­te man zu­erst die na­tio­na­len »Wäh­run­gen« in ech­te Wäh­run­gen (kon­struk­tiv um­lauf­ge­si­cher­te In­dex­wäh­run­gen) um­ge­wan­delt, die na­tio­na­len Bo­den­rechts­ord­nun­gen kor­ri­giert und den zoll­frei­en Han­del (Frei­han­del) zwi­schen den eu­ro­päi­schen Staa­ten ein­ge­führt. Der dau­er­haf­te Frie­den wä­re da­durch be­reits ge­si­chert ge­we­sen:

    http://opium-des-volkes.blogspot.de/2012/04/krieg-oder-frieden.html

    #2

  3. Toll, jetzt ha­be ich das doch tat­säch­lich von Be­gleit­schrei­ben zu­erst er­fah­ren!

    Wenn man das Mot­to der Eu­ro­päi­schen Uni­on (»In Viel­falt ge­eint«) ernst nimmt – und ich den­ke man kann das hi­sto­risch be­rech­tigt tun –, dann wird an­hand die­ser knap­pen Apo­rie mög­li­cher­wei­se klar, war­um sich Eu­ro­pa mit ei­ner ein­heit­li­chen Er­zäh­lung im­mer schwer tat und auch tun wird (und ganz ehr­lich: nicht stört das nicht ein­mal). Selbst­ver­ständ­lich aber, wä­re ein Schwer­punkt jen­seits al­ler Öko­no­mie mehr als wün­schens­wert (wo­mit wir beim näch­sten Wi­der­spruch wä­ren).

    #3

  4. petervonkloss sagt:

    Und wie­der auf‘s Neue, Fül­le, Mäch­tig­keit und Al­les, die At­tri­bu­te des Gött­li­chen in Ver­bin­dung mit der Mü­dig­keit, ist durch­aus dem Wer­den nicht ent­ge­gen­ge­setzt (und über­zeugt die klei­ne Sub­jek­ti­vi­tät des Au­gen­blicks (nunc stans) der wie Tie­re exi­stiert (ex­pres­sis ver­bis), aber hoch­ge­stellt das durch­stri­che­ne Sein!! (M. Heidegger)...aber Al­le, an die er (Nietz­sche) sich wen­den könn­te, gibt es nicht.!

    Da­her ver­bleibt die Nietz­sche­sche Aus­le­gung sei­ner Selbst, der ka­ta­stro­phi­schen Mo­der­ne in­hä­rent, da sie
    im­mer den Schei­tel­punkt des Gu­ten zu kom­pen­sie­ren hat, die da­her ei­ne eli­tä­re Hal­tung dem Bö­sen ge­gen­über bis­wei­len be­vor­zugt und po­li­tisch-prak­tisch und sinn­lich in die Weg­strecke legt.

    In­so­fern ist es in der „Be­fäng­nis“ der abend­län­di­schen Me­ta­phy­sik an­ge­legt – die nur noch herz­al­ler­liebst in‘s Christ­lich-So­zia­li­sti­sche aus­zu­wei­chen ver­mag (Eu­ro), um den Nichts­strang ih­res We­sens zu ver­mei­den – die „fort­schritt­li­che“ Li­nie ad in­fi­ni­tum zu ver­fol­gen, d. h. die Ka­ta­stro­phe suk­zes­siv zu rea­li­sie­ren.

    Der Über­mensch ist der „Aus­weg“ für die „We­ni­gen und Sel­te­nen“ (M. Hei­deg­ger) in der Ka­ta-stro­phe.

    #4

  5. blackconti sagt:

    Hohn und Spott bei den Ei­nen, ehr­li­che Freu­de, bei mir z.B., bei An­de­ren. Zwar war ein Grenz­über­tritt nach Hol­land frü­her span­nen­der, denn wenn wir als Kin­der in Gro­nau auf der „fal­schen“ Sei­te des Ba­ches spiel­ten, so kam re­gel­mä­ßig ein bär­bei­ßi­ger, hol­län­di­scher Grenz­wäch­ter und scheuch­te uns „deut­sche Mof­fen“ 3 Me­ter zu­rück auf bun­des­deut­sches Ter­rain, aber ich den­ke, dass nie­mand sol­che Art „Aben­teu­er“ wirk­lich ver­misst.

    Für mich wa­ren die eu­ro­päi­schen Gren­zen mit ih­ren Kon­troll­stel­len mehr als ein hal­bes Le­ben ei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit und des­halb er­le­be ich die Auf­he­bung der Grenz­kon­trol­len, das ent­spann­te, freie Rei­sen quer durch Eu­ro­pa in al­le Him­mel­rich­tun­gen, nach wie vor fast als Wun­der.

    Ver­ges­sen wir doch mal für ei­nen Mo­ment die Eu­ro- bzw. Fi­nanz­kri­se, das Ge­zer­re und die Ego­is­men der „Märk­te“, und schau­en ein­fach mal auf die Land­kar­te der EU. Ein ver­dammt groß­ar­ti­ges, fried­li­ches Ge­bil­de und ein ver­dien­ter, wür­di­ger Preis­trä­ger.

    Und @petervonkloss – Hä­ää? Muss ich das ver­ste­hen?

    #5

  6. Dan­ke für die Kom­men­ta­re. Ich glau­be nicht, dass man heu­te noch mit der Rei­se­frei­heit und den of­fe­nen Gren­zen die Leu­te »be­gei­stern« kann. Wer kennt denn noch die Ver­hält­nis­se aus den 50ern? (Le­se­tipp ei­nes »gro­ßen Eu­ro­pä­ers« in die­sem Zu­sam­men­hang: »Das Pa­ra­dies ist ne­ben­an« von Ce­es Noote­boom [das Buch wur­de in­zwi­schen aus un­er­klär­li­chen Grün­den in »Phil­ip und die an­de­ren« um­be­nannt] – Noote­booms Al­ter ego bricht hier in den 50er Jah­ren zu ei­ner Rei­se quer durch Eu­ro­pa auf; wenn man will zeigt die­ses Buch, wie es VOR der EWG war.) Und, das ist die wich­ti­ge­re Fra­ge: Was hat das mit den heu­ti­gen Pro­ble­men zu tun? Ich be­haup­te: Nichts.

    Der Preis wird jetzt vor al­lem von de­nen in­stru­men­ta­li­siert, die Eu­ro­zo­ne und EU in ei­nen Topf wer­fen. Na­tür­lich war die Im­ple­men­tie­rung ei­ner ge­mein­sa­men Wäh­rung in die­ser Form ein Feh­ler. Aber haupt­säch­lich des­halb, weil man nicht wei­ter­ge­gan­gen ist. Der Volks­mund sagt ganz tref­fend, dass beim Geld die Freund­schaft auf­hö­re. Die EG/EU glaub­te, dass beim Geld die Freund­schaft be­gin­ne. Das er­wies sich als Irr­tum.

    Die Idee der Ver­ei­nig­ten Staa­ten von Eu­ro­pa wur­de ei­gent­lich schon in den 60er Jah­ren suk­zes­si­ve zu Gra­be ge­tra­gen. Man be­schränk­te sich auf ei­nen ge­mein­sa­men Markt. Man hät­te das noch ret­ten, re­vi­ta­li­se­ren kön­nen, wenn die Grün­dungs­mit­glie­der vor­an ge­gan­gen wä­ren und viel­leicht so et­was wie ei­nen Fö­de­ra­len Bun­des­staat ge­grün­det hät­te. Das hat man un­ter­las­sen. Schon da­mals galt – ent­ge­gen der Be­teue­run­gen – Aus­wei­tung der Wirt­schafts­zo­ne vor Ver­tie­fung des Be­stehen­den. Der Sün­den­fall war we­ni­ger die Oster­er­wei­te­rung in den 90er Jah­ren, die dann in den 00er Jah­ren exe­ku­tiert wur­de. Der Sün­den­fall be­gann schon mit der Auf­nah­me Groß­bri­tan­ni­ens in den 70ern. Von da an wur­de es zum Eli­ten­pro­jekt, das mit Mas­se statt Klas­se prot­zen woll­te. Die EU wur­de zur Or­ga­ni­sa­ti­on, in der im­mer mehr die neu­en Mit­glie­der die Be­din­gun­gen be­stimm­ten, nicht um­ge­kehrt.

    #6

  7. Wo­mög­lich be­stand die Er­war­tung, dass aus dem wirt­schaft­li­chen und wäh­rungs­po­li­ti­schen Zu­sam­men­wach­sen (An­nä­hern) ei­ne Freund­schaft ent­ste­hen wür­de (das hat sich nicht er­füllt und kann sich aus die­sem ein­zel­nen An­trieb viel­leicht gar nicht ent­wickeln). An­de­rer­seits: Seit dem letz­ten Welt­krieg sind die eu­ro­päi­schen Staa­ten ein­an­der tat­säch­lich nä­her ge­kom­men, was für vie­le al­ler­dings (s.o.) selbst­ver­ständ­lich ist, weil man es gar nicht an­ders kennt.

    Das Tol­le an Eu­ro­pa ist, dass die ein­zel­nen Staa­ten be­stimm­te kul­tu­rel­le Grund­la­gen tei­len, die­se aber gleich­zei­tig va­ri­ie­ren: Man ist, wenn man ei­nen an­de­ren Staat be­sucht, nicht bei Frem­den, aber auch nicht zu Hau­se. Je­de star­ke Ver­ein­heit­li­chung, ob Bun­des­staa­ten oder »Er­zäh­lun­gen« wer­den von dort Wi­der­spruch er­fah­ren.

    #7

  8. Norbert sagt:

    Es ist lei­der oft so, dass erst dann, wenn et­was zer­stört oder ge­schei­tert ist, man sich der Vor­tei­le er­in­nert. Nur ist es dann oft zu spät. Des­halb ist dem Bei­trag von Gre­gor Keu­sch­nig nur bei­zu­pflich­ten. Wenn nicht fast 70 Jah­re weit­ge­hen­der Frie­den, An­lauf­stel­le für Asyl­su­chen­de aus al­ler Welt, si­gni­fi­kan­te Er­hö­hung des Le­bens­stan­dards, Ab­bau von Feind­schaf­ten zwi­schen vie­len Län­dern usw., wenn dies al­les nicht den Frie­dens­no­bel­preis recht­fer­tig­te, was denn dann?

    #8

  9. @metepsilonema und @Norbert
    Ich möch­te ein biss­chen pro­vo­ka­tiv die Be­haup­tung auf­stel­len, dass die Or­ga­ni­sa­ti­on EWG, EG oder EU eher we­nig zum Frie­den der letz­ten 60, 70 Jah­re bei­getra­gen hat. An­son­sten müss­te ja auch Afri­ka nach der OAU bzw. »Afri­ka­ni­schen Uni­on« ein Hort des Frie­dens sein. Oder die UNO. Wir wis­sen, dass das Ge­gen­teil der Fall ist.

    Frie­den er­reicht man nur durch die Men­schen, die ihn wün­schen. Da­bei wa­ren si­cher­lich die bei­den fürch­ter­li­chen Welt­krie­ge (oder, wenn man will, der ei­ne Welt­krieg von 1914–1945) ab­schrecken­de Bei­spie­le. Auch ei­ne ge­wis­se Er­in­ne­rungs­kul­tur an den Schrecken spielt da ei­ne Rol­le. Aber oh­ne die Men­schen (die Po­li­ti­ker wie die »ein­fa­chen« Bür­ger) wä­re je­der Ap­pell ir­gend­wann nur Ma­ku­la­tur.

    Ich ha­be üb­ri­gens viel ge­gen die zu­neh­men­de »Ver­ein­heit­li­chung« ein­zu­wen­den. Sie steht in ei­nem merk­wür­di­gen Kon­trast zur an­son­sten oft so hoch­ge­lob­ten Viel­falt der Kul­tu­ren. Die EU zeigt, dass man die­se Viel­falt re­gle­men­tie­ren und nur noch als Folk­lo­re be­stehen las­sen möch­te. Ei­ne or­ga­ni­sa­ti­on lebt aber von der Dif­fe­renz der Men­ta­li­tä­ten und Sicht­wei­sen. Da­her ist es m. E. falsch, Völ­kern Kor­set­te zu ver­pas­sen, die ih­nen nicht pas­sen. Grie­chen, Ita­lie­ner, Spa­ni­er wer­den im­mer an­ders wirt­schaf­ten, an­ders es­sen, an­ders le­ben wol­len als Deut­sche, Öster­rei­cher oder Fin­nen. Das ist nicht schlimm. Aber man darf ei­ne Grup­pe nicht zwin­gen, wie die an­de­re zu han­deln und zu le­ben. Da­her soll­te man nur die größ­ten ge­mein­sa­men Nen­ner pfle­gen und be­hut­sam aus­bau­en. Und nicht die Leu­te über­for­dern. (Der Eu­ro war und ist m. E. DAS gro­ße Über­for­de­rungs­in­stru­ment.)

    #9

  10. Norbert sagt:

    @ Gre­gor
    Ich ge­be dir Recht, wenn du dies tat­säch­lich nur auf die Or­ga­ni­sa­ti­on be­ziehst. Aber wa­ren die­se Dach­or­ga­ni­sa­tio­nen wie EWG, EG, EU nicht ei­ne Mög­lich­keit, lang­jäh­ri­ge Dif­fe­ren­zen wie zwi­schen Deutsch­land und Frank­reich, Deutsch­land und Hol­land auf vie­len Ebe­nen zu nor­ma­li­sie­ren und lang­sam auch die Men­schen der Staa­ten ein­zu­be­zie­hen?
    Ich er­in­ne­re mich sehr gut, dass man noch in den 70er Jah­ren in Hol­land oder Frank­reich nicht sel­ten agres­siv an­ge­gan­gen wur­de, nur weil man Deut­scher war. Das ist doch vor­bei.
    Dass in Deutsch­land zeit­wei­se zu sehr die eu­ro­päi­sche Kar­te ge­spielt wur­de und je­de Form von »Na­tio­nal­stolz« (ich mei­ne es im po­si­ti­ven Sin­ne, ha­be aber kein an­de­res Wort da­für), Zu­ge­hö­rig­keits­ge­fühl zu ei­nem Staats­volk tun­lichst ver­mie­den wur­de, führ­te eher zu Miß­trau­em der Nach­barn als zur Nor­ma­li­tät.
    Erst so ein pro­fa­nes Er­eig­nis wie die Fuß­ball­welt­mei­ster­schaft 2006 hat dies doch ent­krampft und noch vor zwei bis drei Jah­ren ge­hör­te Deutsch­land bzw. die Deut­schen zu den be­lieb­te­sten Län­dern bzw. Men­schen der Er­de.
    Dies ver­spielt ge­ra­de die Po­li­tik von Frau Mer­kel zu­min­dest in Süd­eu­ro­pa.
    An­son­sten ge­he ich mit dei­ner Ar­gu­men­ta­ti­on ei­nig.

    #10

  11. petervonkloss sagt:

    Die Ha­ber­mas-Ära ist noch nicht blank,

    .....in ih­ren ver­häng­nis­voll­sten Aus­füh­run­gen, die da wäh­ren die Aus­blen­dun­gen von Träg­heits­ele­men­ten wie Kli­ma, lang­wie­ri­ge kul­tu­rel­le Prä­gun­gen (eth­ni­sche Un­ter­schie­de), un­ter­schied­li­che Raum-Zeit-Wahr­neh­mung
    (durch Ge­schich­te) und vie­le, vie­le Klei­nig­kei­ten, die sich den Zeit­takt­ge­bern aus Brüs­sel entziehen......werden,
    durch wirt­schaft­lich-tech­nisch-po­li­ti­sche Fak­to­ren der Eu­ro-Zo­nen-Kal­ku­la­ti­on, in ein un­ge­heu­res, zy­klon­ar­ti­ges
    Schleu­der­trau­ma ver­setzt, – das We­sen al­ler groß­räu­mi­gen So­zia­lis­men, in das We­sen ei­ner pla­to­ni­schen Idee –
    der „my­sti­sche“ Ha­ber­mas; so daß es kein Ent­kom­men zu ver­nünf­ti­gen, so­zia­len Klein-Räu­mig­kei­ten kom­men
    kann mit ih­ren je­wei­li­gen As­so­zia­tio­nen den je­wei­li­gen „hi­sto­ri­schen“ Si­tua­tio­nen ge­mäß.
    Des­we­gen bleibt am En­de nur die Zi­ta­ti­on M. Hei­deg­gers: »Die Wahr­heit >ist­nur­Raum­Zeit<.« Mar­tin Hei­deg­ger.

    Die List der Ver­nunft.

    Der Eu­ro als Per­pe­tu­um Mo­bi­le des ver­ges­se­nen Seins. Ei­ne durch­aus ko­mi­sche Vor­stel­lung von der Aus­deh­nung des nicht dehn­ba­ren, all­um­fas­sen­den, doch raum-zeit­lich ge­fass­ten, je­weils ge­fä­cher­ten Seins, in die Ver­nünf­tig­kei­ten al­ler Groß­raum­po­li­tik;.
    wo­bei es nur in den Klei­nig­kei­ten der ein­zel­nen Völ­ker, ih­rer je­wei­li­ge Ma­gie und Ero­tik, sich ent­fal­ten
    läßt.
    Die dop­pel­te Auf­he­bung des Deut­schen Idea­lis­mus, des schon falsch ver­stan­de­nen Ha­ber­ma­schen‘
    Schel­ling, in ei­nen ab­strak­ten He­gel, er­gibt „die List der Ver­nunft“;
    Dies ist die Ka­ta­stro­phe der voll­ende­ten, de­fi­zi­en­ten Me­ta­phy­sik des Abend­lan­des: Die letz­te „pla­to­ni-
    sche Idee in den An­schein ei­ner Wirk­lich­keit der letz­ten Va­ri­an­te des So­zia­lis­mus, als post-christ­li­cher Hal­te­punkt vor den Apo­ri­en des Ni­hi­lis­mus.

    #11