Von Ären

Gibt es ei­ne Ge­mein­sam­keit zwi­schen dem Tod von Gün­ter Grass und dem Weg­gang von Jür­gen Klopp von Bo­rus­sia Dort­mund? Zu­nächst er­scheint die­ser Zu­sam­men­hang ver­rückt: Hier der Tod ei­nes 87jährigen Schrift­stel­lers, der mehr als 50 Jah­re gro­ße An­er­ken­nung ge­noß aber auch gleich­zei­tig po­la­ri­sier­te. Und dort ein ver­gleichs­wei­se tri­via­les Er­eig­nis: Ein Fuß­ball­trai­ner ver­lässt den Ver­ein. Zwar nicht ...

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Peer Stein­brück: Ver­tag­te Zu­kunft

Peer Steinbrück: Vertagte Zukunft
Peer Stein­brück: Ver­tag­te Zu­kunft
Da sitzt er, der Mann der vor an­dert­halb Jah­ren Kanz­ler wer­den woll­te. Auf ei­ner Trep­pe, im An­zug, mit ro­ter Kra­wat­te. Für sei­ne Ver­hält­nis­se lä­chelt er fast. »Ver­tagte Zu­kunft« steht über ihm, in pas­sen­der Far­be zur Kra­wat­te. Dar­un­ter »Die selbst­zu­frie­de­ne Re­pu­blik«.

Peer Stein­brück hat ein neu­es Buch ge­schrie­ben. Wie per­vers die­ser Be­trieb ist, kann man dar­an ab­le­sen, dass er er­wäh­nen muss, dass er es sel­ber ge­schrie­ben hat. Sei­ne Ti­tel­the­se ist ein­fach: Der Wahl­er­folg der Uni­ons-Par­tei­en 2013 (41,5%) geht dar­auf zu­rück, dass die Wäh­ler das Be­dürf­nis nach Ru­he und vor al­lem po­li­ti­scher Kon­ti­nui­tät ge­wünscht hät­ten. Stein­brück be­stä­tigt da­mit weit­ge­hend die Aus­sa­ge der Au­gu­ren, die Mer­kels Wahl­kampf­stra­te­gie mit der von Kon­rad Ade­nau­er 1957 ver­gli­chen hat­ten, der mit sei­nem Kon­ter­fei und »Kei­ne Ex­pe­ri­men­te« die ab­so­lu­te Mehr­heit ge­won­nen hat­te. Die Unions­parteien hät­ten die­se Be­schwich­ti­gungs­stra­te­gie nicht zu­letzt mit Hil­fe der Me­di­en er­folg­reich um­ge­setzt. Je­de Kri­tik an den Ver­hält­nis­sen sei als Mie­se­pe­te­rei an­ge­se­hen wor­den. Die Ten­denz ging und geht, so Stein­brück, zur »kon­flikt­scheu­en Po­li­tik«.

Deut­lich wird er, wenn es dar­um geht, dass die SPD sich fra­gen las­sen müs­se, war­um sie die Wäh­ler nicht ha­be mo­bi­li­sie­ren und auf­rüt­teln kön­nen. Die SPD un­ter­schätz­te das »Selbst­bild­nis der Re­pu­blik«, so Stein­brück. Der Wunsch nach Kon­ti­nui­tät re­sul­tier­te nicht zu­letzt aus den rei­nen öko­no­mi­schen Zah­len. Sie spra­chen für die am­tie­ren­de Kanz­le­rin. Stein­brück sah sich zu­dem in der Fal­le, da er sei­nem Na­tu­rell ent­spre­chend ei­ni­ge po­li­ti­sche Ent­schei­dun­gen von schwarz-gelb nicht kri­ti­sie­ren konn­te, weil er ih­nen ei­gent­lich sel­ber zu­stimm­te. Da­zu zähl­te der Ab­bau der Staats­neu­ver­schul­dung (»Schwar­ze Null«) ge­nau­so wie die di­ver­sen Ret­tungs­schir­me für not­lei­den­de Eu­ro-Län­der. Ei­ne Ge­gen­po­si­ti­on hier­zu kam für Stein­brück und die SPD in bei­den Fäl­len nicht in­fra­ge.

Per­fekt hät­ten es die Uni­ons­par­tei­en ver­stan­den, die Wäh­ler für ihr »No­ta­ri­at über die bür­ger­lich-kon­ser­va­ti­ve In­ter­es­sen­wah­rung« zu mo­bi­li­sie­ren. Der Spa­gat für die Op­po­si­ti­on be­stand dar­in, dass man das Land nicht schlech­ter re­den woll­te, als es in gro­ßen Tei­len der Be­völ­ke­rung emp­fun­den wur­de. Die Pa­ro­le nicht al­les an­ders, aber ei­ni­ges bes­ser ma­chen zu wol­len, war be­reits ver­ge­ben. Stein­brück such­te sich The­men. Die­se zün­de­ten je­doch nicht, was er un­ein­ge­schränkt ein­ge­stand.

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Die Ex­per­ten

An­läss­lich des schreck­li­chen Un­glücks von Flug 4U9525 der Ger­man­wings vom Diens­tag wur­de der Fern­seh­zu­schau­er mit zahl­rei­chen so­ge­nann­ten »Ex­per­ten« kon­fron­tiert. Kei­ne Mut­ma­ßung wur­de aus­ge­las­sen, al­le mög­li­chen Theo­rien aus­ge­walzt. Die Kri­tik an die­ser Form der Be­richt­erstat­tung kam fast gleich­zei­tig auf; die Dis­kus­sio­nen um ver­meint­li­chen oder tat­säch­li­chen Per­sön­lich­keits­schutz sind noch nicht ab­ge­ebbt. Aber wer wa­ren, wer sind, die­se ...

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Neu­es Res­sort: »Wie­der­vor­la­ge«

Leo­pold Fe­der­mairs mor­gi­ger Bei­trag »Die Grau­sam­keit der Ver­nunft« über Karl Gutz­kows Buch »Wal­ly, die Zweif­le­rin« be­grün­det ein neu­es Res­sort auf die­ser Web­sei­te. Es heisst »Wie­der­vor­la­ge«. In lo­ser Fol­ge sol­len hier per­sön­li­che Ein­drücke wie­der­ge­ge­ben wer­den, die beim Wie­der­le­sen ei­nes Bu­ches oder viel­leicht er­neu­tem An­schau­en ei­nes Fil­mes oder ei­nes an­de­ren Kunst­wer­kes ent­stan­den sind. Wie hat sich das ...

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Der Tritt

Ti­lo Jung ist das, was man ei­nen Senk­recht­star­ter nen­nen könn­te. 2014 be­kam er für sein Vi­deo­for­mat »Jung und Na­iv« den Grim­me On­line Award. Und er gilt als ei­nes der wich­ti­gen Ge­sich­ter der On­­li­ne-Plat­t­­form »Kraut­re­por­ter«, al­so je­nen Jour­na­li­stin­nen und Jour­na­li­sten, die den On­line­jour­na­lis­mus ret­ten woll­ten. Im Ver­gleich zum An­ge­bot ha­be ich nur ei­nen Bruch­teil von »Jung ...

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Ge­or­ge Packer: Die Ab­wick­lung

George Packer: Die Abwicklung
Ge­or­ge Packer: Die Ab­wick­lung
Im ver­gan­ge­nen Som­mer er­schien Ge­or­ge Packers »Die Ab­wick­lung – Ei­ne in­ne­re Ge­schich­te des neu­en Ame­ri­ka« in deut­scher Über­set­zung. Das Buch hat­te 2013 in den USA den »Na­tio­nal Book Award« für Sach­bücher ge­won­nen. Das me­dia­le Echo im deutsch­sprachigen Raum war ein­hel­lig hym­nisch. Ein­ge­denk des Fern­seh­for­mats der Do­ku-Fik­ti­on lag ein als »Sach­buch« de­kla­rier­tes Werk vor, wel­ches je­doch li­te­ra­risch er­zäh­lend ge­schrie­ben ist. Und tat­säch­lich: Al­le hi­sto­ri­schen Be­zü­ge stim­men; selbst Klei­nig­kei­ten hal­ten der Re­cher­che mü­he­los stand. Die Be­gei­ste­rung über die­ses Buch speist sich dar­aus, dass es dem Au­tor of­fen­sicht­lich ge­lun­gen ist, den Spa­gat zwi­schen Li­te­ra­tur und po­li­ti­scher Auf­klä­rung zu mei­stern. Der zwei­te Grund für den En­thu­si­as­mus dürf­te in der »scho­nungs­lo­sen« (FAZ) Schil­de­rung der US-ame­ri­ka­ni­schen Mit­tel­stands­ver­elen­dung lie­gen, die dem gän­gi­gen Nar­ra­tiv des ge­schei­ter­ten so­ge­nann­ten »Neo­li­be­ra­lis­mus« zu ent­spre­chen vor­gibt. In die­sem Buch wer­den die Fak­ten, wenn über­haupt, sub­ku­tan in ei­ne span­nen­de, ge­le­gent­lich ten­den­ziö­se Er­zäh­lung ein­ge­bet­tet. Meist be­schränkt man sich auf Be­haup­tun­gen, die pars pro to­to All­ge­mein­gül­tig­keit sug­ge­rie­ren. Da­mit ist die Rich­tung vor­ge­ge­ben; Nach­den­ken braucht der Le­ser kaum noch. Er darf sich un­ge­stört dem sog­haf­ten Er­zähl­strom hin­ge­ben.

Was ist »Ab­wick­lung«? Es ist, so Packer, die »Ab­wick­lung der Nor­men«, das, was man De­re­gu­lie­rung nennt, was zu ei­nem Zu­rück­ent­wickeln des Mit­tel­schicht­ver­spre­chens der USA führt. Und mit ihm ver­schwin­det die in­sti­tu­tio­nel­le Kul­tur der De­mo­kra­tie der Mit­tel­schicht, die ein­mal so kon­ge­ni­al be­schrie­ben wird: »Ge­ne­ral Mo­tors, der Gewerkschafts­bund AFL-CIO, der stän­di­ge Aus­schuss für Ar­beits­be­zie­hun­gen, der Chef in der Stadt, Bau­ern­ver­bän­de, die Be­zirks­ver­bän­de der Par­tei­en, die Ford-Stif­tung, der Ro­ta­ry Club, die Frau­en­li­ga, CBS News, der stän­di­ge Aus­schuss zur wirt­schaft­li­chen Ent­wick­lung, die So­zi­al­ver­si­che­rung, das Amt für Bo­den­schät­ze, das Bau- und Woh­nungs­amt, das Ge­setz zur Schaf­fung des Au­to­bahn­net­zes, der Mar­shall-Plan, die NATO, der Rat für in­ter­na­tio­na­le Be­zie­hun­gen, das Stu­di­en­för­de­rungs­ge­setz für Ve­te­ra­nen, die Ar­mee.« All­ge­mein nennt man so et­was »Ge­sell­schafts­ver­trag«. Das Ver­spre­chen: Har­te und ehr­li­che Ar­beit be­deu­te­te öko­no­mi­schen Wohl­stand und ad­äqua­te Par­ti­zi­pa­ti­on an und in der Ge­sell­schaft, so das Ide­al. Statt­des­sen ging die be­rüch­tig­te Sche­re im­mer wei­ter aus­ein­an­der. An Per­sön­lich­kei­ten wie Op­rah Win­frey, Pe­ter Thiel oder Sam Walt­on skiz­ziert Packer die Aus­nah­men: Sie wur­den zu Mil­li­ar­dä­ren, ob­wohl die Vor­aus­set­zun­gen auch hier nicht im­mer gut wa­ren.

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Fritz J. Rad­datz

Fritz J. Rad­datz ist tot. Wirk­lich? Oder ist es nur Spiel von ihm, die heuch­le­ri­schen Nach­ru­fe für ein neu­es Buch zu sam­meln? Man kennt das von Kin­dern, die sich nicht ge­nü­gend ge­liebt füh­len und dann er­le­ben möch­ten, wie El­tern und Freun­de sie auf ih­rer Be­er­di­gung be­wei­nen. Die Lek­tü­re der Ta­ge­bü­cher von Rad­datz ver­mit­tel­te mir ei­nen ...

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Marc De­gens: Fuck­in Su­shi

Marc Degens: Fuckin Sushi
Marc De­gens: Fuck­in Su­shi
Niels Wawr­zy­ni­ak ist 16 oder 17, Gym­na­si­ast und wohnt seit dem Um­zug aus dem Ruhr­ge­biet mit sei­nen El­tern in Bonn. Bei ei­ner Schul­fei­er lernt er den et­wa gleich­altrigen Re­né ken­nen. Bei­de mö­gen Doom Me­tal und vor al­lem lan­ge Mu­sik­stücke. Niels’ er­ster iPod um­fasst 52 Ti­tel, 11 Std., 45 Mi­nu­ten. Ne­ben Bob Dy­lan, Ji­mi Hen­drix (»Ma­chi­ne Gun«), Kraft­werk (»Auto­bahn«) und den Doors (»When the mu­sic is over«) un­ter an­de­rem The Kni­fe, »To­mor­row in a year«, Sunn 0)) mit »Helio)))Sophist«, Das Bier­be­ben »Im Kreis«, Die Krupps mit »Stahl­werk­sin­fo­nie«, Cas­par Brötz­mann mit »Mas­sa­ker« und Ma­nu­el Gött­sch­nigs »E2-E4« (58:39) und T.Raumschmiere.

Niels hat ei­nen Bass. Re­né ei­ne Gi­tar­re und Ideen für Tex­te, die »roh und hart und ehr­lich« sind. Bei­de grün­den ei­ne Band: »R@’n’Niels« (Re­né ist R@ = »rat«). Ei­nes Sonn­tags fah­ren sie, um sich in Bonn nicht zu bla­mie­ren, nach Bad Mün­ster­ei­fel und spie­len dort vor dem Hei­no-Ca­fé. Der Er­folg ist über­schau­bar, aber die Saat keimt. Re­né ge­lingt es, den sechs Jah­re äl­te­ren Lloyd zu be­gei­stern. Von nun an ha­ben sie ei­nen Schlag­zeu­ger und Fah­rer in Per­so­nal­uni­on. Vor al­lem je­doch ei­nen Pro­ben­raum – in ei­nem Turm. Spä­ter kommt noch die Pun­ke­rin Ni­no mit ih­rem Key­board hin­zu. Aus dem Band­na­men »Fun­king Su­shi« wird schließ­lich »Fuck­in Su­shi«. Es geht um »Welt­frie­den und Ab­rent­nern«. Die Lo­gik ist ver­blüf­fend: War­um nicht nach der Schu­le mit der Ren­te be­gin­nen, Mu­sik ma­chen, tags­über Fern­se­hen (»Koch­sen­dun­gen, Zoo­re­por­ta­gen, Hal­len­fuß­ball oder Sommer­biathlon«) und erst dann, so ab 50, mit dem Ar­beits­le­ben be­gin­nen?

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