Peer Stein­brück: Ver­tag­te Zu­kunft

Peer Steinbrück: Vertagte Zukunft

Peer Stein­brück: Ver­tag­te Zu­kunft

Da sitzt er, der Mann der vor an­dert­halb Jah­ren Kanz­ler wer­den woll­te. Auf ei­ner Trep­pe, im An­zug, mit ro­ter Kra­wat­te. Für sei­ne Ver­hält­nis­se lä­chelt er fast. »Ver­tagte Zu­kunft« steht über ihm, in pas­sen­der Far­be zur Kra­wat­te. Dar­un­ter »Die selbst­zu­frie­de­ne Re­pu­blik«.

Peer Stein­brück hat ein neu­es Buch ge­schrie­ben. Wie per­vers die­ser Be­trieb ist, kann man dar­an ab­le­sen, dass er er­wäh­nen muss, dass er es sel­ber ge­schrie­ben hat. Sei­ne Ti­tel­the­se ist ein­fach: Der Wahl­er­folg der Uni­ons-Par­tei­en 2013 (41,5%) geht dar­auf zu­rück, dass die Wäh­ler das Be­dürf­nis nach Ru­he und vor al­lem po­li­ti­scher Kon­ti­nui­tät ge­wünscht hät­ten. Stein­brück be­stä­tigt da­mit weit­ge­hend die Aus­sa­ge der Au­gu­ren, die Mer­kels Wahl­kampf­stra­te­gie mit der von Kon­rad Ade­nau­er 1957 ver­gli­chen hat­ten, der mit sei­nem Kon­ter­fei und »Kei­ne Ex­pe­ri­men­te« die ab­so­lu­te Mehr­heit ge­won­nen hat­te. Die Unions­parteien hät­ten die­se Be­schwich­ti­gungs­stra­te­gie nicht zu­letzt mit Hil­fe der Me­di­en er­folg­reich um­ge­setzt. Je­de Kri­tik an den Ver­hält­nis­sen sei als Mie­se­pe­te­rei an­ge­se­hen wor­den. Die Ten­denz ging und geht, so Stein­brück, zur »kon­flikt­scheu­en Po­li­tik«.

Deut­lich wird er, wenn es dar­um geht, dass die SPD sich fra­gen las­sen müs­se, war­um sie die Wäh­ler nicht ha­be mo­bi­li­sie­ren und auf­rüt­teln kön­nen. Die SPD un­ter­schätz­te das »Selbst­bild­nis der Re­pu­blik«, so Stein­brück. Der Wunsch nach Kon­ti­nui­tät re­sul­tier­te nicht zu­letzt aus den rei­nen öko­no­mi­schen Zah­len. Sie spra­chen für die am­tie­ren­de Kanz­le­rin. Stein­brück sah sich zu­dem in der Fal­le, da er sei­nem Na­tu­rell ent­spre­chend ei­ni­ge po­li­ti­sche Ent­schei­dun­gen von schwarz-gelb nicht kri­ti­sie­ren konn­te, weil er ih­nen ei­gent­lich sel­ber zu­stimm­te. Da­zu zähl­te der Ab­bau der Staats­neu­ver­schul­dung (»Schwar­ze Null«) ge­nau­so wie die di­ver­sen Ret­tungs­schir­me für not­lei­den­de Eu­ro-Län­der. Ei­ne Ge­gen­po­si­ti­on hier­zu kam für Stein­brück und die SPD in bei­den Fäl­len nicht in­fra­ge.

Per­fekt hät­ten es die Uni­ons­par­tei­en ver­stan­den, die Wäh­ler für ihr »No­ta­ri­at über die bür­ger­lich-kon­ser­va­ti­ve In­ter­es­sen­wah­rung« zu mo­bi­li­sie­ren. Der Spa­gat für die Op­po­si­ti­on be­stand dar­in, dass man das Land nicht schlech­ter re­den woll­te, als es in gro­ßen Tei­len der Be­völ­ke­rung emp­fun­den wur­de. Die Pa­ro­le nicht al­les an­ders, aber ei­ni­ges bes­ser ma­chen zu wol­len, war be­reits ver­ge­ben. Stein­brück such­te sich The­men. Die­se zün­de­ten je­doch nicht, was er un­ein­ge­schränkt ein­ge­stand.

Von al­len Rück­sich­ten be­freit

Die mei­sten Be­spre­chun­gen über »Ver­tag­te Zu­kunft« re­ka­pi­tu­lie­ren die Ein­las­sun­gen Stein­brücks zur Kanz­ler­kan­di­da­tur und der Par­tei. Das al­les sei zu früh, un­vor­be­rei­tet und di­let­tan­tisch ge­we­sen, so er­kennt er heu­te. Was an­ders ge­we­sen wä­re, wenn die Kandi­datur drei oder vier Mo­na­te spä­ter er­folgt wä­re, schreibt er nicht. Die­se zum Teil mit Süf­fi­sanz ge­würz­ten Pas­sa­gen ma­chen je­doch nur rund ein Drit­tel des Bu­ches aus. Stein­brück hält es so­gar für not­wen­dig, sei­nen Wunsch nach »Bein­frei­heit« zu recht­fertigen. Wie Fran­zis­ka Aug­stein in der Süd­deut­schen Zei­tung an­merk­te, war aber al­lei­ne die Tat­sa­che, dass Stein­brück die­se er­be­ten hat­te ein Ein­ge­ständ­nis von Schwä­che. Um­ge­kehrt hät­te man ihm »Basta«-Mentalität vor­ge­wor­fen, wenn er sich die­se Bein­freiheit ein­fach ge­nom­men hät­te. Denn Stein­brück kennt sei­ne SPD ge­nau. Mehr­mals ap­pel­liert er an sei­ne Par­tei, die Grün­de für die auch für ihn er­nüch­tern­de Nie­der­la­ge 2013 zu su­chen, da­mit es 2017 nicht zu ei­nem ähn­li­chen Ef­fekt kommt. Die Gro­ße Ko­ali­ti­on als Dau­er­ein­rich­tung hält er für fa­tal; »öster­rei­chi­sche Ver­hält­nis­se« für nicht erstrebens­wert. Ein Bünd­nis im Bund mit den Lin­ken be­zeich­net er al­ler­dings als »Selbst­ent­lei­bung« der SPD. De­zent weist er im üb­ri­gen dar­auf hin, dass sich die schein­bar lin­ke Mehr­heit im Par­la­ment nicht im Wahl­er­geb­nis zeigt: Die Mehr­heit der Deut­schen ha­be 2013 kon­ser­va­tiv bis rechts ge­wählt: Uni­on, FDP und AfD ka­men auf 51%, SPD; Grü­ne und Lin­ke je­doch nur auf 42,7%.

Was Stein­brück nicht schreibt: Er hat­te auf dem Pa­pier al­le Chan­cen. Im Vor­feld wa­ren sei­ne de­mo­sko­pi­schen Zah­len auch im Ver­gleich zur Kanz­le­rin aus­ge­spro­chen gut. Wie die bei­den letz­ten so­zi­al­de­mo­kra­ti­schen Kanz­ler ging auch ihm der Ruf vor­aus, ei­gent­lich in der fal­schen Par­tei zu sein. Für et­li­che Wäh­ler der »Mit­te« und vor al­lem des links­katholischen Mi­lieus wä­re er ei­ne mög­li­che Al­ter­na­ti­ve ge­we­sen. Das Pro­blem be­stand nicht nur in der zum Teil hy­ste­risch ge­führ­ten Dis­kus­si­on um sei­ne Vor­trags­ho­no­ra­re. Es könn­te sein, dass die Wäh­ler bei Stein­brück so et­was wie ei­ne mit­tel­fri­sti­ge program­matische Al­ter­na­ti­ve ver­miss­ten. Es hät­ten ja nicht gleich Vi­sio­nen sein müs­sen.

In sei­nem Buch ist er nun von al­len Rück­sicht­nah­men ge­gen­über Par­tei und Jour­nail­le be­freit. Um dau­er­haft aus der 25%-Marke aus­zu­bre­chen müs­se sich die SPD der Zeit an­pas­sen, so Stein­brück. Die hi­sto­ri­sche Auf­ga­be der So­zi­al­de­mo­kra­tie sei »weit­ge­hend er­füllt«. Zwar sei die Sche­re zwi­schen Arm und Reich in den letz­ten Jah­ren im­mer wei­ter auf­ge­gan­gen und dies müs­se auch be­kämpft wer­den, aber ei­gent­lich sei Deutsch­land ein gut funk­tio­nie­ren­der So­zi­al­staat. Es ge­he nicht mehr dar­um, Gel­der zu ver­tei­len. Ein paar Eu­ro mehr Kin­der­geld hel­fe Fa­mi­li­en nicht bei der Be­schaf­fung ei­nes Ki­ta-Plat­zes. Es müs­se mehr in die so­zia­le In­fra­struk­tur in­ve­stiert wer­den, statt mit mar­gi­na­len Leistungs­erhöhungen zu han­tie­ren. Die Auf­ga­be des Staa­tes soll dar­in be­stehen, so­zia­le Schief­la­gen im Vor­feld zu er­ken­nen und mit ver­bes­ser­ten Rah­men­be­din­gun­gen ent­spre­chend zu han­deln. Stein­brück plä­diert für ei­nen prä­ven­ti­ven So­zi­al­staat statt für ei­nen nur mehr ali­men­tie­ren­den. Zwar ver­tei­digt Stein­brück den Be­griff der »Um­ver­tei­lung«, in­ter­pre­tiert ihn aber nicht im Sin­ne der Ro­bin-Hood-Tra­di­tio­na­li­sten in sei­ner Par­tei, die aus der SPD ei­nen »überalterte[n] Ge­sin­nungs­ver­ein« ma­chen wol­len.

Man könn­te, Stein­brück in­ter­pre­tie­rend, von zwei ri­va­li­sie­ren­den Grup­pen in der SPD spre­chen: tra­di­tio­na­li­sti­sche Dog­ma­ti­ker und Prag­ma­ti­ker. Dog­ma­ti­ker sind die rück­wärtsgewandten, so­zi­al­uto­pi­schem Den­ken ver­haf­te­ten Ideo­lo­gen, die sich nur dann zu­frie­den ge­ben, wenn sie 100% ih­rer For­de­run­gen durch­set­zen kön­nen. Er sel­ber sieht sich wohl eher als Prag­ma­ti­ker und ist fürs er­ste schon zu­frie­den, 50% Pro­gram­ma­tik um­set­zen zu kön­nen.

Frei­heit zu

Stra­te­gisch soll­te sich die SPD nicht nur nach NRW und den dor­ti­gen Stamm­wäh­lern son­dern viel­mehr den wich­ti­gen Bun­des­län­dern Ba­den-Würt­tem­berg, Bay­ern, Sach­sen und Thü­rin­gen zu­wen­den. Hier sei­en 36% der Wäh­ler be­hei­ma­tet, aber die Re­sul­ta­te der SPD nie­der­schmet­ternd. Das gro­ße neue The­ma der SPD sieht Stein­brück in der Frei­heit, und zwar nicht nur von (wie »Knecht­schaft, Fremd­herr­schaft äu­ße­rem Zwang und Will­kür«), son­dern »zu et­was wie zu ei­nem selbst­be­stimm­ten Le­ben, zu Teil­ha­be und Teil­nah­me an den öf­fent­li­chen An­ge­le­gen­hei­ten, zu Bil­dung und Wohl­stand«. Wirtschafts­politisch plä­diert Stein­brück für ei­ne Re­nais­sance der so­zia­len Markt­wirt­schaft; das Er­be Er­hards sol­le man – so et­was pa­the­tisch – der CDU ent­rei­ßen. Ein­her müss­te das Be­kennt­nis zu ei­nem Li­be­ra­lis­mus ste­hen, aber nicht der »Vul­gär­li­be­ra­lis­mus« in Form des Markt­fun­da­men­ta­lis­mus der dem Un­ter­gang ge­weih­ten FDP.

Stein­brücks Weck­ru­fe an sei­ne Par­tei könn­ten aus ei­nem ein­fa­chen Grund ver­hal­len: Der­zeit ist die SPD ei­ne Län­der­macht. In 14 von 16 Bun­des­län­dern sitzt sie in der Re­gie­rung und stellt in neun Bun­des­län­dern den Mi­ni­ster­prä­si­den­ten. Es könn­ten die­se vor­läu­fi­gen Er­geb­nis­se sein, die die SPD in ei­ne Art Selbst­zu­frie­den­heit ver­har­ren las­sen.

Auf fast zwei Drit­teln des Bu­ches be­schäf­tigt sich Stein­brück mit ak­tu­el­len po­li­ti­schen Pro­ble­men – und de­ren Lö­sun­gen. Vier gro­ße The­men­blöcke sind es, die er durch­kne­tet: Na­tio­na­lis­mus und EU; die nach wie vor ent­grenz­ten Fi­nanz­märk­te; die »di­gi­ta­le Re­vo­lu­ti­on« und de­ren Aus­wir­kun­gen; Russ­land und die dro­hen­de geo­po­li­ti­sche In­sta­bi­li­tät. Vie­les, was er an­spricht, ist ei­gent­lich Ber­li­ner Main­stream. Da­zu ge­hört das eu­pho­ri­sche Be­kennt­nis zu »Eu­ro­pa«, was vor­ei­lig mit »EU« gleich­ge­setzt wird. Zwar er­kennt Stein­brück Le­gi­ti­ma­ti­ons­de­fi­zi­te in den In­sti­tu­tio­nen der Eu­ro­päi­schen Uni­on, träumt von mehr Be­fug­nis­sen für das Eu­ro­päi­sche Par­la­ment und sei­ner ei­ner 2. Kam­mer, be­lässt es aber vor­aus­ei­lend re­si­gnie­rend bei klei­ne­ren Ein­wän­den.

Scharf schießt er auf die so­ge­nann­ten Rechts­po­pu­li­sten in ei­ni­gen Län­dern, oh­ne den Ur­sa­chen für die Ak­zep­tanz die­ser Kräf­te nach­zu­for­schen. Die­se Ent­wick­lun­gen die­nen Stein­brück da­zu, Ha­ber­mas’ Vor­schlä­ge für ei­ne um­fas­sen­de, von den je­wei­li­gen Völ­kern ge­tra­ge­ne Eu­ro­päi­sche Ver­fas­sung als zu idea­li­stisch in Be­zug auf die zu er­war­ten­den Re­sul­ta­te zu ver­wer­fen. Auf Deutsch: Die Leu­te sind zu dumm, um die Vor­tei­le der EU zu er­ken­nen. Das die­ser po­li­ti­sche Pa­ter­na­lis­mus in­zwi­schen Teil des Pro­blems der Ak­zep­tanz der EU bis weit in das links­in­tel­lek­tu­el­le Mi­lieu hin­ein dar­stellt, kommt ihm da­bei nicht in den Sinn.

Wuch­tig sei­ne Äu­ße­run­gen zur so­ge­nann­ten »di­gi­ta­len Re­vo­lu­ti­on«, die, so der Ge­stus, glo­bal zu bän­di­gen und zu kon­trol­lie­ren sei. Deut­sche bzw. eu­ro­päi­sche Da­ten­schutz­re­geln sol­len da­bei wie selbst­ver­ständ­lich glo­ba­li­siert wer­den. Die von Stein­brück an­dern­orts ger­ne als »Tech­nik­feind­lich­keit« der Deut­schen ge­brand­mark­te Skep­sis, prak­ti­ziert er bei der Be­wer­tung des In­ter­nets sel­ber: Er ver­fällt in ei­ne Art Schirr­ma­cher-Alar­mis­mus und sieht mehr die Ri­si­ken als die Chan­cen. Holzschnitt­artig die Kri­tik an den »Internet­riesen«, die er als Weltu­sur­pa­to­ren be­schreibt. Ge­ra­de­zu lä­cher­lich, wenn er die Steuer­flucht die­ser (und an­de­rer) Groß­un­ter­neh­men als mo­ra­li­sche Ver­rucht­heit auf­bläst. Er scheint zu ver­ges­sen, dass ein­zig die Po­li­tik an die­sen Um­stän­den Schuld ist. Erst in ei­nem spä­te­ren Ka­pi­tel gibt er klein­laut zu, dass der Steu­er­wett­be­werb in­ner­halb der EU-Mit­glieds­staa­ten ge­wollt sei. Ein­däm­men möch­te er ihn per so­fort nicht, was sei­ne Ar­gu­men­ta­ti­on noch ab­sur­der wer­den lässt.

Die geo­po­li­ti­sche La­ge Eu­ro­pas sieht er nach der Krim-An­ne­xi­on Russ­lands als grund­legend ver­än­dert und be­droh­lich. So herz­haft sei­ne Ab­leh­nung der na­tio­na­li­sti­schen Po­li­tik Pu­tins auch ist, so deut­lich nimmt Stein­brück Stel­lung zu Ver­säum­nis­sen und Fehl­ein­schät­zun­gen der EU in Be­zug auf de­ren Ukrai­ne-Po­li­tik. Stein­brück plä­diert ein­dring­lich für ein wie­der­erstark­tes Ver­trau­ens­ver­hält­nis zwi­schen den USA und Deutsch­land. TTIP be­trach­tet er nicht nur als öko­no­mi­sches, son­dern auch als po­li­tisch-stra­te­gi­sches Pro­jekt. Ein Schei­tern sei fa­tal. Am Pro­test zu TTIP ins­be­son­de­re in Deutsch­land macht er den vi­ru­len­ten Pes­si­mis­mus der deut­schen Ge­sell­schaft fest. Die Fra­ge nach ei­ner drän­gen­de­ren Ver­ant­wor­tung Deutsch­lands in der Welt be­ant­wor­tet der an­son­sten so mei­nungs­freu­di­ge Stein­brück zu­sam­men­ge­fasst mit ei­nem glas­kla­ren Jein. Wert legt er vor al­lem dar­auf, dass Deutsch­land nie­mals mehr po­li­ti­sche Al­lein­gän­ge oh­ne sei­ne eu­ro­päi­schen Part­ner durch­zu­füh­ren ha­be. Und schließ­lich be­merkt er ein biss­chen spitz­fin­dig, dass Ver­ant­wor­tung nicht gleich­ge­setzt wer­den muss mit mi­li­tä­ri­schen Ein­sät­zen. Wenn­gleich Deutsch­land sei­ne mi­li­tä­ri­schen Bünd­nis­ver­pflich­tun­gen der NATO ge­gen­über zu er­fül­len ha­be.

Zahl­rei­che Vor­schlä­ge

Kon­kre­ter wird Stein­brück wenn es um sein Lieb­lings­the­ma, den glo­ba­len Finanz­kapitalismus, geht. Die nach wie vor fast un­ge­hin­dert agie­ren­den Dea­ler in der Finanz­industrie sieht er als gro­ßes Ri­si­ko ei­ner sta­bi­len und halb­wegs ge­rech­ten Welt­ord­nung. Es ist aber in­kon­se­quent, ei­ner­seits Ger­hard Schrö­der als Po­li­ti­ker und Kanz­ler zum Vor­bild zu neh­men, an­de­rer­seits je­doch mehr Re­gu­lie­rung zu for­dern. War es doch Schrö­der, der die De­re­gu­lie­run­gen von Clin­ton und Blair nach Deutsch­land trans­for­miert hat­te. Wenn sich Stein­brück für ein Trenn­ban­ken­ge­setz ein­setzt und die US-ame­ri­­ka­ni­schen Dodd-Frank-Acts und den Volcker-Ru­le von 2010 an­führt, ver­gisst er zu er­wäh­nen, dass die Neu­ge­setz­ge­bung kei­nes­falls iden­tisch mit dem von Clin­ton 1998 ab­ge­schaff­ten Glass-Ste­a­gall-Act ist und zahl­rei­che Aus­nah­me­mög­lich­kei­ten vor­sieht. Von ei­nem eu­ro­päi­schen Trenn­ban­ken­ge­setz wie es in den 1930ern in den USA kon­zi­piert und auch um­ge­setzt wur­de, sind wir weit ent­fernt. Zu­dem hät­te es in­ter­es­siert, war­um Stein­brück glaubt, Deutsch­land sit­ze hier in­ner­halb der EU »im Brem­ser­häus­chen«.

Stein­brücks Wort von der »selbst­zu­frie­de­nen Re­pu­blik« ba­siert im We­sent­li­chen auf zwei An­nah­men: Zum ei­nen die un­ge­brem­ste Ex­port­macht Deutsch­lands, die ei­ne gesamt­wirtschaftliche Baisse wie in an­de­ren Eu­ro- und EU-Län­dern weit­ge­hend ver­hin­dert hat­te. (Dass Stein­brück hier­für auch die Agen­da-Maß­nah­men Schrö­ders, die in ähn­li­cher Form an­de­ren wich­ti­gen Län­dern bis­her un­ter­blie­ben sei­en, als Ur­sa­che sieht, sei am Ran­de er­wähnt.) Die Ex­port­ein­nah­men ma­chen satt und ge­nüg­sam. Wich­ti­ge not­wen­di­ge Re­for­men wer­den ver­scho­ben. Deutsch­land er­scheint als ei­ne In­sel der Se­li­gen.

Ge­fähr­lich wird je­doch zum an­de­ren, so Stein­brück, wenn man nun glaubt, die Fi­nanz- und Eu­ro­kri­se der Jah­re 2007ff sei prak­tisch über­wun­den. Ein­dring­lich zeigt er, dass die­se An­nah­me falsch ist. Zum ei­nen ge­riert sich fast heim­lich die Eu­ro­päi­sche Zentral­bank als »Bad Bank«, in dem sie in gro­ßem Stil Staats­an­lei­hen in Zah­lung nimmt. Ih­re Nied­rig­zins­po­li­tik zwingt An­le­ger förm­lich in ris­kan­te An­la­ge­for­men, von Ak­ti­en bis Hedge-Fonds. Der Ak­ti­en­markt droht, sich auf­zu­blä­hen; die Ak­ti­en­wer­te spie­geln nicht mehr die Un­ter­neh­mens­wer­te wie­der. Gleich­zei­tig wer­den die Ban­ken nicht ge­nug re­gu­liert. Den­noch er­schei­nen Stein­brücks Vor­schlä­ge, das Er­pres­sungs­po­ten­ti­al der Ban­ken zu re­gle­men­tie­ren, ein biss­chen haus­backen: Hal­te­frist im Hoch­fre­quenz­han­del von »drei auf 500 Mil­li­se­kun­den«; Er­hö­hung des Ei­gen­ka­pi­tals (wird durch die rei­nen Vo­lu­mi­na des Han­dels im­mer ein Ha­se-und-Igel-Spiel blei­ben) oder ei­nen auf US-Ver­hält­nis­se zu­ge­schnit­ten Ban­ken-Stress-Test. Da­nach, so Stein­brück, wür­den zahl­rei­che eu­ro­päi­sche Ban­ken nicht die An­for­de­run­gen be­stehen. Die Ant­wort, was dann mit die­sen Ban­ken ge­sche­hen soll, bleibt der Au­tor schul­dig.

In ei­nem Ka­pi­tel mit dem em­pha­ti­schen Ti­tel »Ge­stal­te­te Zu­kunft« ent­wickelt Stein­brück zahl­rei­che Vor­schlä­ge wie die Bun­des­re­pu­blik di­rekt und oh­ne Rück­sich­ten auf Brüs­sel auf die fi­nanz­po­li­ti­schen und öko­no­mi­schen Her­aus­for­de­run­gen im Land re­agie­ren kann. Die­se Vor­schlä­ge rei­chen von ei­ner Pro­gres­si­on der So­zi­al­ver­si­che­rungs­bei­trä­ge in An­leh­nung an die Pro­gres­si­on bei der Ein­kom­men­steu­er, der Er­hö­hung der (pri­va­ten) Erb­schafts­steu­er statt ei­ner Re­vi­ta­li­sie­rung der bü­ro­kra­ti­schen und we­nig er­gie­bi­gen Ver­mö­gens­steu­er (Fir­men­ver­mö­gen blei­ben bei ihm nach wie vor un­an­ge­ta­stet, wenn sie be­stimm­te Kri­te­ri­en er­fül­len), ei­ner Um­satz­steu­er­re­form, nach­dem der er­mä­ßig­te Steu­er­satz von 7% nur noch auf Nah­rungs­mit­tel und Kul­tur­er­zeug­nis­se an­ge­wandt wer­den darf und al­le Aus­nah­men ge­stri­chen wür­den, ei­ner Er­hö­hung der Finanzmarkttrans­aktionssteuer auf De­ri­va­te, der Ab­schaf­fung des Ehe­gat­ten­split­te­rung und der kosten­freien Mit­ver­si­che­rung ei­nes nicht ar­bei­ten­den Ehe­part­ners bei der Kran­ken­ver­si­che­rung bis zur Rück­füh­rung oder min­de­stens Aus­set­zung der ak­tu­ell von der Gro­ßen Ko­ali­ti­on be­schlos­se­nen Ren­ten­pro­jek­te (Müt­ter­ren­te; Ren­te mit 63) und der Er­he­bung von Stu­di­en­ge­büh­ren, die nach dem Stu­di­en­ab­schluss bei ent­spre­chen­der An­stel­lung und Ge­halts­struk­tur fäl­lig wür­den. Die Ein­nah­men möch­te Stein­brück un­ter an­de­rem für öf­fent­li­che In­fra­struk­tur­maß­nah­men, der Wie­der­ein­füh­rung der Mög­lich­keit der de­gres­si­ven Ab­schrei­bung für Un­ter­neh­men, der För­de­rung von Kin­dern mit Migrations­hintergrund und der Auf­stockung des Bun­des­wehr­etats ver­wen­den. Schließ­lich sol­len auch die Kom­mu­nen mit ei­nem neu­en Fi­nanz­aus­gleich ent­la­stet wer­den.

All dies hat man hier und da schon ge­hört und ge­le­sen. Im­mer­hin: Stein­brück be­lässt es nicht beim Kla­gen, son­dern bringt kon­kre­te Vor­schlä­ge. Ei­ni­ge sind – das weiß er sel­ber – nicht auf der Par­tei­li­nie, an­son­sten könn­ten sie in der Gro­ßen Ko­ali­ti­on si­cher­lich schnell um­ge­setzt wer­den. An­de­re klin­gen gut, wie et­wa der Wunsch des Bü­ro­kra­tie­ab­baus für Un­ter­neh­men. Tat­säch­lich neh­men Ver­ord­nun­gen und Do­ku­men­ta­ti­ons­pflich­ten im­mer mehr zu. Aber dies ge­schieht eben durch die Po­li­tik – sei es in Ber­lin oder Brüs­sel. Stein­brücks zehn Vor­schlä­ge für ein bes­se­res Bil­dungs­sy­stem ha­ben in­zwi­schen durch­aus Pa­ti­na an­ge­setzt oder schei­tern re­gel­mä­ßig an Län­de­rei­tel­kei­ten: Re­form der Föderalis­musreform, län­ge­res, ge­mein­sa­mes Ler­nen in den Schu­len, mehr Kom­pe­ten­zen für den Bund, mehr Ganz­tags­schu­len, Quer­ein­stei­ger als Leh­rer. Den Wunsch nach klei­ne­ren Klas­sen als po­li­ti­sches Ziel ken­ne ich per­sön­lich seit 45 Jah­ren.

…und ein paar Wi­der­sprü­che

Ge­le­gent­lich springt Stein­brück zu kurz oder ver­wickelt sich in Wi­der­sprü­che. Zum ei­nen be­klagt er ei­ne Po­li­tik­ver­dros­sen­heit, die sich un­ter an­de­rem dar­in zei­ge, dass die Wahl­be­tei­li­gung sin­ke. Da­bei lässt er voll­kom­men au­ßer Acht, wie sich sei­ne Aus­sa­ge an­dert­halb Jah­re nach der Bun­des­tags­wahl, sei­ne Kanz­ler­kan­di­da­tur sei ein Feh­ler ge­we­sen, auf ei­ne sol­che Po­li­tik- oder, soll­te man bes­ser sa­gen: Po­li­ti­ker­ver­dros­sen­heit di­rekt aus­wirkt. Es ist näm­lich ei­ne ziem­li­che Un­ver­schämt­heit, frank und frei von ei­nem Feh­ler zu spre­chen, nur weil ei­nem das Er­geb­nis bzw. die Um­stän­de nicht ge­passt ha­ben. Auch die Tat­sa­che, ein sol­ches in vie­len Din­gen dis­kus­si­ons­wür­di­ges Buch zu schrei­ben, sich aber längst aus jeg­li­cher po­li­ti­scher Ver­ant­wor­tung, die über das Bun­des­tags­man­dat hin­aus­geht, selbst ent­fernt zu ha­ben, ver­wun­dert.

Die kon­sta­tier­te Po­li­tik­ver­dros­sen­heit hebt man auch nicht da­durch auf, dass man starr an der ak­tu­el­len Form der re­prä­sen­ta­ti­ven De­mo­kra­tie fest­hält und Bür­ger­ent­schei­de nur als »kon­sul­ta­tiv« er­wünscht. Stein­brück be­klagt – zu Recht – ei­nen fa­ta­len Hang der Po­li­tik, sich an de­mo­sko­pi­schen Um­fra­gen zu ori­en­tie­ren, statt kon­se­quent ih­re po­li­ti­schen Pro­gram­me um­zu­set­zen. Gleich­zei­tig kon­ze­diert er, dass das Wahl­pro­gramm der SPD, dem er zu­ge­stimmt ha­be, ei­nen Ge­mischt­wa­ren­ka­ta­log aus al­len mög­li­chen For­de­run­gen be­inhal­te­te, die sich si­cher­lich all­ge­mein gro­ßer Po­pu­la­ri­tät er­füllt hät­ten, aber po­li­tisch un­mög­lich um­zu­set­zen ge­we­sen wä­ren.

Auch die »zu­neh­men­de Be­schleu­ni­gung po­li­ti­scher Pro­zes­se« nicht zu­letzt durch die di­gi­ta­len Me­di­en und de­ren Hy­pes, miss­fällt Stein­brück. Talk­shows wür­den das Par­la­ment er­set­zen; der Jour­na­lis­mus nei­ge da­zu, kom­ple­xe Sach­ver­hal­te ent­we­der zu ver­kür­zen oder zu per­so­na­li­sie­ren. Dem ist na­tür­lich zu­zu­stim­men, aber die Fra­ge, war­um denn Po­li­ti­ker in schö­ner Re­gel­mä­ßig­keit just die­se Ver­an­stal­tun­gen als Gä­ste be­völ­kern, stellt Stein­brück nicht.

So an­re­gend man­che Aus­füh­run­gen auch sind – zu­wei­len wie­der­holt Stein­brück nur die üb­li­chen Flos­keln. Et­wa wenn er von der de­mo­gra­phi­schen Ge­fahr schreibt und zu­gleich ver­kün­det, dass die »di­gi­ta­le Re­vo­lu­ti­on« wo­mög­lich mas­sen­haft Ar­beits­plät­ze frei­set­zen wird. Da­bei bleibt of­fen, wo denn die Ar­beits­plät­ze der Zu­kunft lie­gen sol­len. Oder wenn gleich mehr­mals über ei­nen »Fach­kräf­te­man­gel« ge­klagt wird, ob­wohl sich die­ser we­der in der Ge­halts­struk­tur der be­schäf­tig­ten Fach­kräf­te ent­schei­dend wie­der­spie­gelt noch da­bei auch nur er­wähnt wird, dass die Un­ter­neh­men jah­re­lang vor­her – mit gnä­di­ger Un­ter­stüt­zung der Po­li­tik – die Früh­ver­ren­tung äl­te­rer und mit­hin teu­rer Mit­ar­bei­ter for­ciert ha­ben. Die von ihm ge­for­der­te An­er­ken­nung aus­län­di­scher Stu­di­en- und Be­rufs­ab­schlüs­se be­kommt da­bei den bit­te­ren Nach­ge­schmack des Ge­schenks an die Ar­beit­ge­ber, die da­mit gut aus­ge­bil­de­te Fach­kräf­te aus dem Aus­land zu gün­sti­ge­ren Kon­di­tio­nen er­hal­ten und da­mit ih­re Per­so­nal­ko­sten re­du­zie­ren kön­nen. Ein al­ter Hut bleibt auch der Ap­pell, sich nicht mehr auf die Ren­te als al­lei­ni­ge Al­ters­vor­sor­ge zu ver­las­sen. Wie bei lang an­hal­ten­den Nied­rig­zin­sen und Pro­ble­men für Le­bens­ver­si­che­rer die pri­va­te Vor­sor­ge aus­se­hen soll, bleibt ein Ge­heim­nis.

Stein­brücks Buch ist ge­spickt mit wo­mög­lich in Re­den er­prob­ten, auf die lan­ge Strecke des Sach­buchs je­doch et­was er­mü­den­den Me­ta­phern. Im­mer wie­der ist ir­gend­et­was »Treib­stoff«, dann droht hier und da ei­ne »Kern­schmel­ze« und mehr­mals gibt es den be­rühm­ten »Quan­ten­sprung«, der im­mer noch falsch ver­wen­det wird. Un­ver­ständ­lich, war­um es kei­ne num­me­rier­ten End­no­ten gibt, son­dern statt­des­sen Stern­chen, die der Le­ser dann am En­de müh­sam der Sei­ten­zahl zu­ord­nen muss. Red­un­dan­zen blei­ben nicht aus, im­mer­hin: die ein­zel­nen Ka­pi­tel sind auch un­ab­hän­gig von­ein­an­der für sich ver­ständ­lich.

Am En­de klingt es fast schon wie ein Ver­mächt­nis: »Un­ser Be­dürf­nis nach Ste­tig­keit und Über­schau­bar­keit und ei­ner sta­bi­len in­ter­na­tio­na­len Ord­nung mit Deutsch­land als In­sel der Selbst­ge­nüg­sam­keit wird nicht er­füllt. Die Welt be­fin­det sich in ei­ner Pha­se, in der sie sich un­ter den trei­ben­den Kräf­ten der wirt­schaft­li­chen Glo­ba­li­sie­rung, Di­gi­ta­li­sie­rung, De­mo­gra­phie und ant­ago­ni­sti­schen Ge­sell­schafts­ent­wür­fen neu sor­tiert. Da­bei stel­len sich der west­li­che Ka­pi­ta­lis­mus und der uni­ver­sel­le An­spruch un­se­res Wer­te­sy­stems aus der Sicht an­de­rer Kul­tur­krei­se nicht we­ni­ger als Ideo­lo­gie dar als aus un­se­rer Sicht de­ren ge­sell­schafts­po­li­ti­sche Vor­stel­lun­gen.«

Der­zeit, so die Quint­essenz nicht nur von Stein­brücks Buch, ge­winnt der­je­ni­ge Wah­len, der die­se Er­kennt­nis­se und Hand­lungs­kon­se­quen­zen hier­aus mög­lichst weit von sich weg schiebt. Bei ge­nau­er Lek­tü­re zeigt sich, dass auch Stein­brück den gro­ßen Sprung nicht wagt und statt­des­sen lie­ber sy­stem­im­ma­nent klei­ne­re Re­pa­ra­tu­ren am Be­stehen­den durch­füh­ren möch­te. Man kann ihm das nicht zum Vor­wurf ma­chen. Schwach ist nur, dass er sei­ne Kom­pe­tenz und sei­ne Bär­bei­ßig­keit in ei­ner Art Trotz­re­ak­ti­on (auf wen oder was auch im­mer) nicht mehr in das Ge­mein­we­sen ein­brin­gen möch­te, für das er so ve­he­ment in die­sem Buch strei­tet. Statt­des­sen hilft er jetzt mit an­de­ren El­der Sta­tes­men der Ukrai­ne. Viel­leicht soll­te er sein Bun­des­tags­man­dat zu­rück­ge­ben. Denn da­für hat­te ich ihn nicht ge­wählt.

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