Seymour M. Hershs neuester Artikel im New Yorker schreibt seine Iran-Story vom Frühjahr gewissermassen fort. Hersh beschreibt dort in seinem bekannten Stil, wie Israel mehr oder weniger selbständig den Krieg gegen den Libanon aufgenommen hat – lange geplant. Die Entführung der beiden Soldaten war wohl nur der willkommene Anlass.
Washington brauchte, so Hershs Recherchen, kaum Öl ins Feuer zu giessen. Am Ende beschreibt er sogar, wie es zu Spannungen in der Bush-Administration über Ausmass und Fortsetzung der israelischen Aktivitäten gab. Bush und Cheney unterstützten Israels Vorgehen – Rumsfeld war eher dagegen und sah seine Truppe im Irak noch stärker im Fokus des lokalen Terrorismus und Condoleezza Rice sass vermittelnd dazwischen und wollte angeblich direkte Gespräche mit Syrien beginnen (was wohl abschlägig beurteilt wurde). Wenig schmeichelhaftes ist dem Artikel über den britischen Premierminister Blair zu entnehmen. Aber wie sollte man auch...
…und der Handke-Rezeption in Deutschland und den USA, Sezessionen und Freiheitskämpfen, Karl-Heinz Bohrer und der Aussenpolitik der Vereinigten Staaten.
Es gab in den deutschen Feuilletons 1996 kaum Befürworter für Handkes Position; fast nur Häme. Andreas Kilb in der ZEIT damals war recht ausgewogen. Martin Walser hat, glaube ich, auch was positives dazu gesagt. Einige schwiegen. Wilfried F. Schoeller, damals beim Hessischen Rundfunk, sass während der Frankfurter Lesung nur unweit von mir und war sichtlich auf Handkes Seite. Eine Sendung, die Handkes Position mal ausgewogen darstellte, gab es nicht. Wäre die »Winterliche Reise« ohne diese frontale Medienkritik gewesen, sondern ein purer Reisebericht – man wäre nicht so über ihn hergefallen.
Es war, glaube ich, nicht nur die Medienkritik. Das Buch beginnt ja genauso gut begründet wie das »Abschied des Träumers vom Neunten Land«. Handke gibt Rechenschaft ab für seine Position – also man kann ganz vernünftig mit ihm übereinstimmen, oder eben nicht. Ja, dann kommt die Provokation über die Medien, aber soweit ich mich jetzt erinnere, stürzten sich diese Leute doch auf ihn, weil er etwas anderes berichtete, nicht was sie in ihren Verteufelungen bestätigte. »Andersgelbe Nudelnester« war das auslösende Wort worauf sich die Biester stürzten. Kommt mir vor wie bei einer Hexenjagd.
Am Anfang des Buches sitzt der österreichische Literaturprofessor Stein, der in den USA lebt und arbeitet, im Flugzeug. Für ihn, dem heimatlosen Weltbürger, sind dies fast die schönsten Stunden; Horte der Ruhe; Zeiten, in dem von ihm keine Handlungen, keine Entscheidungen abverlangt werden. Stein sieht eine politische Talkshow im Flugzeugfernsehen. Er nimmt nicht sofort den Kopfhörer, sondern schaut nur dem Fernsehbild zu.
Dann wurde ihm plötzlich die Lächerlichkeit dieser Fernsehrunde bewusst. Wie wenig die hier zum Gespräch geladenen Herrschaften zu überzeugen vermochten, solange der Ton ausgeschaltet blieb! Allein am Gehörtwerden hing ihre Existenz; wie sie da mit den Händen grosse Gesten in den Raum schrieben und mit ihren durchwegs müden – denn begeistert war da keiner mehr – Gesichtern ein wenig Leidenschaft für ihr Thema vorzutäuschen versuchten, ergab ein trauriges Bild...Das »Weltgeschehen« bestand darin, dass darüber geredet wurde.
Stein, 48 Jahre alt, verheiratet, hat zwei fast erwachsene Töchter (15 und 19), einen nicht besonders anstrengenden, aber gut dotierten Beruf, der ihm allerdings keine Befriedigung verschafft, weil ihm die Anerkennung versagt bleibt (was wohl daran liegt, dass er irgendwann schlichtweg das Interesse an der Literatur verloren hat [interessante Innenansicht eines zum Nichtleser gewordenen]). Seine Flüge nach Europa dienen meist nur oberflächlich seinem Beruf; er besucht seinen Freund Stéphane in Paris, ein sehr erfolgreicher und bekannter Anwalt – in vielem das Gegenstück zu Stein. Und er besucht seine Geliebten. Stéphane, der dem Beruf verhaftete Mensch, extrovertiert, mit wechselnden Frauenaffären, in den Tag hineinlebend – Stein der Grübler, introvertiert; aber ebenfalls mit wechselnden Gebliebten.
Der auktoriale Erzähler, eher Stein zugewandt, weiss viel zum Verhältnis der beiden zu erzählen – bis zur Frage, was sie denn tatsächlich als Freunde verbindet oder ob es nicht nur eine Art Bindung ist, die keiner von beiden bisher beendet hat (aus Bequemlichkeit oder Gewohnheit). Freilich sind die Bande der Deserteure des Lebens nicht mit den gängigen Mustern einer normalen »Freundschaft« zu charakterisieren. Obwohl Stein sich dann fast selbst entrüstet zusieht, als er Stéphane zu dessen 50. Geburtstag einen Flug in die Staaten schenkt. Sehnsüchtig erwartet Stein, dass der Fluggutschein verfallen möge – kurz vorher jedoch kündigt der quirlige Freund sein Ankommen jedoch an.
Nicht nur, aber auch in diesem Beitrag wurde die kürzlich eröffnete Ausstellung in Schwerin von Arno Breker thematisiert. Man kann viel dafür und viel dagegen sagen – bildende Kunst gehört nicht zu meinen Spezialthemen. Vielleicht bringt das Interview mit Arno Breker von 1979, geführt von André Müller ein bisschen Licht ins Dunkel.
Wie fast alle Müller-Interviews ist auch dieses sehr intensiv; nicht selten brechen die Interviewten das Gespräch irgendwann ab, da Müller an Grenzen geht; sie gelegentlich überschreitet. Legendär seine Gespräche mit Elfriede Jelinek oder Wolfgang Koeppen.
Michael Roloff, 1937 geboren, ehemaliger Handke-Übersetzer, jetziger Handke-Leser, lebt heute in Seattle. Seine Stellungnahmen zu Handke, seinem Werk, den Ansichten zu Handkes Jugoslawien-Engagement – gelegentlich sperrig, sehr pointiert, und oft lehrreich.
Begleitschreiben: In Peter Handkes Stück »Zurüstungen für die Unsterblichkeit« lässt er den neuen König Pablo sagen:
»Für mich und meine Leute hier Gesetze schaffen, wie es sie noch nie gegeben hat, wie sie ohne Zwang sofort einleuchten, und wie sie auch für überall und alle gelten können – auch für mich selber! Die Enklavenweltverlassenheit darf nicht mehr unser Stammplatz sein. Warum nicht an die Macht kommen? Lust haben auf die Macht, entsprechend der Lust, die der Vorfrühling macht. Eine ganz neuartige, in der Geschichte bisher unbekannte, und dann selbstverständliche Macht ausüben – etwas wie ein Freundschaftsspiel, welches zugleich doch zählt. Die Macht lieben auf eine Weise, wie in der Geschichte noch keiner je seine Macht geliebt hat, so dass dieses Wort weltweit eine andere Bedeutung bekäme...«
Diese Worte, von Gert Voss seinerzeit im Burgtheater gehört, entwickeln Novas Monolog in »Über die Dörfer« weiter. Ist Handke ein politischer Utopist (im durchaus positiven Sinn)?
Michael Roloff
Michael Roloff: Ein bisschen schon, sonst nicht all dieses Pathos. Und das schon zur Zeit des »Langsame Heimkehr«-Zyklus (»Langsame Heimkehr« – »Kindergeschichte« – »Die Lehre der St. Victoire« – »Über die Dörfer«), speziell in Novas hölderlinähnlicher Hymne bei der man, als Übersetzer, am Ende dann nach Luft schnappte! Intrapsychisch gesehen ist das ein Wissen um die Unmöglichkeit der Erreichbarkeit des Ideals.
Auch viel Expressionistisches dort, und später »der neue Mensch ja was ist aus ihm geworden, man hört nicht mehr viel davon« in der »Niemandsbucht«. Deswegen auch wohl das Festhalten an der Idee vom vereinigten Stammesvolk der Südslawen, die eine Geschichte und eine Sprache gemeinsam haben; die Idee, dass daraus noch etwas hätte werden können. Denn in Fukuyamas neokonservativer Welt beispielsweise ist alles Utopische abgeschafft.
Die Aufregung um den CDU-Abgeordneten Norbert Röttgen und seine geplante Übernahme des Postens des Hauptgeschäftsführers des Bundesverbandes der deutschen Industrie (BDI) zeigte manchmal reichlich skurrile Züge. Da wurde Röttgen zum Verzicht auf sein Bundestagsmandat aufgefordert, da er in Interessenkollisionen geraten könnte – hier die Interessen eines frei gewählten, seinen Wählern verpflichtenden Abgeordneten und da die pure »Lobbypolitik« der Industrie.
Zum Zeitpunkt des Interviews von Frank Schirrmacher mit Alice Schwarzer war das »Kopftuchurteil« des Stuttgarter Verwaltungsgerichtes noch nicht gesprochen. Dort war am 7. Juli einer Lehrerin Recht gegeben worden, ihr Kopftuch auch weiterhin während des Unterrichts zu tragen. Die Richter erklärten das von Annette Schavan vor einigen Jahren eilig geflickschusterte Schulgesetz, welches das Kopftuch für ...
Die Fussball-Weltmeisterschaft ist zu Ende – Italien ist Weltmeister; Sieger eines kuriosen Finales. Es war – wie man allenthalben hört – ein tolles Fest; das Wort der »WM-Party« machte die Runde. Hunderttausende standen vor Grossbildschirmen. Berichterstattung hierüber war Pflicht. Gelegentlich konnte man glauben, das Drumherum sei wichtiger als die Spiele.
Die Euphorie, die spätestens nach dem furios gewonnenen Eröffnungsspiel der deutschen Mannschaft einsetzte, kannte kaum noch Grenzen. Voreilige Urteile, ein neuer, gar gefährlicher Patriotismus könne sich entzünden, müssen allerdings wohl begraben werden. Die Fahnen sind schon weitgehend wieder verschwunden. Vermutlich wird die Prognose von Harald Schmidt eintreffen: Spätestens zum Advent ist wieder die alte Stimmung im Land!