Si­sy­phos auf dem Pla­teau ‑1/8-

Ein­blicke in die Aben­teu­er ei­nes be­frei­ten Le­sers

Vor bald vier Jah­ren ha­be ich in die­sem Blog mei­ne Er­klä­run­gen dar­über ver­öf­fent­licht, war­um ich kei­ne Li­te­ra­tur­kri­tik mehr schrei­be. Da­mals be­kam ich un­er­war­tet vie­le Re­ak­tio­nen, von Au­toren, Kri­ti­kern, Le­sern, al­le stimm­ten dem von mir ge­trof­fe­nen Be­fund zu, die mei­sten zeig­ten am En­de ein Schul­ter­zucken: Was soll man denn ma­chen?

Auf die­se Fra­ge weiß ich na­tür­lich auch kei­ne Ant­wort. Viel­leicht kann man wirk­lich nichts tun ge­gen die all­ge­mei­ne Kom­mer­zia­li­sie­rung, Hy­ste­ri­sie­rung, Me­dia­ti­sie­rung, und mög­li­cher­wei­se ist es ge­schei­ter, Un­mög­li­ches erst gar nicht zu ver­su­chen, son­dern an­de­re We­ge – Schleich­we­ge – zu su­chen, um sei­ne Schäf­lein – oder wa­ren es Scherf­lein? – ins Trocke­ne zu brin­gen.

Ein Kol­le­ge, ich ken­ne ihn seit un­se­ren Stu­den­ten­ta­gen und schät­ze ihn als ge­wis­sen­haf­ten Le­ser, der seit Jahr­zehn­ten die Ge­gen­warts­li­te­ra­tur mit sei­nen Ana­ly­sen und Kom­men­ta­ren be­glei­tet, be­stand ein we­nig zer­knirscht und zu­gleich trot­zig dar­auf, wei­ter­zu­ma­chen: Er für sei­nen Teil wer­de nicht auf­hö­ren, Li­te­ra­tur­kri­tik zu schrei­ben. Zum Glück für uns, Au­toren wie Le­ser, fü­ge ich hin­zu. Ich woll­te mit mei­nem Text nicht sa­gen, es sei ge­ne­rell sinn­los ge­wor­den, das zu tun, und fin­de es eh­ren­wert, ge­gen Wind­müh­len zu kämp­fen und Stei­ne den Berg hin­auf­zu­rol­len. Ich tue es selbst, Stei­ne berg­auf, al­ler­dings seit vier Jah­ren nicht mehr auf die­sem Ge­biet, dem li­te­ra­tur­kri­ti­schen, des­sen Her­vor­brin­gun­gen ih­rer­seits li­te­ra­ri­sche Qua­li­tät ha­ben kön­nen. Für mei­nen Rück­zug ha­be ich auch per­sön­li­che Grün­de (die ich da­mals hint­an­hielt); nicht zu­letzt den, daß mir spät, aber doch, auf­ge­gan­gen ist, daß all­zu­viel kri­ti­sches Schrei­ben die ei­ge­ne Au­tor­schaft be­hin­dern kann. Ri­car­do Pi­glia, den ich in den ver­gan­ge­nen Jah­ren viel ge­le­sen ha­be, be­son­ders die Ta­ge­bü­cher des Emi­lio Ren­zi, die kurz vor und nach sei­nem Tod in Spa­ni­en er­schie­nen sind, aber auch die Ro­ma­ne, von de­nen ich die mei­sten schon kann­te – in die­sem Be­richt hier möch­te ich u. a. mit­tei­len, was, war­um und wie ich in die­ser »neu­en Zeit« ge­le­sen ha­be –, Ri­car­do Pi­glia al­so äu­ßer­te vor lan­ger Zeit, tief im 20. Jahr­hun­dert, Au­toren wür­den und soll­ten nicht sy­ste­ma­tisch, plan­mä­ßig, wie Aka­de­mi­ker le­sen, son­dern vom Zu­fall ge­lei­tet, ih­rer spon­ta­nen, wech­seln­den Ein­ge­bung und Neu­gier fol­gend.

Wie al­le Men­schen, die sich die Li­te­ra­tur zur Ach­se ih­res Le­bens er­wählt ha­ben, le­se ich mei­stens meh­re­re Bü­cher gleich­zei­tig, in un­ter­schied­li­chem Tem­po und Rhyth­mus und mit un­ter­schied­li­chem En­ga­ge­ment, man­che nicht bis zum En­de – auch ei­ne Än­de­rung, seit ich kei­ne Li­te­ra­tur­kri­tik mehr schrei­be: Ich füh­le mich nicht mehr, ei­ner ne­bu­lo­sen Ge­rech­tig­keit hal­ber, ver­pflich­tet, le­send ab­zu­war­ten, ob ich dem Buch nicht doch noch et­was ab­ge­win­nen kann. Der­zeit al­so Pave­se, Mo­dia­no und viel­leicht, falls ich zu ihm zu­rück­fin­de, Faulk­ner. Mo­dia­no ha­be ich heu­te wie­der auf­ge­nom­men, ich ha­be ei­nes sei­ner eher schma­len Bü­cher ins eher leich­te Ge­päck für die Rei­se nach Osa­ka und den Auf­ent­halt dort ge­steckt, weil ich et­was Ver­gnüg­li­ches da­bei­ha­ben woll­te; et­was, das mein Herz er­freut. Mag selt­sam klin­gen bei ei­nem Ro­man, der mit ei­ner Ver­miß­ten­an­zei­ge in Pa­ris En­de 1941 be­ginnt, und der Na­me der Per­son lau­tet noch da­zu Do­ra Bru­der. Ich le­se die­ses Buch im Ori­gi­nal, auch dies für mich ein Ver­gnü­gen, nicht bei al­len fran­zö­si­schen Bü­chern, doch im­mer bei Mo­dia­no. Ei­ne mir be­freun­de­te spa­ni­sche Über­set­ze­rin schreibt mir, sie kön­ne kei­ne li­te­ra­ri­schen Über­set­zun­gen mehr le­sen (kei­ne aus dem Deut­schen oder Eng­li­schen, die­se Ein­schrän­kung un­ter­schlägt sie), sie sei miß­trau­isch ge­gen­über dem Wort­laut, hin­ter­fra­ge ihn, kon­trol­lie­re und kri­ti­sie­re die Über­set­zung. Da wä­re es wohl bes­ser, gleich die Ori­gi­na­le zu le­sen; wo­ge­gen na­tür­lich nichts spricht. Ab und zu hö­re ich ir­gend­ei­nen Snob be­haup­ten, er le­se oh­ne­hin nur in der Ori­gi­nal­spra­che; auf mein Nach­fra­gen stellt sich dann im­mer her­aus, daß die­ser ori­gi­nel­le Le­ser nur in ei­ner, höch­stens zwei Fremd­spra­chen zu le­sen im­stan­de ist (nur bei zwei­spra­chi­gen Ly­rik­aus­ga­ben tut er so, als kön­ne er im­mer al­les »sa­vou­rieren«), mei­stens in der eng­li­schen. Der Rest der Welt­li­te­ra­tur soll ihm ver­schlos­sen blei­ben? Das will der ori­gi­nel­le Le­ser dann auch wie­der nicht zu­ge­ben.

Man muß nicht auf­hö­ren, Li­te­ra­tur­kri­tik zu trei­ben, und schon gar nicht, Über­set­zun­gen an­zu­fer­ti­gen, aber mei­ne per­sön­li­che Er­fah­rung ist, daß das Ab­se­hen von der Kri­tik und zeit­wei­se auch vom Über­set­zen das Le­se­ver­hal­ten frei­er macht. Ich le­se, wo­zu ich Lust ha­be: oh­ne­hin ei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit. Gilt nicht nur für Au­toren. Wie man se­hen wird, gilt es aber nur be­dingt. Pi­gli­as Er­klä­rung ist, ty­pisch für sei­ne Denk­form, ex­tre­mi­stisch. Selbst­ver­ständ­lich ent­ste­hen im Lauf der Zeit Mu­ster, Re­gel­mä­ßig­kei­ten, Kon­di­tio­nie­run­gen; der Le­ser pro­du­ziert sie selbst. Den klei­nen Ro­ma­nen Mo­dia­nos eig­net un­ab­hän­gig von ih­rer »The­ma­tik«, die mich bei die­sem Au­tor gar nicht in er­ster Li­nie in­ter­es­siert, ei­ne Leich­tig­keit und Locker­heit des Er­zäh­lens, ei­ne Luf­tig­keit da­durch, daß es ihm ge­nügt, Din­ge, Si­tua­tio­nen, Ge­stal­ten oh­ne lan­ge Um­we­ge kurz an­zu­rei­ßen oder zu um­rei­ßen – »be­schwö­ren« sagt man da­für auch –, da­mit das Er­zäh­len in Gang kommt und wei­ter­geht, wo­bei oft­mals der Ein­druck ent­steht, es wür­de sich von selbst ent­fal­ten; ei­ne Frei­heit und Un­be­küm­mert­heit in die­sem Im­mer-Wei­ter (das oft recht ge­mäch­lich da­her­kommt, sich sel­ten be­schleu­nigt), die für mich das Ver­gnü­gen aus­macht und mich in das Ge­sche­hen, manch­mal Nicht-Ge­sche­hen, den Still­stand, hin­ein­zieht. Und dann so schlich­te wie tief­grün­di­ge, bei­läu­fig ge­äu­ßer­te, aber – so scheint mir – wah­re Sät­ze wie die­ser: »Il faut long­temps pour que re­s­ur­gis­se à la lu­miè­re ce qui a été ef­fa­cé.« Es braucht ei­ne lan­ge Zeit, da­mit wie­der ans Licht kommt, was aus­ge­löscht wor­den ist.

Der Schutzherr der Lesenden

Der Schutz­herr der Le­sen­den

Wäh­rend die­ser drei oder vier Jah­re ist mir oft ein Aus­spruch in den Sinn ge­kom­men, den mir Ma­ría Esther Váz­quez um das Jahr 2000 in Bue­nos Ai­res er­zählt hat­te. Zu die­sem Zeit­punkt auch schon in fort­ge­schrit­te­nem Al­ter, hat­te sie als jun­ge Frau Jor­ge Lu­is Bor­ges als Vor­le­se­rin und zeit­wei­lig als Se­kre­tä­rin ge­dient. Sie la­sen im Ulysses von Joy­ce, als er sie un­ter­brach und dar­um bat, doch et­was Ein­fa­che­res zu wäh­len, et­was von Ki­pling. Des­sen Dschun­gel­ge­schich­ten und auch den Ro­man Kim hat­te Bor­ges schon als Kind vor­ge­le­sen be­kom­men, von sei­ner Groß­mutter in eng­li­scher Spra­che (Der glück­li­che Prinz hat­te er mit neun Jah­ren ins Spa­ni­sche über­setzt, das Er­geb­nis war in ei­ner Ta­ges­zei­tung in Bue­nos Ai­res ver­öf­fent­licht wor­den).1 Ri­car­do Pi­glia sag­te ein­mal, Bor­ges sei im­mer sei­nen an­gel­säch­sisch ge­präg­ten Kind­heits­vor­lie­ben treu ge­blie­ben; Pi­glia wuß­te ge­nau, daß Bor­ges ein äu­ßerst raf­fi­nier­ter Le­ser war, der vor den Schwie­rig­sten – Joy­ce oder Dan­te; Faulk­ner er­kann­te er früh, um nicht zu sa­gen: au­gen­blick­lich – nicht zu­rück­schreck­te und die­ses Raf­fi­ne­ment in ei­ge­ne Li­te­ra­tur zu ver­wan­deln wuß­te. Den­noch blieb die­ses Fun­da­ment des schlich­ten, we­nig re­flek­tier­ten Er­zäh­lens und Er­zählt-Be­kom­mens er­hal­ten, und die Sehn­sucht da­nach mach­te sich von Zeit zu Zeit be­merk­bar. Ein sol­ches Fun­da­ment be­sit­ze ich nicht, es gab bei uns zu Hau­se kei­ne Bü­cher, nur die we­ni­gen, die ich zu Weih­nach­ten ge­schenkt be­kam, Karl May und Ge­schich­ten von ei­nem is­län­di­schen Vul­kan, vom Hoch­ge­bir­ge und vom Fuß­ball, Der Sonn­blick ruft und Die Spat­zen­elf. Dort­hin führt kein Weg zu­rück, und ich will auch gar nicht zu­rück (wie Jo­sef Wink­ler in sei­nen Auf­fri­schun­gen ju­gend­li­cher Karl May-Lek­tü­ren un­term Schutz­ti­tel Win­ne­tou, Abel und ich). Mei­ne Ge­schich­te als Le­ser be­ginnt, als ich vier­zehn war und auf ei­nem Weih­nachts­buch­markt Das Kalk­werk von Tho­mas Bern­hard ent­deck­te und von mei­nem kar­gen Ta­schen­geld kauf­te.

So ganz stimmt das frei­lich nicht. Durch mei­ne Toch­ter ha­be ich die Chan­ce, d. h. das Glück und die Mög­lich­keit der Wie­der­ge­burt, oder be­schei­de­ner: des Nach­ho­lens oder we­nig­stens Nach­füh­lens von Ver­säum­tem. Ich le­se ihr vor, im­mer noch, der alt ge­wor­de­ne Mann liest dem schon ziem­lich gro­ßen Mäd­chen, das selbst je­de Men­ge Bü­cher liest, aber aber auf ja­pa­nisch, zu­letzt Ji­ro Asa­da (Emp­feh­lung für mich)2 und Hi­to­na­ri Tsu­ji (Emp­feh­lung von mir), aber auch Kran­ken­haus­kri­mis von Mi­ki­to Chi­nen – der al­te Mann al­so liest ihr So­phie im Nar­ren­reich vor, zum zwei­ten Mal. Ei­ne Um­keh­rung der Si­tua­ti­on zwi­schen der jun­gen, hüb­schen Ma­ría Esther und dem al­ten, fast blin­den Bor­ges. Am mei­sten pro­fi­tiert, wie­der­um im fran­zö­si­schen Sinn, j’en ai pro­fi­té, von Tom Sa­wy­er und Huck­le­ber­ry Finn, den bei­den ziem­lich rea­li­sti­schen und ein biß­chen phan­ta­sti­schen – ach, der Aber­glau­be der dum­men Schwar­zen, die sich selbst Nig­ger nen­nen, was ich in heu­ti­gen Zei­ten nicht darf, oh­ne ei­nen shit­s­torm zu ern­ten – Ro­ma­nen Charles Dickens’, die wir vor drei, vier Jah­ren zwei­mal ge­le­sen ha­ben, und auch das Buch von Ve­re­na Pe­trasch, das nicht dem rea­li­sti­schen, son­dern dem phan­ta­sti­schen Fach zu­ge­hört, war für mich auf­schluß­reich, nicht zu­letzt im Hin­blick auf die Mach­art ei­ner sol­chen halb (oder drei­vier­tel) phan­ta­sti­schen Er­zäh­lung.

Da­mit man mich nicht für blöd hält: Na­tür­lich gibt es Über­gän­ge zwi­schen den bei­den Di­men­sio­nen, sie­he Ali­ce in Won­der­land, das wir vor viel län­ge­rer Zeit ge­le­sen ha­ben, sie­he aber auch das So­phie-Buch oder Mo­mo oder, von der an­de­ren Sei­te her, Käst­ner, oder Ha­ru­ki Mura­ka­mi, und na­tür­lich ist ein Epi­the­ton wie »rea­li­stisch« hun­dert­tau­send­mal ver­pönt in­fol­ge des Ab­scheus der Li­te­ra­tur­kri­ti­ker, Feuil­le­to­ni­sten, Lek­to­ren und Au­toren, al­so des ge­sam­ten li­te­ra­tur­be­trieb­li­chen Per­so­nals – wo­bei man­che be­dau­ern, daß heut­zu­ta­ge an­geb­lich nur noch »rea­li­stisch« er­zählt wird, von wem?, viel­leicht von Au­toren, die jeg­li­chen Rea­lis­mus zu scheu­en glau­ben.

Ar­me Wirk­lich­keit!

An die­ser Stel­le will ich die Er­in­ne­rung an ei­ne klei­ne Sze­ne nicht aus­spa­ren, die letz­tes Jahr in ei­nem Kran­ken­haus in der Nä­he von Hi­ro­shi­ma statt­fand. Ich war dort für ei­ne Wo­che oder zehn Ta­ge in­ter­niert, Her­zens­an­ge­le­gen­hei­ten, und mei­ne Toch­ter Mayu­ko be­such­te mich zu­sam­men mit mei­ner Frau Yo­shi­ko. Wir sa­ßen an ei­nem Tisch im Be­suchs­raum, als die Kar­dio­lo­gin den Raum be­trat, zu der ich ein über die Jah­re hin­weg fast in­nig (wie es sich für Her­zens­an­ge­le­gen­heit ge­hört) ge­wor­de­nes Ver­hält­nis he­ge, ei­ne klein­ge­wach­se­ne, aber sehr en­er­gi­sche, zu­gleich lie­bens­wür­di­ge und hu­mor­vol­le Per­son. Sie hat­te Mayu­ko als Klein­kind ge­se­hen, mitt­ler­wei­le war sie zwei- oder drei­mal so groß wie da­mals. Ich saß mit dem Rücken zur Tür, mei­ne Toch­ter blick­te in die Ge­gen­rich­tung, und wir wa­ren beim Re­den, als sich plötz­lich ein glück­se­li­ges Licht auf ihr Ge­sicht leg­te. Sie schau­te auf, als kön­ne sie gar nicht glau­ben, was sie da sah, und flü­ster­te zwei- oder drei­mal: Sen­s­ei, sen­s­ei... und dann ir­gend­ei­nen Na­men, den ich nicht ver­steht. Ich wand­te mich um, er­kann­te mei­ne Ärz­tin, die sich un­se­rem Tisch nä­her­te. Sie wech­sel­te ein paar Wor­te mit mei­ner Toch­ter, die im­mer noch in ei­ner an­de­ren Welt zu schwe­ben schien. Ja, Mayu­ko wirk­te re­gel­recht er­ho­ben von die­ser Be­geg­nung, als gin­gen von der Kar­dio­lo­gin ma­gi­sche Kräf­te aus.

Spä­ter er­fuhr ich, wel­ches die Quel­le die­ser Ma­gie war: Bü­cher von Mi­ki­to Chi­nen, in de­nen ei­ne Ärz­tin vor­kam, die ge­nau­so war wie Jo-sen­s­ei, die Kar­dio­lo­gin, die nicht die Li­te­ra­tur, son­dern die Wirk­lich­keit und ih­re Men­schen, dar­un­ter mich, be­glück­te. Aber... Ei­ne so klei­ne, ge­drun­ge­ne Per­son mit lu­sti­gen schwar­zen Au­gen, ei­ne auf den er­sten Blick gar nicht sehr be­ein­drucken­de Ge­stalt wie die­se kam im Buch ei­nes Au­tors vor, der auf schnö­den Pu­bli­kums­er­folg aus war? Nein, sag­te Mayu­ko, es ist nicht das Äu­ße­re, son­dern der Cha­rak­ter. Jo-sen­s­ei hat ge­nau den­sel­ben Cha­rak­ter wie die Ärz­tin im Buch. Und wie sieht sie aus?, woll­te ich wis­sen. Mayu­ko be­schrieb ei­ne Per­son, zwar et­was grö­ßer als Jo-sen­s­ei, aber al­les in al­lem doch ähn­lich. Dem Le­ser von Ro­ma­nen steht es frei, die Fi­gu­ren so zu se­hen, wie er will, wie es ihm sei­ne Phan­ta­sie ein­gibt, oder auch: wie es zu sei­nem wirk­li­chen Le­ben paßt. Der Le­ser hat ei­nen oft sehr gro­ßen Frei­raum, in dem er die Fi­gu­ren mit­kon­stru­ie­ren kann. Wirk­li­che Fi­gu­ren äh­neln de­nen, die der Au­tor im Buch ent­wirft; aber auch um­ge­kehrt, fik­tio­na­le Fi­gu­ren mo­du­lie­ren Per­so­nen des wirk­li­chen Le­bens. In­ten­si­ve Lek­tü­re­er­fah­run­gen be­ein­flus­sen den Blick auf die Wirk­lich­keit.

Ein al­tes Spiel, schö­nes Hin und Her, das im­mer wie­der ir­gend­ein »Avant­gar­dist« neu ent­deckt. Aber schon Don Qui­jo­te funk­tio­niert so, der er­ste mo­der­ne Ro­man Eu­ro­pas (die Ja­pa­ner wa­ren frü­her dran).

Was ich sa­gen woll­te: daß Mo­dia­nos Ro­ma­ne mög­li­cher­wei­se je­nem Be­dürf­nis nach schlich­ten Er­zäh­lun­gen ent­ge­gen­kom­men, das Bor­ges als er­wach­se­ner Au­tor in Mann an der ro­sa Stra­ßen­ecke auf­ge­grif­fen hat­te; Er­zäh­lun­gen, bei Mo­dia­no, von ein­fa­chen oder rät­sel­haf­ten, zwie­lich­ti­gen oder durch­schau­ba­ren Fi­gu­ren und ih­ren Pro­jek­ten, ih­ren un­er­war­te­ten Er­leb­nis­sen, ih­rem Schei­tern; auch ein Be­dürf­nis, bei mir je­den­falls, nach der Nen­nung und Be­schrei­bung, oder eher Be­schwö­rung von Or­ten, vor al­lem in Pa­ris, zum Bei­spiel die Ge­gend um den Floh­markt von Cli­gnan­court; Er­zäh­lun­gen von mensch­li­chen Be­zie­hun­gen, Ar­beits­su­che, Über­le­bens­kampf – und so wei­ter. Da­hin­ter steckt bei Mo­dia­no ein Raf­fi­ne­ment, aber man wird beim Le­sen nicht mit der Na­se dar­auf ge­sto­ßen, und wenn man es wahr­nimmt und be­denkt oder wei­ter­denkt, ist es ein Raf­fi­ne­ment im Sin­ne der Fein­heit: je­mand, der zu wäh­len ver­steht; zu war­ten und zu wäh­len, im rich­ti­gen Mo­ment. Das Buch formt mich, den Le­ser: Es ver­fei­nert mich. Wenn ei­ne Ge­stalt, ei­ne Kon­tur, ein An­sin­nen da ist, ist es da, aber nicht un­be­dingt sicht­bar, greif­bar. Man muß es erst ein­mal er­ken­nen, und dann er­grei­fen. Oder vor­bei­ge­hen las­sen. Ein in die­sem Sin­ne raf­fi­nier­ter Mann – ei­ne raf­fi­nier­te Frau, ein raf­fi­nier­tes Buch – hat ei­nes nicht, ei­ne Ei­gen­schaft, de­ren Ver­brei­tungs­grad in der ge­gen­wär­ti­gen Li­te­ra­tur­sze­ne mich da­zu be­wo­gen hat, all die­se »Neu­erschei­nun­gen« nicht mehr le­sen zu wol­len: Be­müht­heit. Der raf­fi­nier­te Au­tor ist nicht zum Buch ge­gan­gen, die­ses ist zu ihm ge­kom­men, weil er war­ten konn­te und auf­merk­sam war. Die Leh­re Mo­dia­nos: Es – ei­ne Welt, ein En­sem­ble von Fi­gu­ren, ein Ge­heim­nis oder sein Ab­glanz – zeigt sich (nä­hert sich), oder zeigt sich eben nicht (noch nicht). Man kann es nicht er­zwin­gen. In Do­ra Bru­der ist die Ent­ste­hungs­ge­schich­te des Buchs mit­ge­schrie­ben, und die­se Ge­schich­te, die­se lang­wie­ri­ge Ver­mitt­lung, ist das ei­gent­lich Fas­zi­nie­ren­de für den Le­ser. Sie spannt sich über meh­re­re Jahr­zehn­te und ist eben des­halb – span­nend.

© Leo­pold Fe­der­mair

Teil 2/8


  1. In der "großen Borges-Biographie", wie man so sagt, des hochgelehrten Professors Edwin Williamson werden Wilde und Kipling nicht einmal erwähnt. Die Borges-Biographie, die María Esther Vázquez schon in den neunziger Jahren verfaßt hatte, ist etwas weniger opulent, aber viel besser, treffender – und weniger berühmt. Foster Wallace hat Williamsons Buch zurecht kritisiert: "Wenn jemand etwas über Borges' Leben erfahren möchte, dann hauptsächlich wegen seiner Erzählungen. Und Edwin Williamson beschreibt zwar detailliert den explosiven Erfolg, den Borges in seinen mittleren Jahren genoß (…), aber im ganzen Buch wird nicht plausibel, warum Jorge Luis Borges ein so bedeutender Schriftsteller ist, daß er eine so mikroskopische Biographie verdient hat." – Hier noch ein kleiner Einblick in die Gespräche, die Borges und Bioy Casares fast ein Leben lang geführt haben, aufgezeichnet in Bioys sehr opulentem Tagebuch mit dem schlichten Titel Borges. Die folgende Passage stammt aus dem Jahr 1969.

    "Borges: Melville wird in den USA fast wie ein Heiliger verehrt.
    Bioy: Mir scheint, daß er abgesehen von Moby Dick, Bartleby und noch ein paar anderen Erzählungen nicht so viel wert ist. Er neigt zu dieser Großsprecherei minderster Qualität.
    Borges: Es gibt einen anderen Roman von ihm, Billy Budd. Mardi dagegen ist ein Drecksbuch. Vielleicht hatte ich diesen Eindruck, weil ich Fieber hatte, wegen dieser Kopfverletzung mit der Infektion. Ich habe es weggeworfen, so sehr hat es mich abgestoßen."

    Und so weiter. Mit derlei Gesprächen vertrieben sich die beiden Freunde die Zeit, die Jahrzehnte. Die Verletzung, auf die Borges anspielt, hatte er sich 1938 zugezogen. Er erwähnte sie bis in seine letzten Lebensjahre häufig, so daß der Vorfall in seiner Biographie fast mythische Qualität gewann. Die Erfahrung der Todesnähe bedeutete einen tiefen Einschnitt und scheint einige seiner berühmtesten Erzählungen (in Fiktionen) ausgelöst zu haben. In Der Süden ist der Vorfall detailgenau beschrieben. María Esther Vázquez bemerkt dazu: "Es war offensichtlich, daß Borges nach dem Unfall zu Weihnachten 1938 verändert war. Eine fast unmäßige Vorliebe für die phantastische Literatur, für die er sich seit jeher interessierte, schien den gesamten verfügbaren Raum innerhalb seines Schaffens besetzt zu haben und machte aus ihm eine andere Person, mit welcher der düstere Bibliothekar der Bibliothek Miguel Cané ein Parallelleben führte." (Anmerkung zur Anmerkung, letzter Satz: Borges, damals ohne jedes internationale Renommée, arbeitete in einer kleinen Stadtteilbibliothek, die er jeden Morgen nach einer langen Straßenbahnfahrt erreichte (während der er u. a. Dantes Göttliche Komödie las). 

  2. Ein Autor, der in Japan sowohl der junbungaku als auch der taishubungaku zugeordnet wird, also der "reinen" wie auch der Unterhaltungsliteratur. Jedenfalls für Dreizehnjährige geeignet (mit dreizehn hätte ich selbst Thomas Bernhard noch nicht lesen können). The Stationmaster, so die englische Übersetzung, eine Sammlung von Geschichten, fand ich ziemlich gut. 

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  1. Ei­ner, der schon fast zum Nicht­le­ser ge­wor­den ist, freut sich wie Bol­le auf die Fort­set­zun­gen. Wird si­cher­lich so gran­di­os, wie die and­re Es­say­rei­he.

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