Si­sy­phos auf dem Pla­teau ‑2/8-

Ein­blicke in die Aben­teu­er ei­nes be­frei­ten Le­sers

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Ich könn­te die »Neu­erschei­nun­gen« und die Na­men ih­rer Ver­fas­ser er­wäh­nen, die ich in den letz­ten Jah­ren ge­le­sen ha­be, weil sie mir mehr oder min­der zu­fäl­lig zwi­schen die Hän­de ge­kom­men sind, und die ich wi­der­wil­lig zu En­de ge­le­sen oder vor­zei­tig weg­ge­legt ha­be, aber ich wer­de es nicht tun. Vie­len die­ser Au­toren kann man die Ver­öf­fent­li­chung nach­se­hen, viel­leicht al­len, auch mir selbst. So ein­ge­spannt in den Be­trieb und/oder in das ei­ge­ne Werk (wenn man sich ein­span­nen läßt), pro­du­ziert man zu viel. Oder aus an­de­ren Grün­den, so­gar aus in­ne­rer Not­wen­dig­keit, den­noch zu viel. Ich wer­de kei­nen die­ser Na­men nen­nen, au­ßer viel­leicht den ei­ner Au­torin, de­ren Bü­cher ich schät­ze und die fern von wo lebt, von Deutsch­land Bay­ern Öster­reich (wo ich nicht le­be) und die­se No­ti­zen nicht le­sen wird (aber ihr Lek­tor, ihr Ver­le­ger?), Hi­ro­mi Ka­wa­ka­mi, ihr letz­tes Buch in der Über­set­zung der von mir eben­falls sehr ge­schätz­ten Ur­su­la Grä­fe hat­te ich nach mei­nem neu­en Frei­heits­prin­zip in ei­ner klei­nen Buch­hand­lung in Frank­furt am Main ge­kauft und noch vor der Hälf­te des Gan­zen weg­ge­legt, ir­gend­wo im öf­fent­li­chen Raum zu­rück­ge­las­sen, viel­leicht kann wer an­de­rer was da­mit an­fan­gen, ich nicht; viel­mehr war ich ge­nervt von die­ser Art von Leich­tig­keit, Li­te­ra­tur light, Ge­heim­nis­tue­rei, Be­lang­lo­sig­keit, aber egal, ich darf mir das jetzt er­lau­ben, mei­ne Ge­nervt­heit und sie aus­zu­drücken, ich un­ter­lie­ge kei­nen Zwän­gen (mehr), auch Fehl­käu­fe darf ich mir er­lau­ben, die ge­sche­hen bei je­der Art von Pro­duk­ten; al­so kei­ne Na­men, sag­te ich, denn ich will und muß kei­ne Feind­schaf­ten auf mich zie­hen, je­den­falls nicht mut­wil­lig, nicht oh­ne Not­wen­dig­keit. Es gibt Au­toren, die ich als – sei es pri­va­te, sei es öf­fent­li­che – Per­so­nen schät­ze oder schlicht und ein­fach mag, oder die ich re­spek­tie­re, mit de­ren künst­le­ri­schen Er­zeug­nis­sen ich aber nichts an­fan­gen kann. Wie da­mit um­ge­hen? Ei­ne schwie­ri­ge und in­ter­es­san­te Fra­ge, die man, wenn über­haupt, nur von Fall zu Fall wird be­ant­wor­ten kön­nen, und die ei­nen un­wei­ger­lich in Wi­der­sprüch­lich­kei­ten ver­strickt. Auch das Um­ge­kehr­te kommt üb­ri­gens vor, un­an­ge­neh­mer Au­tor, un­gu­te Per­son, groß­ar­ti­ges Werk.

Ich le­se über Do­ra – von Do­ra, möch­te ich sa­gen, wie man von je­man­dem hört und nicht über ihn (»hast du et­was von ihm/ihr ge­hört?«) – in ei­nem Ca­fé na­mens Cas­ca­de (Kas­ka­de, Was­ser­fall), das ich vor fünf­zehn Jah­ren oft be­such­te, als ich hier im Hank­yu-Bahn­hof von Um­e­da bald aus‑, bald um­stieg. Ich weiß jetzt, nach all den Jah­ren, viel­leicht bes­ser als da­mals, was mich an dem Ort an­zog, ab­ge­se­hen da­von, daß die Mehl­spei­sen viel­fäl­tig und schmack­haft, nicht zu süß und nicht zu teu­er wa­ren (ei­ne so­ge­nann­te Bak­e­ry, das Ca­fé ge­hört zu ei­ner Bäcke­rei): die zwei gro­ßen, da­bei de­zen­ten, im­mer sau­be­ren Groß­spie­gel an der ei­nen Wand, wo die Gä­ste ne­ben­ein­an­der an ei­nem lan­gen und ziem­lich brei­ten Tisch sa­ßen, ei­nem Wand­tisch aus mas­si­vem hel­lem Holz, wo ich gut le­sen und schrei­ben konn­te und kann, und zwi­schen­durch, wenn ich den Blick vom Buch oder Heft he­be, das Kom­men und Ge­hen be­trach­ten, das Sit­zen und Sin­nie­ren und Plau­dern, das Aus­wäh­len von Mehl­spei­sen im Hin­ter­grund, Frau­en mit silb­ri­gen Zan­gen und wei­ßen waag­rech­ten Ta­bletts, das Sit­zen und Plau­dern und War­ten und Su­chen von Men­schen, über­wie­gend Frau­en, die mei­sten wohl Haus­frau­en in Shop­ping­pau­se, aber auch von Män­nern, die die Män­ner­welt der Bü­ros satt­hat­ten, Su­chen im Spie­gel, manch­mal nach mir, nach mei­nem Blick, den bei­de dann ab­wen­den, so­bald er ge­fun­den ist, und das Spiel geht wei­ter, die Su­che geht wei­ter. Ich le­se von Do­ra, die auf ei­nem Fo­to, wo sie neun oder zehn Jah­re alt ist, vor ei­nem Vo­gel­kä­fig steht, ei­ner Vo­lie­re ver­mut­lich, de­ren In­halt oder In­sas­sen man nicht aus­ma­chen kann, Vo­gel oder Vö­gel, viel­leicht zwei, man weiß es nicht, weil die Um­ge­bung des Mäd­chens in tie­fem Schat­ten liegt und man Um­ris­se kaum ah­nen kann. Ich he­be die Au­gen vom Buch und be­mer­ke rechts un­ten auf der Spie­gel­flä­che den Kä­fig, die Vo­lie­re, säu­ber­lich auf­ge­klebt, wie schwar­zes Schmie­de­ei­sen, oben kup­pel­för­mig ge­run­det, dar­in ein klei­ner Vo­gel, viel­leicht nur ein Sper­ling, im Schat­ten­riß, si­cher kein Pa­pa­gei, und ei­ne Blu­me, die sich zwi­schen den Stä­ben hin­ein­rankt, um sich mit dem Vo­gel zu ver­ei­nen oder gar – ihn zu be­frei­en. Die­ses Bild hat­te ich auch vor fünf­zehn Jah­ren be­merkt, aber nicht mit der ge­büh­ren­den Auf­merk­sam­keit; jetzt ist es dank mei­ner Lek­tü­re kräf­ti­ger, prä­sen­ter. Und die Lek­tü­re, der Wahr­neh­mungs­mo­ment im Buch, ist durch mei­nen Auf­blick ge­stärkt, weil mir das Ste­hen Do­ras am Rand des Schat­tens und die Ah­nung des­sen, was im Dun­kel liegt, als Me­ta­pher da­für er­schei­nen kann, was ein Buch, ei­ne Er­zäh­lung wie die­se tun kann: für uns, mit uns, für die Ab­we­sen­den, die Be­schwo­re­nen, für sich selbst.

Sky-Building, welches das beste Kino von Osaka beherbergt © Leopold Federmair

Sky-Buil­ding, wel­ches das be­ste Ki­no von Osa­ka be­her­bergt © Leo­pold Fe­der­mair

Ro­ma­ne ent­hal­ten künst­li­che Wel­ten, Fik­ti­on ist Vir­tua­li­tät, nicht an­ders als die Bil­der­flut im In­ter­net oder die Vor­stel­lungs­bil­der im Kopf. Die­se Welt und mei­nen Text, von dem ich nicht weiß, auf wel­cher der bei­den Sei­ten sein Ort ist, ver­las­send ha­be ich mich auf den si­cher­lich rea­len Weg zu ei­nem et­wa fünf­zig Stock­wer­ke auf­ra­gen­den Hoch­haus ge­macht, um dort, nur im drit­ten Stock, ei­nen Film zu se­hen, der wie ei­ne Do­ku­men­ta­ti­on an­ge­legt, aber zwei­fel­los ein so­ge­nann­ter Spiel­film ist, Sor­ry We Mis­sed You von Ken Loach (wo­bei sich gleich die Fra­ge stel­len lie­ße, in­wie­weit Do­ku­men­ta­ti­on mit fil­mi­schen Mit­teln nicht eben­falls Fik­ti­on ist; am En­de ent­hält je­de mensch­li­che Le­bens­äu­ße­rung jen­seits des At­mens und der blo­ßen Be­dürf­nis­be­frie­di­gung we­nig­stens ein Gran Er­fin­dung, Ver­dich­tung, Aus­las­sung, Ne­ga­ti­on, und die Schrift­stel­ler, die Dich­ter sind nichts an­de­res als be­son­ders ge­schul­te oder ta­len­tier­te oder er­fah­re­ne Spe­zia­li­sten der Er­fin­dung). Und als ich das Ki­no ver­ließ, hat­te ich vor, in mei­ne Text­land­schaft zu­rück­zu­keh­ren und dies in ei­nem an­de­ren Ca­fé zu tun, am be­sten oben im drei­ßig­sten Stock des Gran Hank­yu Buil­ding, in luf­ti­ger Hö­he, da kann man, wie schon Nietz­sche mein­te, wirk­lich gut den­ken und schrei­ben, in der Hö­hen­luft. Oben an­ge­kom­men, ist mir die War­te­schlan­ge zu lang, Um­e­da und sei­ne Ca­fés quel­len an die­sem letz­ten Sonn­tag des Jah­res über von Shop­pern und Win­dow-Shop­pern, die frü­her oder spä­ter er­mü­den, auch Män­ner­run­den dar­un­ter, die vor dem Jah­res­wech­sel noch ein­mal mit­ein­an­der plau­dern oder eher, ha­be ich den Ein­druck, schrei­en wol­len (of­fen­bar wirkt Kaf­fee auf sie wie Al­ko­hol). Ich kann im Lärm und ge­gen den Lärm recht gut schrei­ben, doch der Kon­sum­tau­mel, die­ser kul­tur­ka­pi­ta­li­sti­sche Nor­mal­zu­stand der Wo­chen­en­den, ist mir dann doch zu­viel.

Re­si­gniert woll­te ich mich schon auf den Weg nach Hau­se ma­chen, zu mei­ner Schwie­ger­mut­ter, die dem Schrei­ben auch nicht ge­ra­de för­der­lich ist, ha­be dann aber noch Tem­pura-Udon in ei­nem Steh­lokal auf dem Bahn­steig ver­zehrt – ei­ner der letz­ten preis­gün­sti­gen Im­biß­lä­den in dem an­son­sten rund­um­er­neu­er­ten und ‑ver­teu­er­ten Stadt­vier­tel) und mich da­bei an ein ganz nor­ma­les, be­stimmt nicht ge­müt­li­ches, ver­mu­te­te ich, Ca­fé der Tully’s‑Kette am En­de der Bahn­stei­ge, kurz vor der Ab­sper­rung, er­in­nert. Fast hät­te ich den Zu­gang nicht ge­fun­den, denn der ist schmal und steil, das Tully’s liegt im Halb­stock, der Ort ist das, was ich am lieb­sten »Du­pleix« nen­ne. Kei­ne War­te­schlan­ge, das Ca­fé ist nicht ele­gant ge­nug, au­ßer­dem ab­seits der Strö­me der Ein­kaufs- und Ver­gnü­gungs­be­gie­ri­gen, die es al­le­samt ei­lig ha­ben, so­bald sie die Ab­sper­rung, egal von wel­cher Sei­te, vor Au­gen ha­ben. (Von de­nen, die hier­her­kom­men, ha­ben sich die mei­sten ver­ab­re­det, um dann ge­mein­sam den Zug nach Kyo­to, Takats­uki oder Ki­ta-Sen­ri zu neh­men.) Hier sit­ze ich jetzt knapp un­ter dem Flach­dach die­ses weit­läu­fi­gen Bahn­hofs, recht be­quem und ru­hig in ei­ner Ecke, von Zeit zu Zeit – nicht auf­blickend, nein, son­dern hin­un­ter zu den bor­deau­x­ro­ten Zü­gen und dem Men­schen­ge­wim­mel und den grü­nen Krei­sen mit den wei­ßen Bahn­st­eig­num­mern; sit­ze und for­me Ge­dan­ken, Sät­ze, wohl auch Men­schen, zu­min­dest mich selbst.

Im Zug nimmt mir ge­gen­über ei­ne Frau Platz, die mir durch ih­re Kör­per­grö­ße und Ele­ganz der Be­we­gun­gen auf­fällt. Trotz­dem ver­tie­fe ich mich wei­ter in mein Buch, und als ich das näch­ste Mal auf­blicke, sitzt ei­ne an­de­re, eher ge­drun­ge­ne Frau an ih­rer Stel­le. Was ich in die­sem Mo­ment emp­fin­de, ist nicht ein­fach Ent­täu­schung, son­dern ein tie­fer Schrecken, als sei die an­de­re nicht bloß aus­ge­stie­gen und nach Hau­se in ihr Apart­ment im na­men­lo­sen Ir­gend­wo der Vor­städ­te ge­gan­gen oder in ei­ne Kin­der­ta­ges­stät­te oder zu ei­ner Freun­din, wo sie an ih­rem ge­wohn­ten Le­ben wei­ter­strickt; nein, es ist, als wä­re sie für im­mer ver­schwun­den, nicht nur aus mei­nem Blick, son­dern auch aus dem Le­ben ih­res Kin­des, ih­rer Freun­din, ih­rer Fa­mi­lie ver­schwun­den, des­a­pa­re­ci­da, zwar um­stands­los, schmerz­los, er­schrecken­der als der Tod mit sei­nem Schat­ten, sei­nem Leid. Um­so schänd­li­cher, daß nun ei­ne an­de­re Frau ihr Ge­säß auf dem gras­grü­nen Flaum zu­recht­rückt, bis auch sie, an der Hal­te­stel­le Sho­ja­ku viel­leicht, für im­mer von uns ge­gan­gen sein wird…

Dann bin ich plötz­lich krank ge­wor­den. Ein Vi­rus – bei dem Wort denkt man heut­zu­ta­ge zu­erst an Com­pu­ter und So­zia­le Me­di­en als an kör­per­li­che Krank­hei­ten, d. h. an die »über­tra­ge­ne«, me­ta­pho­ri­sche Be­deu­tung des Worts. Se­cond de­gré, die zwei­te, hö­he­re, sym­bo­li­sche Ebe­ne ist wich­ti­ger ge­wor­den als die er­ste, phy­si­sche. Mein Com­pu­ter ist krank, mein Han­dy ist krank… Und du selbst? In ei­nem sol­chen Zu­stand, wenn man, Kör­per und Geist im Ver­ein, ge­gen Ma­gen­ko­li­ken an­kämp­fen und den un­ver­dau­ten Ma­gen­in­halt los­wer­den will, aber nicht kann, und sich das Äch­zen und Stöh­nen vom Wil­len nicht mehr un­ter­drücken läßt, weicht al­le Vir­tua­li­tät zu­rück, wird dünn, löst sich auf. Nach ei­ner Wei­le bist du nur noch Kör­per, pre­mier de­gré, d. h. Schmerz, das dumpf ge­wor­de­ne Den­ken rich­tet sich al­len­falls noch auf Fra­gen wie die, ob es der Kör­per recht­zei­tig bis zur Toi­let­te schaf­fen wird.

E/U Literatur © Leopold Federmair

E/U Li­te­ra­tur © Leo­pold Fe­der­mair

Nach mei­ner Ge­ne­sung – der Pri­m­ärzu­stand, über den es sonst nichts zu sa­gen und zu schrei­ben gibt – hat kaum ei­nen Tag ge­dau­ert und mit ei­nem vor­läu­fi­gen Sieg von »mir«, d. h. mit ei­nem Ge­wit­ter der Ent­lee­rung ge­en­det, liest mir Mayu­ko ei­nen Ab­schnitt aus ei­nem Buch von Ji­ro As­a­da vor, der schil­dert und zu er­klä­ren ver­sucht, wie und wes­halb er als jun­ger, we­nig er­folg­rei­cher Au­tor je­des­mal den un­wi­der­steh­li­chen Drang ver­spür­te, auf die Toi­let­te zu ge­hen, wenn er ei­nen Buch­la­den be­trat: je grö­ßer die Buch­hand­lung, de­sto grö­ßer der Drang, de­sto grö­ßer die Schei­ße (kso, mit die­sem hüb­schen Wort en­det der Text). Am größ­ten war der Drang na­tür­lich bei Ki­no­ku­n­i­ya in Shin­juku, in der Me­ga­buch­hand­lung in der Me­ga­stadt, wo ich ein­mal mit Mayu­ko ei­nen Vor­mit­tag ver­bracht ha­be, nach­dem sie im Kran­ken­haus von Hi­roo ih­re ei­ge­ne Vi­rus­er­kran­kung über­wun­den hat­te. Ta­chi­yo­mi­sha fiel mir da­mals als Bild­un­ter­schrift zu dem Bild ein, das ich sah und auf­nahm: Ste­hend­le­se­rin. Wir ha­ben auch über die Ak­zep­ta­bi­li­tät die­ses Worts dis­ku­tiert.

Nach die­sen le­bens­be­ding­ten Ab­schwei­fun­gen hät­te ich Lust, ih­nen noch mehr Raum zu ge­ben, mich mit­ge­hen zu las­sen, in den sich öff­nen­den Raum hin­ein. Ich wür­de vom Fern­se­hen spre­chen, weil mein Kör­per in der Sil­ve­ster­nacht zu ge­schwächt war, um aus­zu­ge­hen, und mir nichts an­de­res üb­rig­blieb, als mit Mayu­ko und ih­rer Groß­mutter das gro­ße, vor­wie­gend mu­si­ka­li­sche und ne­ben­bei ko­mö­di­an­ti­sche Sil­ve­ster­pro­gramm auf NHK zu se­hen, zwi­schen­durch Mo­dia­no le­send, mein wah­res Ver­gnü­gen, und ein­mal glück­lich zap­pend die Schluß­mi­nu­ten von Pro­kof­jews Ro­meo und Ju­lia mit den Ber­li­ner Phil­har­mo­ni­kern er­ha­schend. Ich wür­de mich über das ja­pa­ni­sche Fern­se­hen aus­las­sen (das ich in Wahr­heit fast gar nicht ken­ne), wür­de aus der Di­stanz mei­nes eu­ro­päi­schen Kop­fes und mei­ner öster­rei­chi­schen Au­gen, oder ge­nau­er: mei­ner zu an­de­ren Zei­ten in an­de­ren Ge­gen­den ge­schmie­de­ten Wahr­neh­mungs­in­stru­men­te, an di­ver­se Neu­hei­ten nicht ge­wöhnt, die im üb­ri­gen kei­ne Neu­hei­ten mehr sind, son­dern Ge­wohn­hei­ten, wür­de al­so er­zäh­len vom Ge­samt­ein­druck der in ei­nem fort nicken­den, zu­stim­men­den, ja­sa­gen­den Köp­fe von Mo­de­ra­to­ren, Ko­mi­kern, Künst­lern, Sport­lern, aus ir­gend­wel­chen Grün­den pro­mi­nen­ten Men­schen, von die­sem un­ab­läs­si­gen, stun­den­lan­gen Kopf­nicken, wel­ches das Kopf­nicken ei­nes ge­sam­ten Volks re­prä­sen­tie­ren soll und re­prä­sen­tiert. Es gibt hier, auf die­ser Büh­ne, kei­ne Nein­sa­ger, ab­ge­se­hen von ei­nem Rug­by­spie­ler der in die­sem Jahr so er­folg­reich ge­we­se­nen ja­pa­ni­schen Na­tio­nal­mann­schaft, ei­nem Schrank von ei­nem Mann, der da­durch be­rühmt ist, daß er nie lacht und (fast) nie lä­chelt, aber trotz­dem sym­pa­thisch wirkt, ein ja­pa­ni­sches Welt­wun­der; ich wür­de den Per­fek­tio­nis­mus an­spre­chen, die hol­ly­wood­mä­ßi­ge, mit Com­pu­ter­pro­gram­men und zahl­lo­sen tech­ni­schen, auch me­cha­ni­schen Mit­teln und Knif­fen er­zeug­te Traum­welt, in wel­che das Zu­se­her­volk für ein paar Stun­den ver­sinkt, ei­ne Welt von spe­cial ef­fects, die Wirk­lich­keit und Ge­füh­le sug­ge­rie­ren oder pro­du­zie­ren: Ge­füh­le sind Il­lu­si­on und dar­auf läuft al­les hin­aus, auf die Trä­ne im Au­ge und den zar­ten An­flug des Lä­chelns an den Mund­win­keln des hart­ge­sot­te­nen Kerls, der in die Jah­re ge­kom­me­nen ge­schmink­ten, auf­ge­don­ner­ten En­ka-Sän­ge­rin­nen und, last but not least, des Zu­se­hers zu Hau­se. Die Trä­ne der Rüh­rung, die uns al­le ver­bin­det.

Nun, ich wer­de mich nicht ge­hen las­sen, we­der zu Trä­nen noch in den Small Talk, son­dern den Fa­den wie­der auf­neh­men und zu mei­nen Bü­chern zu­rück­keh­ren. Am Heftrand – denn ich schrei­be mit der Hand – hat­te ich mir no­tiert, auf die »schwie­ri­gen« Er­zäh­lun­gen zu spre­chen zu kom­men, die mich nicht so­gleich »hin­ein­zie­hen« in ih­re Welt (wie be­lie­bi­ge Hol­ly­wood­fil­me, aber auch die Ro­ma­ne Mo­dia­nos), son­dern, hor­ri­bi­le dic­tu, mich ver­wir­ren oder fern­hal­ten oder so­gar ab­sto­ßen, in der Ab­sto­ßung an­zie­hen: Le­ser­ma­so­chis­mus. Die An­stren­gung ver­spricht ei­ne be­son­de­re Lust, und was wä­re an­stren­gend, wenn nicht das Schwie­ri­ge (die­sen Ge­dan­ken ha­be ich bei Tho­mas Stangl ge­le­sen und vor­her bei Jo­sé Le­za­ma Li­ma und vor­her in mei­nem Kopf: Ge­dan­ken ha­ben kei­ne Ei­gen­tü­mer, sie sind frei1 ). Aus die­sem Grund ha­be ich Faulk­ner nach Osa­ka mit­ge­nom­men, ei­nen sei­ner Ro­ma­ne, den ich vor Mo­na­ten zu le­sen be­gon­nen und dann un­ter­bro­chen hat­te, wahr­schein­lich – ich müß­te in mich ge­hen – weil er mich ver­wirrt und auf Di­stanz ge­hal­ten hat­te; oder aber, weil mei­ne Kon­zen­tra­ti­ons­fä­hig­keit nicht mehr die ist, die sie ein­mal war, die Ro­ma­ne Faulk­ners aber ei­nen auf­merk­sa­men, mit­den­ken­den, nicht träu­men­den und ab­ir­ren­den Le­ser for­dern.

© Leo­pold Fe­der­mair

→ Teil 3/8


  1. Der Kulturindustrie ins Stammbuch geschrieben! 

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