Ro­bin Alex­an­der: Macht­ver­fall

Robin Alexander: Machtverfall

Ro­bin Alex­an­der:
Macht­ver­fall

Ro­bin Alex­an­der war 2017 mit »Die Ge­trie­be­nen«, der Chro­nik der Flücht­lings­kri­se 2015, ein Best­sel­ler ge­lun­gen, der spä­ter so­gar ver­filmt wur­de. Au­ßer bei ei­ni­gen po­li­ti­schen Wirr­köp­fen, die, je nach Fär­bung, Mer­kel­hass oder Mer­kel­er­ge­ben­heit nach­wei­sen woll­ten, gibt es bis heu­te kei­nen sach­li­chen Wi­der­spruch zu den akri­bi­schen Re­kon­struk­tio­nen des Au­tors. Alex­an­der do­ku­men­tier­te nicht nur die Über­for­de­run­gen der deut­schen Ent­schei­dungs­trä­ger in je­nem Herbst 2015, son­dern auch ih­re Ei­tel­kei­ten und bis­wei­len fahr­läs­si­gen Hand­lungs­wei­sen auf­grund par­tei- oder macht­stra­te­gi­scher Er­wä­gun­gen. Am En­de bleibt die tri­via­le Er­kennt­nis: Man wur­de da­mals mehr oder we­ni­ger von den Er­eig­nis­sen über­rum­pelt. Aber im Buch wur­de auch ge­zeigt, wie man vor­her durch Igno­ranz (oder auch Ar­ro­ganz) in die­se am En­de es­ka­lie­ren­de Si­tua­ti­on kam.

In­zwi­schen ist Ro­bin Alex­an­der zum stell­ver­tre­ten­den Chef­re­dak­teur der »Welt« be­för­dert wor­den und tritt als sach­kun­di­ger Ana­ly­ti­ker und auch Kom­men­ta­tor des Ber­li­ner Po­li­tik­ge­sche­hens auf. Um­so neu­gie­ri­ger war man, als im Ja­nu­ar vom Sied­ler-Ver­lag das neue Buch von ihm für Pu­bli­ka­ti­on im Mai avi­siert wur­de. Der­ar­ti­ge Vor­ankün­di­gun­gen sind nor­mal. Un­ge­wöhn­li­cher ist, dass sich im Lau­fe der Mo­na­te der Buch­ti­tel än­dert. Aus »Macht­wech­sel« (der Ti­tel er­in­nert an Ar­nulf Ba­rings gleich­na­mi­ges Buch von 1982 zur Ära Brandt-Scheel) wur­de jetzt »Macht­ver­fall«. Aus ei­nem Co­ver mit Mer­kel, Spahn, La­schet und Söder wur­de ei­nes mit Mer­kel und La­schet. Die Er­eig­nis­se hat­ten sich, wie es scheint, dra­ma­tisch ver­än­dert.

»Macht­ver­fall« be­ginnt mit dem 16. März 2017, dem Tag, an dem An­ge­la Mer­kel Do­nald Trump das er­ste Mal be­sucht. Sie hat­te sich akri­bisch vor­be­rei­tet. Im No­vem­ber 2016, knapp drei Wo­chen nach der ame­ri­ka­ni­schen Prä­si­dent­schafts­wahl, aus der Trump als Sie­ger her­vor­ging, gab Mer­kel ih­re er­neu­te Kan­di­da­tur be­kannt. Die Ge­schich­te, so Alex­an­der pa­the­tisch, ließ ihr kei­ne an­de­re Wahl. (Im­mer­hin, so denkt sich der Le­ser, ist es kein »Man­tel der Ge­schich­te«.) Die Welt­pres­se und Ba­rack Oba­ma hat­ten sie be­stärkt. Zwar ist ih­re Ge­sund­heit an­ge­schla­gen, die »Seele…strapaziert«, aber sie fügt sich ei­ner Mi­schung aus Pflicht und Op­fer.

Den gan­zen Bei­trag »Ach, so klei­ne Gei­ster« hier bei Glanz und Elend wei­ter­le­sen.

10 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ja, die­se Lek­tü­re dürf­te die letz­ten Re­ste der (stets not­wen­di­gen) Il­lu­si­on er­le­di­gen, die füh­ren­den Funk­tio­nä­re hät­ten das Wohl des Lan­des im Au­ge.
    Und wem das nicht reicht, für den ha­be ich ei­nen »ak­tu­el­len« Re­cher­che­tipp. Wie man ei­ne En­er­gie­wen­de ins Nichts (H.W. Sinn) mit Hil­fe des no­to­ri­schen ETHIKRATS fa­bri­ziert, oh­ne dass ir­gend­ein po­li­ti­sches Zucken durch den me­dia­len Äther läuft:
    https://www.welt.de/wirtschaft/article231463371/Wegen-Zustimmung-zum-Atomausstieg-Vorwuerfe-gegen-Ethikkommission.html
    Das ist Macht, wah­re Macht. Wenn ich es schaf­fe, dass sich aka­de­misch ver­sier­te Per­sön­lich­kei­ten des Öf­fent­li­chen Le­bens die Klei­der vom Leib rei­ßen und nackt ein­her schrei­ten, um ei­ne Au­gen­blicks­ent­schei­dung der Kanz­ler-Phy­si­ke­rin »ethisch kor­rekt« zu be­grün­den...; und nur ein ganz klei­nes Biss­chen die Re­geln der wis­sen­schaft­li­chen Sorg­falt und der in­tel­lek­tu­el­len Red­lich­keit ver­let­zen, wor­über aber Gott-sei-Dank nie­mand be­rich­tet, weil die Jour­nail­le bei­de Hän­de zum Ap­plau­die­ren be­nö­tigt...

  2. Was mich dem Buch enorm ge­stört hat, sind die nicht we­ni­gen Feh­ler, bei de­nen ich mich schon fra­ge, wie man das beim Lek­to­rat über­se­hen kann – und ne­ben­bei, war­um die­se hier nicht an­ge­spro­chen wer­den?

    Zum Bei­spiel wenn Alex­an­der schreibt »Selbst schuld, dach­te Mer­kel.« (S. 57), dann kann das nicht stim­men bzw. ist es un­glaub­haft, dass Alex­an­der die Ge­dan­ken von Mer­kel le­sen kann bzw. dass ihm je­mand an­de­res da­von er­zählt hat, Frau Bau­mann et­wa oder Frau Chri­sti­an­sen?

    Oder ein an­de­res Bei­spiel, aus dem Ar­beits­mi­ni­ster Hu­ber­tus Heil wird Hu­bert Heil. (S. 291 und Per­so­nen­re­gi­ster)

    Oder aber »In Nie­der­sach­sen ist die CDU nur noch in der Op­po­si­ti­on.« (S. 343) Lei­der gänz­lich falsch, die CDU ist dort Ko­ali­ti­ons­part­ner der SPD!

    Es gibt Sät­ze, die hö­ren oh­ne Punkt auf, Kom­mas sit­zen an der fal­schen Stel­le usw., der Schreib­stil ist manch­mal et­was drö­ge, manch­mal zu pa­the­tisch und et­was zu oft zu red­un­dant.

    Sehr grenz­wer­tig emp­fand ich al­ler­dings die Stel­le, an der sich Alex­an­der auf die Sei­te Dro­stens schlägt, wenn er ihm da­bei zu­stimmt, dass die Dar­stel­lung, die über­ra­schen­de Kehrt­wen­de bei den Schul­schlie­ßun­gen ge­he auf Dro­sten zu­rück, ver­zerrt sei. »Der Wis­sen­schaft­ler nennt die­se Dar­stel­lung zu Recht «ver­zerrt«.« (S. 226)
    Alex­an­der be­schreibt ei­ne Sei­te vor­her, wie es zu die­ser Kehrt­wen­de kam. »La­schet fragt den Vi­ro­lo­gen, war­um er über Nacht sein Mei­nung ge­än­dert ha­be. Dro­sten er­zählt von ei­ner Stu­die, die ihm ei­ne Kol­le­gin aus den USA am Abend zu­vor per Mail ge­schickt ha­be. Dar­in ge­he es um die Ana­ly­se von Lock­down-Maß­nah­men, die ame­ri­ka­ni­sche Städ­te wäh­rend der Spa­ni­sche Grip­pe 1918/1919 ver­hängt hät­ten. Da­mals sei­en die Städ­te, die die Schu­len ge­schlos­sen hät­ten, bes­ser durch die Pan­de­mie ge­kom­men als die­je­ni­gen Städ­te, die dar­auf ver­zich­tet hät­ten.« (S. 225) Was Alex­an­der nicht er­wähnt: Die­se Stu­die – sie ist frei im Netz ver­füg­bar, der Ti­tel lau­tet »Non­phar­maceu­ti­cal In­ter­ven­ti­ons Im­ple­men­ted by US Ci­ties Du­ring the 1918–1919 In­flu­en­za Pan­de­mic« – stammt aus dem Jahr 2007 und ist zu je­nem Zeit­punkt ge­schla­ge­ne 13 Jah­re alt. Wenn man die Bun­des­re­gie­rung be­rät, ist es ein Un­ding, wenn man sol­che Ur­alt-Stu­di­en nicht kennt, da­her er­scheint es nur nach­voll­zieh­bar, dass Dro­sten die­se Kehrt­wen­de an­ge­la­stet wird, er war schlicht nicht auf dem ak­tu­el­len Stand der Wis­sen­schaft und hät­te es bes­ser wis­sen müs­sen. Es ist im Üb­ri­gen ja nicht die ein­zi­ge Kehrt­wen­de von Dro­sten, sie­he Mas­ken etc. Als Jour­na­list muss man sol­che Din­ge re­cher­chie­ren, be­vor man sich auf ei­ne Sei­te schlägt, fin­de ich. Man kann sich auch fra­gen, war­um man das im Kanz­ler­amt nicht weiß oder nicht wis­sen woll­te? Statt­des­sen wird uns er­zählt, man ha­be »ei­nen Do­ku­men­tar­film über die Spa­ni­sche Grip­pe ge­se­hen«. (aaO) Na­ja.

    Das war jetzt viel Kri­tik, aber ich möch­te schon sa­gen, dass ich das Buch den­noch gern ge­le­sen ha­be, es ist ein gu­ter Ab­riss über die Ent­schei­dungs­pro­zes­se im Um­feld der Kanz­le­rin, der CDU und CSU im Jahr der Pan­de­mie. Es ist et­was scha­de, dass es nicht mehr An­ek­do­ten gibt wie die, dass Mer­kel akri­bisch die Luft­strö­mungs­ver­hält­nis­se – Stich­wort Ae­ro­so­le – in ih­rem Dienst­wa­gen re­cher­chiert und da­nach be­schliesst, mit dem VW-BUS vom Kanz­ler­amt zum Reichs­tag zu fah­ren. Da­von hät­te ich gern mehr ge­le­sen. Denn es scheint mir so zu sein, die we­sent­li­chen Din­ge weiß man schon als auf­merk­sa­mer Zei­tungs­le­ser, aber die De­tails kön­nen sehr auf­schluss­reich sein.

  3. @die_kalte_Sophie
    Die Ab­leh­nung der Kern­ener­gie ist zu ei­nem fast re­li­giö­sen Be­kennt­nis in Deutsch­land ge­wor­den, ähn­lich dem Dog­ma der Jung­frau­en­geburt in der ka­tho­li­schen Kir­che. Wir wis­sen, war­um Mer­kel nach Fu­ku­shi­ma ihr ei­ge­nes Ge­setz prak­tisch im Al­lein­gang (oh­ne die FDP, die da­mals in der Re­gie­rung saß), ab­räum­te. Es ging um die Land­tags­wahl in Ba­den-Würt­tem­berg. Ge­hol­fen hat es nicht.

    @Hans-Jörg Fi­scher
    Dan­ke für Ih­ren Kom­men­tar. Ich ge­ste­he, dass ich gra­vie­ren­de Schreib- oder Zei­chen­feh­ler nicht ent­deckt ha­be. Aber auch des­halb, weil ich sie nicht ge­sucht ha­be. Ich bin kein Lek­tor. Und ich ha­be das Buch schnell ge­le­sen, oh­ne auf sol­che Din­ge zu ach­ten.

    Was Hu­ber­tus Heil an­geht, ha­ben Sie Recht; das ist in der Tat ein Feh­ler. Auch dass die CDU in Nie­der­sach­sen mit­re­giert, ist rich­tig. Viel­leicht zäh­len für La­schet aber nur MPs.

    Dass Alex­an­der Dro­sten bei­springt, ver­mag ich nicht zu er­ken­nen. Die »ver­zerr­te« Dar­stel­lung geht da­hin­ge­hend, dass man Dro­stens »wenn-dann-vielleicht«-Aussagen, die im mit Konjunktiv(en) im­mer hübsch ein­ge­schränkt wer­den, ei­gent­lich im­mer ver­zerrt dar­stellt, wenn man sie auf ei­nen Punkt bringt. Dass er u. U. nicht rich­tig vor­be­rei­tet war, ei­ne Stu­die zu spät ent­deck­te – das ist nicht un­mit­tel­bar Ge­gen­stand des Bu­ches (wenn­gleich es si­cher­lich ein in­ter­es­san­ter Aspekt ge­we­sen wä­re).

    In­ter­es­san­ter fin­de ich die Kri­tik am Schreib­stil. Mal drö­ge, mal pa­the­tisch? Bei­des wirk­lich nicht. Es ist ge­ra­de ein Plus, dass Alex­an­der in eher sa­lop­pem Stil schreibt, sich aber jeg­li­cher Par­tei­nah­me und je­des Pa­thos ver­bie­tet – au­ßer auf den er­sten Sei­ten, als Mer­kel zur Füh­re­rin der frei­en Welt de­kla­riert wird (es ist die Sicht der An­de­ren). Aber das en­det rasch. Und ich war ei­gent­lich über­rascht, wie we­nig Red­un­dan­zen es gab. Ähn­li­che Bü­cher er­klä­ren im­mer wie­der das, was man schon vor­her ge­le­sen hat­te – das kommt in »Macht­ver­fall« ver­blüf­fend we­nig vor.

  4. Zum Buch: mir ist auf­ge­fal­len, dass Ro­bin A. akri­bisch über die pro­mi­nen­ten Ak­teu­re be­rich­tet, aber die sog. Wer­te-Uni­on miss­ach­tet. Dar­in liegt we­nig­stens für die Zu­kunft ei­ne gro­ße Auf­ga­be, wenn man den Haupt­stadt­jour­na­li­sten glau­ben darf.
    Liegt das au­ßer­halb sei­nes Be­ob­ach­tungs­ra­di­us?!

    Zum The­ma Kern­ener­gie: die Deut­schen ha­ben Angst vor der Kern­ener­gie. Ger­man Angst. Die Ab­wehr­re­ak­ti­on ist das ei­gent­lich Schlim­me. Man zim­mert sich ei­ne hö­he­re Mo­ral zu­recht, die man be­wusst ins Ab­so­lu­te (aka Al­ter­na­tiv­lo­se) ver­län­gert. Wie Thess in sei­nem Of­fe­nen Brief an­merkt: Sind fran­zö­si­sche Pro­fes­so­ren et­wa nicht in der La­ge, die­se Ri­si­ko-Ab­schät­zung vor­zu­neh­men, sprich zu dem ein­zig mög­li­chen ver­tret­ba­ren Er­geb­nis zu ge­lan­gen?!
    Mit der Ab­sa­ge an die Kern­ener­gie ha­ben die Deut­schen sich den Weg in die Zu­kunft ver­baut, rein tech­nisch ge­se­hen. Aber sie ha­ben auch zum wie­der­hol­ten Mal in ih­rer Ge­schich­te die mo­der­ne Ra­tio­na­li­tät zu­gun­sten ei­ner »über­heb­li­chen De­on­to­lo­gie« in den Wind ge­schla­gen. Dass so vie­le Aka­de­mi­ker hier kon­form ge­hen, ist ei­ne kla­re Ab­sa­ge an die Ver­nunft. Ei­gent­lich darf man das Ver­nunft-Kon­zept gar nicht mehr be­mü­hen, es ist volks­tüm­lich kon­ta­mi­niert.

  5. Die Wer­te-Uni­on kommt tat­säch­lich nicht vor. Ein­mal wird Maaßen er­wähnt, der in ei­nem »klas­si­schen Mer­kel-Deal« zum Staats­se­kre­tär be­för­dert wer­den soll­te. (Dar­über hört man von de­nen, die nun so her­um­schrei­en und an La­schet For­de­run­gen stel­len, ko­mi­scher­wei­se nichts.)

    Ich glau­be, dass die­se Grup­pie­rung in­ner­halb der Uni­on (aus tak­ti­schen Grün­den ger­ne) über­schätzt wird. Sie dient dem po­li­ti­schen Geg­ner als Po­panz wie da­mals et­wa der »See­hei­mer Kreis« der SPD, über den man auch im­mer et­was hör­te, wenn es was zu skan­da­li­sie­ren gab oder die »Kom­mu­ni­sti­sche Platt­form« bei der Lin­ken. Par­tei­en sind kei­ne ho­mo­ge­nen Ge­bil­de, sie rin­gen in sich um po­li­ti­sche We­ge.

    In Alex­an­ders Buch kom­men auch die FDP, die Lin­ke und die AfD nicht vor bzw. nur dann, wenn es die Uni­on di­rekt tan­giert (wie et­wa in Thü­rin­gen 2020). Die Mit­tel­stands­ver­ei­ni­gung der CDU mit Lin­ne­mann wird auch nur ein­mal er­wähnt. Er kon­zen­triert sich auf den un­mit­tel­ba­ren Macht­zir­kel.

  6. »Par­tei­en sind kei­ne ho­mo­ge­nen Ge­bil­de«, wie wahr. Da­mit wird nicht nur die Po­li­tik­be­ob­ach­tung schwie­rig, son­dern auch die Wahl­ent­schei­dung. Volks­par­tei­en ist ein Eu­phe­mis­mus für Ka­ba­le! Mir ge­fällt der in­tui­ti­ve Stil, den Alex­an­der ein­schlägt. Na­tür­lich wird die Sach­lich­keit ge­le­gent­lich auf­ge­ho­ben (..., dach­te Mer­kel!), aber da­für wird die Grup­pen­dy­na­mik häu­fig rich­tig wie­der­ge­ge­ben. Und die­se Dy­na­mik ent­schei­det be­kannt­lich über Per­so­nen, ih­re Kar­rie­re, (oder dra­ma­tisch) ihr Schick­sal.
    Lei­der scheint die Kanz­le­rin ziem­lich gut weg­zu­kom­men in die­ser Bi­lanz. In­so­fern han­delt es sich nicht um ein »po­li­ti­sches Buch«, son­dern um ge­ho­be­ne Un­ter­hal­tung. Das ist ein Pro­blem, wenn man die po­li­ti­schen De­bat­ten und Kraft­pro­ben ein­sei­tig per­so­na­li­siert: die Zwecke und Ideen fal­len hin­ten run­ter.
    Kein Vor­wurf an Alex­an­der! Po­li­tik hat nun mal die­se dop­pel­te Spiel­flä­che. Er woll­te die wich­tig­sten Ak­teu­re auf­tre­ten las­sen wie in ei­nem sze­ni­schen Thea­ter. Aber: was Mer­kel in ih­rem »Zeit­tun­nel« al­les ver­bockt hat, geht auf kei­ne Kuh­haut. Es war ein In­ter­re­gnum un­ter dem schmucken Ban­ner des Mul­ti­la­te­ra­lis­mus (aka Eu­ro­päi­sche Ei­ni­gung). Gibt es denn ir­gend­wel­che grö­ßer di­men­sio­nier­ten Ein­wän­de, oder we­nig­stens »An­deu­tun­gen des Un­glück­lich-Seins« über die Bie­nen­kö­ni­gin?!

  7. »Volks­par­tei­en« gibt es / gab ja ge­ra­de des­we­gen, weil sie nicht ho­mo­gen sein woll­ten. Die Grü­nen und auch die FDP sind / wa­ren Kli­en­tel­par­tei­en, in de­nen Min­der­hei­ten gut auf­ge­ho­ben sein kön­nen. Ei­ne »Volks­par­tei« lässt un­ter­schied­li­che In­ter­es­sen zu, die dann in Kom­pro­mis­sen sach­be­zo­gen ent­schie­den und um­ge­setzt wer­den. Die CDU ist un­ter Mer­kel eben nicht mehr Volks­par­tei, weil sie sich des kon­ser­va­ti­ven Flü­gels ent­le­digt hat­te. Der tau­melt nun hei­mat­los ir­gend­wo zwi­schen AfD, Frei­en Wäh­lern und FDP. Oder bleibt gleich zu Hau­se.

    Die SPD hat die­sen Sta­tus schon lan­ge ver­lo­ren. Der Ero­si­ons­pro­zess be­gann in den 1980er Jah­ren, als man die Grü­nen lan­ge un­ter­schätzt hat­te. Als La­fon­tai­ne die lin­ken West-SPD­ler, ab­ge­fal­len von Schrö­ders So­zi­al­po­li­tik, die in der WASG ei­ne vor­über­ge­hen­de Blei­be ge­fun­den hat­te, zur »Lin­ke« brach­te, war es 2009 end­gül­tig zu En­de. Ge­ra­de an­hand der SPD kann man se­hen, wie aus ei­ner Par­tei, die einst brei­te In­ter­es­sen­grup­pen in­te­grie­ren konn­te, ei­ne Kli­en­tel­par­tei wur­de. Da hilft es auch we­nig, dass die Gro­Ko meist SPD-An­lie­gen um­setzt.

    Wenn man ge­nau liest, kommt Mer­kel in Alex­an­ders Buch wirk­lich nicht gut weg. Aber es geht ihm nicht dar­um, sie an­zu­kla­gen oder bloß­zu­stel­len, son­dern die Sach­ver­hal­te auf Ba­sis der In­for­ma­tio­nen aus­zu­füh­ren.

    Ich glau­be, dass die Tat­sa­che, dass zum er­sten Mal ein am­tie­ren­der Kanz­ler nicht mehr zur Wahl an­tritt, die Prot­ago­ni­sten in der Uni­on voll­kom­men über­for­dert. Sie ha­ben bis­her nicht die rich­ti­ge Do­sis zwi­schen Ab­gren­zung und Hei­lig­spre­chung ge­fun­den. Söder ver­sucht es mit letz­te­rem. Un­ver­ges­sen La­schet im Lanz-In­ter­view sinn­ge­mäss: »Das Land wird schlecht re­giert…« Und dann das Zu­rück­ru­dern, weil es ja die Uni­on ist, die seit 16 Jah­ren re­giert.

    Man will die 32,9%, die Mer­kel 2017 er­reicht hat. (Da­von wa­ren 6,2%-Punkte von der CSU). Das wird nicht ge­lin­gen (hier­für braucht man kein Pro­phet zu sein). Als näch­stes muss man ei­ne stra­te­gi­sche Mehr­heit fin­den, d. h. oh­ne die Uni­on kann man nicht re­gie­ren (es sei denn, die AfD wür­de ir­gend­wo ein­ge­bun­den, was aber nie­mand will). So­bald man nur noch im Au­ge hat, dass man mehr Pro­zen­te als die Grü­nen ha­ben möch­te, ist die Wahl end­gül­tig ver­lo­ren. Da­her fi­xiert man sich mehr und mehr auf die Feh­ler der Grü­nen statt auf ei­ge­ne Stär­ken zu set­zen. All das sind die Aus­wir­kun­gen von 16 Jah­re Mer­kel. Die Uni­on ist auf dem Le­vel von 1998.

  8. Es ist schon ein ab­sur­des Schau­spiel, wenn Kon­ser­va­ti­ve (zu­letzt Maas­sen und Ot­te, die sich wie­der­um ge­gen­sei­tig nicht lei­den kön­nen) ih­re fe­ste Treue zur CDU pro­kla­mie­ren. Das sind über­lan­ge Par­tei­zu­ge­hö­rig­kei­ten, mehr als 20 Jah­re, so­dass Loya­li­tät in den Starr­sinn mün­det. Die Selbst­er­klä­rung wird nicht mehr er­wi­dert, weil die An­de­ren eben »wo­an­ders sind«, in­zwi­schen.
    Ro­bin Alex­an­der will ver­mut­lich den Sta­tus Quo er­mit­teln. Was krie­ge ich, wenn ich ge­nau heu­te die Uni­on wäh­len möch­te... Das ist ir­gend­wie rüh­rend!
    Ver­mut­lich sind die 16 Jah­re wirk­lich Acht zu­viel. Das The­ma der Amts­zeit­be­gren­zung wird al­lent­hal­ben auf­ge­grif­fen, so­gar von Ba­er­bock. Die Ak­teu­re ah­nen den Scha­den mehr, als dass sie ihn be­nen­nen könn­ten.
    Ich sprach ja von ei­nem Zeit­tun­nel. Dar­in konn­te man täg­lich all die hüb­schen Ker­zen ent­zün­den, die die Deut­schen so ger­ne se­hen: Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus, In­ter­gou­ver­ne­ment, Men­schen­rech­te, Um­welt­schutz, etc. Tat­säch­lich lie­gen all die­se Kli­schees na­he am Null­punkt des Po­li­ti­schen. Man muss gar nichts über­le­gen, und hat im­mer recht. Die­se an­ge­neh­me Igno­ranz war der »klas­si­sche Mer­kel-Deal« mit der Be­völ­ke­rung. Die gro­ße wei­te Welt kommt nicht an die Deut­schen ran, Mut­ti küm­mert sich drum. Gut, die 1 Mio Mus­li­me wa­ren dann doch ein biss­chen viel Welt di­rekt vor der Haus­tür, aber an­son­sten hat’s funk­tio­niert.
    Ich ha­be mich im­mer ge­är­gert, dass die psy­cho­so­zia­le Funk­ti­on der Kanz­le­rin die po­li­ti­schen Ideen dau­er­haft er­setzt hat. Mit der Über­al­te­rung der Be­völ­ke­rung wird die­se Träg­heit auch nicht mehr bes­ser. Man will die Kli­schees, man will sei­ne Ru­he. Da­ge­gen re­vol­tie­ren die Rän­der, al­ler­dings nicht in­tel­li­gent. Die Er­schöp­fung der Mit­te ist ei­gent­lich ei­ne voll­kom­men ad­äqua­te Re­ak­ti­on der Funk­tio­nä­re auf die Po­li­tik-Un­wil­lig­keit des Bür­ger­tums. Wäh­len Sie die NULL, das wä­re ein mög­li­cher Slo­gan für die Uni­on. Oder: Wir sind die ori­gi­nal NULL, die An­de­ren sind nur Ko­pien.

  9. Die gro­ße wei­te Welt kommt nicht an die Deut­schen ran, Mut­ti küm­mert sich drum.
    Das ist in Kurz­form die Be­schrei­bung des Po­li­tik- nein: des Macht­ver­ständ­nis­ses an die In­sti­tu­tio­nen. Wäh­rend der Co­ro­na-Pan­de­mie konn­te man das sehr gut be­ob­ach­ten: Da wa­ren zahl­rei­che Dräng­ler und For­de­rer nach noch här­te­ren Maß­nah­men, Aus­gangs­sper­ren, usw. Auf die Idee, dies im ei­ge­nen Mi­kro­kos­mos erst ein­mal um­zu­set­zen, kam man kaum. Man lechz­te na­he­zu nach der Ord­nungs­macht. Dass die mit der Über­prü­fung streng ge­nom­men heil­los über­for­dert sein muss – egal: Haupt­sa­che, es war be­schlos­sen und be­foh­len.

    Da­her fällt es vie­len auch so schwer, von ei­ner ein­mal als re­la­tiv gut re­gie­ren­den Per­sön­lich­keit Ab­schied zu neh­men. Das sieht man nicht nur im Bund, son­dern auch bei den Mi­ni­ster­prä­si­den­ten. Wenn die­se dann ir­gend­wann in das Ber­li­ner Hai­fisch­becken ge­sto­ßen wer­den, wer­den sie rasch zer­fetzt (Beck und Kramp-Kar­ren­bau­er). Das war frü­her an­ders. Da war MP ei­ne Zu­gangs­er­leich­te­rung. Heu­te ist es eher ei­ne Bür­de.

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