Frank Goo­sen: Love­ly Ri­ta

Frank Goosen: Lovely Rita
Frank Goo­sen: Love­ly Ri­ta

Längst ist der Ka­ba­ret­tist und Buch­au­tor Frank Goo­sen so et­was wie der Eth­no­lo­ge des Ruhr­ge­biets oder, ge­nau­er: Bo­chums. Sei­ne Pro­gram­me, Ko­lum­nen, Ro­ma­ne und Er­zäh­lun­gen spru­deln ge­ra­de­zu vor »At­mo­sphä­re«. So­gar der wirk­lich gro­ße und so ganz an­de­re Au­tor, der früh ver­stor­be­ne Wolf­gang Welt, ist vor Goo­sens Ver­ein­nah­mung als »Pott­kind« und Bo­chum-Mas­kott­chen nicht si­cher. Mit Love­ly Ri­ta legt Goo­sen ei­nen neu­en Ro­man vor, ei­ne äu­ßer­lich wil­de Ele­gie auf die (fik­ti­ve) Bo­chu­mer Knei­pe Haus Him­mel­reich, die, als der Ro­man be­ginnt, in zwei Ta­gen schlie­ßen soll. Der na­men­los blei­ben­de Ich-Er­zäh­ler, der ei­ni­ge Merk­ma­le von Goo­sen trägt, will ur­sprüng­lich ei­nen Ar­ti­kel für ein Ma­ga­zin schrei­ben, aber er merkt rasch, dass hier Stoff für ein Buch ist, denn er sieht »über­all Ro­ma­ne«. Ob­wohl: das Ma­ga­zin wür­de ganz gut zah­len.

Und dann al­so geht’s los mit Glück­se­lig­keit, WDR5 und dem Lob auf die Pils­blu­men. Star­ring: ein »zer­stör­ter« Mensch, der Käpt’n ge­nannt wird und des­sen Frau einst Schlamm­cat­che­rin auf St. Pau­li war, das Fak­to­tum Wil­li Trom­mer und Die­ter, der Au­to­ma­ten­auf­stel­ler und Juke­box-Ex­per­te (spä­ter, wenn es ans er­in­nern geht, kommt noch »El­vis« da­zu, der al­ler­dings in den 80ern an AIDS starb). Am Stamm­tisch wird ge­kno­belt oder Skat ge­spielt, am Zapf­hahn ist Gi­se­la, in wei­ßer Blu­se, da­her der Ko­se­na­me »White Blues La­dy« (man muss ka­lau­er­re­si­li­ent sein bei der Lek­tü­re), seit mehr als drei­ßig Jah­ren an­ge­stellt und im­mer da, auch und vor al­lem wenn Ri­ta Ur­ba­ni­ak, die ei­gent­li­che Wir­tin, ei­ne ih­rer ge­heim­nis­um­wit­ter­ten Aus­zei­ten nimmt. Der als Dich­ter apo­stro­phier­te Frisch­ling wird erst ein­mal in die all­ge­mei­nen Re­geln des Him­mel­reichs ein­ge­führt, lernt, wie man »er­det« und wann man was aus­zu­ge­ben hat. Knei­pen­folk­lo­re, die Au­then­ti­zi­tät sug­ge­riert.

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Neu­es von Brink­mann und Ploog

Schreibheft 106
Schreib­heft 106

Seit die Wit­we Ma­leen Brink­mann den Nach­lass von Rolf Die­ter Brink­mann frei­ge­ge­ben und 2023 nach Mar­bach ge­ge­ben hat­te, wird jetzt das Ge­bir­ge sei­ner bis­her un­ver­öf­fent­lich­ten Tex­te be­stie­gen. Im Früh­jahr be­ginnt ei­ne Brief­edi­ti­on (Brie­fe von 1956–1958) bei Wall­stein, her­aus­ge­ge­ben von Mar­kus Fauser und Ann­kath­rin Son­der. Und im neu­en Schreib­heft von Nor­bert Wehr kann man ei­ne er­ste Aus­wahl fin­den, ge­trof­fen und spar­sam kom­men­tiert von Mi­cha­el Tö­te­berg.

Es be­ginnt mit ei­nem Text aus 1971, über­schrie­ben als Fra­ge im Brink­mann-Stil Wor­über kann man noch schrei­ben, was? und es scheint so, als er­in­ne­re er sich, wenn es um die »ab­traum­haft leer[en] Au­gen­blicke am Sonn­tag nach dem Mit­tag­essen« geht, die er fast her­bei­be­schwor, wo­mög­lich ei­ne Re­mi­nis­zenz an ei­ne Er­zäh­lung von 1963 mit dem Ti­tel Ein lan­ger Sonn­tag, die sich eben­falls im Schreib­heft fin­det. Tö­te­berg skiz­ziert die Ge­schich­te die­ser Er­zäh­lung, die Brink­mann mehr­mals um­ge­schrie­ben hat­te, zeit­wei­se wei­ter aus­führ­te und als ei­nen Ro­man­an­fang dach­te. Sein da­ma­li­ger Lek­tor Die­ter Wel­lers­hoff schick­te sie, als »Werk­stück« de­kla­riert, an Wal­ter Höl­le­rer, der da­mals zu­sam­men mit Hans Ben­der die Li­te­ra­tur­zeit­schrift Ak­zen­te her­aus­gab. »HB da­ge­gen« fin­det sich schließ­lich auf dem Brief und die Er­zäh­lung wur­de nicht ab­ge­druckt, wan­der­te ins Ak­zen­te-Ar­chiv und wur­de von Au­tor und Lek­tor ver­ges­sen.

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Lau­ra Freu­den­tha­ler: Iris

Laura Freudenthaler: Iris
Lau­ra Freu­den­tha­ler: Iris

Nach der Welt­un­ter­gangs­dy­sto­pie Ar­son legt Lau­ra Freu­den­tha­ler mit Iris nun ei­nen Fast-Ge­gen­warts­ro­man vor. Er ist bis auf sel­te­ne Ich-Pas­sa­gen aus der Per­spek­ti­ve der in Wien le­ben­den Schrift­stel­le­rin Iris er­zählt, die wie al­le Prot­ago­ni­sten nach­na­men­los bleibt. Die drei­zehn Ka­pi­tel des Kurz­ro­mans sind, wie man dies in­zwi­schen von Ma­thi­as Enard, Lá­sz­lo Kra­szn­ahor­kai und An­drás Vis­ky kennt, als Lang­satz­pro­sa ver­fasst (nur ein­mal gibt es ei­nen Dop­pel­punkt).

Der Ro­man be­ginn et­wa 2019, es kommt die Co­vid-Pan­de­mie vor, die In­va­si­on Russ­lands der Ukrai­ne im Fe­bru­ar 2022 und en­det ir­gend­wann da­nach. Iris ist in die­ser Zeit sehr häu­fig auf Rei­sen; folgt Ein­la­dun­gen von Uni­ver­si­tä­ten und Kul­tur­in­sti­tu­ten von Chi­ca­go, New York, Rom, Nea­pel, Ti­ra­na, Bres­lau, Bel­grad, Pa­ris bis nach Banga­lo­re und Goa. Wer mag, kann Par­al­le­len zu Freu­den­tha­lers En­ga­ge­ments nach­le­sen; ei­ni­ge ih­rer frü­he­ren Bü­cher wur­den un­ter an­de­rem ins al­ba­ni­sche und ser­bi­sche über­setzt. (Iris nahm al­ler­dings nicht in Kla­gen­furt teil.)

Mit dem Fo­to­gra­fen An­ton, ih­rem Le­bens­part­ner, un­ter­nimmt Iris Ur­laubs­rei­sen, ist in Ve­ne­dig und auf Si­zi­li­en. Die bei­den le­ben in ei­ner of­fe­nen Be­zie­hung. Sex mit An­ton ist zu­meist Ma­le­dom. Iris lässt sich dann bei­spiels­wei­se die Au­gen ver­bin­den und an ei­ne Ei­sen­stan­ge fes­seln. Oder mit ei­nem Seil fes­seln. Es gibt zwei, drei sol­cher Er­eig­nis­se, die er­zählt wer­den. Iris hat auch bis­wei­len (se­xu­el­le) Tref­fen mit an­de­ren Män­nern. An­tons Rei­sen und Af­fä­ren kom­men nicht vor. Am En­de will er für län­ge­re Zeit »fort­ge­hen«.

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Lá­szló Kra­szn­ahor­kai: Zsöm­le ist weg

László Krasznahorkai: Zsömle ist weg
Lá­szló Kra­szn­ahor­kai: Zsöm­le ist weg

Im Ge­gen­satz zu Herscht 07769, ei­nem Text, der aus ei­nem Satz be­stand, gibt es in Zsöm­le ist weg, dem neu­en Ro­man des Li­te­ra­tur­no­bel­preis­trä­gers Lá­szló Kra­szn­ahor­kai, im­mer­hin elf Ka­pi­tel und da­mit elf Sät­ze. Sie wer­den nur ge­le­gent­lich von fett­ge­druck­ten, co­mic­ar­ti­gen Ver­sa­li­en un­ter­bro­chen, die den Er­zähl­fluss aus­ein­an­der­rei­ßen, oh­ne da­bei die Chro­no­lo­gie aus der Sicht der Haupt­fi­gur zu ver­las­sen. Das von Hei­ke Flem­ming ins Deut­sche über­setz­te Buch er­in­nert stark an Tho­mas Bern­hard, gar­niert mit ei­ner Pri­se aus Der Fürst spricht (Jan Pe­ter Bre­mer).

In ei­nem Dorf auf ei­nem Berg in Un­garn, durch­aus drei Stun­den mit »Bus, Zug, Me­tro« von der Haupt­stadt ent­fernt, lebt in den 2010er Jah­ren ein ge­wis­ser Józ­sef Ka­da, zu Be­ginn der Ge­schich­te 91 Jah­re alt. Al­le nen­nen ihn On­kel Józ­si, aber er stammt, und das ist die Sen­sa­ti­on, aus der Ár­pá­den-Li­nie des un­ga­ri­schen Kö­nigs­hau­ses, wel­ches eben nicht mit Bé­la IV. 1301 aus­ge­stor­ben war, son­dern 750 Jah­re ver­deckt wei­ter exi­stier­te. On­kel Józ­si ist dem­nach ein Nach­fah­re von Dschin­gis Khan und die Herr­schaft der Habs­bur­ger wird nach­träg­lich zur Be­sat­zung er­klärt.

Bis­her hat Józ­si von sei­ner Ab­stam­mung we­nig Auf­he­bens ge­macht, aber er er­hält Be­such, im­mer häu­fi­ger und im­mer mehr und die­se Leu­te wol­len ihn wie­der auf den Thron brin­gen, Un­garn zur Mon­ar­chie ma­chen. So stellt man sich die Fin­dungs­kom­mis­si­on für den neu­en Da­lai La­ma vor. Mit »dem jun­gen Bag­idy« gibt es ei­nen Hi­sto­ri­ker, der zu­nächst skep­tisch ist, dann aber Quel­len ge­fun­den hat, die On­kel Józ­sis The­se stüt­zen. Der ist ei­gent­lich ein biss­chen le­bens­mü­de zu Be­ginn, wie sein Hund, Zsöm­le, der nur noch den Kopf he­ben kann. Die Be­su­cher kom­men nur in die Kü­che. Den Herd facht er nicht mehr an; es loh­ne sich nicht mehr. Den Kaf­fee kocht er auf zwei Herd­plat­ten.

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Die­ter Bon­gartz: Va­ter­land

Dieter Bongartz: Vaterland
Die­ter Bon­gartz: Va­ter­land

Der Ti­tel die­ses Ro­mans ist von fei­ner Dop­pel­deu­tig­keit: Va­ter­land. Ge­meint ist nicht un­be­dingt das, was man sich dar­un­ter vor­stellt; in­di­rekt na­tür­lich schon. Da wird von je­man­dem er­zählt, der im Land des Va­ters lebt, dem Land, in der die Ver­gan­gen­heit nicht ver­gan­gen ist und da lebt der Va­ter, der Karl heißt, einst Vor­zei­ge­ober­ge­frei­ter, der vor der Reichs­kanz­lei bei Staats­be­su­chen in blank­ge­putz­ten Stie­feln die Gä­ste emp­fing, spä­ter dann ging es nach Nor­we­gen, die er­sten To­ten wa­ren Eng­län­der, die man fo­to­gra­fier­te, Tro­phä­en, dann Russ­land, er ist Feld­we­bel, »Po­si­ti­on 3351«, ein Hü­gel, den man »hal­ten« muss, er kann nicht auf den ein­zi­gen Rus­sen, der ihm dort be­geg­net, schie­ßen, et­was hält ihn zu­rück, statt­des­sen schießt der Rot­ar­mist, zwei Kopf­schüs­se, zer­schos­se­ner Mund, er wird aus der »Mat­sche­pam­pe« ins La­za­rett ge­tra­gen. Sech­zehn Mal wird Karl ope­riert, dann ei­ne Pfle­ge­an­stalt, er ist nur noch ein Kno­chen­ge­rip­pe, »Mit­glied im Bund der Hirn­ver­letz­ten«. »Sie müss­ten tot sein, sa­gen die Ärz­te« und sie schie­ben ihn zur An­schau­ung in die Hör­sä­le der Uni­ver­si­tä­ten.

Es ist aber auch die Ge­schich­te von Loui­se, da­mit be­ginnt al­les, wie sie, die klei­ne Loui­se, ih­ren Va­ter, den Kut­scher, be­wun­dert und ver­ehrt; Kind­heits­idyl­le. Und dann pas­siert das, was nicht pas­sie­ren darf, der Va­ter wird krank, tod­krank, er »be­lei­digt« sie mit sei­nem Tod und nun ist sie mit Heinz, dem Bru­der, und der über­for­der­ten Mut­ter al­lei­ne und sie müs­sen sich durch­schla­gen. Es sind die 1920er oder 30er Jah­re, Loui­se nimmt ei­ne Bü­ro­stel­lung an, ir­gend­wie lernt sie Karl ken­nen, ei­ne kon­fes­sio­nel­le »Misch­ehe«. Das Paar zieht von Qued­lin­burg ins Rhein­land, Ma­rie wird ge­bo­ren. Nach den Schüs­sen auf Karl be­sucht sie ihn Wo­chen oder Mo­na­te spä­ter, wird zu sei­nem Bett ge­führt und dann sagt sie das, was er nie ver­ges­sen wird: »Schwe­ster, das ist nicht mein Mann. Das ist nicht mein Mann. Nicht mein Mann …«. Im­mer wie­der. Trom­mel­feu­er.

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Hel­muth Kie­sel: Schrei­ben in fin­ste­ren Zei­ten

Helmuth Kiesel: Schreiben in finsteren Zeiten
Hel­muth Kie­sel:
Schrei­ben in fin­ste­ren Zei­ten

Schrei­ben in fin­ste­ren Zei­ten von Hel­muth Kie­sel ist Band XI der Ge­schich­te der deut­schen Li­te­ra­tur von den An­fän­gen bis zur Ge­gen­wart. Er schließt die Lücke zwi­schen Band X, der 2017 eben­falls von Kie­sel ver­fass­ten Ge­schich­te der deutsch­spra­chi­gen Li­te­ra­tur 1918 – 1933 und dem be­reits 2006 er­schie­ne­nen Band XII über die »deut­sche Li­te­ra­tur« nach 1945.

Es ist ei­ne Her­ku­les-Auf­ga­be, der sich Hel­muth Kie­sel un­ter­zo­gen hat und wenn man ehr­lich ist, dann kann man sich nie­mand an­de­ren vor­stel­len, der dies hät­te der­art groß­ar­tig be­wäl­ti­gen kön­nen. Um den Le­se­fluss nicht zu hem­men, ver­zich­tet Kie­sel voll­stän­dig auf Fuß- oder End­no­ten und ver­packt bi­blio­gra­phi­sche De­tails im Text. Das gilt auch für die den je­wei­li­gen Ka­pi­teln vor­an­ge­stell­ten bis­her er­schie­ne­nen Auf­sät­ze, Zu­sam­men­stel­lun­gen und Mo­no­gra­phien zu Teil­aspek­ten ei­nes The­mas. Im An­hang gibt es ne­ben ei­ner Aus­wahl­bi­blio­gra­phie ein de­tail­lier­tes Per­so­nen- und Sach­re­gi­ster. Be­son­ders de­tail­rei­che Aus­füh­run­gen zu Wer­ken, Prot­ago­ni­sten oder The­sen wer­den in klei­ne­rer Schrift ab­ge­druckt. Es ist mög­lich, die­se Stel­len zu über­sprin­gen, oh­ne den Zu­sam­men­hang zu ver­lie­ren. Ich ra­te da­von ab; was Hel­muth Kie­sel zu sa­gen hat, ist durch­weg fun­diert und in­ter­es­sant.

Im­mer wie­der wird Be­zug ge­nom­men auf Band X, der die 14jährige »Blü­te­zeit« der deut­schen Li­te­ra­tur um­fasst, um das Aus­maß des »ter­ro­ri­stisch durch­ge­setz­ten Bruchs mit der kul­tu­rel­len Tra­di­ti­on«, die sich mit dem 30. Ja­nu­ar 1933 zeig­te, deut­lich zu ma­chen. Kurz wird dis­ku­tiert, ob man von »Macht­er­grei­fung« oder, neu­tra­ler, »Macht­über­nah­me« re­den soll­te. Kie­sel ver­wen­det dann fast durch­gän­gig »Macht­er­grei­fung«.

Exil ge­gen bin­nen­deutsch

Kie­sel er­klärt, dass die um­fang­rei­che Gen­re- und Un­ter­hal­tungs­li­te­ra­tur nicht in die­se Epo­chen­be­trach­tung auf­ge­nom­men wur­de (ge­le­gent­lich zei­gen sich al­ler­dings Grenz­fäl­le). Der Fo­kus liegt auf »dich­te­risch her­aus­ra­gen­de und zeit­ge­schicht­lich auf­schluß­rei­che Li­te­ra­tur.« Ge­klärt wird der Un­ter­schied zwi­schen »deut­scher« und »deutsch­spra­chi­ger« Li­te­ra­tur und klar­ge­stellt, dass die im Exil ent­stan­de­ne Li­te­ra­tur selbst­ver­ständ­lich in die­se Be­trach­tung ein­be­zo­gen wer­den muss, weil sie ei­ne »Spiel­art« der deut­schen Li­te­ra­tur dar­stellt und die »po­li­ti­sche und ge­sell­schaft­li­che Ent­wick­lung Deutsch­lands nach 1933« als Haupt­the­ma hat­te. Die Exil­li­te­ra­tur trat an, »(1.) [zu] zei­gen, wo­zu das freie Deutsch­land kul­tu­rell fä­hig ist; (2.) die Wahr­heit über das na­tio­nal­so­zia­li­sti­sche Deutsch­land ver­brei­ten; (3.) den Kampf ge­gen Hit­ler un­ter­stüt­zen.« Letz­te­res war be­son­ders wich­tig für die kom­mu­ni­sti­schen Au­toren, die un­ter Le­bens­ge­fahr ver­such­ten, ih­re Li­te­ra­tur, aber auch Flug­blät­ter und Auf­ru­fe im Reich zu ver­brei­ten, um auf­klä­re­risch zu wir­ken. Die deutsch(sprachig)e Li­te­ra­tur aus dem Exil war min­de­stens zu Be­ginn sehr stark po­li­tisch grun­diert.

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Mi­cha­el Krü­ger: Un­ter Dich­tern

Michael Krüger: Unter Dichtern
Mi­cha­el Krü­ger: Un­ter Dich­tern

2023 pu­bli­zier­te der Dich­ter, Über­set­zer, Dich­ter, Her­aus­ge­ber und ehe­ma­li­ge Ge­schäfts­füh­rer des Han­ser-Ver­lags Mi­cha­el Krü­ger mit Ver­ab­re­dung mit Dich­tern bis­wei­len lau­ni­ge und sehr per­so­nen­dich­te Le­bens- und Ver­le­ger-Er­in­ne­run­gen. 1943 in ei­nem klei­nen Dorf in Sach­sen-An­halt ge­bo­ren, mach­te Krü­ger in den 1960er Jah­ren nach sei­ner Leh­re als Ver­lags­kauf­mann in Lon­don er­ste Schrit­te in die Li­te­ra­tur­welt, wur­de zu­nächst Lek­tor im Han­ser-Ver­lag, den er schließ­lich seit Mit­te der 1980er Jah­re bis 2013 fe­der­füh­rend lei­te­te. Ne­ben sei­nen au­to­bio­gra­fi­schen Er­in­ne­run­gen ent­wickel­te Krü­ger kennt­nis­rei­che Aus­flü­ge un­ter an­de­rem in die eng­lisch­spra­chi­ge, pol­ni­sche, ita­lie­ni­sche und he­bräi­sche Poe­sie. Zwei Jah­re spä­ter wid­met er sich nun mit Un­ter Dich­tern schwer­punkt­mä­ssig den deutsch(sprachig)en Poe­ten und legt ein Pot­pour­ri aus Lob- und Ge­burts­tags­re­den, Nach­wor­ten, Lau­da­tio­nen, Preis­re­den und vor al­lem sei­nen fun­kelnd-ein­fühl­sa­men, see­len­ma­le­ri­schen Nach­ru­fen aus mehr als vier­zig Jah­ren vor.

Un­ter Dich­tern be­ginnt dem Hin­weis auf die 1983 ent­stan­de­ne Er­zäh­lung En­zy­klo­pä­die der To­ten des ju­go­sla­wi­schen Schrift­stel­lers Da­ni­lo Kiš, in der Ar­chi­va­re die Bio­gra­phien al­ler Men­schen ge­sam­melt ha­ben. Krü­gers Re­kurs auf die Furcht, die Dich­ter könn­ten in Ver­ges­sen­heit ge­ra­ten, stimmt me­lan­cho­lisch, denn er hört nicht auf, dar­auf hin­zu­wei­sen, wie rand­stän­dig und gleich­zei­tig not­wen­dig sie und de­ren Poe­sie sind. Die Sor­ge geht da­hin, dass die klei­nen Ge­dicht­bän­de ne­ben den Kon­vo­lu­ten der mäch­ti­gen, kom­mer­zi­ell for­cier­ten Ro­ma­ne un­ter­ge­hen könn­ten. Krü­ger be­spricht, lobt und fei­ert das Ge­dicht, das Po­em und da­mit den Dich­ter und wenn es ir­gend­wie geht, ver­mei­det er den Gat­tungs­be­griff Ly­rik, wis­send, dass vie­le Dich­ter ihn als un­zu­rei­chend emp­fin­den.

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Jan­ko Ferk: Franz

Janko Ferk: Franz
Jan­ko Ferk: Franz

Das ist das Set­ting des Drei­ak­ters Franz des öster­rei­chi­schen Schrift­stel­lers Jan­ko Ferk, un­längst er­schie­nen in der AT Edi­ti­on: 3. Ju­ni 1925, ge­gen 16 Uhr, Op­pelt­haus, Prag, Wohn­zim­mer der Fa­mi­lie Kaf­ka. Franz ist vor ei­nem Jahr ge­stor­ben. Ott­la hat ein­ge­la­den. Ge­kom­men sind Fe­li­ce Bau­er, Do­ra Dia­mant, Mi­le­na Je­sens­ká und Ju­lie Woh­ry­zek. Auf der In­nen­sei­te wird das Al­ter der Prot­ago­ni­stin­nen zum Zeit­punkt des fik­ti­ven Tref­fens ver­merkt.

Man könn­te nun das Wit­zeln an­fan­gen, et­wa nach dem Mot­to »Fünf Frau­en und ein To­des­fall«. Und man könn­te sich amü­sie­ren über den Ge­dan­ken an die­se ima­gi­nä­re Zu­sam­men­kunft der Lieb­lings­schwe­ster des Ver­stor­be­nen mit vier sei­ner Mehrfach‑, Ganz- oder So-gut-wie-Ver­lob­ten, die sich ein Jahr nach dem Tod ih­res Franz tref­fen, ihn be­wun­dern und be­trau­ern und sich im Lau­fe des Abends im­mer mehr be­schimp­fen und be­lei­di­gen. Aber dann gibt es nicht nur die bei­den Mot­ti zu Be­ginn, son­dern auch ei­nen Hin­weis des Au­tors. Vier die­ser fünf Frau­en ha­ben die Na­zi-Bar­ba­rei nicht über­lebt. Und dann folgt der groß­ar­ti­ge Satz: »Der Mei­ster aus Deutsch­land hat ih­nen ein Grab in den Lüf­ten ge­ho­ben.« Das bleibt haf­ten und er­zeugt bei der Lek­tü­re die­ses Stückes ei­ne ge­wis­se Be­klem­mung, die ei­nem nicht mehr los­lässt. (Aber viel­leicht ist das gar nicht schlecht.)

Jan­ko Ferk ist Ju­rist, Li­te­ra­tur­kri­ti­ker, Über­set­zer, Au­tor und, nicht ganz un­wich­tig in die­sem Zu­sam­men­hang, »Kaf­ka­lo­ge«. Er hat meh­re­re Bü­cher über Werk und Le­ben von Franz Kaf­ka ver­fasst. Am En­de li­stet Ferk so­wohl sei­ne als auch die­je­ni­gen Bü­cher auf, die Ver­wen­dung in sei­nem Stück fan­den (sei­ner Ab­nei­gung zu Rei­ner Stach ge­mäß feh­len des­sen Wer­ke). Zi­ta­te aus Brie­fen oder dem Werk von Franz Kaf­ka, die im Stück von den Per­so­nen wie­der­ge­ge­ben wer­den, sind im Buch kur­siv ge­setzt (man müss­te in ei­ner Auf­füh­rung ei­nen ent­spre­chen­den Mo­dus fin­den).

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