Immer häufiger höre ich von ihr: der »Netzgemeinde«. Es wird an sie appelliert, über sie philosophiert, gegen sie polemisiert oder mit ihr argumentiert. Im Allgemeinen versteht man unter dem Begriff wohl Leute, die sich in Blogs, auf Twitter und/oder Facebook melden, austauschen und koordinieren. Oberflächlich betrachtet gehöre ich also auch dazu. So wird man vereinnahmt. Zu den guten Vorsätzen einiger selbsternannter Sprecher dieser sogenannten Netzgemeinde gehörte es offensichtlich, das inzwischen träge gewordene Volk aufzurütteln. Da ist dann auch schnell von der »Krise der Blogger« die Rede. Und das dann ausgerechnet aus der Krawallfabrik »Freitag«, die vom »Neobiedermeier« der Internet-Couch-Potatoes schwafelt, die sich lieber in den Mauern des »Club Robinson« à la Google+ und Facebook tummeln. Als Referenzgrößen dafür dienen jene, die mit Verträgen bei den »Altmedien« ausgestattet sind. Dabei habe ich längst aufgegeben diese Sektenführer zu lesen, da sie mir schon vor Jahren außer selbstreferenziellem Wortgeklingel nichts zu sagen hatten. »Spiegel Online« reicht das heute immer noch. Was einiges über dieses Medium verrät.
Nachrichten aus der Unterhaltungsbranche (I)
oder: Wie ethische Werte in der Desinformationsgesellschaft zerbröseln
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Vor einigen Jahren fragte mich eine junge, kaum zwanzigjährige Verkäuferin in einer der Wiener Boutiquen, die sich in den Gassen hinter dem Stephansdom eingenistet haben, ob ich vielleicht in der Unterhaltungsbranche tätig sei. Ich suchte ein Kleidungsstück für meine Frau aus und hatte nebenbei mit diesem gut gelaunten Mädchen, das an seiner Arbeit offenbar Spaß fand, dahingeplaudert. Ich war perplex, als sie mir diese Frage stellte. »Unterhaltungsbranche«, allein das Wort hätte ich nicht in den Mund genommen. Ich fragte sie, wie sie darauf komme, und erfuhr, dass es meine Redeweise war, die sie auf die Vermutung gebracht hatte. Es hatte zwar keinerlei Verständigungsschwierigkeiten zwischen uns gegeben, doch die Art meiner Wortwahl und mehr noch die Tatsache, dass ich überhaupt Worte mit Bedacht auswählte in einem Gespräch ohne jede tiefere Bedeutung (auch das ein Ausdruck, den sie wahrscheinlich in der Unterhaltungsbranche zuordnen würde), hatte sie ins Staunen gebracht. Ich glaube, mit »Unterhaltungsbranche« meinte sie Fernsehen, Zeitungen, Zeitschriften... »News« oder »Wiener« oder was es damals so gab. Nicht eigentlich das, was in der Nachkriegszeit als »Showbusiness« importiert wurde. Nein, keine Schau, aber doch Unterhaltung, etwas Immaterielles; keine Stoffe und kein Büro. Zugleich aber: Geschäft, also ernstzunehmen. Vielleicht, dachte ich, ist Unterhaltung für dieses Mädchen das Höchste. Eher kleinwüchsig, kräftig, selbstbewusst, mit harmonischen Gesichtszügen (wieder so ein Ausdruck!), blickte sie zu mir auf, leicht amüsiert, guter Dinge, wie jeden Tag.
Florian Illies: 1913

»Jetzt geht’s los«, »Was macht…« oder »Nun aber schalten wir…« – so animiert Florian Illies in »1913« den Leser und man wähnt sich tatsächlich zuweilen wie in der Bundesligakonferenz im Radio, nur eben schaltend zu Malern, Schriftstellern, angehenden »Politikern« oder sonstigen Angehörigen der »Boheme« (Illies vermeidet aus unerfindlichen Gründen die korrekte Schreibweise Bohème) in den »Frontstädten der Moderne« im Jahr 1913. Statt Torschreie gibt’s kleine Geburtsanzeigen von Peter Frankenfeld, Robert Lembke, Marika Rökk, Albert Camus und Burt Lancaster. Zwischendurch erfährt man, dass Josef Stalin in der sibirischen Verbannung friert, wie Franz Kafka seinen Heiratsantrag doch noch zur Post bringt, wie viel Adolf Hitler für sein Abendessen ausgegeben hat und wie der Tagesablauf von Thomas Mann ist. Und noch viel mehr.
Bei Illies gibt es keine Zurücknahme des Kompositeurs, wie beispielsweise in Kempowskis »Echolot«. Er ist allwissender, ordnender und kommentierender Erzähler. Dadurch wird dem Leser auch gleich die Reflexion über das Gelesene weitgehend abgenommen und die Schleusen hin zum bloßen Lesekonsum geöffnet. Studentenfutter statt kreativer Küche. Die Sprache ist eng angelehnt an den inzwischen üblichen großkotzig-aristokratischen Feuilleton-Ironismus, irgendwo zwischen Fritz J. Raddatz und Harald Schmidt. Leider wirkt es zu oft bemüht und setzt den posierenden Erzähler ziemlich impertinent in den Vordergrund, wo es doch um die Protagonisten von 1913 gehen sollte.
Eine Sache der Prioritäten
Frank Schirrmacher sah sich genötigt, einige klare Worte zum Suhrkamp-Streit (ist es schon ein Drama?) zu sagen. Dem wäre eigentlich nichts hinzuzufügen. Aber wie so oft, wenn auf FAZ oder in irgend einem anderen sogenannten Leserforum dann die Kommentare hereinpurzeln, sind diese noch von einer ganz anderen »Qualität«.
Dem hohen Ton des drohenden Untergangs vom ein oder anderen Autor oder Weggefährten wird das Schulterzucken entgegen gesetzt. Was soll das denn? Suhrkamp sei doch nur ein Verlag. Die sogenannte Suhrkamp-Kultur (in der Tat eine schreckliche Formulierung) ist für die meisten Kommentatoren elitär, gestrig, zu vernachlässigen, habe sich überholt. Ihre Protagonisten seien alt, verbiestert und – natürlich – Intellektuelle, die nicht mit Geld umgehen können. (Wie blödsinnig dieses Vorurteil ist zeigt sich, wenn man die Briefwechsel Unseld mit Bernhard und Handke liest.) Man gönnt ihnen teilweise auch den Absturz.
Im richtigen Leben
Da haben wir also wieder einmal einen zünftigen Skandal. Endlich. Da hat der chinesische Autor Mo Yan den Literaturnobelpreis bekommen – und reagiert dabei so gar nicht, wie man sich dies wünscht. »Empörung über regimefreundliche Äußerungen von Mo Yan« titelt exemplarisch die »Zeit«. Im hastig zusammengeschriebenen Artikel steht die Anklage schon im Untertitel: Der Schriftsteller habe die chinesische Zensur verteidigt und dies in einer Pressekonferenz mit den Kontrollen am Flughafen verglichen. »Verleumdungen, Verunglimpfungen, Gerüchte und Beleidigungen muss man schon zensieren«, so wird Mo Yans Äußerung zitiert. Der »Zeit« reicht dies, die Stimmen der Empörten lawinenhaft auszubreiten.
Wäre es nicht ein Fall von journalistischem Ethos (in diesen Zeiten?) gewesen, Mo Yans Äußerungen vollständig und kontextuell einwandfrei zu zitieren? Er sagte:
Herbstlaub
Als ich Peter Handke im Oktober bei Paris besuchte, kehrte er gerade vor dem Haus das Laub und schien mich erst gar nicht zu bemerken, wie ich den kleinen baumgesäumten Pfad auf das Tor zuging. Ein wunderbares Bild, dieser fast Siebzigjährige, wie er dasteht mit hochgekrempelten Ärmeln, in feiner, aber abgetragener Anzughose und barfuß im ...
Phänomenologien eines Dichters
[...] Und nun, nach mehr als zwanzig Jahren legt Peter Handke seinen vierten Versuch vor, der »Versuch über den Stillen Ort«, wobei die Schreibweise des Adjektivs im Laufe der Erzählung wichtig wird, denn aus dem »Stillen Ort« (also der euphemistischen Umschreibung für die Toilette oder, noch direkter, dem Scheißhaus) wird – im Idealfall – der ...
Der unseriöse Carsten Schneider
Carsten Schneider ist der haushaltspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion. Er sagt oft etwas, weil er oft gefragt wird. So richtig habe ich seine Pseudo-Opposition, was die Griechenland-/Euro-Aktivitäten der Regierung Merkel angeht, nicht verstanden, denn immer wenn sogenannte Hilfspakete zur Abstimmung standen, stimmte Schneider zu. Gründe mag es dafür genug gegeben haben; ich sah sie nicht. Deshalb ist Carsten Schneider für mich kein Oppositionsabgeordneter mehr gewesen. Dass, was er sagte, war eine Kritik jenseits eines tatsächlich anderen Politikentwurfs; allzu oft nur ritualisierte Gegenrede.
Am Mittwoch früh horchte ich jedoch auf. Schneider sagte in einem Interview im Dudelsender WDR2: »Eine Entscheidung zu Griechenland ist in dieser Woche nicht vorstellbar.« Der Zeitdruck, den die Bundesregierung aufbaue, verhindere eine sorgfältige Entscheidung. Er sei auch gar nicht notwendig. Schneider bekannte, dass er sich nicht in ein, zwei Tagen für oder gegen die Beschlüsse entscheiden könne.