Hi­ro­shi­ma 2019

Erst wenn du et­was zu ver­lie­ren be­ginnst, ent­steht ei­ne Ge­schich­te. Je mehr Ver­lu­ste, de­sto mehr Er­in­ne­rung, de­sto mehr Er­zäh­lung. Was na­tür­lich be­drückend, le­bens­hem­mend wir­ken kann.

An kei­nem Ort ha­be ich so lan­ge ge­lebt wie in Hi­ro­shi­ma. Drei­zehn Jah­re, kein Ju­bi­lä­um, kei­ne »run­de« Zahl – ich hät­te mit die­ser Er­zäh­lung war­ten kön­nen, bis es fünf­zehn oder zwan­zig Jah­re sind. Aber ob ich dann noch hier bin? Ob ich noch le­be? Der Lauf der Ge­schich­te oder des Zu­falls will es, daß die­ses Da­tum, das »Ge­ge­be­ne«, mit ei­nem an­de­ren Da­tum zu­sam­men­fällt, ei­nem En­de und Neu­be­ginn. Nach drei­ßig Jah­ren geht die Amts­zeit des al­ten Kai­sers zu En­de, ein neu­er tritt an. Es war die ver­spro­che­ne Frie­dens­zeit (»Heis­ei«), aber auch ei­ne de­pri­mie­ren­de Zeit, ei­ne ver­ewig­te Kri­se oh­ne gro­ße Hoff­nung auf ei­ne Lö­sung; die jun­gen Leu­te ha­ben mehr Angst vor der Zu­kunft als Ver­trau­en in sie. Vor kur­zem wur­de Sho­ko Asa­ha­ra ge­hängt, der Gu­ru ei­ner re­li­giö­sen Sek­te, ver­ant­wort­lich für das Gift­gas­at­ten­tat 1995 in der U‑Bahn von To­kyo, bei dem zwölf Men­schen star­ben und hun­der­te ver­letzt wur­den. Nach dem Erd­be­ben und Tsu­na­mi in To­ho­ku, mit der dro­hen­den Atom­ka­ta­stro­phe, hat­ten wir Angst, das Land könn­te zer­bre­chen. Letz­tes Jahr ging in un­se­rer Ge­gend ein schwe­rer, schier end­lo­ser Re­gen nie­der, ne­ben un­se­rem Haus rutsch­te, vom Gip­fel weg, ein gan­zer Berg­hang her­un­ter, die Spu­ren sind un­über­seh­bar, ich muß mich nur um­wen­den: Blick durch das Bal­kon­fen­ster, wie da­mals, als ich, schlaf­los im Mor­gen­grau­en, das gro­ße Grol­len ge­hört hat­te und so­fort auf­ge­sprun­gen war.

Heis­ei. Rei­wa. Geht mich das et­was an? Schwer zu sa­gen, was die neue Ma­xi­me – wenn es ei­ne ist und sein soll – ei­gent­lich be­deu­tet. Zwei Schrift­zei­chen aus ei­nem al­ten ja­pa­ni­schen Ge­dicht, dem Lied von der Pflau­men­blü­te, die man in Kyo­to oder Hi­ro­shi­ma schon kurz nach Neu­jahr se­hen kann, die er­ste Baum­blü­te und des­halb be­son­ders herz­er­freu­end, hoff­nungs­voll. Frü­her stamm­ten die kai­ser­li­chen Ma­xi­men aus al­ten chi­ne­si­schen Tex­ten, die die Früh­zeit der ja­pa­ni­schen Kul­tur präg­ten. Gut so; ei­ne na­tio­na­li­sti­sche Ge­ste, wie sie das miß­traui­sche Kom­men­ta­to­ren­volk zu er­ken­nen glaub­te (»Ja­pan snubs Chi­na at dawn of new im­pe­ri­al era« lau­te­te die Schlag­zei­le in The Times), kann ich dar­in nicht se­hen. Auch die ja­pa­ni­sche Hym­ne ist ja ein recht fried­li­ches Ge­dicht aus dem zehn­ten Jahr­hun­dert, oh­ne Kriegs­ge­trom­mel (aux ar­mes ci­toy­ens, the bombs bur­st­ing in the air…), oh­ne Prah­le­rei (das be­gna­de­te Volk gro­ßer Söh­ne und, neu­er­dings, Töch­ter).

Wir woh­nen fern von der Stadt, mehr oder we­ni­ger auf dem Land, in ei­ner ad­mi­ni­stra­ti­ven Zo­ne, die sich Hi­ga­shi-Hi­ro­shi­ma nennt, frü­her ei­ne Hand­voll ver­streu­ter Or­te von Reis­bau­ern, Sa­ke­pro­du­zen­ten und Fi­schern, heu­te von Uni­ver­si­tä­ten, For­schungs­zen­tren und Zu­lie­fer­fir­men für Mat­su­da durch­setzt. Im­mer noch vie­le Reis­fel­der, auch Sa­ke­braue­rei­en, be­wal­de­te Ber­ge, wei­ter un­ten, in west­li­cher Rich­tung, dann Ku­re mit sei­ner Werft und den Kriegs­schif­fen, die die US-Streit­kräf­te da­mals nicht bom­bar­dier­ten, sie zo­gen es vor, ih­ren »Litt­le Boy« über dicht­be­sie­del­tem Ge­biet ab­zu­wer­fen. Dort­hin, in die Stadt­mit­te von Hi­ro­shi­ma, kom­me ich sel­ten, ge­bil­det wird sie vom Frie­dens­park, über dem am Mor­gen des 6. Au­gust 1945 der gro­ße Wol­ken­pilz auf­stieg und der schwar­ze Re­gen fiel, und der vom Park ab­ge­hen­den Ein­kaufs­stra­ße, die am Par­co-Ge­bäu­de en­det, ei­nem ju­gend­li­chen Pa­last für mehr oder min­der schicke Klei­der – da­hin­ter be­ginnt das eher schmud­de­li­ge Ver­gnü­gungs­vier­tel.

Ich kom­me sel­ten hin, aber das hat Vor­tei­le, zu­min­dest den, daß ich die Stadt im­mer wie­der wie zum er­sten Mal se­he, mit dem auf­merk­sa­men, stau­nen­den Blick. Neu­lich, am er­sten Tag des er­sten Jah­res der Rei­wa-Ära, zu Be­ginn des Won­ne­mo­nats Mai, das Stau­nen über die Bäu­me, die Leucht­kraft des hell­grü­nen Blatt­werks der kusuno­ki, der Kamp­fer­bäu­me (häß­li­cher Na­me, der so gar nicht der Sa­che gleicht), und den Kon­trast der dunk­len, fast schwar­zen Äste, die es tra­gen. Ein Ge­spräch über Bäu­me ist fast ein Ver­bre­chen – an die­se Ge­dicht­zei­le Ber­tolt Brechts muß­te ich den­ken, als ich das er­ste Mal hier­her­kam, und spä­ter im­mer wie­der der Ge­dan­ke: Aber es ist kein Ver­bre­chen und schließt auch kein Schwei­gen ein. Die­se Bäu­me wur­den kurz nach der Ka­ta­stro­phe ge­pflanzt, da­mit neu­es Le­ben ent­ste­he trotz all des Grau­ens, und die sie ge­pflanzt ha­ben, sind mit ih­nen äl­ter ge­wor­den, ei­ni­ge von ih­nen, schon ge­bückt, pfle­gen sie noch heu­te, und wenn ich die­se al­ten Männ­lein und Weib­lein se­he, drei­zehn Jah­re nach mei­nem er­sten Spa­zier­gang hier, kann ich nicht um­hin, mich zu fra­gen, ob in zehn, zwan­zig Jah­ren noch je­mand kom­men wird, um den Bo­den um die Stäm­me zu har­ken. Die Frau, die ich ein­mal hier in der Nä­he, in ei­nem St-Marc-Ca­fé, ge­trof­fen und be­fragt ha­be, 1945 war sie ei­ne Schü­le­rin, die zwi­schen Trüm­mern nach ih­ren El­tern und Ge­schwi­stern such­te und ver­strahlt wur­de, die­se Frau wird bald neun­zig sein. Nein, ein Ge­spräch über Bäu­me ist kein Ver­bre­chen, wie nach Ausch­witz wei­ter­hin Ge­dich­te ge­schrie­ben wur­den, und nicht von Bar­ba­ren, und es im­mer noch ein rich­ti­ges Le­ben im fal­schen gibt. Ge­dich­te, Ge­sprä­che: kei­ne Un‑, son­dern Wohl­tat.

Wei­ter­le­sen ...

Pe­ter Hand­ke und der No­bel­preis

Nur ein Link für Le­ser: Mein Text für die öster­rei­chi­sche Wo­chen­zei­tung »DIE FURCHE«: »Kein Be­woh­ner des El­fen­bein­tums« Gro­ßer Dank an Bri­git­te Schwens-Har­rant, die die­sen um­fäng­li­chen Text mög­lich ge­macht hat. Das ist heut­zu­ta­ge sel­ten. .-.-.-.- Ei­ne groß­ar­ti­ge Po­le­mik über die wohl­fei­len bis ag­gres­si­ven Han­d­ke-Kri­ti­ker fin­det sich bei Ber­sa­rin: Pe­ter Hand­ke und die kar­gen Le­mu­ren. Auf Spie­­gel-On­­li­ne ...

Wei­ter­le­sen ...

Frank Ja­kub­zik: Ge­fühl­te Zu­ver­sicht

Vor drei Jah­ren er­schie­nen mit »In der mitt­le­ren Ebe­ne« 17 Er­zäh­lun­gen von Frank Ja­kub­zik. Sie sei­en, so der Un­ter­ti­tel, »aus den ka­pi­ta­li­sti­schen Jah­ren« und han­del­ten von »Sa­les­lem­min­gen« und »klinkenputzende(n) No­ma­den«, evo­zier­ten mit gro­ßer Ge­n­au­ig- und Be­hut­sam­keit die Me­lan­cho­lie der zu Ver­kaufs­au­to­ma­ten de­gra­dier­ten An­ge­stell­ten, die auf der Au­to­bahn, in muf­fi­gen Ho­tel­zim­mern oder ste­ri­len Kon­fe­renz­räu­men agie­ren müs­sen ...

Wei­ter­le­sen ...

Ko­stüm- und Ku­lis­sen­brei

Filmplakat Deutschstunde - © Artwork Darius Ghanai, Fotografie Sammy Hart
Film­pla­kat Deutsch­stun­de – © Art­work Da­ri­us Gha­nai, Fo­to­gra­fie Sam­my Hart

Chri­sti­an Schwo­chow ver­filmt Sieg­fried Lenz’ Deutsch­stun­de. Aber war­um nur?

Die »Deutsch­stun­de« ist neu ver­filmt wor­den (Ki­no­start: 3. Ok­to­ber). Die »Deutsch­stun­de« von Sieg­fried Lenz? Ge­nau die. War­um? Und, vor al­lem, wie? Da war doch der zwei­tei­li­ge Film von Pe­ter Be­au­vais von 1971. 600 Sei­ten auf drei­ein­halb Stun­den kom­pri­miert; ad­ap­tiert. »Von den Freu­den der Pflicht« schreibt Sig­gi Jep­sen im Buch als ei­ne Art Straf­ar­beit, aber auch zur Selbst­auf­ar­bei­tung in ei­ner Zel­le. Ei­ner Ge­fäng­nis­zel­le. Weil er vor­her, in an­dert­halb Stun­den, nichts hat­te schrei­ben kön­nen, weil die Mas­se der Bil­der und Ein­drücke zu vie­le wa­ren.

1968 er­schien das Buch »Deutsch­stun­de«. Mit­ten in den APO-Zei­ten. Nun war Sieg­fried Lenz kein Ak­ti­vist; sei­ne po­li­ti­schen Auf­trit­te be­schränk­ten sich in den 1970er Jah­ren dar­auf, Wil­ly Brandt im Wahl­kampf zu un­ter­stüt­zen. Mit den Re­vo­luz­zern der 67er oder 68er konn­te er nichts an­fan­gen. Den­noch ging das Buch nicht un­ter – im Ge­gen­teil. Es wur­de ein Best­sel­ler, viel­leicht weil es, wie bei mei­nen El­tern, als »Bücherbund«-Exemplar ver­schickt wur­de, wenn man im Halb­jahr nichts an­de­res aus­ge­wählt hat­te (so ist mei­ne Er­in­ne­rung). Die Kri­tik war da­mals eher ver­hal­ten, aber das Buch trotz­te eben dem re­vo­lu­tio­nä­ren Zeit­geist.

Sig­gi Jep­sen, der, als er die­sen Mam­mut­auf­satz in ‑zig Schul­hef­ten nie­der­schreibt, ge­ra­de »er­wach­sen« ge­wor­den ist (al­so 21 Jah­re), er­zählt von sei­nem Va­ter, dem Po­li­zi­sten von Rug­büll. Und vom Ma­ler Nan­sen. Die Män­ner wa­ren Freun­de; Nan­sen ret­te­te Jep­sen einst ein­mal das Le­ben. Aber es ist 1943. Und die Bil­der Nan­sens ge­fal­len den Macht­ha­bern nicht. Da­mit ge­fal­len sie auch sei­nem Freund nicht. Aber der ist nicht nur als Po­li­zist der Über­brin­ger der schlech­ten Nach­richt. Er ist be­seelt da­von, dass es sei­ne Pflicht ist, das Mal­ver­bot der Na­zis um­zu­set­zen.

Wei­ter­le­sen ...

Der Som­mer mit Ge­or­ges Si­me­non

[...] Den Le­sern die­ser Zei­len muss klar sein, dass ich in den letz­ten sechs Wo­chen nur ei­nen klei­nen Teil des Wer­kes von Ge­or­ges Si­me­non ge­le­sen ha­be. Da die Neu­aus­ga­ben von Die Ver­lo­bung des Mon­sieur Hi­re und Die Fan­to­me des Hut­ma­chers noch et­was auf sich war­ten las­sen, wur­den die Dio­­ge­­nes-Bü­cher von En­de der 1990er Jah­re her­an­ge­zo­gen. ...

Wei­ter­le­sen ...

Hu­go von Kupf­fer: Re­por­terstreif­zü­ge

Hugo von Kupffer: Reporterstreifzüge
Hu­go von Kupf­fer: Re­por­terstreif­zü­ge

Hu­go von Kupf­fer (1853–1928) ent­stamm­te ei­ner bal­tisch-deut­schen Adels­fa­mi­lie. Der Va­ter war Phy­si­ker und Me­teo­ro­lo­ge. 1858 zog die Fa­mi­lie dau­er­haft von St. Pe­ters­burg nach Dres­den um. Nach dem Ab­itur stu­dier­te von Kupf­fer zu­nächst Me­di­zin, dann »Schö­ne Wis­sen­schaf­ten«, al­so Li­te­ra­tur. Bei­de Stu­di­en­gän­ge brach er ab. In ihm reif­te für kur­ze Zeit der Wunsch, Schrift­stel­ler zu wer­den. Fa­mi­liä­re An­ge­le­gen­hei­ten führ­ten ihn zwi­schen 1875 bis 1879 in die USA. Er ar­bei­te­te beim »New York He­rald« und lern­te das ame­ri­ka­ni­sche Pres­se­we­sen ken­nen. Hier zähl­te der Tat­sa­chen­be­richt, die Un­mit­tel­bar­keit des Er­leb­nis­ses mehr als ein kri­ti­scher oder phi­lo­so­phisch an­ge­hauch­ter Kom­men­tar. Nach sei­ner Rück­kehr ging er nach Ber­lin und traf dort Al­fred Scherl, der ei­ne neue Zei­tung grün­den woll­te. Schnell wur­de man sich han­dels­ei­nig: Von Kupf­fer wird – mit 30 Jah­ren – Chef­re­dak­teur vom »Ber­li­ner Lo­kal-An­zei­ger«. Die er­ste Aus­ga­be er­scheint am 4. No­vem­ber 1883. Die Po­si­ti­on wird von Kupf­fer un­ge­ach­tet des spä­te­ren Ver­le­ger­wech­sels (1914 über­nimmt das Im­pe­ri­um von Al­fred Hu­gen­berg den »Lo­kal-An­zei­ger«) bis zu sei­nem Tod ins­ge­samt 45 Jah­ren aus­üben.

Der »Ber­li­ner Lo­kal-An­zei­ger« ver­stand sich als un­po­li­tisch und »über­par­tei­lich« und rich­te­te sich an »al­le Schich­ten der Ge­sell­schaft«. Der Le­ser soll­te »von den wich­tig­sten Vor­komm­nis­sen im Staat und in der Stadt in Kennt­nis« ge­setzt wer­den. Schnell ent­wickel­te er sich zu ei­ner »der meist­ge­le­se­nen Ta­ges­zei­tun­gen Ber­lins und da­mit zu ei­ner fe­sten In­sti­tu­ti­on« des boo­men­den Ber­lin. 1911 be­trug die Auf­la­ge 300.000 Ex­em­pla­re (bei rd. 2 Mil­lio­nen Ein­woh­nern).

All die­se In­for­ma­tio­nen ent­nimmt man dem in­struk­ti­ven Nach­wort von Fa­bi­an Mauch zum Sam­mel­band von Hu­go von Kupf­fers »Re­por­terstreif­zü­ge« (ei­gent­lich »Re­por­ter-Streif­zü­ge«). Mauch ist auch Her­aus­ge­ber. Wir ler­nen, dass die mei­sten Tex­te im »Lo­kal-An­zei­ger« oh­ne Nen­nung des Ver­fas­sers pu­bli­ziert wur­den. Für sei­ne Re­por­ta­gen ver­wen­de­te von Kupf­fer das Pseud­onym des »Ber­li­ner Be­ob­ach­ters«. Er woll­te, wie es im Un­ter­ti­tel heisst, »un­ge­schmink­te Bil­der aus der Reichs­haupt­stadt« lie­fern. Im von Mauch her­aus­ge­ge­be­nen, im Düs­sel­dor­fer Li­li­en­feld-Ver­lag auf­ge­leg­ten Buch, sind ins­ge­samt 25 Re­por­ta­gen ab­ge­druckt. Die­se wa­ren zwi­schen 1886 und 1888 und dann noch­mals, in ei­ner Art zwei­ter Staf­fel, zwi­schen 1890 und 1892, ver­fasst wor­den. Än­de­run­gen zum Ori­gi­nal er­folg­ten nur sehr spar­sam und in ein­deu­ti­gen Fäl­len. Es wur­de auch die Or­tho­gra­phie der da­ma­li­gen Zeit bei­be­hal­ten, was zu­nächst manch­mal stut­zen lässt. Man ge­wöhnt sich dann je­doch ver­blüf­fend schnell.

Wei­ter­le­sen ...

Freund­li­che Waf­fen

Schon in Pe­ter Hand­kes No­tiz­bü­cher der 1970er Jah­re fin­den sich ver­ein­zelt Zeich­nun­gen des Schrift­stel­lers, wie man auf der Sei­te Hand­ke­on­line bei­spiel­haft se­hen kann. Fast le­gen­där sei­ne Skizze(n) des ge­ra­de ver­stor­be­nen Freun­des Ni­co­las Born. Nur sel­ten fin­det man Hand­kes Zeich­nun­gen in sei­nen Bü­chern, wie in »Ab­schied des Träu­mers vom Neun­ten Land« oder dem hei­te­ren Mär­chen »Lu­cie ...

Wei­ter­le­sen ...

By­ung-Chul Han: Vom Ver­schwin­den der Ri­tua­le

Byung-Chul Han: Vom Verschwinden der Rituale
By­ung-Chul Han:
Vom Ver­schwin­den der Ri­tua­le

Im sehr kur­zen Vor­wort zu sei­nem Buch über das Ver­schwin­den der Ri­tua­le plat­ziert By­ung-Chul Han so et­was wie ei­ne Klar­stel­lung: Es gin­ge nicht dar­um, ei­ne ver­schwun­de­ne Zeit zu be­kla­gen, son­dern es wür­de »oh­ne Nostalgie…eine Ge­nea­lo­gie ih­res Ver­schwin­dens skiz­ziert.«

Das Buch hat nicht ein­mal 130 Sei­ten. Aber die ha­ben es in sich. Wie ein Schmied häm­mern die im zu­wei­len auf­dring­lich da­her­kom­men­den Heid­eg­ger-Duk­tus for­mu­lier­ten Sät­ze auf den Le­ser ein, ei­nem Le­ser, der so­fort zu Glü­hen be­ginnt, ei­ne Mi­schung aus (an­fäng­li­cher) Fas­zi­na­ti­on, Neu­gier und, be­son­ders ge­gen En­de, auch Ver­stö­rung. Doch da­zu spä­ter.

Han wie­der­holt in die­sem Buch ei­ni­ge The­sen sei­ner kultur‑, zi­vi­li­sa­ti­ons- und zeit­kri­ti­schen Sicht­wei­sen und er­wei­tert sie um das Ele­ment der Ri­tua­le und Ze­re­mo­nien. Er gilt als Kri­ti­ker der mo­der­nen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­tel, die er mit Ka­pi­ta­lis­mus­kri­tik ver­knüpft. Die In­ter­net­kom­mu­ni­ka­ti­on be­herr­sche nicht nur das Mit­ein­an­der son­dern tra­ge auch noch zur Selbst­aus­beu­tung des ar­bei­ten­den Sub­jekts bei. Der bö­se Ka­pi­ta­list, der sei­ne Mit­ar­bei­ter knech­tet, hat aus­ge­dient. Heu­te be­gibt sich das In­di­vi­du­um sel­ber und frei­wil­lig in Ab­hän­gig­kei­ten. Die­se Kri­tik ist nicht neu; sie wur­de schon vor ei­ni­ger Zeit als »Ko­lo­nia­li­sie­rung der Le­bens­welt« durch die Öko­no­mie be­schrie­ben. Han nennt den Feind ein we­nig ne­bu­lös »neo­li­be­ra­les Re­gime«.

Es fol­gen durch­aus in­ter­es­san­te Ein­sich­ten, bei­spiels­wei­se über das Smart­phone, wel­ches »kein Ding im Sin­ne von Han­nah Are­ndt« sei, weil ihm »die Sel­big­keit, die das Le­ben sta­bi­li­siert« feh­le. Oder die Kom­mer­zia­li­sie­rung von Wer­ten wie Ge­rech­tig­keit, Mensch­lich­keit oder Nach­hal­tig­keit, die leid­lich »öko­no­misch aus­ge­schlach­tet« wür­den. Den Wer­be­spruch »Tee trin­kend die Welt ver­än­dern« ei­nes Fair­trade-Un­ter­neh­mens kom­men­tiert Han sar­ka­stisch: »Welt­ver­än­de­rung durch Kon­sum, das wä­re das En­de der Re­vo­lu­ti­on.« Prä­gnant die Hin­wei­se über die Emo­tio­na­li­sie­rung und »die mit ihr zu­sam­men­hän­gen­de Äs­the­ti­sie­rung der Wa­re«. Das Äs­the­ti­sche wer­de »durch das Öko­no­mi­sche ko­lo­nia­li­siert« (sic!). Auch dies ei­ne hin­läng­lich be­kann­te Kla­ge.

Wei­ter­le­sen ...