Hi­ro­shi­ma 2019

Erst wenn du et­was zu ver­lie­ren be­ginnst, ent­steht ei­ne Ge­schich­te. Je mehr Ver­lu­ste, de­sto mehr Er­in­ne­rung, de­sto mehr Er­zäh­lung. Was na­tür­lich be­drückend, le­bens­hem­mend wir­ken kann.

An kei­nem Ort ha­be ich so lan­ge ge­lebt wie in Hi­ro­shi­ma. Drei­zehn Jah­re, kein Ju­bi­lä­um, kei­ne »run­de« Zahl – ich hät­te mit die­ser Er­zäh­lung war­ten kön­nen, bis es fünf­zehn oder zwan­zig Jah­re sind. Aber ob ich dann noch hier bin? Ob ich noch le­be? Der Lauf der Ge­schich­te oder des Zu­falls will es, daß die­ses Da­tum, das »Ge­ge­be­ne«, mit ei­nem an­de­ren Da­tum zu­sam­men­fällt, ei­nem En­de und Neu­be­ginn. Nach drei­ßig Jah­ren geht die Amts­zeit des al­ten Kai­sers zu En­de, ein neu­er tritt an. Es war die ver­spro­che­ne Frie­dens­zeit (»Heisei«), aber auch ei­ne de­pri­mie­ren­de Zeit, ei­ne ver­ewig­te Kri­se oh­ne gro­ße Hoff­nung auf ei­ne Lö­sung; die jun­gen Leu­te ha­ben mehr Angst vor der Zu­kunft als Ver­trau­en in sie. Vor kur­zem wur­de Sho­ko Asa­ha­ra ge­hängt, der Gu­ru ei­ner re­li­giö­sen Sek­te, ver­ant­wort­lich für das Gift­gas­at­ten­tat 1995 in der U‑Bahn von To­kyo, bei dem zwölf Men­schen star­ben und hun­der­te ver­letzt wur­den. Nach dem Erd­be­ben und Tsu­na­mi in To­ho­ku, mit der dro­hen­den Atom­ka­ta­stro­phe, hat­ten wir Angst, das Land könn­te zer­bre­chen. Letz­tes Jahr ging in un­se­rer Ge­gend ein schwe­rer, schier end­lo­ser Re­gen nie­der, ne­ben un­se­rem Haus rutsch­te, vom Gip­fel weg, ein gan­zer Berg­hang her­un­ter, die Spu­ren sind un­über­seh­bar, ich muß mich nur um­wen­den: Blick durch das Bal­kon­fen­ster, wie da­mals, als ich, schlaf­los im Mor­gen­grau­en, das gro­ße Grol­len ge­hört hat­te und so­fort auf­ge­sprun­gen war.

Heisei. Rei­wa. Geht mich das et­was an? Schwer zu sa­gen, was die neue Ma­xi­me – wenn es ei­ne ist und sein soll – ei­gent­lich be­deu­tet. Zwei Schrift­zei­chen aus ei­nem al­ten ja­pa­ni­schen Ge­dicht, dem Lied von der Pflau­men­blü­te, die man in Kyo­to oder Hi­ro­shi­ma schon kurz nach Neu­jahr se­hen kann, die er­ste Baum­blü­te und des­halb be­son­ders herz­er­freu­end, hoff­nungs­voll. Frü­her stamm­ten die kai­ser­li­chen Ma­xi­men aus al­ten chi­ne­si­schen Tex­ten, die die Früh­zeit der ja­pa­ni­schen Kul­tur präg­ten. Gut so; ei­ne na­tio­na­li­sti­sche Ge­ste, wie sie das miß­traui­sche Kom­men­ta­to­ren­volk zu er­ken­nen glaub­te (»Ja­pan snubs Chi­na at dawn of new im­pe­ri­al era« lau­te­te die Schlag­zei­le in The Times), kann ich dar­in nicht se­hen. Auch die ja­pa­ni­sche Hym­ne ist ja ein recht fried­li­ches Ge­dicht aus dem zehn­ten Jahr­hun­dert, oh­ne Kriegs­ge­trom­mel (aux ar­mes ci­toy­ens, the bombs bur­st­ing in the air…), oh­ne Prah­le­rei (das be­gna­de­te Volk gro­ßer Söh­ne und, neu­er­dings, Töch­ter).

Wir woh­nen fern von der Stadt, mehr oder we­ni­ger auf dem Land, in ei­ner ad­mi­ni­stra­ti­ven Zo­ne, die sich Hi­ga­shi-Hi­ro­shi­ma nennt, frü­her ei­ne Hand­voll ver­streu­ter Or­te von Reis­bau­ern, Sake­pro­du­zen­ten und Fi­schern, heu­te von Uni­ver­si­tä­ten, For­schungs­zen­tren und Zu­lie­fer­fir­men für Mat­su­da durch­setzt. Im­mer noch vie­le Reis­fel­der, auch Sa­ke­braue­rei­en, be­wal­de­te Ber­ge, wei­ter un­ten, in west­li­cher Rich­tung, dann Ku­re mit sei­ner Werft und den Kriegs­schif­fen, die die US-Streit­kräf­te da­mals nicht bom­bar­dier­ten, sie zo­gen es vor, ih­ren »Litt­le Boy« über dicht­be­sie­del­tem Ge­biet ab­zu­wer­fen. Dort­hin, in die Stadt­mit­te von Hi­ro­shi­ma, kom­me ich sel­ten, ge­bil­det wird sie vom Frie­dens­park, über dem am Mor­gen des 6. Au­gust 1945 der gro­ße Wol­ken­pilz auf­stieg und der schwar­ze Re­gen fiel, und der vom Park ab­ge­hen­den Ein­kaufs­stra­ße, die am Par­co-Ge­bäu­de en­det, ei­nem ju­gend­li­chen Pa­last für mehr oder min­der schicke Klei­der – da­hin­ter be­ginnt das eher schmud­de­li­ge Ver­gnü­gungs­vier­tel.

Ich kom­me sel­ten hin, aber das hat Vor­tei­le, zu­min­dest den, daß ich die Stadt im­mer wie­der wie zum er­sten Mal se­he, mit dem auf­merk­sa­men, stau­nen­den Blick. Neu­lich, am er­sten Tag des er­sten Jah­res der Rei­wa-Ära, zu Be­ginn des Won­ne­mo­nats Mai, das Stau­nen über die Bäu­me, die Leucht­kraft des hell­grü­nen Blatt­werks der kusuno­ki, der Kamp­fer­bäu­me (häß­li­cher Na­me, der so gar nicht der Sa­che gleicht), und den Kon­trast der dunk­len, fast schwar­zen Äste, die es tra­gen. Ein Ge­spräch über Bäu­me ist fast ein Ver­bre­chen – an die­se Ge­dicht­zei­le Ber­tolt Brechts muß­te ich den­ken, als ich das er­ste Mal hier­her­kam, und spä­ter im­mer wie­der der Ge­dan­ke: Aber es ist kein Ver­bre­chen und schließt auch kein Schwei­gen ein. Die­se Bäu­me wur­den kurz nach der Ka­ta­stro­phe ge­pflanzt, da­mit neu­es Le­ben ent­ste­he trotz all des Grau­ens, und die sie ge­pflanzt ha­ben, sind mit ih­nen äl­ter ge­wor­den, ei­ni­ge von ih­nen, schon ge­bückt, pfle­gen sie noch heu­te, und wenn ich die­se al­ten Männ­lein und Weib­lein se­he, drei­zehn Jah­re nach mei­nem er­sten Spa­zier­gang hier, kann ich nicht um­hin, mich zu fra­gen, ob in zehn, zwan­zig Jah­ren noch je­mand kom­men wird, um den Bo­den um die Stäm­me zu har­ken. Die Frau, die ich ein­mal hier in der Nä­he, in ei­nem St-Marc-Ca­fé, ge­trof­fen und be­fragt ha­be, 1945 war sie ei­ne Schü­le­rin, die zwi­schen Trüm­mern nach ih­ren El­tern und Ge­schwi­stern such­te und ver­strahlt wur­de, die­se Frau wird bald neun­zig sein. Nein, ein Ge­spräch über Bäu­me ist kein Ver­bre­chen, wie nach Ausch­witz wei­ter­hin Ge­dich­te ge­schrie­ben wur­den, und nicht von Bar­ba­ren, und es im­mer noch ein rich­ti­ges Le­ben im fal­schen gibt. Ge­dich­te, Ge­sprä­che: kei­ne Un‑, son­dern Wohl­tat.

Auf der Ter­ras­se des Ca­fés am Rand des Parks, auf der an­de­ren Sei­te des Flus­ses, Mo­toya­su­ga­wa, bin ich manch­mal ge­ses­sen, aber jetzt ist es mir zu über­lau­fen, und au­ßer­dem ver­wen­den sie für den Oran­gen­saft Früch­te aus Ka­li­for­ni­en, ob­wohl die gan­ze Ge­gend der Se­to­nai­kai voll ist von Zi­trus­früch­ten, die gar nicht al­le ge­ern­tet wer­den kön­nen. Pe­dan­tisch er­he­ben sich die Oran­gen­py­ra­mi­den mit den win­zi­gen Auf­kle­bern vor dem Ge­schäft; als ich den Ge­schäfts­füh­rer ein­mal zur Re­de stell­te, gab er vor, nicht zu be­grei­fen, wo­von die Re­de war, und ent­schul­dig­te sich fünf­mal, su­mi­ma­sen. Zu­erst die Bom­be, dann die Oran­gen. Und groß­spu­ri­ge Tou­ri­sten, aber die­sen Sar­kas­mus er­spa­re ich ihm.

Ja, die Flüs­se, sie­ben an der Zahl. Von Zeit zu Zeit neh­me ich ei­nes der Boo­te, die hier ab­le­gen, fah­re durch das Fluß­sy­stem hin­aus auf das of­fe­ne Meer und wei­ter nach Mi­ya­ji­ma, wo ich un­se­ren hei­li­gen Berg be­stei­ge, den Mi­sen, nicht oh­ne zu­vor den fin­ste­ren Tun­nel un­ter dem Dais­ho-in durch­quert und mei­ne Sicht der Din­ge ge­rei­nigt zu ha­ben, um für die Hel­le emp­fäng­lich zu sein – ei­ne wah­re Wie­der­ge­burt. Die vie­len Flüs­se, Ka­nä­le und Rinn­sa­le, die die Stadt durch­zie­hen, hat­ten am 6. Au­gust 1945 die La­ge der Be­woh­ner zu­sätz­lich ver­schärft, weil das Was­ser heiß und ver­seucht war (was sie nicht wuß­ten) und die Brücken zer­stört, so daß vie­le ein­ge­schlos­sen wa­ren, Flucht­we­ge ver­sperrt. Heu­te ge­hö­ren die Spa­zier­gän­ge an den Ufern, wo sich win­zi­ge Kreb­se tum­meln, zum Schön­sten, auch der Ge­ruch nach Schlamm und Salz­was­ser in den Stun­den der Eb­be, wenn sich das Meer zu­rück­ge­zo­gen hat, und eben­so die zit­tern­den Lich­ter auf der Was­ser­ober­flä­che, nachts, wenn es wie­der­ge­kehrt ist und sacht an die Wan­dun­gen schlägt.

Und die Stadt­ber­ge, der Hi­ji­ya­ma, für mich das, was in mei­ner Salz­bur­ger Zeit der Mönchs­berg war. Die­se kräf­ti­ge, aber nicht gar zu arg wu­chern­de Na­tur, ge­wiß auch ver­mensch­lich­te Na­tur. Ich er­in­ne­re mich an ei­nen Tag En­de Au­gust, zwei Wo­chen vor der Ge­burt mei­ner Toch­ter, als ich zum er­sten Mal Be­kannt­schaft mit der hie­si­gen Feucht­hit­ze mach­te, um­her­zie­hen­de Hit­ze­schwa­den, de­nen man kör­per­lich be­geg­net und de­nen man nicht aus­wei­chen kann, weil sie un­sicht­bar sind und au­ßer­dem schon die näch­ste folgt. Tap­fer bin ich trotz­dem wei­ter­ge­gan­gen, wie im­mer die Wei­te und mög­li­che Gren­zen aus­lo­ten wol­lend, und stieß an der Süd­spit­ze des, ja, schiffs­för­mi­gen Ber­ges auf ei­nen bud­dhi­sti­schen Fried­hof, an des­sen En­de sich der Blick wei­te­te und die Stadt un­ter mir lag und der Ha­fen in der Fer­ne und die Se­to­nai­kai und die In­seln, rechts hin­ten auch Mi­ya­ji­ma. Ein klei­ner Obe­lisk er­in­ner­te an sie­ben fran­zö­si­sche Ma­ri­ne­sol­da­ten, im Jahr 1900 hier oder auch in Chi­na, wo sie mit ei­nem Ex­pe­di­ti­ons­corps wäh­rend des Bo­xer­auf­stands im Ein­satz wa­ren, ihr Le­ben aus­ge­haucht hat­ten. Die In­schrift dankt den Ja­pa­nern, die ih­re »Lands­leu­te« (com­pa­trio­tes), die ver­letz­ten Fran­zo­sen, so auf­op­fernd ge­pflegt hät­ten. Et­was ab­seits noch ein frem­des Grab­mal, dar­auf nur ein Na­me und die Eck­da­ten: »O. Pape, geb. 5. Feb. 1885, gest. 18. März 1918«. So steht es da in deut­schen Kür­zeln, Gott sei der un­be­kann­ten See­le gnä­dig.

Da­mals, und heu­te wie­der, nahm ich den Weg an der Vor­der­sei­te des Ber­ges, der Stadt­mit­te ent­ge­gen, vor­bei an den hüb­schen ton­nen­för­mi­gen, weiß und hell­ro­sa ge­stri­che­nen Ge­bäu­den des Zen­trums zur Er­for­schung der Aus­wir­kun­gen ato­ma­rer Be­strah­lung, das die Ame­ri­ka­ner in der Be­sat­zungs­zeit hier ge­grün­det hat­ten, nach­dem sie ih­re neue Waf­fe er­probt hat­ten. Her­auf­ge­kom­men war ich von hin­ten, vom Bahn­hof her, über die stei­le, trans­pa­rent über­dach­te Roll­trep­pen­an­la­ge, die von ei­nem Ein­kaufs­zen­trum am Fuß des Hi­ji­ya­ma durch das dral­le Grün auf­steigt und von kaum je­man­dem be­nutzt wird au­ßer von mir, als sei sie ei­gens für mich er­rich­tet wor­den. Es war das er­ste Mal, daß mir die Ähn­lich­keit der ar­chi­tek­to­ni­schen Form von Strah­len­for­schungs­zen­trum und Roll­trep­pen mit ih­ren Ton­nen­ge­wöl­ben auf­fiel. Ich ließ das Mu­se­um für mo­der­ne Kunst rechts lie­gen, doch ein we­nig an­ge­grif­fen, wie es war, von der Zu­dring­lich­keit der Na­tur (vor zwölf Jah­ren leuch­te­te das Sil­ber­weiß der Wän­de noch stär­ker), und stieg hin­ab in Rich­tung Frie­dens­bou­le­vard, den ich dann aber mied, zu laut bei dem ge­ra­de dort statt­fin­den­den »Blu­men­fest«, das auf Blu­men ver­ges­sen zu ha­ben scheint, wie ich von frü­he­ren Be­su­chen weiß.

Statt­des­sen in den klei­nen Park, wo mei­ne Toch­ter frü­her oft spiel­te, und in das ga­ra­gen­ar­ti­ge, aber gar nicht grungi­ge, son­dern form- und sit­ten­stren­ge Ca­fé, das sich aus rei­nem Wi­der­spruchs­geist La­du­rée nennt, wo ich in Ru­he Zei­tung le­sen und zu den Ju­gend­li­chen hin­über­schau­en kann, die dort mit den welt­üb­li­chen Groß­maul­ge­sten, in Wahr­heit aber recht klein­laut da­hin­rap­pen. Und zu der wie ei­ne Hoch­zeits­tor­te auf­ge­don­ner­ten Hoch­zeits­ka­pel­le, von de­ren Bal­kon am spä­ten Nach­mit­tag herz­för­mi­ge Bal­lons los­ge­las­sen wur­den, zu de­nen im­mer ei­ner oder zwei zu uns her­ab­san­ken; mei­ne Toch­ter und ich, wir war­te­ten schon dar­auf. SACER ANGEL PARTE LAETITIA steht über dem Ein­gang, klingt schön la­tei­nisch, un­wi­der­ruf­lich und ele­gant, ist aber auch nur ein Wör­tersenf, hei­li­ger En­gel, der An­teil der Freu­de ent­schwin­det wie ein Luft­bal­lon. Die fro­he Bot­schaft als klamm­heim­li­che War­nung, ent­zif­fert von La­du­rée.

Und das Ver­schwun­de­ne… Man­ches da­von ha­be ich fest­ge­hal­ten, in Bü­chern, Es­says, Ar­ti­keln, er­fun­de­nen und wah­ren Ge­schich­ten be­wahrt. Hier in Osa­ka wie auch sonst­wo, in Osa­ka, Kyo­to, To­kyo, aber auch in Öster­reich, da­heim. Mehr und mehr hal­te ich fest – frü­her war mir das kaum be­wußt, ha­be es wohl auch we­ni­ger ge­tan. Zum Bei­spiel das Base­ball­sta­di­on mit sei­nen Flut­licht­ma­sten, auf das ich über das Flach­dach des Frie­dens­mu­se­ums hin­weg schau­te, im 4. Stock am Fen­ster der Kli­nik ste­hend, in der mei­ne Toch­ter ih­re er­sten Le­bens­ta­ge ver­brach­te. Ein­mal war ein Tai­fun über un­se­re Ge­gend ge­zo­gen, und da­nach herrsch­te wie üb­lich ein merk­wür­dig kla­res Licht, ein biß­chen wie bei Föhn im Salz­bur­gi­schen, mit oran­gen und dun­kel­blau­en Wol­ken, vom gel­ben Flut­licht der ho­hen Ma­sten es­kor­tiert. An der Stel­le ist heu­te ein lee­res fla­ches Oval, wer weiß, was dort noch ent­ste­hen wird, hof­fent­lich kein him­mel­schrei­en­des Un­ge­tüm wie vor dem Bahn­hof (was in der Nach­kriegs­zeit aus Re­spekt vor dem ground ze­ro ver­bo­ten wur­de). Beim Bahn­hof ist ein gan­zes Stadt­vier­tel ver­schwun­den, der Fisch- und Ge­mü­se­markt mit den al­ten Stein­becken, den ver­win­kel­ten Gäß­chen und stei­len Trep­pen, den un­ge­wis­sen Raum­for­men in ei­ner noch fast greif­ba­ren Hö­he, den al­ten Frau­en, die ihr Tsuke­mo­no hü­te­ten, Ein­ge­leg­tes, das in Kü­beln lang­sam sei­nen Ge­schmack ent­fal­te­te, den win­zi­gen Nu­dell­ä­den, in de­nen das klei­ne Mäd­chen an mei­ner Sei­te die Kom­pli­men­te von Kö­chen und Gä­sten ent­ge­gen­nahm. Die­se Din­ge ha­be ich in ei­nem Ro­man­ka­pi­tel ge­schil­dert, das mit sei­ner Über­schrift »Hi­ro­shi­ma 1958« auf ei­ne Fo­to­se­rie an­spielt, wel­che die Schau­spie­le­rin Em­ma­nu­el­le Ri­va am Rand der Dreh­ar­bei­ten zum Film Hi­ro­shi­ma, mon amour auf­nahm. Vor ei­ni­gen Jah­ren ist das al­te Bahn­hofs­vier­tel fast von ei­nem Tag auf den an­de­ren ver­schwun­den. Jetzt steht an sei­ner Stel­le ein rie­si­ger, schwarz glän­zen­der Glas­ka­sten mit der Auf­schrift »Eki­ci­ty«, Bahn­hofs­stadt, der im zwei­ten Stock im­mer­hin das schön­ste und weit­läu­fig­ste Star­bucks be­her­bergt, das ich ken­ne – das Le­ben geht wei­ter. Und hin­ter der Eki­ci­ty, fünf Mi­nu­ten Fuß­weg ent­fernt, das neue Mat­su­da-Base­ball­sta­di­on, des­sen stei­les ro­tes Oval man vom ein­fah­ren­den Zug aus sieht, kein Wund- und kein Mahn­mal, son­dern der Stolz ei­ner gan­zen Re­gi­on, die zeit­wei­se nichts an­de­res im Kopf zu ha­ben scheint als Carp, das hie­si­ge Base­ball­team.

Ei­ne lan­ge Ge­schich­te… Vie­le Ge­schich­ten, sehr vie­le, ich kann sie hier nicht al­le er­zäh­len. Wie die lan­gen Gän­ge un­ter den bud­dhi­sti­schen Tem­peln kann der All­tag der Rei­ni­gung die­nen, der Vor­be­rei­tung auf das Au­ßer­ge­wöhn­li­che, das sich an den sel­te­nen Ta­gen, un­ter be­son­de­ren Blick­win­keln zeigt und das man her­vor­bringt, das aber doch im All­tag zu Hau­se ist, das Na­he­lie­gen­de. Man tritt über die Schwel­le, und plötz­lich ist al­les an­ders.

Auf dem Rück­weg vom neu­en Bahn­hof in Ji­ke, wo sie wie­der ein­mal oh­ne Rück­sicht auf Ver­lu­ste ei­ne schö­ne Land­schaft platt­ge­walzt ha­ben, um das Le­ben der Be­woh­ner in iden­ti­schen Tür­men und Ku­ben kom­for­ta­bler (»ben­ri«) zu ge­stal­ten, ist es schon tie­fe, mond­lo­se, mit zag­haf­ten Ster­nen be­stück­te Nacht. Ich fah­re mit dem Fahr­rad auf un­be­leuch­te­ten Schleich­we­gen, die ich al­le­samt wie mei­ne We­sten­ta­sche ken­ne, den hier noch schma­len Fluß und den Bam­bus­hain ent­lang, zwi­schen Reis­fel­dern, die jetzt lang­sam be­wäs­sert und be­pflanzt wer­den, aber nicht über un­se­ren Haus­berg, den Ka­ga­mi­ya­ma, nicht über die Paß­hö­he, das ist mir jetzt doch zu – ein Ja­pa­ner wür­de viel­leicht sa­gen: »sa­bis­hii« (»ein­sam« trifft es nur un­ge­fähr). Am Mor­gen, als es we­ni­ger ein­sam war, hat­te ich den An­stieg auf ich ge­nom­men (was ich im All­tag ver­mei­de) und ei­ne kur­ze Pau­se ein­ge­legt, um die Rück­sei­te des Ber­ges zu be­trach­ten, oder die Vor­der­sei­te, wie man’s nimmt, je­den­falls ab­seits von un­se­rem Wohn­haus, wo ei­ne Mu­re die im April so wun­der­schön blü­hen­den Kirsch­bäu­me be­droht und ei­ne zwei­te den Kin­der­spiel­platz ver­schüt­tet, ja, zum Ver­schwin­den ge­bracht hat, mit­samt dem Hütt­chen, un­ter des­sen Dach ich so vie­le Stun­den mit dem Be­trach­ten der Kin­der­spie­le im Sand­ka­sten zu­ge­bracht hat­te. Die Wun­den wer­den lan­ge blei­ben. Zwar be­ginnt es auch auf den gelb­li­chen Erd­zun­gen zu grü­nen, aber nur Gras­bü­schel, noch nicht ein­mal Bü­sche, ge­schwei­ge denn Bäu­me. Es wird Jahr­zehn­te dau­ern, bis das ver­heilt ist.

Bin ich in die­sen drei­zehn Jah­ren in Hi­ro­shi­ma, sieb­zehn in Ja­pan, zum Ja­pa­ner ge­wor­den? Nein, si­cher nicht. Oder zu ei­nem, der zu Hi­ro­shi­ma ge­hört, ein Hi­ro­shi­ma-jin? Das schon eher. Aber die drei­zehn Jah­re ha­ben mich nicht so ge­prägt wie die er­sten zehn oder elf, die ich im öster­rei­chi­schen Dorf ver­bracht ha­be. Mei­ne Spra­che, mein Ver­hal­ten, mei­nen Um­gang mit an­de­ren. Mei­ne Sicht der Na­tur, der Wäl­der, der Bäu­me. Die Art, wie ich Din­ge (auch Men­schen) be­rüh­re und mich be­rüh­ren las­se. Die Art, wie ich Ab­stand neh­me. Die Wan­de­run­gen an der Hand der Groß­mutter auf der noch un­be­fah­re­nen Au­to­bahn. Heu­te wird die Ge­gend dort von ei­nem Netz von Au­to­bah­nen zer­ris­sen. Pla­nie­run­gen hier wie dort. Als soll­te das Le­ben mit der Zeit un­wei­ger­lich flach wer­den. Aber wir fin­den im­mer noch Schleich­we­ge und Paß­hö­hen, zur Not schaf­fen wir sie uns, wir wan­dern auf Bahn­ge­lei­sen in Rich­tung Vin­cen­nes und quer durch die er­starr­te Schlamm­la­wi­ne, sau­gen den Duft des Faul­schlamms der Reis­fel­der wie auch der Flüs­se ein und se­hen den Blät­tern der Kusu-Bäu­me ne­ben dem ka­put­ten Haus beim Wach­sen zu. Es ist das er­ste Mal, daß mir das Wort »Dom« als Be­zeich­nung für ein von der Atom­bom­be fast, nicht ganz, zer­stör­tes Ge­bäu­de zu pas­sen scheint. Wie die Bäu­me wach­sen wir im An­ge­sicht der Lee­re.

© Fo­tos und Text bei Leo­pold Fe­der­mair

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Ein sehr schö­ner Text, Herr Fe­der­mair. Sehr ge­lun­gen.
    Ich hab mal ge­goo­gelt. Ei­ji Ta­ke­ba­ya­shi schreibt in http://harp.lib.hiroshima‑u.ac.jp/hue/file/12393/20181012142517/kenkyu2018410206.pdf, dass er Ot­to Pape hieß und ge­bür­tig aus Braun­schweig war. Ich kann kein Ja­pa­nisch, aber auf http://www.cf.city.hiroshima.jp/rinkai/heiwa/heiwa008/german%20prisoners%20camp.html steht un­ge­fähr, dass Pape In­ge­nieur bei der Schan­tung-Ei­sen­bahn ge­we­sen sei.
    Vie­le Grü­ße. Le­se ge­ra­de Ih­re Ap­fel­bäu­me von Cha­vil­le.

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