By­ung-Chul Han: Vom Ver­schwin­den der Ri­tua­le

Byung-Chul Han: Vom Verschwinden der Rituale

By­ung-Chul Han:
Vom Ver­schwin­den der Ri­tua­le

Im sehr kur­zen Vor­wort zu sei­nem Buch über das Ver­schwin­den der Ri­tua­le plat­ziert By­ung-Chul Han so et­was wie ei­ne Klar­stel­lung: Es gin­ge nicht dar­um, ei­ne ver­schwun­de­ne Zeit zu be­kla­gen, son­dern es wür­de »oh­ne Nostalgie…eine Ge­nea­lo­gie ih­res Ver­schwin­dens skiz­ziert.«

Das Buch hat nicht ein­mal 130 Sei­ten. Aber die ha­ben es in sich. Wie ein Schmied häm­mern die im zu­wei­len auf­dring­lich da­her­kom­men­den Heid­eg­ger-Duk­tus for­mu­lier­ten Sät­ze auf den Le­ser ein, ei­nem Le­ser, der so­fort zu Glü­hen be­ginnt, ei­ne Mi­schung aus (an­fäng­li­cher) Fas­zi­na­ti­on, Neu­gier und, be­son­ders ge­gen En­de, auch Ver­stö­rung. Doch da­zu spä­ter.

Han wie­der­holt in die­sem Buch ei­ni­ge The­sen sei­ner kultur‑, zi­vi­li­sa­ti­ons- und zeit­kri­ti­schen Sicht­wei­sen und er­wei­tert sie um das Ele­ment der Ri­tua­le und Ze­re­mo­nien. Er gilt als Kri­ti­ker der mo­der­nen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­tel, die er mit Ka­pi­ta­lis­mus­kri­tik ver­knüpft. Die In­ter­net­kom­mu­ni­ka­ti­on be­herr­sche nicht nur das Mit­ein­an­der son­dern tra­ge auch noch zur Selbst­aus­beu­tung des ar­bei­ten­den Sub­jekts bei. Der bö­se Ka­pi­ta­list, der sei­ne Mit­ar­bei­ter knech­tet, hat aus­ge­dient. Heu­te be­gibt sich das In­di­vi­du­um sel­ber und frei­wil­lig in Ab­hän­gig­kei­ten. Die­se Kri­tik ist nicht neu; sie wur­de schon vor ei­ni­ger Zeit als »Ko­lo­nia­li­sie­rung der Le­bens­welt« durch die Öko­no­mie be­schrie­ben. Han nennt den Feind ein we­nig ne­bu­lös »neo­li­be­ra­les Re­gime«.

Es fol­gen durch­aus in­ter­es­san­te Ein­sich­ten, bei­spiels­wei­se über das Smart­phone, wel­ches »kein Ding im Sin­ne von Han­nah Are­ndt« sei, weil ihm »die Sel­big­keit, die das Le­ben sta­bi­li­siert« feh­le. Oder die Kom­mer­zia­li­sie­rung von Wer­ten wie Ge­rech­tig­keit, Mensch­lich­keit oder Nach­hal­tig­keit, die leid­lich »öko­no­misch aus­ge­schlach­tet« wür­den. Den Wer­be­spruch »Tee trin­kend die Welt ver­än­dern« ei­nes Fair­trade-Un­ter­neh­mens kom­men­tiert Han sar­ka­stisch: »Welt­ver­än­de­rung durch Kon­sum, das wä­re das En­de der Re­vo­lu­ti­on.« Prä­gnant die Hin­wei­se über die Emo­tio­na­li­sie­rung und »die mit ihr zu­sam­men­hän­gen­de Äs­the­ti­sie­rung der Wa­re«. Das Äs­the­ti­sche wer­de »durch das Öko­no­mi­sche ko­lo­nia­li­siert« (sic!). Auch dies ei­ne hin­läng­lich be­kann­te Kla­ge.

Ri­tua­le und Ze­re­mo­nien sind für Han »sym­bo­li­sche Prak­ti­ken der Ein­hau­sung.« Sie schüt­zen uns vor den Ab­grün­den des Seins und »brin­gen ei­ne Ge­mein­schaft oh­ne Kom­mu­ni­ka­ti­on her­vor«, wäh­rend das In­ter­net »ei­ne Kom­mu­ni­ka­ti­on oh­ne Ge­mein­schaft« er­zeu­ge.« In Ri­tua­len wird, poin­tiert aus­ge­drückt, aus dem Ego­ma­nen (der von ei­ner auf Öko­no­mie aus­ge­rich­te­ten Ge­sell­schaft ge­wollt ist) ein so­zia­les We­sen. Das Ver­schwin­den der Ri­tua­le be­schleu­nigt den Pro­zess ei­ner Ent-So­zia­li­sie­rung des Men­schen und kon­di­tio­niert ihn auf die Pro­duk­ti­on.

Ri­tua­le die­nen, so lernt man, nie ei­nem be­son­de­ren Zweck – au­ßer ih­rem ei­ge­nen. Sie ha­ben kei­nen mo­ra­li­schen Kon­text. »Die ri­tu­el­le Ge­sell­schaft ist ei­ne Ge­sell­schaft der Re­geln. Sie wird nicht von der Tu­gend oder vom Ge­wis­sen, son­dern von ei­ner Re­gel­lei­den­schaft ge­tra­gen. Im Ge­gen­satz zum mo­ra­li­schen Ge­setz wer­den die Re­geln nicht ver­in­ner­licht. Sie wer­den nur be­folgt« (Her­vor­he­bun­gen im Ori­gi­nal). Mo­ral und Ri­tu­al sind Wi­der­sprü­che, denn Mo­ral set­ze ei­ne See­le vor­aus, die »die an ih­rer Ver­voll­komm­nung ar­bei­tet«, die auf »Selbst­ach­tung« hin­zie­le. Han nennt das »nar­ziss­ti­sche In­ner­lich­keit«. Es ist das Ge­gen­teil des im Ri­tu­al und den Ze­re­mo­nien an der Ge­mein­schaft ori­en­tier­ten Men­schen.

Das Ver­schwin­den der Ri­tua­le geht ein­her mit dem Ver­schwin­den von Ge­mein­schaf­ten, aber auch der Kraft der Re­li­gi­on. Den­noch ist das Ka­pi­tel über Re­li­gi­on und Ri­tu­al ver­gleichs­wei­se kurz. Il­lu­stra­ti­ver ist da Hans Bei­spiel für die ge­mein­schafts­stif­ten­de Wir­kung von Ri­tua­len an­hand von Pe­ter Na­das’ Es­say (Be­richt?) »Be­hut­sa­me Orts­be­stim­mung«, in der er, der Stadt­mensch und In­tel­lek­tu­el­le, von sei­nem Ein­le­ben in ei­ne Dorf­ge­mein­schaft er­zählt, in der er ein Haus er­wor­ben hat­te und nun ab­seits der Haupt­stadt zeit­wei­se lebt. Das Dorf ist hier der »ri­tu­ell ge­schlos­se­ne Ort«, in des­sen Mit­te ein Wild­bir­nen­baum steht. Dort »herrscht ein still­schwei­gen­des Ein­ver­ständ­nis. Nie­mand stört es mit per­sön­li­chen Er­leb­nis­sen und Mei­nun­gen. Nie­mand ver­sucht, sich Ge­hör und Auf­merk­sam­keit zu ver­schaf­fen. Die Auf­merk­sam­keit gilt in er­ster Li­nie der Ge­mein­schaft.«

Der bei die­sen Ge­le­gen­hei­ten häu­fig vor­ge­brach­te Pro­vin­zia­lis­mus-Vor­wurf kommt we­der bei Na­das noch bei Han vor. Die Ge­mein­schaft im »ge­schlos­se­nen Ort« ist nicht per se stumpf­sin­nig. Zwar wird zu­ge­stan­den, dass dem heu­te »wie­der er­wa­chen­den Na­tio­na­lis­mus […] das Be­dürf­nis nach je­ner Schlie­ßung inne[wohnt], die zum Aus­schluss des An­de­ren, des Frem­den führt«. Aber »nicht nur die Ne­ga­ti­vi­tät to­ta­ler Schlie­ßung, son­dern auch die Po­si­ti­vi­tät ex­zes­si­ver Öff­nung« sei ei­ne Ge­walt, die »ei­ne Ge­gen­ge­walt nach sich zieht«. Die­se Ge­gen­ge­walt sei ei­ne Re­ak­ti­on »auf die glo­ba­le, neo­li­be­ra­le Hy­per­kul­tur, auf die hy­per­kul­tu­rel­le Ort­lo­sig­keit«. Bei­den Denk­ge­bäu­den feh­le, so Han, der Zu­gang zum Frem­den.

Han un­ter­schei­det Ge­mein­schaft von den mo­der­nen Mas­sen-Events, in der je­der für sich bleibt. Ei­ne Ge­mein­schaft schützt das zum Knecht de­gra­dier­te bzw. sich sel­ber de­gra­die­ren­de »neo­li­be­ra­le Lei­stungs­ob­jekt«. Wo »Ri­tua­le als Schutz­vor­rich­tun­gen weg­fal­len, ist das Le­ben ganz un­ge­schützt.«

An­hand von zwei im Schwin­den be­grif­fe­nen, eher ze­re­mo­ni­el­len Ri­tua­len, wird die The­se il­lu­striert. Zum ei­nen wird die »Ethik der Höf­lich­keit« auf­ge­grif­fen. Sie ist »ei­ne rei­ne Form. Mit ihr ist nichts be­ab­sich­tigt. Sie ist leer. Als ri­tu­el­le Form ist sie je­den mo­ra­li­schen In­hal­tes ent­leert.« Ähn­li­ches gilt für das Trau­er­ri­tu­al. Die Trau­er­ze­re­mo­nie »legt sich wie ein Fir­nis schüt­zend über die Haut und iso­liert die­se ge­gen die grau­sa­men Ver­bren­nun­gen der Trau­er an­ge­sichts des To­des ei­nes ge­lieb­ten Men­schen.« Trau­er stel­le ein »ob­jek­ti­ves Ge­fühl, ein Kol­lek­tiv­ge­fühl dar.« Und »Kol­lek­tiv­ge­füh­le ha­ben nichts mit der in­di­vi­du­el­len Psy­cho­lo­gie zu tun. Im Trau­er­ri­tu­al ist die Ge­mein­schaft das ei­gent­li­che Sub­jekt der Trau­er. Die Ge­mein­schaft er­legt sie sich selbst auf an­ge­sichts der Ver­lust­er­fah­rung. Die­se Kol­lek­tiv­ge­füh­le ver­fe­sti­gen die Ge­mein­schaft.«

Wo gibt es an­de­ren­orts noch Ri­tua­le? Han wird in Ja­pan fün­dig, wo­bei sein Be­fund al­ler­dings un­ein­deu­tig ist. Ja­pan wei­se »auf je­ne kom­men­de ri­tu­el­le Ge­sell­schaft hin, die oh­ne Wahr­heit, oh­ne Tran­szen­denz aus­kommt, ei­ne durch­äs­the­ti­sier­te Ge­sell­schaft, in der der schö­ne Schein an die Stel­le der Re­li­gi­on ge­tre­ten ist«. Aber was ist mit dem schö­nen Schein ge­meint? Han wirft Ro­land Bar­thes ei­ne Ja­pan-Idea­li­sie­rung vor. Aber be­treibt er die­se nicht sel­ber, in dem er von der ja­pa­ni­schen Tee­ze­re­mo­nie schwärmt, der man sich »ei­nem mi­nu­tiö­sen Ab­lauf ri­tua­li­sier­ter Ge­sten« zu un­ter­wer­fen ha­be? »Hier gibt es kei­nen Raum für Psy­cho­lo­gie. Man wird re­gel­recht ent­psy­cho­lo­gi­siert«, so der Be­fund. Han kon­sta­tiert, die Kom­mu­ni­ka­ti­on tre­te »zu­rück zu­gun­sten ri­tu­el­ler Ge­sten.«

Aber ist es nicht ge­ra­de Ja­pan, in der die Iden­ti­fi­ka­ti­on des Ar­beit­neh­mers mit sei­nem Ar­beits­ge­ber fast bis zur Selbst­aus­beu­tung reicht? Könn­te es nicht sein, dass die Tee­ze­re­mo­nie nur noch ei­ne Art kul­tu­rel­le Rou­ti­ne ist? Hier rächt sich, dass Han nur sehr un­prä­zi­se Rou­ti­nen von Ri­tua­len un­ter­schei­det. Ei­ne Rou­ti­ne ist für ihn in­di­vi­du­ell, nicht auf Kom­mu­ni­ka­ti­on aus­ge­rich­tet. Und aus­ge­rech­net bei der ja­pa­ni­schen Tee­ze­re­mo­nie kon­sta­tiert er, dass dort in der »Selbst­ver­ges­sen­heit« des In­di­vi­du­ums kei­ne Kom­mu­ni­ka­ti­on statt­fin­de. Ri­tua­le er­zeu­gen ja, so Han, im Ge­gen­satz zur Rou­ti­ne, »In­ten­si­tät«. Aber was, wenn die­se In­ten­si­tät sich dann spä­ter wie­der in der »fort­stür­zen­den Zeit« ein­zu­fü­gen hat? Wie kann ei­ne Ge­sell­schaft, die im Sog der Kom­mer­zia­li­sie­rung das Ver­wei­len ver­lernt hat (für Han ei­nes der We­sens­merk­ma­le der Ge­gen­wart) plötz­lich ei­ne Tee­ze­re­mo­nie ze­le­brie­ren? Der Le­ser bleibt ver­wirrt.

Bei der Su­che an­de­rer ri­tua­li­sier­ter und so­mit wohl er­stre­bens­wer­ter For­men kommt Han schließ­lich auf das Spiel zu spre­chen. Mit Ge­or­ges Ba­tail­le un­ter­schei­det er das »schwa­che Spiel« (wel­ches ge­sell­schaft­lich »ge­dul­det« sei) vom »star­ken Spiel«. Letz­te­res lässt sich, so Han, nicht mit dem »Prin­zip der Ar­beit und Pro­duk­ti­on ver­ein­ba­ren. Es setzt das Le­ben selbst aufs Spiel.« Han phi­lo­so­phiert über den »hei­li­gen Ernst« des »star­ken Spiels«, schlägt ei­nen Bo­gen über die Ri­tu­al­haf­tig­keit des Du­ells (»Nach dem Du­ell gel­ten bei­de Du­el­lan­ten im Ur­teil der Ge­sell­schaft als Eh­ren­män­ner«) und en­det beim Krieg. »Der Krieg als ri­tu­el­ler Zwei­kampf zü­gelt die Ge­walt, in­dem es ihr ein Form­ge­wand aus stren­gen Spiel­re­geln auf­er­legt.« Wich­tig sei da­bei die »Sym­me­trie der Kampf­mit­tel«. Ei­ni­ger­ma­ssen über­rascht liest man wei­ter: »Der Krieg als er­wei­ter­ter Zwei­kampf un­ter­schei­det sich grund­sätz­lich von der Kampf­hand­lung, die heu­te im­mer mehr zu ei­ner rück­sichts­lo­sen Tö­tung aus­ar­tet«. Den mo­der­nen Bom­ben- und den post­mo­der­nen Droh­nen­krieg lehnt Han als »Pro­duk­ti­ons­schlacht« ab. Sein Ide­al ist auch nicht der Sol­dat, der als Söld­ner agie­re, son­dern der »sou­ve­rä­ne Spie­ler«, der »Krie­ger«. We­der im Du­ell noch im Krie­ge gin­ge es pri­mär um den phy­si­schen Tod des Fein­des son­dern um »Le­bens­in­ten­si­tät«. Hui­zin­ga wird noch da­hin­ge­hend ver­ein­nahmt, »dass die Ri­tua­li­sie­rung des Krie­ges das ‘ethi­sche Ni­veau’« we­sent­lich ge­ho­ben« ha­be. Ob die im­mer mehr sich ver­brei­ten­den Hoo­li­gan-Schlä­ge­rei­en, die nach fe­sten Re­geln aus­ge­tra­gen wer­den, Hans Ide­al na­he­kom­men? Man er­fährt es nicht. Zwi­schen­zeit­lich glaubt man, ei­nen Jün­ger-Adep­ten vor sich zu ha­ben.

Es ver­wun­dert da­nach kaum, dass der Re­gis­seur Wer­ner Schroe­ter noch als Kron­zeu­ge für den »sou­ve­rä­nen Frei­tod«, der mit ei­ner »ex­tre­men Lust« ein­her zu ge­hen ha­be, zi­tiert wird (was von Fer­ne an Jean Amé­ry er­in­nert). Die letz­ten Ka­pi­tel be­han­deln so un­ter­schied­li­che The­ma­ti­ken wie Im­ma­nu­el Kant, die zeit­ge­nös­si­sche Por­no­gra­fie und den »Da­tais­mus«. Sie wir­ken eher ad­di­tiv, zu­mal sich Han hier auch zu­wei­len sel­ber wie­der­holt.

Es passt zum rau­nend-ver­schwö­re­ri­schen Sub­text des Bu­ches, dass das lau­fend kon­sta­tier­te »neo­li­be­ra­le Re­gime«, je­ner Ur­quell al­len Übels, am En­de ein an­ony­mer, nicht de­fi­nier­ter Diabo­lus ex Ma­chi­na bleibt. Ei­ner »To­po­lo­gie der Ge­gen­wart«, wie der Un­ter­ti­tel ver­spricht, ist das nicht wür­dig. By­ung-Chul Hans Aus­füh­run­gen zur ge­mein­schafts­bil­den­den Funk­ti­on von Ri­tua­len und Ze­re­mo­nien sind er­hel­lend und lu­zi­de. (Ver-)Störend ist die ex­pli­zi­te Wür­di­gung des ar­chai­schen Kamp­fes. Al­len­falls die Er­in­ne­rung an das kur­ze Vor­wort mil­dert den leich­ten Är­ger. Das Glü­hen des Le­sers ist nach und nach ver­schwun­den. Der Zun­der wur­de nass.

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  1. Ei­ne er­hel­len­de Re­zen­si­on! Die ge­schil­der­te Le­se­er­fah­rung gleicht dem Er­leb­nis ei­nes Ge­sprächs By­ung-Chul Hans mit dem Li­te­ra­tur­kri­ti­ker Ste­phan Zwei­fel im Zür­cher Schau­spiel­haus im Ja­nu­ar die­ses Jah­res. Es ging um ei­nen zu­vor ge­zeig­ten zwei­stün­di­gen Film Hans, der nach ei­ge­ner Aus­sa­ge zu­vor nie was mit Film zu tun und nie ei­ne Ka­me­ra in der Hand ge­habt hat­te. Der Film war ei­ne schö­ne Vi­sua­li­sie­rung von Hans Phi­lo­so­phie­ren: ein ex­pe­ri­men­tie­ren­des Vor­an­ta­sten, ge­trie­ben von ei­ner eben­so ge­bil­de­ten wie kind­li­chen Neu­gier. Das Ge­spräch war durch­aus un­ter­halt­sam.

  2. Das ist schon ei­ne Ent­täu­schung, wenn ei­ne kul­tu­rel­le Streit­schrift fast völ­lig oh­ne ver­tief­te Bei­spie­le aus­kommt. Auch die psy­cho­lo­gi­schen Be­mer­kun­gen schei­nen mir völ­lig will­kür­lich zu sein. Über die Trau­er wird sehr kon­tra-in­tui­tiv fa­bu­liert, und den Krieg möch­te man am lieb­sten vor so viel Un­sinn in Schutz neh­men.
    Ich fin­de auch bei den ty­pi­schen an­ti-the­ti­schen Be­grif­fen kei­ne Über­ra­schun­gen: Neo­li­be­ra­lis­mus. Kom­mu­ni­ka­ti­on. Kon­sum. Mo­ral.
    Im­mer­hin: Psy­cho­lo­gie.
    Den Be­griff »Psy­cho­lo­gie« als War­nung vor fal­schen Denk­ge­wohn­hei­ten zu ver­wen­den, hat ei­ne sen­ti­men­tal-nietz­schea­ni­sche No­te. Das liegt ein we­nig ab­seits des Main­stream, ist aber nicht zu 100% ori­gi­nell.
    Den Sei­ten­hieb auf das Chri­sten­tum fin­de ich ziem­lich läp­pisch. Han meint, nur ei­ne fal­sche Mo­ral be­tet oder bet­telt ri­tu­ell für die Ver­voll­komm­nung der See­le. Nar­ziss­ti­sche In­ner­lich­keit, die im­mer in Irr­tum und Ver­häng­nis mün­det.
    Wä­re schon schön ge­we­sen, wenn wir Ri­tu­al und Ge­bet un­ter­schie­den hät­ten, ob­wohl ri­tu­el­les Be­ten ja der Klas­si­ker jü­disch-christ­li­cher Re­li­gio­nen ist...
    Apro­pos: die stärk­sten Ri­tua­le wie die »Wand­lung von Brot und Wein in der Eu­cha­ri­stie«, oder wie die fei­er­li­che Ver­ei­di­gung der Sol­da­ten sind wohl kei­ne Er­wäh­nung wert?! Das sind ja wohl Ver­zweckun­gen, die Han nicht ge­brau­chen kann.
    EIn Hauch von Lee­re weht uns da aus dem Osten an. Tran­szen­den­te prak­ti­zie­rend-sinn­haf­te Lee­re, für Er­wach­se­ne oh­ne Mo­ral, mit dem Ich am rech­ten Fleck, der Ge­mein­schaft nur im Ver­hält­nis 1:1 ver­pflich­tet. Wer uns mehr auf­drängt, den nen­nen wir ei­nen Rechts­po­pu­li­sten, und wer das Ich über die Ge­mein­schaft stellt, den nen­nen wir ei­nen neo­li­be­ra­len Ni­hi­li­sten.

  3. Der Sa­mu­rai hat Heid­eg­ger und Ernst Jün­ger aus dem glei­chen Grund ge­fal­len, wie er nun By­ung-Chul Han ge­fällt – oder den Kraft­sport­lern Ni­cho­las Taleb und Joe Ro­gan: Weil de­ren Kampf­hand­lun­gen per­sön­li­cher Na­tur und zu­gleich in höch­stem Ma­ße durch Re­geln und Tra­di­tio­nen ge­formt – und in die­ser Hin­sicht ent­sub­jek­ti­viert wa­ren.

    Der Null­punkt mo­der­ner Ge­sell­schaf­ten ist die mit der for­cier­ten In­di­vi­dua­li­sie­rung (=Sub­jek­ti­vie­rung) ein­her­ge­hen­de Ein­sam­keit. Das gro­ße sä­ku­la­re Ge­gen­bei­spiel ist der Sport als em­pha­tisch er­leb­ba­res Mas­sen­spek­ta­kel. Das Mi­li­tär ver­liert ge­sell­schaft­lich an Be­deu­tung.
    Das Thea­ter hält ei­nen mitt­le­ren Be­reich besetzt,verliert aber deut­lich an Bin­dung bei den Jün­ge­ren. Die Re­li­gi­on (=der Got­tes­dienst) als Pflegstät­te nicht zu­letzt »der schö­nen Ge­ste« (Han) ver­küm­mert. Hei­di Klum z. B. tritt an des­sen Stel­le mit ih­rer pu­bli­kums­wirk­sa­men Mo­del-Schu­le im TV, wie auch das Pro­mi-Din­ner, wo ins­be­son­de­re das gu­te Be­neh­men (=»die schö­ne Ge­ste«) mas­sen­wirk­sam be­han­delt wer­den.

    By­ung Chul Hans Smart­phone-Deu­tung geht an den Be­sit­zern vor­bei, wie mir scheint.
    Die nicht ganz tau­fri­sche Fra­ge steht im Raum: Wie kann mo­der­nes Le­ben ge­lin­gen und wel­che Rol­le spielt da­bei das Ri­tu­al?
    Viel In­ter­es­san­tes da­zu fin­det sich nicht nur bei Mir­cea Elia­de und Emi­le Durk­heim, son­dern auch im Rol­ling Stone Ma­ga­zi­ne und in der Theo­rie des kom­mu­ni­ka­ti­ven Han­delns (be­son­ders Bd. 1, S. 72 – S. 114).
    Han kommt oh­ne So­zi­al­psy­cho­lo­gie aus, das ist me­tho­disch der so­zu­sa­gen vor­mo­der­ne Zug bei ihm – noch­mal ei­ne Be­rüh­rung mit Ni­co­las Taleb und Ernst Jün­ger.

  4. »Die ri­tu­el­le Ge­sell­schaft ist ei­ne Ge­sell­schaft der Re­geln. Sie wird nicht von der Tu­gend oder vom Ge­wis­sen, son­dern von ei­ner Re­gel­lei­den­schaft ge­tra­gen. Im Ge­gen­satz zum mo­ra­li­schen Ge­setz wer­den die Re­geln nicht ver­in­ner­licht. Sie wer­den nur be­folgt.«

    Ri­tua­le er­zeu­gen ja, so Han, im Ge­gen­satz zur Rou­ti­ne, »In­ten­si­tät«.

    »Ri­tua­le und Ze­re­mo­nien sind für Han »sym­bo­li­sche Prak­ti­ken der Ein­hau­sung.««

    Ver­gleicht man die drei Stel­len, wird ein Wi­der­spruch deut­lich: Wenn sym­bo­li­sches Han­deln (als Ri­tu­al) In­ten­si­tät er­zeugt, dann wirkt es aus sich her­aus und es steht zu­gleich für et­was an­de­res. Das ist eben kei­ne Re­gel­lei­den­schaft, nichts äu­ße­res und si­cher­lich kei­ne blo­ße Be­fol­gung, son­dern An­teil­nah­me: die Re­gel, das Ri­tu­al wird aus und durch sich als bin­dend, be­deut­sam und in­ten­siv er­fah­re­nen. Und ge­ra­de weil das nicht mehr so ist, fehlt der Re­li­gi­on die Kraft. Die Eu­cha­ri­stie­fei­er – kun­di­ge­re Mit­le­ser und ‑schrei­ber mö­gen mich kor­ri­gie­ren – steht sym­bo­lisch für das letz­te Abend­mahl und man kann ih­ren re­gel­haf­ten Ab­lauf ein­fach hin­neh­men oder sie als be­deut­sam er­fah­ren. Das ist doch der ent­schei­den­de Un­ter­schied.

    Hy­per­kul­tu­rel­le Ort­lo­sig­keit? Sagt Han was das sein soll? Ich ste­he vor dem Be­griff ei­ni­ger­ma­ßen rat­los.

  5. Hy­per­kul­tu­rel­le Ort­lo­sig­keit: Wo­mög­lich in An­leh­nung an den »Hy­per­text« des In­ter­net – ei­ne vir­tu­el­le Ort­lo­sig­keit. So in­ter­pre­tie­re ich das.

    Über Eu­cha­ri­stie steht im Buch nichts. Ver­mut­lich weil das Ri­tu­al­haf­te ei­nem Bild, ei­ner »The­se«, al­so mehr als nur dem rei­nen Zweck des Ri­tu­als sel­ber folgt. Es ist ja die Wand­lung von Was­ser in Blut und vom Brot in Fleisch (Trans­sub­stan­tia­ti­on [Ka­th­pe­dia-Link ab­sicht­lich ge­setzt, ob­wohl er »par­tei­isch« ist]). Auch hier bin ich nicht si­cher.

  6. @Gregor
    Nur wird sich ei­ne ver­gleich­ba­re The­se in den mei­sten re­li­giö­sen Ri­tua­len fin­den (ein an­de­res Bei­spiel wä­re die Tau­fe). Das Ri­tu­al aber wirkt nicht durch die The­se. Poin­tiert ge­sagt: Ein go­ti­scher Dom spricht heu­te noch, die in ihm prak­ti­zier­ten Ri­tua­le aber nicht mehr. Wenn Ri­tua­le nicht mehr le­ben­dig sind und dann erst ver­schwin­den, dann ist das Ver­schwin­den gar nicht das Pro­blem, son­dern der Le­ben­dig­keits­ver­lust da­vor.

    Man könn­te ge­gen Han auch ein­wen­den, dass mo­der­ne Ge­sell­schaf­ten ja Re­gel­ge­sell­schaf­ten sind, hin­sicht­lich Recht und Ge­setz und zwar aus­ufern­de.

    @Dieter Kief
    Die In­di­vi­dua­li­sie­rung ist ei­ne schein­ba­re, oder? Ihr zu Grun­de liegt ei­ne Kon­for­mi­tät, al­so be­stimm­te Prak­ti­ken wie Kon­sum, Selbst­dar­stel­lung, usw.

    Ri­tua­le bin­den, in­so­fern könn­ten sie, selbst wenn sie bloß un­ge­fähr wie­der­keh­ren­de, in­ten­si­ve Hand­lun­gen wä­ren, ein Ge­gen­ge­wicht bil­den. Fort­schrei­ten, Zer­streu­ung, Un­auf­merk­sam­keit und Ab­we­sen­heit ge­rie­ten dann in ei­ne dia­lek­ti­sche Span­nung, Mo­der­ne wä­re als (pha­sen­wei­se) ent­schleu­nig­te denk­bar.

  7. Die Eu­cha­ri­stie als Ri­tu­al ist das be­ste Bei­spiel da­für, dass Han sich die Ab­gren­zung von Ze­re­mo­nie und Ge­bet von den pro­fa­nen Ri­tua­len nicht rich­tig über­legt hat.
    Denn mit der Ab­gren­zung könn­te man auch über Par­al­le­len nach­den­ken; im­mer­hin ist die Tee-Ze­re­mo­nie und das »be­rühm­te­ste Abend­essen al­ler Zei­ten« ei­ner All­tags­si­tua­ti­on ab­ge­won­nen, die erst mit der Län­ge der Tra­di­ti­on zu ih­rer Re­gu­la­ri­tät ge­fun­den hat. Bei­de Ri­tua­le mün­zen so­zia­le Rol­len aus, sind al­so nicht auf ei­ne ein­zi­ge Sub­jek­ti­vi­tät re­du­zier­bar, in der sich dann al­le und kei­ner wie­der­fin­den, in ei­ner ge­lun­ge­nen Syn­the­se des Be­wusst­seins wo­mög­lich...

    Ich le­se bei Han ei­ne ge­wis­se Un-Ent­schlos­sen­heit dar­über, ob man die Ri­tua­le tat­säch­lich als Kur ge­gen die mo­der­ne Krank­heit ein­set­zen kann. Er neigt un­will­kür­lich auf die be­kann­te Schlag­sei­te des kri­ti­schen Den­kens, wo­nach der Ver­fall (hier des er­füll­ten in­di­vi­du­el­len Le­bens) nur ei­ne Er­klä­rung im Äu­ße­ren der Ge­sell­schaft ge­stat­tet, wo­mit im we­sent­li­chen die »schlech­ten Nach­rich­ten« nur ver­dop­pelt wer­den. Der Ver­fall hat ei­nen »gu­ten Grund«, aber die prag­ma­ti­sche Schluss­fol­ge­rung bleibt of­fen...

    Sei­ne Psy­cho­lo­gie (he­he!) ist den­noch nicht ganz oh­ne, weil er of­fen­bar be­müht ist, ei­ne fal­sche In­di­vi­dua­li­tät, die sich auch noch zeit­gei­stig rück­ver­si­chert, von ei­ner ge­lun­ge­nen, aber nur im Ant­ago­nis­mus zu den Um­stän­den er­reich­ba­ren In­di­vi­dua­li­tät zu un­ter­schei­den. Das gu­te und das schlech­te Le­ben, wie man es nann­te. Na­tür­lich sind ek­lek­ti­sche Er­ör­te­run­gen von Ri­tua­len quer durch Raum und Zeit nicht un­be­dingt als Re­zept zu le­sen, aber me­tho­disch kommt er da­mit um ei­ne Ant­wort auf die zen­tra­le Fra­ge her­um, näm­lich die Fra­ge, ob wir das ma­chen sol­len (weil’s hilft!), oder nicht (weil ja so­wie­so schon kei­ner mehr dran in­ter­es­siert ist).

  8. Dass Ri­tua­le ge­mein­schafts­stif­tend sind, ist durch­aus in­ter­es­sant. Dass sie aber so­zu­sa­gen kei­ner­lei an­de­ren Zweck ver­fol­gen als sich sel­ber, ist sehr frag­wür­dig. In der Tat bleibt er Ant­wor­ten schul­dig – was na­tür­lich le­gi­tim ist, aber die Sa­che nicht leich­ter macht.

    Sei­ne Ab­kan­ze­lung »mo­der­ner« Ri­tua­le als Mas­sen-Events (die na­tür­lich nur wie­der dem »neo­li­be­ra­len Re­gime« dien­lich sind), über­zeugt nicht. Man könn­te ja im­mer­hin dar­aus schlie­ßen, dass Ge­mein­schafts­er­leb­nis­se durch­aus noch ge­wünscht sind, aber nur an­ders voll­zo­gen und er­lebt wer­den. Der Re­kurs auf den an­ti­ken Krie­ger bringt ja re­la­tiv we­nig.

  9. Ich hab mir das nicht im De­tail bei Han an­ge­schaut, aber ich weiß aus Er­fah­rung, dass Sub­jk­ti­vi­tät ein Pro­blem ist. Ador­no hat sich dar­an die Zäh­ne aus­ge­bis­sen, Ha­ber­mas – ich schul­de ihm da­für ewi­gen Dank, hat das, die­se Apo­rie bei Ador­no, klar be­nannt – auch als sy­ste­ma­ti­sches sub­jekt­phi­lo­so­phi­sches De­fi­zit.

    Heid­eg­ger, Han und Jün­ger, aber auch Du­ro­cher und Joe Ro­gan und der eben­falls Kraft­sport trei­ben­de Ni­cho­las Taleb ma­chen an die­ser Stel­le den Short­cut zum Zen und zu den Sa­mu­rai.

    Die rich­ti­ge – ok – - mitt­le­re – - La­ge in die­ser De­bat­te hat sehr früh schon Erich Fromm ein­ge­nom­men, der ver­stan­den hat, dass via Zen ei­ne ge­nu­in kör­per­li­che Pfor­te zur Tran­szen­denz of­fen­bleibt, dass die­se of­fe­ne Pfor­te aber nicht nö­tigt, die mo­der­ne Ver­nunft preis­zu­ge­ben. Er hat die­se Kluft mit der So­zi­al­psy­cho­lo­gie ge­chlos­sen, al­so prag­ma­tisch, d. h. auch sy­ste­ma­tisch ge­nau rich­tig.

    Fromm ist frei­lich ge­nau we­gen sol­cher Ket­ze­rei­en aus dem In­sti­tut für So­zi­al­for­schung von Hork­hei­mer und Ador­no hin­aus­ge­wor­fen wor­den, wie man wird sa­gen müs­sen. Un­ter­des­sen müss­te auch Ha­ber­mas ex­kom­mu­ni­ziert wer­den, weil der sich – breits ab dem Band »Nach­me­ta­phy­si­sches Den­ken«, und dann im­mer deut­li­cher, bis hin zu sei­nem näch­sten Buch, das im Sep­tem­ber er­schei­nen wird, eben­falls für ein Den­ken aus­ge­spro­chen hat, das er nun »post­sä­ku­lar« nennt, und das den Got­tes­glau­ben ge­nau wie Fromm frü­her schon, nun nicht mehr ka­te­go­risch für prä­mo­dern (= vor­auf­klä­re­risch, über­holt, oder gar aufklärungsfeindlich=schädlich) an­sieht.
    Han lässt durch­aus auch tra­di­tio­nel­le christ­li­che Ri­tua­le gel­ten – und er be­nennt ins­be­son­de­re mit Blick auf die Schön­heit in »Ri­tua­le« auch ein ganz kon­kre­tes De­fi­zit, das ent­steht, wenn man die Ri­tua­le so­zu­sa­gen er­satz­los streicht, näm­lich – - – die öf­fent­li­che Pfle­ge der Schön­heit – u. a. via schö­ner Ge­sten, die die Pfar­rer wäh­rend des Got­tes­dien­stes aus­füh­ren. – Schön­heit wird so im gan­zen Volk ver­an­kert und via Bei­spiel auch men­tal bei al­len Got­tes­dienst­be­su­chern ein­ge­übt. Das ist ein Mo­tiv, das sich Han mit – he­he – Pe­ter Hand­ke und mit Mar­cuse teilt (es gibt ei­nen kon­kre­ten Be­zug zu Mar­cuses »Per­ma­nenz der Kunst«. Auch Mar­cuse schreibt da, ge­nau wie Han, aus­drück­lich über die Schön­heit der Ge­ste – n i c h t als ad­li­ges, son­dern aus­drück­lich als volks­tüm­li­ches äs­the­ti­sches Merk­mal, das – den spä­ten (!) – Mar­cuse Par­tei er­grei­fen lässt für – - – das Hip­pie­we­sen. Und das Hip­pie­we­sen könn­te man in der Tat als ein ka­tho­li­sches De­ri­vat an­se­hen).
    Mein näch­ster Weg führt mich nun ins Kon­stan­zer Mün­ster, da­her al­les nur ganz kurz- he­he: Gott­be­foh­len!

  10. Aus der Ent­fer­nung kommt mir vie­les die­ser >neu­en­schreck­lich Neu­en­neue Ge­ne­ra­ti­on< von Ma­schi­nen­gat­tun­gen, von Struk­tu­ren und Markt­stra­te­gien for­dernd vor ihm steht. Das sen­ti­men­ta­le Al­tern ist dem­nach mit Rie­sen­schrit­ten vor­ge­rückt. Doch hier­bei han­delt es sich um ei­ne trü­ge­ri­sche, ei­ne künst­li­che und äu­ßerst hin­der­lich Er­schei­nung, weit mehr Stim­mungs­sa­che als Not­wen­dig­keit, [..]
    Wir er­ken­nen ge­wis­ser­ma­ßen durch die Lu­pe der Mi­kro­elek­tro­nik das Prin­zip des rück­ver­bun­de­nen Le­bens [..]
    Trau­ern wir als nicht län­ger der ver­schol­le­nen Tie­fe, der ver­flüch­tig­ten Hö­he nach. [..] Nicht kon­ser­vie­ren, im Er­hal­ten er­wür­gen, son­dern auf den Nerv der Gro­ßen Ver­wand­lung tref­fen, dann, mei­ne ich, kön­nen wir le­ben.« (Bo­tho Strauß »Der jun­ge Mann«)

  11. Ich wür­de gern das Buch le­sen, um bes­ser Stel­lung neh­men zu kön­nen, aber das läßt sich der­zeit nicht ma­chen. Bis­her ha­be ich By­ung-Chul Han auch im­mer mit ei­ner ge­wis­sen Fas­zi­na­ti­on ge­le­sen, aber zu­gleich mit al­ler­lei Be­den­ken, und Gre­gor K.s Lek­tü­re­be­richt gibt dem am­bi­va­len­ten Ge­fühl Nah­rung. Han nimmt ei­ne gan­ze Rei­he von in den Mas­sen­me­di­en be­lieb­ten, mehr oder min­der mo­di­schen The­men auf und dreht sie durch den phi­lo­so­phi­schen Fleisch­wolf, über­zieht die Stof­fe mit ei­ner Ter­mi­no­lo­gie, die vor al­lem an Heid­eg­ger ge­bil­det ist. Oft schien mir, daß die­se Gang­art, die­se dé­mar­che ziem­lich ober­fläch­lich ist, trotz dem durch die Ter­mi­no­lo­gie er­zeug­ten Ein­druck von Tie­fe. Daß er dem Neo­li­be­ra­lis­mus an al­lem die Schuld gibt, dar­auf weist Gre­gor mit Recht hin. Der Be­griff stört mich gar nicht, er wird zwar sel­ten ge­nau de­fi­niert und könn­te, wenn man sich na­iv stellt, ir­re­füh­rend wir­ken, aber in Wahr­heit wis­sen wir doch al­le mehr oder we­ni­ger, was da­mit ge­meint ist. Der Be­griff hat im Lauf sei­ner ein paar Jahr­zehn­te al­ten Ge­schich­te eben Be­deu­tung an­ge­setzt. Ich ge­ste­he, daß ich Hans Ab­nei­gung ge­gen den Neo­li­be­ra­lis­mus tei­le. Auch ich glau­be, daß sei­ne an­geb­lich ideo­lo­gie­freie Ideo­lo­gie al­les durch­dringt und das Un­be­ha­gen in der heu­ti­gen Ge­sell­schaft auf al­len mög­li­chen Ebe­nen be­dingt. Mög­li­cher­wei­se gibt es zu die­ser Grund­ver­fas­sung der­zeit und bis auf wei­te­res aber kei­ne Al­ter­na­ti­ve. Mag sein.

    Ce­ci dit: Han er­ar­bei­tet sei­ne Be­fun­de in der Re­gel nicht nach­voll­zieh­bar, er stellt ein­fach vie­le Be­haup­tun­gen in den Raum. Und ich ha­be zu­dem den Ein­druck, daß er nicht ge­ra­de aus ei­nem rei­chen Er­fah­rungs­schatz schöpft, wie es Schrift­stel­ler zu tun pfle­gen. Es bleibt ein aka­de­misch-jour­na­li­sti­sches Schrei­ben. So kommt es dann im Kon­kre­ten und vor al­lem aus der Sicht von Leu­ten, die sich aus­ken­nen (so wie ich, wenn es um Ja­pan und noch ein paar an­de­re The­men geht) zu ab­stru­sen Schluß­fol­ge­run­gen wie de­nen, daß in der ge­gen­wär­ti­gen ja­pa­ni­schen Ge­sell­schaft be­stimm­te Ri­tua­le sinn­stif­tend wä­ren. Die Tee­ze­re­mo­nie, lie­ber Gre­gor, ist kei­ne Rou­ti­ne, sie ist Folk­lo­re, für ei­ni­ge Leu­te ein Hob­by, da­von ab­ge­se­hen aber Ge­schich­te, spielt in der ja­pa­ni­schen Ge­sell­schaft dar­über hin­aus kei­ne Rol­le. Die gro­ße Mehr­heit der Ja­pa­ner nimmt an sol­chen Ze­re­mo­nien al­le paar Jah­re ein­mal Teil, ge­nau­so wie an Ka­bu­ki-Thea­ter­auf­füh­run­gen (wenn über­haupt je), oder an ei­ner Ze­re­mo­nie-light-Ver­si­on, wenn sie als Tou­ri­sten ei­ne Tem­pel­an­la­ge be­su­chen. Nein, die Rea­li­tät ist ganz an­ders, sie ist in Ja­pan von ei­ner Un­zahl von Re­geln, Vor­schrif­ten, Ver­bo­ten be­stimmt, die ei­nen Dau­er­stress be­wir­ken und mit der neo­li­be­ra­len Ge­sell­schaft be­stens ver­ein­bar sind. Die ka­pi­ta­li­sti­sche Wirt­schaft funk­tio­niert durch­aus nicht aus­schließ­lich auf der Ba­sis ei­nes ego­isti­schen In­di­vi­dua­lis­mus – ne­ben Ja­pan sind da auch Chi­na und Süd­ko­rea Bei­spie­le, un­ter­schied­li­che, die drei un­ter­schei­den sich stark. Zu wei­ten Tei­len ist die ja­pa­ni­sche Ge­sell­schaft qua­si-mi­li­tä­risch or­ga­ni­siert, von der Grund­schu­le an. Die stän­di­ge Be­fol­gung ei­ner Un­zahl von Re­geln, nach de­ren Sinn nie je­mand fragt, nährt hier nicht Lei­den­schaft, sie er­mü­det auf Dau­er die Leu­te.
    Wenn Han schon ein Ze­re­mo­nie­bei­spiel aus Ja­pan brin­gen möch­te, dann wä­re die Kirsch­blü­ten­fei­er bes­ser ge­eig­net. Nach mei­ner jah­re­lan­gen teil­neh­men­den Be­ob­ach­tun­gen ist ihr Haupt­zweck ein we­nig locke­re Ge­mein­schaft­lich­keit, wo man in klei­nen Grup­pen ißt und trinkt, vor al­lem Letz­te­res, die Leu­te wer­den be­schwingt und be­schwipst und der Früh­ling tut das sei­ne da­zu. Das ist schön, da­zu braucht es kei­ne Re­li­gi­on, al­len­falls ein biß­chen Glau­be ans Le­ben an sich. Ri­tua­le wie Han sie meint sind das aber kaum, da­zu wä­ren dann tat­säch­lich ge­naue­re Re­geln von­nö­ten, vor al­lem aber ein star­ker re­li­giö­ser oder ideo­lo­gi­scher Kon­text. Und der ist in west­li­chen Ge­sell­schaf­ten (wie in Ja­pan!) nicht vor­han­den, und ihn wie­der­her­stel­len zu wol­len, wä­re ein zu­min­dest frag­wür­di­ges Un­ter­fan­gen. Ist Han da­zu be­reit, zu neu­er Re­li­gi­on oder Ideo­lo­gie? Oder will er »nur« ein paar Ri­tua­le? Fra­ge an Gre­gor K.

    Ich glau­be, daß Han mit halt­lo­sen Be­trach­tun­gen wie de­nen zur Tee­ze­re­mo­nie, die sich tat­säch­lich an Halt­lo­sig­keit mit de­nen von Ro­land Bar­thes mes­sen kön­nen (sie­he z. B. Bar­thes über Pach­in­ko), auf Holz­we­ge ge­rät.
    Da­bei will ich es im Mo­ment be­las­sen, der Bei­trag ist eh schon zu lang. Zu sa­gen hät­te ich noch was zum The­ma Krieg, und zu fra­gen hin­sicht­lich des Aus­drucks „Ein­hau­sung“ – da wird doch das heid­eg­ge­risch an­ge­hauch­te Nach­kriegs­the­ma vom „un­be­hau­sten Men­schen“ auf­ge­wärmt und ei­ne Dorf­poe­sie her­bei­ge­sehnt, wie man sie (die Sehn­sucht) nicht zu­letzt auch von ei­ni­gen Wer­ken Pe­ter Hand­kes kennt. »Über die Dör­fer« etc.

  12. @Phorkyas
    Dan­ke für die Strauß-Zi­ta­te. Das Buch ist ja von 1984. In­zwi­schen stimmt ja auch Strauß in den Chor der Kul­tur­kri­ti­ker ein. Und dies im­mer ve­he­men­ter und zu­gleich ab­ge­wand­ter.

    @Leopold Fe­der­mair
    Beim Be­griff »Neo­li­be­ra­lis­mus« stört mich zwei­er­lei. Zum ei­nen ist er miss­ver­ständ­lich, weil er ur­sprüng­lich für das ge­naue Ge­gen­teil des­sen stand, wo­zu man ihn heu­te ver­wen­det. Heut­zu­ta­ge wird er pe­jo­ra­tiv für das Pri­mat der Öko­no­mie ge­gen­über po­li­tisch-ge­sell­schaft­li­chen Fra­gen ver­wen­det. »Li­be­ral« wird da­bei als »lais­sez fai­re« über­setzt – und das aus­schließ­lich im Rah­men der Wirt­schafts- und Ar­beits­welt. Wer sich als »Li­be­ra­ler« sieht, wird so­fort als De­re­gu­lie­runs­hyä­ne iden­ti­fi­ziert.

    Was mich bei Han stört, ist we­ni­ger die­ser fahr­läs­si­ge Ge­brauch des Wor­tes »neo­li­be­ral«, son­dern die Ver­knüp­fung mit »Re­gime«. Als leb­ten wir in ei­ner post­de­mo­kra­ti­schen Welt. Je­mand, der so stark auf Spra­che re­kur­riert (es gibt ei­ne Elo­ge auf das Ge­dicht), weiß, war­um er »Re­gime« sagt.

  13. Die Be­deu­tung von Ri­tua­len im Öf­fent­li­chen Raum wür­de ich eben­falls her­aus­stel­len. Die sä­ku­la­re Ze­re­mo­nie (Zeug­nis­se, Ver­ei­di­gung) ist an den Schwel­len aus­ge­rich­tet, und fin­det nur zweck­be­dingt statt. Ge­nau­so in den Kir­chen bei den Le­bens­sta­tio­nen, al­ler­dings gibt es zu­sätz­lich die Jah­res- und Wo­chen­ri­tua­le.
    Die Ein­rich­tung schö­ner Ge­sten in der re­li­giö­sen Sphä­re ist oft her­aus­ge­stellt wor­den, mir fällt et­wa F.X. Kroetz ein, der sie dem der­ben Le­ben der Bau­ern ent­ge­gen stellt. Das ist ei­ne an­de­re Wahr­neh­mung als ei­ne dörf­li­che Idyl­le, wie bei Na­das. Über­haupt ist ei­ne Dua­li­tät von Kul­tur und »Na­tur« (sprich Bau­ern-Bar­ba­rei) ein völ­lig an­de­res Kon­zept als ei­ne Dua­li­tät von Idyl­le und or­ga­ni­sier­tem Amei­sen-Le­ben (sprich Stadt und Land).

    Über die phi­lo­so­phi­sche Me­tho­de von Han wür­de ich noch ger­ne was sa­gen: die Be­haup­tungs­freu­de, das An­fan­gen-und-Lie­gen-las­sen, die Re­mi­nis­zen­zen der Be­grif­fe, und die »Löch­rig­keit der Tex­tur«, sprich die al­te Fra­ge, ob die ge­lun­ge­ne For­mu­lie­rung die feh­len­de Idee er­set­zen kann...
    Ich bin kein Pro­fi, aber ich bin ein sehr kri­ti­scher Le­ser bei Phi­lo­so­phen. Ich mei­ne, dass die Me­tho­de zwar schein­bar zu­rück­tritt, dass aber vie­le Ein­wän­de be­reits auf die »Frei­heit des Stils« zu­rück­führ­bar sind. Feh­len­de De­fi­ni­tio­nen, Un­ter­schei­dun­gen, Wis­sen (Ja­pan!), etc.

    Die Kri­tik auf den Punkt ge­bracht: Me­tho­de und Stil sind ein und das­sel­be, auch wenn wir das ei­ne der Li­te­ra­tur und das an­de­re der Phi­lo­so­phie zu­ord­nen. Es ist doch im Prin­zip nichts ge­won­nen, wenn wir die Schwä­che in der ar­gu­men­ta­ti­ven Dar­stel­lung mit Mit­teln der Rhe­to­rik und reich­hal­ti­gen Sub­tex­ten aus­glei­chen. Das geht sich ge­ra­de mal so aus, wür­de ich sa­gen, aber rich­tig be­frie­di­gend ist das nicht, oder?!

  14. @ die_kalte_Sophie

    By­ung-Chul Han schreibt aus­drück­lich Es­says. Al­so kei­ne me­tho­disch strik­ten Ab­hand­lun­gen. Das Kenn­zei­chen des Es­says ist, dass er in al­ler Kür­ze ei­ne di­rek­te Be­zie­hung zum Mi­kro- wie zum Ma­kro­kos­mos un­ter­hält. Er ist we­sens­mä­ssig schnell und ris­kant.

    Zu den mo­der­nen Ri­tua­len ge­hört laut John Up­dike z. B., ei­nem über­aus welt­ge­wand­ten Mann, auch das Fern­se­hen.

    @ Leo­pold Fe­der­mair

    Han zielt mit »Ein­hau­sung« nicht aufs länd­li­che Le­ben. Ich hab das in der on­line-Le­se­pro­be bei Ull­stein nach­ge­se­hen. Er meint das exi­sten­ti­ell.
    Hand­ke ist auch als (Vor)städter Ka­tho­lik. Bei ihm ist der öf­fent­lich prak­ti­zier­te Glau­be nicht zu­letzt ein Boll­werk ge­gen die Ver­su­chun­gen des Irr­sinns in sei­ner selbst­ge­wähl­ten vor­städ­ti­schen Ein­sam­keit. Er spürt und ar­ti­ku­liert, wie stark Ein­sam­keit wirkt – und wie ver­bind­li­chund trö­stend das kol­lek­ti­ve ka­tho­li­sche Ri­tu­al. – Ähn­li­ches lässt sich viel­leicht auch über Kon­zer­te sa­gen.

  15. Hand­ke ist auch als (Vor)städter Ka­tho­lik. Bei ihm ist der öf­fent­lich prak­ti­zier­te Glau­be nicht zu­letzt ein Boll­werk ge­gen die Ver­su­chun­gen des Irr­sinns in sei­ner selbst­ge­wähl­ten vor­städ­ti­schen Ein­sam­keit. Er spürt und ar­ti­ku­liert, wie stark Ein­sam­keit wirkt – und wie ver­bind­li­chund trö­stend das kol­lek­ti­ve ka­tho­li­sche Ri­tu­al.

    Das ist Un­sinn. Hand­kes »Be­schäf­ti­gung« mit Re­li­gi­on ist eher ei­ne Er­kun­dung des My­sti­schen. Da­her kommt er auf z. B. auf Mei­ster Eck­hart und – in den letz­ten Jah­ren im­mer mehr – auf die Su­fi­sten im Is­lam (fun­da­men­ta­li­sti­sche Aus­le­gun­gen lehnt er ab). Am Ka­tho­li­zis­mus in­ter­es­siert ihn die Eu­cha­ri­stie, die (Ver)Wandlung. Hand­ke ist – so­fern man dies auf ei­ne sol­che For­mel brin­gen kann – Agno­sti­ker. Mit dem Kir­chen­ap­pa­rat hat er we­nig bis nichts im Sinn

    Han be­schäf­tigt sich kaum mit re­li­giö­sen Ri­tua­len. Na­tür­lich ist er im Es­say »frei«, aber ei­ne ge­wis­se Strin­genz muss man schon er­war­ten dür­fen bzw. des­sen Feh­len kri­ti­sie­ren. Ir­gend­wann po­sier­te er nur noch im nach­ge­mach­ten Heid­eg­ger-Ton.

  16. Ich möch­te hier noch ein Bei­spiel für ei­nen kul­tu­rel­len Raum mit Ri­tua­len brin­gen, ei­ne Art En­kla­ve. Es ist der ar­gen­ti­ni­sche Tan­go, der sich seit den acht­zi­ger Jah­ren auf sa­gen­haf­te Wei­se in­ter­na­tio­na­li­siert (glo­ba­li­siert?) hat, von sei­nen Ri­tua­len lebt, auf be­stimm­ten Prak­ti­ken, mensch­li­chen Be­zie­hun­gen und ei­nem Ideen­ge­bäu­de fußt, das kei­ne sehr schar­fen Kon­tu­ren hat und kaum zum Dog­ma­tis­mus neigt. Ich ken­ne vie­le Leu­te, die ihr Le­ben zu ei­nem gro­ßen Teil in die­sem Mi­lieu ver­brin­gen und Sinn dar­aus be­zie­hen. Es gibt ei­ne in­zwi­schen ziem­lich lan­ge, ab­wechs­lungs­rei­che und in­ter­es­san­te Ge­schich­te die­ser Be­we­gung, so­wohl was Mu­sik als auch was Tanz be­trifft und auch in Hin­blick auf Tex­te. Der we­sent­li­che Ort, an dem ge­wis­ser­ma­ßen die Mes­se ze­le­briert wird, ist die Mi­lon­ga. (Für ei­ne be­stimm­te Auf­fas­sung von Tan­go ist es die Büh­nen­show und die Nä­he zu Stars, al­so kom­mer­zi­el­le Event­kul­tur. Ich selbst bin in die­sem Fall im Main­stream, bei den Mi­longue­ros.) Es gibt gro­ße oder um­strit­te­ne Fi­gu­ren in der Ge­schich­te, von Car­los Gar­del bis zu Astor Piaz­zolla, und eben­so in der Ge­gen­wart, da sind es vor al­lem Tän­zer. Ich er­in­ne­re mich an Gu­stavo Na­vei­ra, der wie ein Faun auf­trat, ein Mu­sik- und Be­we­gungs­ge­nie, cha­ris­ma­tisch, eher klein­ge­wach­sen, ge­drun­gen, nicht ge­ra­de schön, mit stärk­ster An­zie­hung auf Frau­en. Es gibt im Tan­go Ri­tua­le, oft sehr al­te, die mir teil­wei­se über­lebt vor­kom­men und sich trotz­dem hal­ten. Na­tür­lich sind da auch die Re­geln beim Tanz sel­ber, und in die­sem Rah­men der freie Spiel­raum, aus dem der Ein­zel­ne et­was zu ma­chen hat.

    Man könn­te auch Fuß­ball als Bei­spiel nen­nen, die Fan­klubs, die Kir­chen und Sek­ten, mit die­ser Nei­gung zum Kampf, was in Ar­gen­ti­ni­en re­gel­mä­ßig töd­li­che Fol­gen hat. Was ich sa­gen will: auch die ge­gen­wär­ti­ge ka­pi­ta­li­sti­sche Ge­sell­schaft ist von Ri­tua­len durch­setzt, von kul­tu­rel­len, qua­si-re­li­giö­sen oder auch re­li­giö­sen En­kla­ven (ich glau­be, auch die Kir­chen sind in­zwi­schen nur noch En­kla­ven), in ei­ner Plu­ra­li­tät, wo al­les mög­li­che ko­exi­stiert und die in den En­kla­ven en­ga­gier­ten Per­so­nen von den an­de­ren En­kla­ven meist über­haupt nichts wis­sen, was auch gar nicht nö­tig ist. Das ist m. E. die po­si­ti­ve Sei­te der ge­gen­wär­ti­gen Ent­wick­lung der west­li­chen Ge­sell­schaf­ten. Wenn By­ung-Chul Hans Be­fund lau­ten soll­te, daß das al­les ver­schwun­den ist, hat er un­recht. Nur die gro­ße, um­fas­sen­de Dog­ma­tik ist ver­lo­ren ge­gan­gen, die Ri­tua­le, die ein gan­zes »Volk« (oder was) ver­bin­den, und das ist nicht zu be­dau­ern.
    Wahr­schein­lich gibt es der­zeit zwei Ge­fah­ren: ei­ne Re­to­ta­li­sie­rung mit den ent­spre­chen­den Ein­schlie­ßun­g/Aus­schlie­ßung-Me­cha­nis­men, wie sie die sehr rea­len neo­fa­schi­sti­schen, an­ti­li­be­ra­len (auch an­ti-neo­li­be­ra­len) Ten­den­zen be­trei­ben; und ei­ne flä­chen­decken­de Kom­mer­zia­li­sie­rung, wo ne­ben dem kom­mer­zi­el­len Main­stream kei­ne al­ter­na­ti­ven Räu­me blei­ben oder die­se so eng wer­den, daß die Plu­ra­li­tät der Ge­samt­ge­sell­schaft mehr oder we­ni­ger ver­lo­ren geht. Zwei Ar­ten von To­ta­li­ta­ris­mus, der ideo­lo­gi­sche, wie ihn Han­nah Are­ndt be­schrieb und ana­ly­sier­te, und der tech­nisch-öko­no­mi­sche (Gün­ther An­ders).

    (An­mer­kung: Ich spre­che von Gu­stavo Na­vei­ra im Prä­ter­itum, aber er lebt noch, tanzt, un­ter­rich­tet. Man kann ihn im Film von Sal­ly Pot­ter se­hen, Tan­go Les­son.)

  17. @Dieter Kief
    Ist schon klar, daß »Ein­hau­sung« nicht ein­fach ein »Zurück-ins-Dorf«-Ruf ist. Han hat das si­cher von Heid­eg­ger, spe­zi­ell »Bau­en Woh­nen Den­ken« und ge­ne­rell die Tech­nik-Kri­tik Heid­eg­gers in der Nach­kriegs­zeit. Der Exi­sten­tia­lis­mus ei­nes sich grün­den­den Da­seins in­klu­si­ve himm­li­schem Schutz­raum (Heid­eg­ger woll­te die Göt­ter, stets im Plu­ral, al­so eher grie­chisch als christ­lich, ge­schrie­ben) hat sei­ne kon­kre­te, le­bens­welt­li­che Aus­gangs­er­fah­rung al­ler­dings doch in ei­ner dörf­li­chen, bäu­er­li­chen Welt, in der Hand­wer­ker ei­ne Rol­le spie­len (sie­he »Der Ur­sprung des Kunst­werks«), aber kei­ne In­du­strie­pro­duk­ti­on und kei­ne Kom­mu­ni­ka­ti­ons­tech­no­lo­gien, schon gar kei­ne di­gi­ta­len (von de­nen er noch nichts wuß­te). Die­se Nost­al­gie scheint mir schon auch bei Han durch­zu­schla­gen, ob als an­ge­le­se­ne oder als er­fah­re­ne. Heid­eg­ger war kein ur­ba­ner Phi­lo­soph. Aber un­se­re Welt heu­te ist, ob man will oder nicht, mehr und mehr ur­ban. Auch die Dör­fer ha­ben in­fol­ge der er­wähn­ten Kom­mu­ni­ka­ti­ons­tech­no­lo­gien und der Mo­to­ri­sie­rung et­was Ur­ba­nes.

  18. @ Gre­gor Keu­sch­nig # 15

    Ich sa­ge nicht, Pe­ter Hand­ke sei für die In­sti­tu­ti­on Kir­che. Ich sa­ge: Pe­ter Hand­ke ist der ka­tho­li­sche Got­tes­dienst als Ge­mein­hafts­er­leb­nis (als kol­lek­tiv er­leb­tes Ri­tu­al) ei­ne Ver­si­che­rung und ein Trost, ge­ra­de weil der Got­tes­dienst ri­tu­ell Ge­mein­schaft stif­tet und da­mit den Ein­zel­gän­ger Hand­ke mit die­ser Ge­mein­schaft der Gläu­bi­gen ver­bin­det und in ihr – tem­po­rär! – auf­hebt. Hand­kes Angst da­vor, in sei­ner Vor­stadt-Klaus­ner-Ein­sam­keit den Ver­stand zu ver­lie­ren hat er (ok, als Fi­gu­ren­re­de) ein­dring­lich be­schrie­ben (oder er­zählt – ich er­in­ne­re Pas­sa­gen z. B. in »Ein Jahr in der Nie­mands­bucht«).

    Dass ihm sol­che Äng­ste be­kannt sind, liegt im üb­ri­gen auf der Hand. Denn ge­nau das – den Ver­stand zu ver­lie­ren, – ist die seit seit al­ters be­kann­te Krux der Be­son­de­rung (Fromm hat das sehr gut ver­stan­den und – be­ar­bei­tet – a) mo­no­gra­phisch (Die Furcht vor der Freiheit/ Die Kunst des Lie­bens) wie auch b) the­ra­peu­tisch).

    Dass sich Pe­ter Hand­kes Glau­be mit den my­sti­schen Tra­di­tio­nen ver­bin­det tei­le ich aus­drück­lich, zu­mal ich sel­ber die My­stik eben­falls sehr schät­ze. – Wie Sie sich viel­leicht er­in­nern ha­be ich vor we­ni­gen Ta­gen über Hein­rich Seu­se ge­schrie­ben – der ist ein Schü­ler Mei­ster Eck­harts, – der sprach­mäch­stig­ste und sprach-vir­tuo­se­ste von de­nen. Pe­ter Hamm hat den da­für sehr ge­schätzt. Und Fromm (und Bloch) ha­ben ge­nau die­se Tra­di­ti­on hoch­ge­hal­ten – bei­de mit aus­drück­li­chem Be­zug auf ins­be­son­de­re Eck­hart. Mar­tin Wal­ser mehr mit Be­zug auf Seu­se... Fromm auch mit (po­si­ti­vem!) Be­zug auf – Zen und Su­fis­mus, – - – und – wie Hand­ke – - : Goe­the u n d – - – - Heid­eg­ger (der mal ge­sagt hat, si­cher nicht un­be­dacht: Was die Zen-Mön­che tun,- – - dar­um ge­he es ihm auch, das sei so­zu­sa­gen sein ur­ei­gen­ster Be­reich).

    Der Be­zug­nah­men von Hand­ke auf Heid­eg­ger sind vie­le. Heid­eg­ger schien üb­ri­gens tat­säch­lich in den Fünf­zi­gern den Ver­stand zu ver­lie­ren; er war des­halb in ei­ner An­stalt, nicht weit von hier.

    Ex­pli­zi­te Heid­eg­ger-Mo­tiv­auf­nah­me durch Hand­ke z. B. in Der Bild­ver­lust – Ka­pi­tel 29. Da geht es – um das Licht, die Land­schaft und – die Lich­tung. Hand­ke er­zählt den Zi­vi­lia­ti­ons­po­zess an­hand des äu­sse­ren und in­ne­ren Lichts, wür­de ich mei­nen. Und das ist im Kern auch – - – die Ge­schich­te der My­stik.

    Um noch den Be­zug zu Han her­zu­stel­len : My­stik im­pli­ziert Tran­szen­denz, und man­che Ri­tua­le hal­ten den Zu­gang zu die­sem Be­reich jen­seits der Sub­jek­ti­vi­ät of­fen. Das eben macht (man­che) Ri­tua­le in ei­ner so­zu­sa­gen sub­jek­ti­vi­täts­ver­gif­te­ten (=nar­ziss­ti­schen (neu­ro­ti­schen)) Ge­gen­wart so wert­voll. Sie stif­ten ei­nen Zu­stand, in dem die an sich selbst ir­re wer­den­den ver­ein­zel­ten Zeit­ge­nos­sIn­nen dem (durch­aus auch kon­kur­renz­ka­pi­ta­li­stisch ting­ier­ten) mo­der­nen In­di­vi­dua­li­sie­rungs­druck, der auf ih­nen liegt – bit­te um Nach­sicht – via je per­sön­li­cher Teil­nah­me am Ri­tu­al tem­po­rär kol­lek­tiv zu hei­len ver­mö­gen. Der me­dia­len »Se­ria­li­tät« (Han), zu der vie­le Zeit­ge­nos­sen in die­ser La­ge Zu­flucht neh­men, spricht Han die­se hei­len­de Fä­hig­keit ab. U. a. weil sie kein kör­per­li­ches (!) Ein­ver­neh­men her­stel­len (und al­so: buch­stäb­lich – ste­ril sind).

  19. Er­lau­be mir eben­falls ei­nen Ex­kurs, dies­mal mit ei­nem Lob für Han:
    »Welt­ver­än­de­rung durch Kon­sum, das wä­re das En­de der Re­vo­lu­ti­on.«
    Fin­de ich gut. Zeigt, dass im Es­say auch ge­lun­ge­ne In­tui­tio­nen zu fin­den sind.
    Es ist der fai­re Han­del ei­ne Chi­mä­re oh­ne glei­chen. Zum wie­der­hol­ten Ma­le wird die »ein­zi­ge eu­ro­päi­sche Idee über­haupt«, näm­lich die Ver­bor­gen­heit von Tritt­brett­fah­rer (Ka­pi­ta­list) und aus­ge­beu­te­ten Ar­bei­tern in ei­ne in­ter­na­tio­na­le Be­zie­hung über­setzt. Es tre­ten auf, der gei­zi­ge Kon­su­ment und der ar­me aber lie­bens­wer­te Klein­bau­er.
    Volks­wirt­schaft­lich hat der Fair-Trade-Han­del kei­ne Be­deu­tung, und die Idee ei­nes fai­ren Prei­ses ist wie­der­um so­zia­li­stisch, weil man an­nimmt, dass der Kun­de voll­stän­dig Rück­sicht auf die Ko­sten des Er­zeu­gers neh­men kann. Dann brau­chen wir kei­nen Markt, und je­der darf Prei­se for­dern, wie sei­ne Aus­ga­ben es er­for­dern.

    Was aber ge­nau in dem Satz von Han steht: die Re­vo­lu­ti­on schei­ter­te von An­fang an; die Fra­ge, wer den Ku­chen von Ma­rie An­toi­net­te be­kommt, und al­le künf­ti­gen Hof-Zucker­bäcke­rei­en, konn­te nicht im Hand­streich ge­klärt wer­den. So­dass die Fra­ge der Ge­rech­tig­keit in den Lauf der Ge­schich­te selbst hin­ein ver­legt wer­den muss­te. In­ci­pit Bür­ger­tum! Die Re­vo­lu­ti­on wä­re als be­en­det, im Sin­ne des er­folg­rei­chen Ab­schlus­ses, wenn die Fra­ge der Ge­rech­tig­keit durch den »po­li­tisch kor­rekt be­zahl­ten Kon­sum« be­ant­wor­tet wä­re.
    Die gi­let jau­nes soll­ten ja auch von der Mög­lich­keit des Kon­sums (Ben­zin) ab­ge­schnit­ten wer­den. Hö­he­re Ver­brauchs­steu­ern ma­chen das Le­ben in den Bal­lungs­zen­tren un­be­zahl­bar. Und schon war der li­be­ra­le Wen­de­kopf Macron mit sei­nem La­tein am En­de.
    Den GRÜNEN steht ein ähn­li­ches Wa­ter­loo be­vor, wenn sie den Leu­ten die CO2-in­ten­si­ven Gü­ter ent­zie­hen müs­sen. Dar­un­ter Grund­gü­ter wie Fleisch und Heiz­ma­te­ri­al. Po­li­tik, die nichts mehr ver­steht, kann kaum an­ders als al­le Feh­ler zu wie­der­ho­len.

  20. @Sophie
    Hat mit Han nicht viel zu tun, aber Macron ist na­tür­lich u. a. auch ein Grü­ner und es war/ist nur lo­gisch, daß die mehr­heit­lich wohl doch ego­istisch-fa­schi­sti­sche Be­we­gung der Gi­lets jau­nes ge­gen ihn auf­be­gehr­te.

  21. @Leopold Fe­der­mair
    »Nur die gro­ße, um­fas­sen­de Dog­ma­tik ist ver­lo­ren ge­gan­gen, die Ri­tua­le, die ein gan­zes »Volk« (oder was) ver­bin­den, und das ist nicht zu be­dau­ern.«

    Aber es ist doch auch so, dass der Ein­zel­ne in Ver­bin­dung mit sol­chen Dog­ma­ti­ken, Ri­tua­len, Ideen, Er­zäh­lun­gen, etc. steht, dass er nicht ir­gend­ei­ner und ein be­lie­bi­ger ist, er steht in ei­ner Span­nung zu et­was, das, hm, grö­ßer (?) als er selbst ist, je­den­falls ei­ne Be­zug­set­zung er­laubt. Hat nicht das an­ge­spro­che­ne Un­be­ha­gen ei­ne Ur­sa­che dar­in, dass un­ser Tun viel­fach be­lang­los zu sein scheint, das es nichts gibt, son­dern nimmt, dass je­der klagt, dass er rennt und weiß, dass es nichts bringt und es trotz­dem tut? Das Le­ben wird im­mer mehr ein Be­trieb, weil sich nichts mehr ver­wei­gert. Und die­se Ver­wei­ge­rung ist dog­ma­tisch. Viel­leicht ver­ste­he ich die Dis­kus­si­on falsch, aber ein Ri­tu­al ist ja ei­ne Wei­ge­rung et­was an­ders zu tun und es hat, wie ich mei­ne, ei­nen zweck­lo­sen Kern. Und Ver­bind­lich­keit über den Ein­zel­nen hin­aus. Ri­tua­le sind kei­ne Sy­stem­bau­stei­ne, sie sind hin­sicht­lich ih­rer An­pas­sungs­fä­hig­keit weit­ge­hend dys­funk­tio­nal. Sie ha­ben dar­in auch ei­ne schüt­zen­de, fe­sti­gen­de Wir­kung. Men­schen sind oh­ne Ri­tua­le ver­letz­ba­rer, aus­ge­lie­fer­ter, ma­ni­pu­lier­ba­rer.

  22. @metepilonema
    Ja, ich mein­te das so, es braucht ei­nen Kon­text, in dem Ri­tua­le Sinn ha­ben, ob der nun klein ist oder groß oder all­um­fas­send (viel­um­fas­send). Ri­tua­le ha­ben ei­ne Ge­schich­te, da sie nur durch Wie­der­ho­lung – und wahr­schein­lich doch auch Va­ria­tio­nen – das sein und wer­den kön­nen, was sie sind. Ei­ne zwin­gen­de oder lo­gi­sche Funk­tio­na­li­tät wer­den sie nicht ha­ben, da­für ei­ne kon­tex­tua­le und ge­wor­de­ne, dia­chro­ne.
    Man kann sich als Ein­zel­per­son heut­zu­ta­ge auch plu­ral ein­ord­nen, und ge­nau da­für ist mir Ja­pan ein gu­tes Bei­spiel – trotz al­lem. Ich mei­ne die jahr­hun­der­te­al­te Ko­exi­stenz von ein­hei­mi­scher Re­li­gi­on (Shin­to) und Bud­dhis­mus, der sich zur Uni­ver­sa­li­sie­rung eig­net, an­ders als der Shin­to­is­mus. So­gar ei­ne Auf­ga­ben­tei­lung kann man da be­ob­ach­ten, es läuft auf Le­ben, Ge­burt, Hei­rat (Shin­to) und Tod, Jen­seits, Wie­der­ge­burt (Bud­dhis­mus) hin­aus. Das emp­fin­de ich im­mer noch als zeit­ge­mäß, auch wenn es oft sehr ober­fläch­lich ge­lebt wird. Ei­ne ja­pa­ni­sche Chri­stin, et­wa fünf­zig Jah­re alt, be­klag­te sich un­längst in ei­ner klei­nen Grup­pe über die christ­li­chen Hoch­zei­ten in Ja­pan, die hier am häu­fig­sten sind. Die­se Hoch­zei­ter sei­en in der Re­gel kei­ne »rich­ti­gen« Chri­sten. Die mei­sten Ja­pa­ner, auch in die­ser Grup­pe, be­trach­ten sol­ches Ei­fern als un­ver­ständ­lich. Sol­len die Leu­te doch in der Ho­tel­ka­pel­le hei­ra­ten, wo es doch ei­ne so schö­ne, un­ver­geß­li­che Ze­re­mo­nie ist, mit ei­nem Pro­fi-Ver­hei­ra­tungs­prie­ster (auch ei­nen sol­chen hab ich mal ken­nen­ge­lernt, er war frü­her Arz­nei­mit­tel­ver­tre­ter und hat dann be­wußt um­ge­sat­telt, sein zwei­ter Be­ruf ge­fiel ihm bes­ser).
    So kann man sich al­so ei­nem Fuß­ball­klub zu­ord­nen und ei­ner Re­li­gi­on und ei­ner künst­le­risch-äs­the­ti­schen Pra­xis oder ei­nem Wan­der­klub oder was auch im­mer, und so lau­fen ja auch vie­le Le­ben ab, durch­aus mit Sinn, aber oh­ne den gro­ßen, den die Dog­ma­ti­ken für sich re­ser­vie­ren, die sol­che Plu­ra­li­tät tra­di­tio­nell schief an­schau­en oder gar un­ter­bin­den (das Chri­sten­tum tut das heut­zu­ta­ge nicht mehr, zahlt aber da­für sei­nen Preis). Vor ein paar Jahr­zehn­ten hat man das »Post­mo­der­ne« ge­nannt.

  23. Fuß­ball dürf­te bei Han un­ter dem Ru­brum »Mas­sen-Events« fal­len. Da­mit kann er we­nig an­fan­gen. Da­bei birgt der Fuß­ball durch­aus Po­ten­ti­al für Ri­tua­le. Al­lei­ne die Kom­mer­zia­li­sie­rung, das Söld­ner­tum, las­sen die­se nur noch zu Flos­kel bzw. Folk­lo­re der An­hän­ger wer­den. Die »Ge­mein­schaft« der Fans kann sich im­mer we­ni­ger mit dem Ge­gen­stand, dem Ver­ein, iden­ti­fi­zie­ren. Wie soll das auch ge­hen, wenn dort Spie­ler im ste­tem Wech­sel hin- und her­wech­seln und ih­rer­seits kaum Bin­dung an den Ver­ein fin­den.

    Das Bei­spiel vom Tan­go fin­de ich sehr in­ter­es­sant. Ich wun­de­re mich, dass Han auf so et­was nicht ge­kom­men ist.

    Im Grun­de geht es Han we­ni­ger um Ri­tua­le als um das Aus­ein­an­der­fal­len von Ge­mein­schaf­ten. Ich fühl­te mich zu­wei­len an den Kom­mu­ni­ta­ris­mus er­in­nert (Charles Tay­lor kommt auch bei ihm vor), der in den 70er-90er Jah­ren kurz recht po­pu­lär zu wer­den schien (wo­bei es nie »den« Kom­mu­ni­ta­ris­mus gab). Die In­di­vi­dua­li­sie­rung ist da­bei für ihn nicht Aus­druck von Frei­heit, son­dern eher ei­ner »lan­gen Lei­ne«, die am En­de nur da­zu dient, zu ar­bei­ten, zu kon­su­mie­ren, zu ver­brau­chen, usw.

    Es ist be­zeich­nend, dass man sol­che An­sich­ten als »vor­mo­dern« sub­su­miert und die gro­ßen, um­fas­sen­den Ge­mein­schafts­ent­wür­fe als ge­fähr­lich ein­schätzt. Han sieht in der fort­schrei­ten­den Ent-So­zia­li­sie­rung von Gesellschaft(en) das grö­sse­re Ge­fah­ren­po­ten­ti­al.

  24. Sport hat die Mas­sen­ba­sis, aber auch die aber­tau­sen­de klei­ner Ver­ei­ne – nicht zu un­ter­schät­zen.

    Dass die gro­ßen Ver­ei­ne we­gen Söld­ner­tum ih­re Bin­dungs­kraft ver­lie­ren wür­den, ist bis an­hin nicht zu se­hen.

    Der Haupt­un­ter­schied des Sports vom Ri­tu­al ist, dass der Sport .nicht. per se zweck­frei ist.

    Das (christ­li­che oder bud­dhi­sti­sche (wohl auch das shin­toisti­sche)) Ri­tu­al ist da­ge­gen durch zwei Din­ge ge­kenn­zeich­net: Es braucht kei­ne all­täg­li­chen Zwecke und es tran­szen­diert Sub­jek­ti­vi­tät. Bei­de Cha­rak­te­ri­sti­ka ma­chen das Ri­tu­al ge­mein­schafts­fä­hig und ent­la­stend.

    Noch ei­ne Be­mer­kung zu Zen/Jünger/Heidegger: – - – - In den Spu­ren von Nietz­sche ha­ben Jün­ger und Heid­eg­ger die Schwä­che der mo­der­nen Sub­jek­ti­vi­tät trak­tiert. Für Jün­ger war das be­reits als Kna­be ein The­ma – bald auch mit Be­zug zu Mi­li­tär und Dro­gen als Ge­gen­wel­ten zu den of­fen­ba­ren Schwä­chen der zi­vi­li­sier­ten bür­ger­li­chen Welt. Dass bei­de ein gro­ßes In­ter­es­se für Zen ha­ben liegt ge­nau dar­in be­grün­det: Dass sie er­klär­te Fein­de der mo­der­nen Sub­jek­ti­vi­ät wa­ren. Zen macht ra­di­kal Schluss mit der ner­vö­sen, neu­ro­ti­schen, sinn­su­chen­den (ver)zweifelnden, ja auch de­ka­den­ten Mo­der­ne und ih­ren (auch in­di­vi­du­el­len) Dau­er­kri­sen, so schien es ih­nen. Fromm schätz­te ge­ra­de da­für so­wohl Nietz­sche als auch Heid­eg­ger – weil er Freuds »Un­be­ha­gen in der Kul­tur« gut kann­te und ge­nau wuss­te, dass es dar­auf nicht nur ei­ne Ant­wort gab.

    Haupt­aspekt: Via kör­per­li­cher Prä­senz wer­den im Zen den mo­der­nen Fall­gru­ben des »me­ta­phy­sisch ob­dach­lo­sen« Ichs (Ge­org Lu­kacs) kom­plett die Flau­sen aus­ge­trie­ben; auch via kör­per­li­cher Dis­zi­plin. Die For­mel lau­tet: Kör­per­li­che Übung und gei­sti­ge As­ke­se statt neu­ro­ti­scher Dau­er­kri­sen und ewi­ger Sinn­su­che usw. .

    Das kör­per­li­che Ele­ment über­nimmt Han für sein Ri­ten-Plä­doy­er – und für sei­ne Ab­leh­nung der me­dia­len Se­ria­li­tät (des Fern­seh- und Net­flix usw – Se­ri­en-Kon­sums) als ste­ril (=un­frucht­bar, falsch).

    An die­ser Kör­per-Schnitt­stel­le trifft Han sich mit – - – - Lou-An­dre­as Sa­lo­mé, Rai­ner Ma­ria Ril­ke & – Pe­ter Slo­ter­di­jk, der in sei­ner Ab­hand­lung »Du musst Dein Le­ben än­dern« eben­falls ge­nau die­se Li­nie zieht (bei Slo­ter­di­jk gibt es die Kri­tik am gleich­sam un­ver­kör­per­ten und auch des­we­gen du­bio­sen kri­ti­schen mo­der­nen Geist be­reis seit der »Kri­tik der zy­ni­schen Ver­nunft«).

    PS
    Die :Ver­kör­pe­rung: der Ver­nunft war nicht ganz zu­fäl­lig (ich er­in­ne­re an sei­en Bar­ben-Stu­di­en) auch ein Ge­org Büch­ner Mo­tiv: »Geht ein­mal eu­ren Phra­sen nach, bis zu dem Punkt, wo sie ver­kö­pert wer­den!« – Das ist ein Büch­ner-Satz, den auch die Kraft­sport­ler Taleb und Ro­gan so­fort un­ter­schrei­ben wür­den...

  25. @Leopold Fe­der­mair
    Ich ha­be die­ses Jahr zwei Be­gräb­nis­se be­sucht, das ei­ne in ei­nem öster­rei­chi­schen Dorf, das an­de­re in ei­ner klei­nen (eben­falls öster­rei­chi­schen) Stadt. Ein drit­tes, et­was län­ger zu­rück­lie­gen­des aus Wien, ha­be ich noch in Er­in­ne­rung. Wenn ich sie mit­ein­an­der ver­glei­che, dann wa­ren die Be­gräb­nis­se in den Städ­ten Pri­vat­ver­an­stal­tun­gen, bei ei­nem der bei­den war ein Red­ner or­ga­ni­siert wor­den, der in ei­ner Art kit­schi­gen Schau­spie­le­rei über ei­nen To­ten sprach, den er nie ge­kannt hat­te (in ge­wis­ser Wei­se war die­ses wohl das zeit­ge­mä­ße­ste der drei). Bei dem Be­gräb­nis auf dem Dorf wa­ren zwei Din­ge an­ders: Zu­nächst war es Au­ßen­ste­hen­den mög­lich von der To­ten im Bei­sein der Trau­er­gä­ste Ab­schied zu neh­men (und sich auch vis-á-vis der Trau­er­gä­ste zu set­zen). Erst nach ei­ner Zeit von 1–2 Stun­den be­gann das ei­gent­li­che Be­gräb­nis. Wäh­rend die­ser »War­te­zeit« be­te­ten und san­gen ei­ni­ge al­te Frau­en ähn­li­chen Jahr­gangs wie die Ver­stor­be­ne im Wech­sel, wäh­rend die Ab­schied­nah­me er­folg­te. Die ern­ste wie an­ge­mes­se­ne At­mo­sphä­re ei­ner­seits und die Mög­lich­keit für Au­ßen­ste­hen­de Ab­schied zu neh­men, nah­men dem Be­gräb­nis das rein pri­va­te und stell­ten ei­ne über­ge­ord­ne­te Ver­bin­dung her. Der Tod ist auch ei­ne Sa­che der Ge­mein­schaft, wie die Lin­de­rung der Trau­er. Ich ken­ne das Dorf gut ge­nug, um vor Ro­man­ti­sie­run­gen ge­feit zu sein; dort le­ben kei­ne bes­se­ren Men­schen, aber der Ri­tus des Be­gräb­nis­ses war noch ein Stück weit le­ben­dig und sinn­voll (und es war nicht die Mes­se, die dies stif­te­te).

  26. @Metepsilonema
    Was Sie schrei­ben, er­in­nert mich an mein Dorf in Ober­österrreich. Ich neh­me an, daß das be­schrie­be­ne Ri­tu­al ka­tho­lisch ist. Im gro­ßen Saal des Dorf­gast­haus ei­nes On­kels von mir fan­den die »Zeh­run­gen« statt, wo sich die An­ge­hö­ri­gen und Freun­de zum Es­sen tra­fen und den To­ten er­in­ner­ten. (Dorf­gast­haus in­zwi­schen ge­schlos­sen, ein er­bärm­li­cher Pro­zeß der »Sä­ku­la­ri­sie­rung« – ich will mich nicht wei­ter aus­las­sen.) Der Tod, die end­gül­ti­ge Ver­ab­schie­dung von ei­nem Men­schen, das fiel im­mer in die Zu­stän­dig­keit der Re­li­gi­on. Na­tür­lich kann man sich auch oh­ne ei­ne sol­che von ei­nem Men­schen ver­ab­schie­den. Vor­stel­len kann ich es mir nicht. In der Stadt in Öster­reich, Wien viel­leicht, hat es wohl ein nicht-re­li­giö­ses Ri­tu­al ge­ge­ben? Wie sieht das aus? Ich kann mir durch­aus vor­stel­len, daß wir, auch die Gar­nicht-Gläu­bi­gen, in sol­chen Au­gen­blicken den Bei­stand ei­ner Re­li­gi­on brau­chen. Kann mir aber auch sehr gut die Ge­füh­le von Prie­stern, zum Bei­spiel, vor­stel­len, die sich frü­her oder spä­ter sa­gen: Ja, ein paar­mal im Le­ben brau­chen sie uns, bei Hei­rat und Tod und viel­leicht noch Ge­burt, aber sonst wol­len sie nichts von uns wis­sen, nichts tun für un­se­re Ge­mein­schaft usw. Ih­re Schil­de­rung, Me­tep­si­lo­n­e­ma, macht mir fast ein we­nig Lust, in den Schoß der Kir­che zu­rück­zu­keh­ren. Ver­wand­te von mir sind dort tä­tig, und sie ha­ben mei­ne Be­wun­de­rung.

  27. Ja, es macht kei­nen Sinn, an ei­ner Be­er­di­gung teil­zu­neh­men, wenn man den To­ten nicht ge­kannt hat. So wird die Zahl der Teil­neh­mer schon mal sehr über­sicht­lich, bis hin zu den ein­sa­men Be­stat­tun­gen, wo nur zwei städ­ti­sche Be­dien­ste­te an­we­send sind, weil kei­ne An­ge­hö­ri­gen mehr auf­find­bar wa­ren. Ein Shake­speare könn­te dar­aus noch ei­ne Sze­ne zau­bern!
    Das sagt ei­ni­ges über die Mo­der­ne, den Grad un­se­rer »Ver­net­zung«, und die Un­ge­wiss­heit über ver­lo­re­ne oder nur vor­ge­stell­te Be­zie­hun­gen. Viel­leicht ist die Mo­der­ne doch nicht neu­ro­tisch, son­dern hy­ste­risch. Man will uns ja mit der gan­zen Mensch­heit ver­kup­peln, sa­ti­risch ge­spro­chen. Der All­tag bis in die letz­ten Ze­re­mo­nien hin­ein zeugt von ei­ner an­de­ren Rea­li­tät: wir ha­ben sehr viel Rol­len-Kon­tak­te und An­ony­mi­tät, die zwar zweck­haft aber nicht be­zie­hungs-in­ten­siv da­her­kommt. Die­se per­ma­nen­te Un­ter­ge­wich­tung kann nur »hy­ste­risch« kom­pen­siert wer­den.
    Dem­nach wä­re die Hy­ste­rie un­ser Fluch, un­se­re Un­frei­heit, weil die Struk­tu­ren ge­nannt So­zi­al­kon­struk­ti­on ei­ne Prio­ri­tät de­fi­nie­ren, wel­che ein zen­tra­les Be­dürf­nis des Men­schen un­ter­läuft. Wie wür­de Nietz­sche sa­gen: ...nur der Da­men­fri­seur kommt exi­sten­zi­ell ge­se­hen auf sei­ne Ko­sten!

  28. @metepsilonema
    We­gen sol­cher Kom­men­ta­re ma­che ich die­sen Blog. Dan­ke.

    @die_kalte_Sophie
    Die The­se von der »hy­ste­ri­schen« Mo­der­ne bzw. Post­mo­der­ne ist ja – mit leicht an­de­ren Vo­ka­beln – bei Slo­ter­di­jk be­son­ders prä­sent.

    Al­so zu­rück zum Re­fu­gi­um?

  29. Kir­che ist »ned schleschd« (der Dat­te­rich). Ich sa­ge das als ei­ner, der in der Kir­che ei­ne klei­ne Rol­le spielt, hie und da.

    Be­gräb­nis­se oh­ne krich­li­che Ri­tua­le sind, so sagt mei­ne Er­in­ne­rung, nack­ter und un­ge­schick­ter als sol­che mit. Ri­tua­le müs­sen eben auch ge­konnt sein, da hat Han recht, sonst wird das nichts mit der An­mut. Das be­trifft nicht nur die Ge­sten, son­dern auch die Stim­me und – die Wort­wahl. Ich ha­be im Früh­jahr die Be­gräb­nis­re­de der Pfarr­re­rin er­gänzt bei der Be­stat­tung mei­nes grei­sen Va­ters – kann ich emp­feh­len, wenn man emo­tio­nal so­weit auf der Hö­he ist, dass man das zu­sam­men­bringt.

    Ich will noch auf ei­nen Aspekt hin­wei­sen, der hier häu­fi­ger vor­ge­bracht wor­den ist: Dass Chy­ung-Bul Hans Be­har­ren auf funk­tio­nie­ren­den Nah­be­zie­hun­gen (auf persönlichen/körperlichen Be­zie­hun­gen) und sei­ne Heid­eg­ger-Be­zü­ge auf länd­li­che Prak­ti­ken ver­wei­sen ist ge­ne­tisch rich­tig, aber gel­tungs­tech­nisch ei­gent­lich un­er­heb­lich. Es sei denn, man will al­le länd­li­chen Tra­di­tio­nen ab­ser­vie­ren, in­dem man die An­ony­mi­tät der Groß­stadt prin­zi­pi­ell als kul­tu­rell hö­her­ste­hend aus­zeich­net. Ich weiß, dass das ge­schieht, Leo­pold Fe­der­mair. Ihr schö­ner Dorf-Bei­trag zeigt mir aber, dass Sie eben­falls nicht sa­gen wol­len, dass man die­sen Kon­nex im Na­men des Fort­schritts un­be­dingt ma­chen soll, um gleich­sam we­gen Heid­eg­ger das Dorf und die dörf­li­chen Tra­di­tio­nen end­gül­tig zu ver­ab­schie­den.

    In­dem die mo­der­ne In­di­vi­dua­li­sie­rung ab­so­lut ge­setzt wur­de, war sie (auch im Hin­blick auf ein ge­lin­gen­des Le­ben, den­ke ich) falsch.

    Ha­ber­mas hat das üb­ri­gens theo­re­tisch frü­her in den Griff be­kom­men als me­ta­phy­sisch. Ihm war bald klar, dass In­di­vi­dua­li­tät gar nicht exi­stie­ren kann, oh­ne das Ge­gen­über von (vie­len) Men­schen (cf. sie­he sei­ne (Ge­or­ge-Her­bert!) Mead-Be­zü­ge: Wir wer­den in­di­vi­dua­li­siert, in­dem wir uns ver­ge­mein­schaf­ten, lau­tet die ein­schlä­gi­ge Ha­ber­mas-For­mel mit Blick auf GH Mead (auch die ab »Nach­me­ta­phy­si­sche Den­ken« häu­fig an­zu­tref­fen).

    Ha­ber­mas hat, ich mei­ne be­vor er sich ex­pli­zit zur kul­tu­rel­len Di­gni­tät der Re­li­gi­on be­kann­te, aus­führ­lich über das merk­wür­di­ge Be­gräb­nis von Max Frisch ge­schrie­ben. Max Frisch woll­te im Zür­cher Groß­mün­ster ver­ab­schie­det wer­den – er hat das te­sta­men­trisch ver­fügt. Aber – oh­ne die Ster­be­sa­kra­men­te zu emp­fan­gen. Ha­ber­mas be­schrieb die­ses Be­gräb­nis als of­fen­ba­re Merk­wür­dig­keit – und Zwie­späl­tig­keit so­gar.

    Fällt mir noch ein: Der Mis­sio­nars­sohn und En­zens­ber­ger-Freund und He­gel-Edi­tor Karl-Mar­kus Mi­chel liegt in ei­nem an­ony­men Ber­li­ner Ar­men­grab. Sei­ne Be­er­di­gung war ex­trem karg – und wirk­te auf ei­ni­ge ziem­lich – ver­stö­rend. Ich mei­ne, Mi­chel ha­be ver­fügt, dass über­haupt nicht ge­spro­chen wer­de an sei­nem Grab.

    Noch et­was Ak­tu­el­les, was mir ge­steern Nacht, kor­rek­ter: Heu­te Nacht, so um 1/2 2 wi­der­fuhr: Di­rekt hier in ei­nem Dörf­lein bei Kon­stanz war ge­stern ein Erd­be­ben, das ich – ver­tieft in mei­ne nächt­li­che Jean-Paul-Lek­tü­re mit­be­kam. Das Haus wackel­te und beb­te, ein er­heb­li­cher Schlag von nir­gend­wo schien es zu tref­fen, be­glei­tet von ei­enm Ge­räusch, wie es fer­ne Ex­plo­sio­nen ver­ur­sa­chen – aber das Ge­räusch schien nicht von Drau­ßen zu kom­men, son­dern von Drin­nen. Un­heim­lich! Wenn die Na­tur der­lei Sei­ten zeigt, re­gen sich des nachts sämt­li­che Kel­ler­gei­ster. Man ka­piert kör­per­lich, wie emp­find­li­chund schutzos man ist, und der Geist er­weist sich so­fort als – Rohr im Wind. – - – In­di­vi­dua­li­tät funk­tio­niert nicht in sol­chen Mo­men­ten und sie trägt auch nicht. Ei­ne der größ­ten (städ­tisch ting­ier­ten!) zeit­ge­nös­si­schen Fehl­deu­tun­gen dürf­te die von ei­ner so­zu­sa­gen grund­sätz­lich men­schen­freund­li­chen Na­tur sein.
    Wenn Men­schen ih­re Nah­ver­hält­nis­se nicht mehr pfle­gen, und dar­in ri­tu­el­len (!) Halt fin­den, fan­gen sie, nach Che­ster­ton an, an »al­les mög­li­che zu glau­ben« – und sei es dar­an, dass die Na­tur an sich freund­lich sei. Die in der Tat hy­ste­ri­schen Fol­gen die­ses kol­lek­ti­ven Irr­glau­bens, die_kalte_Sophie, wer­den der­zeit öf­fent­lich ge­fei­ert: Der Pro­phe­tin Gre­ta Thun­berg weht all­über­all mas­senahftes Wohl­wol­len ent­ge­gen, selbst da, wo sie zur kol­lek­ti­ven Pa­nik auf­ruft! – Auch die me­ta­phy­si­sche Ob­dach­lo­sig­keit und der zu­neh­men­de kul­tu­rel­le (=ri­tu­el­le) An­alpha­be­tis­mus ge­biert of­fen­bar sei­ne spe­zi­fi­schen (weib­li­chen?) Un­ge­heu­er.

  30. Slo­ter­di­jk hat die Ana­ly­se der Macht­ver­hält­nis­se auf je­den Fall be­rei­chert, ich ver­mu­te, er wür­de so­wohl die neu­ro­tisch-kom­pe­ti­ti­ve als auch die hy­ste­risch-re­bel­li­sche Di­men­si­on des Po­li­ti­schen an­er­ken­nen. Lei­der hat er sich ne­ben ei­ner Kom­plett-Er­for­schung des Kul­tur­raums auch noch der Er­fin­dung ei­ner Zweit­spra­che ge­wid­met, so­dass al­len Be­fun­den ein iro­ni­scher Schim­mer auf­liegt, der et­was ir­ri­tiert.

    Ich mei­ne, die Hy­ste­rie ist ein Mo­dus des Po­li­ti­schen, eben­so na­tür­lich wie un­ver­meid­lich. Slo­ter­di­jk spricht von ge­mein­schaft­li­chen Auf­re­gungs­zu­stän­den, kol­lek­tiv ver­ord­ne­tem Stress. War­um soll­te man teil­neh­men, – doch nur, um sich auf­re­gen zu las­sen?!
    Ich glau­be, die Un­frei­wil­lig­keit oder die Nicht-Sou­ve­rä­ni­tät ist ein de­mo­kra­ti­sches Erb­merk­mal, wo­ge­gen so man­cher theo­re­ti­sche Auf­stand ge­wagt wird. Das ei­gent­li­che Da­sein wür­de ich da­her (mit Heid­eg­ger) in die Ab­we­sen­heit von Po­li­tik und Kul­tur ver­le­gen; die Kunst ver­hält sich da­zu mei­stens neu­tral, die Büh­nen­hy­ste­rie sprich Thea­ter mal au­ßen vor.
    Oh­ne Re­fu­gi­um wird’s schwie­rig, in der Tat. Dann ge­win­nen die Ein­sam­keit oder der Nar­ziss­mus.

  31. Man könn­te über den iro­ni­schen, viel­leicht eher sar­do­ni­schen Un­ter­ton bei Slo­ter­di­jk lan­ge re­den. Las­sen wir das. Ich stim­me zu, dass die­ser Duk­tus die Ernst­haf­tig­keit der Ar­gu­men­ta­ti­on zu­wei­len et­was blockiert.

    Slo­ter­di­jks The­se von der Er­re­gungs­ge­sell­schaft ist ja der Ver­such, ei­ne Ge­mein­schaft in Er­re­gungs- bzw. Auf­re­gungs­zu­stän­den zu kon­sti­tu­ie­ren. Da­mit ist ja nicht ge­sagt, dass man dies gut­heißt. Wenn man die Mei­nungs­strö­me auf Twit­ter zu­wei­len ver­folgt, kann man dies gut be­ob­ach­ten.

  32. @Leopold Fe­der­mair
    Ja, ka­tho­lisch. Das Be­gräb­nis in der klei­nen Stadt war – auf Wunsch des Ver­stor­be­nen – ein Feu­er­be­gräb­nis mit ei­ner nicht-re­li­giö­sen Ze­re­mo­nie. Man kann spe­ku­lie­ren, ob das Kit­schi­ge dar­an viel­leicht da­mit zu tun hat, dass ei­ne sol­che Ze­re­mo­nie ei­nen tran­szen­die­ren­den An­gel­punkt ver­mis­sen muss: Die Ver­lockung ist groß, den Ver­stor­be­nen zu über­si­gni­fi­zie­ren (Bau­dril­lard), die sym­bo­li­sche Dar­stel­lung »soll« rea­ler sein oder er­schei­nen als der Le­ben­de zu­vor, um ihm noch ein­mal Prä­senz zu ge­wäh­ren, um ihn in Er­in­ne­rung zu be­hal­ten. Ei­ne re­li­giö­se Ze­re­mo­nie mag da­vor be­wah­ren, da ein über­na­tür­li­ches We­sen sich des Ver­stor­be­nen an­nimmt (wo­bei es in der Volks­re­li­gio­si­tät und Hei­li­gen­ver­eh­rung na­tür­lich auch Kitsch gibt).

    Ich glau­be, dass Sie da rich­tig lie­gen: Ge­burt, Ehe­schlie­ßung und Tod, da­für wird die Kir­che noch be­müht, ge­schätzt, ja be­nö­tigt und an sol­chen Ta­gen sind die Kir­chen gut ge­füllt (und ich ha­be dann und wann schon den prie­ster­li­chen Nach­druck emp­fun­den, dass – et­wa bei ei­ner Tau­fe – ein Ver­spre­chen ge­ge­ben wer­de und man es da nicht mit ei­nem ein­ma­li­gen Er­eig­nis zu tun hat).

    @die_kalte_Sophie
    Neu­ro­se und Hy­ste­rie las­sen sich ver­bin­den, hy­ste­ri­sches Ver­hal­ten als ei­ne Neu­ro­se un­se­rer Ge­gen­wart? — Der Fluch der Mo­der­ne: Ei­ne end­lo­se Ket­te von Zwecken, die zu Mit­teln für neue Zwecke wer­den. Hy­ste­rie wä­re eher das Phä­no­men oder Sym­ptom. Wenn ich Sie recht ver­ste­he, dann wä­re ei­ne Un­ter­küh­lung die Ur­sa­che für die Hy­ste­rie. Ist es aber nicht eher Un­ter­drückung, weil das ei­ge­ne In­ne­re eben nicht (nur) ei­ner Mit­tel-Zweck-Lo­gik ge­horcht (die Le­bens­welt ein­mal au­ßen vor ge­las­sen)?

  33. Es ist schwer, die neu­ro­ti­schen von den hy­ste­ri­schen An­tei­len (im öf­fent­li­chen Dis­kurs) zu se­pa­rie­ren. Ich wür­de die Un­ter­drückung von Be­dürf­nis­sen eher der Neu­ro­se zu­ord­nen, und die Un­ter­küh­lung ei­nem Rol­len-Ef­fekt zu­schrei­ben. Die­se Selbst­be­herr­schung wä­re er­lernt und er­wünscht, die Un­ter­drückung wie­der­um un­er­wünscht.
    Ich wun­de­re mich oft, wie weit die Freund­schaft und die Lie­be den Be­zie­hungs­raum öff­net, wäh­rend die ge­wöhn­li­chen Kon­tak­te un­se­re Ak­tio­nen eng li­mi­tie­ren. Das ist sehr zweck­haft und prak­tisch, man will ja auch nicht al­les wis­sen. Aber die nö­ti­gen Ab­stu­fun­gen der Of­fen­heit er­re­gen (psy­cho­lo­gi­scher back-draft) auch Miss­trau­en, d.h. die Hy­ste­rie wä­re so was wie ein Schleich­weg ei­nes zi­vil-un­taug­li­chen Un­be­wuss­ten.
    Be­rühm­tes Bei­spiel aus Deutsch­land: über Äng­ste spre­chen. Be­ach­ten Sie öf­fent­li­che For­mu­lie­run­gen, wie: »Es gibt Be­fürch­tun­gen von Sei­ten des Mi­ni­ste­ri­ums...«. Man muss sich nur mal die Schrei­be der Jour­na­li­sten vor­neh­men, und wird die Fort-Ver­rückung vom Sub­jekt so­fort ent­decken. Ge­gen die­se Ver­rückung hilft nur die hy­ste­ri­sche Wie­der-An­eig­nung der an­no­cier­ten Sub­jek­ti­vi­tät.
    Tut mir leid, ich ha­be kei­ne Theo­rie dar­über. Nur so ein paar Ideen! Es wird aber im­mer schlim­mer, die Do­sis nimmt zu. Im­mer mehr Emo­tio­nen tau­chen auf der In­for­ma­ti­ons­ebe­ne auf, oh­ne dass klar wä­re, wem sie zu­ge­hö­ren...

  34. Ich se­he über­all Über­hit­zung statt Un­ter­küh­lung. Ge­ra­de das ist das We­sen der Er­re­gung: sich er­hit­zen, er­ei­fern. Der »küh­le Kopf« wird zum »Ver­harm­lo­ser«. Das Schlim­me ist, dass die­se Über­hit­zun­gen nicht nur in den so­zia­len Me­di­en ab­ge­las­sen wer­den, son­dern auch Ein­gang in den öf­fent­li­chen Dis­kurs fin­den. Es ist ei­ne An­bie­de­rung des »Jour­na­lis­mus« an den Zeit­geist. Ähn­lich wie Vi­deo­ein­spie­ler in Thea­ter­auf­füh­run­gen. Am En­de nutz­los.

  35. Ja, Über­hit­zung, Gre­gor Keu­sch­nig. Frei­lich, da sind Sie schon wie­der bei Slo­ter­di­jks Zorn und Zeit. Merk­wür­dig, nicht wahr?

    @ Die_kalte_Spohie: Ich hat­te Ih­nen was Net­tes zu Ih­ren Slo­ter­di­jk-Re­mi­nis­zen­zen ge­schrie­ben, aber das hat den Weg zu Ih­nen nicht ge­fun­den. Scha­de.

    Hy­ste­rie im klas­si­schen psych­ia­tri­schen Sinn gibts heu­te kaum noch. Wo­mit wir es zu tun ha­ben, ist die Be­vor­zu­gung des Ge­fühls, wo ana­ly­ti­sche Di­stanz ge­fragt wä­re. Die kol­lek­tiv er­prob­ten For­men ge­hen ver­lo­ren (cf. Ar­no Borst). Das ist das Bin­de­stück zu By­ung-Chul Hans Er­ör­te­run­gen – wo die For­men (=die Ri­ten) lei­den, tri­um­phiert die Emo­ti­on (der Zorn usw.).

    Karl­heinz Boh­rer hat das be­stimmt hun­der­fach ab­ge­han­delt. Er hat ver­stan­den, dass hier ein zen­tra­ler Wun­der Punkt der (sä­ku­la­ren) Moderne(n) liegt.

  36. Hy­ste­rie wird hier, den­ke ich, im all­tags­sprach­li­chen Sinn und nicht im kli­ni­schen ver­wen­det, in­so­fern ist der Hin­weis rich­tig. Das Wort »Über­hit­zung« ver­weist schon auf das zu Grun­de lie­gen­de Phä­no­men, ein ho­hes Er­re­gungs­ni­veau der Sub­jek­te, das dann bei der klein­sten Klei­nig­keit, dem sprich­wört­li­chen Trop­fen der das Fass zum Über­lau­fen bringt, die Schwel­le nimmt und ei­ne erup­ti­ves Ver­hal­ten zur Fol­ge hat. Das ist ein Phä­no­men, zu­nächst und der Be­fund, dass da­hin­ter ei­ne Be­vor­zu­gung stecke, näm­lich dem Ge­fühl Vor­rang vor der Ver­nunft ge­ge­ben wird, legt ei­ne ein­fa­che Kor­rek­tur na­he: Küh­le, Di­stanz, Ana­ly­se, ei­ne Zu­rück­drän­gung und Ein­he­gung der ir­ra­tio­na­len An­tei­le. Sieht man ge­nau­er hin, dann wird au­gen­fäl­lig, dass es nicht um Ge­füh­le oder Füh­len geht, son­dern um Af­fek­te, um nicht in­te­grier­te Ent­la­dun­gen. Füh­len im­pli­ziert Be­wusst­sein und Ru­he, es braucht Raum zur Ent­fal­tung, al­so: Zeit. Das, was wir zu fas­sen ver­su­chen, ist et­was an­de­res, es ist un­kon­trol­liert, jäh und dem wil­lent­li­chen Zu­griff in­so­fern ent­zo­gen, als dass das Sub­jekt von den Af­fek­ten er­fasst wird und die­se eben nicht, wie im Füh­len, be­trach­ten, vor­über­zie­hen las­sen und in­te­grie­ren kann. An und für sich ist ein Er­fasst­wer­den von Af­fek­ten nichts Schlim­mes, es kommt in Aus­nah­me­si­tua­tio­nen, an Ta­gen von ho­hen Be- und Über­la­stun­gen vor. Wird es aber ein all­täg­li­ches Phä­no­men, noch da­zu ein kol­lek­ti­ves, dann muss es als Zei­chen, als Phä­no­men hin­ter dem et­was steht, auf­ge­fasst wer­den. Mo­der­ne be­deu­tet nicht nur sich fort­be­we­gen zu müs­sen, son­dern auch be­wegt zu wer­den. Das Fort­be­we­gen ge­rät in ei­nem Kon­flikt mit al­len Ri­tua­len, die Bin­dung und Wie­der­ho­lung be­deu­ten und zu­gleich ei­ne sym­bo­li­sche Funk­ti­on be­sit­zen, es sprengt sie, es lässt sie hin­ter sich. Das ist kei­ne Ab­schaf­fung sämt­li­cher kul­tu­rel­len For­men, aber ei­ne Schwä­chung der tra­dier­ten Be­stän­de, die sym­bo­li­sche Prak­ti­ken auf­wei­sen, die La­ger­stät­ten und Über­füh­rungs­mög­lich­kei­ten für Af­fek­te und Emo­tio­nen zu ent­wickeln hel­fen. Wenn tä­tig sein, al­so Ru­he­lo­sig­keit ein Phä­no­men der »ana­lo­gen« Mo­dern ist, dann ist das Be­wegt­wer­den, im Sin­ne von Gleich­zei­tig­keit und Über­rei­zung ei­nes der di­gi­ta­len. Wer sich von Oh­ren­stöp­seln und Bild­schir­men nicht (zeit­wei­se) zu di­stan­zie­ren ver­mag und über ver­küm­mer­te kul­tu­rel­le Prak­ti­ken ver­fügt, dem bleibt nichts an­ders üb­rig, als sich ab­zu­re­agie­ren, zu be­täu­ben und zu be­herr­schen, da­mit er am näch­sten Tag wie­der funk­tio­niert*. Hy­per­ak­ti­ve Kin­der schüt­teln über die Mo­to­rik ih­re Über­rei­zung her­aus und hy­ste­ri­sche Er­wach­se­ne ge­hen aus ver­gleich­ba­ren Grün­den hoch. Das Ir­ra­tio­na­le kehrt wie­der und es kehrt wie­der, weil die For­men feh­len und die Kul­tur da­nie­der liegt; es be­herr­schen zu wol­len und auf ei­ne Geg­ner­schaft zu hof­fen, wird das Pro­blem bloß wei­ter ver­stär­ken.

    *Das scheint mir gut zu der dia­gno­sti­zier­ten Her­ren­lo­sig­keit der Emo­tio­nen zu pas­sen: Her­ren­los, weil sie nicht in die Sub­jek­te in­te­griert sind, von ih­nen we­nig re­flek­tiert und be­trach­tet wer­den.

  37. @Gregor
    Ich ha­be noch ei­ne Fra­ge zum Spiel­be­griff bei Han: Setzt er tat­säch­lich den spie­len­den Men­schen mit dem Spie­ler in eins, oder wirkt das nur so?

  38. Die Dia­gno­se passt zu mei­nen Über­le­gun­gen: die Her­ren­lo­sig­keit der Emo­tio­nen, die nicht in­te­griert sind bzw. un­be­acht­lich blei­ben, weil die kul­tu­rel­len Prak­ti­ken feh­len... Das wür­de ich in mei­ner De­fi­ni­ti­on der all­ge­mei­nen Hy­ste­rie un­ter­brin­gen.
    Von die­ser War­te aus kann man die be­kann­ten Ri­tua­le als Trai­nings-Sta­tio­nen auf­fas­sen, da sie be­stimm­te Emo­tio­nen und Emp­fin­dungs­kom­ple­xe kon­ser­vie­ren und zur Wie­der­ho­lung emp­feh­len. Hier kommt der mo­der­ne Mensch mit der Vor­mo­der­ne in Be­rüh­rung; ganz klar, der ge­sam­te Kul­tur­raum bis zur jü­di­schen Re­li­gi­on und den Grie­chen pflegt die­se Prak­ti­ken. Die Emo­ti­on als spon­ta­ne Mo­ti­va­ti­on bzw. Mo­ti­va­ti­ons­wand­ler ver­weist auf den Na­tur­zu­stand; die Emo­ti­on als pro­ak­tiv spie­le­ri­sche Kom­po­nen­te be­wuss­ten Han­delns ver­weist auf den Kul­tur­zu­stand.
    Ri­tua­le sind Übun­gen, um ei­ne frei­heit­li­che Di­stanz zu mög­li­cher­wei­se ty­ran­ni­schen Emo­ti­ons-Kom­ple­xen zu be­haup­ten.
    Wir ha­ben ei­ne Zwei­tei­lung im mo­der­nen Men­schen zwi­schen frei­en und »un­ver­füg­ba­ren« Emo­tio­nen. Da­bei ist das »Spiel« mit den Emo­tio­nen sehr be­liebt, was ich im Um­gang so be­ob­ach­te. Nur die Ein­sicht in den Sinn von Kul­ti­vie­run­gen schwin­det...

  39. Er­gän­zend kann man for­mu­lie­ren, dass die le­bens­welt­li­chen Ver­wer­fun­gen von den ru­di­men­tär ent­wickel­ten kul­tu­rel­len Prak­ti­ken nicht auf­ge­fan­gen wer­den kön­nen (mög­li­cher­wei­se ist ei­ne ge­wis­se Ab­schir­mung un­um­gäng­lich, wir wä­ren wie­der beim Re­fu­gi­um).

    Die Vor­mo­der­ne ist gleich­sam in uns selbst vor­han­den, die Ver­nunft (das sym­bo­li­sche Den­ken) grün­det on­to­ge­ne­tisch auf ei­nem in­ten­si­ven, wech­sel­sei­ti­gen emo­tio­na­len Spiel (dya­di­sche In­ter­ak­ti­on), die Ra­tio hat ei­ne ir­ra­tio­na­le Ba­sis. Viel­leicht kann man so­gar die In­ter­ak­ti­on zwi­schen Mut­ter (Va­ter) und Säug­ling als das on­to­ge­ne­tisch er­ste Ri­tu­al auf­fas­sen. Sind Ri­tua­le vor­mo­dern? Al­le? Wenn ein Vier­jäh­ri­ger je­den Tag um et­wa die­sel­be Zeit schla­fen geht: Abend­essen, kur­zes Her­um­tol­len, Py­ja­ma, Zäh­ne­put­zen, Buch­le­sen, Schlaf­tier, Gu­te­nacht­bus­si. Das gibt ihm Si­cher­heit, hilft ihm mit dem Dun­kel, dem Un­ge­wis­sen der Träu­me, dem Al­lein­sein im Bett zu­recht­zu­kom­men. Es ist je­des Mal un­ge­fähr das­sel­be und das hilft ihm weil es ver­läss­lich ist, mit der Si­tua­ti­on zu­recht zu kom­men, bis er es al­lei­ne schafft. Rich­tig, da wird Ver­trau­en kon­ser­viert, ge­pflegt, ein­ge­übt: Die El­tern wün­schen ei­ne gu­te Nacht und sind aus dem Blick­feld, das Kind ist al­lei­ne, nun muss es zu­recht kom­men, ab ei­nem ge­wis­sen Al­ter wer­den die El­tern nicht mehr am Bett ste­hen und war­ten bis es ein­ge­schla­fen ist, aber es weiß, dass sie noch da sind und im Not­fall zur Stel­le sein wer­den. Ist das vor­mo­dern oder ein­fach ver­nünf­tig? Ver­nünf­tig im Sinn ei­ner wech­sel­sei­ti­gen Be­zo­gen­heit von Ver­nunft und Ge­fühl?

    Ja, die Emo­tio­nen ver­wei­sen auf den Na­tur­zu­stand, nicht um­sonst sind Kin­der fast un­glaub­lich spon­tan, ja wech­sel­haft. Die­se emo­tio­na­le Spon­ta­ni­tät ist das Grund­mo­ment ei­nes Han­dels das, als Er­wach­se­ner, sich in Über­ein­stim­mung mit sich selbst weiß. Ein Bil­dungs­ziel, mei­ne ich, und das Ge­gen­teil der über­all ein­ge­for­der­ten Funk­tio­na­li­tät. Und noch ein­mal ja: Ri­tua­le füh­ren das In­di­vi­du­um zur Frei­heit (oder kön­nen es zu­min­dest). Sie stüt­zen es, bis es sie nicht mehr braucht. Und der Tod – s.o. – zeigt, dass es kei­nen Zeit­punkt gibt, zu dem wir ei­gent­lich kei­ne mehr brau­chen. Trotz­dem zer­fal­len sie (oder sind es schon).

    Die Spiel­be­we­gung ist der Sinn des Spiels, schreibt Ga­da­mer. Kul­ti­vie­rung im­pli­ziert ei­ne Spiel­be­we­gung, et­wa: Sin­gen, Schrei­ben, Mu­si­zie­ren, Thea­ter­spie­len. Da­bei wird das was uns un­ver­füg­bar be­la­stet in sym­bo­li­sche For­men über­führt, es tritt ei­ne Ent­la­stung ein, zeit­wei­se zu­min­dest. Kul­tu­rel­les Schaf­fen hat ei­ne Ent­la­sten­de Funk­ti­on und speist sich aus Wi­der­fahr­nis­sen, Ver­wer­fun­gen, Trie­b­e­ner­gien, usw. Gleich­zei­tig und wird ein Sinn­raum auf­ge­spannt, Kul­tur er­schöpft sich nicht im Funk­tio­na­len. Al­les an­de­re ist Thea­ter, al­so Emo­tio­nen, die die Ver­nunft auf­spießt und ge­fü­gig macht, das ist weit­hin üb­lich: Wer sich vor ei­nem Ge­spräch über­legt, wie er aus­se­hen, sit­zen und was er sa­gen muss, da­mit er in sei­nem Ge­gen­über ei­nem be­stimm­ten Ef­fekt aus­löst, spielt ei­gent­lich nicht mehr, son­der ver­fügt über sich, über sei­ne Emo­tio­nen. Ich weiß nicht, ob es das ist was Sie mit be­liebt mei­nen, ich ver­ste­he es so. Die­ses Vor­ge­hen ist kal­ku­liert, die Emo­tio­nen sin ein Mit­tel, um ei­nen be­stimm­ten Zweck zu er­rei­chen.

  40. »Wer sich vor ei­nem Ge­spräch über­legt, wie er aus­se­hen, sit­zen und was er sa­gen muss, da­mit er in sei­nem Ge­gen­über ei­nem be­stimm­ten Ef­fekt aus­löst, spielt ei­gent­lich nicht mehr, son­der ver­fügt über sich, über sei­ne Emo­tio­nen.« – Ja, stimmt. Hier be­schrei­ben Sie frei­lich ein so­zia­les Rol­len­ver­hal­ten, an dem nichts aus­zu­set­zen ist, me­tep­si­lo­n­e­ma.

    Der Witz am Spiel liegt dar­in, dass es – wie das re­li­giö­se Ri­tu­al, in ei­nem zweck­frei­en Raum statt­fin­det. Das Maß an Frei­heit, das das Spiel lt. Schil­ler ge­währt, ist nur dann hoch, wenn das Spiel sel­ber von all­täg­li­chen Zwecken ent­bun­den ist (das ist die Krux des PRO­FI-Sports). Die Kluft zwi­schen Spiel und Rea­li­tät zu über­brücken ist frei­lich nicht eman­zipto­risch, son­dern de­struk­tiv.
    (Ga­da­mer ist Schil­le­ria­ner – oder Schil­le­rer – oder Tschil­ler, he­he).

  41. @metepsilonema – zum »Spiel«

    Han er­wähnt Schil­ler mit kei­nem Wort. Er zi­tiert Ba­tail­le – macht die Un­ter­schei­dung zwi­schen »schwa­chen« und »star­kem« Spiel. Im star­ken Spiel ent­steht To­des­in­ten­si­tät.

    So et­was steht da:

    Ba­tail­le un­ter­schei­det zwei Ar­ten von Spiel, das star­ke und das schwa­che Spiel. Nur das schwa­che Spiel ist an­er­kannt in ei­ner Ge­sell­schaft, in der das Nütz­li­che das vor­herr­schen­de Prin­zip ge­wor­den ist. Es fügt sich in die Pro­duk­ti­ons­lo­gik, denn es dient der Er­ho­lung von der Ar­beit. Das star­ke Spiel hin­ge­gen lässt sich nicht mit dem Prin­zip der Ar­beit und Pro­duk­ti­on ver­ein­ba­ren. Es setzt das Le­ben selbst aufs Spiel. Sou­ve­rä­ni­tät zeich­net es aus.

    Ich kann da­mit ... nichts an­fan­gen.

  42. @Dieter Kief
    Nein, ich be­schrei­be kein so­zia­les Rol­len­ver­hal­ten (Mut­ter, Leh­rer, Pri­vat­per­son,...), son­dern wie je­mand sei­ne Rol­le aus­füllt. Ich un­ter­schei­de grob zwi­schen Red­lich­keit und Be­rech­nung.

    »Der Witz am Spiel liegt dar­in, dass es – wie das re­li­giö­se Ri­tu­al, in ei­nem zweck­frei­en Raum statt­fin­det. Das Maß an Frei­heit, das das Spiel lt. Schil­ler ge­währt, ist nur dann hoch, wenn das Spiel sel­ber von all­täg­li­chen Zwecken ent­bun­den ist [...].«

    Ein zweck­frei­er Raum im­pli­ziert ei­ne Ent­bun­den­heit von all­täg­li­chen Zwecken, oder? Schil­ler schreibt zum Spiel u.a. fol­gen­des: »Die­sen Na­men recht­fer­tigt der Sprach­ge­brauch voll­kom­men, der al­les das, was we­der sub­jek­tiv noch ob­jek­tiv zu­fäl­lig ist und doch we­der äu­ßer­lich noch in­ner­lich nö­thigt, mit dem Wort Spiel zu be­zeich­nen pflegt.« (Quel­le) Mit dem Pro­fi­sport ver­hält es sich wie mit Hans star­kem Spiel, da wird um et­was ge­spielt, der Mensch ist dort Spie­ler, nicht aber Spie­len­der.

    Hät­ten Sie bei Ga­da­mer nach­ge­le­sen, ach las­sen wir das...

    @Gregor
    Dan­ke. Nun, das Spiel ist sinn­voll nur in ei­ner Welt, die sich von ihm un­ter­schei­det. — Wo­hin will Han mit dem star­ken Spiel?

  43. Wie ge­schrie­ben, das »star­ke Spiel« ist für Han das ri­tua­li­sier­te Du­ell und der Krieg, der – so­zu­sa­gen – »zweck­los«, nur als »Spiel« in Ri­tua­len aus­ge­tra­gen wird. Die mo­der­nen Ma­te­ri­al­schlach­ten lehnt er na­tür­lich ab; ver­mut­lich auch, weil sie Zwecken die­nen.

  44. Wir bräuch­ten ei­nen Ba­tail­le-Ex­per­ten, denn in Han’s Les­art wirkt die Tha­na­to­lo­gie schon sehr ab­surd.
    Ist die Idee vom »star­ken Spiel« nicht sehr sim­pel, be­steht die Bataille’sche Über­trei­bung im Hin­blick auf Krie­ge und Du­el­le nicht ein­zig und al­lein in der Auf­he­bung des Rea­li­täts­prin­zips?! Man den­ke an die Sur­rea­li­sten und Ro­ber­to Be­nig­ni...
    Da der Tod of­fen­bar ein Punkt der Sinn­ver­nich­tung ist, jen­seits der Re­li­gi­on, kann ja man leicht sei­nen Ni­hi­lis­mus dort ver­an­kern. Das wuss­te schon Woo­dy Al­len. Aber ein be­son­de­rer Sinn für Ri­tua­le lässt sich dar­aus nicht ab­lei­ten, es wä­ren wie­der­um »Ri­tua­le der Sinn­lo­sig­keit«, Vor­spie­le der Be­geg­nung mit dem Un­ver­meid­li­chen, aber so weit wür­de Han nicht ge­hen.
    Da passt was über­haupt nicht zu­sam­men, wenn man mich fragt. Des Phi­lo­so­phen krea­ti­ve Lek­tü­re ist bei­zei­ten sein Un­ter­gang.

  45. @ die_kalte_Sophie

    Den­ken sie bei Jün­ger an sei­ne Ab­scheu vor der Lee­re im Au­ge bür­ger­li­chen Um­gangs, wie sie ei­nem Pu­ber­tie­ren­den durch­aus er­schei­nen kann – bei Jün­ger hat sich die­se Emp­fin­dung bis zum Ekel und dnn der ra­di­ka­len Flucht vor der bür­ger­li­chen Hei­del­ber­ger Apo­the­ken­welt sei­ner El­tern ge­stei­gert. Und den­ken Sie an die Rein­heit des Kamp­fes. Oder an die Rein­heit als Fol­ge z. B. me­di­ta­ti­ver oder Zen-Kämp­fe­ri­scher Übun­gen. Hier sind Sie in ei­nem Be­reich, der Jün­ger als ei­ner er­schien, der das bür­ger­li­che un­ei­gent­li­che Ge­ha­be und die Kon­ven­ti­on – die schein­haf­te sub­jek­ti­ve bür­ger­li­che Hül­le – sprengt. Das ist ei­ne Nietz­sche-Spur, in der auch Han schon lan­ge wan­delt. Und in der näm­li­chen Spur be­weg­ten sich auch Heid­eg­ger und Ba­tail­le. Man muss das nicht bil­li­gen, aber ich fin­de, man kann das nach­voll­zie­hen.

    Dann kommt der Sprung zum Ri­tu­al, das eben­falls die Spu­ren sub­jek­ti­ven Gei­stes qua Hei­lig­keit (=Tra­di­ti­on) hin­ter sich lässt (=tran­zen­diert). Das ist Hans Klam­mer. Von Feu­er­bach und C. G. Jung und Erich Fromm (»Mär­chen My­then, Träu­me«) will er nichts wis­sen.

  46. Ok me­tep­si­lo­n­e­ma, Hans-Ge­org Ga­da­mer – « Wahr­heit und Me­tho­de«, wo Ga­da­mer Schil­lers Äs­the­ti­sche Brie­fe re­su­miert (S. 79) – : »Es ist die Pro­sa der ent­frem­de­ten Wirk­lich­keit, ge­gen die die Poe­sie der äs­the­ti­schen Ver­söh­nung ihr ei­ge­nes Selbst­be­wußt­sein su­chen muss« . Al­so die Äs­the­tik als Ge­gen­ent­wurf zur Pro­sa der Ver­hält­nis­se.

    Schil­ler, me­tep­si­lo­n­e­ma, will so­wohl a) den »Ge­schäfts­geist«, von dem er sagt, er sei in »ei­nen ein­för­mi­gen Kreis von Ob­jek­ten ein­ge­schlos­sen«, als auch b) den Geist des »abts­trakt( n) Den­kers, der oft »ein kal­tes Herz« hat, »weil er die Ein­drücke nur zer­glie­dert, die doch nur als Gan­zes die See­le rüh­ren«, Schil­ler, sag’ ich, will bei­de (not­wen­di­gen!) bür­ger­li­chen For­men des Be­wußt­seins im Spiel er­wei­tern und er­gän­zen so­wie ver­tie­fen. Er­geb­nis die­ser im Me­di­um des »schö­nen Scheins« im Spiel voll­zo­ge­nen Übung der (äs­the­ti­schen) »Fei­heit« ist schließ­lich die Wie­der­her­stel­lung (= »Re­sur­rek­ti­on«) »des zer­stör­ten Ge­mein­sinns.« – Das ist Schil­lers har­ter Kern.

    Al­so auch hier ei­ne den (funk­tio­na­len!) bür­ger­li­chen Rea­li­täts­sinn tran­szen­die­ren­de Sphä­re – näm­lich die des (Theater)spiels, der Bü­he­nen­kunst. So Schil­ler in den äs­th­ti­schen Brie­fen. Vor­aus­set­zung: Dass der äs­the­ti­sche Schein ge­wahrt bleibt, dass die Künst­ler al­so kein Gleich­heits­zei­chen set­zen zwi­schen ih­rer Ge­stal­tungs­frei­heit in der Kunst hie und – - – den Hand­lungs­sphä­ren von Wis­sen­schaft und Mo­ral da. Zu­gleich weist Schil­ler aber zu­recht dar­auf hin, dass al­le drei Be­rei­che in der bür­ger­li­chen Welt ih­re se­gens­rei­che Kraft ent­fal­ten. Sie tun dies frei­lich nur, wenn sie ge­trennt blei­ben. – Was Da­Da, und der Sur­rea­lis­mus und Beu­ys spä­ter aus die­ser Ideee mach­ten, geht nicht mehr auf Schil­lers oder Kants oder – By­ung-Chul Hans Kon­to. Auch Han zielt nicht auf die Ver­mi­schung von Ri­tus und All­tag, wenn ich recht se­he, son­dern auf die Not­wen­dig­keit von (in­ner­welt­li­cher (=ri­tu­el­ler)) Tran­szen­denz. Er ist – hor­ri­bi­le dic­tu – aus­drück­lich für »das Gu­te«, und in­so­fern voll­kom­men aus un­se­rer zy­ni­schen Zeit ge­fal­len. Ein in­ter­es­san­ter Au­ßen­sei­ter.
    https://www.zeit.de/2013/25/zeit-logik-effizienz-kapital-gabe/seite‑2

  47. Der Zeit-Ar­ti­kel ist von 2013. Seit­dem hat Han nicht viel an­de­res ge­schrie­ben. Red­un­dan­zen oh­ne Er­gie­big­keit.

    Ja, »in­ner­welt­li­che Tran­szen­denz« – das wä­re mal was. Aber er ent­wirft ja kein Pro­gramm oder auch nur ei­ne Idee. Er kri­ti­siert nur den Sta­tus quo. Das ist sein Recht – aber ich muss es nicht mehr ha­ben. Ich weiß das.

  48. @Dieter Kief
    Viel­leicht war mein Kom­men­tar un­klar, ich ver­su­che es noch ein­mal:

    An dies: »Das Maß an Frei­heit, das das Spiel lt. Schil­ler ge­währt, ist nur dann hoch, wenn das Spiel sel­ber von all­täg­li­chen Zwecken ent­bun­den ist [...]« kann ich mich bei Schil­ler nicht er­in­nern, an ei­ne Ab­stu­fung der Frei­heit in hoch (und dann not­wen­dig auch nied­rig).

    Ga­da­mer ist kein Schil­le­ria­ner, er kri­ti­siert die Sub­jek­ti­vie­rung des Ge­schmacks­ur­teils und den von Schil­ler for­mu­lier­ten Im­pe­ra­tiv. Le­sen Sie doch noch ein­mal die Über­schrif­ten des Ka­pi­tels aus dem Sie zi­tiert ha­ben: »3. Wie­der­ge­win­nung der Fra­ge nach der Wahr­heit der Kunst« und dann »a) Die Frag­wür­dig­keit der äs­the­ti­schen Bil­dung«. Das geht ge­gen die Schil­ler­sche Po­si­ti­on. Und das­sel­be beim Spiel­be­griff, auch die­sen will Ga­da­mer von der sub­jek­ti­ven Be­deu­tung bei Kant und Schil­ler be­frei­en (S 97).

  49. @ Die­ter Kief. Er­hel­lend, der Hin­weis auf Jün­ger. Ich ha­be im­mer für die Di­ver­genz von Krieg und Zi­vi­li­sa­ti­on ein of­fe­nes Ohr ge­habt. Die An­oma­lie des Krie­ges wirkt ja fort in Frie­dens­zei­ten; De­leu­ze geht so weit, die de­mo­kra­ti­schen Ver­hand­lun­gen als zeit­lo­se Ver­län­ge­rung des Nach­kriegs­zu­stan­des zu be­trach­ten. Al­le un­se­re bür­ger­li­chen De­bat­ten wä­ren dann »Frie­dens­ver­hand­lun­gen«, bei voll er­hal­te­ner Am­bi­va­lenz, vor dem Hin­ter­grund des mög­li­chen Wie­der-Aus­bruchs ei­nes Krie­ges
    Eben des­halb wirkt bei Han der Sprung (ganz recht!) zu den Ri­tua­len sehr ge­wollt. Ei­ne the­ma­ti­sche Amal­ga­mie­rung. Mir scheint, hier liegt ei­ne un­sach­ge­mä­ße Er­wei­te­rung vor, der re­gu­lä­re sti­li­sier­te Kampf bie­tet kaum Raum für Ri­tua­le. Ich se­he nur ei­ne Ver­gleich­bar­keit in Sa­chen All­tags-Spreng­kraft. Os­car Wil­de hät­te viel­leicht ge­sagt: so­wohl der Krieg als auch ei­ne an­stän­di­ge Tas­se Tee brin­gen Dich auf voll­kom­men neue Ge­dan­ken! Sno­bis­mus meets Sur­rea­lis­mus?!

  50. @Gregor
    Noch ein­mal zum star­ken Spiel: Wenn Han da­für plä­diert, dann doch dar­um, weil es mit der Ge­sell­schaft – der Herr­schaft des Nütz­li­chen – bricht. Um sie zu über­win­den? In­ten­si­tät gibt es auch im klei­nen Spiel, der Kampf ist da bei Gott nicht das ein­zi­ge Mit­tel. Ich glau­be Hans The­se, dass die Ge­sell­schaft der Nütz­lich­keit das star­ke Spiel nicht dul­det, stimmt nicht, es kommt nur auf die Form an: Ex­trem­sport mit sei­nen ho­hen Ri­si­ken ist ein Form, die sich sehr gut ins Sy­stem fügt (auch wenn der »Ein­satz Le­ben« nicht so di­rekt wie im Du­ell in Er­schei­nung tritt).

    Ad in­ner­welt­li­che Tran­szen­denz: Alex­an­der Grau spricht in sei­nem Es­say »Kul­tur­pes­si­mis­mus« da­von, dass der Mensch sich durch kul­tu­rel­les Schaf­fen selbst tran­szen­diert (er ver­sucht »sym­bo­lisch sei­ne End­lich­keit zu über­win­den«).

  51. Das Buch von Grau ken­ne ich nicht. Lohnt es sich?

    Auf Ex­trem­sport geht Han nicht ein – ver­mut­lich ist ihm das zu sehr kom­mer­zia­li­siert. Es ist auch mehr als ei­ne Sehn­sucht nach Aben­teu­er und/oder Ri­si­ko. Es ist eher Fu­tu­ris­mus als Sur­rea­lis­mus – aber ein Fu­tu­ris­mus oh­ne Zu­kunfts­wunsch. Ba­tail­le ken­ne ich ja nicht, aber da ist mir so­fort Jün­ger ein­ge­fal­len. Es gibt von ihm ei­nen Text in An­leh­nung an die »Stahl­ge­wit­ter«, in dem er den Krieg Mann ge­gen Mann fast he­roi­siert. Mir fällt lei­der der Na­me nicht mehr ein. Spä­ter ist er ru­hi­ger ge­wor­den. Sei­ne »sub­ti­le Jagd« galt dann den Kä­fern.

  52. Kann ich noch nicht sa­gen, ich bin noch nicht weit ge­nug: Grau scheint ei­ne Art Sy­ste­ma­tik des Kul­tur­pes­si­mis­mus’ zu ver­su­chen, er sieht un­se­re Zeit als ei­ne post­kul­tu­rel­le, ei­ne oh­ne Kul­tur, d.h. oh­ne (ver­bind­li­che?) sym­bo­li­sche Ord­nungs­funk­ti­on. Das er­scheint mir ge­wagt, mal se­hen ob die The­se hält bzw. ob er sich da nicht zu sehr auf den Ord­nungs­aspekt kon­zen­trie­ren wird (ein ty­pisch kon­ser­va­ti­ves The­ma). Er ist – Freud fol­gend – der An­sicht, dass Kul­tur auf Ver­zicht und Trieb­über­füh­rung ruht; ei­ne Ge­sell­schaft, die gren­zen­lo­se Selbst­ver­wirk­li­chung ver­fol­ge und al­les auf ein er­füll­tes Dies­seits kon­zen­trie­re, müs­se dar­an schei­tern (»[...] ein Irr­glau­be an­zu­neh­men, Kul­tur sei mit ei­ner zi­vi­li­sier­ten, hu­ma­nen, so­zia­len Wohl­stands­ge­sell­schaft ver­ein­bar.«). Ich bin mir auch nicht si­cher, ob es sti­li­stisch hal­ten wird (mir feh­len da bis­lang ein paar Dif­fe­ren­zie­run­gen, z.B. wo wä­re die Kunst zu ver­or­ten und wie wä­ren die Ent­wick­lun­gen ein­zu­schät­zen).

  53. @ me­tep­si­lo­n­e­ma
    Schil­ler stellt in den »Brie­fen über die äs­the­ti­schen Er­zie­hung des Men­schen« das Ide­al dem Le­ben ge­gen­über – ei­ne ur­alte Paa­rung. Das aus heu­ti­ger Sicht Frap­pie­rend­ste an Schil­lers Brie­fen ist ge­nau das: Dass er die Be­deu­tung der äs­the­ti­schen Sphä­re so ge­nau er­fasst. Die ur­alte Fra­ge: Was kann und soll Kunst? – wird von ihm so be­ant­wor­tet: Kunst soll die Men­schen mit ih­ren Lei­den­schaf­ten, Ge­füh­len und Sehn­süch­ten bes­ser be­kannt ma­chen (durch­aus auch mit po­li­ti­schen); und da­durch dem »zer­stör­ten Ge­mein­sinn« wie­der­auf­hel­fen. – Eman­zi­pa­ti­on al­so durch Kul­ti­vie­rung und Zi­vi­li­sie­rung in Äs­the­ti­cis. Der ewig gül­ti­ge Punkt ist nach Schil­ler der: Das Äs­the­ti­sche ist als sol­ches stark. Be­ach­tet man das nicht, schwächt man die gan­ze Kunst-Ver­an­stal­tung. Es geht al­so in der Kunst – wie beim Ri­tu­al – dar­um, ei­ne ei­ge­ne Sphä­re zu pfle­gen. Wo der di­rek­te Zu­griff auf die Ge­gen­stän­de der Kunst ver­sucht wird, nimmt de­ren be­frei­en­de (=eman­zi­pa­ti­ve) Wir­kung un­wei­ger­lich ab. – Man den­ke an den Un­ter­schied zwi­schen Kunst und Pro­pa­gan­da. Selbst der ist bei Schil­ler schon an­ge­legt.

  54. @ Sub­jekt­lo­sig­keit im Ri­tus und ent­sub­jek­ti­vie­ren­de Kraft des Spiels bei Ga­da­mer und Schil­lers Idee vom Spiel // cf. me­tep­si­lo­n­e­mas #48 Ideen zu Schil­ler und Ga­da­mer und zu Ih­ren Be­mer­kun­gen zu Graus Idee der Selbst­tran­szen­denz im Spiel #50

    Ga­da­mer sagt das da:
    „Al­les Spie­len ist ein Ge­spielt­wer­den. Der Reiz des Spie­les, die Fas­zi­na­ti­on, die es aus­übt, be­steht eben dar­in, daß das Spiel über den Spie­len­den Herr wird. Auch wenn es sich um Spie­le han­delt, in de­nen man selbst­ge­stell­te Auf­ga­ben zu er­fül­len sucht, ist es das Ri­si­ko, ob es ‚geht‘, ob es ‚ge­lingt‘ und ob es ‚wie­der ge­lingt‘, was den Reiz des Spie­les aus­übt. Wer so ver­sucht, ist in Wahr­heit der Ver­such­te. Das ei­gent­li­che Sub­jekt des Spie­les (das ma­chen ge­ra­de sol­che Er­fah­run­gen evi­dent, in de­nen es nur ei­nen ein­zel­nen Spie­len­den gibt) ist nicht der Spie­ler, son­dern das Spiel selbst.“ (GW I, 112; teilw. herv. v. M.F.)

    zi­tiert nach Mat­thi­as Flat­scher »Ga­da­mer und Witt­gen­stein« zu fin­den on­line hier:

    https://core.ac.uk/download/pdf/12237063.pdf

    Bei Flat­scher fin­den Sie auch was zu ih­rem Ga­da­mer-Pro­blem in #48, me­tep­sil­no­n­e­ma. Ga­da­mer ist ge­gen die In­dienst­nah­me Schil­lers für ei­nen po­si­ti­vi­sti­schen Wahr­heits­be­griff. Das ist was an­de­res als zu be­haup­ten, Ga­da­mer sei ir­gend­wie ge­gen Schil­ler.

    Schil­ler ist für Ga­da­mer sehr wich­tig.

    Das Zi­tat oben ist aus dem ver­link­ten Auf­satz von Mat­thi­as Frat­scher, ei­nem Wie­ner Ge­lehr­ten.

    Es geht .a.u.c.h. bei Ga­da­mer um die ent­sub­jek­ti­vie­ren­de Kraft beim Spiel, um die es, ich hab’ das hier zu­ge­ge­be­ner­ma­ssen schon öf­ter be­tont, auch Han mit Blick auf den Ri­tus geht. Han ist in der Tat an ei­nem der zen­tra­len Kreu­zungs­punk­te des abend­län­di­schen Den­kens mit sei­nen Ri­tu­al-Über­le­gun­gen. Denn auch das Ri­tu­al schafft ei­nen Raum der mög­li­chen Selbst­tran­szen­denz, das sieht Han durch­aus rich­tig. Der Pro­fi­sport ist kein rei­nes spiel, weil ma­te­ri­al­le und sta­tus-Zwecke mit ihm ver­knüpft sind. Er ist in­so­fern struk­tu­rell (=we­sent­lich) schwä­cher als das nicht­kom­mer­zia­li­sier­te Spiel oder – der Ri­tus. Die­se Schwä­che ver­bin­det den Pro­fi­sport mit dem kom­mer­zia­li­sier­ten Kunst­be­trieb – ob auf dem Thea­ter oder im Film oder in der Ga­le­rie oder wo auch im­mer – s. #24 und #40.

  55. @Dieter Kief
    Flat­scher ar­bei­tet den Un­ter­schied ja schön her­aus: Ga­da­mer un­ter­schei­det sich von Schil­ler (und Kant) da­durch, dass er die Tren­nung der Sphä­ren (rea­le und äs­the­tisch-idea­le) be­strei­tet. In »Die Ak­tua­li­tät des Schö­nen. Kunst als Spiel, Sym­bol und Fest« be­schreibt Ga­da­mer das Kunst­werk als sym­bo­li­sche Ver­dich­tung, in ihm zeigt sich et­was kon­zen­trier­ter als sonst und er zi­tiert Paul Klee zu­stim­mend mit dem be­kann­ten Satz, dass Kunst sicht­bar ma­che. Da­mit ist der Schil­ler­sche Ge­gen­satz auf­ge­löst, zu­min­dest be­strit­ten. Schil­ler mag für Ga­da­mer be­deu­tend sein, die Po­si­tio­nen sind aber kei­nes­falls ho­mo­log, weil – Ga­da­mer fol­gend – im Sicht­bar­wer­den, in den Er­schei­nun­gen der Kunst­wer­ke, ei­ne Wahr­heit liegt (und nicht bloß schö­ner Schein), die mit der Le­bens­welt zu tun hat und die­se be­trifft, ja (de­ren Er­fah­rung) ver­än­dert.

    Noch ei­ne Be­mer­kung zu Grau: Ich mei­ne, dass er mit Selbst­tran­szen­denz zu weit geht, je­den­falls dann, wenn das im­mer gel­ten soll. Sym­bo­le ha­ben auch an­de­re »Funk­tio­nen«, sie be­wah­ren et­was auf, ver­dich­ten, über­hö­hen, usw.