Wenn jemand wie der 92jährige Jürgen Becker einen neuen Gedichtband mit dem Titel Nachspielzeit vorlegt, werde ich neugierig. Man schlägt die »Gedichte und Sätze« auf und ist binnen weniger Minuten ein- und abgetaucht in diesen von jeden Ordnungen ungestörten Strom aus Schauen, Suchen, Erinnern, ein Kaleidoskop aus Assoziationen, Flashbacks und Déjà-vus von der Kindheit mit ihren einschneidenden Kriegserlebnissen bis hinein in die Gegenwart.
»Mit jedem Tag wächst eine Entfernung, kommt etwas näher,
ganz gleich, um was es geht beim Erinnern, beim Erwarten.
Zwischen Kindheit und Sterbebett so viele Jahrzehnte, daß
es dunkler wäre am Himmel, knipste man für jeden Augenblick,
der vergeht, einen Stern aus –«
Bisweilen entladen sich die Erinnerungen eruptiv:
»der Schulweg die Kampfbahn Kaserne Kastanien
sing mit hau ab fick dich ins Knie
Büchsenfleisch Rübenkraut Muckefuck Sondermischung
Gasschleuse Jungvolkheim Schilderhäuschen Laube
Briefmarken sammeln Heilkräuter Altmaterial
Kohlenklau Feind hört mit Kopf hoch Johannes«
Um dann wieder im Jetzt anzukommen:
»seit Tagen und Tagen undicht der Wasserhahn
hört plötzlich oh Wunder zu tropfen auf
stattdessen flackert die Leuchtstoffröhre
hat Arte zu einem Kanal gewechselt den
ich nicht finden kann«
Es gehört zur raison d’être eines Schriftstellers, auf die Sprache zu achten. Die allgemein im Gebrauch stehende ebenso wie seine persönliche Sprache liegt ihm am Herzen. Zumindest mir geht es so, ich will die Sprache nicht zerstören (wie einst einige Dadaisten) oder verwahrlosen sehen, ich will sie erweitern, aus ihren Möglichkeiten schöpfen, sie notfalls auch schützen. Wohl deshalb bin ich empfindlich, wenn aus ideologischen oder bürokratischen Erwägungen an ihr gemäkelt, gezerrt und gerüttelt wird.
»Sprecher*innen« und »Schreiber*innen« würde ich schreiben, wollte ich mich politisch-moralisch korrekt verhalten. Oder »Sprechende und Schreibende«. Beides nicht schön. Zu diesem Thema ist schon viel Tinte geflossen, ich will nicht mehr als ein paar Tropfen hinzuzufügen, die deutsche und die romanischen Sprachen betreffend vor allem den Hinweis, dass in sogenannter inklusiver Sprache auch die Artikel und Adjektive synchronisiert und im Genus-Bezug pluralisiert werden müssten, was oft unterbleibt oder inkonsequent durchgeführt wird. Wenn aber strikt synchronisiert wird, steigt in manchen Wortfolgen die Umständlichkeit der Äußerung noch einmal an. Kürzlich war ich bei einem Seminar literarischer Übersetzer. Der Großteil der Teilnehmer weiblich, die Vortragenden weiblich, abgesehen vom jungen Einführungsredner. Er begann mit dem Satz: »Ich bin kein studierter Literaturwissenschaftler…in.« Das Suffix kam erst nach einer kurzen Pause, das Adjektiv und die Negation hätte er eigentlich anpassen müssen, was im Mündlichen schwierig ist, aber auch schriftlich: »kein*e studierte*r Literaturwissenschaftler*in«, oder was immer man an Schriftzeichen aufbieten will.
Ich habe fast täglich mit Texten in fünf bis sechs Sprachen Umgang. Die genderbewussten Änderungswellen fallen mir in den meisten von ihnen auf; in einigen, bedingt durch die Struktur der Sprache, mehr, in anderen weniger. Besonders störend und destruktiv empfinde ich derlei Änderungen im Französischen und im Spanischen. Im Französischen kommen sie mir nur in der Online-Zeitung Mediapart unter, dort aber so massiv, dass die Lesbarkeit der Artikel immer wieder in Gefahr steht. Le Monde, sprachlich konservativ, brachte letztes Jahr einen Bericht über einen Gesetzesvorschlag des französischen Senats, sogenannte »inklusive Sprache« in offiziellen Dokumenten zu verbieten. Der Artikel begann leicht ironisch mit der Bemerkung, man könne an dieser Stelle von »sénateurs« und »sénatrices« sprechen, aber nicht von »sénateurices« – wobei die konsequente inklusive Schreibweise eigentlich »sénat(eur)ices« lauten müsste. Der Senat möchte nicht zuletzt sogenannte non-binäre, in Wörterbüchern bisher nicht enthaltene Formen wie das pronominale »iel« (Verbindung von »il« und »elle«), »celleux« oder »toustes« verbannen, die für mein Ohr tatsächlich grotesk klingen. Das Bildungsministerium hatte schon 2021 einen Erlass ausgesandt, der solchen Sprachgebrauch an Schulen untersagt.
Aber vor solchen Grotesken scheuen die Ideolog*innen nicht zurück. In Spanien und noch mehr in einigen lateinamerikanischen Ländern prägen sie Formen wie »todes«, um Personen zu inkludieren, die sich weder als männliche »todos« noch als weibliche »todas« erkennen können. Das ergibt dann Formen wie »chiques« für non-binäre Jungs/Mädels/X (auch das X kommt mittlerweile zu grammatischen Ehren), sodass man sich im Plural nicht nur an »querido.a.s chico.a.s« wenden wird, sondern auch an »querides chiques«, am besten vielleicht so: »querido.a.e.s chic(qu).a.e.s«. Dass sich so etwas dann nicht mehr lesen lässt, verstehen wohl auch jene Leser, die des Spanischen nicht mächtig sind. In Argentinien versucht die Regierung von Staatspräsident Javier Milei inzwischen, inklusive Sprache in den Ämtern zu verbieten; dasselbe tut seit letztem Jahr die Landesregierung in Niederösterreich. Zwischen Konservativen und Progressiven ist in vielen Teilen der Welt ein Ping-Pong-Kampf um die Sprache im Gang. Der Schriftsteller steht am Netz und bewegt den Kopf hin und her. Schreiben wird er weiterhin so, wie er es für gut hält. Wenn ihm nicht sensitive Lektor*innen im Verlag dicke Striche ins Manuskript setzen.
Es ist ein gängiges Muster: Kurz vor wichtigen Wahlen wird »der Osten« politisch wieder entdeckt. Diesmal sind es drei Landtagswahlen – Thüringen, Sachsen und Brandenburg. Entwicklungen, die sich über Jahre angekündigt haben, werden plötzlich von allen Seiten im Katastrophenmodus kommentiert. Hinzu kommt, dass mit der sektenartigen Neupartei um Sahra Wagenknecht ein zusätzlicher, nicht kalkulierter Faktor aufgetaucht ist. Dachte man anfangs noch, dass hierdurch die AfD geschwächt würde, so muss man jetzt zur Kenntnis nehmen, dass sich vor allem Nichtwähler und Linke-Anhänger angesprochen fühlen. In Thüringen sagen aktuelle Umfragen voraus, dass AfD und BSW die Mehrheit der Sitze im Landtag erringen könnten.
Letzteres war bei Erscheinen von Steffen Maus Ungleich vereint in dieser Form noch nicht absehbar. Im Gegensatz zu vielen zum Teil hyperventilierenden Wortmeldungen und Wählerbeschimpfungen ist es allerdings zunächst eine Wohltat, dieses Buch zu lesen, auch wenn man in einigen Punkten nicht übereinstimmt. Mau möchte »küchenpsychologische Erklärungen vermeiden« und stellt klar: »Wer in der Ost-West-Debatte mit Schuldbegriffen operiert, ist schon auf dem Holzweg.« Seine These geht dahin, dass es in Ostdeutschland unabhängig lokaler Prägungen »eine Verfestigung grundlegender kultureller und sozialer Formen« (Hervorhebung Steffen Mau) gibt. Er spricht sogar von einer »Einheitlichkeitsfiktion«. Mau setzt bewusst eine »Ost-West-Brille« auf, um »klarer zu sehen, wie Geschichte in Strukturen und Identitäten nachwirkt.«
Mau weist auf die Kränkungen zu Beginn der 1990er Jahre hin, als »die Bundesrepublik und ihr Spitzenpersonal die Rolle der Konkursverwalter« übernommen hatten und die Ostdeutschen zu »bedürftigen Empfänger[n] von Hilfe und Zuwendung« mit »nur noch begrenzte[r] Entscheidungsmacht« wurden. Ausgiebig werden diese Brüche und Verwerfungen herangezogen, die, so die These, in (Teilen) der Bevölkerung heute noch nachleben. Dabei wird klargestellt, dass dies »weder allein der DDR noch dem Einigungs- und Transformationsprozess zuzuschreiben« ist, sondern sich »aus beiden Phasen und der Verknüpfung ihrer Folgen« ergibt. Es werden Zahlen präsentiert, die Rückstände und Differenzen zu Westdeutschland aufzeigen, wie etwa Geburtenrate, Unternehmensstrukturen (es gibt kaum Großunternehmen im Osten), Tarifbindung, Organisationsgrad in politischen Parteien, Gewerkschaften oder Kirchen oder auch Anteil migrantischer Bevölkerung. Ob die Tatsache, dass sich unternehmerische Selbstständigkeit in Ostdeutschland »auf den gewerblichen Bereich recht kleiner Betriebseinheiten« konzentriert, eine Schwäche darstellt, müsste man allerdings erst einmal belegen und sich gleichzeitig fragen, warum die »Alleinunternehmer« dort als »oft prekär« quantifiziert werden.
Vor zwei Jahren publizierte der Penguin Verlag mit Nachleben den vorläufig letzten Roman des britisch-sansibarischen Schriftstellers Abdulrazak Gurnah. Mit Das versteinerte Herz folgt jetzt der vorletzte Roman von 2017. Beide wurden von Eva Bonné übersetzt. Das versteinerte Herz spannt einen Bogen des Ich-Erzähler Salim, um 1973 herum geboren (das errechnet man sich aus dem Erzählten) ...
Zu Beginn seines Buches mit dem vielsagenden Titel Unter Beobachtung stellt der deutsche Politikwissenschaftler Philip Manow eine scheinbar einfache Frage: »Hat es eigentlich vor – sagen wir – 1990 Feinde der liberalen Demokratie gegeben?« Denn man hört im politischen Diskurs immer häufiger, das die »liberale Demokratie« in Gefahr sei. Diese gehe, so Manow listig, inzwischen anscheinend »besonders oft von Wahlen aus, dem Prozess, der am engsten mit dem demokratischen System verbunden wird.« Vor allem, so möchte man ergänzen, wenn das (antizipierte) Resultat droht, das »falsche« zu sein. Verschiedentlich wird schon von der »Tyrannei der Mehrheit« gesprochen. Manow durchschaut diese Erregungen und fragt »wessen Demokratie eigentlich genau verteidigt wird, wenn ‘die’ Demokratie verteidigt wird.« Doch dazu später.
Festzustehen scheint: Rechtsstaatlichkeit, unveräußerliche Grundrechte und freie Wahlen (»elektorale Demokratie«) greifen in ihrer »Einfachheit und Statik« nicht mehr als alleinige Kriterien einer demokratischen Verfasstheit. Die Zuschreibung »liberal« speist sich aus einem »ganzen Kranz an Werten«, wie sie beispielsweise im »Global State of Democracy«-Index oder, relevanter, dem »Liberal-Democracy-Index« des »Varieties-of-Democracy«-Projekts der EU definiert sind. Letzterer wird in einem Appendix am Ende des Buches vom Autor untersucht und als ungeeignet verworfen, »sowohl um das Ausmaß der gegenwärtigen Krise der Demokratie, gerade wenn sie sich […] als Konflikt zwischen Exekutive und (Verfassungs-)Gerichtsbarkeit manifestiert, als auch um ihre Ursache zu verstehen.« Am Rande wird süffisant gefragt, warum die EU sich selber »nicht auf seinem Liberal-Democracy- oder einem Electoral-democracy-Index« bewertet habe. Und Dahrendorfs Bonmot, dass, wenn die die EU um Mitgliedschaft in der EU nachsuchte, diese »wegen ihres Mangels an demokratischer Ordnung abgewiesen« würde, findet sich immerhin in den Anmerkungen. Manows Skepsis an der demokratischen Verfasstheit der EU und deren Gründungsmythen, wird noch eine Rolle spielen.
Was ist also »liberale Demokratie«? Hilfsweise wird sie »in der Verbindung aus Parteienwettbewerb, Meinungsfreiheit, Wohlfahrtsstaatlichkeit und LGBTQ+-Rechten […] oder in Verbindung von freien Wahlen und Klimaschutz« definiert. Sie wird schließlich als »End- oder Kompromissprodukt zweier Strömungen verstanden, des Liberalismus einerseits: also Beschränkung von Herrschaft durch Gewaltenteilung, Rechtsstaatlichkeit, subjektive Rechte […] und des Mehrheitsprinzips und der Volkssouveränität andererseits. […] Oder noch eine Abstraktionsstufe höher, nicht als Idee oder Ideologie, sondern als Wert: Freiheit vs. Gleichheit. Liberale Demokratie ist dann die Verbindung aus oder der Kompromiss zwischen beidem.«
Es beginnt als Beschwörung der unbeschwerten Kindheit in einer Stadt, die nur aus einer Straße bestand, überall offene Türen, nichts blieb geheim und die »Welt blieb Welt, die Stadt blieb Stadt und am Ende genügte es, die Straße vom einen Ende zum anderen zu gehen und alles zu wissen, was die Welt ausmachte«. Hier lebten sie, eine »verschworene Gemeinschaft, in der kein Platz war für Fremde, auch nicht für den Rotschopf Enzo«, der aus Arvane kam, einem Viertel, in dem Arme wohnten und eben auch Enzo mit seiner Mutter, Der Vater, der große Rennfahrer Sandro Maiga, verunglückte bei einem Autorennen tödlich; ein Pokal und eine Medaille erinnern an fernen Ruhm. Aber Enzo, der »Zwerg«, der »Seltsame«, der »Unauffällige«, der »Unfall« ist ein Hartnäckiger, will dazu gehören, sucht Gianni und Elio und die ganze Bande immer wieder auf, lässt nicht vertreiben, lag »in den Büschen und sah zu, ohne gesehen zu werden«, er, »der Lauschende und Sehnende« und Unerhörte, den sie schließlich mit niederen, demütigenden Aufgaben bedachten, weil sie ihn nicht loswurden. Und was die Bande dann am meisten erregte war, »dass er alle Zurückweisungen, jeden Spott und jedes böse Wort einfach einsteckte, als habe er es lange schon erwartet.«
Enzo »konnte gut erzählen« und »alles Erzählen und Geschichtenerfinden ist Gift. Ein Gift, das Menschen zu Unvernunft bringt, das Sehnsüchte in die Köpfe pflanzt« und es war Elio, der zuerst davon sprach, wegzugehen und sie berauschen sich daran mit weiteren, erfundenen Geschichten und dann ist es Enzo, der als erster geht, plötzlich nicht mehr da ist und es dauert eine Weile, bis man seine Abwesenheit bemerkt.
Florian L. Arnolds neuer Roman Das flüchtige Licht entwickelt sofort einen Sog, wozu auch der balladeske Einstieg gehört. Danach wechseln die Erzählperspektiven zwischen den einzelnen Personen. Mal ist es Enzo, dann, vorübergehend, Gianni, später für kurz, ein berühmter Regisseur und am Ende eine unbenannte Frau. Dieses kaleidoskopische Erzählen verschafft dem Roman Tiefe und in den besten Momenten eine Form von Dreidimensionalität.
Das Proteische bei Yoko Tawada. Ständige Verwandlung. Aber bei ihr ergeben sich immer wieder neue Geschichten, es ist kein Zerfleddern und Zerhacken von vorliegendem historischem oder biographischem Material. »Das Bett verwandelt sich in einen Schlitten, der von schwarzen Ratten durch eine Wüste gezogen wurde. Den Ratten wuchsen Flügel. Sie wurden zu Fledermäusen.« (Das Bad) Das ist natürlich ein bißchen gar zu flott, aber so ergeben sich bei ihr die Geschichten, eine aus der anderen.
Die Multiperspektivik des Gesellschaftsromans. Immer wieder führt einen der Erzähler oder die Erzählung zu einer anderen Figur, einer anderen Gruppe, einem anderen Haus. Wie es Tolstoi so großartig vorgemacht hat. Beängstigend großartig, wenn man daran denkt, wie der Roman gemacht ist. Freilich, als Leser sollten wir uns einfach der Lektüre überlassen, die uns hier- und dorthin führt. Wir sind an vielen Orten gleichzeitig, das heißt natürlich nacheinander, trotzdem mit dem Eindruck der Gleichzeitigkeit.
Es ist das Gegenteil des Ich-Romans und aller zentrierenden (egozentrischen) Erzählungen, ob in erster oder dritter oder hundertster Person. Schattenfroh, obwohl so umfangreich, ist Ich-Ich-Ich, die Welt mitsamt ihren Problemen ein Ich-Abklatsch. Und ich, mein kleines bescheidenes Ich, hat dieselbe Tendenz. Einen Roman kann ich bisher nur in dieser, wie mir scheint, »natürlichen« (?) Ich-Form schreiben. Wenn wir leben – sogar wenn wir schlafen und träumen und nach innen schauen –, schauen wir doch unweigerlich aus unserem Ich-Fenster und keinem anderen Fenster heraus. Gut, wir können uns in andere hineinversetzen, und in Erzählungen tue ich das gern und weidlich, aber der Roman sollte doch das Leben, wie es ist, ab- oder um- oder neu- oder sonstwie bilden. Das Leben im Ich-Haus mit Blick ins Offene – aber unweigerlich durch das Ich-Fenster, mit den entsprechenden Perspektiven und Tönungen und Einschränkungen.
Einwand: Literatur, insbesondere ihre Königsdisziplin, ist eben nicht Wiederholung von Leben. Ist nicht »Abbildung« oder was immer hier an veralteten Begriffen herandrängt. Wer schreibt, muß sich erst einmal – und bis zuletzt – von sich distanzieren. Muß Abstand nehmen. Ein anderer werden. Viele andere. Muß seinen Nächsten verstehen und auch seinen Fernsten, seinen schlimmsten Feind. Literatur ist per se Verwandlung, also proteisch. Nicht Identitätsfixierung. Nicht einmal Identitätssuche. Wozu Identität suchen? Man hat sie sowieso, sie bleibt dir eingebrannt. Die Kunst besteht eher darin, sie loszuwerden.
Also Ich-Roman? Gesellschaftsroman?
Wiedermal beides. Das ewige Hin und Her. Auf die Spannung kommt es an. Geh aus, mein Herz, und suche Freud: Wo Er, Sie, Es und Wir war, soll Ich werden. Und umgekehrt.
Ohne das kleine Nachwort von Thomas Stadler sind es noch nicht einmal siebzig Seiten, diese drei Erzählungen, die den (vorläufigen?) Nachlass der im Januar verstorbenen österreichischen Schriftstellerin Helena Adler ausmachen und die jetzt bei Jung und Jung, ihrem Verlag, erscheinen. Sie waren als Teile eines Erzählbandes vorgesehen und eine davon, Miserere Melancholia, wollte Helena Adler beim Bachmannpreis 2023 lesen, aber dazu kam es nicht mehr, denn bei der Schriftstellerin wurde ein Gehirntumor diagnostiziert, der sofortige Behandlung verlangte.
Lange soll Adler geschwankt haben, Miserere Melancholia als Beitrag auszuwählen oder die Erzählung, die zu Beginn abgedruckt wird, Ein guter Lapp in Unterjoch, dieses herrlich komponiertes Schelmenstück aus der österreichischen Provinz, über einen Josef, von Beruf Maurer, der auch Hochzeitslader ist, eine Art Zeremonienmeister. Josef hat seit geraumer Zeit Kopfschmerzen, bisweilen Gleichgewichtsprobleme und vor einigen Wochen seine ersten Bestrahlungen im »Kalksteinsarkopharg« erhalten. Er ist »einer, der nicht widerspricht«, seine Aufgaben gewissenhaft erfüllt, und so wird es auch sein, als die Hochzeit des Bürgermeistersohnes mit einer Maria ansteht, die schwanger ist. Josefs Verpflichtungen sind klar und doch hat er neben seinem Tumor »einen Plan« im Kopf. Zunächst gibt es aber noch ein paar deftige Schilderungen des »Brueghel’schen Hochzeitspanoramas«; es ist eine Freude, dies zu lesen, vor allem beim zweiten oder dritten Mal. Und das, obwohl man dann die wunderschöne Pointe schon kennt, die hier natürlich nicht verraten wird.
Zwischen den beiden größeren Erzählungen findet sich mit Über die Erde eine noch nicht einmal dreiseitige, stark expressionistische Skizze von hoher Könnerschaft, in der ein »Nachtschattengewächs im Uterus der Mutter« von ihrer Totgeburt (oder ist es eine Abtreibung?) erzählt, die sofort »unter die Erde« führt und sie »verfault…und doch in aller Munde« führt.
Und dann das Husarenstück, das Zentrum dieses Bandes, Miserere Melancholia, eine Erzählung, die in Klagenfurt für einen historischen Moment gesorgt hätte (wie zuletzt vielleicht Maja Haderlap, oder, sehr lange zurückliegend, Hermann Burger), ein Text »wie ein Unglück, das…schmerzt, wie der Tod eines, den wir lieber hatten als uns«, eine Prosa, die man mit Enthusiasmus und Demut und im Wissen um das Schicksal der Autorin mit Trauer und Wehmut lesen wird und gleichzeitig immer wieder neu anfängt, gar nicht aufhören möchte, immer neue Nuancen entdeckt.
Wessen ist nun der Schmerz bei der Lektüre? Eine Ich-Erzählerin, sich selbst charakterisierend als »abartige Sünderin«, ist besessen oder, besser: wird beherrscht von einem Dämon, einer Mischung aus Wolpertinger, Gnom und Mephisto (er zitiert immerhin Homer und Dante). Er dominiert sie »schlimmer als der Vater und die Mutter zusammen«, zwingt sie, ihr Leben zu rekapitulieren, auch ihre Laufbahn als Schriftstellerin, und dabei stellt sie fest, dass der Elfenbeinturm ein »Faulturm« gewesen war, »dort gärte alles vor sich hin« und sie wurde »träge und schwach«. Aus ihrem Mund ergießt sich einmal »Brackwasser«, sie wacht auf »mit dem Meer in mir, das mich verwässert«. Kafkas Axt findet danach kein Eis mehr vor, aber zugleich bekennt sie, in den »großen Texten« daheim zu sein.