Eine kleine Pfingstpredigt... in der mein Heiliger Geist die Stelle in einem Roman von Dieter Wellershoff ist, (»Der Himmel ist kein Ort«). Ich hatte das Buch letztes Jahr geschenkt bekommen und war so begierig gewesen, es zu lesen, dass ich die Stelle beim ersten Mal übersehen haben muss. Jedenfalls kommt es mir jetzt so vor, und ich bin froh, im Wiederlesen »in dürftiger Zeit« noch einmal darauf zu stoßen. Sie lautet: Du bist kein Sonderfall, sondern ein Beispiel für viele. Und das verpflichtet dich.
Möglich, dass es im ersten Moment nur das Paradox war, das in mir klang: Sind wir doch gewohnt, uns am namhaft gemachten, am heroischen Einzelnen zu orientieren, und steht also der Gedanke, dass der Gewöhnlichste als das verbindlichere Vorbild taugte, scheinbar dagegen.
Björn Kern: Das erotische Talent meines Vaters
Der 23jährige Philip arbeitet als Pfleger in einer psychiatrischen Klinik in Berlin und besucht für ein Wochenende seinen Vater, der ein Haus in der Nähe der deutsch-schweizerischen Grenze an einem See bewohnt (vermutlich ist der Bodensee gemeint). Ein Sommertag, Ankunft im Nachmittagslicht, vorbei an Weinbergen, Obstwiesen und Gerstenfeldern. Dann erreicht er die Villa, das Eisentor mit zwei gusseiserne[n] Greifvögel[n] und den nachträglich aufgelötete[n] Seepferdchen, die schon ein bisschen vorwegnehmen, was einen hinter dem Tor tatsächlich erwartete. Merkwürdigerweise ist es verschlossen und Philip kommt über die Terrasse. Kurze, eher beiläufige Begrüßung. Sein Vater Jakob (man redet sich ganz progressiv mit dem Vornamen an) ist Mitte 60, Mentholparfüm, gebräunt, lockige[r] Kopf. Er wirkt, als würde er…wieder jünger werden und Philip glaubt noch größere Spannkraft in seinen Muskeln und Sehnen auszumachen als bei seinem letzten Besuch.
Dagegen verfällt die Villa mit den Bullaugen, die euphemistisch Panoramafenster genannt werden, zusehends. Große senkrechte Risse durchziehen das Haus (das sind die statisch bedenklich[en] lernt der Leser vom Ich-Erzähler Philip). Hinzu kommt die mehr als gewöhnungsbedürftige Einrichtung. Überall Tiffanylampen und selbstgeschreinerte Kleiderschränke aus Sperrholz mit Spiegelscherben auf der Türe, mit Heißkleber befestigt und wie eine Discokugel aussehend. Oder Messingdrachen in Wandfliesen eingelassen. Im Badezimmer die Wandspiegel im Jugendstil und daneben Rosettenhähne über Zierwaschbecken aus altem Emaille. Und schließlich im Garten der sogenannte Kleine Existenzpark mit Messingechsen und Rundrohrtrolle und Silberlurche. Alles Basteleien von Philips Mutter Iris (und natürlich von Björn Kern, der immer weiter Variationen des schlechten Geschmacks sprachlich herbeizaubert und fast zelebriert). Aber Iris wohnt seit zwei Jahren nicht mehr im Haus.
Dr. jur. Reinhard Wilke, Jahrgang 1929 (er starb im vergangenen Jahr), war von 1960–1966 Richter am Verwaltungsgericht Köln und 1970 Referent im Bundesjustizministerium. Horst Ehmke, damals Chef des Bundeskanzleramts, bot ihm 1970 die Position des Persönlichen Referenten von Willy Brandt im Kanzleramt an. Als Büroleiter würde er zweifellos einen Karrieresprung machen, vor allem reizte es ...
Herausgegeben und mit einem Nachwort von Hans Höller
Ingeborg Bachmann: KriegstagebuchIngeborg Bachmann hatte mit Schreibmaschine auf »sechs engzeilig beschriebenen DIN-A-4-Blätter[n]« ihre Erlebnisse von März bis Juni 1945 aufgeschrieben, wobei allerdings der erste Eintrag aus dem September 1944 stammen könnte, als Ingeborg Bachmann in die »Lehrerbildungsanstalt« eintrat und in den letzten Monaten des Krieges Hilfs-Lehrerin wurde. Vermutlich schrieb sie diese Seiten aus ihrem (nicht erhaltenen) Tagebuch ab. Sie werden nun mit dem leicht reißerischen Titel »Kriegstagebuch« »erstmals« (Klappentext) veröffentlicht. Es beginnt im Buch auf Seite 9 und endet auf Seite 24. Ab Seite 16 ist der Krieg zu Ende; man erfährt von der britischen Besatzung und deren Administration, von Verhören, Bachmanns eher apathischen Eltern und dem euphorischen Gefühl für den Frieden, welche die fast Neuzehnjährige empfand – ganz im Gegensatz zu den meisten anderen Erwachsenen im Ort, deren Welt zusammenbrach.
Im Juni 1969 ist die niederländische Königin Juliana im holländischen Norden unterwegs. Am 17. besucht sie mit ihrem Stab den kleinen Ort Slootdorp. Rathausempfang, kleines Essen, das auch hier scheinbar unvermeintliche Protokoll, ein minutiöser Terminplan. Zwei junge Zwergziegen als Geschenk. Dann sieht sie eine junge Frau näher kommen, gegen den allmählich versiegenden Strom. Sie trägt ein Kind auf dem Arm und schiebt mit der anderen Hand ein Fahrrad, was das Gehen etwas anstrengend macht. Ach ja, eine Frau, die sich verspätet hat. Die sich beeilt, um doch noch einen Blick von ihr zu erhaschen. Sie gibt dem Chauffeur ein Zeichen und geht der Frau ein Stück entgegen […] Das Kind, das höchstens zwei sein kann, schaut sie mit großen blauen Augen an. »Na, wie heißt du?« »Anne«, flüstert das Kind. »Hanne«, sagt die Mutter. Sie zieht den rechten Handschuh aus. »Das H ist nicht einfach«. Sie streicht dem Kind über die Wange. Es erschrickt und drückt das Gesicht an den Hals der Mutter.
Die Frau heißt Anna Kaan und nennt die Königin gnädige Frau, so, wie sie’s mag (Juliana wollte nie ‘Majestät’ genannt werden). Ein kleiner Dialog, Annas Blick weicht einem Lächeln. Sie antwortet nicht. Das Fahrrad, das an ihrer Hüfte lehnt, rutscht langsam ab und schlägt auf den Asphalt. Die Königin streckt unwillkürlich beide Arme aus. Natürlich werden Fotos gemacht, Juliana sieht es nicht, sie hört es. Aufreizend nah ist das Klicken. ‘Königin macht spontan kleinen Umweg’. Noch eine mögliche Schlagzeile für morgen. Kurz darauf fährt der Tross weiter. Es wartet eine Barfußwasserski-Vorführung.
Nina Jäckle: NaiUnschwer zu erkennen: Nai ist ein Annagramm aus den drei verschiedenen Buchstaben des Vornamens von Nina Jäckle. Aber ist der Junge Nai deshalb das (männliche? kindliche?) Alter Ego der Autorin?
Eine Figur Nai, ohne Biografie, erzählend in einer naiv-infantil anmutenden Sprache, will ein sehr meisterhaftes Abenteuer erleben. Zu diesem Zweck trägt er sogar im Bett wacker Schuh über Strumpf, hat die Schleifen gebunden und bleibt – stets einsatzbereit – im aufrechten Stand. Aber wer ist Nai? Ein Kobold? Dafür spricht vielleicht die angedeutete Kleinheit, der kaum vorhandene Hals. Ein Schwachsinniger, der Stimmen hört und sich in mehrere Personen (Naizwei, Naidrei) aufspaltet?
Der Literaturbetrieb hat das literarische Leben geradezu vernichtet.
Und Heinz Pleschinski relativiert ihn auch sofort wieder: Schuldige sind schwerlich zu benennen. Doch selbst der Literaturbetrieb ist nur ein winziges Segment im allgemeinen Trend zur Verflachung. Wer Buchinhalte referiert, erntet ein Gähnen – niemand will mehr ruhig zuhören – allein die Verkaufszahlen halten in Atem und fungieren als Qualitätssiegel. Der Kampf um den Absatz bestimmt alles. Lektoren und Verleger winken ab und das Vertriebspersonal senkt den Daumen, wenn ihnen ein sperriges Manuskript unter die Augen gerät.
A.d.L.e.R: Aus dem Leben einer Rikschafahrerin – Nr. 1
Letztes Jahr habe ich Günter Grass gesehen, als ich am Pariser Platz mit der Rikscha auf Kundschaft wartete. In Cordsamt gekleidet und Pfeife rauchend kam Grass aus der Akademie der Künste, ging in Richtung Unter den Linden und war dabei mit einem anderen Herrn tief in ein Gespräch involviert. Grass ging sehr langsam, die geistige Anstrengung zwang ihn, hin und wieder stehen zu bleiben. Während sein Gesprächspartner an seinen Lippen hing, hingen Grass’ Schultern nach unten herab. Ich erwog, Grass anzusprechen: »Herr Grass, darf ich Sie bitten, gewähren Sie mir die Ehre, Sie ein Stück des Wegs mit der Rikscha zu fahren?« Grass hätte dann in einer solchen Rikscha gesessen, wie sie in der Verfilmung seiner Erzählung »Unkenrufe« zum Einsatz gekommen ist, und ich hätte alle meine Kollegen in unserem internen Promi-Fahrgast-Wettbewerb haushoch ausgestochen. Allerdings wären kontroverse Diskussionen möglich gewesen angesichts solch prominenter Fahrgäste wie ... und gerade, als ich dies dachte, blieb Grass, der nun genau auf meiner Höhe war, abermals stehen.