Welt­fremd­heit

Ei­ne klei­ne Pfingst­pre­digt... in der mein Hei­li­ger Geist die Stel­le in ei­nem Ro­man von Die­ter Wel­lers­hoff ist, (»Der Him­mel ist kein Ort«). Ich hat­te das Buch letz­tes Jahr ge­schenkt be­kom­men und war so be­gie­rig ge­we­sen, es zu le­sen, dass ich die Stel­le beim er­sten Mal über­se­hen ha­ben muss. Je­den­falls kommt es mir jetzt so vor, und ich bin froh, im Wie­der­le­sen »in dürf­ti­ger Zeit« noch ein­mal dar­auf zu sto­ßen. Sie lau­tet: Du bist kein Son­der­fall, son­dern ein Bei­spiel für vie­le. Und das ver­pflich­tet dich.

Mög­lich, dass es im er­sten Mo­ment nur das Pa­ra­dox war, das in mir klang: Sind wir doch ge­wohnt, uns am nam­haft ge­mach­ten, am he­roi­schen Ein­zel­nen zu ori­en­tie­ren, und steht al­so der Ge­dan­ke, dass der Ge­wöhn­lich­ste als das ver­bind­li­che­re Vor­bild taug­te, schein­bar da­ge­gen.

Es sagt die­se Sät­ze im Buch ein­mal ein Pfar­rer zum an­de­ren, wäh­rend ei­nes Aus­tauschs über ih­re Ar­beit, näm­lich die des täg­li­chen Rin­gens um das Rich­ti­ge. Man kann wohl nicht so weit ge­hen die­sen Ro­man (von 2009) als ei­nen zur ak­tu­el­len Kri­sen­kir­che zu ver­ste­hen – tat­säch­lich, ge­wis­ser­ma­ßen aus dem In­ne­ren (so­wohl des All­tags seel­sor­ge­risch-prag­ma­ti­scher Ar­beit wie der ei­nes der Ar­bei­ter »im Wein­berg des Herrn«) ist er es aber doch, viel­leicht so­gar wei­ter­ge­hend, als es in der öf­fent­li­chen De­bat­te über die Miss­brauchs­fäl­le und das (nicht nur welt­li­che) ekla­tan­te Ver­sa­gen der Kir­che und ei­nen ge­hö­ri­gen Teil ih­rer Ver­tre­ter mög­lich ist. Wer weiß schon, wie es sich im In­ne­ren der – an­schei­nend stark ver­bü­ro­kra­ti­sier­ten – In­sti­tu­ti­on Kir­che an­fühlt?

(Ich je­den­falls, nicht gläu­big, hat­te nach dem Re­li­gi­ons­un­ter­richt kaum je wie­der – au­ßer ein­mal bei ei­ner Tau­fe, ein­mal wäh­rend ei­nes Be­gräb­nis­ses – mit Pfar­rern oder Pa­sto­ren zu tun. Und ich ver­ste­he, mein Bild von ih­nen ist auch durch das der schon im­mer in ih­rer Teil­ver­en­gung su­spek­ten Gei­ster à la Mixa et.al. ziem­lich ent­stellt: Wer nicht auch sei­ne Zwei­fel zei­gen kann, de­mon­striert für mich eher we­nig Glaub­wür­dig­keit. Und das müss­te ge­ra­de auch bei Füh­rungs­per­so­nal gel­ten, zu­min­dest in der Bran­che.)

(Und, im Buch ganz ne­ben­bei mit­be­han­delt: Die Auf­he­bung des Zö­li­bats bei den Ka­tho­li­ken mag die Lin­de­rung ei­ner Not ver­spre­chen, sie schaff­te aber gleich wie­der je­de Men­ge neue.)

Aber zu­rück zu die­sen zwei Sät­zen. Man be­greift leicht, dass es in ih­nen letzt­lich um die Ei­gen­be­stim­mung ei­nes je­den geht: Wer bin ich mir selbst in be­zug auf die an­de­ren? Im Zeit­al­ter der eit­len Kämp­fe um so et­was wie In­di­vi­dua­lis­mus vor dem Ho­ri­zont sei­ner Un­mög­lich­keit hat das durch­aus et­was Bri­san­tes. Und wird doch aus­ge­drückt als sub­til platz­ier­te Fra­ge, in ge­ra­de­zu aus­drück­li­cher Ein­fach­heit. Zu­min­dest auf mich, der sich seit je als Rand­gän­ger be­greift (an­fangs eher da­zu ge­macht wur­de), na­he­zu sei­ne sämt­li­chen Eman­zi­pa­ti­ons­be­we­gun­gen und »Be­frei­un­gen« dar­an aus­rich­te­te bzw. von dort her­lei­te­te (und na­tür­lich im­mer auch ein biss­chen dar­un­ter ge­lit­ten hat), hat das un­ver­se­hens ei­nen star­ken Ef­fekt.

Das Ein­fach­ste er­for­dert ja be­kannt­lich die läng­ste Ge­dan­ken­ar­beit. Kann sein, man muss sich in sei­nem Me­tier der Weis­heit nä­hern und zu­gleich of­fen da­bei blei­ben wie Die­ter Wel­lers­hoff, um so et­was noch ein­mal der­art for­mu­lie­ren zu kön­nen. Du bist ein Bei­spiel – und das ver­pflich­tet dich. Kann man ein so­zia­le­res Pro­gramm for­mu­lie­ren? Gä­be es ein ra­di­ka­le­res? Und taug­te es nicht eben­so zum min­de­sten Cre­do ei­nes je­den!?

Die Kon­flikt­si­tua­tio­nen im Ro­man er­schei­nen als kei­ne kon­stru­ier­ten, auch sie las­sen sich leicht um­bre­chen als Be­wäh­rungs­fäl­le für je­der­mann: Wie im­mer geht es in ih­nen um das Un­glück – hier in Form ei­nes Au­to­un­falls, ei­ner an ih­ren Un­mög­lich­kei­ten ge­schei­ter­ten Ehe, Welt­fäl­le, aus de­nen sich die grund­sätz­lich­sten Le­bens­zwei­fel er­ge­ben – wie um das neue Glück: In der Be­geg­nung mit ei­nem dann doch be­son­de­ren, ei­nen tief be­rüh­ren­den Men­schen. Da­zwi­schen fin­det al­les wei­te­re statt, im Ro­man wie im Le­ben.

Doch ist hier, in ei­nem Kunst­werk al­so, die Welt­hal­tig­keit bei­der an­ders­wie »tran­szen­diert«. Der Lärm der Welt scheint da­her zu kom­men, dass man »die letz­ten Din­ge« zwar an­dau­ernd be­han­delt sieht, dass die For­men sol­cher Be­hand­lun­gen ei­nen aber nicht mehr er­rei­chen. (Zu­min­dest mich nicht: Schon in der Schu­le – und es ist seit­her nicht bes­ser ge­wor­den -, als mir für ei­ne Me­di­en­sa­che ein­mal die Auf­ga­be zu­fiel die im Lauf ei­nes Fern­seh­abends an­fal­len­den und dann nie mehr wei­ter be­ach­te­ten To­ten zu zäh­len, ha­be ich das nicht er­tra­gen – aus Lan­ge­wei­le. Oder, in­tel­lek­tu­ell durch­drun­gen, lehr­satz­mä­ßi­ger ge­spro­chen: Am Ex­trem­fall wird er­kenn­bar, dass hoch­kul­tu­rel­le Sub­jek­ti­vie­run­gen nicht mög­lich sind oh­ne die Auf­rich­tung ei­nes Ge­walt­ver­hält­nis­ses im In­nern des Sub­jekts. Pe­ter Slo­ter­di­jk, Welt­fremd­heit.)

So ha­ben die­se Sät­ze – noch ein­mal: Du bist kein Son­der­fall, son­dern ein Bei­spiel für vie­le. Und das ver­pflich­tet dich. fast et­was Er­wecken­des, et­was Apel­la­ti­ves... wie auch et­was Er­leich­tern­des: Dar­in, dass sie ei­nen sich in der An­schluss­fä­hig­keit an al­le zu be­grei­fen ge­ben, dass man letzt­lich die­sel­ben Din­ge zu tei­len hat und das durch de­ren We­sent­lich­kei­ten et­was ge­schaf­fen ist, das nicht hin­ter­gan­gen oder über­kom­men, aber auch nie­mals ganz durch­schaut wer­den kann: Es bleibt un­ver­füg­bar. Und zu­letzt wird nie­mand glei­cher als ein an­de­rer sein, ob­wohl das je­der­mann an­dau­ernd so er­scheint.

Die Sät­ze sind aber auch ei­ne Zu­mu­tung: Dar­in, die ei­ge­nen, von Ver­füh­rern und Selbst­ver­füh­run­gen ein­ge­flü­ster­ten Ver­stie­gen­hei­ten im­mer et­was un­an­ge­pass­te Per­sön­lich­keit wie­der ein­mal wahr­zu­neh­men, eben­so im selbst ge­schaf­fe­nen »Kon­text« wie vor der ewi­gen Kon­tin­genz: Ei­ne Win­zig­keit, ei­ne zu­fäl­li­ge Be­geg­nung oder un­vor­her­seh­ba­re Be­ge­ben­heit, ei­ne Krank­heit kön­nen al­les än­dern.

Und wor­in lä­ge die Ver­pflich­tung, vor al­lem oh­ne re­li­gio, oh­ne die Rück­bin­dung an so et­was wie Glau­ben? Eben dar­in, zu­letzt nicht oh­ne sie zu sein. In den Ver­ge­wis­se­run­gen, mit de­nen man sich täg­lich neu sei­nen An­stren­gun­gen er­ge­ben muss, sei­nem nicht zu flie­hen­den Bei­spiel. Und wie man, trotz al­ler Ge­gen­wehr und Selbst­herr­lich­keit, da­zu auf­ge­ru­fen bleibt. Und wenn auch al­le an­de­ren das ei­ge­ne Ver­sa­gen nicht be­mer­ken, weiß man dar­um sel­ber doch sehr ge­nau.

Oder klingt das jetzt schon zu christ­lich? Zu brav? Zu welt­fremd? Ich fra­ge mich das. Und wä­re heu­te nicht Be­schei­den­heit an sich schon et­was Ob­sku­res?

Wie wär’s da mit ei­ner »christ­li­che­ren« Ver­si­on? Die ja tat­säch­lich – und nicht nur da – ei­ne im­mense Selbst­er­mäch­ti­gung for­mu­liert:

»Dass ‘er’ jetzt kom­men und die­ser so un­wirk­li­chen Wirk­lich­keit ein En­de ma­chen wer­de, war sei­ne gro­ße Ge­wiss­heit, und für sie trat er wie sein Mei­ster Jo­han­nes als Ver­kün­der auf. Noch las­sen die äl­te­sten ins Neue Te­sta­ment auf­ge­nom­me­nen Evan­ge­li­en die­se Zeit hin­durch­schim­mern, in dem er in sei­nem Be­wusst­sein nichts war als ein Pro­phet. – Aber es gibt ei­nen Au­gen­blick in sei­nem Le­ben, wo die Ah­nung, dann die Ge­wiss­heit über ihn kommt: Du bist es selbst. Es war ein Ge­heim­nis, das er zu­erst kaum sich selbst, dann sei­nen näch­sten Freun­den und Be­glei­tern ein­ge­stand, die nun die se­li­ge Bot­schaft in al­ler Stil­le mit ihm teil­ten, bis sie die Wahr­heit end­lich durch den ver­häng­nis­vol­len Zug nach Je­ru­sa­lem vor al­ler Welt zu of­fen­ba­ren wag­ten.«

Je­des Mal beim Wie­der­le­sen die­ser Stel­le hal­te ich den Kern­ge­dan­ken, die­ses: Du bist es selbst, egal in wel­che Rich­tung ge­dacht, auf wel­chen Gott hin, auf ir­gend­ei­nen oder kei­nen, für et­was ganz Au­ßer­or­dent­li­ches. Und man muss da­zu auch nicht glau­ben. An­de­rer­seits kann man aber auch nicht nichts glau­ben, und ich ver­mu­te, dass selbst das We­ni­ge an re­li­gi­ös ge­färb­tem Ge­fühl in je­der­mann manch­mal aus­reicht, um das Bei­spiel(i> zu se­hen und des­sen es uns an­dau­ernd so le­ben­dig vor Au­gen zu hal­ten ver­such­ten Skan­dal, egal wie es be­nannt wird: Je­sus, Mo­ham­med, Bud­dha, Gan­dhi... Osa­ma. (Der steht hier nicht im Text als Ef­fekt, son­dern weil er eben nicht ausge­schlossen wer­den darf – sonst wä­re al­le re­li­gi­ös ge­dach­te Bei­spiel­ge­bung sinn­los.)

(Und mit der Quel­le des Zi­tats er­gibt sich auch wie­der ei­ne schö­ne Klam­mer: Es ist aus Os­wald Speng­lers »Der Un­ter­gang des Abend­lan­des«. Und wie tief apo­ka­lyp­tisch ge­prägt, und das heißt zu­letzt: blei­bend er­lö­sungs­be­dürf­tig, un­se­re Welt­bil­der sind, ent­neh­me je­der sei­nen Fern­seh­nach­rich­ten.)

Was mir sel­ber, da an­schei­nend re­li­gi­ös ge­färbt, ge­blie­ben ist, ist ei­ne be­stimm­te Idee der Näch­sten­lie­be – und das nicht, weil ich sie als Ge­bot ver­in­ner­licht hät­te. Son­dern weil sie mir ei­ner­seits, spä­ter so­zu­sa­gen kan­tisch ver­stärkt, tief ver­nünf­tig scheint. Und an­de­rer­seits als vi­ru­len­te Idee das wo mög­lich Be­ste im Men­schen an­dau­ernd »ak­tua­li­siert«. Dass die welt­li­chen Re­ge­lun­gen al­lein nicht aus­rei­chen und ero­die­ren, zeig­te die­ser Trend zur Zu­spit­zung auf die Per­son, ob in der Po­li­tik oder in der Pro­mi-Welt, ob in dem bin­dungs­los ge­wor­de­nen, sich aus­schließ­lich sich sel­ber ver­ant­wort­lich Dün­ken­den der glo­ba­len Ak­teu­re oder in der He­roi­sie­rung et­wa des die Er­zäh­lung im­mer erst stif­ten­den Son­der­falls im Film (und seit Lan­gem sind das ja üb­ri­gens auf­fäl­lig oft Psy­cho­pa­then: der Freak al­so als Nor­mal­fall). Und das al­les wie­der­um vor dem ge­sell­schaft­li­chen Auf­trag zur Ei­gen­ver­ant­wor­tung, zum Selbst-Un­ter­neh­mer­tum, zur so­zi­al-per­for­me­ri­schen Ich-AG.

Dia­lek­tisch könn­te man hier na­tür­lich eben­falls je­weils den gro­ßen Bei­spiel­ge­ben­den ver­or­ten. Aber der ein­zel­ne Tri­um­phie­ren­de ist dann am En­de im­mer auch der Schei­tern­de (auf ei­ne ge­wis­se Wei­se so­gar im »hap­py end«). Und wie weit weg oder na­he das an dem grun­die­ren­den Je­sus-Nar­ra­tiv ist, mag sich je­der sel­ber den­ken.

Theo­lo­gi­sche Spitz­fin­dig­kei­ten ha­ben mir sel­ten et­was be­deu­tet (ob­wohl sich hier ei­ne wich­ti­ge Dis­zi­plin an hoch­kom­plex auf uns al­le rück­wir­ken­den Sach­ver­hal­ten ar­bei­tet), die Bi­bel ist für mich ein Mär­chen­buch. Ich wür­de kirch­lich for­ma­tier­ten Glau­ben – mit Luh­mann – eher als ein An­samm­lung von be­währ­ten Me­di­en se­hen, die es braucht, um we­sent­lich mensch­li­che Din­ge, »letz­te Din­ge«, auch mensch­lich zu ver­han­deln; in­so­fern blie­ben die über­lie­fer­ten Ri­tua­le wich­tig, als Rück­bin­dung wie als evo­lu­tio­när ge­won­ne­ne Form. Sie ein­fach zu er­neu­ern, sie an den eh schon frag­men­tier­ten Zeit­geist zu ad­ap­tie­ren, näh­me ih­nen wich­ti­ge Bin­dungs-En­er­gi­en. (Ob­wohl ich da kei­ne ei­ge­nen In­ter­es­sen ha­be, über­zeugt mich hier der so bei­spiel­ge­ben­de wie son­der­lich blei­ben­de Mar­tin Mo­se­bach: „In­stant Kar­ma“ wä­re et­was für Neo-Pa­ga­ne, die ih­re Fe­ste längst als Event fei­ern und bei stark ge­fühls­mä­ßi­ger An­spra­che gleich ru­fen: san­to su­bi­to: So­fort hei­lig! [Und dann pro­fi­tiert da­von ei­ne »Kar­tof­fel« wie der in Smo­lensk zum Heil der Na­ti­on wall­fah­ren­de Lech Ka­c­zyn­ski! Je mehr Hei­li­ge de­sto mehr Ge­läch­ter!])

Oh­ne es jetzt im Ein­zel­fall durch­ge­hen zu wol­len, ver­mu­te ich, das – ein ver­nunft­ge­lei­te­tes Plä­doy­er zur Bei­be­hal­tung der Kir­che – ist auch, was der sei­ner­zeit so sehr für sei­ne »re­li­giö­se Keh­re« an­ge­fein­de­te Ha­ber­mas le­dig­lich mein­te: Es braucht ei­nen Ort, wo ge­wis­se im­ma­nen­te Din­ge noch ver­han­delt wer­den kön­nen, weil sie den Men­schen sonst nicht nur ab­han­den kom­men, son­dern die­ses Feh­len dann auch kom­mu­ni­ka­ti­ve Ver­nunft sel­ber und Sou­ve­rä­ni­tät mit der Sa­che zu­neh­mend ver­mis­sen las­sen wird – und dann viel schlim­me­re Din­ge nach sich zieht als das Of­fen­bar­wer­den ei­ner schei­tern­den, al­so mensch­lich ge­form­ten In­sti­tu­ti­on wie der Kir­che. (Schlim­me­re als et­wa Ba­na­li­sie­rung und Fa­na­ti­sie­run­gen, oder über­haupt: Der Ab­fall der Got­tes­ver­las­sen­heit (Ru­dolf Heinz), mit­tels dem sich je­der­zeit un­se­re neu­en Ver­ir­run­gen aus­zu­drücken ver­mö­gen.)

An­son­sten müs­sen wir uns eben wei­ter in un­se­ren mo­der­nen Welt­fremd­heit ein­rich­ten und da­bei ab und zu die er­ste­re be­den­ken, ein je­der ein Bei­spiel wie aus­schließ­lich für sich selbst. Das Zeit­al­ter auch tran­szen­dent ge­klär­ter Ver­nunft lässt wohl noch auf sich war­ten.

 

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12 Kommentare zu »Welt­fremd­heit«:

  1. Lo­se Ge­dan­ken
    Ich ken­ne die­ses Buch nur aus Re­zen­sio­nen, aber geht es nicht auch dar­um, dass der Pfar­rer im­mer mehr zu zwei­feln be­ginnt? Dar­in schien es mir ähn­lich ei­nem Film aus den 70ern, und zwar nach Jack Golds »Ka­tho­li­ken«. Der Film zeigt vor dem Hin­ter­grund der Le­fèv­re-Se­pa­ra­ti­sten­be­we­gung wie ein Abt ei­nem Amts­bru­der, ei­ner Art »Prü­fer« (wenn ich es rich­tig in Er­in­ne­rung ha­be) ge­steht: ‘Da ist nichts mehr.’ Er kann nicht mehr glau­ben. Er hat das Ge­fühl, sei­ne Ge­be­te ver­hal­len; er emp­fängt kei­ne »Si­gna­le« mehr. Das muss ein furcht­ba­res Ge­fühl sein, weil die gan­ze Welt zu­sam­men­bricht. (Ich weiss nicht mehr ge­nau, ob dies auf­grund der Ver­än­de­run­gen des Kon­zils kam.)

    Und es ist ja pa­ra­dox: Aus­ge­rech­net beim Glau­ben die­se Ge­wiss­heit, die kei­ne Glau­bens­ge­wiss­heit ist (al­so Ge­wiss­heit, zu glau­ben), son­dern die Ge­wiss­heit ist, »das Rich­ti­ge« zu glau­ben. Ist nicht das Im­ple­men­tie­ren des im­mer auch denk­ba­ren Zwei­fels ein­fach zu neu für ei­ne sol­che Or­ga­ni­sa­ti­on wie die Kir­che? (Aber wer, wenn nicht die Kir­che soll­te dies schaf­fen? Ich mei­ne da­mit die ka­tho­li­sche Kir­che; die Pro­te­stan­ten sind viel stär­ker »gläu­big«; nicht zwei­felnd. Und das Per­so­nal des Is­lam ist in die­sem Be­zug schlicht­weg rück­stän­dig.)

    Und er­le­ben wir nicht in der Po­li­tik, in der Ge­sell­schaft auch das Leug­nen jeg­li­chen Zwei­fels? Es ist ja nicht so, dass nur Mixa und Kon­sor­ten Dog­ma­ti­ker sind – die Po­li­tik, die Frei­zeit­in­du­strie, die Künst­ler, die so­ge­nann­ten In­tel­lek­tu­el­len – letzt­lich be­har­ren al­le ir­gend­wie auf ih­re über Jahr­zehn­te oder Jahr­hun­der­te er­run­ge­nen Über­ein­künf­te wie De­mo­kra­tie, Frei­heit, Kon­sum, Er­ho­lung, usw.

    Und tat­säch­lich: Ei­ne Stel­lung­nah­me wie Du bist kein Son­der­fall, son­dern ein Bei­spiel für vie­le. Und das ver­pflich­tet dich. mu­tet da mehr als nur welt­fremd an. Welt­fern. (Hät­te das nicht auch bei Hand­ke ste­hen kön­nen?) Schon als Auf­ga­be, als Pflicht (ein Kant-Be­griff, den man ger­ne dis­kre­di­tiert hat). Die­se Form der »Vor­bild­funk­ti­on« be­rührt vie­le un­an­ge­nehm, weil es doch so schön be­quem ist, sich aus der­ar­ti­gen Ver­pflich­tun­gen durch (s)einen In­di­vi­dua­lis­mus, der all­seits fe­ster Kon­sens ist, hin­weg­zu­mo­geln. Das »Nicht­ein­mi­schungs­prin­zip« gilt doch längst als kom­mo­de Form der Nach­bar­schaft. Wer da­ge­gen ver­stößt, wird be­arg­wöhnt. Hin­zu kommt auch noch, dass die­je­ni­gen, die ger­ne als Bei­spiel fi­gu­rie­ren wür­den, je­ne sind, die man im All­ge­mei­nen nicht als sol­che se­hen möch­te.

    Man ma­che sich nichts vor: je­mand wie Je­sus wür­de heu­te auch noch über­all an­ecken. Er wür­de be­schimpft, ge­maß­re­gelt und ver­höhnt. Eben we­gen sei­ner »Welt­fremd­heit«.

    Ich ha­be den­noch das Ge­fühl, dass in den Bü­chern des Neu­en Te­sta­ments un­gleich mehr steckt, als uns Ex­ege­ten und Kir­chen­bü­ro­kra­ten er­zäh­len. (Und da­mit mei­ne ich kei­ne ver­steck­ten po­li­ti­schen oder so­zi­al­re­vo­lu­tio­nä­ren Bot­schaf­ten.) In­so­fern hat die Kir­che in den letz­ten zwei­tau­send Jah­ren ver­sagt: Knapp ein­hun­dert Jah­re nach­dem die Auf­klä­rung die Frei­heit po­stu­lier­te, er­kann­te Nietz­sche re­si­gnie­rend, dass Gott tot ist (das war tat­säch­lich kein Tri­umph­ge­re­de, son­dern ei­ne Zu­stands­be­schrei­bung). Er »verwundert[e] sich« – wie man sich nur wun­dern kann! – »daß heu­te des Sonn­tags früh noch die Glocken für ei­nen vor zwei­tau­send Jah­ren ge­kreu­zig­ten Ju­den läu­ten«. Ist es aber nicht das, was im­mer noch be­rührt? Wer, wenn nicht die Kir­che lässt da­für die Glocken läu­ten?

    #1

  2. rainer.rabowski sagt:

    Das Ge­mei­ne der Ge­mein­de
    Über­spitzt ge­fragt: Ei­ne Glau­be oh­ne Zwei­fel – wä­re er denn ei­ner? Den pa­ra­do­xen Struk­tu­ren ent­kommt man in die­sen Ge­fil­den eh nicht. (Auch Au­gu­sti­nus’ cre­do qui ab­sur­dum: Ich glau­be, weil es wi­der­sin­nig ist, kommt bei Wel­lers­hoff na­tür­lich vor. Auf die wei­te­re Hand­lung im Buch bin ich ab­sicht­lich nicht ein­ge­gan­gen – ich fin­de es der­art reich, dass man si­cher auch an­de­re „Stel­len“ hät­te her­aus­neh­men kön­nen, so sie ei­nen be­rühr­ten. Aber der Zwei­fel, als so­zu­sa­gen we­sent­li­ches Mo­ment jeg­li­cher con­di­ti­on hu­mai­ne ist si­cher das The­ma des Buchs.)

    Und wer hät­te für Zwei­fel noch Zeit? Im Ro­man geht es dann wei­ter auch dar­um, dass die Re­li­gi­on kei­ne Ant­wor­ten mehr lie­fert, auch weil sie längst so ein wei­te­res, un­end­lich aus­dif­fe­ren­zier­tes Sy­stem von kul­tu­rel­len – und das heißt hier: zu kon­su­mie­ren­den – Un­ter­schei­dun­gen ist. Auf ei­ner (im Buch üb­ri­gens schlüs­sig ein­ge­bau­ten) „Ta­gung“ all der vie­len ar­beits­tei­li­gen Sinn­spe­zia­li­sten lässt Wel­lers­hoff sie auf­ein­an­der­pral­len – bis zu ih­rer Be­lie­big­keit. Und der Prot­ago­nist zieht dann sein Fa­zit: Ein je­der muss die we­sent­li­chen Fra­gen mit sich sel­ber ab­ma­chen.

    Den an­ge­spro­che­nen Film ken­ne ich lei­der nicht, aber den „Prü­fer“ – ei­nen ef­fi­zi­en­ten, durch­aus auch spi­ri­tu­ell aler­ten Funk­tio­när – gibt es bei Wel­lers­hoff auch. Es folgt dann noch ei­ne wei­te­re Prü­fung, ei­ne welt­li­che, mensch­li­che... und da­nach, mit der Nie­der­schla­gung des Un­ru­he­her­des in der Ge­mein­de (be­zeich­nen­der­wei­se durch ei­nen Selbst­mord des Süd­enbocks – man den­ke da auch an Re­ne Gi­rard -), geht al­les wie­der zu sei­ner Rei­bungs­lo­sig­keit über. Der Pfar­rer ist hier so­zu­sa­gen der ver­schärf­te Fall ei­nes Je­der­mann, die per­sön­li­chen Prü­fun­gen im Welt­li­chen sind dann al­ler­meist nur ba­na­ler.

    Die Leug­nung der Zwei­fel ent­spricht wohl eben dem Ef­fi­zi­enz­druck al­lent­hal­ben. Und ich ha­be das eben­so in Busi­ness­mee­tings er­fah­ren, wie mit Ab­weich­lern, mit zu­viel Nach­denk­lich­keit um­ge­gan­gen wird: Ein ge­wis­ses Maß ist nö­tig und will­kom­men, aber dann grei­fen wie­der die Über­ge­wiss­hei­ten des Sy­stems. Kann sein, die­se Ba­lan­ce muss bis ins Un­end­li­che aus­ge­gli­chen wer­den, der Ein­zel­ne steht da­hin­ter zu­rück. Das scheint wie­der­um pa­ra­dox, wird in ihm doch das Un­hin­ter­geh­ba­re bei all die­sen Ent­schei­dun­gen aus­ge­tra­gen: Wer bin da­bei ich, was sind die in mir wirk­sam wer­den­den Kräf­te ei­nes Grö­ße­ren, das mich ver­ein­nahmt, wo gä­be es noch ei­ne Au­to­no­mie. (Da­bei sind ja selbst Ma­na­ger Ge­trie­be­ne, Po­li­ti­ker so­wie­so.) Aber dass man auch im Klein­sten “Bei­spiel“ ist und gibt – die­sen Ge­dan­ken fand ich, fin­de ich im­mer noch ge­nug ver­blüf­fend, ihn le­ben­dig zu hal­ten. Er müss­te auch hel­fen, die ei­nen sel­ber ja eher nur nei­der­hal­ten­de Gleich­gül­tig­keit zu be­kämp­fen. Und da trä­fe sich das So­zia­le mit dem Christ­li­chen (so­gar in je­man­dem wie mir).

    ***

    Ich muss zu­ge­ben, dass ich die „Te­sta­men­te“ prak­tisch nicht ken­ne. Und auch die Un­ter­schie­de zwi­schen den Kon­fes­sio­nen sind mir ei­gent­lich gar nicht so klar; ich bin da eher un­ge­bil­det und ha­be das bis­her auch nicht als Man­gel ver­stan­den. Aber in bei­den Fäl­len (und ich ha­be ein paar mus­li­mi­sche Freun­de, letzt­lich ist das dort auch so), geht es auch im Glau­ben in ei­ner „Ge­mein­de“ an­schei­nend erst mal um ein Ar­ran­ge­ment mit Kon­for­mi­tät und Ko­exi­stenz. Un­ter­schie­de wä­ren dann die Kon­troll­mög­lich­kei­ten des In­di­vi­du­ums in­ner­halb sol­cher grö­ße­ren Ver­bän­de. Der Ka­tho­li­zis­mus muss ja (ist noch?) in länd­li­chen Re­gio­nen auch ein­mal sehr ri­gi­de ge­we­sen sein.

    Was ich aber schon län­ger zu wis­sen glau­be: Über Kir­che nach­zu­den­ken lohnt es sich nicht (für mich we­nig­stens), über die in Re­li­gio­nen ver­han­del­ten Din­ge aber sehr wohl: Al­lein schon weil sie et­was Dis­si­den­tes be­rüh­ren, et­was, das nicht ein­ge­mein­det wer­den kann. (Hier kein Wort­spiel.) Und dar­um zu „rin­gen“ es eher we­ni­ger Or­te gibt.

    ***
    Zu den Glocken noch:
    Ein­mal, auf Sri Lan­ka oder in Süd­in­di­en war das, glau­be ich, ha­be ich, schon län­ger ak­kli­ma­ti­siert mit­tels den da­zu tou­ri­stisch ver­füh­ren­den Um­stän­den, auf ein­mal die Glocke ei­ner un­ver­kenn­bar ka­tho­li­schen Sonn­tags­kir­che ge­hört – und auf ein­mal ver­stan­den, wie sehr das ei­gent­lich un­be­wusst / un­ver­stan­den „Hei­mat“ für mich be­deu­tet. Zu Hau­se müs­sen na­tür­lich die Re­vo­lu­tio­nä­re auf die Kirch­turm­uh­ren schie­ßen, aber dort? Ich er­in­ne­re mich, dass ich tat­säch­lich ein star­kes An­ge­rührt­sein ver­spür­te. Mit „Glau­be“ whatsoever hat­te das nichts zu tun. Aber mit der über­ra­schen­den Ein­sicht, dass auch ich, dass ich auch als Frem­der / in der Frem­de An­ge­hö­ri­ger von Ge­mein­den bin.

     

    #2

  3. Ich weiss nicht, ob der Zwei­fel nicht in­di­rekt ein we­sent­li­ches Ele­ment des Glau­bens ist. Wenn man denn den Gläu­bi­gen als »Sub­jekt« be­trach­tet und nicht als blo­ßen Zi­ta­te­emp­fän­ger. Nur die Mög­lich­keit des im­mer­wäh­ren­den Zwei­fels macht ei­nen Glau­ben erst »wert­voll«.

    Was mich am Ri­tus des Got­tes­dien­stes ab­stösst ist die­ses kol­lek­ti­ve Be­kräf­ti­gen – auch des Glau­bens. Hier liegt doch auch ein biss­chen der Keim des Zwei­fels – oder? (Viel­leicht mehr als ei­ne Spitz­fin­dig­keit: Glaubt man dem­je­ni­gen An­ge­klag­ten mehr, nur weil er im­mer sei­ne Un­schuld be­kräf­tigt?)

    Und liegt hier nicht der Un­ter­schied zwi­schen dem »ver­ord­ne­ten« Ri­tus (der in an­de­rem Zu­sam­men­hang wie­der Vor­tei­le bie­tet) und dem »Glau­ben« des ein­zel­nen? Es ist auch bei mir so: Die Kir­che in­ter­es­siert mich höch­stens als so­zio­lo­gi­scher Raum – der Glau­ben bzw. die Schrif­ten sehr. Es gilt, dies zu tren­nen, um den Kopf für den Glau­ben frei­zu­hal­ten bzw. ihn min­de­stens theo­re­tisch zu er­mög­li­chen. (Da­her ödet mich auch die­ser Daw­kins-Athe­is­mus an: Er er­setzt den Glau­ben an den Glau­ben an den Un­glau­ben und par­fü­miert sich da­mit avant­gar­di­stisch; rei­ne Af­fekt­ha­sche­rei.)

    Den­noch ist die Iden­ti­fi­ka­ti­on mit dem Papst für vie­le Ka­tho­li­ken ein Vor­teil. Gä­be es ihn nicht, müss­te er vom me­di­en­theo­re­ti­schen Stand­punkt her fast noch er­fun­den wer­den. Die Pro­te­stan­ten lei­der m. E. un­ter die­ser Ato­mi­sie­rung ih­rer Prot­ago­ni­sten. Der Is­lam so­wie­so. Aber es zeigt sich, dass die Ära ei­nes Pap­stes zu stark be­stim­mend ist. Ein Teu­fels­kreis.

    (Sehr schön, die­se »Heimat«-Geschichte.)

    #3

  4. rainer.rabowski sagt:

    Glau­be als »Schnitt­stel­le« des So­zia­len?
    Ich ver­mu­te schon, dass, wä­re der Glau­be un­be­zwei­fel­bar, es – schon al­lein we­gen der Na­tur des Men­schen – zu Ge­gen­be­we­gun­gen kom­men wür­de. Das be­weist letzt­lich die Hi­sto­rie al­ler Dog­ma­tis­men. Und im­mer war der Kampf um den rich­ti­gen Glau­ben welt­ver­än­dernd, das ging je­der­mann an (teil­wei­se ja bis heu­te, auch in sä­ku­lar ge­präg­ten Län­dern).

    Der an­de­re As­pekt aber wä­re die in­ne­re Le­ben­dig­keit ei­nes Glau­bens, sei­ne letzt­lich stär­ke­re Le­gi­ti­mi­tät und „Welt­ver­haft­et­heit“. (Es gibt ja ge­nug Bei­spie­le, wo Glau­be zum Rück­tritt aus der Welt führt.) Und wo­her könn­te aber die Le­ben­dig­keit kom­men wenn nicht aus dem Sub­jekt selbst? (Ein wei­te­rer As­pekt, der mir noch auf­ge­fal­len ist in dem Ro­man, wie es auch ein ei­ge­nes, bei­spiel­ge­ben­des Nar­ra­tiv des „Rin­gen­den“ gibt – pro­mi­nent und pa­ra­dig­ma­tisch na­tür­lich Au­gu­sti­nus, aber in der Mo­der­ne sehr stark auch Van Gogh.)

    Was au­ßer­dem zu un­ter­schei­den wä­re, wä­re der in­ne­re vom nach drau­ßen ge­tra­ge­nen Zwei­fel. Der Letz­te­re na­tür­lich im­mer in der Nä­he of­fe­ner Hä­re­sie, der in­ne­re viel­leicht nä­her an ge­leb­ter Wahr­haf­tig­keit. (Das Wis­sen um ei­ne Falsch­heit im Glau­ben ja schon sprich­wört­lich seit den Pha­ri­sä­ern.)

    Wäh­rend zu Ur­zei­ten ei­ne straf­be­wehr­te Au­to­ri­tät das al­les re­gel­te, ist der heu­ti­ge Zwei­fel al­so auch ei­ner mit der mo­der­nen Qua­li­tät „Selbst­ver­ant­wort­lich­keit“ – da­mit aber auch viel­leicht durch­schla­gen­der, ver­nich­ten­der für den Fall, dass die in­ne­re Ver­strickung ei­ne ernst­haf­te, weit­rei­chen­de ist. Das wer­tet Glau­ben im ge­wis­sen Sin­ne per se auf, macht in in an­de­rem Sin­ne dis­po­ni­bel bis un­ver­bind­lich – al­so Pri­vat­sa­che.

    Und in den Gra­den al­so sol­cher Ernst­haf­tig­keit mit sich selbst, spie­gel­ten sich da nicht auch Ver­an­ke­rung und Ver­ant­wor­tung im So­zia­len – ein Grad­mes­ser al­so für ei­ne Ge­mein­schaft­lich­keit, die in ih­ren Qua­li­tä­ten be­frag­bar ge­hal­ten wer­den müss­te? Den­ken Sie an Ca­mus’ „Pest“, über­haupt Ka­ta­stro­phen, in de­nen Men­schen auf ein­mal ihr bis­he­ri­ges in­dif­fe­ren­tes Ver­hal­ten auf­ge­ben und an­de­re wer­den: Es geht auf ein­mal um was, ei­ne Ver­we­sent­li­chung des Le­bens tritt ein, und in sol­chen Si­tua­tio­nen ent­schei­den sich dann auch oft Ge­wiss­hei­ten – oder eben wie­der­um Ver­hält­nis­se ge­gen­über dem Zwei­feln.

    Das Welt­li­che – Re­gu­la­ri­en, Ri­ten und „Stell­ver­tre­ter“ auf Er­den – wä­re dann je et­was an Ver­such zu äu­ße­rer Form­ge­bung für das, was im In­ne­ren des Sub­jekts dif­fus, wi­der­sprüch­lich, „rin­gend“, wan­del­bar blie­be, vul­go: le­ben­dig. Und le­ben­dig, das sind auch die an­de­ren um ei­nen her­um, das ist vor al­lem auch das So­zia­le und an die­sen Stel­len ent­schei­det es sich viel­leicht? (Oder es blei­ben klas­si­sche Ent­schei­dungs­si­tua­tio­nen?)

     

    #4

  5. Mit Zwei­fel mein­te ich nicht den »mo­der­nen«, even­tu­ell so­gar na­tur­wis­sen­schaft­lich ab­ge­lei­te­ten Zwei­fel. Ich mein­te schon das Rüt­teln im ei­ge­nen Fun­da­ment her­vor­ge­ru­fen durch bei­spiels­wei­se Ka­ta­stro­phen, die man er­lebt. Den­ken Sie an das Erd­be­ben von Lis­sa­bon im 18. Jahr­hun­dert. Und Hel­mut Schmidt sagt heu­te, er kön­ne nicht mehr glau­ben, nach dem ein Gott so et­was wie Ausch­witz »er­mög­licht« ha­be (das Theo­di­zee-Pro­blem eben).

    Et­was an­de­res dann, wenn je­mand plötz­lich be­merkt: Mei­ne Ge­be­te ver­hal­len. Da ist nichts mehr. Da ist kein »Echo« mehr. Das muss nicht nur Re­sul­tat des Zwei­fels sein, son­dern viel­leicht so­gar sei­ne Ur­sa­che. Wir ge­ste­hen Men­schen in­zwi­schen Be­hand­lung zu, die sich in ih­rem Ge­schlecht un­wohl füh­len, aber was ist mit de­nen, die sich in ih­rem Glau­ben nicht mehr »ver­stan­den« füh­len?

    Jetzt mei­ne »ket­ze­ri­sche« The­se: Ist es wirk­lich so, dass der Glau­be zum Rück­tritt aus der Welt führt, bei­spiels­wei­se in Klö­stern oder in der Me­di­ta­ti­on? Die Gläu­bi­gen wür­den das Ge­gen­teil be­haup­ten: Es wä­re ein Ein­tre­ten in die Welt – und das, was hier so trei­ben, ist die­ses Sur­ro­gat, was man »Le­ben« oder »Welt« nennt. In die­sem Sin­ne hat­te ich im­mer je­man­den wie Hei­deg­ger ver­sucht zu ver­ste­hen, der mit sei­ner Da­seins­leh­re so­zu­sa­gen ei­ne »sä­ku­la­re« Welt neu be­grün­den, nein, das Ver­schüt­te wie­der her­aus­he­ben woll­te.

    #5

  6. rainer.rabowski sagt:

    Zwei­fel als »Seins­ver­schär­fung«
    Ja, die­se Art Zwei­fel mei­ne (und mein­te) ich letzt­lich auch. Er wä­re auch oh­ne ak­tu­el­le Be­drän­gung das, wo­durch das ei­ge­ne biss­chen Exi­stenz We­sent­lich­keit ge­winnt.

    Schmidts Ausch­witz-Ar­gu­ment (wie auch Ador­nos „Kein Poe­sie-nach-Ausch­witz“) sind ja längst wi­der­legt: Als aus der Em­pö­rung et­was zu ge­win­nen su­chen­de Vol­ten, die hin­ter der Kom­ple­xi­tät ih­rer Ge­gen­stän­de zu­rück­fal­len.

    Ei­ne Stra­te­gie an­läss­lich die­ses ern­sten, in­ne­ren Stumm­wer­dens wüss­te ich auch nicht. Au­ßer eben, lang ent­schie­de­ne (oder da­mit aus­ge­blen­de­te) Fra­gen noch ein­mal neu zu stel­len, die Prü­fung ge­wis­ser­ma­ßen zu­zu­las­sen, inkl. den Auf­er­le­gun­gen, die das be­deu­te­te. Denn nur so kann sie ja da­zu ver­hel­fen, sie auch „nach­hal­tig“ zu ab­sol­vie­ren.

    In­so­fern wä­re die­se Pfar­rers-Ka­ste – als Wis­sen­de wie „Exe­ku­ti­ve“ in ei­nem funk­tio­nal dif­fe­ren­zier­ten Sy­stem von Spe­zi­fi­zie­run­gen, hier al­so: Fach­leu­te für Kon­ne­xio­nen und Ver­strickung mit Me­ta­phy­sik – bei­spiel­ge­bend für den Frie­den der „Ge­mein­de“: Sie er­lei­den stell­ver­tre­ter­haft die­se Prü­fung ver­schärft für die an­de­ren (die Scha­fe).

    Von da­her se­he ich dann aber auch das „Ket­ze­ri­sche“ Ih­rer The­se nicht so ganz: Sie scheint mir nicht nur rich­tig, son­dern so­gar ei­ni­ger­ma­ßen “sy­stem­kon­form“ (wenn ich das Be­stre­ben Je­sus’ um Le­ben­dig­keit in sei­ner An­hän­ger­schaft rich­tig deu­te: Er woll­te näm­lich auch kei­ne Her­de der „Glau­bens­ge­still­ten“).

    (Hei­deg­ger scheint mir jetzt et­was zu mäch­tig, es dem ar­men „Bei­spiel“ des Pfar­rers bei Wel­lers­hoff auf­zu­bür­den. Aber si­cher lässt sich des­sen Rin­gen sei­ner­seits um ein durch­drin­gen­des Ver­ständ­nis des Seins so in­ter­pre­tie­ren. Und auch der Zug zu ei­ner Ver­we­sent­li­chung in ba­na­len Le­bens­um­stän­den steckt da drin.)

     

    #6

  7. Viel­leicht sind ja Schmidts und Ador­nos »Vor­be­hal­te« – die Theo­di­zee-Fra­ge – for­mal wi­der­legt. Aber für den Na­iv-Gläu­bi­gen stell­te das si­cher­lich mehr als nur ei­ne Er­schüt­te­rung dar. Da mö­gen dann va­ti­ka­ni­sche und/oder phi­lo­so­phi­sche Trak­ta­te Ent­war­nung ge­ben – ein Gott, der all die be­schwo­re­nen Ei­gen­schaf­ten ha­ben soll und dann so et­was »zu­läßt«, ist ei­gent­lich schwer zu ver­mit­teln. Oder aber es ist – da rau­schen dann schon die Ver­schwö­rungs­theo­ri­en her­an – ein Teil ei­nes »gro­ßen Plans«.

    Die Kir­chen ha­ben aber nicht nur ih­ren Ur­grund ver­lo­ren – die Er­klä­rung ei­nes Got­tes, der das Leid zu­läßt (frü­her war das Lei­den der Welt ja gar nicht der­art prä­sent; heu­te wer­den öl­ver­schmier­te Vö­gel in Echt­zeit über­tra­gen und er­schüt­tern die Leu­te fast mehr als die blut­ver­schmier­ten Stra­ssen nach ei­nem Selbst­mord­an­schlag in Bag­dad). Sie ha­ben auch ganz ba­nal ih­re so­zi­al-ali­men­tä­re Funk­ti­on längst ein­ge­büßt. Der Staat hat ih­nen die­se Bür­de ab­ge­nom­men (sie ge­ben noch ih­ren Na­men da­für her; an­son­sten eher we­nig). Ei­ne Bür­de, die auch ih­re Exi­stenz­be­rech­ti­gung war. Und schon vor­her ha­ben sie die Deu­tungs­ho­heit über die Welt an die Na­tur­wis­sen­schaf­ten ver­lo­ren. Die Kir­chen wer­den, wol­len sie nicht un­ter­ge­hen, Frei­zeit­parks wer­den, die »An­ge­bo­te« un­ter­brei­ten. Für den wah­ren Glau­ben, den sie ver­tre­ten, geht es al­len längst zu gut – oder zu schlecht.

    Da­her gilt das Wort der »Prü­fung« auch nicht mehr. Der mo­der­ne Bür­ger will nicht »ge­prüft« wer­den; das wähnt er seit Schu­le (bzw. Uni­ver­si­tät) hin­ter sich. Der Au­to­ri­ät­s­ver­lust, der mit den (so­ge­nann­ten) 68ern ein­her ging, mach­te der In­sti­tu­ti­on Kir­che gänz­lich den Gar­aus (die re­si­du­en wer­den ge­ra­de mit den Miß­brauchs­vor­wür­fen und dem Um­gang der Kir­che da­mit ent­sorgt). Da er­scheint der net­te freund­li­che Mann aus Ti­bet viel »welt­li­cher« (wo­bei sich wie­der ein­mal die Gna­de der Un­wis­sen­heit ‘of­fen­bart’). Tat­säch­lich ist ja längst die Sehn­sucht nach den­je­ni­gen, zu de­nen man auf­schau­en kann, wie­der da. Aber man ori­en­tiert sich eben heu­te ganz schnell »glo­bal«. Der Pfar­rer um die Ecke muss ge­gen die Prä­senz des Da­lai La­ma kon­kur­rie­ren.

    Das ket­ze­ri­scher mei­nes Ein­wurfs liegt dar­in, dass heut­zu­ta­ge Klo­ster­brü­der (oder -schwe­stern) als welt­frem­de (sic!), welt­fer­ne Sek­tie­rer an­ge­se­hen wer­den. Die neu­en Athe­isten mit ih­rer stumpf­sin­ni­gen Naß­forsch­heit wer­den sie ver­mut­lich frü­her oder spä­ter »be­frei­en« wol­len (es gibt ei­ne Stel­le in Grass’ er­stem Me­moi­ren­buch, in der er sei­ne Schwe­ster aus dem Klo­ster »be­freit« wie aus den Klau­en von Ent­füh­rern – und sich des­sen auch noch rühmt). In die­sem Sin­ne ist die Mo­der­ne buw. die »neue Mo­der­ne« längst au­to­ri­tär: Wer nicht ih­ren Le­bens­stil führt, ist ab­strus. Er muss be­kehrt wer­den (sie­he Af­gha­ni­stan – hier be­son­ders die Grü­nen) oder de­nun­ziert. Der Ge­dan­ke, dass sie (und da­mit wir) in ei­ner ab­sei­ti­gen Welt le­ben, kommt ih­nen nicht.

    So wä­re »welt­fremd« ei­gent­lich das, was es an­zu­stre­ben gilt, wen man mit »Welt« die­se Welt nimmt.

    #7

  8. rainer.rabowski sagt:

    Ein Rest an Be­un­ru­hi­gung
    Zu dem „Gott“. Al­so, der könn­te ja auch der grau­sa­me sein, ei­ner eher der äl­te­ren, heid­ni­schen, und die ei­gent­lich et­was un­be­darf­te Lo­gik von Gut & Bö­se könn­te so­gar et­was Un­durch­schau­ba­res, dem Men­schen Auf­er­leg­tes sein, wo­mög­lich so­gar dass die es sich nicht ih­rer­seits leicht ma­chen und die fäl­li­gen Ent­schei­dun­gen an hö­he­re Sphä­ren de­le­gie­ren. Aber mit sol­chen Über­le­gun­gen wä­re man viel­leicht tat­säch­lich schon zu sehr bei der Mo­ral­theo­lo­gie. (Die dann viel­leicht so­gar frucht­bar wür­de, für’s ir­di­sche Hier & Jetzt?)

    Ich wür­de ger­ne noch ein­mal zu­rück zu der Fas­zi­na­ti­on, dass man sel­ber, auch als teil­wei­ser „Schöp­fer“ der Be­din­gun­gen sei­ner Bei­spiel­haf­tig­keit, heu­te ent­schei­den­der ist als die­se De­le­ga­ti­on et­wa auch an die gro­ßen Fra­gen, Theo­rie­ge­bäu­de, Got­tes­be­wei­se – in Ca­mus’ Dik­ti­on al­so „ab­surd“. Selbst wenn man nichts von den gro­ßen Fra­gen durch­schaut, weiß man doch – und das könn­te wie­der­um Teil ei­nes Be­ding­ten wie ei­nes „gro­ßen Be­din­gungs­lo­sen“ sein -, dass man nicht nur vom Welt­li­chen her ver­ant­wort­lich ist: Zu­min­dest ist man es zu­letzt sich selbst. Da hel­fen dann kei­ne Aus­flüch­te mehr. Und die an­hal­ten­de Ver­blüf­fung wä­re, dass das et­was Glück­haf­tes sein kann, et­was Epi­pha­ni­sches.

    Denn im Be­wusst­sein „der letz­ten Din­ge“ muss man die­se gan­ze ar­beits­tei­li­ge Welt, den sä­ku­lar er­lö­sen sol­len­den Staat, so­wie­so als grund­le­gend un­zu­rei­chend er­ken­nen. Die Ver­ant­wor­tung be­weist aber, le­ben­dig ge­lebt, dass man in sei­nem Be­reich sehr wohl ent­schei­dend sein kann. (Ent­schei­den­der zu­min­dest als die­se Hal­tung der De­le­ga­ti­on an ein Glau­bens­sy­stem, wel­ches auch im­mer.) Über­spitzt, gleich­wohl fast prie­ster­lich for­mu­liert, könn­te man sa­gen: In der Bin­dung lä­ge tat­säch­lich das Mo­men­tum an Selbst­be­frei­ung (näm­lich je­des Mal wie­der neu mit Fra­gen be­gin­nen zu müs­sen).

    Dass man all die­se Prü­fun­gen lie­ber ab­lehnt, ist klar – das muss nicht mal groß be­grün­det wer­den, Men­schen sind ja auch von ih­rer Na­tur her He­do­ni­sten. Wenn man aber auch mit dem so oft ein­her ge­hen­den In­di­vi­dua­lis­mus Ernst mach­te, müss­te man ja zu­ge­ben, dass auch die „Kir­che“ un­se­rer mo­der­nen Le­bens­sti­le – dog­ma­tisch ge­nug – die­se grund­le­gen­de­re Ant­wort der Ver­ant­wor­tung gar nicht mehr erst ver­sucht und al­so von da­her die­se Lücke lässt, die, die ei­nen sel­ber dann im­pli­zit und im­mer wie­der be­trifft. (Das Va­ku­um, die Sinn­fra­ge usw.). Selbst al­so, wenn an ein Cre­do à la „Nimm, so­viel Du krie­gen kannst.“ „Er­folg hei­ligt al­le Mit­tel.“ „Ich zu­erst“ usw. glaub­te.

    Und ja, da stim­me ich dann wie­der mit Ih­nen über­ein: Sich un­be­ru­fen die­se Fra­gen zu stel­len ist viel­leicht per se welt­fremd. Und ob man dann die da­mit an­klin­gen­den Tra­di­tio­nen noch be­fra­gen will / soll? Wä­re es denn nö­tig, wenn man sich in die­sem da­hin Be­fragt­sein per se er­kennt? Da wä­re dann doch ei­ne Be­ru­fen­heit. („Je­der Mensch ist ein Phi­lo­soph.“) Und mit sei­nem ge­leb­ten Bei­spiel mach­te man so­gar ir­di­sche Po­li­tik! (Oder klin­ge ich da jetzt schon wie Hei­ner Geiß­ler?)

    Die Um­for­mu­lie­rung des in­itia­len Sat­zes je­den­falls (Du bist kein Son­der­fall, son­dern ein Bei­spiel für vie­le. Und das ver­pflich­tet dich) klingt vor dem Hin­ter­grund dann nicht bes­ser:
    Du bist kein In­di­vi­dua­list, son­dern ein Mas­sen­mensch. Und das er­löst dich nicht.
    Bes­ser ist es aber wohl, wenn man et­was auch po­si­tiv for­mu­liert.

     

    #8

  9. Ver­mut­lich ist bei uns die De­le­ga­ti­on der »gro­ßen Fra­gen« an das In­di­vi­du­um sel­ber – al­so die­ser exi­sten­tia­li­sti­sche An­satz – für die mei­sten auf Dau­er un­mög­lich. Und steckt nicht in Ca­mus’ Si­sy­phos auch ein biss­chen Pro­te­stan­tis­mus?

    Das Päck­chen der Selbst-Ver­ant­wor­tung (der Ver­ant­wor­tung für sich selbst) zu tra­gen, möch­te doch je­der wenn mög­lich ver­mei­den. Ich ha­be neu­lich ei­nen Be­richt über ei­ne Pau­schal­rei­se den spa­ni­schen Teil des Ja­kobs­wegs ent­lang ge­se­hen: den »Pil­gern« wur­de das Ge­päck hin­ter­her­ge­fah­ren; sie tru­gen nur ei­nen leich­ten Ruck­sack. Und sie wur­den in klei­nen Ho­tels und Pen­sio­nen in Halb­pen­si­on ver­sorgt – nicht in den Pil­ger­hei­men. So stellt man sich heut­zu­ta­ge »pil­gern« vor.

    Und so stel­len sich vie­le auch ihr Le­ben vor. Weil sie es nicht bes­ser vor­ge­macht be­kom­men (da sind wir beim Vor­bild!). Die gro­ßen Sinn­stif­ter ha­ben ver­spielt – das In­di­vi­du­um als Sinn­stif­ter (?) ist leid­lich über­for­dert. Da­her blüht zum Bei­spiel die Eso­te­rik.

    Dem (post?)modernen In­di­vi­dua­li­sten ist nur schwer zu ver­mit­teln, ein »Mas­sen­mensch« zu sein. Man sa­ge: so­zia­les We­sen, aber das ver­schafft nur un­we­sent­lich mehr An­hän­ger. Er will ei­gent­lich bei­des – In­di­vi­dua­list und Grup­pen­teil. Wie könn­te sonst so et­was wie Face­book funk­tio­nie­ren? Die ein­sa­men In­di­vi­dua­li­sten war­ten doch nur auf An­spra­che durch das »Du«! Und sie wäh­nen sich in dem Irr­glau­ben, die­se Ent­schei­dung selbst zu tref­fen.

    »Mas­se« hat spä­te­stens nach Ca­net­ti ei­nen Haut­gout. Und Sie ha­ben ja recht: Ein »Mas­sen­mensch« zu sein, er­löst ja nicht. Aber viel­leicht trö­stet es ja, weil man sich dar­auf zu­rück­zie­hen kann, un­be­deu­tend zu sein im Ver­hält­nis zur Mas­se? So ent­ste­hen ja dann Mas­sen­strö­mun­gen: Das Mit­ge­hen sug­ge­riert die Ato­mi­sie­rung der ei­ge­nen Schuld. Es ent­la­stet. Und das ist wie­der­um sehr »mo­dern«.

    #9

  10. lou-salome sagt:

    Can­di­dus
    Nach­dem ich Ih­ren obi­gen Text und die nach­fol­gen­den Kom­men­ta­re ge­le­sen ha­be, möch­te ich er­gän­zend Hel­mut Schmidts Ant­wort „ein­lin­ken“, auf die Fra­ge hin, „wo­durch sein Got­tes­bild heu­te denn be­stimmt wer­de“.
    aus: Buch­jour­nal Herbst 2008, S. 46–49 ( on­line fin­de ich merk­wür­di­ger­wei­se kein Da­tum zu die­sem Ar­ti­kel; wenn ich die­ses Heft­chen nicht auf­be­wahrt hät­te, ein Da­tum hät­te ich nicht nach­voll­zie­hen kön­nen, bzw. be­le­gen kön­nen):

    „Auf die Fra­ge, wo­durch sein Got­tes­bild heu­te denn be­stimmt wer­de, ant­wor­tet er: „Mei­ne Vor­stel­lung von Gott ist im Lau­fe des Le­bens im­mer un­schär­fer ge­wor­den. Zu­gleich aber ist mein Re­spekt vor an­de­rer Leu­te re­li­giö­ser Glau­bens­über­zeu­gun­gen im­mer noch ge­wach­sen.“

    Auf die­ser Sei­te ist der Bei­trag im Gan­zen nach­zu­le­sen:

    Ich ha­be Ih­re Buch­vor­stel­lung „Der Him­mel ist kein Ort“ von D. Wel­lers­hoff mit In­ter­es­se ge­le­sen. An­fangs war mir der Buch­in­halt nicht be­kannt, al­ler­dings nach dem „Set­zen las­sen“ war mir so, als wür­de ich den Ro­man ken­nen. Aber ich glau­be, auch ich ha­be Re­zen­sio­nen ge­le­sen und dann im Kopf weit nach hin­ten ab­ge­legt.
    Nun wer­de ich nach Ih­rem Blog­bei­trag das Buch selbst ver­in­ner­li­chen und bin neu­gie­rig, in­wie­weit ich die Aus­sa­ge: „Du bis kein Son­der­fall, son­dern ein Bei­spiel für vie­le. Und das ver­pflich­tet dich.“ für mich in­ter­pre­tie­re.

    Zwei­fel an der re­li­giö­sen Glau­bens­über­zeu­gung sind mir erst­mals Mit­te der sieb­zi­ger Jah­re ge­kom­men. Bis da­hin bin ich wohl­be­hü­tet in ei­ner schö­nen Welt groß ge­wor­den; die El­tern, ge­prägt von Krieg, Flucht, Ver­lust der Vä­ter durch Kriegs­ge­fan­gen­schaft und Tod an der Front, ha­ben al­les ver­sucht, um die­ses ei­gens er­leb­te Ent­set­zen nicht in die neu ge­grün­de­te Fa­mi­lie zu pro­ji­zie­ren.
    Bis zum Kon­fir­man­den­un­ter­richt ge­lang ih­nen das auch recht gut.
    Mein da­ma­li­ger Kon­fi-Pfar­rer hat­te statt Bi­bel­stun­de die zwei Jah­re Un­ter­richt ge­nutzt, um uns haupt­säch­lich mit dem Ho­lo­caust zu kon­fron­tie­ren, u.a. ha­ben wir in die­ser Zeit et­li­che Fil­me über die Ju­den­ver­nich­tung ge­se­hen. Vie­le Bil­der die­ser Do­ku­men­ta­tio­nen ha­ben bei mir ein sog. Schlüs­sel­er­leb­nis aus­ge­löst. Ich fing an, über­all in der Welt­ge­schich­te nach ähn­li­chen Tra­gö­di­en zu fahn­den. Das Sa­men­korn „Zwei­fel an Re­li­gio­nen und Glau­ben“ fing an Wur­zeln zu trei­ben. (War ganz si­cher nicht im Sin­ne des Pfar­rers, den ich üb­ri­gens bis heu­te sehr schät­ze. Und auch die seel­sor­ge­ri­sche Ar­beit ist un­er­sätz­lich).

    Ich ma­che jetzt ei­nen gro­ßen Sprung, von den sieb­zi­ger Jah­re in die acht­zi­ger Jah­re, ge­nau­er ge­sagt in das Jahr 1989. Es reicht, wenn ich hier das Stich­wort „ Platz des himm­li­schen Frie­dens“ nen­ne. Auch die­ses In­fer­no an Schreck­lich­keit liess und lässt mich zwei­feln; in was für ei­ner Welt le­be ich denn? Ge­ra­de in die­se Zeit wur­de mei­ne Toch­ter ge­bo­ren. Des­halb un­be­dingt die An­mer­kung: ich bin nicht mü­de, nur sehr kri­tisch ge­wor­den; es gibt zum Glück auch sehr viel Po­si­ti­ves!
    Gre­gor Keu­sch­nig nann­te u.a. das ver­her­ren­de Erd­be­ben von Lis­sa­bon am 1.11.1755 mit an­schlie­ßen­dem Tsu­na­mi, 60 000 Men­schen ka­men in ei­ner Nacht um; Vol­taire hat­te in „Can­did“ Leib­niz für sei­ne „die be­ste al­ler mög­li­chen Wel­ten“ an­ge­grif­fen. Auch hier be­rech­tig­te Zwei­fel.
    Es gibt ja un­end­lich vie­le Bei­spie­le bis in die heu­ti­ge Zeit hin­ein, wie der Bal­kan­krieg, Ru­an­da, Kambodscha/Rote Khmer, und so viel mehr, da rei­chen mir für das Auf­zäh­len die „Lap­top- Sei­ten“ nicht.
    Und ich mer­ke schon, ich darf mei­nen Brücken­schlag zum obi­gen Schmidt-Zi­tat nicht ver­ges­sen.
    Möch­te sa­gen: auch mei­ne Vor­stel­lung von Gott ist mit der Zeit im­mer un­schär­fer ge­wor­den. Al­lein we­gen die­ser Aus­sa­ge ha­be ich die Buch­vor­stel­lung „Au­sser Dienst“ von Hel­mut Schmidt auf­be­wahrt.

    Glocken­schlag. Mein Schluß­satz: trotz mei­ner gro­ßen Zwei­fel an Re­li­gio­nen ( die in mei­nen Au­gen fast nur Un­heil an­ge­rich­tet ha­ben), ko­mi­scher­wei­se kann ich mir ein Dorf oh­ne Kir­che und Glocken­schlag nicht vor­stel­len.
    Aber das ist ein an­de­res The­ma ...

    @ GK per­sön­lich: Ich wür­de mich freu­en, wenn das ak­tu­el­le neue Blog-The­ma zu al­ler­erst ste­hen blei­ben wür­de. Durch den seit­li­chen Kom­men­tar­über­blick kann ich ei­ner­seits Dis­kus­sio­nen ver­fol­gen, an­de­rer­seits neh­me ich auf der Two­day-Start­sei­te neu hin­zu­ge­kom­me­ne Bei­trä­ge wahr.

    [EDIT: 2010-05-25 22:05]

    #10

  11. Ich bin teil­wei­se auf Ih­ren Kom­men­tar hier ein­ge­gan­gen.

    Ich glau­be, dass es ei­ne leich­te Ver­dre­hung der Ge­schich­te ist, pau­schal zu be­haup­ten, die Re­li­gio­nen hät­ten »fast nur Un­heil« an­ge­rich­tet. Man muß ei­ni­ges aus der Zeit her­aus be­trach­ten (bspw. den Fa­na­tis­mus der Kreuz­zü­ge oder der Er­obe­run­gen). Des­wei­te­ren soll­te man be­den­ken, dass un­se­re sä­ku­lar-ka­pi­ta­li­sti­sche Mo­der­ne à la longue viel mehr Un­heil an­rich­tet: Sie wird – so ste­hen die Pro­gno­sen – die Er­de wenn nicht öko­lo­gisch ver­nich­ten, so doch nach­hal­tig »prä­gen«. In dem Mo­ment, als Gott »tot« war, be­gann die öko­no­mi­sche und so­zia­le Mo­der­ne – mit all ih­ren ver­wer­fun­gen und Krie­gen. Der ent­fes­sel­te Mensch in sei­ner Hy­bris oh­ne Be­zug oder Bin­dung zu ei­ner ihm über­ge­ord­ne­ten Macht han­delt nicht we­sent­lich bes­ser als der re­li­gi­ös fa­na­ti­sier­te des 17. Jahr­hun­derts (nur, dass wir dies­mal auf der »rich­ti­gen« Sei­te ste­hen).

    Das ist kein Plä­doy­er für die Rück­kehr des Re­li­giö­sen. Aber das Re­li­gi­ons­bashing ma­che in An­be­tracht der Ka­ta­stro­phen, die sich in den letz­ten ein­hun­dert Jah­ren er­eig­net ha­ben und die sich noch er­eig­nen wer­den, nicht mit.

    [EDIT: 2010-05-27 08:20]

    #11

  12. lou-salome sagt:

    Vie­len Dank für Ih­re Ant­wor­ten. Ih­re Kri­tik zum Re­li­gi­ons­bashing ist rich­tig.
    Die Pau­schal­be­haup­tung „fast nur Un­heil“ wer­de ich hier­mit um­ge­hend än­dern in „ ... hat viel Un­heil an­ge­rich­tet...“. Ich hof­fe, die neu for­mu­lier­te Aus­sa­ge kann als „Nicht-Bashing“ be­trach­tet wer­den.

    Ei­ne Er­gän­zung von mei­ner Sei­te aus: Na­tur­ka­ta­stro­phen, Krie­ge und Tod lö­sten und lö­sen Wel­len von un­ei­gen­nüt­zi­ger Hil­fe aus, die es in höch­stem Ma­ße zu wür­di­gen gilt. Oh­ne mensch­li­chen Zu­sam­men­halt, der sich sehr häu­fig durch ei­nen ge­mein­sa­men Glau­ben stärkt, wür­den Men­schen die­se Kraft­ak­te nicht be­wäl­ti­gen kön­nen.
    Z.B. Aus­land: die Tsu­na­mi-Ka­ta­stro­phe 2004 ..., In­land: das ein­ge­stürz­te Stadt­ar­chiv in Köln 3/09, das Jahr­hun­dert­hoch­was­ser 2002, ... .
    Trotz die­ser Er­kennt­nis­se blei­ben Fra­gen of­fen.
    Ich ha­be im letz­ten Jahr Na­tz­wei­ler-Strut­hof im El­sass ge­se­hen, und ich bin u.a. durch den „Kar­tof­fel­kel­ler“ ge­gan­gen ( selbst klau­stro­pho­bie­re­si­sten­te Per­so­nen über­fällt da ein Flucht­ver­hal­ten): ja, und ob man/frau will oder nicht, es drän­gen sich Ge­dan­ken auf, wie, ich zi­tie­re Sie „ ... ein Gott, der all die be­schwo­re­nen Ei­gen­schaf­ten ha­ben soll und dann so et­was „zu­läßt“, ist ei­gent­lich schwer zu ver­mit­teln.“
    Kann die Theo­di­zee-Fra­ge über­haupt be­ant­wor­tet wer­den?

    Im Jahr 2006 las ich von Mar­tin von Arndt den fik­ti­ven Brief: „Cal­vin an Mi­guel Ser­ve­to -Die Nacht vor sei­ner Hin­rich­tung“. Das war für mich der An­lass, mehr über Serveto’s Tod zu er­fah­ren und ich bin so auf Ste­fan Zweig ge­sto­ssen. Sein Buch „Ca­stel­lio ge­gen Cal­vin oder Ein Ge­wis­sen ge­gen die Ge­walt“ pro­vo­ziert, wie so manch an­de­re Lek­tü­re, den Ge­dan­ken: >Re­li­gi­on macht Angst<.
    In „Die Zeit“ fand ich 2009 den Ar­ti­kel „Feu­er und Geist – Jo­han­nes Cal­vin“, der die Fra­gen nicht be­ant­wor­tet, trotz­dem ist er le­sens­wert: http://www.zeit.de/2009/27/A-Calvin

    Ich hof­fe jetzt, Sie mit fol­gen­den Links nicht zu „er­schla­gen“, ha­be sie ein­fach­er­hal­ber raus­ge­sucht:
    Lei­der ha­be ich kei­nen Hin­weis auf den fik­ti­ven Brief ge­fun­den. Falls Sie das Buch nicht schon ken­nen: „ Der 40. Tag vor So­phien­lund“.

    Na­tz­wei­ler-Strut­hof im El­sass
    http://www.google.de/#hl=de&source=hp&q=kz+im+elsass&aq=f&aqi=g1&aql=&oq=&gs_rfai=&fp=9b9a5efee5bc75fe

    Kar­tof­fel­kel­ler
    http://www.struthof.fr/fileadmin/MEDIA/Pdf_Ressources/07_Mediatheque/telechargement/guide/Plaquette_visiteur_DE.pdf

    Feu­er und Geist – Jo­han­nes Cal­vin
    http://www.zeit.de/2009/27/A-Calvin

    Ste­fan Zweig – Ca­stel­lio ge­gen Cal­vin oder Ein Ge­wis­sen ge­gen die Ge­walt

    [EDIT: 2010-05-27 21:57]

    #12