In seinen Anfängen war das Projekt Moderne1 noch der Suche nach Wahrheit verbunden; aber das Wahre begann zu verblassen, als man das Projekt rückhaltlos dem Neuen verschrieb, es mit der Wahrheit in eins setzte, warf, verwechselte und mischte: Das Wahre wurde abstrakt und die Suchbewegungen der Moderne hilflos: Aber man trieb das Projekt voran und überantwortete Mensch und Natur diesen oszillierenden Bewegungen: Im Leerlauf verbrauchten, zerrieben und überhitzten sich die Körper: Die Reste verbrannten Treibstoffs und der Ruß erloschener Flammen [markieren] die Flugbahnen des Fortschritts2.
Das Falsche, das Schlechte und das Hässliche
A.d.L.e.R: Aus dem Leben einer Rikschafahrerin – Nr. 12
Mein Kollege ist auf eins, und ich bin auf zwei, als von hinten ein unauffällig gekleideter Mann herankommt und meinen Kollegen erst nach dem Weg fragt und dann, wie das so mit der Rikscha gehe. Mein Kollege erteilt Auskunft, legt ihm unsere Dienste zu Füßen, macht ein sehr gutes Angebot, roter Teppich, Silbertablett, alle Register. Aber irgendwie hat der Mann immer noch eine weitere Frage parat: »Was für eine Geschwindigkeit fahren Sie eigentlich so im Durchschnitt?« Dann interessiert er sich dafür, ob die Rikscha eine Gangschaltung habe und mit wie vielen Gängen? Mein Kollege muss sich dauernd wiederholen, der Mann will das meiste doppelt, manches dreifach erklärt haben. Die Antworten meines Kollegen werden immer kürzer. Ich denke: Diesen Dialog muss ich mir wortwörtlich auswendig merken, den setz ich mal in einer Geschichte ein, und dann werden alle glauben, ich hätte eine blühende Fantasie. Da zeigt der Mann mit dem nackten Finger auf mich, sieht meinen Kollegen herausfordernd an und ruft: »Aber das ist ja eine Frau!« Der Kollege nickt. »Ja aber kann die das denn?« Der Kollege schüttelt den Kopf: »Um Himmels Willen, wo denken Sie hin! Wenn die Kollegin jetzt eine Tour kriegt, dann fährt natürlich einer von uns und sie läuft nebenher.« –
Das neue Amt
Wie Journalisten ein neues Amt erfinden, um den Fall eines Politikers zu dramatisieren
Es mag ja ein gewisser Genuß darin liegen, der Demontage Guido Westerwelles in Scheibchen beizuwohnen. Die Hauptstadtjournaille setzt dabei auf einen Dreisprung. Der Sturz als FDP-Vorsitzender seit gestern abgehakt. Über die Diskussion um die Fortführung des Außenministers haben die Medien nun einen Zwischenschritt eingefügt: Die Aufgabe des »Amtes« des Vizekanzlers.

Nina Jäckle: Zielinski

Frisuren für unterwegs
A.d.L.e.R: Aus dem Leben einer Rikschafahrerin – Nr. 11
Es war auf einem CSD, als der CSD noch nicht vom ehemaligen Loveparadepublikum überrannt wurde. Es war so: Wir stehen am Großen Stern, es ist später Nachmittag, Sekt wird aus Flaschen getrunken, und bei uns ist grade leichte Flaute. Nun sollen, heißt es, vier Fahrgäste mit zwei Rikschas irgendwohin in die Nähe der Eisenacher Straße gebracht werden. Natürlich wissen alle außer mir, auch unbeteiligte Umstehende wissen es, dass einer dieser Vier kein Geringerer ist, als Udo Walz. Bevor wir losfahren, kann mein Kollege es mir im Vorbeigehen noch zuraunen: »Udo Walz, der Frisör der Kanzlerin.« (Gibt bestimmt Trinkgeld). Strecke und Preis sind vereinbart, der Kollege geht an sein Fahrzeug, die Gäste steigen ein. Kann einer, frage ich mich, der die Kanzlerin frisiert, noch bei Trost sein?
Enttäuscht
Man wähnt die deutsche Bundesregierung ertappt: »Brüderle begründet AKW-Notstopp mit Wahlkampf«. Eine Mischung aus Entrüstung und »Hab-ich-doch-gewußt« liest man in den Leserkommentaren der entsprechenden Foren. Der Todesstoß für Schwarz-Gelb bei den Landtagswahlen am Wochenende ist vorprogrammiert. 1 Brüderle = die Einheit für politische Dummheit??
Ich habe daraufhin den Ursprungsartikel der »Süddeutschen Zeitung« genau gelesen. Und war einigermaßen enttäuscht. Denn in den kolportierten Aussagen von Minister Brüderle am Rande einer Sitzung ist mitnichten davon die Rede, dass das Moratorium nur aus wahlkampftaktischen Gründen beschlossen wurde. Die Originaltextstelle in der SZ lautet:
Friederike Roth: Abendlandnovelle

Im zweiten Teil wird also direkt Bezug auf die Definition Goethes genommen. Bei Roth besteht die unerhörte Begebenheit in den schier endlos empfundenen Wiederholungen des Immergleichen im Laufe eines Lebens. Früh erkennt der Leser, dass die Aufteilung ein Leben eines Menschen strukturieren soll: Jugend und Erwachsenwerden zu Beginn – am Ende das Alter, der herannahende Tod. Dazwischen das, was man salopp wie unvollständig mit »Leben« beschreiben könnte. Zur »Abendlandnovelle« wird dies durch die radikale Spiegelung dieses Lebens in unserer Gesellschaft, dem »Abendland«.
Die Interventionisten und ihre humanitären Aktionen
Es ist schon erstaunlich, wie sich Geschichte wiederholt. 1991, 1999, 2001, 2003 und jetzt 2011. Es sind Jahreszahlen der markantesten militärischen Interventionen des »Westens«. Man kann auch Krieg sagen, aber das klingt nicht so gut.
So unterschiedlich die Fälle sind und so differenziert man die Eingriffe bewerten muss – die medialen Muster, wie sich diese Konflikte darstellen, sind absolut identisch: Zunächst gibt es einen seit Jahren agierenden Autokraten (oder Diktator) in einem Land. Dieser tut irgendwann etwas, was sichtbar gegen unsere Vorstellungen von Moral verstößt. Wohl gemerkt: Er muss es sichtbar tun. Es reicht nicht, wenn er jahrzehntelang Abtrünnige in Gefängnissen foltern und umbringen lässt. Es reicht nicht, wenn er einen Geheimdienstapparat unterhält, der repressiv gegen die eigene Bevölkerung vorgeht. Es reicht auch nicht, wenn in wenigen Wochen bis zu einer Million Menschen umgebracht werden, und es ist keine Kamera dabei. Es muss etwas geschehen, was in die gängige Bilderwelt unserer Medien einfließt und als schrecklich, grausam, brutal oder menschenverachtend bezeichnet werden kann. Sogleich wird diese Figur zur persona non grata. Sogenannte Intellektuelle stellen dann Vergleiche an. Der griffigste Vergleich ist immer noch der mit Hitler. Oder er ist einfach ein »Irrer«. In jedem Fall ein »Schlächter«. Oder alles gleichzeitig.
Schnell finden sich willige Interventionisten. Die Neokonservativen der USA der 1970–2000er Jahre und die Grünen Europas sind in ihrem Interventionismus sehr ähnlich. Beide vertreten die Ideologie, dass am westlichen Wesen die Welt genesen muss. Schnell potenzieren sich die Ereignisse durch willige Helfer in den Medien zum scheinbar alternativlosen Handeln. Gegenargumente werden mit der Billigung der Taten des Despoten einfach gleichgesetzt. Der abtrünnige Standpunkt wird denunziert – darin sind sie denjenigen, die sie bekämpfen wollen, durchaus ebenbürtig. Es gibt nur noch schwarz oder weiß – wer nicht für sie ist, ist gegen sie.