Das neue Amt

Wie Jour­na­li­sten ein neu­es Amt er­fin­den, um den Fall ei­nes Po­li­ti­kers zu dra­ma­ti­sie­ren

Es mag ja ein ge­wis­ser Ge­nuß dar­in lie­gen, der De­mon­ta­ge Gui­do We­ster­wel­les in Scheib­chen bei­zu­woh­nen. Die Haupt­stadt­jour­nail­le setzt da­bei auf ei­nen Drei­sprung. Der Sturz als FDP-Vor­sit­zen­der seit ge­stern ab­ge­hakt. Über die Dis­kus­si­on um die Fort­füh­rung des Au­ßen­mi­ni­sters ha­ben die Me­di­en nun ei­nen Zwi­schen­schritt ein­ge­fügt: Die Auf­ga­be des »Am­tes« des Vi­ze­kanz­lers.

Screenshot tagesschau.de 04.04.11 10.05 Uhr

Screen­shot tagesschau.de 04.04.11 10.05 Uhr

»tagesschau.de« ti­telt so­eben: »We­ster­wel­le gibt auch Amt des Vi­ze­kanz­lers auf.« Im wei­te­ren Text ist dann zwar nur noch von dem »Po­sten des Vi­ze­kanz­lers« die Re­de, aber tagesschau.de ist nicht das ein­zi­ge Me­di­um, dass sich da ein neu­es Amt er­fun­den hat. Bei »»heute.de heißt es: »We­ster­wel­le gibt auch Amt als Vi­ze-Kanz­ler ab«. »Spie­gel On­line« ti­telt fast wort­gleich (»We­ster­wel­le gibt Amt des Vi­ze­kanz­lers ab«). Über­trof­fen wird das noch von der »Ber­li­ner Mor­gen­post«, wo es heißt: »We­ster­wel­le tritt auch als Vi­ze­kanz­ler zu­rück«. Die »Rhei­ni­sche Post« spricht so­gar von ei­nem »Vi­ze­kanz­ler­amt«. Dort weiß man mehr als al­le an­de­ren und ti­telt »We­ster­wel­le macht Platz für Rös­ler«. Der schwei­zer »Ta­ges­an­zei­ger« macht es auch nicht bes­ser: »We­ster­wel­le gibt auch Po­sten des Vi­ze­kanz­lers ab«.

Man fragt sich, wel­che Kom­pe­tenz man sol­chen Haupt­stadt­jour­na­li­sten noch zu­wei­sen soll. Ein Blick ins Grund­ge­setz hät­te ih­nen ge­zeigt, dass es (1.) kein Vi­ze­kanz­ler­amt gibt und (2.) der Bun­des­kanz­ler ei­nen Mi­ni­ster zu sei­nem (ih­rem) Stell­ver­tre­ter er­nennt (GG Art. 69, Abs. 1). We­ster­wel­le kann al­so nicht »zu­rück­tre­ten«, son­dern höch­stens der Bun­des­kanz­le­rin ei­nen Ver­zicht an­zei­gen – das mel­den auch ei­ni­ge Me­di­en rich­tig. Und ein »Amt« ist es schon gar nicht, son­dern höch­stens ei­ne Funk­ti­on. Leu­te, die nicht ein­mal die­se simp­len Tat­sa­chen dar­stel­len kön­nen oder ein­fach nur ei­ner hy­ste­ri­sier­ten Über­spit­zung hin­ter­her­he­cheln – was soll man von die­sen Jour­na­li­sten hal­ten, wenn es um kom­ple­xe The­men geht?

11 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ge­nau das ha­be ich mir heu­te Vor­mit­tag auch ge­dacht (bei Spie­gel-On­line). Ich ge­he schon da­von aus, daß die zu­stän­di­gen Jour­na­li­sten zu­min­dest in der Mehr­heit wis­sen, was es mit dem »Amt« des Vi­ze­kanz­lers auf sich hat. Aber ob das ein Trost ist? Eher nicht, denn Nach­rich­ten wer­den »sen­sa­tio­na­li­siert«, ru­hig er­klärt und ein­ge­ord­net wird, wenn über­haupt wei­ter hin­ten im Ar­ti­kel. Haupt­sa­che man fin­det noch­mal ei­ne Keu­le, mit der man den Gui­do dre­schen kann.
    Das ist kei­ne Be­richt­erstat­tung – das ist die Dra­ma­ti­sie­rung (und da­mit ab­sichts­vol­le Fik­tio­na­li­sie­rung) von Po­li­tik.

  2. Wenn sie es wüß­ten, wär’s ja tat­säch­lich noch schlim­mer. ich be­fürch­te, sie wis­sen es nicht und/oder sind zu faul, es nach­zu­schla­gen. Für ei­ne Schlag­zei­le ver­kau­fen die ver­mut­lich wirk­lich die sprich­wört­li­che Groß­mutter. Vie­le sind ja in ty­pi­schem FDP-de­si­gnier­ten-Par­tei­vor­sit­zen­den-Al­ter. Oh’ Graus...

  3. Ja, das ist wohl ei­ne Dra­ma­ti­sie­rung, auf die man denn auch ein we­nig an­springt, wie ich zu­ge­ben muss. Al­ler­dings kann ich dan­kens­wer­ter Wei­se bei der Ar­beit Ra­dio hö­ren. Der Deutsch­land­funk ver­ar­bei­tet Nach­rich­ten so lan­ge, bis man ein ei­ni­ger­ma­ßen run­des Bild von der Sa­che hat. Da­bei wie­sen sie schon mit der er­sten Nach­richt über We­ster­wel­les Rück­zug als Kanz­le­rin­nen­ver­tre­ter dar­auf hin, dass die­ses Amt kei­nes sei.

    Ich muss sa­gen, dass mich die Dra­ma­ti­sie­rung auch zu­neh­mend är­gert. Kann es sein, dass den Me­di­en die Schnel­lig­keit des Net­zes nicht be­kommt? An­statt sich auf ei­ne an­ge­mes­se­ne Zeit der Re­cher­che ein zu las­sen, stellt sich dort der be­schleu­nig­te Em­pö­rungs­re­flex des Net­zes ein.

  4. Die Schnel­lig­keit des Net­zes be­kommt den Me­di­en da­hin­ge­hend nicht, weil sie glau­ben, sich an­bie­dern zu müs­sen und Schnel­lig­keit mit Qua­li­tät ver­wech­seln. Es gilt, die Auf­merk­sam­keit des Be­nut­zers um je­den Preis zu er­rin­gen – ob die Nach­richt nach­her stimmt, halb­gar ist oder gar kom­plett falsch, spielt im­mer we­ni­ger ei­ne Rol­le.

  5. Be­son­ders ge­lun­gen: Als Vi­ze­kanz­ler war We­ster­wel­le be­rech­tigt, in Flug­zeu­gen und auf Alm­hüt­ten Ehen zu schlie­ßen und Schrift­stücke zu be­glau­bi­gen.

  6. Lei­der hat das In­ter­net ei­ne neue Fas­son der me­dia­len Be­richt­erstat­tung her­vor­ge­bracht, ei­ne Art Vu­vu­ze­la-Jour­na­lis­mus: ei­ner trom­pe­tet drauf­los, und re­flex­ar­tig stim­men al­le üb­ri­gen in der glei­chen Ton­art ein. Und bla­sen al­le auf dem glei­chen Loch. Kon­zer­tier­te Ver­laut­ba­rungs­mo­no­to­nie ver­drängt In­for­ma­ti­ven Jour­na­lis­mus.

  7. »Vu­vu­ze­la-Jour­na­lis­mus« fin­de ich sehr schön: Man be­kommt stän­dig die­ses Sum­men vor­ge­setzt, wel­ches et­was Be­son­de­res und Sen­sa­tio­nel­les zum Aus­druck brin­gen soll. Da­bei ma­chen es sich die Jour­na­li­sten sehr leicht. Im Fall des FDP-Vor­sit­zen­den konn­te man das wie­der sehr schön se­hen. We­ster­wel­le sag­te am Sonn­tag, dass er nicht mehr als Vor­sit­zen­der an­tre­ten wer­de. Am Mon­tag ver­tag­te man sich bei der FDP. Prompt hieß es von den Me­di­en: ‘Die FDP re­agiert zu lang­sam; sie be­kommt die Nach­fi­ol­ge­fra­ge nicht in den Griff.’ Hät­te man Am Mon­tag be­reits ei­nen de­si­gnier­ten Nach­fol­ger prä­sen­tiert, hät­te es ge­hi­ßen: ‘Das ist schon von lan­ger Hand vor­be­rei­tet...’

  8. So ist es!

    Ich muss mei­nen Kin­dern, die lang­sam be­gin­nen der Welt zu fol­gen, im­mer wie­der sa­gen, dass man­che Din­ge be­dacht wer­den müs­sen, be­vor sie ge­sagt wer­den kön­nen, Pro­zes­se kei­ne Er­eig­nis­se sind, etc. Mei­ne Sohn, ge­ra­de mal 11 Jah­re em­pört sich am lau­fen­den Band über die Po­li­tik in den Nach­rich­ten und die Nach­rich­ten selbst. Gut – ich tue das auch. Aber hier muss ich nun im­mer wie­der zu­rück ru­dern und ihm er­klä­ren, was uns die In­for­ma­ti­ons­me­di­en zu er­klä­ren hät­ten: Zu­sam­men­hän­ge, Hin­ter­grün­de, Ab­sich­ten, Not­wen­dig­kei­ten. Kann man na­tür­lich nicht Twit­tern. Muss man ver­mit­teln. Ent-Schlag­wor­ten so­zu­sa­gen.

    Mal se­hen wie weit Er­zie­hung grei­fen kann. Ich fürch­te er lei­det an ei­ner ak­tu­el­len ge­ne­ti­schen De­for­ma­ti­on: Mein Sohn ist ein Wut­bür­ger!

  9. Das sü­ße Gift, wel­ches der po­li­ti­sche (Fernseh-)Journalismus im­mer mehr ver­brei­te­tet: »Wir fas­sen für Sie, den Bür­ger, nach.« In Wirk­lich­keit ist das Ge­gen­teil der Fall: Sie ver­schlag­wor­ten und hy­ste­ri­sie­ren Sach­ver­hal­te, die ei­gent­lich ganz nor­mal ab­lau­fen. Da­mit ma­chen sie sich zu Ak­teu­ren und ver­las­sen ih­re Be­ob­ach­ter­rol­le. Sie er­zeu­gen ei­nen Hand­lungs­druck, der dann, wenn er falsch aus­ge­übt wird, prompt als Ak­tio­nis­mus aus­ge­legt wird. Die Si­tua­ti­on ist kom­for­ta­bel: Man stellt ein­fach das, was nicht ge­sche­hen ist, als Ide­al dar.

    Als sehr gu­tes Bei­spiel zeigt sich das bei der Atom­wen­de der Kanz­le­rin. Ihr wur­de ein »Schlin­ger­kurs« vor­ge­wor­fen und Wahl­kampf­tak­tie­ren un­ter­stellt. Aber was hät­ten die Jour­na­li­sten ge­schrie­ben, wenn Mer­kel ge­sagt hät­te: »Wir, die Re­gie­rung, än­dern nichts. Die deut­schen AKW sind si­cher und ba­sta!« – Es hät­te ei­nen Sturm der Ent­rü­stung ob die­ses Starr­sinns in An­be­tracht der neu­en Ri­si­ko­la­ge ge­ge­ben!

    Ich ver­tre­te seit ge­rau­mer Zeit die The­se, dass der flot­tie­ren­de Po­li­tik­stil der Re­gie­run­gen der letz­ten Jah­re (das be­gann schon bei Schrö­der) di­rekt ein Pro­dukt der me­dia­len Be­hand­lung ist. Ich bin weit ent­fernt, für Po­li­ti­ker so et­was wie Mit­leid zu emp­fin­den, aber wenn Ent­schei­dun­gen im­mer wie­der mit auch nur an­ge­nom­me­nen Schwä­chen und Feh­lern oder Ma­nö­vern as­so­zi­iert wer­den, ver­geht ei­nem ir­gend­wann die Lust. In dem Po­li­ti­ker glau­ben, Me­di­en über enst­pre­chen­de Auf­trit­te steu­ern zu kön­nen, un­ter­lie­gen sie ei­nem Irr­tum. Bei zu Gut­ten­berg konn­te man den me­dia­len Op­por­tu­nis­mus deut­lich er­ken­nen: Die, die ihn noch vor we­ni­gen Mo­na­ten fei­er­ten, ver­damm­ten ihn nun. Die­ser gan­ze Po­lit­zir­kus be­kommt im­mer Zü­ge des Fuß­ball-Bun­des­li­ga-Thea­ters: Auch dort wech­seln die Trai­ner, die einst als Er­lö­ser an­ge­se­hen wur­den, nach kur­zer Zeit und we­gen zwei, drei ver­lo­re­ner Spie­le nicht nur den Ver­ein, son­dern wer­den hin­weg­ge­jagt wie wei­land Aus­sät­ze aus den Städ­ten.

    So wird man zum Wut­bür­ger und zum Wut­me­di­en­kon­su­men­ten.

  10. Ganz ab­surd klang es am Sonn­tag im „Pres­se­club“. Mehr­fach wur­de vom „Amt des Vi­ze­kanz­lers“ ge­re­det im Zu­sam­men­hang mit We­ster­wel­les Rück­tritt, bis dann je­mand ein­warf, wer, weiß ich nicht mehr, dass es die­ses „Amt“ ja ei­gent­lich nicht gä­be. La­chen­de Zu­stim­mung bei al­len Dis­ku­tan­ten, aber we­ni­ge Mi­nu­ten spä­ter trat We­ster­wel­le schon wie­der von die­sem “Amt“ zu­rück.